Monatsarchiv: Mai 2013

So kriegt man sein Fett weg

Feedback über den Kaloriengehalt und Fettanteil des Essens kann beim Abnehmen helfen.

Die meisten Menschen können ganz gut beschreiben, wie eine gesunde Ernährung aussehen sollte: Unter anderem mit wenig Fett und weniger Kalorien als üblich. Aber die wenigsten Menschen können angeben, wie viel Fett und wie viel Kalorien ihre eigene Nahrung enthält (Brug et al., 1994). Aufklärungskampagnen mit Broschüren und anderem Informationsmaterial ändern daran wenig. Dagegen zeigen Maßnahmen, bei denen die Teilnehmer Feedback zum Fett- und Kaloriengehalt ihrer Nahrung erhalten, durchaus eine Wirkung. Üblicherweise führen die Teilnehmer solcher Maßnahmen eine Art Tagebuch, in das sie das, was sie den Tag über essen, eintragen. Sie erhalten dann eine Rückmeldung, wie viel Fett und wie viel Kalorien sie zu sich genommen haben. Das Problem mit solchen Tagebüchern ist, dass die Teilnehmer der Maßnahmen meist nicht alles, was sie den Tag über gegessen haben, berichten und dass sie zum Teil auch – willentlich oder unbeabsichtigt – falsche Angaben machen.

Normand und Osborne (2010) gingen daher einen anderen Weg. An ihrer Maßnahme nahmen vier Studenten teil. Die Studenten nahmen ihre Mahlzeiten in der Regel in einer von vier Mensen oder Cafeterien ein. Die Forscher platzierten jeweils eine Box neben den Kassen dieser Verpflegungseinrichtungen. Die vier Studenten sollten jeweils den Kassenzettel in diese Boxen werfen. Auf den Kassenzetteln waren die Speisen vermerkt, für die die Studenten gezahlt hatten, zudem die Uhrzeit und das Datum. Da die Studenten mit einer Chipkarte bezahlten, war auch die Nummer ihres Studentenausweises vermerkt. Durch diese konnten die Kassenbons den Studenten zugeordnet werden. Sicherlich entgingen den Forschern so einige Nahrungsmittel, die die Studenten außerhalb der Mensen gegessen hatten (z. B. bei Freunden, aus dem Supermarkt usw.). Dieser Verdacht bestätigte sich zumindest bei zwei der Teilnehmer, die bei den Mensabesuchen nur eine so geringe Kalorienmenge aufnahmen, dass diese nicht ausgereicht hätte, ihr hohes Gewicht zu halten. Die Angaben, die die Forscher erhielten, waren aber hochgradig zuverlässig. Normand und Osborne (2010) errechneten nun – unter Zuhilfenahme der Speisepläne der Mensen – die individuell aufgenommene Menge an Kalorien und Fett. Zunächst wurde die Basisrate ermittelt. Anschließend erhielten die Studenten jeden Tag eine E-Mail mit einem Link auf eine persönliche Webseite, auf der die Werte für Fett und Kalorien in einer Grafik dargestellt wurden. Zudem fanden sie eine auf sie zugeschnittene Nahrungspyramide, die mittels des Programms My Pyramid Plan erstellt worden war.

Diese Maßnahme führte zu einem deutlichen Rückgang der aufgenommenen Kalorien- und Fettmengen bei drei der vier Teilnehmer. Dieser Rückgang könnte natürlich auch darauf zurück zu führen sein, dass die Studenten nun häufiger außerhalb der Mensen aßen. Dagegen spricht, dass die Zahl der Mahlzeiten, die sie in den Mensen einnahmen während der Basisratenerhebung und während der Feedbackphase in etwa gleich blieb. Das heißt, sie gingen noch immer genauso oft in die Mensa, sie nahmen dort aber mehr kalorienarme und fettreduzierte Kost zu sich als vor Beginn des Feedbacks.

Normand und Osborne (2010) regen zwei Erweiterungen für künftige Maßnahmen an. Zum einen könnte man die Maßnahme auch mit positiver Verstärkung verknüpfen, indem man das Erreichen von Reduktionszielen mit bestimmten Anreizen (z. B. Kinogutscheinen usw.) verbindet. Diese Komponente hat sich in anderen Programmen zur Gewichtsreduktion und bei Kontingenzenmanagementprogrammen zu Reduzierung des Drogenkonsums als erfolgreich erwiesen (z. B. Silverman, 2004). Zum anderen sollte man kontrollieren, ob die Teilnehmer mit Beginn des Feedbacks nicht einfach auf andere Quellen (Lokale) ausweichen. Diese Fehlerquelle ließe sich dadurch kontrollieren, dass man zwar in allen Mensen erfasst, wie viel Nahrungsmittel die Teilnehmer konsumieren, dass man aber nur für eine Mensa Feedback gibt. Noch einfacher wäre zudem eine elektronische Datenerfassung, wie sie beim Bezahlen mittels Chipkarte prinzipiell möglich ist. Dazu müsste man allerdings auf die Daten des Kassensystems zugreifen können, eine Maßnahme, die nicht jede Mensa erlauben wird.

Literatur

Brug, J.; Van Assema, P.; Kok, G.; Lenderink, T. & Glanz, K. (1994). Self-rated dietary fat intake: Association with objective assessment of fat, psychosocial factors, and intention to change. Journal of Nutrition Education, 26, 218-223.

Normand, Matthew P. & Osborne, Matthew R. (2010). Promoting healthier food choices in college students using individualized dietary feedback. Behavioral Interventions, 25(3), 183-190. PDF 78 KB

Silverman, Kenneth. (2004). Exploring the limits and utility of operant conditioning in the treatment of drug addiction. The Behavior Analyst, 27(2), 209-230. PDF 3,20 MB

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Händehygiene: Verhaltensaufwand und Nutzen

Wer sich die Hände gründlich wäscht, schützt sich und andere vor vielen Infektionskrankheiten. Die Verbesserung der Händehygiene ist die kostengünstigste und wirksamste Präventionsmaßnahme. Dazu müssten die Menschen „nur“ ihr Verhalten ändern.

Nach einer Schätzung aus den USA (Bloomfield et al., 2007) ist die Übertragung durch die (nicht oder nicht ausreichend gewaschenen) Hände verantwortlich für 60 % aller Magen-Darm- und 50 % aller Atemwegserkrankungen. Durch die Hände übertragene Keime verursachen demnach pro Jahr in den USA 25 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage und Kosten von rund zwei Milliarden Dollar allein für die Medikamente (Turner, 1998).

Gründliches Händewaschen ist der beste Schutz vor vielen Magen-Darm und Atemwegserkrankungen. Viele Faktoren haben einen Einfluss darauf, ob sich jemand die Hände wäscht oder nicht. Zum einen spielt die Anwesenheit anderer Personen eine Rolle. Venkatesh et al. (2011) fanden, dass sich Krankenpfleger häufiger die Hände wuschen, wenn ihre Patienten im Zimmer waren, als wenn diese auf dem Gang waren, ebenso wuschen sie häufiger, wenn die Klinikzimmer vom Bereitschaftsraum der Pfleger aus eingesehen werden konnten. Auch die Häufigkeit von Waschbecken hat einen Einfluss auf die Häufigkeit des Händewaschens. Zudem hat die Zeit, die man fürs Händewaschen aufwenden muss, Einfluss auf die Neigung zum Händewaschen. Man hat ausgerechnet, dass Krankenpfleger 17 % ihrer Arbeitszeit mit Händewaschen zubringen würden, wenn sie sich immer dann, wenn es nötig ist, die Hände wirklich gründlich waschen würden (Voss & Widmer, 1997). Würden die Pfleger statt sich die Hände zu waschen, ein Desinfektionsmittel verwenden, betrüge dieser Zeitanteil nur weniger als 3 %.

Alles in allem scheint der Verhaltensaufwand (response cost), den man für das Händewaschen betreiben muss, ausschlaggebend dafür zu sein, ob man sich die Hände wäscht oder nicht. Dies wird oft vergessen, wenn es darum geht, die Händehygiene zu verbessern. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich alle Menschen die Hände vor dem Essen und nach dem Toilettengang gründlich waschen würden. Wenn dies aber nicht erreicht wird, muss man über andere Möglichkeiten nachdenken, durch die der Verhaltensaufwand für die Händehygiene verringert wird. Den Zugang zu Waschbecken und Seifenspender zu vereinfachen ist eine Lösung, die sich aber nicht immer leicht umsetzen lässt (und z. B. bauliche Veränderungen erforderlich machen würde). Eine Alternative ist die Bereitstellung von Handdesinfektionsmitteln. Die Hände werden durch das Desinfizieren alleine zwar nicht sauber, aber die Keime werden, vorausgesetzt das richtige Mittel wird verwendet, größtenteils abgetötet.

Fournier und Berry (2012) untersuchten, wie häufig sich Studenten, die eine Mensa besuchten, vor dem Essen entweder die Hände wuschen oder ein Desinfektionsmittel benutzten. Die Studenten betraten diese Mensa durch die Eingangstüre, zahlten zunächst an der Kasse und gingen dann zu den Essensausgabeschaltern. Einige Meter neben dem Weg von der Kasse zur Essensausgabe waren die Waschräume für Männer und Frauen. Vor der Essensausgabe bildete sich oft eine Schlange. Wenn man sich nach dem Bezahlen an der Kasse die Hände waschen wollte, musste man die Schlange verlassen und verlor so seinen Platz in derselben. Zunächst beobachteten die Forscher, wie oft sich die Studenten die Hände wuschen, ehe sie von der Kasse zur Essensausgabe gingen. Dies war praktisch nie der Fall (in rund 1,5 % aller Fälle). Sodann postierten Fourier und Berry am Rande des Weges von der Kasse zur Essensausgabe einen Stehtisch, auf dem sich ein Spender für die Desinfektionslösung befand. Am Tisch waren zudem Poster und Flyer, die den Nutzen der Händedesinfektion erläuterten. Ein Gehilfe des Versuchsleiters stand an diesem Tisch und forderte die vorbeigehenden Studenten auf, sich doch die Hände zu desinfizieren. Über 60 % aller Mensagäste kamen der Aufforderung nach. In der nächsten Phase stand niemand mehr an diesem Tisch, nach wie vor aber stand der Spender für die Händedesinfektion bereit, auch die Poster und Flyer waren noch dort. Jetzt benutzen knapp 18 % aller Studenten den Spender. Anschließend war wieder ein Gehilfe des Versuchsleiters zugegen, der die Studenten bat, sich die Hände zu desinfizieren. Der Anteil der Studenten, die dies taten lag nun bei 61 %. Zuletzt stand der Spender wieder unbeaufsichtigt auf dem Tisch, jetzt desinfizierten 15 % der Mensagänger sich die Hände. Die 1,5 % der Studenten, die sich schon vor allen Maßnahmen die Hände wuschen, tat dies auch – unbeeindruckt von der Aktion – über alle Phasen hinweg.

Bei solchen Maßnahmen gilt es Aufwand und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Die Maßnahme, einen Tisch mit einem Spender für Desinfektionslösung bereit zu stellen, dürfte eine nicht perfekte, aber kostengünstige Maßnahme zur Verbesserung der Händehygiene sein. Der Aufwand ist sowohl für die Mensa als auch für die Mensagäste relativ gering. Schon aufwändiger, aber dafür auch wirksamer ist es, eine Person bereitzustellen, die die Verwendung des Desinfektionsmittels anbietet. Noch aufwändiger wäre es, Waschbecken direkt neben dem Weg zur Essensausgabe zu platzieren und die Studenten durch eine Person aufzufordern, sich die Hände zu waschen. Dies aber wurde von Fournier und Berry nicht untersucht.

Literatur

Bloomfield, S. F.; Aiello, A. E.; Cookson, B.; O’Boyle, C. & Larson E. L. (2007). The effectiveness of hand hygiene procedures, including handwashing and alcohol-based hand sanitizers, in reducing the risks of infections in home and community settings. American Journal of Infection Control, 35(10), 27-64.

Fournier, Angela K. & Berry, Thomas D. (2012). Effects of response cost and socially-assisted interventions on hand-hygiene behavior of university students. Behavior and Social Issues, 21, 152-164. PDF 565 KB

Turner, R. B. (1998). The common cold. Pediatric Annals, 27(12), 790-795.

Venkatesh, A. K.; Pallin, D. J.; Kayden, S. & Schuur, J. D. (2011). Predictors of hand hygiene in the emergency department. Infection Control and Hospital Epidemiology, 32(11), 1120-1123.

Voss, A. & Widmer, A. F. (1997). No time for handwashing, can we achieve 100% compliance? Infection Control of Hospital Epidemiology, 18(3), 205-208.

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Grübeln Sie bitte…Jetzt!

Wer viel grübelt und sich Sorgen macht, sollte sich vornehmen, eine halbe Stunde am Tag intensiv darüber nachzudenken, was ihn belastet. Das ist besser als den ganzen Tag über mehr oder weniger viel zu grübeln.

Eines der wichtigsten und am meisten belastenden Symptome der Depression ist die Grübelei und das ständige Sich-Sorgen-Machen. Auch unabhängig von einer eigentlichen Depression tritt sie auf. Betroffene klagen darüber, dass sie unangenehmen Gedanken zu jeder Zeit nachhängen. Die Gedanken lassen sich auch nicht einfach abstellen.

Fasst man das stete Nachdenken über Unangenehmes als Verhalten auf, ergibt sich folgendes Bild: Grübelei, die in vielen verschiedenen Situationen auftaucht, steht unter unzureichender Stimuluskontrolle. Jede Situation, jede Tageszeit und eine Unzahl an Hinweisreizen in der Umgebung des Grüblers sind auslösend für das Grübeln. Jeder Gegenstand und jede Person, alles führt seine Gedanken über kurz oder lang zum Thema seiner Grübelei.

Ein Verhalten, das unter guter Stimuluskontrolle steht, tritt dagegen nur in einer ganz bestimmten Situation auf. Der Grübler aber grübelt von früh bis spät, zuhause, auf der Arbeit, auf dem Weg zur Arbeit, wann immer sich die Gelegenheit ergibt. Mehr oder weniger gelingt es ihm, das Grübeln abzustellen, wenn er sich auf eine Aufgabe konzentrieren muss. Im schlimmsten Fall aber kollidiert das Grübeln mit den anderen Aufgaben, für die dann die Konzentration fehlt.

Verhaltensanalytiker versuchen daher, ihren Klienten zu helfen, wieder die Macht über ihre Gedanken zu erlangen. Das Prinzip lautet, die Stimuluskontrolle wieder herzustellen (Behar & Borkovec 2005, 2009). Dies erfordert vom Grübler, vier Regeln zu beachten (Borkovec et al., 1983):

  1. Erkenne, welches die unangenehmen und grüblerischen Gedanken sind und lerne, sie von den angenehmeren Gedanken zu unterscheiden.
  2. Lege eine dreißigminütige Zeitspanne fest, in der du grübeln darfst. Diese soll immer am selben Ort und zur selben Tageszeit stattfinden.
  3. Schiebe spontane Grübeleien auf diese Grübelphase auf und konzentriere dich jeweils auf den gegenwärtigen Moment.
  4. Konzentriere dich in der Grübelphase auf die Sorgen und Probleme. Überlege und plane in dieser Phase, wie du diese Probleme lösen willst.

Grübelei ist oft mit Schlafstörungen verbunden. Bootzin entwickelte bereits 1972 ein Stimuluskontrolltraining zur Behandlung der Schlaflosigkeit, das auf der Grundlage des klassischen Konditionierens beruht. Ein wichtiger Hinweis zur sogenannten Schlafhygiene lautet, dass man immer zu denselben Zeiten im gleichen Raum schlafen soll, wo man auch nur schläft und sonst nichts anderes tut. Liegt man länger wach, soll man den Raum verlassen und etwas anderes tun. Dem liegt die Überlegung zugrunde, die Stimuluskontrolle des Schlafzimmers für das Verhalten „Schlafen“ zu verbessern. Menschen mit Schlafstörungen schlafen oft zu verschiedenen Zeiten oder liegen im Bett lange wach. Dies führt dazu, dass die Reaktion „Schlafen“ mit vielen verschiedenen Situationen verbunden wird und das Schlafzimmer der Auslöser nicht nur für das Schlafen, sondern auch für andere Aktivitäten (Grübeln, Lesen, Fernsehen) ist. Die Ratschläge gegen Grübelei haben mit diesem Ratschlag zur Schlafhygiene vieles gemeinsam.

Aus verhaltensanalytischer Sicht ist die Stimuluskontrolle der Grübelei zwar plausibel, doch gibt es erst noch wenige empirische Belege für die Wirksamkeit dieser Methode. Eine erste Untersuchung wurde von Borkovec et al. (1983) durchgeführt. An ihren beiden Versuchen nahmen insgesamt 111 Studentinnen und Studenten teil, die von sich selbst behaupteten, dass sie sich viele Sorgen machten. Jede Versuchsperson sollte einmal täglich einen Fragebogen ausfüllen, in dem es darum ging, wie oft am Tag sie sich Sorgen machten, wie oft am Tag sie sich unrealistische Sorgen machten und wie angespannt sie waren. Zunächst wurde eine Woche lang die Basisrate des Sich-Sorgen-Machens erfasst. Danach fand für einen Teil der Versuchspersonen ein einstündiges Training statt, in dem ihnen die Grundzüge der Stimuluskontrolle anhand der vier Regeln vermittelt wurden. Zehn Minuten lang übten sie, wie sie sich – statt den Grübeleien nachzuhängen – auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren konnten. Ein Teil der Versuchspersonen wurde zudem darin angeleitet, wie sie Problemlösestrategien für ihre Sorgen anwenden konnten. Ein weiterer Teil der Versuchspersonen erhielt die Anweisung, in der halbstündigen täglichen Grübelphase ihre Gedanken zu notieren, andere Versuchspersonen sollten lediglich über ihre Sorgen nachdenken. Der Rest der Versuchspersonen erhielt kein Training. In den folgenden vier Wochen sollten die Versuchspersonen der verschiedenen Experimentalgruppen die vermittelten Techniken anwenden, die weiteren Anweisungen befolgen und täglich den Grübelei-Fragebogen ausfüllen. Zudem wurde diesen Versuchspersonen gesagt, dass sie erst nach etwa drei Wochen mit ersten Erfolgen rechnen könnten. Die Versuchspersonen der Kontrollgruppe sollten lediglich den Fragebogen weiterhin täglich ausfüllen.

Zu Beginn der Versuche (Basisrate) gaben die Versuchspersonen an, an jedem Tag zwischen 40 % und 48 % ihrer wachen Zeit zu grübeln, im Schnitt 2,3 % des Tages verbrachten sie mit unrealistischen Sorgen. Angespannt waren die Versuchspersonen zwischen 34 % und 40 % ihrer Zeit. In allen Experimentalgruppen sanken diese Werte schon nach drei Wochen deutlich, während die Versuchspersonen der Wartekontrollgruppe mehr oder weniger ähnliche Werte wie in der Basisratenphase angaben. Dies war auch noch am Ende des Experiments, nach vier Wochen, so. Der Anteil des Tages, der mit Sich-Sorgen-Machen verbracht wurde, sank durch das Stimuluskontrolltraining auf rund 25 %, der Anteil der Zeit mit unrealistischen Sorgen auf 1,8 %. Die Zeit des Tages, an denen die Versuchspersonen angespannt waren, hatte nur noch einen Anteil von rund 22 %. Dies galt vor allem für die Versuchspersonen-Gruppen, die neben der Stimuluskontrolle auch aktive Problemlösung betrieben und für die Gruppe, die ihre Gedanken in der Grübelphase aufschrieb. Etwas geringer fielen die Fortschritte in der Gruppe aus, die ihre Grübeleien nicht aufschreiben sollte.

McGowan und Behar (2013) präsentieren die Ergebnisse einer Studie, in der sie das Stimuluskontrolltraining mit einer Art Placebobehandlung verglichen, der „fokusierten Grübelei“. Die Studienteilnehmer, die dieser Behandlung zugewiesen worden waren, erhielten u. a. den Ratschlag, nicht gegen die Grübelei anzukämpfen, da diese nur dazu führe, dass man desto mehr grüble. Stattdessen sollten sie die grüblerischen Gedanken zulassen, wann immer sie ihnen kämen.

53 Versuchspersonen mit starker Neigung zu Grübelei wurden einer von zwei Gruppen zugelost und erhielten entweder das Stimuluskontrolltraining oder das Training in „fokusierter Grübelei“. Vor dem Training bearbeiteten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen, u. a. zu den Symptomen von Angststörungen und Depressionen. Anschließend wurden sie in den beiden Verfahren – Stimuluskontrolle und fokusierte Grübelei – trainiert und dazu angeleitet, wie sie diese Methoden im Alltag einsetzen können. Nach zwei Wochen wurden wieder allen Versuchspersonen die o. e. Fragebögen vorgelegt.

Bei allen Symptomen erzielten die Versuchspersonen, welche das Stimuluskontrolltraining erhalten hatten, deutlich größere Verbesserungen als die Versuchspersonen, die zu „fokusierter Grübelei“ angeleitet worden waren. Die Effektstärken waren in allen Bereichen groß (> 1,0), mit Ausnahme der Werte für Depression (Becks Depressionsinventar) und für positive Gefühle (Positive and Negative Affect Schedule), wo keine klinisch relevante Verbesserung erzielt wurde. Im Bereich der Grübelei (gemessen mit dem Penn State Worry Questionnaire) betrug die Effektstärke des Stimuluskontrolltrainings 1,81 (bei der Placebobehandlung „fokusierte Grübelei“ lag dieser Wert bei 0,79). Auch bei der Schlaflosigkeit und der Angst konnten mit dem Stimuluskontrolltraining klinisch relevante Verbesserungen erzielt werden.

Die Untersuchung von McGowan und Behar (2013) ist ein Hinweis darauf, dass sich bereits mit einem kurzen Training in Stimuluskontrolle verbunden mit einer zweiwöchigen Übungsphase erhebliche Verbesserungen in Bezug auf die Grübelei erzielen lassen. Begleitend kann das Erlernen und die Anwendung eines Entspannungsverfahrens hilfreich sein (Borkovec et al., 1983).

Literatur

Behar, Evelyn & Borkovec, T. D. (2005). The nature and treatment of generalized anxiety disorder. In B. O. Rothbaum (Ed.), The nature and treatment of pathological anxiety: Essays in honor of Edna B. Foa (pp. 181-196). New York, NY: Guilford.

Behar, Eevelyn & Borkovec, T. D. (2009). Avoiding treatment failures in generalized anxiety

disorder. In M. W. Otto & S. Hofmann (Eds.), Avoiding treatment failures in the anxiety disorders (pp. 185-208). New York, NY: Springer.

Bootzin, R. R. (1972). A stimulus control treatment for insomnia. Proceedings of the

American Psychological Association, 7, 395-396.

Borkovec, T. D.; Wilkinson, Lenore; Folensbee, Rowland & Lerman, Caryn. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247-251.

McGowan, Sarah Kate & Behar, Evelyn. (2013). A preliminary investigation of stimulus control training for worry: Effects on anxiety and insomnia. Behavior Modification, 37(1), 90-112.

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Eingeordnet unter Therapie, Verhaltensanalyse

Autismus und Pseudomedizin

Da wir das Thema „merkwürdige Therapien bei Autismus“ hier schon mal hatten: Auch Jan Oude-Aost berichtet über Pseudotherapien bei Autismus. Seinen Vortrag auf der Skeptiker-Konferenz habe ich leider verpasst, dies hier sind seine Vortragsnotizen.

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11/05/2013 · 17:46

Das Gefangenendilemma: Kooperation kann man lernen, aber es hält nicht lange vor

Wenn man jemandem die Möglichkeit gibt, sich zu einem kooperativen Verhalten zu verpflichten, verhält er sich auch nach dem Ende der Verpflichtung kooperativ. Aber das hält nicht lange vor.

Das Gefangenendilemma (Rapoport & Chammah, 1965) lässt sich kurz so beschreiben: Angenommen, Sie haben zusammen mit Ihrem Komplizen eine Bank überfallen. Die Polizei verdächtigt sie beide und befragt sie unabhängig voneinander. Man macht Ihnen folgendes Angebot: Wenn Sie den Bankraub zugeben, Ihr Komplize aber nicht, bekommen Sie eine Bewährungsstrafe, Ihr Komplize wandert für fünf Jahre hinter Gitter. Sie wissen aber auch: Wenn Ihr Komplize gesteht, Sie aber nicht, gilt umgekehrt, dass Sie für fünf Jahre in den Knast wandern und Ihr Komplize mit der Bewährungsstrafe davon kommt. Wenn Sie beide gestehen, bekommen Sie beide drei Jahre Gefängnis. Wenn Sie aber beide dicht halten, wird man Sie beide „nur“ wegen unerlaubten Waffenbesitzes drankriegen können und für ein Jahr inhaftieren.

Interessant wird das Gefangenendilemma, wenn es mehrfach hintereinander gespielt wird. Langfristig zahlt sich Kooperation aus, könnte man meinen. Die meisten Menschen verfolgen aber eine Strategie des „Wie du mir, so ich dir“ (tit for tat). Das heißt, die Entscheidung Ihres Komplizen beim letzten Mal bestimmt Ihre Entscheidung jetzt. Spielt die Versuchsperson gegen ein Computerprogramm, kann dieses so programmiert werden, dass es immer nach diesem Prinzip entscheidet. Das Gefangenendilemma gibt es in vielen Variationen. Immer geht es um folgendes Prinzip: Die Versuchsperson muss zwischen einem kurzfristigen hohen Gewinn und einer Strategie entscheiden, die für beide langfristig zum größeren Gewinn führt. Das Gefangenendilemma gleicht in dieser Hinsicht der Forschung zur Verstärkerabwertung.

Locey und Rachlin (2012) ließen Ihre Versuchspersonen gegen einen Computer antreten, der konsequent die „Tit-for-Tat-Strategie“ befolgte. Sie konnten sich bei jedem Versuch für die Kooperation oder für das unkooperative Verhalten entscheiden. Zudem konnte sich eine Versuchspersonengruppe  entscheiden, ob sie sich für die nächsten fünf Durchgänge des Spiels festlegen wollten zu kooperierten. Eine andere Gruppe der Versuchspersonen konnte sich entscheiden, ob sie sich für fünf Durchgänge hintereinander auf unkooperatives Verhalten festlegen wollte. Dabei zeigte sich, dass die Gruppe, die sich für das kooperative Verhalten festlegen konnte, auch in der freien Wahl häufiger kooperierte. Die andere Gruppe, die sich auf ein nicht-kooperatives Verhalten festlegen konnte, zeigte auch dieses Verhalten häufiger. Spielten die Versuchspersonen jedoch wieder längere Zeit ohne die Möglichkeit zur Festlegung, ging dieser Unterschied wieder verloren. Das heißt, eine selbstauferlegte Verpflichtung zu kooperieren lässt einen zwar einen Weile lang tatsächlich häufiger kooperieren. Wird diese Möglichkeit zur Selbstverpflichtung wieder weggenommen, fallen die Versuchspersonen aber in ihr altes Verhaltensmuster zurück.

Literatur

Locey, Matthew L. & Rachlin, Howard. (2012). Commitment and self-control in a prisoners’s dilemma game. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 89-103. PDF 607 KB

Rapoport, A., & Chammah, A.M. (1965). Prisoner’s dilemma. Ann Arbor: University of Michigan Press.

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Alles sehr strange…

Einige Opfer von Verbrechen und Naturkatastrophen leiden an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Unter anderem klagen sie oft darüber, dass ihr Gefühl dafür, dass sie selbst und die Welt noch in Ordnung ist, gestört ist. Alles fühlt sich fremd an. Ein Experiment zeigt, wie man dieses Gefühl behandeln könnte.

Depersonalisation ist der Verlust oder eine Störung des „natürlichen“ Gefühls, eine Person zu sein. Derealisation ist eine verfremdete Wahrnehmung der Welt, ein Gefühl, dass etwas mit der Realität nicht in Ordnung ist. Beide Symptome können sich im Anschluss an ein traumatisches Erlebnis einstellen. Ein Ansatz zur Behandlung von solchen Symptomen ist die wiederholte Exposition. Wenn man diese Symptome mehrfach in einem nicht-bedrohlichen Zusammenhang erlebt, so die Theorie, verlieren sie sich, ähnlich, wie auch die Angst zurückgeht, wenn man mehrfach mit dem angstauslösenden Objekt konfrontiert wird und dabei feststellt, dass nichts Schlimmes passiert.

Wie aber erzeugt man eine wiederholte Exposition bei den beiden Erfahrungen „Depersonalisation“ und „Derealisation“? Man kann die Person ja schlecht einem traumatisierenden Ereignis aussetzen. Hierbei haben sich einige Techniken als wirksam erwiesen (bitte nicht nachmachen):

  • Lange auf einen Punkt an der Wand starren.
  • In einen Spiegel starren.
  • In ein Licht blicken.
  • Hyperventilation alleine.
  • Hyperventilation zusammen mit dem Starren auf eine sich drehende Spirale.
  • In einem dunklen Raum vor einem Stroboskoplicht stehen.

Weiner und McKay (2013) wählten 39 Versuchspersonen aufgrund ihrer erhöhten Werte in zwei Fragebögen zur Ängstlichkeit und zur Traumatisierung aus einer Stichprobe von 152 Studenten aus. Diese Versuchspersonen wurden mehrfach drei Minuten lang einem Stroboskoplicht ausgesetzt. Dabei trugen sie eine 3-D-Brille. Nach jedem Durchgang füllten sie einen kurzen Fragebogen zum Derealisationserleben und zur Depersonalisation aus. Diese insgesamt 20 Minuten dauernde Prozedur wurde dreimal wiederholt. Es zeigte sich, dass die anfangs erhöhten Werte in den genannten Symptomen mit jedem Durchgang zurückgingen. Nach dem ersten Durchgang betrug der Wert für die Depersonalisation und Derealisation noch knapp 29, nach dem dritten Durchgang war er auf knapp 18 gefallen.

Die Autoren betonen, dass diese Studie keine Rückschlüsse auf den klinischen Einsatz zulässt. Sie konnten jedoch zeigen, dass sich eine einfache Methode dazu eignete, Gefühle der Derealisation und der Depersonalisation hervorzurufen und dass diese Gefühle bei wiederholter Durchführung dieser Methode, deutlich nachließen.

Literatur

Weiner, Elliot & McKay, Dean. (2013). A preliminary evaluation of repeated exposure for depersonalization and derealization. Behavior
Modification, 37
(2), 226-242.

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Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Gut, wenn es das gibt, auch wenn es keiner nutzt

Dass es Familienunterstützungsleistungen gibt, ist wichtig für die Moral im Betrieb, nicht aber, dass sie auch in Anspruch genommen werden.

Viele Unternehmen und Behörden fördern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Liste möglicher Angebote ist lang: Telearbeit für Beschäftigte mit Familienpflichten, Notfallbetreuung für die Kinder oder die Pflege von Angehörigen, Eltern-Kind-Zimmer, großzügige Arbeitszeitregelungen usw. Doch wie wirksam sind diese Angebote in Hinsicht auf das Betriebsklima?

Butts et al. (2013) untersuchten diese Frage in einer Metaanalyse, die 57 Studien berücksichtigte. Dabei fanden sie einen kleineren, positiven Einfluss der Verfügbarkeit von solchen Angeboten auf die Arbeitszufriedenheit und das Gefühl der Verbundenheit mit dem Arbeitgeber. Die tatsächliche Nutzung solcher Angebote korrelierte dagegen kaum mit der Zufriedenheit und Verbundenheit der Beschäftigten. Was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht, so scheint es wichtig zu sein, dass sich die Firmen darum bemühen, nicht aber, dass die Angebote des Unternehmens tatsächlich in Anspruch genommen werden. Vermutlich haben solche Leistungen also mehr einen symbolischen Charakter, an denen die Beschäftigten die guten Absichten ihres Arbeitgebers erkennen können. Auch eine andere Interpretation bietet sich an. „Gute“ Arbeitgeber, erfolgreiche Unternehmen mit einer mitarbeiterfreundlichen Haltung haben ein starkes Interesse daran, ihre Beschäftigten zu halten und machen Ihnen deshalb auch solche Angebote. Betriebe, in denen der Arbeitsplatz unsicher ist, müssen nicht durch solche Angebote versuchen, ihre Mitarbeiter im Haus zu halten.

Literatur

Butts, Marcus M.; Casper, Wendy J. & Yang, Tae Seok. (2013). How important are work-family support policies? A meta-analytic investigation of their effects on employee outcomes. Journal of Applied Psychology, 98(1), 1-25.

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Eingeordnet unter OBM, Psychologie