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Der Glaube an den freien Willen – ein Resultat des Wunsches, andere zu bestrafen?

Ob Menschen über einen freien Willen verfügen und wenn ja, wie das funktionieren soll, darüber herrscht unter Philosophen wie Wissenschaftlern Uneinigkeit. Der Glaube an den freien Willen hat aber Konsequenzen für das Verhalten. Wenn wir glauben, dass ein Mensch sich so verhält, wie er sich verhält, weil er seinem freien Willen folgt, bewerten wir seine Handlungen anders, als wenn wir glauben, dass sein Verhalten determiniert ist. Andererseits ist unser Glaube an den freien Willen von den Umständen abhängig. Tendenziell scheint die Überzeugung vom freien Willen wichtiger zu sein, wenn es um moralisch verwerfliche statt moralisch positive bewertete Handlungen geht. Schon Friedrich Nietzsche vermutete, dass es vor allem unser Wunsch sei, andere zu bestrafen, der uns an den freien Willen glauben lässt:

  • Irrthum vom freien Willen. – Wir haben heute kein Mitleid mehr mit dem Begriff „freier Wille“: wir wissen nur zu gut, was er ist – das anrüchigste Theologen-Kunststück, das es giebt, zum Zweck, die Menschheit in ihrem Sinne „verantwortlich“ zu machen, das heisst sie von sich abhängig zu machen… Die Menschen wurden „frei“ gedacht, um gerichtet, um gestraft werden zu können, – um schuldig werden zu können: folglich musste jede Handlung als gewollt, der Ursprung jeder Handlung im Bewusstsein liegend gedacht werden. (Nietzsche, Götzendämmerung)

Für diese Vermutung fanden Clark et al. (2014) in mehreren Studien nun überzeugende Belege.

Zunächst konnte sie feststellen, dass ihre Versuchspersonen stärker von der Existenz des freien Willens überzeugt waren, nachdem sie zuvor über eine unmoralische Handlung (im Gegensatz zu einer neutralen Handlung) nachgedacht hatten. Weiterhin fanden sie, dass dieser Effekt auf die stärkere Motivation, den Täter zu bestrafen, zurückzuführen war. In einem Feldexperiment konnten sie nachweisen, dass Studenten, die Zeugen waren, wie ein Kommilitone offenkundig betrog, stärker an einen freien Willen glaubten, was wiederum auf das Bedürfnis zu bestrafen zurückzuführen war. Versuchspersonen, die zuvor einen Text über das unmoralische Verhalten von Menschen gelesen hatten, fanden Berichte über Forschungen, die kritisch gegenüber der Annahme eines freien Willens waren, weniger überzeugend. Zuletzt untersuchten die Autoren noch, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Häufigkeit von Morden und anderen Verbrechen in einem Land und der Verbreitung des Glaubens an einen freien Willen bei der Bevölkerung dieses Landes. Je mehr Verbrechen es gab, desto verbreiteter war der Glaube an den freien Willen.

Literatur

Clark, Cory J.; Luguri, Jamie B.; Ditto, Peter H.; Knobe, Joshua; Shariff, Azim F. & Baumeister, Roy F. (2014). Free to punish: A motivated account of free will belief. Journal of Personality and Social Psychology, 106(4), 501-513.

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BBS und Disziplin

Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) ersetzt nicht die disziplinarische Durchsetzung von Sicherheitsvorschriften. Im Gegenteil, ein funktionierendes Disziplinarsystem im Bereich der Arbeitssicherheit ist Voraussetzung für ein funktionierendes BBS-System.

BBS ersetzt keinen Teil der üblichen Sicherheitsmaßnahmen in einem Betrieb. Weder soll an der Technik gespart werden, noch wird das Disziplinarsystem für BBS außer Kraft gesetzt. Natürlich sollen Beobachtungen im Rahmen des BBS-Prozesses nicht Grundlage disziplinarischer Maßnahmen sein. Wenn Mitarbeiter andere Mitarbeiter beobachten, stellt sich das Problem ohnehin nicht. Wenn aber Vorgesetzte Mitarbeiter beobachten, müssen sie beide Rollen – die als BBS-Beobachter und die als Vorgesetzter – trennen. Wenn ein Vorgesetzter im Rahmen einer BBS-Beobachtung ein potenziell lebensgefährliches Verhalten beobachtet, muss er die Beobachtung sofort beenden und eingreifen. Auch stellen die Maßnahmen zur Anonymisierung der Beobachtungsdaten einen Schutz dar, der verhindert, dass Disziplinar- und BBS-System vermischt werden.

Larry Perkinson (2005) geht noch einen Schritt weiter und betont, dass BBS voraussetzt, dass es ein funktionierendes Disziplinarsystem in Sachen Arbeitssicherheit gibt. Wenn die Vorgesetzten noch nicht mal die gröbsten Sicherheitsverstöße ahnden – weil sie nicht wollen oder nicht können – dann kann BBS diesen Mangel nicht ausgleichen. Die „bottom line of safety“ (S. 35) muss gewährleistet sein. Zudem hat Strafe und negative Verstärkung in der Verhaltensanalyse durchaus einen Sinn: Sie kann, richtig eingesetzt, der Verhaltensaktivierung dienen. Damit ein Verhalten positiv verstärkt werden kann, muss es überhaupt erst einmal auftreten. Perkinson (2005) schildert hier einige Beispiele aus der Praxis. In einer Gummifabrik sprangen die Mitarbeiter gewohnheitsmäßig über die Förderbänder, ein gefährliches und „eigentlich“ verbotenes Verhalten. Jedoch wurde das Befolgen der Regel, dass nicht über die Bänder gesprungen werden darf, in diesem Betrieb nicht durchgesetzt. Die Berater empfahlen folgendes Vorgehen: Zunächst gab es eine dreiwöchige Phase, in der die Mitarbeiter angesprochen wurden, wenn sie beim Überqueren des Bandes angetroffen wurden. Jedoch resultierte aus dieser Beobachtung noch keine Disziplinarmaßnahme. Danach wurden Mitarbeiter, die bei diesem Verhalten angetroffen wurden, mündlich und schriftlich verwarnt, die Verwarnung kam in die Personalakte. Diese Verwarnung sprachen die Vorgesetzten aus, nicht die Beobachter im BBS-Prozess. Diese wiederum gaben positives Feedback, wenn sie Mitarbeiter dabei antrafen, wie diese den längeren Weg um das Förderband herum nahmen.

Während BBS bei den Mitarbeitern vor allem auf positive Verstärkung und Feedback setzt, darf man davon unabhängig von einem Vorgesetzten durchaus erwarten, dass er seine Pflichten wahrnimmt: „Discipline is not reserved for employees“ (S. 35). Wenn Mitarbeiter sich nicht an etablierte Sicherheitsbestimmungen halten, soll man ihnen keine Schuld dafür geben. Zu fragen ist vielmehr, was das Verhalten aufrechterhält. Wenn Vorgesetzte das riskante Verhalten nie kritisieren, wird dieses Verhalten der Mitarbeiter positiv verstärkt. Menschen verhalten sich immer „sinnvoll“, in dem Sinne, dass sie sich den Umweltbedingungen anpassen.

Alles in allem lautet Perkinsons Rat, in der Arbeitssicherheit so viel positive Verstärkung wie möglich und so wenig Disziplinarmaßnahmen wie nötig einzusetzen.

Literatur

Perkinson, Larry I. (2005). Discipline in the extremes. Professional Safety, 2005, 31-35. PDF 668 KB

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