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Warum Skinner kein kognitiver Psychologe sein wollte

Die „kognitive Psychologie“ begeht einige Denkfehler, so B. F. Skinner in einem Artikel von 1977.

Auch kognitive Psychologen untersuchen die Zusammenhänge zwischen Umweltereignissen und Verhalten, aber sie beschäftigen sich damit nie direkt, sondern sie erfinden innere Stellvertreter, die der Gegenstand ihrer Wissenschaft sind.

Ein Beispiel: Der Hund in Pavlows Experiment hört eine Glocke und wird dann gefüttert. Wenn das oft passiert, speichelt der Hund, sobald er die Glocke hört. Die übliche mentalistische Erklärung hierfür lautet, dass der Hund die Glocke mit dem Futter „assoziiert“. Aber es war Pavlow, der sie „assoziiert“ hat. Der Hund speichelt, wenn er die Glocke hört, mehr nicht. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er das tut, weil er über interne Stellvertreter der von Pavlow arrangierten Kontingenzen verfügt.

Menschen sollen Gedanken miteinander assoziieren. Wenn wir schon mal Zitronen gegessen haben, riechen wir evtl. Zitronen, wenn wir sie sehen. Wir tun das aber nicht, weil wir diese beiden Reize assoziieren, sondern weil sie in der Natur assoziiert sind. Wenn uns zum Wort „Haus“ (house) das Wort „Heim“ (home) einfällt, dann nicht, weil wir diese zwei Worte assoziieren, sondern weil sie im üblichen Sprachgebrauch assoziiert sind.

Tauben können lernen, auf Plättchen zu picken, auf denen „weiß“, „rot“, „grün“ usw. steht. Die Taube sieht durch eine Scheibe verschiedenste Objekte, die verschiedene Farben haben. Man kann es nun so arrangieren, dass die Taube immer dann Futter erhält, wenn sie auf das Plättchen mit der Aufschrift „weiß“ pickt, wann immer ein weißes Objekt zu sehen ist, auf „rot“, wenn das Objekt rot ist usw. Hier war es der Experimentator, der die Umwelt der Taube so arrangiert hat, dass sie das beschriebene Verhalten zeigte. Kinder lernen auf ganz ähnliche Weise, Farben zu benennen. Kognitive Psychologen sagen hier, dass die Kinder lernen zu „abstrahieren“ oder dass sie ein „Konzept“ entwickeln.

Verhalten ändert sich, weil sich die Kontingenzen ändern, nicht weil sich ein „mentales Konzept“ entwickelt.

Ähnlich verhält es sich mit der Erfindung innerer Ursachen von Verhalten. Vielleicht verhält sich die Taube ja so, weil ihr einfach danach ist, sich so zu verhalten. Aber was wäre der nächste Schritt, wenn man das Verhalten erklären möchte? Die Kontingenzen, denen das Tier unterliegt, sind noch dieselben. Was wäre gewonnen durch die Einführung eines inneren Prozesses? Die „Gefühle“ der Taube und das Verhalten wären noch immer dasselbe.

Die Besonderheiten des operanten Verhaltens verlocken allerdings zur Einführung innerer mentaler oder kognitiver Prozesse. Bei einem – unkonditionierten oder konditionierten –Reflex wird das Verhalten eindeutig durch einen bestimmten Reiz ausgelöst. Nicht so beim operanten Verhalten. Verhalten, das positiv verstärkt wurde, tritt in Situationen auf, die zwar prädisponieren, aber nicht zwingen. Das Verhalten tritt nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auf und dieses scheinbare Nicht-Verursacht-Sein verführt zur Einführung einer inneren Ursache, eines kognitiven oder mentalen Prozesses als unmittelbarem Auslöser.

Noch schwerwiegender ist die „Verinnerlichung“ der Umwelt. Die alten Griechen erfanden den „Geist“, um zu erklären, wie wir die Welt wahrnehmen können. Mittlerweile erscheint es als selbstverständlich, dass wir nur ein Abbild der Welt und nicht die „wirkliche Welt“ kennen. Das ist insoweit wahr, als wir uns täuschen können. Diese Aussage setzt aber zugleich voraus, dass „wir“ irgendwo im Inneren eines Körpers angesiedelt sind, der in Kontakt zur „wirklichen Welt“ steht. Auch wird gerne angenommen, dass „Wissen“ bedeutet, mentale Kopien der wirklichen Dinge herzustellen. Wie aber erkennen wir diese Kopien? Machen wir auch davon Kopien? Einige kognitive Psychologen erkennen, dass Wissen ein Vorgang ist, aber sie beziehen sich dabei auf andere mentale Stellvertreter. Wissen ist demnach ein System von Propositionen. Doch Propositionen sind lediglich nach innen verlagerte Kontingenzen.

Dieses Wissen soll in uns gespeichert sein: Wenn wir ein Fußballspiel beobachtet haben, wissen wir, was da passiert ist. Tatsächlich aber sagt das nur aus, dass wir in der Lage sind, zu beschreiben, was bei dem Spiel passiert ist. Unser Verhalten hat sich verändert, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass wir „Wissen erworben“ haben. Wenn irgendetwas gespeichert ist, dann ist es Verhalten. Was man beobachten kann, ist einfach genug: Wir haben eine Verhaltensrepertoire erworben, von dem wir Teile bei bestimmten Gelegenheiten zeigen. Die Metapher des Speicherns und Abrufens geht weit über die beobachtbaren Fakten hinaus. Um auf die oben erwähnte Taube zurückzukommen: Was ist dadurch gewonnen, wenn wir von einer Taube, die auf verschiedene Farben verschieden reagiert, zu einer Taube wechseln, die auf verschiedene Farben in ihrem Geist reagiert?

Indem sie die Umwelt in Form von bewusster Erfahrung und das Verhalten in Form von Absicht, Wille und Entscheidung in den Kopf verlagert haben, konstruierten die kognitiven Psychologen eine Art inneren Doppelgänger des Organismus. Ist dies erst einmal geschehen, überrascht auch nicht mehr die Geschwindigkeit, in der kognitive Prozesse erfunden werden, um Verhalten zu erklären. Skinner zitiert hier das Beispiel von Moliers Arzt, der erklärt, dass der Grund, warum Opium müde mache, darin zu suchen sei, dass Opium eine soporifische (schlafmachende) Natur besitze, die die Sinne betäube.

Warum sollte man diese inneren Prozesse annehmen, wenn durch sie eigentlich nichts gewonnen wird? Eine mögliche Antwort lautet, dass wir ja von diesen inneren, kognitiven Prozessen durch die Introspektion wüssten. – Wissen denn nicht alle denkenden Menschen, dass sie denken? Und wenn die Behavioristen sagen, dass sie das nicht tun, dann offenbaren sie doch eine niedere Geistigkeit oder aber sie tun so, um ihre eigenen Annahmen weiter stützen zu können. – Niemand bezweifelt, dass Verhalten innere Prozesse beinhaltet. Die Frage ist aber, wie gut man sie durch Introspektion erkennen kann. Selbsterkenntnis wird nur möglich, wenn sprachliches Verhalten vorhanden ist.

Der Umstand, dass die „kognitiven Prozesse“ als innerlich angenommen werden, verführt dazu, sie als näher an der Physiologie zu betrachten als die Kontingenzen, die von den Verhaltenswissenschaftlern untersucht werden. Aber nur dadurch, dass sie innerhalb der Haut angesiedelt werden, sind sie nicht übereinstimmend mit den physiologischen Vorgängen. Andererseits sollte man bedenken, dass die Faszination für ein vorgestelltes inneres Leben dazu geführt hat, dass die beobachtbaren Fakten vernachlässigt werden. Wir beschreiten den falschen Pfad, wenn wir annehmen, dass es unser Ziel ist, die „Herzen und Geister der Menschen“ – anstatt der Welt, in der sie leben – zu ändern.

Literatur

Skinner, B.F. (1977). Why I am not a cognitive psychologist. Behaviorism, 5, 1-10.

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Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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