Archiv der Kategorie: Verstärkung

Das Matching-Law im Sport

Vieles, was wir im täglichen Leben tun, kann man als Wahlverhalten (oder Entscheiden) verstehen. Dieses Wählen ist von vielen Faktoren abhängig: Von der jeweils verfügbaren Verstärkung, der Art des Verstärkers, seiner Größe usw. Zum Beispiel ist es wahrscheinlich, dass wir uns für das Sehen unserer Lieblingssendung im Fernsehen entscheiden, wenn die Alternative ist, an einer Arbeit zu schreiben, die wir erst in zwei Wochen abgeben müssen. Wenn die Arbeit dagegen morgen abgegeben werden muss oder wenn wir für jede Seite 1000 Euro bekommen, würden wir vermutlich mehr Zeit mit Schreiben als mit Fernsehen verbringen.

Das Matching Law besagt, dass, wenn gleichzeitig zwei alternative Verhaltensweisen möglich sind, der relative Anteil einer bestimmten Verhaltensweisen gleich dem relativen Anteil an Verstärkung ist. Als Formel:

(1)
R1 / (R1 + R2) = r1 / (r1 + r2)

Wobei R1 und R2 die Häufigkeiten der jeweiligen Verhaltensweisen und r1 und r2 die Häufigkeiten der Verstärkung darstellen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie wollen einen Freund telefonisch erreichen und haben zwei Nummern von ihm, privat und geschäftlich. Zu einer bestimmten Zeit ist Ihr Freund nach Ihrer Erfahrung zweimal wahrscheinlicher unter der dienstlichen Nummer zu erreichen als unter der privaten. Wenn Sie nun diesen Freund zu erreichen versuchen, dann sagt das Matching Law voraus, dass sie vermutlich zweimal häufiger die dienstliche Nummer wählen werden als die private.

Soweit erscheint das relativ banal, aber das Matching Law wurde im Tierexperiment unter den verschiedensten Bedingungen überhaupt erst entwickelt und getestet. Wenn z. B. eine Ratte für das Betätigen eines Hebel gelegentlich Futter bekommt (auf einem variablen Intervallplan, VI), und sie bei Hebel A ungefähr alle 30 Sekunden Futter bekommt (VI30s), bei Hebel B aber nur ungefähr alle 60 Sekunden (VI60s), dann wird sie wahrscheinlich Hebel A zweimal öfter betätigen als Hebel B (Herrnstein, 1961).

Das Matching Law erwies sich unter den verschiedensten Bedingungen als gültig, sowohl mit tierischen als auch mit menschlichen Versuchsobjekten. An die Grenzen stößt seine Prüfung, wenn man natürliche Situationen betrachtet: Hier ist die Menge der möglichen Verstärker und Verhaltensweisen oft zu groß, um eine Voraussage treffen zu können. Dennoch lassen viele Alltagssituationen das Wirken des Matching Law erkennen. Wenn z. B. ein Kind in seinem Zimmer Lärm macht, wird seine Mutter mit großer Wahrscheinlichkeit nach ihm sehen und ihm so Aufmerksamkeit schenken (ein Verstärker). Wenn es dagegen ruhig spielt, wird die Mutter relativ selten nach ihm sehen. In Abwesenheit anderer Verstärker als Aufmerksamkeit ist daher zu erwarten, dass das Kind wesentlich häufiger Lärm macht als ruhig spielt. Es wird aber nicht nur Lärm machen (was ja der sicherere Weg zur Aufmerksamkeit wäre), sondern trotzdem ab und an ruhig spielen (was auch, wenn auch seltener, ebenfalls zur Verstärkung führt).

Dass dies nicht nur ein hypothetisches Beispiel ist, bewiesen Martens und Houk (1989). Sie untersuchten die Verteilung von störendem und aufgabenbezogenem Verhalten im Verhältnis zur jeweiligen Aufmerksamkeit des Lehrers bei einer geistig behinderten erwachsenen Frau. Auch hier konnte die Gültigkeit des Matching Law bestätigt werden.

Basketball

Betrachteten wir das Verhalten von Basketballspielern. Wenn ein Spieler außerhalb einer bestimmten Linie auf den Korb wirft (und trifft), dann bringt das seiner Mannschaft drei Punkte. Wenn er von innerhalb des Kreises wirft, dann zählt ein Treffer nur mit zwei Punkten. Hier ist die Situation etwas komplexer als in den bisherigen Beispielen. Die verschiedenen Verhaltensweisen (Werfen von innerhalb und von außerhalb des Kreises) resultieren in unterschiedlich großen Verstärkern (zwei oder drei Punkte). Das Matching Law kann hier auch angewendet werden, jedoch wird die Gleichung mit einer Gewichtung (A) versehen:

(2)
R1 / (R1 + R2) = r1xA / (r1xA + r2)

Im Basketball-Beispiel wird ein erfolgreicher Wurf von außerhalb des Kreises (R1) eineinhalbmal mehr verstärkt als ein Wurf von innerhalb des Kreises (R2). A beträgt daher 1,5:

(3)
R1 / (R1 + R2) = r1x1,5 / (r1x1,5 + r2)

Ein Beispiel verdeutlicht dies: Nehmen wir an, ein Spieler hat in einer Saison 30 mal von außerhalb des Kreises und 55 mal von innerhalb des Kreises getroffen. Wenn er dafür immer gleich viele Punkte bekäme, würde Gleichung (1) voraussagen, dass 35,3 % seiner Wurfversuche von außerhalb des Kreises erfolgten (denn 30 geteilt durch 85 ergibt 0,353). Da er aber für die Treffer von außerhalb eineinhalbmal mehr Punkte bekommt als für die von innerhalb, sagt Gleichung (3) voraus, dass er in 45 % aller Fälle von außerhalb des Kreises geworfen hat.

Dass dies tatsächlich zutrifft, konnten Vollmer und Bourret (2000) in einer Untersuchung der Leistungen von Spielern zweier Universitäts-Basketballmanschaften nachweisen. Das Matching Law erwies sich hier als gültig, sowohl für einzelne Spieler als auch für die ganze Mannschaft über die Saison hinweg gerechnet. Stärkere Variabilität zeigte sich dagegen in den einzelnen Spielen. Vollmer und Bourret (2000) gehen davon aus, dass bei diesen semiprofessionellen Mannschaften die Punkte der einzige relevante Verstärker waren und dass dieser Verstärker über das Spiel hinweg ungefähr gleich „wertvoll“ blieb. Bei weniger routinierten Mannschaften lässt sich das Matching Law vermutlich nicht so leicht bestätigen. So berichtet Vollmer, bei Straßenbasketballern einen ungleich höheren Anteil an Würfen von außerhalb der Kreislinie beobachtet zu haben, die aber fast alle nicht verstärkt wurden (nicht im Korb landeten). Hier ist zu vermuten, dass für diese Spieler ein seltener Drei-Punkte-Wurf ein ungleich größerer Verstärker ist, der zu Anerkennung führt. Hingegen wird das Danebenwerfen und somit Nicht-Punkten bei einem Spiel, das „nur zum Spaß“ gespielt wird, von der Mannschaft nicht stark sanktioniert. Bei den Uni-Basketballern dürfte ein häufiges Danebenwerfen zuungunsten der eigenen Mannschaft eher zu unangenehmen Konsequenzen führen.

Bourret und Vollmer (2003; Romanowich, Bourret & Vollmer, 2007) berichten von einer weiteren Untersuchung, die den Umstand nutzte, dass die NBA (die Nationale Basketballvereinigung der USA) die Linie, außerhalb derer drei Punkte für einen Korbwurf vergeben werden, einmal für einen Zeitraum von drei Jahren näher an den Korb gerückt hatte. Verglichen wurden hier die Würfe und die Treffer von außerhalb und innerhalb der Kreislinie in der Zeit vor, während und nachdem diese Regelung galt. Der relative Anteil der Würfe von NBA-Spielern von außerhalb der Kreislinie entsprach immer dem relativen Anteil der Verstärkung, auch als sich dieser Anteil durch das Verändern der Kreislinienposition jeweils erst erhöhte und dann wieder verringerte.

Football

Beim amerikanischen Football ist das Ziel, den Ball möglichst weit im gegnerischen Feld zu platzieren. Dabei hat der Trainer eine wichtige Rolle: Er entscheidet, ob dies durch einen Sturmlauf eines Spielers geschieht (rushing) oder ob sich die Spieler den Ball gegenseitig zuwerfen (passing) und dadurch versuchen, Boden gut zu machen. Diese beiden Spielvarianten haben je nach Spielsituation eine größere oder niedrigere Aussicht auf Erfolg. Reed, Critchfield und Martens (2006) wiesen nach, dass die Wahl einer der beiden Spielvarianten durch den Trainer in einer Weise vom Erfolg seiner Wahl (gemessen über die gutgemachten Yards) abhängt, die mittels des Matching Law beschrieben werden kann. Reed und Kollegen (2006) werteten die Ergebnisse der amerikanischen Footballliga des Jahres 2004 aus, indem sie die durch die jeweiligen Spielvarianten gewonnenen Yards als Prädiktor für das Verhältnis von Pass-Spielzügen zu Renn-Spielzügen verwendeten. Das Play-Calling (also die Entscheidung des Trainers) wurde dabei als Verhalten, die gewonnenen Yards als Verstärker aufgefasst. Das Matching Law konnte 75,7 % der Varianz im Play Calling erklären. Dabei gab es eine leichte Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge. Trainer scheinen häufiger, als es vom Erfolg her zu rechtfertigen wäre, Renn-Spielzüge anzuweisen. Vermutlich tun sie das, weil diese Art des Spiels von den Zuschauern als attraktiver oder dramatischer angesehen wird oder aber, weil die im Ballbesitz befindliche Mannschaft den Ball bei einem Renn-Spielzug seltener verliert als bei einem Pass-Spielzug (was wohl als unerwünschter angesehen wird, als ein Renn-Spielzug mit nur geringem Gewinn an Yards). Weitere Auswertungen der Spielsaisons von 1970 bis 2005 zeigten, dass sich die Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge in den letzten Jahren verringert hat. Ein Grund dafür ist in einer Reihe von Regeländerungen zu sehen, die einseitig die Pass-Spielzüge begünstigen. Explizit konnten Reed und Kollegen nachweisen, dass das Verhalten der Trainer sich den aus den Regeländerungen resultierenden veränderten Chancen auf einen Zugewinn an Yards anpasste. Auch werteten Reed et al. (2006) acht andere Football-Ligen aus. Die durch das Matching Law erklärte Varianz lag zwischen 57 % und 95 %. Dabei war die Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge unterschiedlich stark ausgeprägt, je nachdem, wie wahrscheinlich es war, dass die Mannschaft bei den geltenden Regeln beim Pass-Spiel den Ball verlieren kann (was die oben geäußerte Vermutung bestätigt).

Viele Sportfreunde meinen, das „Talent“ eines Spielers sei das Ausschlaggebende für den Erfolg einer Mannschaft. Laien neigen oft dazu, angenommene innere Eigenschaften als ausreichende Erklärungen für Verhalten zu akzeptieren. Die Studie von Reed et al. (2006) zeigt, wie schon die Untersuchung von Vollmer und Bourret (2000), dass scheinbar unbedeutende situationale Variablen einen viel stärkeren Einfluss haben.

Literatur

Bourett, J. & Vollmer, T.R. (2003). Basketball and the matching law. Behavioral Technology Today, 3, 2-6.
Herrnstein, R.J. (1961). Relative and absolute strength of response as a function of frequency of reinforcement. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 13, 267-272.
Martens, B.K. & Houk, J.L. (1989). The application of Herrnstein’s law of effect to disruptive and on-task behavior of a retarded adolescent girl. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 51, 17-27.
Reed, D.D.; Critchfield, T.S. & Martens, B.K. (2006). The generalized matching law in elite sport competition: Football play calling as operant choice. Journal of Applied Behavior Analysis, 39, 281-297.
Romanowich, P.; Bourett, J. & Vollmer, T.R. (2007). Further analysis of the matching law to describe two- and three-point shot allocation by professional basketball players. Journal of Applied Behavior Analysis, 40, 311-315.
Vollmer, T.R. & Bourret, J. (2000). An application of the matching law to evaluate the allocation of two- and three-point shots by college basketball players. Journal of Applied Behavior Analysis, 33, 137-150.

Ein Kommentar

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Auch Tauben können lügen

Epstein et al. (1980) trainierten Tauben, miteinander zu kommunizieren. Zwei Tauben saßen in Käfigen nebeneinander, so dass sie jeweils sehen konnten, was die Taube im anderen Käfig tat. Die Taube im linken Käfig („Jack“, der „Zuhörer“) hatte mehrere Schalter vor sich, auf die sie picken konnte. Ein Schalter war mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ versehen, darunter befanden sich Schalter in den Farben Rot, Grün und Gelb, daneben ein Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Die Taube im rechten Käfig („Jill“, die „Sprecherin“) hatte drei schwarze Schalter vor sich, die mit „R“ (für Rot), „G“ (für Grün) und „Y“ (für Gelb) beschriftet waren. In Jills Käfig befand sich zudem ein mit einem Vorhang verdecktes kleines Fenster, hinter dem jeweils vom Versuchsleiter eine Farbscheibe gezeigt wurde. Wenn Jill ihren Kopf durch diesen Vorhang steckte, konnte nur sie (nicht aber Jack) erkennen, welche Farbe gezeigt wurde.

Jack wurde nun trainiert, zunächst den Schalter mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ zu drücken. Daraufhin sah Jill hinter den Vorhang und drückte den schwarzen Schalter mit der entsprechenden Aufschrift (R, G. oder Y). Daraufhin drückte Jack den Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Dies ermöglichte Jill für 3,8 Sekunden den Zugang zum Futtermagazin. Wenn Jack dann auch noch den richtigen Farbschalter in seinem Käfig drückte, hatte auch er für kurze Zeit Zugang zu einem Futtermagazin in seinem Käfig. Über mehrere Wochen hinweg wurden beide Tauben trainiert, sowohl die Rolle des „Zuhörers“ als auch die des „Sprechers“ einzunehmen.

Lanza et al. (1982) führten eine Variante ein, die dazu führte, dass der Sprecher „log“. Der Sprecher hatte nun nur noch dann für 3,8 Sekunden Zugang zum Futtermagazin, wenn die Farbe Rot angezeigt wurde. Bei den Farben Grün und Gelb war das Futtermagazin des Sprechers nur noch von dem Zeitpunkt, wenn der Zuhörer den Schalter „Danke“ drückte, bis zu dem Zeitpunkt, wenn dieser den entsprechenden Farbschalter drückte, freigegeben. Dieser Zeitraum war deutlich kürzer, nämlich im Schnitt nur 0,7 bis 1,3 Sekunden, je nachdem wie schnell der Zuhörer pickte. Beide Tauben gaben als Sprecher nun fast zu 100 % korrekt an, ob die Farbe hinter dem Vorhang Rot war. Wenn die Farbe Grün oder Gelb war, sank die Korrektheit der Angaben des Sprechers deutlich. In bis zu 60 % der Fälle gab der Sprecher nun fälschlicherweise an, er habe die Farbe Rot hinter dem Vorhang gesehen. Das wäre jetzt nicht weiter überraschend, wenn man nicht folgenden Umstand kennt: Die falschen Angaben des Sprechers wurden nie verstärkt. Wenn der Zuhörer nach der falschen Aussage des Sprechers, dieser habe Rot gesehen, die Taste mit der Aufschrift „Danke“ betätigte, öffnete sich für den Sprecher nicht das Futtermagazin. Nach fünfzehn weiteren Tagen hörten die Tauben wieder auf, bei den Farben Grün oder Gelb zu lügen, sie hätten Rot gesehen.

Literatur

Epstein, R.; Lanza, Robert P. & Skinner, B. F. (1980). Symbolic communications between two pigeons (Columbia livia domestica). Science, 207, 543-545.

Lanza, R. P.; Starr, J. & Skinner, B. F. (1982). “Lying” in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 38(2), 201-203.

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Warum interessieren uns schlechte Nachrichten?

Kurze Antwort: Weil sie besseren Nachrichten vorausgehen.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Verhalten“ nicht nur offenes Verhalten wie das Gehen oder Sprechen, sondern auch verdecktes Verhalten wie das Denken und Fühlen und sogenanntes subtiles Verhalten wie das Beobachten. „Sehen“ ist nach Skinner ein Verhalten. Wenn aber das Beobachten ein Verhalten ist, dann fragt sich, warum es auftritt und beibehalten wird. Nach verhaltensanalytischer Auffassung wird kein Verhalten aufrechterhalten, das nicht wenigstens ab und an verstärkt wird. Was also erhält das Beobachten aufrecht? Anders formuliert: Was hat das Individuum davon, wenn es beobachtet?

Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten und entsprechende, daraus abgeleitete Hypothesen. Die Hypothese der konditionierten Verstärkung geht davon aus, dass das Beobachten wenigstens ab und an verstärkt wird, sodass es beibehalten wird. Die Objekte (Stimuli), die das Individuum beobachtet, sind demnach konditionierte Verstärker. Ein konditionierter Verstärker ist etwas anderes als ein primärer Verstärker. Ein primärer Verstärker ist ein Ereignis (z. B. die Gabe von Futter, eine angemessene Raumtemperatur oder Zugang zu einem Sexualpartner), das, ohne dass das Individuum das gelernt hat, ein Verhalten verstärken kann (dazu führt, dass das Verhalten, dem es folgt, häufiger auftritt). Konditionierte Verstärker sind Ereignisse, die – vereinfacht ausgedrückt – mit primären Verstärkern gemeinsam auftreten. Durch diese „Kontiguität“ werden auch ursprünglich bedeutungslose Ereignisse zu Verstärkern – konditionierten Verstärkern.

Eine andere Antwort auf die oben gestellte Frage gibt die „Informationshypothese“. Demnach sind die Stimuli, die beobachtet werden, keine konditionierten Verstärker, sondern Hinweise, die dem Individuum Aufschluss darüber geben, ob der Zugang zu einem Verstärker möglich ist oder nicht. Das Individuum beobachtet nicht, weil dieses Verhalten durch eine damit in Verbindung stehende Konsequenz verstärkt wird, sondern weil die Reduktion von Unsicherheit der Zweck dieses Verhalten ist.

Diese beiden Hypothesen haben unterschiedliche Konsequenzen. Wenn die Stimuli, die das Individuum beobachtet, konditionierte Verstärker sind, dann sollten Beobachter gute Nachrichten (die mit Verstärkung in Verbindung stehen) und neutrale Nachrichten (die in keiner Beziehung zu Verstärkung stehen) schlechten Nachrichten (die mit Verstärkung negativ korrelieren) vorziehen. Vereinfacht ausgedrückt sollte man lieber gute und neutrale Nachrichten hören wollen, weil diese angenehmer sind als schlechte Nachrichten. Die Informationshypothese dagegen sagt voraus, dass es diesen Unterschied nicht gibt.

Im Alltag kann man diese Hypothesen so natürlich nicht testen. Bekanntlich hören Menschen voller Interesse auch (und besonders) die schlechten Nachrichten, wie etwa Katastrophenmeldungen und Klatsch über den ehelichen Zwist von Freunden. Doch auch diese schlechten Nachrichten sind mit Verstärkung verbunden, denn man kann sie z. B. weitererzählen und damit Aufmerksamkeit erlangen. Klärung kann also nur ein Laborexperiment schaffen.

Der kritische Test muss folgende Frage beantworten: Wirken schlechte Nachrichten (also Stimuli, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen) als Verstärker oder nicht? Man kann diese Frage im Laborexperiment mit Ratten oder Tauben klären. Dabei stellt man regelmäßig fest, dass sich die Versuchstiere lieber den neutralen Reizen (die in keiner Beziehung zu einer möglichen Verstärkung stehen) und den guten Nachrichten (Reizen, die eine mögliche Verstärkung ankündigen) zuwenden als den schlechten Nachrichten (Reizen, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen). Schlechte Nachrichten wirken also nicht als Verstärker.

Gegen diese Experimente wird nun eingewendet, dass sie nicht auf Menschen übertragbar sind. Menschen haben eventuell ein besonderes Bedürfnis nach der Reduktion von Ungewissheit, welches sie auch für schlechte Nachrichten empfänglich macht. Die Gestaltung der Versuchsbedingungen ist bei Menschen etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Doch auch hier zeigte sich, dass gute und neutrale Neuigkeiten den schlechten Neuigkeiten vorgezogen werden.

Lieberman und Kollegen (1997) wenden ein, dass dieses Ergebnis womöglich auf eine Art Aberglaube bei den Versuchspersonen zurückzuführen ist. Die neutralen Informationen stehen in keiner funktionalen Beziehung zu einer anschließenden Verstärkung. Dies bedeutet, dass dennoch ab und an zufälligerweise Verstärkung folgt, nachdem die Versuchsperson sich der neutralen Information zugewendet hat. Dies könnte, ähnlich wie bei Skinners (1948) Experiment mit den abergläubischen Tauben, dazu führen, dass sich die Versuchspersonen öfter den neutralen Informationen zuwenden, auch wenn dieses Sich-Zuwenden (Beobachten) nicht in einer funktionalen Beziehung zum Eintreten der Verstärkung steht. Tatsächlich glaubte jedoch keine Versuchsperson, dass ihre Wahl, welche Information sie sehen möchte, einen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte.

Lieberman und Kollegen (1997) führten daher Versuche durch, bei denen sie den Einfluss dieses vermuteten Aberglaubens möglichst ausschließen wollten. Insbesondere wurden die Versuchspersonen darauf hingewiesen, dass die Wahl, welche Information sie sehen wollten, keinen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte. Nun zeigte sich, dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem Beobachten guter, neutraler oder schlechter Neuigkeiten gab.

Allerdings berücksichtigten Lieberman und Kollegen (1997) nicht, dass gute und schlechte Neuigkeiten nicht immer und in jedem Fall Verstärkung (oder die Abwesenheit von Verstärkung) ankündigen. Die Wahrscheinlichkeit, mit der diese Neuigkeiten Verstärkung ankündigen, ist entscheidend. Fantino und Silberberg (2010) führten daher eine Reihe von Experimenten durch, die diesen Einfluss der intermittierenden Verstärkung berücksichtigten.

Unter der Bedingung der kontinuierlichen Verstärkung zeigte sich, dass die Versuchspersonen sowohl gute Neuigkeiten als auch keine Neuigkeiten schlechten Neuigkeiten vorzogen. Schlechte Neuigkeiten wurden nur dann gewählt, wenn daraufhin regelmäßig ein Hinweis kam, dass gute Neuigkeiten gewählt werden können (wenn also die schlechten Nachrichten gute Nachrichten zuverlässig ankündigten). Wenn das nicht regelmäßig der Fall war, dann waren die Ergebnisse uneinheitlich.

Alles in allem bestätigen die Ergebnisse von Fantino und Silberberg (2010) die Hypothese der konditionierten Verstärkung auch für menschliche Versuchspersonen. Das heißt: Wir beobachten, weil das Beobachten dazu führt, dass unser Verhalten verstärkt wird, nicht, weil wir damit ein Bedürfnis nach Unbestimmtheitsreduktion befriedigen. Tatsächlich passt zu diesen Ergebnissen aber auch die schwache Variante der „Informationshypothese“ von Lieberman et al. Demnach werden (insbesondere schlechte) Neuigkeiten nur dann beobachtet, wenn sie „nützlich“ sind. Diese Variante ist jedoch in ihren Konsequenzen praktisch gar nicht mehr von der Hypothese der konditionierten Verstärkung unterscheidbar. Sie ist lediglich eine andere (mentalistische) Formulierung derselben Zusammenhänge.

Literatur

Fantino, E., & Silberberg, A. (2010). Revisiting the role of bad news in maintaining human observing behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(2), 157-170. doi:10.1901/jeab.2010.93-157

Lieberman, D. A.; Cathro, J. S.; Nichol, K. & Watson, E. (1997). The role of S- in human observing behavior. Bad news is sometimes better than no news. Learning and Motivation, 28, 20-42.

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Gedächtnis und Erinnern

Eine verhaltensanalytische Interpretation des Gedächtnisses ist schwierig – nicht deshalb, weil sich die mit diesem Begriff gemeinten Vorgänge nicht verhaltensanalytisch erklären ließen, sondern, weil die Erklärung komplex ist und viel an Vorwissen (in Bezug auf die Verhaltensanalyse) voraussetzt. Die „kognitiven“ Interpretationen der Gedächtnisphänome (das Gedächtnis als Speicher) sind dagegen jedem Laien leicht zugänglich, ihre logischen Schwächen fallen jedoch nicht auf.

David Palmer (1991) versuchte sich an einer zusammenfassenden Interpretation der Gedächtsnisphänomene aus verhaltensanalytischer Sicht. Selbst mein Exzerpt, dass ich im folgenden wiedergebe, ist lang und, trotzdem ich mich darum bemüht habe, schwerer Lesestoff.

Das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht

Das Gedächtnis wird oft als eine unabhängige Variable betrachtet, die darauf folgendes offenes Verhalten erklärt. Wir fragen jemanden danach, was er gestern zum Frühstück gegessen hat, diese Person greift auf ihr Gedächtnis zu und antwortet dann „Rühreier“. Palmer (1991) versucht, den Themenkomplex „Gedächtnis“ aus verhaltensanalytischer Sicht zu interpretieren. Interpretationen sind nichts Anrüchiges. In der Wissenschaft haben sie schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Newtons Erklärung der Gezeiten ist eine Interpretation, die auf seinen Experimenten mit Pendeln und Bällen aus Wolle, Glas oder Kork basieren. Niemand hat jemals versucht, experimentelle Kontrolle über die Gezeiten auszuüben. Im Bereich des menschlichen Verhaltens spielt die Interpretation ebenfalls eine wichtige Rolle, insofern, als die Kontingenzen, denen das Verhalten im Alltag unterliegt, üblicherweise komplex sind, die Lerngeschichten unbekannt und saubere Experimente oft aus praktischer oder ethischer Sicht unmöglich sind.

Wenn wir das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht betrachten, müssen wir über Verhalten sprechen. Verhalten ist jede Aktivität eines Organismus, die in einer funktionalen Beziehung zu Umweltereignissen steht. Verhalten ist nicht durch den Grad der Beobachtbarkeit definiert. Es gibt Verhalten, das leicht von außen beobachtet werden kann und Verhalten, das nur schwer von außen beobachtet werden kann. Die sogenannten privaten Ereignisse spielen in der experimentellen Verhaltensanalyse keine besondere Rolle. Sie sind aber wichtig bei der Interpretation von Verhalten auf der Grundlage der experimentellen Ergebnisse. Wenn man in einer Interpretation also nicht-beobachtetes Verhalten mit einbezieht, bedeutet dies nicht, dass man sich auf unbeobachtbare interne Prozesse oder Repräsentationen bezieht.

Eine einfache, wenngleich nur oberflächliche Erklärung der Phänomene, die man gemeinhin als Gedächtnis bezeichnet, lautet, dass es sich um Verhalten unter Stimuluskontrolle handle. Jemand fragt mich, was ich gestern zum Frühstück gegessen habe (dies ist der diskriminative Stimulus) und ich antworte (dies ist das Verhalten), ich habe Rühreier gegessen. Wohl ist die Frage nach meinem gestrigen Frühstück ein diskriminativer Stimulus für mein Verhalten, mich zu erinnern. Doch fehlt etwas für die Erklärung meines Verhaltens, „Rühreier“ zu sagen. Wir können hier nicht einfach auf einen nicht-vorhandenen Stimulus zurückgreifen, wie etwa ein vorgestelltes oder in meinem Geist gespeichertes Frühstück. Wohl aber ist es ein Unterschied, ob wir, während wir gerade frühstücken, gefragt werden, was wir frühstücken oder ob wir am nächsten Tag gefragt werden, was wir gestern gefrühstückt haben. Seit dem gestrigen Tag haben wir uns verändert. Wir sind nun eine andere Person und reagieren deshalb auf die Frage, was wir gestern gefrühstückt haben, anders. Warum aber reagieren wir anders? Eine beliebte Metapher in diesem Zusammenhang ist die Speichermetapher. Wir sagen, dass die Erinnerung an unser gestriges Frühstück irgendwo in uns gespeichert ist. Doch was ist dieser Speicher? Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann es sich nur um eine physiologische Veränderung (z. B. in unserem Gehirn) handeln. Doch diese physiologischen Veränderungen sind keine Stimuli. Wir können nicht auf diese physiologischen Veränderungen so reagieren wie wir auf die Wörter auf einer Einkaufsliste reagieren, die wir in der Hand halten, während wir einkaufen.

Palmer (1991) stellt klar: Das Gedächtnis ist kein Ding, dass wir untersuchen könnten. Wir können das Verhalten untersuchen, dass wir zeigen, wenn wir versuchen, uns zu erinnern. Es gibt keinen Grund, dieses Verhalten von anderem Verhalten des Individuums zu unterscheiden. Kurz gesagt, untersuchen wir das Erinnern, nicht das Gedächtnis. Unser gegenwärtiges Verhalten, z. B. das Verhalten, uns zu erinnern, wird von gegenwärtigen Variablen in unserer Umwelt kontrolliert. Wenn wir uns „falsch erinnern“, begehen wir nicht einen Fehler beim Zugriff auf unser Gedächtnis. Vielmehr ist es so, dass unser Verhalten (z. B. „Cornflakes“ zu sagen, wenn wir nach unserem gestrigen Frühstück gefragt werden) die richtige Reaktion auf die gegenwärtigen Variablen darstellt. Wir bezeichnen diese Erinnerung nur als falsch, weil sie von dem, was wir gestern gesagt hätten, wenn man uns nach unserem Frühstück gefragt hätte, abweicht. Würde man die Bedingungen des gestrigen Frühstücks wiederholen, würden wir das gleiche Verhalten zeigen („Rühreier“ sagen).

Man stelle sich zwei verschiedene Experimente vor:

  1. Das Picken einer Taube wird auf einem variablen Quotenplan verstärkt, wenn der Schalter rot beleuchtet ist. Wenn der Schalter dunkel ist, wird das Verhalten auf Extinktion gesetzt. Dies lernt die Taube relativ schnell. Eine Woche später wird die Taube wieder in die operant chamber gesetzt. Sobald der Schalter rot beleuchtet wird, fängt die Taube unmittelbar zu picken an. Sobald das Licht aus ist, hört die Taube sofort auf zu picken.
  2. Eine Matching-to-Sample-Aufgabe: Eine Taube steht vor drei verschiedenen, beleuchtbaren Schaltern. Wenn der mittlere Schalter rot leuchtet, führt ein Picken auf den linken Schalter dazu, dass die Taube Futter erhält. Wenn der mittlere Schalter grün leuchtet, erhält die Taube Futter, wenn sie auf den rechten Schalter pickt. Nach und nach verlängert man den zeitlichen Abstand zwischen dem Aufleuchten des mittleren Schalters und dem Funktionieren der linken oder rechten Schalter (insofern, als das Picken auf einen dieser Schalter zu Futter führt). Die Taube lernt, auch nach fünf Sekunden auf den „richtigen“ Schalter zu picken.

Im ersten Fall scheint sich die Taube nach einer Woche zu erinnern, was sie zu tun hat. Doch es ist nicht die Erinnerung an die frühere Erfahrung, die überdauert hat, sondern die Stimuluskontrolle des Verhaltens. In diesem Sinne ist jegliches erlernte Verhalten ein Beispiel für eine Gedächtnisleistung. Auch im zweiten Fall ist das Verhalten unter Stimuluskontrolle, wobei die Verstärkung später, in Abwesenheit dieses Stimulus gegeben wird. Im ersten Fall ist der Stimulus, der während der Trainingsphase verwendet wurde, während des Tests anwesend, im zweiten Fall ist er das nicht.

Nach Palmer (1991) bezeichnet man mit „Gedächtnis“ zwei verschiedene Fälle:

  1. Gedächtnis als Phänomen der Stimuluskontrolle.
  2. Gedächtnis als eine Form von Problemlösen.

Gedächtnis als ein Phänomen der Stimuluskontrolle

Diese Kategorie erinnert etwas an das, was in der traditionellen Gedächtnispsychologie als „implizites Gedächtnis“ bezeichnet wird. Das Verhalten in dieser Kategorie ist mehr oder weniger automatisch. Es tritt direkt als Ergebnis der Kontrolle durch die unmittelbar vorhandenen Umweltreize auf. Die Kontrolle dieser Umweltreize über das Verhalten variiert in Abhängigkeit der Deprivation, dem Verstärkungsplan und der Anwesenheit anderer Stimuli. Je nachdem, wie diese anderen Variablen ausfallen, tritt das Verhalten (das Sich-Erinnern) mehr oder weniger leicht auf. Die Stimuluskontrolle nimmt nicht einfach ab, weil Zeit vergeht. Das Vergessen geschieht deshalb, weil die Stimuluskontrolle durch Ereignisse, die in der Zwischenzeit, zwischen dem Ereignis und dem Erinnern, geschehen, geschwächt wird. Ist z. B. der Generalisationsgradient sehr eng, löst also nur ein bestimmter Stimulus oder ein bestimmte Kombination von Stimuli die Erinnerung aus, kann es leicht passieren, dass das Verhalten (sich zu erinnern) nicht auftritt. Beispielsweise mag man zum ersten Mal bei einer Fahrt durch North Dakota erfahren haben, dass die Hauptstadt dieses Bundesstaates „Bismarck“ heißt. Die Antwort auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ fällt einem möglicherweise nur dann ein, wenn man gerade Auto fährt, braunes Prärieland und erodierten Sandstein um sich herumsieht, Dieselabgase riecht und viele andere, insbesondere interozeptive, also körperliche Stimuli gegenwärtig sind, die zu dem Zeitpunkt, als man gelernt hat, wie die Hauptstadt von North Dakota heißt, ebenfalls zugegen gewesen sind. Der nominelle diskriminative Stimulus, der das Verhalten kontrollieren sollte (die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“) ist nur einer von vielen möglichen Stimuli, die zugegen waren, als das Verhalten (die Antwort „Bismarck“) verstärkt wurde. Zudem mag es andere Verhaltensweisen geben, auf die der nominelle diskriminative Stimulus ebenfalls Stimuluskontrolle ausübt. Zwar gibt es für den kompletten Satz „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ nur ein Verhalten, das verstärkt wird. Doch üben alle Bestandteile dieser Frage Stimuluskontrolle auch über anderes Verhalten aus. Beispielsweise dürfte der Bestandteil „Hauptstadt“ auch Stimuluskontrolle über die Antwort „Washington“ ausüben, der Bestandteil „North Dakota“ könnte Stimuluskontrolle über „Fargo“, „Schneestürme“ und anderes mehr haben. Dass uns auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ keine Antwort einfällt, kann daran liegen, dass andere Verhaltensweisen (die anderen Dinge, an die wir uns erinnern, wenn wir die Frage hören) ebenfalls durch die Frage aktiviert werden. Je mehr Zeit zwischen dem Lernen und dem Test (der Frage nach der Hauptstadt von North Dakota) vergeht, desto wahrscheinlicher ist es, dass zwischenzeitlich auch andere, konkurrierende Verhalten konditioniert worden sind. Zusätzlich beeinträchtigen uns auch noch konkurrierende Verhalten, auf die andere Stimuli Stimuluskontrolle ausüben. Haben wir erst kürzlich von einem Freund gehört, der in Brisbane lebt, könnte die Antwort „Brisbane“ gegenwärtig bei uns eine starke Tendenz aufweisen. Ein weiteres tut die topographische Ähnlichkeit zwischen den beiden Antwortmöglichkeiten „Brisbane“ und „Bismarck“[i]. Der Grund, warum wir uns manchmal nicht erinnern können, liegt also nicht darin, dass die Stimuluskontrolle irgendwie verloren gegangen wäre, sondern dass es konkurrierende Reaktionen auf den Stimulus (die Frage) gibt und dass es zu wenige Stimuli gibt, die neben der Frage noch die Antwort kontrollieren könnten.

Diese Prinzipien kommen auch in den üblichen Experimenten, mit denen man die Gedächtnisleistung überprüft, zum Tragen. Beispielsweise lernt eine Person in einem solchen Experiment, einem bestimmten Begriff eine Unsinnssilbe zuzuordnen. Wird die Person dann getestet, testet man nicht die Gedächtnisleistung, sondern ob die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf die Unsinnssilbe übertragen werden konnte. Es ist, so Palmer (1991), nicht überraschend, dass die Versuchspersonen in diesen Experimenten vergessen, sondern dass sie sich überhaupt an irgendetwas erinnern. In verhaltensanalytischen Versuchen zur Übertragung der Stimuluskontrolle geschieht dies, indem der zu lernende Begriff nach und nach prominenter gemacht wird und der bereits bekannte Begriff nach und nach ausgeblendet wird (Fading). Wendet man solche Strategien nicht an, ist es unwahrscheinlich, dass die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf den neutralen, neuen Begriff (oder die Unisinnssilbe) übergeht. Die Leistung der Versuchspersonen in den üblichen Experimenten zum Gedächtnis hängt also von nicht-kontrollierten Ereignissen während der Lernphase und von der Lerngeschichte der Versuchsperson ab. Dies erklärt auch, warum man meist nicht erklären kann, welche Begriffe auf einer bestimmten Liste gelernt werden und welche vergessen werden.

Der Vorgang der Extinktion ist der einzige, der erklären kann, wie die Stimuluskontrolle nachlässt oder verschwindet. Tatsächlich scheint es bei der Extinktion aber so zu sein, dass die Stimuluskontrolle eher präziser wird, als dass sie verloren geht. Der Organismus lernt, dass unter den Extinktionsbedingungen (die immer leicht unterschiedlich von den Lernbedingungen sind) das Verhalten nicht mehr zur Verstärkung führt und zeigt es deshalb nicht. Zum Wiederaufleben des Verhaltens kommt es vor allen Dingen dann, wenn der Organismus sich in einer neuen Umgebung (in Anwesenheit neuer Stimuli) befindet oder aber, wenn er in die ursprüngliche Lernumgebung zurückgebracht wird. Auf das Phänomen des Erinnerns übertragen, bedeutet dies, dass wir nicht die Stimuluskontrolle über das Erinnern verlieren, sondern dass die Stimuluskontrolle durch neue Lernerfahrungen verändert wurde, was gewissermaßen zu einer Verdrängung der ursprünglich funktionierenden Stimuluskontrolle des Erinnerns führt.

Betrachten wir das zweite Beispiel (delayed matching to sample), stellt sich eine weitere Frage. Wie lange kann ein Stimulus noch Kontrolle über das Verhalten ausüben? Dies entspricht der Frage der traditionellen Gedächtnispsychologie, wie lange das Kurzzeitgedächtnis währt. Interessanterweise zeigen Studien zum zeitverzögerten matching to sample ähnliche Ergebnisse wie Studien zum Kurzzeitgedächtnis. Sowohl das delayed matching to sample als auch das Erinnern von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses funktioniert nur maximal 20 Sekunden lang (Blough, 1959). Bei der Stimuluskontrolle stellt sich zudem immer die Frage, was ein „neuer“ Stimulus ist. Dabei zeigt sich, dass ein Stimulus nur dann „funktioniert“, wenn er überraschend ist, d. h. in gewisser Weise neu für den Organismus. Die lernpsychologischen Phänomene der Blockierung und des Verhaltenskontrasts können zahlreiche Gedächtnisphänomene erklären, wie etwa den Primacy- oder Recencyeffekt, das Tip-of-the-Tongue-Phänomen und die sogenannten Blitzlicht-Erinnerungen.

Gedächtnis als ein Phänomen des Problemlösens

Auf die Frage, was die Wurzel aus 144 ist, können die meisten von uns wahrscheinlich mit der richtigen Antwort reagieren („12“). Wir haben diese Frage schon einmal erfolgreich in der Vergangenheit beantwortet und erinnern uns an die Antwort. Das Sich-Erinnern ist in diesem Fall ein Phänomen der Stimuluskontrolle durch die Frage. Wenn aber die Frage gestellt wird, was die Wurzel aus 1764 ist, können nur die wenigsten von uns schnell darauf eine Antwort geben. Dies hat nichts mit einer unterschiedlich starken Stimuluskontrolle zu tun. Wir haben diese Frage bisher einfach noch nie beantwortet. Die Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und die Antwort auf die Frage „Was ist die Wurzel aus 1764?“ erfordert von uns jeweils ein problemlösendes Verhalten. Probleme in diesem Sinne sind aus verhaltensanalytischer Sicht verbale Stimuli, die eine aversive Konsequenz anzeigen, die wir nur dadurch vermeiden können, dass wir innerhalb einer gewissen Zeitspanne darauf reagieren. Man kann dies zum Beispiel auch daran erkennen, dass Menschen auf Probleme, die sie nicht gleich lösen können, oft mit sprachlichen Reaktionen reagieren, die ihnen Zeit verschaffen wie z. B. „Hm, lass mich mal überlegen“. Die Antwort „Ich weiß es nicht“ führt nicht zu Verstärkung, wohl aber die richtige Antwort.

Probleme kennzeichnet nach Palmer drei Merkmale:

  1. Das Zielverhalten oder die Zielverhaltensweisen sind Teil des Verhaltensrepertoires des Organismus, wobei dieses Verhalten von einem oder mehreren Stimuli abhängt.
  2. Es sind diskriminative Stimuli vorhanden, die anzeigen, dass das Verhalten verstärkt werden könnte.
  3. Das Verhalten ist nicht unter direkter Kontrolle von aktuell gegenwärtigen diskriminativen Stimuli.

Beispielsweise ist das sprachliche Verhalten „42“ (die Antwort auf die Frage nach der Quadratwurzel aus 1764) in unserem Repertoire. Dieses Verhalten („42“ zu sagen) hängt von vielen verschiedenen diskriminativen Stimuli ab, z. B. von dem diskriminativen Stimulus “Was ist 6 × 7?“, „40+2=“ usw. Eine bestimmte sportliche Höchstleistung (z. B. ein dreifacher Salto) ist dagegen wahrscheinlich nicht in unserem Repertoire, egal welche diskriminativen Stimuli ihm vorausgehen. Das Verhalten, „42“ zu sagen, ist aber nicht unter der direkten Kontrolle der Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“, im Gegensatz zu der Antwort „12“ auf die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel von 144?“.

Ebenso ist die Antwort „Rühreier“ bereits in meinem Verhaltensrepertoire. Viele verschiedene Stimuli können dieses Verhalten kontrollieren, z. B. der Anblick von Rühreiern. Zufälligerweise ist „Rühreier“ auch die richtige Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“. Auch besteht keine direkte Beziehung zwischen der Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und der Antwort „Rühreier“, d. h. die Frage übt keine direkte Stimuluskontrolle über die Antwort aus (außer ich esse jeden Tag Rühreier zum Frühstück). Die Frage stimuliert eine Folge von verschiedenen Verhaltensweisen, die zur Problemlösung führen. Dieses Problemlösen funktioniert so, dass die Person eine Antwort produziert, die wiederum Stimuluskontrolle ausübt über weitere Antworten. Die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel aus 1764?“ stimuliert z. B. die Antwort „Naja, es ist wohl mehr als 40, weil 40 × 40 sind 1600“, darauf folgt das Verhalten „50 × 50 ist es aber auch nicht, denn das gibt 2500“, darauf „also ist es irgendetwas dazwischen“ usw. Von Fall zu Fall und von Individuum zu Individuum wird diese Kette ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem welche Antworten unter Stimuluskontrolle des vorherigen sprachlichen Verhaltens stehen. Dieses Problemlösen kann offen geschehen (wie bei jemanden, der wie oben geschildert mit sich selbst spricht, während er versucht die Mathematikaufgabe zu lösen) oder aber verdeckt. Ähnlich verhält sich eine Person, die versucht, sich an ein Ereignis in der Vergangenheit zu erinnern. Auch auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ reagieren wir mit einer Kette von Verhaltensweisen, z. B. „Heute ist Dienstag…. Gestern war Montag… Montag gehe ich immer erst später aus dem Haus, weil ich erst spät Vorlesung habe… Ich hatte also Zeit, richtig zu frühstücken…“ usw. Unterstützend wirkt bei diesem ganzen Vorgang, dass die Stimuli neben sprachlichem Verhalten auch konditioniertes Wahrnehmungsverhalten auslösen können, z. B. das Bild meines Frühstückstisches. Störend kann dabei Wahrnehmungsverhalten, das von äußeren Stimuli ausgelöst wird, wirken. Dies ist ein Grund, weswegen wir, wenn wir versuchen, uns zu erinnern, oft die Augen auf einen Bereich unseres Wahrnehmungsfeldes richten, in dem kaum störende Stimuli zu sehen sind. Unser Wahrnehmungsverhalten wird fortlaufend konditioniert. Es wird leichter konditioniert, wenn wir „überrascht“ werden. Konditionierte Wahrnehmungen sind dennoch Reaktionen auf gegenwärtige Stimuli. Frühere Ereignisse haben uns in einer Weise verändert, dass wir nun ein Wahrnehmungsverhalten zeigen, bei dem wir Dinge sehen, die aktuell nicht anwesend sind, weil diese Wahrnehmungen unter der Stimuluskontrolle des gegenwärtigen Umfelds stehen.

Ein Problem wurde bislang durch diese Erklärung noch nicht gelöst: Wie erkennt die Person, dass das Zielverhalten tatsächlich die richtige Antwort darstellt (also, woher weiß die Person, dass „Rühreier“ die richtige Antwort ist)? Die Antwort darauf lautet, dass es keine absolute Garantie gibt, dass man sich richtig erinnert. Generell aber sollte die richtige Antwort ein starkes Verhalten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sein, vorausgesetzt die entsprechenden diskriminativen Stimuli sind gegeben. Der Befragte erkennt demnach die richtige Antwort an der Stärke dieses Verhaltens. So richtig befriedigend ist diese Erklärung allerdings nicht.

Wenn wir uns etwas merken wollen, knüpfen wir das, was wir uns merken wollen, an bestimmte Stimuli. Diese Stimuli verwenden wir dann auch wieder, wenn wir uns an das, was wir uns merken wollten, erinnern wollen.

Ist einmal eine richtige Antwort gegeben worden (z. B. die Antwort „42“ auf die Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“), kann diese Frage (der diskriminative Stimulus „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“) künftig diese Antwort („42“) direkt auslösen (in Form des Erinnerns als eine Form der Stimuluskontrolle, siehe oben). Ebenso kann eine Antwort in Bezug auf eine Frage nach einem vergangenen Ereignis, nachdem sie einmal gegeben wurde, nun leichter ausgelöst werden. Auch der Problemlösevorgang des Rekonstruierens von Erinnerungen über Ketten aus sprachlichem Verhalten und Wahrnehmungsverhalten sowie den diskriminativen Stimuli, die sie erzeugen, ist bei Erwachsenen vielfach geübt worden: Wir müssen ständig Fragen nach unserer Vergangenheit beantworten. Die Stimuli, die wir erzeugen, um uns wieder zu erinnern, sind sehr individuell und von unserer Lerngeschichte abhängig.

Wir müssen das Erinnern lernen. Kinder lernen es, indem man sie nach vergangenen Ereignissen fragt. Sie lernen das Erinnern, so wie sie das Lösen anderer Probleme erlernen. Eltern und andere Erwachsene formen das Verhalten der Kinder, sich zu erinnern, indem sie Hilfestellung in Form von sukzessiven Annäherungen und Prompts geben. Dabei zeigen sie oft das Verhalten, das normalerweise in ihnen verdeckt abläuft, offen, um so das Kind anzuleiten. Es gibt zwischen richtigen und falschen Erinnerungen keinen qualitativen Unterschied (was ja auch die Forschung zu den „falschen Erinnerungen“ bestätigt). Das Geben von objektiv richtigen Antworten wird jedoch beim Kind in der Regel konsequent verstärkt. „Lügt“ ein Kind über Fragen bezüglich seiner Vergangenheit, wird dies korrigiert, „sagt es die Wahrheit“, wird dies gelobt.

Literatur

Blough, D. S. (1959). Delayed matching in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 2(2), 151-160. doi:10.1901/jeab.1959.2-151

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Reno, NV, US: Context Press.

[i] Interessanterweise dürfte Deutschen die Antwort „Bismarck“ leichter fallen, da dieses Wort für Deutsche auch anderweitig determiniert ist und daher die Auskunft, dass die Hauptstadt eines US-Bundesstaates so heißt wie der Reichskanzler, „überraschend“ ist (siehe unten). Umgekehrt dürften Deutsche wahrscheinlich leichter als US-Amerikaner vergessen, von welchem Bundesstaat „Bismarck“ die Hauptstadt ist.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stimuluskontrolle, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Tagteach beim Tanzen

Ähnlich wie beim „Clicker-Training“ nutzt man auch beim „Tagteach“ einen konditionierten Verstärker. Der „Tag“ (Markierer) ist in der Regel ein kurzes Geräusch (auch ein Clicker wird gerne verwendet), mit dem man bestimmte, erwünschte Verhaltensweisen markiert. Die unmittelbare zeitliche Nähe von Verhalten und Markierung erleichtert das Lernen. Bei menschlichen Versuchspersonen muss man in der Regel den Clicker nicht „aufladen“ (mittels eines primären Verstärkers zum konditionierten Verstärker machen). Bei Versuchspersonen, die bereits sprechen können, genügt es zumeist, wenn man der Person, die mittels Tagteach etwas lernen soll, vorher sagt, dass der „Click“ anzeigt, dass das gerade gezeigte Verhalten „richtig“ war. Diese Instruktion wirkt dabei als etablierende Operation (establishing operation), durch die das Klickgeräusch (regelgeleitet) zum Verstärker wird.

Quinn et al. (2015) berichten vom Einsatz des Tagteaching bei vier Mädchen im Alter von sechs bis neun Jahren, die in einem Studio Jazztanz lernten. Zur Didaktik des Tanzens gibt es recht wenig empirische Untersuchungen (Nemecek & Chatfield, 2007). Die meisten Tanzlehrer setzen unbewusst vor allem aversive Techniken (Bestrafung und negative Verstärkung) ein: Wenn die Schülerin alles richtig macht, wird sie nicht geschimpft. Der zeitliche Bezug (die Kontiguität) zwischen dem Verhalten (der jeweiligen richtigen oder falschen Tanzbewegung) ist dabei meist sehr schwach, die Rückmeldung erfolgt unsystematisch und zeitverzögert. All das erschwert das Lernen.

Tagteach ist schon bei anderen Sportarten, bei denen es auf gute Körperbeherrschung ankommt, erfolgreich eingesetzt worden, z. B. beim Golfspielen (Fogel et al., 2010) und beim Schießen (Mononen, 2007).

Quinn et al. (2015) nutzen das verhaltensorientierte Fertigkeitstraining (Behavioral Skills Training, BST), um den Tanzlehrerinnen das Tagteaching zu vermitteln. Anschließend erklärten die Tanzlehrerinnen die Schülerinnen, was es mit dem „Tagger“ (dem Clicker) auf sich hat: Immer, wenn die Schülerin eine Bewegung, die ihr zuvor erklärt wurde, richtig ausführte, wird sie unmittelbar dieses Geräusch hören. Den Schülerinnen wurde der Einsatz des Taggers demonstriert und sie durften ihn auch selbst verwenden, um das Verhalten der Lehrerin zu formen. Anschließend wurde der Tagger im normalen Unterricht eingesetzt. Dabei wurde das Tagging im Schnitt nur vier Minuten lang pro Bewegungsart und pro Woche eingesetzt, in der restlichen Zeit fand normaler Unterricht statt.

Die Lehrerin erklärte zunächst immer, was in der folgenden Übung der „Tag-Punkt“ sein solle (z. B. „Der Tag-Punkt ist: Zehen zum Knie“). Bei der jüngsten Schülerin erwies sich der Tagger alleine als nicht ausreichend, um eine stabile Verhaltensänderung zu erreichen. Das Tagging wurde daher durch ein Token-System ergänzt. Für jedes „Click“ erhielt die Sechsjährige einen Punkt, sie konnte ihre Punkte am Ende der Stunde gegen ein kleines Geschenk (einen Aufkleber oder eine Süßigkeit) eintauschen.

Die Forscher untersuchten die Wirkung des Tagteaching bei drei verschiedenen Bewegungsarten, die die Kinder lernen sollten (Drehen, Springen, Schwingen). Das Tagteaching wurde bei jeder dieser Verhaltensweisen zeitversetzt eingeführt, in der Form eines Multiplen-Basisratendesigns. Die Schülerinnen verbesserten ihre Leistungen in den einzelnen Verhaltensweisen mit Beginn des Tagteaching jeweils deutlich und dauerhaft. Der Anteil korrekt ausgeführter Bewegungen verbesserte sich, je nach Schülerin und geforderter Bewegungsart um 20 % bis 50 % innerhalb weniger Termine.

Die Schülerinnen und die Lehrerinnen wurden zudem auch nach ihrer Einschätzung bezüglich des Tagteaching befragt (soziale Validität des Verfahrens). Die Kinder äußerten übereinstimmend, dass das Tagteaching ihnen dabei half, sich zu konzentrieren und dass es besser als der normale Unterricht sei. Die Lehrerinnen verglichen Videoaufnahmen von vor und nach dem Tagteaching und bewerteten das Verfahren ebenfalls als sehr hilfreich.

Literatur

Fogel, Victoria A.; Weil, Timothy M. & Burris, Heather. (2010). Evaluating the efficacy of TAGteach as a training strategy for teaching a golf swing. Journal of Behavioral Health and Medicine, 1(1), 25-41.

Mononen, Kaisu. (2007). The effects of augmented feedback on motor skill learning in shooting. Studies in Sport, Physical Education, and Health, 122, 1-63. DOI: 10.1080/0264041031000101944

Nemecek, Sarah M. & Chatfield, Steven J. (2007). Teaching and technique in dance medicine and science. A descriptive study with implications for dance educators. Journal of Dance Education, 7(4), 109-117. doi: 10.1080/15290824.2007.10387348

Quinn, Mallory J.; Miltenberger, Raymond G. & Fogel, Victoria A. (2015). Using tagteach to improve the proficiency of dance movements. Journal of Applied Behavior Analysis, 48(1), 11-24. DOI: 10.1002/jaba.191

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Eingeordnet unter Pädagogik, Shaping, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Veränderte Rahmenbedingungen führen zu einem veränderten Verhalten der Politiker

Critchield et al. (2003) konnten zeigen, dass das Gesetzgebungsverhalten des US-Kongresses in vielen Punkten dem Verhalten eines Versuchstiers unter einem fixen Intervallplan gleicht. Dies galt zumindest für die Jahre 1948 bis 2000. Critchfield et al. (2015) müssen nun aber feststellen, dass dies seit einigen Jahren nicht mehr zutrifft. Mittlerweile hat die Gesetzgebungsaktivität im US-Kongress ein historisches Tief erreicht. Während bis 1989 im Schnitt jährlich 300 bis 400 Gesetze verabschiedet wurden, sank diese Zahl seitdem. Im Jahr 2013 wurden weniger als 100 Gesetze verabschiedet. Die meisten interessierten US-Bürger empfinden diese Inaktivität als beschämend. Die beiden Parteien des Kongresses blockieren sich gegenseitig. Gesetze scheitern nicht so sehr an der mangelnden Aktivität der Abgeordneten, sondern daran, dass vorbereitete Gesetze entweder gar nicht zur Abstimmung gebracht werden oder aber in der Abstimmung scheitern.

Critchfield et al. (2015) stellen für die Zeit seit 1989 fest, dass nicht nur die Zahl der Gesetze geringer wurde. Auch das bekannte treppenförmige Muster (mit vielen Gesetzen am Ende der Legislaturperiode) verschwindet. Für die beiden Entwicklungen führen sie mehrere Gründe an.

Tatsächlich scheinen die Abgeordneten, gemessen an der Dauer der Sitzungsperiode, nicht weniger, sondern mehr zu arbeiten. Die Zahl an Gesetzen, die eingebracht werden, ging nicht zurück. Vielmehr scheitern diese Gesetze in der Abstimmung. Einen wichtigen Grund für dieses häufigere Scheitern sehen sie in der gestiegenen Bedeutung der Parteien. In den Jahrzehnten zuvor war es oft möglich, Gesetze mit wechselnden Mehrheiten durchzubringen. Seit einigen Jahren sind die Abgeordneten viel stärker an die Parteidisziplin gebunden.

Dies hat wiederum damit zu tun, dass der Prozess der Festlegung der Wahlkreise in den letzten Jahren „optimiert“ wurde. Je nach der Bevölkerungsentwicklung müssen in den USA die Wahlkreise von Zeit zu Zeit neu festgelegt werden. In der Regel wird über diese Festlegungen von den Politikern selbst entschieden. Seit 1991 gibt es entsprechende Software (die in den letzten Jahren nochmals verbessert wurde), die die Interessenvertreter dabei unterstützt. Die Parteien haben ein Interesse daran, dass die Wahlkreise so festgelegt werden, dass sie in möglichst vielen Wahlkreisen relativ sicher immer von der Mehrheit der Wähler gewählt werden. Dies hat dazu geführt, dass die Zahl der Wahlkreise, die noch als ernsthaft umstritten gelten können, 1998 noch bei etwa 170 lag, 2013 dagegen nur noch bei knapp 90. In allen anderen Wahlkreisen ist der Gewinn der Wahl für den Kandidaten einer Partei mehr oder weniger sicher. Dies stärkt wiederum die Rolle der Vorwahlen, bei denen die Kandidaten einer Partei bestimmt werden. An Vorwahlen nimmt allerdings nur ein relativ kleiner Teil der Wahlberechtigten teil. Dabei handelt es sich oft um die eher extrem eingestellten Anhänger einer Partei (z. B. die Anhänger der Tea-Party-Bewegung in der Republikanischen Partei). Tendenziell gewinnen also in beiden Parteien eher die Kandidaten die Vorwahl, die die extremeren Positionen vertreten. Sind diese erst einmal gewählt, werden sie zudem von den Medien viel stärker beobachtet als noch vor 20 oder 30 Jahren. Mittlerweile gibt es das Parlamentsfernsehen, das Internet und die sozialen Medien. Wie ein Abgeordneter abstimmt und wie er sich ansonsten verhält, kann nun viel besser verfolgt werden. Der Abgeordnete wird also eher vermeiden, als kompromissbereit zu erscheinen, da er ja von den tendenziell extremer eingestellten Vorwahl-Teilnehmern wieder aufgestellt werden will. Gesetze werden unter diesen Bedingungen zwar noch eingebracht, oft aber nur, um den Wählern zu zeigen, dass man eine bestimmte Position vertritt, ohne die echte Absicht, dieses Gesetz auch tatsächlich „durchzubringen“.

Eine weitere Entwicklung hat das Aushandeln von Deals zwischen den Parteien erschwert. Inhaltlich ganz unterschiedliche Gesetze konnten früher gebündelt werden, sodass z. B. über den Haushalt einer bestimmten Institution zusammen mit der Förderung einer Baumaßnahme abgestimmt wurde. Dieses Verfahren ist mittlerweile untersagt, sodass über jedes Thema einzeln abgestimmt werden muss und kein Deal mehr möglich ist, der es einem Abgeordneten erlaubt, einer Maßnahme zuzustimmen, die seiner Position widerspricht, weil zugleich über eine Maßnahme abgestimmt wird, die seinen Anhängern nützt.

Auch die Parteienfinanzierung hat sich verändert. Die Gesetze, die verhindern sollen, dass Politiker durch Firmen und große Einzelspender beeinflusst werden, werden seit einigen Jahren unterlaufen, indem Wahl- oder Unterstützungsvereine gegründet werden, die die tatsächlichen Spender verschleiern. Ein Politiker, der auf viele Kleinspender angewiesen ist, muss eher eine moderate Position einnehmen, um möglichst vielen verschiedenen Individuen gerecht zu werden. Stützt sich die Finanzierung dagegen auf wenige Großspender, versucht der Politiker, eher deren, eventuell extremere Einzelmeinung zu unterstützen.

Der treppenförmige Verlauf der Gesetzgebungsaktivitäten tritt deshalb nicht mehr oder kaum mehr auf, weil die Verstärker für den Politiker – die Aufmerksamkeit des Wahlvolks – nicht mehr auf bestimmte Zeiträume beschränkt ist. Die oben genannten Entwicklungen in der Mediennutzung begünstigen dies. Aufgrund dieser ständigen Verbindung zum Wahlvolk ist das demonstrative Verteidigen von Positionen für die Politiker wichtiger geworden als das rationale Aushandeln von Kompromissen und die eigentliche Parlamentsarbeit. Critchfield et al. (2015) tragen den Krümmungsindex der kummulativen Gesetzgebungsaktivität (ein Wert, an dem man das Ausmaß der „Treppenförmigkeit“ erkennen kann) auf der Zeitachse auf und setzen ihn in Bezug zum erstmaligen Auftreten einiger technischer Entwicklungen. Auf bestimmte Innovationen wie z. B. das Kabelfernsehen, das Internet und die sozialen Medien folgt jeweils ein Rückgang des Krümmungsindex.

Die Gesellschaft kann durchaus etwas gegen diese Entwicklung, die der parlamentarischen Demokratie schadet, unternehmen. Der US-Bundesstaat Kalifornien hat 2010 beschlossen, dass die Neuaufteilung der Wahlkreise nicht mehr durch die Politiker, sondern durch unabhängige Experten erfolgen soll. Noch lässt sich die Wirkung dieser Maßnahme auf die Vorwahlen und das Verhalten der Kandidaten nicht abschätzen.

Literatur

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Critchfield, Thomas S.; Reed, Derek D. & Jarmolowicz, David P. (2015). Historically low productivity by the United States Congress. Snapshot of a reinforcement-contingency system in transition. The Psychological Record, 65(1), 161-176. DOI: 10.1007/s40732-014-0098-8

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Politiker verhalten sich nach Plan

Der Verhaltensanalytiker Joseph V. Brady hatte bereits 1958 darauf hingewiesen, dass das Arbeitsverhalten des US-Kongresses an Verhalten unter einem festen Interfallplan erinnere, bei dem das Ende der Sitzungsperiode und der dann mögliche Kontakt zum Wahlvolk den Verstärker darstelle. Ganz besonders dürfte sich das alle zwei Jahre zeigen, wenn Wahlen anstehen. Nicht nur Zyniker sehen das hauptsächliche Anliegen der Abgeordneten im Streben nach Wiederwahl, so dass diese Annahme nicht ganz abwegig erscheint. Schon eine Arbeit von Weisberg und Waldrop (1972) zeigte, dass die Menge an Gesetzen, die (in den Jahren 1947-1968) vom Kongress verabschiedet wurden, gegen Ende der Sitzungsperiode immer rasant anstieg, um mit Beginn der neuen Sitzungen erst einmal zu ruhen. In einer Grafik (mit den kumulierten Häufigkeiten der verabschiedeten Gesetze) dargestellt, zeigte sich dasselbe treppenförmige Muster, wie wir es von Laborexperimenten kennen, bei denen das Versuchstier auf einem fixen Intervallplan für sein Verhalten verstärkt wird.

Kongress der Vereinigten Staaten

Einer Skinner-Box nicht unähnlich: Der Kongress der Vereinigten Staaten

Critchfield und andere (2003) wiesen nach, dass dies auch für den Zeitrum von 1948 bis 2000 gilt. Sie prüften dabei auch einige Voraussagen, die aus der Hypothese, dass das Arbeitsverhalten der Volksvertreter (in verabschiedeten Gesetzen gemessen) einem festen Intervallplan folge, abgeleitet werden können. Unter anderem kann man aus dieser Hypothese ableiten, dass die Rate des Verhaltens desto schneller wieder ansteigt, je größer der Verstärker ist. Auf die Gesetzgebung übertragen heißt das, dass die Rate der verabschiedeten Gesetze um so schneller ansteigt, je länger die vorausgehende Sitzungspause war (was voraussetzt, dass längere Sitzungspausen größere Verstärker sind, da sie den Abgeordneten mehr Zeit in ihrem Wahlkreis und damit mehr Kontakt zum Wahlvolk ermöglichen). Diese und die drei anderen Voraussagen konnten in einer statistischen Analyse der Daten bestätigt werden.Critchfield und seine Kollegen prüften auch einige Alternativhypothesen, so z. B. ob es nicht einfach die Arbeitslast während der Sitzungsperiode sei, die zur hektischen Aktivität gegen Ende der Sitzungsperiode führe oder ob die Gesetze einfach nur so lange Vorbereitung benötigten, um letztendlich gegen Ende der Sitzungsperiode verabschiedet werden zu können. Für diese und einige andere Alternativerklärungen für das treppenförmige Muster der Anzahl der verabschiedeten Gesetze ergaben sich keine Belege. Zum Beispiel fanden Critchfield et al., dass die Menge an Vorbereitung für die Gesetze (gemessen über die Aktivität von Ausschüssen und Unterausschüssen) sogar in negativer Beziehung zum Ausmaß der „Torschlussaktivitäten“ standen, d. h., je mehr während der Sitzungsperiode in den Ausschüssen gearbeitet wurde, desto geringer war die Anzahl der kurz vor Schluss verabschiedeten Gesetze. Es scheint, dass die Volksvertreter ihre Zeit zu Beginn der Sitzungsperioden eher mit anderen als Gesetzgebungsaktivitäten (und deren Vorbereitung) verbrachten, z. B. mit innerparteilicher Profilierung (wofür Critchfield et al. einige Anhaltspunkte fanden).Alles in allem scheint die Annahme, das Verhalten der Abgeordneten unterläge einen fixen Intervallplan mit der Sitzungspause (und den Wahlen) als Verstärker, der Realität recht nahe zu kommen. Allerdings erreicht das Muster, das die Gesetzgebungsaktivitäten zeigen, nicht die Regelmäßigkeit, die wir aus den Laborexperimenten kennen. Wie immer gibt es in der Realität viele verschiedene Kontingenzen, die auf das Verhalten der Abgeordneten einwirken. Auch für einen Volksvertreter gibt es andere Verstärker als die Wiederwahl und andere Verhaltensweisen als die Verabschiedung von Gesetzen.Literatur:

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Weisberg, Paul & Waldrop, Phillip B. (1972). Fixed-interval work habits of Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 5(1), 93-97. DOI: 10.1901/jaba.1972.5-93 PDF 516 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Wenn das Solarium verboten wird, werden Bräunungscremes attraktiver

Fast 44 % aller (weißen, nicht lateinamerikanischen) Oberschülerinnen in den USA gehen mindestens einmal im Jahr auf die Sonnenbank. Einige Forscher (Kourosh et al., 2010; Reed, 2015) vertreten die Auffassung, dass der Wunsch nach Sonnenbräune eine Verhaltensabhängigkeit, also eine Sucht wie die Spielsucht, sei (vgl. auch hier). Untersagt man Minderjährigen die Benutzung von Sonnenbänken, besteht das Risiko, dass diese sich verstärkt natürlicher US-Strahlung (von der Sonne) aussetzen. Wünschenswert wäre dagegen, wenn die Jugendlichen schon braun sein wollen, dass sie auf Bräunungscremes zurückgreifen. Welche Folgen ein Verbot von Solarien für Jugendliche hat, ist noch wenig untersucht.

Reed et al. (2014) machten sich den Umstand, dass die Länder Schottland, Wales und England zu verschiedenen Zeitpunkten annähernd gleichlautende Gesetze verabschiedeten, in denen die Benutzung von Solarien durch Minderjährige untersagt wurde, für ein natürliches Experiment. Sie ließen durch „Google Trends“ auswerten, wie häufig im Internet in den einzelnen Ländern nach „Selbstbräuner“ und ähnlichen Begriffen gesucht wurde. Dabei verglichen sie die Jahre vor Verabschiedung dieser Gesetze mit den Jahren nach Inkrafttreten der Gesetze. „Google Trends“ lieferte für jedes Jahr einen Index, der angibt, wie relativ häufig der Begriff gesucht wurde. Dieser Index kann zwischen 0 (kaum Suchanfragen) und 100 (maximal häufige Suchanfragen) liegen. In Schottland lag dieser Index für die Jahre 2004 bis 2008 (Verabschiedung des Gesetzes) bei 0. In den folgenden Jahren stieg der Index auf durchschnittlich etwa 40. In Wales lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 (Verabschiedung des Gesetzes) ebenfalls bei 0, anschließend stieg er auf rund 30. In England wurde das entsprechende Gesetz ebenfalls im Jahr 2010 verabschiedet. Hier lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 bei 20 bis 25. In den Jahren ab 2011 lag der Index dann bei rund 50.

Reed et al. (2014) interpretieren diese Entwicklung als das Resultat „informationeller Verstärkung“. Die Informationen über Selbstbräuner wurden durch den Wegfall (oder die Erschwernis) der Möglichkeit, Solarien zu benutzen, für die Jugendlichen zum effektiven Verstärker. Zuvor waren diese Informationen weniger bedeutsam und wurden deshalb auch seltener aufgesucht.

Literatur

Kourosh, Arianne S.; Harrington, Cynthia R. & Adinoff, Bryon. (2010). Tanning as a behavioral addiction. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 36(5), 284-290. doi: 10.3109/00952990.2010.491883

Reed, Derek D. (2015). Ultra-violet indoor tanning addiction. A reinforcer pathologies interpretation. Addictive Behaviors, 41, 247-251. doi: 10.1016/j.addbeh.2014.10.026

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Eingeordnet unter leichte Kost, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

Ob sich Menschen egoistisch oder altruistisch entscheiden, hängt weniger davon ab, ob andere ihre Entscheidung mitbekommen, sondern davon, ob sie mit den anderen Menschen in Kontakt treten.

Borba et al. (2014) ließen ihre Versuchspersonen an einer Aufgabe arbeiten, bei der sie sich letztlich zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Entschieden sie sich für Variante 1, so hatte dies für sie selbst unmittelbar positive Konsequenzen, für die Gruppe aber langfristig negative Konsequenzen – eine impulsive, egoistische Wahl. Entschieden sie sich für Variante 2, so führte dies für sie selbst unmittelbar zu nur wenigen positiven Konsequenzen, für alle Gruppenmitglieder zusammen aber langfristig aber zu mehr positiven Konsequenzen – ein Wahl, die man als „ethische Selbstkontrolle“ bezeichnen könnte.

Borba et al. (2014) variierten die Bedingungen, unter denen die Versuchspersonen an der Aufgabe arbeiten und sich letztlich entscheiden mussten.

  1. Wenn jede Versuchsperson allein wählen konnte, entschied sie sich fast ausschließlich egoistisch impulsiv.
  2. Saßen die Versuchspersonen zusammen vor der Aufgabe, konnten reden und sahen, für welche Alternative sich die anderen Versuchspersonen entschieden, so trafen sie meist die Wahl, die ethische Selbstkontrolle zeigte.
  3. Saßen sie zusammen an der Aufgabe und konnte reden, hatten aber keine Informationen über die Entscheidungen der anderen, entschieden sie sich ebenfalls häufig für die ethische, Selbstkontrolle zeigende Alternative.
  4. Zuletzt saßen die Versuchspersonen zusammen an der Aufgabe, konnten aber nicht miteinander reden, jedoch sehen, wie sich die anderen Versuchspersonen entschieden. Hier entschieden sich wieder viele Versuchspersonen impulsiv und egoistisch.

Die sprachliche Interaktion scheint für die Wahl, ob man sich egoistisch und impulsiv oder altruistisch und beherrscht verhält, entscheidend zu sein. Der Umstand, dass man selbst die Entscheidung der anderen sehen kann (und diese die eigene Entscheidung), scheint dagegen wenig Einfluss auf verantwortungsvolles Handeln zu haben.

Literatur

Borba, Aécio; Rodrigues da Silva, Bruno; dos Anjos Cabral, Pedro Augusto; Bentes de Souza, Lívia; Leite, Felipe Lustosa & Tourinho, Emmanuel Zagury. (2014). Effects of exposure to macrocontingencies in isolation and social situations in the production of ethical self-control. Behavior and Social Issues, 23, 5-19. PDF 575 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Hunde ziehen Futter dem Gestreichelt-Werden vor – Fast immer

Manchmal ist Gestreichelt-Werden doch besser als Futter: Wenn der Hund satt ist und verunsichert.

Feuerbacher und Wynne (ich berichtete hier) gingen nochmals (2014) der Frage nach, ob und unter welchen Umständen Hunde das Gestreichelt-Werden dem Futter vorziehen. Sie untersuchten sowohl Hunde, die einen Besitzer hatten als auch Tierheimhunde, in vertrauten und unvertrauten Umgebungen. Die Hunde waren zum Teil eine Weile von ihren Besitzern getrennt gewesen (sozial depriviert), zum Teil hatten sie einige Zeit nichts zu essen bekommen (nahrungsdepriviert). In den verschiedenen Versuchen wurden die Hunde jeweils mit zwei Menschen konfrontiert, die auf Stühlen saßen und die Hunde entweder kraulten oder ihnen kleine Futterbissen gaben. Das Futter wurde anfangs immer bei jedem Kontakt (kontinuierlich), später nach und nach seltener (intermittierend) und zuletzt gar nicht mehr (auf Extinktion) gegeben.

Alles in allem zogen die Hunde das Futter dem Gekrault-Werden vor. Es gab einige Ausnahmen. Hunde, die mit ihrem Besitzer in einer unvertrauten Umgebung waren, zogen bisweilen das Gekrault-Werden durch den Besitzer dem Futter (das von einem Fremden gegeben wurde) vor. Dies galt besonders dann, wenn Hund und Besitzer zuvor kurz getrennt worden waren. Hunde aus Tierheimen hatten eine vergleichsweise hohe Präferenz fürs Gestreichelt-Werden. In den meisten Situationen gingen die Hunde anfangs vorzugsweise zu demjenigen Menschen, der das Futter anbot, dies kippte aber, sobald dieser Mensch immer seltener (intermittierend) Futter gab, spätestens aber, wenn er gar kein Futter mehr anbot. Hunde, die in ihrer vertrauten Umgebung nur mit fremden Menschen konfrontiert wurden, gingen jedoch selbst dann noch ausschließlich zu dem Menschen, der Futter anbot (und nicht zu dem, der sie kraulte), wenn dieser Mensch gar kein Futter mehr herausgab (der Mensch hatte aber immer noch einen Beutel mit Futter bei sich). War der Hund von Futter depriviert, überlagerte dies alle anderen Variablen: Unabhängig von der Situation und den beteiligten Personen ging der Hund dann immer zu dem Menschen mit dem Futter.

Literatur

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105-129. PDF 2,08 MB

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2014). Most domestic dogs (canis lupus familiaris) prefer food to petting. Population, context, and schedule effects in concurrent choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 101(3), 385-405.

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Eingeordnet unter Tiere, Verhaltensanalyse, Verstärkung