Schlagwort-Archive: Therapie

Knapp daneben ist nicht für alle Menschen auch vorbei – Der Near-Miss-Effect

Verschiedene Studien zeigen, dass 1 % bis 3 % der Bevölkerung die Kriterien für eine Spielsucht erfüllen (Petry, 2005). Weitere Studien zeigen, dass das problematische Spielverhalten sich bereits im Alter von neun bis zehn Jahren abzeichnet (Jacobs, 2000). Bei der Untersuchung des Verhaltens von Menschen mit Spielsucht zeigt sich, dass die Reize und die Veränderungen der Reizsituation, die zusammen mit dem Gewinnen beim Spielen auftreten, zu sekundären oder konditionierten Verstärkern werden können. Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wieder gespielt wird (Foxall & Sigurdsson, 2012). Hinzu kommt der Umstand, dass diese Reize auch auf andere Situationen generalisieren. Situationen, die der Situation beim Gewinnen nur ähneln, können Verstärkerqualitäten annehmen. Dies ist aus verhaltenstheoretischer Sicht der Hintergrund des Near-Miss-Effects (etwa: „Knapp-Daneben-Effekt“). Von der kognitiven Psychologie wird dieser Effekt als ein Denkfehler interpretiert, der auf dem Glauben beruht, dass Spielergebnisse, die optisch nahe an einem Gewinn liegen, andeuten, dass bald ein Gewinn kommen wird (Reid, 1986). Bei Menschen mit Spielsucht scheint dieser Effekt stärker ausgeprägt zu sein als bei Menschen, die kein problematisches Spielverhalten zeigen. Neuropsychologische Untersuchungen konnten zeigen, dass die Gehirnaktivität von Spielsüchtigen beim knappen Verfehlen eines Gewinns der Gehirnaktivität beim Gewinnen gleicht (Habib & Dixon, 2010).

Aus therapeutischer Sicht ist der Near-Miss-Effect problematisch, da er dazu beiträgt, das problematische Spielverhalten aufrecht zu erhalten. Zlomke und Dixon (2006) zeigten, dass man diesen Effekt dadurch abmildern kann, dass man die Farbe der beim Spiel verwendeten Symbole verändert und indem die Spieler ein Diskriminationstraining durchlaufen, bei dem sie lernen, die Beinahe-Gewinne und die Gewinne besser zu unterscheiden.

Dixon, Nastally, Jackson und Habib (2009) setzten diese Bemühungen fort. Zehn von 16 Versuchspersonen lernten durch ein Diskriminationstraining den Near-Miss-Effect zu unterdrücken. Dabei nutzten Dixon et al. (2009) ein sprachgestütztes Training, in dem die Probanden lernten, die richtigen sprachlichen Zuordnungen zu Gewinnen und Verlusten vorzunehmen und dass ein Beinahe-Treffer eben ein Verlust und kein Gewinn ist. Die Studie stützt die Annahme, dass der Near-Miss-Effect keine Persönlichkeitseigenschaft des Spielers ist, sondern eine sprachliche Zuordnung, die bei vielen Menschen relativ leicht geändert werden kann.

Dixon, Whiting und King (2016) konnten nachweisen, dass der Near-Miss-Effect bereits bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren auftritt. Die Versuchspersonen spielten an einem Automaten, der ohnehin in einer Spielhalle für Kinder stand. Die Kinder sollten angeben, „wie sehr“ ihr Spielergebnis ein Gewinn oder ein Verlust war. Spielergebnisse, die dem Spielergebnis bei einem Gewinn ähnelten (wenn z. B. der Ball in diesem Spiel knapp links oder rechts neben dem Ziel landete), bewerteten die Kinder subjektiv als signifikant einem Gewinn ähnlicher als ein Spielergebnis, das dem Spielergebnis bei einem Gewinn unähnlich war.

Das Ergebnis dieser Studie belegt das Vorhandensein eines Near-Miss-Effects bereits in der Kindheit. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die Prävention von Spielsucht bereits frühzeitig ansetzen sollte. Trainings wie das von Dixon et al. (2009) bieten sich hier an.

Literatur

Dixon, M. R.; Nastally, B. L.; Jackson, J. E. & Habib, R. (2009). Altering the near-miss effect in slot machine gamblers. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 913-918.

Dixon, M. R.; Whiting, S. W. & King, A. M. (2016). An Examination of the Near Miss in Gambling-Like Behavior of Children. The Psychological REcord, 66(1), 99-107.

Foxall, G. R. & Sigurdsson, V. (2012). When loss rewards: The near-miss effect in slot machine gambling. Analysis of Gambling Behavior, 6(1), 5-22.

Habib, R. & Dixon, M. R. (2010). Neurobehavioral Evidence for the “Near-Miss” Effect in Pathological Gamblers. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(3), 313-328.

Jacobs, D. F. (2000). Juvenile Gambling in North America: An Analysis of Long Term Trends and Future Prospects. Journal of Gambling Studies, 16(2), 119-152.

Petry, N. M. (2005). Pathological gambling : Etiology, comorbidity, and treatment (1st). Washington, DC: American Psychological Association.

Reid, R. L. (1986). The psychology of the near miss. Journal of gambling behavior, 2(1), 32-39.

Zlomke, K. R. & Dixon, M. R. (2006). Modification of Slot-Machine Preferences through the Use of a Conditional Discrimination Paradigm. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(3), 351-361.

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologie, Stimuluskontrolle, Therapie, Verhaltensanalyse

Social Validity und die verhaltensanalytische Therapie bei Autismus („ABA“)

Zur Frage, ob „ABA“ wirksam (in der Verbesserung nicht nur der intellektuellen, sondern auch der sozialen, kommunikativen usw. Fertigkeiten von Autisten) ist, gibt es mittlerweile reichlich Belege: Dies ist der Fall, die wissenschaftliche Evidenz bestätigt es. Die Frage, ob man ein solches Verfahren auch tatsächlich anwenden sollte, ist eine Frage der Ethik. Aber auch bei Werturteilen sollte man sich nicht nur auf sein Bauchgefühl verlassen. Insbesondere der „neue Skeptizismus“ (Kurtz, 1992) tritt dafür ein, wissenschaftliches Denken und mit wissenschaftlichen Methoden gewonnenes Wissen bei Entscheidungen in Gesellschaft und Politik zu nutzen. Auch bei „ABA“ gibt es Belege, die man bei der Beantwortung der Frage, ob ein solches Verfahren auch genutzt werden darf, hinzuziehen sollte.

Folgt man den Beschreibungen in einigen Internetquellen, handelt es sich bei Verhaltensanalytikern um eine Bande herz- und skrupelloser Kinderquäler. Statt sich auf diese Internetquellen zu verlassen, sollte man die wissenschaftliche Literatur zu Rate ziehen, in der beschrieben wird, wie verhaltensanalytische Interventionen aussehen sollen (eine Suche nach Literatur könnte z. B. beim Cambridge Center for Behavioral Studies beginnen). Auch zu der Frage, wie die Praxis aussieht, lassen sich hier Informationen aus erster Hand finden. Im Bereich der angewandten Verhaltensanalyse (Baer, Wolf & Risley, 1968) – die sich bei weitem nicht auf das Thema Autismus beschränkt – existieren seit langem Richtlinien für ethisches Verhalten gegenüber Klienten, z. B. hier (Van Houten et al., 1988). Um sicherzustellen, dass verhaltensanalytische Methoden möglichst immer auf angemessen Weise, zum Wohle des Klienten eingesetzt werden, gründeten Verhaltensanalytiker das Behavior Analyst Certification Board (BACB), das zudem detaillierte Aus- und Fortbildungsvorschriften (u. a. für den „Board Certified Behavior Analyst“, BCBA) erlassen hat. Konkrete Fälle von ethischem Fehlverhalten sollte man hier melden.

Generell wäre es hilfreich, auch die Aussagen von echten Verhaltensanalytikern zur Kenntnis zu nehmen, ehe man sich ein Urteil über verhaltensanalytische Interventionen bildet. Besonders empfehle ich diesen (etwas längeren) Beitrag auf Deutsch. Doch die zweit- und drittquellengestützte Kritik an der Verhaltensanalyse, dem Behaviorismus und B. F. Skinner hat eine lange und unselige Tradition, wie z. B. hier ausgeführt wird (Ickler, 1994).

Doch das ist die Darstellung derjenigen, die „ABA“ anwenden, mag man einwenden. Wie fühlt es sich aber an, Klient einer ABA-Therapie zu sein? Im Internet finden wir einige dramatische Schilderungen, die in der Tat erschreckend sind (z. B. hier oder hier). Da die Schilderungen in der Regel anonym sind, bleibt unklar, wer der Klient war, wer der Therapeut und ob es sich tatsächlich um „ABA“ handelte (ob der Therapeut z. B. nach den Maßgaben des BACB handelte). Die meisten ABA-Kritiker nehmen ohnehin nicht für sich in Anspruch, selbst ABA-geschädigt zu sein, sie empören sich allein über die Vorstellung, die sie sich von einer „ABA“-Therapie machen.

Andererseits gibt es auch Schilderungen von ehemaligen ABA-Klienten, die sich sehr positiv äußern (vgl. hier und hier). Einzelfälle haben jedoch keine Belegkraft, auch nicht in der Mehrzahl („The Plural of Anecdote is not Data“), wenn es darum geht, eine allgemeine Frage zu beantworten.

Veröffentlichungen über verhaltensanalytisch fundierten Interventionen (nicht nur bei Autismus, vgl. z. B. hier) beinhalten oft einen Abschnitt zur „Sozialen Validität“. Der Klient wird befragt, wie angenehm, hilfreich etc. er die Maßnahme fand. Das mag dem Laien selbstverständlich erscheinen, doch wurde dies in den wenigsten Studien zur Wirkung psychotherapeutischer und pädagogischer Interventionen bislang berücksichtigt. Es waren Verhaltensanalytiker, die das Konzept der Social Validity überhaupt erst einführten (Carr, Austin, Britton, Kellum & Bailey, 1999; Kazdin, 1977; Wolf, 1978). Allerdings gibt es im Bereich der verhaltensanalytischen Intervention bei Autismus („ABA“) nicht sehr viele Studien, die diesen Punkt explizit berücksichtigen, was Verhaltensanalytiker selbst kritisieren (Hanley, 2010). Zudem werden dabei oft die Eltern und Erzieher befragt, nicht aber die Kinder. Dieses Problem relativiert sich etwas, wenn man bedenkt, dass die meisten Klienten einer „ABA“-Therapie nicht oder kaum sprachfähige Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren sind.

Ein weiterer Zugang zu der Frage, wie es sich anfühlt, ein Klient von „ABA“ zu sein, sind Langzeitstudien. Wäre eine ABA-Therapie bloß ein Überformen der „angeborenen“ autistischen Verhaltensweisen, dürften die Wirkungen einer ABA-Therapie nicht langfristig sein, ja es sollte zu „Symptomverschiebungen“ kommen – ein alter Vorwurf der Psychoanalyse gegenüber der Verhaltenstherapie, der sich als nicht haltbar erwiesen hat (Bördlein, 2002; Myers & Thyer, 1994; Perrez & Otto, 1978).  Wenn „ABA“ der „Heilung“ von Homosexualität ähnelte, müsste es sogar (dies wird ja gerade befürchtet) dazu führen, dass die ehemaligen Klienten „gebrochene“ Personen sind, d. h. häufiger als andere Personen z. B. psychisch krank sind. Die derzeit vorliegenden Langzeitstudien (z. B. McEachin, Smith & Lovaas, 1993) deuten nicht darauf hin (vgl. auch hier). Die im Kleinkinderalter behandelten Kinder konnten ihre durch die Therapie erzielten Fortschritte auch noch als Jugendliche halten. Allerdings besteht hier sicher noch Forschungsbedarf.

Jede wirksame Behandlung birgt ein Risiko, das man sorgsam gegen die vermutlichen Auswirkungen des Nicht-Handelns abwägen sollte. Alternative Interventionen sind, wie erwähnt, kaum oder gar nicht wirksam. So heißt es über TEACCH, eine vergleichsweise gut belegte Interventionsform, die mit dem Programm erzielten Veränderungen seien „of small magnitude“, zumeist aber „within the negligible to small range“ (Virues-Ortega, Julio & Pastor-Barriuso, 2013). Bei etwa drei Viertel der Personen mit frühkindlichem Autismus (den typischen Klienten von verhaltensanalytischen Interventionen) wird eine geistige Behinderung diagnostiziert (American Psychiatric Association. & American Psychiatric Association. DSM-5 Task Force., 2013). Die Einschränkungen sind entsprechend. Spontanremissionen sind hier selten (Sitholey, Agarwal & Pargaonkar, 2009). All dies sollte man wissen, ehe man den „Flamewar“ gegen ABA weitertreibt.

Literatur

American Psychiatric Association. & American Psychiatric Association. DSM-5 Task Force. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders : DSM-5 (5th). Washington, D.C.: American Psychiatric Association.

Baer, D. M.; Wolf, M. M. & Risley, T. R. (1968). Some current dimensions of applied behavior analysis. Journal of Applied Behavior Analysis, 1(1), 91-97.

Bördlein, C. (2002). Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine. Aschaffenburg: Alibri.

Carr, J. E.; Austin, J. L.; Britton, L. N.; Kellum, K. K. & Bailey, J. S. (1999). An assessment of social validity trends in applied behavior analysis. Behavioral Interventions, 14(4), 223-231.

Hanley, G. P. (2010). Toward Effective and Preferred Programming: A Case for the Objective Measurement of Social Validity with Recipients of Behavior-Change Programs. Behavior Analysis in Practice, 3(1), 13-21.

Ickler, T. (1994). Skinner und “Skinner“. Sprache und Kognition, 13, 221-229.

Kazdin, A. E. (1977). Assessing the Clinical or Applied Importance of Behavior Change through Social Validation. Behavior Modification, 1(4), 427-452.

Kurtz, P. (1992). The new skepticism : inquiry and reliable knowledge. Buffalo, N.Y.: Prometheus Books.

McEachin, J. J.; Smith, T. & Lovaas, O. I. (1993). Long-term outcome for children with autism who received early intensive behavioural treatment. American Journal on Mental Retardation, 97, 359-372.

Myers, L. L. & Thyer, B. A. (1994). Behavioral therapy: Popular misconceptions. Scandinavian Journal of Behaviour Therapy, 23(2), 97-107.

Perrez, M. & Otto, J. (1978). Symptomverschiebung. Eine Kontroverse zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Salzburg: O. Müller.

Sitholey, P.; Agarwal, V. & Pargaonkar, A. (2009). Rapid and spontaneous recovery in autistic disorder. Indian Journal of Psychiatry, 51(3), 209-211.

Van Houten, R.; Axelrod, S.; Bailey, J. S.; Favell, J. E.; Foxx, R. M.; Iwata, B. A.et al. (1988). The right to effective behavioral treatment. The Behavior Analyst, 11(2), 111-114.

Virues-Ortega, J.; Julio, F. M. & Pastor-Barriuso, R. (2013). The TEACCH program for children and adults with autism: a meta-analysis of intervention studies. Clin Psychol Rev, 33(8), 940-953.

Wolf, M. M. (1978). Social validity: the case for subjective measurement or how applied behavior analysis is finding its heart. Journal of Applied Behavior Analysis, 11(2), 203-214.

 

9 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Kritik, Verhaltensanalyse

Durch habit reversal beim Vortrag Pausenfüller vermeiden

Die Technik der Gewohnheitsänderung (habit reversal) besteht aus zwei Teilen (Azrin & Nunn, 1973; Miltenberger, Fuqua & Woods, 1998). Im ersten Teil, der Bewusstmachung, lernt der Klient zunächst das unerwünschte Verhalten (die Gewohnheit) zu beschreiben und bei sich selbst festzustellen. Hierzu wird zunächst mit dem Therapeuten besprochen, wie die unerwünschte Verhaltensweise genau aussieht (die Topographie des Verhaltens definiert). Anschließend soll er das unerwünschte Verhalten zum Beispiel in einem Videoclip von sich selbst entdecken. Schließlich soll der Klient das unerwünschte Verhalten auch dann bei sich entdecken, wenn er das Verhalten in vivo zeigt. Dies soll er dem Therapeuten mitteilen, indem er zum Beispiel die Hand hebt. Übersieht der Klient ein unerwünschtes Verhalten, soll ihn der Therapeut darauf hinweisen, zum Beispiel indem er selbst die Hand hebt. Das Training zur Bewusstmachung ist dann abgeschlossen, wenn der Klient das unerwünschte Verhalten in vivo bei sich selbst in 100 % aller Fälle richtig feststellen kann. Der zweite Teil der Gewohnheitsänderung ist das Einüben einer inkompatiblen Verhaltensweise. Je nachdem, um welches Verhalten es sich handelt und wie seine Topographie beschaffen ist, überlegen sich Klient und Therapeut gemeinsam, welche alternative Verhaltensweise der Klient zeigen könnte, wenn er den Impuls, das unerwünschte Verhalten zu zeigen, verspürt. Auch dies übt der Klient dann wiederum gemeinsam mit dem Therapeuten, der ihm entsprechendes positives und konstruktives Feedback gibt.

Mancuso und Miltenberger (2016) wendeten die Technik der Gewohnheitsänderung auf das Problem der Pausenfüller in Vorträgen an. Viele Menschen verwenden in Vorträgen Pausenfüller in Form von sinnlosen Silben wie „ähm“, „mh“ usw. oder als sinnlos eingesetzten sinnvolle Wörter wie z. B. „also“, „sozusagen“ usw. Mancuso und Miltenberger (2016) sehen eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Pausenfüllern und dem Stottern, bei dem die Technik der Gewohnheitsänderung bereits erfolgreich eingesetzt wurde (Wagaman, Miltenberger & Arndorfer, 1993). Pausenfüller werden sowohl vom Vortragenden als auch von den Zuhörern als störend empfunden. Zudem gibt es Hinweise, dass Vortragende, die viele Pausenfüller verwenden, weniger glaubwürdig wirken (Clark & Fox Tree, 2002).

An der Studie von Mancuso und Miltenberger (2016) nahmen sechs Studentinnen der angewandten Verhaltensanalyse teil, die den Wunsch geäußert hatten, ihre Fertigkeiten im öffentlichen Vortrag zu verbessern. Sowohl während der Basisratenbeobachtung als auch während der Intervention sollten die Studentinnen mehrfach mindestens dreiminütige und höchstens fünfminütige Kurzvorträge halten, wobei die Forscherin aus 25 Themen von allgemeinem Interesse und 22 Themen der angewandten Verhaltensanalyse auswählte. Während der Basisrate verwendeten die Studentinnen im Schnitt 7,4 Pausenfüller je Minute. Anschließend durchliefen sie das Training zur Gewohnheitsänderung. Zunächst wurden ihnen die Pausenfüller bewusstgemacht, indem sie gemeinsam mit der Forscherin definiert wurden. Ein Pausenfüller war demnach eine (im Englischen) sinnlose Silbe wie „um“, „uh“, „ah“ oder „er“. Als Pausenfüller galten auch das Schnalzen mit der Zunge und die (in diesem Zusammenhang sinnlose) Verwendung des Wortes „like“. Die Studentinnen sahen sich dann in einem dreiminütigen Videoclip einen ihrer Vorträge aus der Basisratenbeobachtung an. Dabei sollten sie alle Verwendungen von Pausenfüller entdecken. Danach hielten sie wiederum einen drei- bis fünfminütigen Vortrag, bei dem sie durch das Heben der rechten Hand anzeigen sollten, wenn Sie einen Pausenfüller verwendeten. Durch das Heben der linken Hand zeigten sie an, wenn sie bei sich den Impuls verspürten, einen Pausenfüller zu verwenden. Die Forscherin zeigte der Studentin ebenfalls durch das Heben ihrer Hand an, wenn sie einen Pausenfüller bemerkte. Das Training zur Bewusstmachung der Pausenfüller endete, wenn es der Studentin gelang, alle Fälle von Pausenfüller an bei sich selbst zu entdecken oder wenn sie mindestens 85 % aller Pausenfüller in zwei aufeinanderfolgenden Vorträgen entdecken konnte. Anschließend übten die Studentinnen alternative Verhaltensweisen für die Verwendung von Pausenfüller ein. Wenn sie den Impuls verspürten, sinnlosen Silben wie „um“, „uh“, „ah“ oder „er“ zu verwenden, sollten sie stattdessen für drei Sekunden schweigen. Statt des Schnalzens mit der Zunge sollten Sie Ihre Zunge so im Mund platzieren, dass sie die Rückseite der Vorderzähne unten berührte. Diese Position sollte sie dann drei Sekunden lang halten. Das Ersatzverhalten für das sinnlose Verwenden von „like“ bestand darin, dass die Studentin den Satz noch einmal von vorne begann, ohne das Wort zu verwenden. Während des Trainings gab die Forscherin der Studentin einen Hinweis, wenn sie einen Pausenfüller verwendete, ohne das Ersatzverhalten innerhalb von zwei Sekunden zu zeigen. Das Training erstreckte sich über mehrere Sitzungen und wurde abgeschlossen, wenn die Studentin 80 % weniger Pausenfüller verwendete als während der Basisratenbeobachtung. Das Training bewirkte bei den Studentinnen, dass sie nun im Schnitt nur noch 1,4 Pausenfüller je Minute verwendet. Zwei bis fünf Wochen nach Abschluss des Trainings wurde eine Nachuntersuchung durchgeführt. Dabei waren die Studentinnen nach wie vor in der Lage, kaum bis gar keine Pausenfüller zu verwenden. Die Studentinnen wurden jetzt auch danach gefragt, wie sie die Maßnahme fanden (soziale Validität). Auf einer Skala von 1 bis 5 gaben die Studentinnen einen Mittelwert von 4,2 an, der besagte, dass sie das Training insgesamt mochten, sowie akzeptabel und hilfreich fanden. Sowohl vor als auch nach dem Training füllten die Studentinnen einen Fragebogen aus, indem sie angeben sollten, wie gut sie ihre Fähigkeiten im freien Sprechen einschätzten. Insgesamt verbesserte sich dieser Wert von im Schnitt 2,26 auf 2,97. Die Fragen, bei denen die Studentinnen die größten Verbesserungen bei sich selbst feststellten, bezogen sich darauf, wie wohl sie sich beim Vortrag fühlten und wie gut sie mit dem Problem der Pausenfüller im öffentlichen Vortrag umgehen konnten.

Literatur

Azrin, N. H. & Nunn, R. G. (1973). Habit-reversal: A method of eliminating nervous habits and tics. Behaviour Research and Therapy, 11(4), 619-628.

Clark, H. H. & Fox Tree, J. E. (2002). Using uh and um in spontaneous speaking. Cognition, 84(1), 73-111.

Mancuso, C. & Miltenberger, R. G. (2016). Using habit reversal to decrease filled pauses in public speaking. J Appl Behav Anal, 49(1), 188-192.

Miltenberger, R. G.; Fuqua, R. W. & Woods, D. W. (1998). Applying behavior analysis to clinical problems: review and analysis of habit reversal. Journal of Applied Behavior Analysis, 31(3), 447-469.

Wagaman, J. R.; Miltenberger, R. G. & Arndorfer, R. E. (1993). Analysis of a simplified treatment for stuttering in children. Journal of Applied Behavior Analysis, 26(1), 53-61.

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter Therapie, Verhaltensanalyse

Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

2 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Psychologie, Skepsis, Therapie

Neues vom Dodo-Bird: Nicht alle Psychotherapien sind gleich wirksam

Die Dodo-Bird-Hypothese in der Psychotherapieforschung geht auf eine Literaturübersicht von Luborsky et al. (1975) zurück. Dort wurde festgestellt, dass es zwischen den verschiedenen Psychotherapieverfahren keine Unterschiede hinsichtlich deren Wirksamkeit gibt. Die Bezeichnung „Dodo-Bird-Hypothese“ (oder “-Verdikt“) geht auf eine Figur in Lewis Carrolls Geschichte „Alice im Wunderland“ zurück. Dort äußerte der Dodo nach einem Wettkampf „Alle haben gewonnen und alle müssen einen Preis bekommen“. Gleiches gälte auch für die verschiedenen Psychotherapieverfahren, sei es Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie oder irgendein anderes Verfahren: Alle haben gewonnen, alle helfen den Patienten mehr oder weniger gut. Zuletzt bekräftigte eine Metaanalyse von Wampold et al. (1997) die Dodo-Bird-Hypothese (vgl. auch hier).

Marcus et al. (2014) kritisieren die Arbeiten zur Dodo-Bird-Hypothese. Sie berücksichtigten nicht, dass nicht alle Therapien für alle Krankheiten gleichermaßen wirksam sind. Sie ziehen folgenden Vergleich: Angenommen es gäbe eine Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Pharmakologie. Demnach würden alle Medikamente gleich gut wirken. Ihre Wirkung sei allein auf allen Medikamenten gemeinsame Faktoren zurückzuführen (z. B. das Schlucken einer Pille, die Verschreibung durch den Arzt). In der Forschung würde man nun die Anwendung verschiedenster Medikamente zur Behandlung verschiedener Krankheiten und Symptomen studieren, z. B. von Antibiotika und Chemotherapie bei Krebs, von Antidepressiva und Antihistaminen bei Husten usw. Über alle Studien käme heraus, dass es keine Unterschiede zwischen der Wirkung der Medikamente gibt. Dieser Null-Effekt kann darauf zurückgeführt werden, dass beide Behandlungsmethoden gleichermaßen unwirksam sind (Antibiotika und Antidepressiva bei Lungenkrebs) oder dass sie gleichermaßen effektiv sind. Diese Untersuchung würde nicht die schon augenscheinlich absurde Frage klären, ob Antibiotika oder Antihistamine („an sich“) besser sind. Es ist nicht nötig, dass Antibiotika immer besser wirken als andere Medikamente, damit man diese Dodo-Bird-Hypothese der Pharmakologie zurückweisen kann. Ebenso müssen verhaltensorientierte Psychotherapien nicht immer besser abschneiden als psychodynamische, damit man die Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Psychotherapieforschung widerlegen kann.

Marcus et al.s (2014) nunmehr vorgelegte Metaanalyse berücksichtigt 51 seit der Metaanalyse von Wampold et al. (1997) erschienenen Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapien. Die Autoren fanden deutliche Belege für die unterschiedliche Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren. Dies galt vor allem für die primäre Wirksamkeit (den Erfolg der Therapie unmittelbar nach der Therapie), weniger für die Follow-Up-Untersuchungen. Insgesamt erwiesen sich kognitiv-verhaltensorientierte Therapien als wirksamer als die anderen Verfahren. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien nur den psychodynamischen (u. ä.) Therapien als wirklich überlegen. Im Vergleich mit der „reinen“ Verhaltenstherapie (und der Akzeptanztherapie ACT) schnitten die kognitiv-verhaltensorientierten Verfahren nicht nennenswert und nicht signifikant besser ab. Interessant ist eine Betrachtung der Wirksamkeit bei verschiedenen Störungsbildern. Insbesondere bei Angststörungen sind die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien den „anderen“ Verfahren (insgesamt) nur wenig überlegen. Dies liegt vermutlich daran, dass reine Verhaltenstherapien (die hier mit den psychodynamischen und allen anderen Verfahren zu den „anderen“ gezählt werden) bei Angststörungen nachgewiesen wirksam sind (Barlow, 2004). Eine frühere Metaanalyse (Tolin, 2010) hatte die kognitive und die reine Verhaltenstherapie zusammen mit den anderen Therapien verglichen und eine deutlich höhere Wirksamkeit von (kognitiv-)verhaltensorientierten Verfahren im Gegensatz zu den „anderen“ Verfahren festgestellt.

Literatur

Barlow, D. H. (2004a). Anxiety and its disorders: The nature and treatment of anxiety and panic (2nd ed.). New York: Guilford Press.

Luborsky, L.; Singer, B. & Luborsky, L. (1975). Comparative studies of psychotherapies: Is it true that “Everyone has won and all must have prizes?”. Archives of General Psychiatry, 32, 995-1008.

Marcus, David K.; O’Connell, Bebra; Norris, Alyssa L. & Sawaqdeh, Abere. (2014). Is the Dodo bird endangered in the 21st century? A meta-analysis of treatment comparison studies. Clinical Psychology Review, 34, 519-530. http://dx.doi.org/10.1016/j.cpr.2014.08.001

Tolin, David F. (2010). Is cognitive-behavioral therapy more effective than other therapies? A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30(6), 710-720. doi:10.1016/j.cpr.2010.05.003

Wampold, B. E.; Mondin, G.W.; Moody, M.; Stich, F.; Benson, K. & Ahn, H. (1997). A metaanalysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empirically, ‘all must have prizes’. Psychological Bulletin, 122, 203-215.

11 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, Therapie

Verhaltensaktivierung bei Depressionen

Die Aktivierung des Betroffenen ist entscheidend für die Behandlung von Depressionen. Die Veränderung der „kognitiven Strukturen“ scheint dagegen unwirksam bis unnütz zu sein.

„Es ist ein Irrtum, zu meinen, wir litten an unseren Gefühlen. Wir leiden an den mangelhaften Verstärkungskontingenzen, die für unsere Gefühle verantwortlich sind“ (Skinner, 1987, S. 154, Übersetzung CB).

Depressionen sind die häufigste psychische Erkrankungen überhaupt. Als wenigstens zum Teil erfolgreich in der Behandlung von Depressionen haben sich u. a. die kognitive Verhaltenstherapie (Cognitive Behavior Therapy, CBT), die kognitive Therapie (Cognitive Therapy, CT), die Verhaltenstherapie (Behavior Therapy, BT) und die interpersonale Therapie (IT) erwiesen (Cullen et al., 2006).

Verhaltensanalytiker betrachten Depressionen als Verlust von oder Mangel an verhaltenskontingenter positiver Verstärkung (vgl. auch hier). Das bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, wer durch seine Handlungen keine positive Verstärkung erlangt, wird depressiv. Dieser Zustand wird oft durch aversive Lebensereignisse ausgelöst, die zum Verlust von Verstärkungsmöglichkeiten führen (z. B. den Tod des Partners oder den Verlust an körperlicher Leistungsfähigkeit). Menschen, die an Depressionen leiden, tun also selten etwas, dass ihnen Spaß macht. Dafür tun sie häufig etwas, um unangenehmen Ereignissen zu entgehen. Anders ausgedrückt: Ihr Verhalten wird vor allem von negativer Verstärkung bestimmt.

Die Verhaltensaktivierung (Behavioral Acitvation, BA) ist eine Therapie auf verhaltensanalytischer Basis. Sie geht zurück auf eine Untersuchung von Jacobson und anderen (1996), die (entgegen ihrer eigentlichen Erwartung) festgestellt hatten, dass eine reine verhaltensorientierte Form der kognitve Verhaltensthearpie (CBT) genauso effizient ist wie die komplette CBT (auch bis zu zwei Jahre nach der Behandlung, vgl. Gortner et al., 1998). Das Ziel der BA ist es, eine angemessene Verteilung der Verstärkung im Leben des Patienten zu erreichen. Seit Jacobson und Kollegen (1996) wurde die BA deutlich weiter entwickelt hin zu einer ideographischen und funktional-analytischen Therapie.

Die kognitive Verhaltensthearpie (CBT) und die kognitive Therapie (CT) gehen auf einen Aspekt der sogenannten kognitiven Wende zurück, nach dem es nicht genügen sollte, „nur“ das Verhalten zu ändern, sondern dass eine Veränderung der „depressiven Schemata“ und „kognitiven Strukturen“ erforderlich ist. Mittlerweile gilt die CBT als der „beste Standard“ für die Behandlung von Depressionen. Doch die Studien von Jacobson und anderen (1996) stellten das Dogma der CBT, dass die depressiven Schemata und kognitiven Strukturen „direkt“ behandelt werden müssten, in Frage.

Die Verhaltensaktiviationstherapie (BA) ist eine wesentlich sparsamere, schnellere und kostengünstigere Therapie als die komplette CBT. Sie ist auch sowohl für den Therapeuten als auch für den Klienten leichter zu bewältigen als die CBT. Die Aktivationstherapie (behavioral activation) wurde als ein fundiertes Verfahren zur Behandlung von Depressionen von der amerikanischen Psychologenvereinigung APA anerkannt (Mazzucchelli et al., 2009). In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie (RCT) wurde festgestellt, dass die Aktivationstherapie genauso wirksam ist wie eine Medikation mit Antidepressiva und während der akuten Behandlung wirksamer als die als Gold-Standard geltende kognitive Verhaltenstherapie (CBT). In der Prävention von Rückfällen war sie im Beobachtungszeitraum von zwei Jahren der KVT vergleichbar und nachhaltiger und kosteneffizienter als die Medikation mit Antidepressiva (Dobson et al., 2008). Einen Überblick über die Forschung zur Wirksamkeit der Aktivationstherapie geben mehrere Metaanalysen (Cuijpers et al. 2007, 2008; Ekers et al., 2007, 2014; Mazzucchelli et al., 2009, 2010). Diese Studien und Metaanalyse zeigen durchgehend, dass die Effektstärke der Verhaltensaktivierung mit der der kognitiven Therapie vergleichbar oder ihr überlegen war. Zudem gibt es Hinweise, dass die Verhaltensaktivierung seltener zu Therapieabbrüchen führt. In einer Studie zeigte sich die Verhaltensaktivierung auch der Pharmakotherapie als überlegen, da sie seltener zu Rückfällen führte (vgl. auch Sturmey, 2009). Verhaltensaktivierung wird mittlerweile vielfältig eingesetzt, insbesondere bei Populationen, die bei der CBT weniger Erfolgsaussichten haben (Lehmann & Bördlein, 2020; Martin & Oliver, 2019; Martínez-Vispo et al., 2018).

Literatur

Cuijpers, P., van Straten, A., Andersson, G., & van Oppen, P. (2008). Psychotherapy for depression in adults: a meta-analysis of comparative outcome studies. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 76(6), 909-922. https://doi.org/10.1037/a0013075

Cuijpers, P., van Straten, A., & Warmerdam, L. (2007). Behavioral activation treatments of depression: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 27(3), 318-326. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/j.cpr.2006.11.001

Cullen, J. M., Spates, C. R., Pagoto, S., & Doran, N. (2006). Behavioral activation treatment for major depressive disorder: A pilot investigation. The Behavior Analyst Today, 7(1), 151-166. https://doi.org/10.1037/h0100150

Dobson, K. S.; Hollon, S. D.; Dimidjian, S.; Schmaling, K. B.; Kohlenberg, R. J.; Gallop, R.; Rizvi, S. L.; Gollan, J. K.; Dunner, D. L. & Jacobson, N. S. (2008). Randomized trial of behavioral activation, cognitive therapy, and antidepressant medication in the prevention of relapse and recurrence in major depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 76(3), 468-477. doi: 10.1037/0022-006X.76.3.468 PDF 1,29 MB

Ekers, D.; Richards, D. & Gilbody, S. (2008). A meta-analysis of randomized trials of behavioural treatment of depression. Psychological Medicine, 38(5), 611-623. https://doi.org/10.1017/S0033291707001614

Ekers, D., Webster, L., Van Straten, A., Cuijpers, P., Richards, D., & Gilbody, S. (2014). Behavioural activation for depression; an update of meta-analysis of effectiveness and sub group analysis. PLoS One, 9(6), e100100-e100100. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0100100

Gortner, E. T.; Gollan, J. K.; Dobson, K. S. & Jacobson, N. S. (1998). Cognitive behavioral treatment for depression: Relapse prevention. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 66(2), 377-384. https://doi.org/10.1037//0022-006x.66.2.377

Jacobson, N. S.; Dobson, K. S.; Truax, P. A.; Addis, M. E.; Koerner, K.; Gollan, J. K. et al. (1996). A component analysis of cognitive-behavioral treatment for depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64, 295-304. https://doi.org/10.1037/0022-006X.64.2.295

Lehmann, D. C., & Bördlein, C. (2020). A systematic review of culturally adapted behavioral activation treatments for depression. Research on Social Work Practice. https://doi.org/10.1177/1049731520915635

Martin, F., & Oliver, T. (2019). Behavioral activation for children and adolescents: a systematic review of progress and promise. European child & adolescent psychiatry, 28(4), 427-441. https://doi.org/10.1007/s00787-018-1126-z

Martínez-Vispo, C., Martínez, Ú., López-Durán, A., Fernández Del Río, E., & Becoña, E. (2018). Effects of behavioural activation on substance use and depression: a systematic review. Substance abuse treatment, prevention, and policy, 13(1), 36-36. https://doi.org/10.1186/s13011-018-0173-2

Mazzucchelli, Trevor G.; Kane, Robert T. & Rees, Clare S. (2009). Behavioral activation treatments for depression in adults: A meta-analysis and review. Clinical Psychology: Science and Practice, 16(4), 383-411. https://doi.org/10.1111/j.1468-2850.2009.01178.x

Mazzucchelli, Trevor G.; Kane, Robert T. & Rees, Clare S. (2010). Behavioral activation interventions for well-being: A meta-analysis. The Journal of Positive Psychology, 5(2), 105-121. https://doi.org/10.1080/17439760903569154

Sturmey, Peter. (2009). Behavioral activation is an evidence-based treatment for depression. Behavior Modification, 33(6), 818-829. https://doi.org/10.1177/0145445509350094

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Therapie, Verhaltensanalyse

„Tiefendruck“ ist ein Verstärker

Von Pseudotherapien kann man tatsächlich etwas lernen. Von der Sensorischen Integrationstherapie etwa, dass das Eingepackt-werden-in-Matten für das Verhalten einiger Kinder ein Verstärker ist. Gut zu wissen. Hoffentlich wissen das auch die Anwender dieser Methode.

Einige Ergotherapeuten verwenden im Rahmen der sogenannten sensorischen Integrationstherapie verschiedene Maßnahmen, bei denen das behandeltet Kind einem physischen Druck ausgesetzt wird. Das Kind wird z. B. zwischen Matten oder Kissen gepackt oder vom Therapeuten gedrückt, auch von einer „Knuddel-Maschine“ (Edelson et al., 1999) wird berichtet. Dieser Behandlung liegt die Annahme zugrunde, dass der „Tiefendruck“ eine langanhaltende beruhigende Wirkung habe.

McGinnis et al. (2013) stellen sich die Frage, ob diese Maßnahmen als Verstärker wirken. Die Therapeuten verwenden diesen Tiefendruck vor allem, um Kinder, die problematisches Verhalten zeigen, zu beruhigen. Wenn Tiefendruck ein Verstärker ist, steht zu befürchten, dass sich das Problemverhalten verschlimmert, wenn sein Einsatz kontingent auf das Problemverhalten erfolgt. Mit anderen Worten: Das Kind mag zwar durch den Tiefendruck vorübergehend ruhig werden, langfristig aber wird das Problemverhalten häufiger auftreten, denn es wird ja durch diese Maßnahme verstärkt.

McGinnis et al. (2013) testeten diese Maßnahmen auf ihre Verstärkerwirkung hin. Drei Kinder mit einer schweren Form des Autismus nahmen an den Versuch teil. Die Kinder sollten lernen, entweder auf ein Kreissymbol oder ein Dreieck zu deuten. Deuteten sie auf das richtige Symbol, wurden sie zwischen die zwei Hälften einer Gymnastikmatte gepackt (der Kopf und der Hals des Kindes waren natürlich frei). Die Anforderung an das Kind wechselte mit den Phasen der Untersuchung. Zunächst sollten die Kinder auf das Dreieck deuten. Das Verhalten der Kinder passte sich schnell an, sie deuteten nach wenigen Versuchen kaum mehr auf den Kreis, sondern fast ausschließlich auf das Dreieck. In der nächsten Phase sollten die Kinder den Kreis berühren. Auch hier passte sich das Verhalten der Kinder schnell an. Auch bei weiteren Wechseln änderte sich das Verhalten in Abhängigkeit von der geltenden Kontingenz (der Regel, welches Verhalten – das Deuten auf eines der beiden Symbole – dazu führte, dass das Kind anschließend für kurze Zeit zwischen die Matte gepackt wurde).

Dieser Versuch legt nahe, dass die übliche Praxis des Einpackens (die Ausübung von Tiefendruck) für das Verhalten der so behandelten Kinder ein Verstärker ist. Die Autoren empfehlen, diese Maßnahmen, wenn überhaupt, nur gezielt und im Wissen um ihre mögliche Verstärkereigenschaft einzusetzen, z. B. um erwünschtes Verhalten zu formen.

Literatur

Edelson, S. M.; Edelson, M. G.; Kerr, D. C. R. & Grandin, T. (1999). Behavioral and physiological effects of deep pressure on children with autism: A pilot study evaluating the efficacy of Grandin’s hug machine. American Journal of Occupational Therapy, 53, 145-152.

McGinnis, Amy A.; Blakely, Elbert Q; Hervey, Ada C.; Hodges, Ansley C. & Rickards, Joyce B. (2013). The behavioral effects of a procedure used by pediatric occupational therapists. Behavioral Interventions, 28(1), 48-57. PDF 257 KB

6 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Falschdarstellungen der verhaltensanalytischen Autismustherapie und der Erfolg der Pseudotherapien

Die wissenschaftlich abgesicherte verhaltensanalytisch fundierte Therapie bei Autismus wird oft falsch dargestellt. Zudem werden pseudowissenschaftliche Verfahren angepriesen (ich berichtete). Oft hängt das eine mit dem anderen zusammen: Die wissenschaftlich abgesicherte Therapie wird diffamiert, damit die pseudowissenschaftliche Therapie als Lösung verkauft werden kann. Ein Phänomen, das aus der Vermarktung der Alternativmedizin bekannt ist.

Die verhaltensanalytische Therapie gilt beim frühkindlichen Autismus als der Gold-Standard. Foxx (2008) berichtete, dass über 1000 wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften mit Gutachterverfahren erfolgreiche Ergebnisse der Therapie darstellen. Dennoch greifen sowohl Eltern als auch Therapeuten immer wieder zu Verfahren, für deren Wirksamkeit keine wissenschaftlichen Belege vorliegen. Sowohl die ethischen Richtlinien der amerikanischen Psychologenvereinigung als auch der Zertifizierungsstelle für Verhaltensanalytiker (BACB) betonen, dass ein ethisches Handeln voraussetzt, dass man nur die Verfahren einsetzt, die sich in einer wissenschaftlichen Überprüfung als wirksam erwiesen haben. Zwar verwenden einige dieser „alternativen“ Verfahren auch Methoden, wie sie ähnlich bei der verhaltensanalytischen Therapie eingesetzt werden. Dennoch ist ihr Einsatz in diesen alternativen Verfahren ohne eine wissenschaftliche Absicherung unethisch. Überaschenderweise nutzen sogar 16,4 % der zertifizierten Verhaltensanalytiker eine wissenschaftlich nicht abgesicherte Methode wie die sensorische Integrationstherapie (SIT), zum Teil parallel zu der verhaltensanalytischen Therapie (Schreck & Mazur, 2008). Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass die Verhaltensanalytiker erleben mussten, dass man ihren Methoden mit Misstrauen und Vorbehalten begegnet ist. Ein „Buffet-Ansatz“, bei dem sich Therapeut und Klient jeweils das aus dem Angebot an Therapien heraussuchen, was ihnen gerade zusagt, ist wohl leichter durchzuhalten als die strikte Befolgung der wissenschaftlich abgesicherten verhaltensanalytischen Therapie.

Schreck und Miller (2010) geben einen Leitfaden, wie man alternative Behandlungsansätze in der Praxis schnell einschätzen kann. Zudem nennen sie die verbreitetsten Argumente, die gegen die verhaltensanalytische Therapie vorgebracht werden.

Hier ihr Leitfaden, wie man als Praktiker verfahren soll, wenn man mit einer „alternativen“ Therapie konfrontiert wird:

  1. Prüfe, ob es Metaanalysen oder Übersichten (Reviews) zu dem Verfahren gibt. Sofern es mehrere gibt, wäge diese gegeneinander ab. Verfolge dabei auch die Kritik an diesen Metaanalysen und beurteile diese Kritik vor dem Hintergrund deiner Methodenkenntnisse im wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn die vorliegenden Metaanalysen und Übersichten nahelegen, dass das Verfahren wirksam ist, dann kannst du es ggf. auch einsetzen.
  2. Wenn es keine solchen Überblicksarbeiten gibt, verschaffe dir einen Überblick über die vorliegenden Studien zum Verfahren. Um die Qualität dieser Studien zu beurteilen, greife wiederum auf deine Methodenkenntnisse zurück und stelle dir u. a. folgende Fragen: Gibt es in diesen Studien eine Kontrollgruppe? Wurden die Versuchspersonen den Gruppen zufällig zugewiesen? Wurde die Studie in einer Zeitschrift mit Gutachterverfahren veröffentlicht? Usw.
  3. Wenn es kaum oder keine Studien zu dem Verfahren als Ganzes gibt, prüfe, ob es einzelne Komponenten dieses Verfahrens wissenschaftlich geprüft wurden. Beachte dabei:
    1. Die theoretische Basis dieses Verfahrens.
    2. Die verwendeten Methoden.
    3. Die Wirksamkeitsbehauptungen.

Welche dieser Komponenten kann sich auf fundierte Forschung berufen? Steht beispielsweise die theoretische Grundlage des Verfahrens in Widerspruch zu den wohletablierten Kenntnissen der Grundlagenwissenschaften? Können die Techniken zumindest theoretisch überhaupt funktionieren? Ist es z. B. wahrscheinlich, dass man durch Bewegungen der Extremitäten auf einer Körperseite nicht nur die motorischen Neuronen der gegenüberliegenden Hirnhälfte aktiviert, sondern auch bestimmte kognitive Fähigkeiten? Wenn dies zweifelhaft erscheint und zudem keine Wirksamkeitsbelege für das Verfahren oder Teile des Verfahrens vorliegen, sollte man davon Abstand nehmen, dieses Verfahren zu verwenden.

  1. Wenn anekdotische Belege für den Nutzen des Verfahren oder einzelner Techniken vorliegen, sollte man fragen, auf welche Weise diese scheinbaren Erfolge entstanden sein können. Eine Besserung der Symptome nach der Anwendung der Methoden des unwissenschaftlichen Verfahrens muss nicht bedeuten, dass das Verfahren wirksam ist (Wer-heilt-hat-Recht-Fehler).
  2. Wenn es naheliegt, dass tatsächlich die eingesetzten Methoden des unwissenschaftlichen Verfahrens wirksam waren, es andererseits jedoch unwahrscheinlich ist, dass die dem Verfahren zugrundeliegende Theorie gültig ist, dann überlege, welche anderen, verhaltenswissenschaftlich fundierten Prozesse für den anscheinenden Erfolg der Maßnahmen verantwortlich sein könnten.

Schreck und Miller (2010) demonstrieren den Einsatz dieses Leitfadens anhand der sensorischen Integrationstherapie (SIT).

  1. Es liegen keine Metaanalysen und Übersichtsarbeiten zur SIT vor.
  2. Es gibt auch keine Wirksamkeitsstudien, die den üblichen Kriterien genügen
  3. Es gibt keine publizierten wissenschaftlichen Studien, die die theoretischen Grundlagen der SIT belegen könnten. Einzelne Methoden der SIT (wie die Anwendung von „Tiefendruck“, taktiler Stimulation, grobmotorischer Übungen usw.) wurden nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit hin geprüft.
  4. Es gibt zahlreiche Erfolgsanekdoten, die die Wirksamkeit von SIT und einzelnen Techniken der SIT belegen sollen. In der Regel sind diese Erfolge aber nur scheinbare Erfolge, da sich die Besserung entweder nicht belegen lässt oder auch durch andere Faktoren (z. B. zyklischer Verlauf von Erkrankungen oder Zeit und Reifung) erklärt werden kann.
  5. Einzelne Methoden haben tatsächlich eine Wirkung, die sich aber besser vor dem Hintergrund der Verhaltenswissenschaft als vor dem Hintergrund der unwissenschaftlichen Theorie der SIT erklären lassen. Z. B. konnte gezeigt werden, dass die beruhigende Wirkung der Ausübung von Tiefendruck sich durch Verstärkereigenschaften dieser Techniken erklären lässt (vgl.McGinnis et al., 2013).

Die von den Vertretern der SIT behaupteten Wirkungen der Therapie (eine verbesserte Fähigkeit zu fokusieren, Verbesserung der Funktion des Nervensystems, bessere Organisation der Gedanken und Gefühle) sind entweder nicht belegt oder aber nicht messbar. Erfolgsversprechen, die sich in einer konkreten Verhaltensänderung niederschlagen würden, werden seltener gemacht.

Insgesamt gesehen muss vom Einsatz der SIT oder einzelner Techniken der SIT vor diesem Hintergrund abgeraten werden.

Die Nachfrage nach SIT und anderen unwissenschaftlichen Verfahren speist sich jedoch nicht nur aus deren behaupteter Wirksamkeit. Die Ablehnung der verhaltensanalytisch fundierten Therapie bei Autismus (ABA) ist auch ein Grund für die Popularität von SIT. Diese Ablehnung resultiert aus den – oft von den Anhängern unwissenschaftlicher Verfahren verbreiteten – Falschdarstellungen von ABA. Die Anhänger „alternativer“ Autismustherapien folgen dabei dem bewährten Muster der Alternativmedizin: Schädige erst den Ruf der wissenschaftsbasierten Verfahren, um so Ablehnung und, wenn möglich, einen Nocebo-Effekt zu fördern und biete anschließend die eigenen wirkungslosen Verfahren als „sanfte“ und „nebenwirkungsfreie“ Alternative an.

Die verbreitetsten Falschdarstellungen lauten:

  1. „ABA ist rigide und mechanistisch“.

Dem steht die soziale Validität der ABA-Ansätze entgegen, d. h. sie sind nachvollziehbar und machen sich positiv im Alltag bemerkbar. Zudem lehrt ABA nicht vorrangig Gehorsam, sondern ein breites Spektrum an kognitiven und sozialen Fertigkeiten, die den Patienten bei der Lebensbewältigung helfen. Auch sind ABA-Programme immer das Resultat einer umfassenden Diagnose und Situationsanalyse, auf deren Grundlage ein individualisiertes Behandlungsprogramm zusammengestellt wird.

  1. „ABA verwendet vorrangig Strafen, die alternativen Ansätze dagegen nur positive Maßnahmen“.

ABA arbeitet hauptsächlich mit positiver Verstärkung und nur in sehr geringem Ausmaß, bei sehr klar definierten Problemen, mit aversiven Maßnahmen, z. B. dann, wenn andere Maßnahmen nicht wirken und der Schaden für das Kind (z. B. durch lebensgefährdendes selbstverletzendes Verhalten) bei Unterlassung erheblich wäre. Auch gilt hier, dass immer die am wenigsten beeinträchtigende Maßnahme gewählt werden soll (also nicht „Schläge und Elektroschocks“, sondern allenfalls Entzug eines Spielzeugs oder das Sprühen eines feinen Wassernebels ins Gesicht). Bei alternativen Verfahren wird dagegen in der Regel überhaupt nicht geprüft, ob eine eingesetzte Methode ein Strafreiz sein könnte (z. B. in eine enge „Körpersocke“ gepresst zu werden). Bestenfalls dient hier das Ausbleiben von heftiger Gegenwehr des Kindes als Indiz, dass das Kind die Behandlung dulde. Mit ähnlichen Argumenten wird ja auch verteidigt, dass Säuglingen ohne Betäubung Schmerz zugefügt wird (z. B. bei Beschneidungen), diese hätten kein Schmerzgedächtnis und das Weinen sei nicht notwendigerweise der Ausdruck von Schmerz. Nur weil es sich nicht artikulieren kann, bedeutet dies nicht, dass das Kind die Behandlung gut findet. Verhaltensanalytiker erkennen dagegen einen Strafreiz auch daran, dass er dazu führt, dass ein Verhalten, auf das er kontingent folgt, seltener auftritt – eine ausgesprochen objektive und die einzig wissenschaftlich fundierte Methode zur Feststellung, ob eine Maßnahme aversiv ist oder nicht.

  1. „ABA ist aufwändig und teuer, alternative Verfahren dagegen sind billig und einfach“.

Sicherlich kostet eine ABA-Therapie anfänglich mehr als die meisten alternativen Verfahren. Auch ist sie aufwändig, sowohl was die zu investierende Zeit als auch was die Ausbildung und die Fertigkeiten des Therapeuten angeht. Viele alternative Verfahren sind dagegen leicht zu erlernen und anzuwenden. Sie suggerieren, dass es für ein komplexes Problem eine einfache Lösung gibt. Dies macht Verfahren wie SIT für vielbeschäftigte Therapeuten und Pfleger so attraktiv.

  1. „Alle Kinder mit Autismus sollten dieselbe Behandlung bekommen“.

ABA-Therapeuten machen wenige Vorannahmen über autistische Kinder, sie gehen nicht davon aus, dass alle autistischen Kinder mehr oder weniger die gleichen Symptome haben, sondern sie verlassen sich auf eine eingehende Analyse, um herauszufinden, welche Probleme unter welchen Umständen auftreten. Die Anhänger von SIT dagegen setzen voraus, dass alle Kinder, denen die Diagnose „Autismus“ zugewiesen wurde, ein Problem mit der Verarbeitung ihrer Sinnesreize, der „sensorischen Integration“ hätten.

  1. „Alternative Verfahren sind harmlos, warum also sollte man sie nicht verwenden?“

Schreck und Miller (2010) bezeichnen dies als den Buffet-Ansatz der Autismustherapie. Wie an einem Buffet sucht man sich aus dem Angebot an Therapien und Methoden das heraus, was einem zusagt. Es gibt aber, so könnte man anmerken, keine Wahrheit im Falschen. Ein wirkungsloses Verfahren trägt nichts zu einer wirkungsvollen Behandlung bei, es parasitiert aber bei der erwiesenermaßen wirkungsvollen verhaltensanalytischen ABA-Therapie, sofern diese zeitgleich ausgeführt wird. Die Besserung, die ABA bewirkt, wird ganz oder teilweise dem „alternativen“ Verfahren zugeschrieben. Man kennt dieses Phänomen von der Alternativmedizin. Zusätzlich zum Antibiotikum werden Globuli oder andere Placebos eingenommen. Geht es dem Patienten besser, wird dies den Globuli zugeschrieben, geht es ihm schlechter, lag dies an den Nebenwirkungen der Antibiotika.

  1. „Viele Kunden berichten von Erfolgen der alternativen Verfahren“

Erfolgsanekdote und andere unzuverlässige Belege gibt es in der Szene zuhauf. Sie sagen aber rein gar nichts über die tatsächliche Wirksamkeit der alternativen Verfahren aus.

  1. „Das alternative Verfahren existiert schon so lange. Dies ist ein Beleg für seinen Nutzen“.

Dies ist ein Appell an die Tradition und insofern ein ungültiges Argument. Auch die Sklaverei und die Unterdrückung der Frau können auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblicken, dies bedeutet jedoch nicht, dass diese gesellschaftlichen Zustände „richtig“ waren. Ebenso blickt die Astrologie auf eine Jahrtausende währende Geschichte zurück, auch dies sagt nichts über ihre Gültigkeit aus. Zudem passen sich auch alternative Verfahren mit der Zeit an, um so der Widerlegung zu entgehen. Doch in jeglicher Form fallen sie durch, wenn sie denn wissenschaftlich getestet werden. Jedes Jahr tauchen neue Formen sogenannter alternativer Verfahren auf. Die Wissenschaft kommt schlicht nicht hinterher damit, sie alle zu prüfen. Daher sollte man erst dann ernsthaft über solche Verfahren diskutieren, wenn sie jenseits der allfälligen Erfolgsanekdoten erste Belege für ihre Wirksamkeit vorlegen können.

Schreck und Miller verweisen darauf, wie schwierig es ist, als Therapeut bei seinen wissenschaftlichen Standards zu bleiben. Der Druck von Seiten der Medien und der Eltern, auch „alternative“ Verfahren in einem Behandlungs-Buffet anzubieten, ist enorm. Mit dem vorgestellten Leitfaden und der Argumentationshilfe zur Entgegnung auf Falschdarstellungen des ABA-Ansatzes möchten sie eine Hilfestellung geben. Der Artikel enthält zudem eine ausführliche, thematisch sortierte Literaturliste, um auf diese Falschdarstellungen fundiert reagieren zu können.

Literatur

Foxx, R. M. (2008). Applied behavior analysis treatment of autism: The state of the art. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America, 17(4), 821-834.

McGinnis, Amy A.; Blakely, Elbert Q; Hervey, Ada C.; Hodges, Ansley C. & Rickards, Joyce B. (2013). The behavioral effects of a procedure used by pediatric occupational therapists. Behavioral Interventions, 28(1), 48-57. PDF 257 KB

Schreck, K. A. & Mazur, A. (2008). Behavior analyst use of and beliefs in treatments for people with autism. Behavioral Interventions, 23(3), 201-212.

Schreck, Kimberly A. & Miller, Victoria A. (2010). How to behave ethically in a world of fads. Behavioral Interventions, 25(4), 307-324. PDF 152 KB

Smith, T.; Mruzek, D. W. & Mozingo, D. (2005). Sensory integrative therapy. In J. W. Jacobson, R. M. Foxx & J. A. Mulick (Eds.), Controversial therapies for developmental disabilities: Fad, fashion and science in professional practice (pp. 331-350). Mahwah, NJ, US: Lawrence Erlbaum Associates Publishers.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse

Grübeln Sie bitte…Jetzt!

Wer viel grübelt und sich Sorgen macht, sollte sich vornehmen, eine halbe Stunde am Tag intensiv darüber nachzudenken, was ihn belastet. Das ist besser als den ganzen Tag über mehr oder weniger viel zu grübeln.

Eines der wichtigsten und am meisten belastenden Symptome der Depression ist die Grübelei und das ständige Sich-Sorgen-Machen. Auch unabhängig von einer eigentlichen Depression tritt sie auf. Betroffene klagen darüber, dass sie unangenehmen Gedanken zu jeder Zeit nachhängen. Die Gedanken lassen sich auch nicht einfach abstellen.

Fasst man das stete Nachdenken über Unangenehmes als Verhalten auf, ergibt sich folgendes Bild: Grübelei, die in vielen verschiedenen Situationen auftaucht, steht unter unzureichender Stimuluskontrolle. Jede Situation, jede Tageszeit und eine Unzahl an Hinweisreizen in der Umgebung des Grüblers sind auslösend für das Grübeln. Jeder Gegenstand und jede Person, alles führt seine Gedanken über kurz oder lang zum Thema seiner Grübelei.

Ein Verhalten, das unter guter Stimuluskontrolle steht, tritt dagegen nur in einer ganz bestimmten Situation auf. Der Grübler aber grübelt von früh bis spät, zuhause, auf der Arbeit, auf dem Weg zur Arbeit, wann immer sich die Gelegenheit ergibt. Mehr oder weniger gelingt es ihm, das Grübeln abzustellen, wenn er sich auf eine Aufgabe konzentrieren muss. Im schlimmsten Fall aber kollidiert das Grübeln mit den anderen Aufgaben, für die dann die Konzentration fehlt.

Verhaltensanalytiker versuchen daher, ihren Klienten zu helfen, wieder die Macht über ihre Gedanken zu erlangen. Das Prinzip lautet, die Stimuluskontrolle wieder herzustellen (Behar & Borkovec 2005, 2009). Dies erfordert vom Grübler, vier Regeln zu beachten (Borkovec et al., 1983):

  1. Erkenne, welches die unangenehmen und grüblerischen Gedanken sind und lerne, sie von den angenehmeren Gedanken zu unterscheiden.
  2. Lege eine dreißigminütige Zeitspanne fest, in der du grübeln darfst. Diese soll immer am selben Ort und zur selben Tageszeit stattfinden.
  3. Schiebe spontane Grübeleien auf diese Grübelphase auf und konzentriere dich jeweils auf den gegenwärtigen Moment.
  4. Konzentriere dich in der Grübelphase auf die Sorgen und Probleme. Überlege und plane in dieser Phase, wie du diese Probleme lösen willst.

Grübelei ist oft mit Schlafstörungen verbunden. Bootzin entwickelte bereits 1972 ein Stimuluskontrolltraining zur Behandlung der Schlaflosigkeit, das auf der Grundlage des klassischen Konditionierens beruht. Ein wichtiger Hinweis zur sogenannten Schlafhygiene lautet, dass man immer zu denselben Zeiten im gleichen Raum schlafen soll, wo man auch nur schläft und sonst nichts anderes tut. Liegt man länger wach, soll man den Raum verlassen und etwas anderes tun. Dem liegt die Überlegung zugrunde, die Stimuluskontrolle des Schlafzimmers für das Verhalten „Schlafen“ zu verbessern. Menschen mit Schlafstörungen schlafen oft zu verschiedenen Zeiten oder liegen im Bett lange wach. Dies führt dazu, dass die Reaktion „Schlafen“ mit vielen verschiedenen Situationen verbunden wird und das Schlafzimmer der Auslöser nicht nur für das Schlafen, sondern auch für andere Aktivitäten (Grübeln, Lesen, Fernsehen) ist. Die Ratschläge gegen Grübelei haben mit diesem Ratschlag zur Schlafhygiene vieles gemeinsam.

Aus verhaltensanalytischer Sicht ist die Stimuluskontrolle der Grübelei zwar plausibel, doch gibt es erst noch wenige empirische Belege für die Wirksamkeit dieser Methode. Eine erste Untersuchung wurde von Borkovec et al. (1983) durchgeführt. An ihren beiden Versuchen nahmen insgesamt 111 Studentinnen und Studenten teil, die von sich selbst behaupteten, dass sie sich viele Sorgen machten. Jede Versuchsperson sollte einmal täglich einen Fragebogen ausfüllen, in dem es darum ging, wie oft am Tag sie sich Sorgen machten, wie oft am Tag sie sich unrealistische Sorgen machten und wie angespannt sie waren. Zunächst wurde eine Woche lang die Basisrate des Sich-Sorgen-Machens erfasst. Danach fand für einen Teil der Versuchspersonen ein einstündiges Training statt, in dem ihnen die Grundzüge der Stimuluskontrolle anhand der vier Regeln vermittelt wurden. Zehn Minuten lang übten sie, wie sie sich – statt den Grübeleien nachzuhängen – auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren konnten. Ein Teil der Versuchspersonen wurde zudem darin angeleitet, wie sie Problemlösestrategien für ihre Sorgen anwenden konnten. Ein weiterer Teil der Versuchspersonen erhielt die Anweisung, in der halbstündigen täglichen Grübelphase ihre Gedanken zu notieren, andere Versuchspersonen sollten lediglich über ihre Sorgen nachdenken. Der Rest der Versuchspersonen erhielt kein Training. In den folgenden vier Wochen sollten die Versuchspersonen der verschiedenen Experimentalgruppen die vermittelten Techniken anwenden, die weiteren Anweisungen befolgen und täglich den Grübelei-Fragebogen ausfüllen. Zudem wurde diesen Versuchspersonen gesagt, dass sie erst nach etwa drei Wochen mit ersten Erfolgen rechnen könnten. Die Versuchspersonen der Kontrollgruppe sollten lediglich den Fragebogen weiterhin täglich ausfüllen.

Zu Beginn der Versuche (Basisrate) gaben die Versuchspersonen an, an jedem Tag zwischen 40 % und 48 % ihrer wachen Zeit zu grübeln, im Schnitt 2,3 % des Tages verbrachten sie mit unrealistischen Sorgen. Angespannt waren die Versuchspersonen zwischen 34 % und 40 % ihrer Zeit. In allen Experimentalgruppen sanken diese Werte schon nach drei Wochen deutlich, während die Versuchspersonen der Wartekontrollgruppe mehr oder weniger ähnliche Werte wie in der Basisratenphase angaben. Dies war auch noch am Ende des Experiments, nach vier Wochen, so. Der Anteil des Tages, der mit Sich-Sorgen-Machen verbracht wurde, sank durch das Stimuluskontrolltraining auf rund 25 %, der Anteil der Zeit mit unrealistischen Sorgen auf 1,8 %. Die Zeit des Tages, an denen die Versuchspersonen angespannt waren, hatte nur noch einen Anteil von rund 22 %. Dies galt vor allem für die Versuchspersonen-Gruppen, die neben der Stimuluskontrolle auch aktive Problemlösung betrieben und für die Gruppe, die ihre Gedanken in der Grübelphase aufschrieb. Etwas geringer fielen die Fortschritte in der Gruppe aus, die ihre Grübeleien nicht aufschreiben sollte.

McGowan und Behar (2013) präsentieren die Ergebnisse einer Studie, in der sie das Stimuluskontrolltraining mit einer Art Placebobehandlung verglichen, der „fokusierten Grübelei“. Die Studienteilnehmer, die dieser Behandlung zugewiesen worden waren, erhielten u. a. den Ratschlag, nicht gegen die Grübelei anzukämpfen, da diese nur dazu führe, dass man desto mehr grüble. Stattdessen sollten sie die grüblerischen Gedanken zulassen, wann immer sie ihnen kämen.

53 Versuchspersonen mit starker Neigung zu Grübelei wurden einer von zwei Gruppen zugelost und erhielten entweder das Stimuluskontrolltraining oder das Training in „fokusierter Grübelei“. Vor dem Training bearbeiteten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen, u. a. zu den Symptomen von Angststörungen und Depressionen. Anschließend wurden sie in den beiden Verfahren – Stimuluskontrolle und fokusierte Grübelei – trainiert und dazu angeleitet, wie sie diese Methoden im Alltag einsetzen können. Nach zwei Wochen wurden wieder allen Versuchspersonen die o. e. Fragebögen vorgelegt.

Bei allen Symptomen erzielten die Versuchspersonen, welche das Stimuluskontrolltraining erhalten hatten, deutlich größere Verbesserungen als die Versuchspersonen, die zu „fokusierter Grübelei“ angeleitet worden waren. Die Effektstärken waren in allen Bereichen groß (> 1,0), mit Ausnahme der Werte für Depression (Becks Depressionsinventar) und für positive Gefühle (Positive and Negative Affect Schedule), wo keine klinisch relevante Verbesserung erzielt wurde. Im Bereich der Grübelei (gemessen mit dem Penn State Worry Questionnaire) betrug die Effektstärke des Stimuluskontrolltrainings 1,81 (bei der Placebobehandlung „fokusierte Grübelei“ lag dieser Wert bei 0,79). Auch bei der Schlaflosigkeit und der Angst konnten mit dem Stimuluskontrolltraining klinisch relevante Verbesserungen erzielt werden.

Die Untersuchung von McGowan und Behar (2013) ist ein Hinweis darauf, dass sich bereits mit einem kurzen Training in Stimuluskontrolle verbunden mit einer zweiwöchigen Übungsphase erhebliche Verbesserungen in Bezug auf die Grübelei erzielen lassen. Begleitend kann das Erlernen und die Anwendung eines Entspannungsverfahrens hilfreich sein (Borkovec et al., 1983).

Literatur

Behar, Evelyn & Borkovec, T. D. (2005). The nature and treatment of generalized anxiety disorder. In B. O. Rothbaum (Ed.), The nature and treatment of pathological anxiety: Essays in honor of Edna B. Foa (pp. 181-196). New York, NY: Guilford.

Behar, Eevelyn & Borkovec, T. D. (2009). Avoiding treatment failures in generalized anxiety

disorder. In M. W. Otto & S. Hofmann (Eds.), Avoiding treatment failures in the anxiety disorders (pp. 185-208). New York, NY: Springer.

Bootzin, R. R. (1972). A stimulus control treatment for insomnia. Proceedings of the

American Psychological Association, 7, 395-396.

Borkovec, T. D.; Wilkinson, Lenore; Folensbee, Rowland & Lerman, Caryn. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247-251.

McGowan, Sarah Kate & Behar, Evelyn. (2013). A preliminary investigation of stimulus control training for worry: Effects on anxiety and insomnia. Behavior Modification, 37(1), 90-112.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Therapie, Verhaltensanalyse

Alles sehr strange…

Einige Opfer von Verbrechen und Naturkatastrophen leiden an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Unter anderem klagen sie oft darüber, dass ihr Gefühl dafür, dass sie selbst und die Welt noch in Ordnung ist, gestört ist. Alles fühlt sich fremd an. Ein Experiment zeigt, wie man dieses Gefühl behandeln könnte.

Depersonalisation ist der Verlust oder eine Störung des „natürlichen“ Gefühls, eine Person zu sein. Derealisation ist eine verfremdete Wahrnehmung der Welt, ein Gefühl, dass etwas mit der Realität nicht in Ordnung ist. Beide Symptome können sich im Anschluss an ein traumatisches Erlebnis einstellen. Ein Ansatz zur Behandlung von solchen Symptomen ist die wiederholte Exposition. Wenn man diese Symptome mehrfach in einem nicht-bedrohlichen Zusammenhang erlebt, so die Theorie, verlieren sie sich, ähnlich, wie auch die Angst zurückgeht, wenn man mehrfach mit dem angstauslösenden Objekt konfrontiert wird und dabei feststellt, dass nichts Schlimmes passiert.

Wie aber erzeugt man eine wiederholte Exposition bei den beiden Erfahrungen „Depersonalisation“ und „Derealisation“? Man kann die Person ja schlecht einem traumatisierenden Ereignis aussetzen. Hierbei haben sich einige Techniken als wirksam erwiesen (bitte nicht nachmachen):

  • Lange auf einen Punkt an der Wand starren.
  • In einen Spiegel starren.
  • In ein Licht blicken.
  • Hyperventilation alleine.
  • Hyperventilation zusammen mit dem Starren auf eine sich drehende Spirale.
  • In einem dunklen Raum vor einem Stroboskoplicht stehen.

Weiner und McKay (2013) wählten 39 Versuchspersonen aufgrund ihrer erhöhten Werte in zwei Fragebögen zur Ängstlichkeit und zur Traumatisierung aus einer Stichprobe von 152 Studenten aus. Diese Versuchspersonen wurden mehrfach drei Minuten lang einem Stroboskoplicht ausgesetzt. Dabei trugen sie eine 3-D-Brille. Nach jedem Durchgang füllten sie einen kurzen Fragebogen zum Derealisationserleben und zur Depersonalisation aus. Diese insgesamt 20 Minuten dauernde Prozedur wurde dreimal wiederholt. Es zeigte sich, dass die anfangs erhöhten Werte in den genannten Symptomen mit jedem Durchgang zurückgingen. Nach dem ersten Durchgang betrug der Wert für die Depersonalisation und Derealisation noch knapp 29, nach dem dritten Durchgang war er auf knapp 18 gefallen.

Die Autoren betonen, dass diese Studie keine Rückschlüsse auf den klinischen Einsatz zulässt. Sie konnten jedoch zeigen, dass sich eine einfache Methode dazu eignete, Gefühle der Derealisation und der Depersonalisation hervorzurufen und dass diese Gefühle bei wiederholter Durchführung dieser Methode, deutlich nachließen.

Literatur

Weiner, Elliot & McKay, Dean. (2013). A preliminary evaluation of repeated exposure for depersonalization and derealization. Behavior
Modification, 37
(2), 226-242.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Therapie, Verhaltensanalyse