Archiv der Kategorie: Verstärkung

Tagteach beim Tanzen

Ähnlich wie beim „Clicker-Training“ nutzt man auch beim „Tagteach“ einen konditionierten Verstärker. Der „Tag“ (Markierer) ist in der Regel ein kurzes Geräusch (auch ein Clicker wird gerne verwendet), mit dem man bestimmte, erwünschte Verhaltensweisen markiert. Die unmittelbare zeitliche Nähe von Verhalten und Markierung erleichtert das Lernen. Bei menschlichen Versuchspersonen muss man in der Regel den Clicker nicht „aufladen“ (mittels eines primären Verstärkers zum konditionierten Verstärker machen). Bei Versuchspersonen, die bereits sprechen können, genügt es zumeist, wenn man der Person, die mittels Tagteach etwas lernen soll, vorher sagt, dass der „Click“ anzeigt, dass das gerade gezeigte Verhalten „richtig“ war. Diese Instruktion wirkt dabei als etablierende Operation (establishing operation), durch die das Klickgeräusch (regelgeleitet) zum Verstärker wird.

Quinn et al. (2015) berichten vom Einsatz des Tagteaching bei vier Mädchen im Alter von sechs bis neun Jahren, die in einem Studio Jazztanz lernten. Zur Didaktik des Tanzens gibt es recht wenig empirische Untersuchungen (Nemecek & Chatfield, 2007). Die meisten Tanzlehrer setzen unbewusst vor allem aversive Techniken (Bestrafung und negative Verstärkung) ein: Wenn die Schülerin alles richtig macht, wird sie nicht geschimpft. Der zeitliche Bezug (die Kontiguität) zwischen dem Verhalten (der jeweiligen richtigen oder falschen Tanzbewegung) ist dabei meist sehr schwach, die Rückmeldung erfolgt unsystematisch und zeitverzögert. All das erschwert das Lernen.

Tagteach ist schon bei anderen Sportarten, bei denen es auf gute Körperbeherrschung ankommt, erfolgreich eingesetzt worden, z. B. beim Golfspielen (Fogel et al., 2010) und beim Schießen (Mononen, 2007).

Quinn et al. (2015) nutzen das verhaltensorientierte Fertigkeitstraining (Behavioral Skills Training, BST), um den Tanzlehrerinnen das Tagteaching zu vermitteln. Anschließend erklärten die Tanzlehrerinnen die Schülerinnen, was es mit dem „Tagger“ (dem Clicker) auf sich hat: Immer, wenn die Schülerin eine Bewegung, die ihr zuvor erklärt wurde, richtig ausführte, wird sie unmittelbar dieses Geräusch hören. Den Schülerinnen wurde der Einsatz des Taggers demonstriert und sie durften ihn auch selbst verwenden, um das Verhalten der Lehrerin zu formen. Anschließend wurde der Tagger im normalen Unterricht eingesetzt. Dabei wurde das Tagging im Schnitt nur vier Minuten lang pro Bewegungsart und pro Woche eingesetzt, in der restlichen Zeit fand normaler Unterricht statt.

Die Lehrerin erklärte zunächst immer, was in der folgenden Übung der „Tag-Punkt“ sein solle (z. B. „Der Tag-Punkt ist: Zehen zum Knie“). Bei der jüngsten Schülerin erwies sich der Tagger alleine als nicht ausreichend, um eine stabile Verhaltensänderung zu erreichen. Das Tagging wurde daher durch ein Token-System ergänzt. Für jedes „Click“ erhielt die Sechsjährige einen Punkt, sie konnte ihre Punkte am Ende der Stunde gegen ein kleines Geschenk (einen Aufkleber oder eine Süßigkeit) eintauschen.

Die Forscher untersuchten die Wirkung des Tagteaching bei drei verschiedenen Bewegungsarten, die die Kinder lernen sollten (Drehen, Springen, Schwingen). Das Tagteaching wurde bei jeder dieser Verhaltensweisen zeitversetzt eingeführt, in der Form eines Multiplen-Basisratendesigns. Die Schülerinnen verbesserten ihre Leistungen in den einzelnen Verhaltensweisen mit Beginn des Tagteaching jeweils deutlich und dauerhaft. Der Anteil korrekt ausgeführter Bewegungen verbesserte sich, je nach Schülerin und geforderter Bewegungsart um 20 % bis 50 % innerhalb weniger Termine.

Die Schülerinnen und die Lehrerinnen wurden zudem auch nach ihrer Einschätzung bezüglich des Tagteaching befragt (soziale Validität des Verfahrens). Die Kinder äußerten übereinstimmend, dass das Tagteaching ihnen dabei half, sich zu konzentrieren und dass es besser als der normale Unterricht sei. Die Lehrerinnen verglichen Videoaufnahmen von vor und nach dem Tagteaching und bewerteten das Verfahren ebenfalls als sehr hilfreich.

Literatur

Fogel, Victoria A.; Weil, Timothy M. & Burris, Heather. (2010). Evaluating the efficacy of TAGteach as a training strategy for teaching a golf swing. Journal of Behavioral Health and Medicine, 1(1), 25-41.

Mononen, Kaisu. (2007). The effects of augmented feedback on motor skill learning in shooting. Studies in Sport, Physical Education, and Health, 122, 1-63. DOI: 10.1080/0264041031000101944

Nemecek, Sarah M. & Chatfield, Steven J. (2007). Teaching and technique in dance medicine and science. A descriptive study with implications for dance educators. Journal of Dance Education, 7(4), 109-117. doi: 10.1080/15290824.2007.10387348

Quinn, Mallory J.; Miltenberger, Raymond G. & Fogel, Victoria A. (2015). Using tagteach to improve the proficiency of dance movements. Journal of Applied Behavior Analysis, 48(1), 11-24. DOI: 10.1002/jaba.191

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Eingeordnet unter Pädagogik, Shaping, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Veränderte Rahmenbedingungen führen zu einem veränderten Verhalten der Politiker

Critchield et al. (2003) konnten zeigen, dass das Gesetzgebungsverhalten des US-Kongresses in vielen Punkten dem Verhalten eines Versuchstiers unter einem fixen Intervallplan gleicht. Dies galt zumindest für die Jahre 1948 bis 2000. Critchfield et al. (2015) müssen nun aber feststellen, dass dies seit einigen Jahren nicht mehr zutrifft. Mittlerweile hat die Gesetzgebungsaktivität im US-Kongress ein historisches Tief erreicht. Während bis 1989 im Schnitt jährlich 300 bis 400 Gesetze verabschiedet wurden, sank diese Zahl seitdem. Im Jahr 2013 wurden weniger als 100 Gesetze verabschiedet. Die meisten interessierten US-Bürger empfinden diese Inaktivität als beschämend. Die beiden Parteien des Kongresses blockieren sich gegenseitig. Gesetze scheitern nicht so sehr an der mangelnden Aktivität der Abgeordneten, sondern daran, dass vorbereitete Gesetze entweder gar nicht zur Abstimmung gebracht werden oder aber in der Abstimmung scheitern.

Critchfield et al. (2015) stellen für die Zeit seit 1989 fest, dass nicht nur die Zahl der Gesetze geringer wurde. Auch das bekannte treppenförmige Muster (mit vielen Gesetzen am Ende der Legislaturperiode) verschwindet. Für die beiden Entwicklungen führen sie mehrere Gründe an.

Tatsächlich scheinen die Abgeordneten, gemessen an der Dauer der Sitzungsperiode, nicht weniger, sondern mehr zu arbeiten. Die Zahl an Gesetzen, die eingebracht werden, ging nicht zurück. Vielmehr scheitern diese Gesetze in der Abstimmung. Einen wichtigen Grund für dieses häufigere Scheitern sehen sie in der gestiegenen Bedeutung der Parteien. In den Jahrzehnten zuvor war es oft möglich, Gesetze mit wechselnden Mehrheiten durchzubringen. Seit einigen Jahren sind die Abgeordneten viel stärker an die Parteidisziplin gebunden.

Dies hat wiederum damit zu tun, dass der Prozess der Festlegung der Wahlkreise in den letzten Jahren „optimiert“ wurde. Je nach der Bevölkerungsentwicklung müssen in den USA die Wahlkreise von Zeit zu Zeit neu festgelegt werden. In der Regel wird über diese Festlegungen von den Politikern selbst entschieden. Seit 1991 gibt es entsprechende Software (die in den letzten Jahren nochmals verbessert wurde), die die Interessenvertreter dabei unterstützt. Die Parteien haben ein Interesse daran, dass die Wahlkreise so festgelegt werden, dass sie in möglichst vielen Wahlkreisen relativ sicher immer von der Mehrheit der Wähler gewählt werden. Dies hat dazu geführt, dass die Zahl der Wahlkreise, die noch als ernsthaft umstritten gelten können, 1998 noch bei etwa 170 lag, 2013 dagegen nur noch bei knapp 90. In allen anderen Wahlkreisen ist der Gewinn der Wahl für den Kandidaten einer Partei mehr oder weniger sicher. Dies stärkt wiederum die Rolle der Vorwahlen, bei denen die Kandidaten einer Partei bestimmt werden. An Vorwahlen nimmt allerdings nur ein relativ kleiner Teil der Wahlberechtigten teil. Dabei handelt es sich oft um die eher extrem eingestellten Anhänger einer Partei (z. B. die Anhänger der Tea-Party-Bewegung in der Republikanischen Partei). Tendenziell gewinnen also in beiden Parteien eher die Kandidaten die Vorwahl, die die extremeren Positionen vertreten. Sind diese erst einmal gewählt, werden sie zudem von den Medien viel stärker beobachtet als noch vor 20 oder 30 Jahren. Mittlerweile gibt es das Parlamentsfernsehen, das Internet und die sozialen Medien. Wie ein Abgeordneter abstimmt und wie er sich ansonsten verhält, kann nun viel besser verfolgt werden. Der Abgeordnete wird also eher vermeiden, als kompromissbereit zu erscheinen, da er ja von den tendenziell extremer eingestellten Vorwahl-Teilnehmern wieder aufgestellt werden will. Gesetze werden unter diesen Bedingungen zwar noch eingebracht, oft aber nur, um den Wählern zu zeigen, dass man eine bestimmte Position vertritt, ohne die echte Absicht, dieses Gesetz auch tatsächlich „durchzubringen“.

Eine weitere Entwicklung hat das Aushandeln von Deals zwischen den Parteien erschwert. Inhaltlich ganz unterschiedliche Gesetze konnten früher gebündelt werden, sodass z. B. über den Haushalt einer bestimmten Institution zusammen mit der Förderung einer Baumaßnahme abgestimmt wurde. Dieses Verfahren ist mittlerweile untersagt, sodass über jedes Thema einzeln abgestimmt werden muss und kein Deal mehr möglich ist, der es einem Abgeordneten erlaubt, einer Maßnahme zuzustimmen, die seiner Position widerspricht, weil zugleich über eine Maßnahme abgestimmt wird, die seinen Anhängern nützt.

Auch die Parteienfinanzierung hat sich verändert. Die Gesetze, die verhindern sollen, dass Politiker durch Firmen und große Einzelspender beeinflusst werden, werden seit einigen Jahren unterlaufen, indem Wahl- oder Unterstützungsvereine gegründet werden, die die tatsächlichen Spender verschleiern. Ein Politiker, der auf viele Kleinspender angewiesen ist, muss eher eine moderate Position einnehmen, um möglichst vielen verschiedenen Individuen gerecht zu werden. Stützt sich die Finanzierung dagegen auf wenige Großspender, versucht der Politiker, eher deren, eventuell extremere Einzelmeinung zu unterstützen.

Der treppenförmige Verlauf der Gesetzgebungsaktivitäten tritt deshalb nicht mehr oder kaum mehr auf, weil die Verstärker für den Politiker – die Aufmerksamkeit des Wahlvolks – nicht mehr auf bestimmte Zeiträume beschränkt ist. Die oben genannten Entwicklungen in der Mediennutzung begünstigen dies. Aufgrund dieser ständigen Verbindung zum Wahlvolk ist das demonstrative Verteidigen von Positionen für die Politiker wichtiger geworden als das rationale Aushandeln von Kompromissen und die eigentliche Parlamentsarbeit. Critchfield et al. (2015) tragen den Krümmungsindex der kummulativen Gesetzgebungsaktivität (ein Wert, an dem man das Ausmaß der „Treppenförmigkeit“ erkennen kann) auf der Zeitachse auf und setzen ihn in Bezug zum erstmaligen Auftreten einiger technischer Entwicklungen. Auf bestimmte Innovationen wie z. B. das Kabelfernsehen, das Internet und die sozialen Medien folgt jeweils ein Rückgang des Krümmungsindex.

Die Gesellschaft kann durchaus etwas gegen diese Entwicklung, die der parlamentarischen Demokratie schadet, unternehmen. Der US-Bundesstaat Kalifornien hat 2010 beschlossen, dass die Neuaufteilung der Wahlkreise nicht mehr durch die Politiker, sondern durch unabhängige Experten erfolgen soll. Noch lässt sich die Wirkung dieser Maßnahme auf die Vorwahlen und das Verhalten der Kandidaten nicht abschätzen.

Literatur

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Critchfield, Thomas S.; Reed, Derek D. & Jarmolowicz, David P. (2015). Historically low productivity by the United States Congress. Snapshot of a reinforcement-contingency system in transition. The Psychological Record, 65(1), 161-176. DOI: 10.1007/s40732-014-0098-8

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Politiker verhalten sich nach Plan

Der Verhaltensanalytiker Joseph V. Brady hatte bereits 1958 darauf hingewiesen, dass das Arbeitsverhalten des US-Kongresses an Verhalten unter einem festen Interfallplan erinnere, bei dem das Ende der Sitzungsperiode und der dann mögliche Kontakt zum Wahlvolk den Verstärker darstelle. Ganz besonders dürfte sich das alle zwei Jahre zeigen, wenn Wahlen anstehen. Nicht nur Zyniker sehen das hauptsächliche Anliegen der Abgeordneten im Streben nach Wiederwahl, so dass diese Annahme nicht ganz abwegig erscheint. Schon eine Arbeit von Weisberg und Waldrop (1972) zeigte, dass die Menge an Gesetzen, die (in den Jahren 1947-1968) vom Kongress verabschiedet wurden, gegen Ende der Sitzungsperiode immer rasant anstieg, um mit Beginn der neuen Sitzungen erst einmal zu ruhen. In einer Grafik (mit den kumulierten Häufigkeiten der verabschiedeten Gesetze) dargestellt, zeigte sich dasselbe treppenförmige Muster, wie wir es von Laborexperimenten kennen, bei denen das Versuchstier auf einem fixen Intervallplan für sein Verhalten verstärkt wird.

Kongress der Vereinigten Staaten

Einer Skinner-Box nicht unähnlich: Der Kongress der Vereinigten Staaten

Critchfield und andere (2003) wiesen nach, dass dies auch für den Zeitrum von 1948 bis 2000 gilt. Sie prüften dabei auch einige Voraussagen, die aus der Hypothese, dass das Arbeitsverhalten der Volksvertreter (in verabschiedeten Gesetzen gemessen) einem festen Intervallplan folge, abgeleitet werden können. Unter anderem kann man aus dieser Hypothese ableiten, dass die Rate des Verhaltens desto schneller wieder ansteigt, je größer der Verstärker ist. Auf die Gesetzgebung übertragen heißt das, dass die Rate der verabschiedeten Gesetze um so schneller ansteigt, je länger die vorausgehende Sitzungspause war (was voraussetzt, dass längere Sitzungspausen größere Verstärker sind, da sie den Abgeordneten mehr Zeit in ihrem Wahlkreis und damit mehr Kontakt zum Wahlvolk ermöglichen). Diese und die drei anderen Voraussagen konnten in einer statistischen Analyse der Daten bestätigt werden.Critchfield und seine Kollegen prüften auch einige Alternativhypothesen, so z. B. ob es nicht einfach die Arbeitslast während der Sitzungsperiode sei, die zur hektischen Aktivität gegen Ende der Sitzungsperiode führe oder ob die Gesetze einfach nur so lange Vorbereitung benötigten, um letztendlich gegen Ende der Sitzungsperiode verabschiedet werden zu können. Für diese und einige andere Alternativerklärungen für das treppenförmige Muster der Anzahl der verabschiedeten Gesetze ergaben sich keine Belege. Zum Beispiel fanden Critchfield et al., dass die Menge an Vorbereitung für die Gesetze (gemessen über die Aktivität von Ausschüssen und Unterausschüssen) sogar in negativer Beziehung zum Ausmaß der „Torschlussaktivitäten“ standen, d. h., je mehr während der Sitzungsperiode in den Ausschüssen gearbeitet wurde, desto geringer war die Anzahl der kurz vor Schluss verabschiedeten Gesetze. Es scheint, dass die Volksvertreter ihre Zeit zu Beginn der Sitzungsperioden eher mit anderen als Gesetzgebungsaktivitäten (und deren Vorbereitung) verbrachten, z. B. mit innerparteilicher Profilierung (wofür Critchfield et al. einige Anhaltspunkte fanden).Alles in allem scheint die Annahme, das Verhalten der Abgeordneten unterläge einen fixen Intervallplan mit der Sitzungspause (und den Wahlen) als Verstärker, der Realität recht nahe zu kommen. Allerdings erreicht das Muster, das die Gesetzgebungsaktivitäten zeigen, nicht die Regelmäßigkeit, die wir aus den Laborexperimenten kennen. Wie immer gibt es in der Realität viele verschiedene Kontingenzen, die auf das Verhalten der Abgeordneten einwirken. Auch für einen Volksvertreter gibt es andere Verstärker als die Wiederwahl und andere Verhaltensweisen als die Verabschiedung von Gesetzen.Literatur:

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Weisberg, Paul & Waldrop, Phillip B. (1972). Fixed-interval work habits of Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 5(1), 93-97. DOI: 10.1901/jaba.1972.5-93 PDF 516 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Wenn das Solarium verboten wird, werden Bräunungscremes attraktiver

Fast 44 % aller (weißen, nicht lateinamerikanischen) Oberschülerinnen in den USA gehen mindestens einmal im Jahr auf die Sonnenbank. Einige Forscher (Kourosh et al., 2010; Reed, 2015) vertreten die Auffassung, dass der Wunsch nach Sonnenbräune eine Verhaltensabhängigkeit, also eine Sucht wie die Spielsucht, sei (vgl. auch hier). Untersagt man Minderjährigen die Benutzung von Sonnenbänken, besteht das Risiko, dass diese sich verstärkt natürlicher US-Strahlung (von der Sonne) aussetzen. Wünschenswert wäre dagegen, wenn die Jugendlichen schon braun sein wollen, dass sie auf Bräunungscremes zurückgreifen. Welche Folgen ein Verbot von Solarien für Jugendliche hat, ist noch wenig untersucht.

Reed et al. (2014) machten sich den Umstand, dass die Länder Schottland, Wales und England zu verschiedenen Zeitpunkten annähernd gleichlautende Gesetze verabschiedeten, in denen die Benutzung von Solarien durch Minderjährige untersagt wurde, für ein natürliches Experiment. Sie ließen durch „Google Trends“ auswerten, wie häufig im Internet in den einzelnen Ländern nach „Selbstbräuner“ und ähnlichen Begriffen gesucht wurde. Dabei verglichen sie die Jahre vor Verabschiedung dieser Gesetze mit den Jahren nach Inkrafttreten der Gesetze. „Google Trends“ lieferte für jedes Jahr einen Index, der angibt, wie relativ häufig der Begriff gesucht wurde. Dieser Index kann zwischen 0 (kaum Suchanfragen) und 100 (maximal häufige Suchanfragen) liegen. In Schottland lag dieser Index für die Jahre 2004 bis 2008 (Verabschiedung des Gesetzes) bei 0. In den folgenden Jahren stieg der Index auf durchschnittlich etwa 40. In Wales lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 (Verabschiedung des Gesetzes) ebenfalls bei 0, anschließend stieg er auf rund 30. In England wurde das entsprechende Gesetz ebenfalls im Jahr 2010 verabschiedet. Hier lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 bei 20 bis 25. In den Jahren ab 2011 lag der Index dann bei rund 50.

Reed et al. (2014) interpretieren diese Entwicklung als das Resultat „informationeller Verstärkung“. Die Informationen über Selbstbräuner wurden durch den Wegfall (oder die Erschwernis) der Möglichkeit, Solarien zu benutzen, für die Jugendlichen zum effektiven Verstärker. Zuvor waren diese Informationen weniger bedeutsam und wurden deshalb auch seltener aufgesucht.

Literatur

Kourosh, Arianne S.; Harrington, Cynthia R. & Adinoff, Bryon. (2010). Tanning as a behavioral addiction. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 36(5), 284-290. doi: 10.3109/00952990.2010.491883

Reed, Derek D. (2015). Ultra-violet indoor tanning addiction. A reinforcer pathologies interpretation. Addictive Behaviors, 41, 247-251. doi: 10.1016/j.addbeh.2014.10.026

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Eingeordnet unter leichte Kost, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

Ob sich Menschen egoistisch oder altruistisch entscheiden, hängt weniger davon ab, ob andere ihre Entscheidung mitbekommen, sondern davon, ob sie mit den anderen Menschen in Kontakt treten.

Borba et al. (2014) ließen ihre Versuchspersonen an einer Aufgabe arbeiten, bei der sie sich letztlich zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Entschieden sie sich für Variante 1, so hatte dies für sie selbst unmittelbar positive Konsequenzen, für die Gruppe aber langfristig negative Konsequenzen – eine impulsive, egoistische Wahl. Entschieden sie sich für Variante 2, so führte dies für sie selbst unmittelbar zu nur wenigen positiven Konsequenzen, für alle Gruppenmitglieder zusammen aber langfristig aber zu mehr positiven Konsequenzen – ein Wahl, die man als „ethische Selbstkontrolle“ bezeichnen könnte.

Borba et al. (2014) variierten die Bedingungen, unter denen die Versuchspersonen an der Aufgabe arbeiten und sich letztlich entscheiden mussten.

  1. Wenn jede Versuchsperson allein wählen konnte, entschied sie sich fast ausschließlich egoistisch impulsiv.
  2. Saßen die Versuchspersonen zusammen vor der Aufgabe, konnten reden und sahen, für welche Alternative sich die anderen Versuchspersonen entschieden, so trafen sie meist die Wahl, die ethische Selbstkontrolle zeigte.
  3. Saßen sie zusammen an der Aufgabe und konnte reden, hatten aber keine Informationen über die Entscheidungen der anderen, entschieden sie sich ebenfalls häufig für die ethische, Selbstkontrolle zeigende Alternative.
  4. Zuletzt saßen die Versuchspersonen zusammen an der Aufgabe, konnten aber nicht miteinander reden, jedoch sehen, wie sich die anderen Versuchspersonen entschieden. Hier entschieden sich wieder viele Versuchspersonen impulsiv und egoistisch.

Die sprachliche Interaktion scheint für die Wahl, ob man sich egoistisch und impulsiv oder altruistisch und beherrscht verhält, entscheidend zu sein. Der Umstand, dass man selbst die Entscheidung der anderen sehen kann (und diese die eigene Entscheidung), scheint dagegen wenig Einfluss auf verantwortungsvolles Handeln zu haben.

Literatur

Borba, Aécio; Rodrigues da Silva, Bruno; dos Anjos Cabral, Pedro Augusto; Bentes de Souza, Lívia; Leite, Felipe Lustosa & Tourinho, Emmanuel Zagury. (2014). Effects of exposure to macrocontingencies in isolation and social situations in the production of ethical self-control. Behavior and Social Issues, 23, 5-19. PDF 575 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Hunde ziehen Futter dem Gestreichelt-Werden vor – Fast immer

Manchmal ist Gestreichelt-Werden doch besser als Futter: Wenn der Hund satt ist und verunsichert.

Feuerbacher und Wynne (ich berichtete hier) gingen nochmals (2014) der Frage nach, ob und unter welchen Umständen Hunde das Gestreichelt-Werden dem Futter vorziehen. Sie untersuchten sowohl Hunde, die einen Besitzer hatten als auch Tierheimhunde, in vertrauten und unvertrauten Umgebungen. Die Hunde waren zum Teil eine Weile von ihren Besitzern getrennt gewesen (sozial depriviert), zum Teil hatten sie einige Zeit nichts zu essen bekommen (nahrungsdepriviert). In den verschiedenen Versuchen wurden die Hunde jeweils mit zwei Menschen konfrontiert, die auf Stühlen saßen und die Hunde entweder kraulten oder ihnen kleine Futterbissen gaben. Das Futter wurde anfangs immer bei jedem Kontakt (kontinuierlich), später nach und nach seltener (intermittierend) und zuletzt gar nicht mehr (auf Extinktion) gegeben.

Alles in allem zogen die Hunde das Futter dem Gekrault-Werden vor. Es gab einige Ausnahmen. Hunde, die mit ihrem Besitzer in einer unvertrauten Umgebung waren, zogen bisweilen das Gekrault-Werden durch den Besitzer dem Futter (das von einem Fremden gegeben wurde) vor. Dies galt besonders dann, wenn Hund und Besitzer zuvor kurz getrennt worden waren. Hunde aus Tierheimen hatten eine vergleichsweise hohe Präferenz fürs Gestreichelt-Werden. In den meisten Situationen gingen die Hunde anfangs vorzugsweise zu demjenigen Menschen, der das Futter anbot, dies kippte aber, sobald dieser Mensch immer seltener (intermittierend) Futter gab, spätestens aber, wenn er gar kein Futter mehr anbot. Hunde, die in ihrer vertrauten Umgebung nur mit fremden Menschen konfrontiert wurden, gingen jedoch selbst dann noch ausschließlich zu dem Menschen, der Futter anbot (und nicht zu dem, der sie kraulte), wenn dieser Mensch gar kein Futter mehr herausgab (der Mensch hatte aber immer noch einen Beutel mit Futter bei sich). War der Hund von Futter depriviert, überlagerte dies alle anderen Variablen: Unabhängig von der Situation und den beteiligten Personen ging der Hund dann immer zu dem Menschen mit dem Futter.

Literatur

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105-129. PDF 2,08 MB

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2014). Most domestic dogs (canis lupus familiaris) prefer food to petting. Population, context, and schedule effects in concurrent choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 101(3), 385-405.

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Fast-Food-Lokale aufsuchen und nicht mit Geld umgehen können

Es scheint manchmal so als ob die Menschen Geld ausgeben, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Was in den USA schon gang und gäbe ist – das Kaufen auf Raten, statt zu sparen, bis man sich etwas leisten kann – wird auch bei uns immer üblicher. In der Folge überschulden sich die Haushalte. Man würde gerne von der Regierung etwas anderes behaupten – aber auch die macht lieber weiter Schulden, nur um das Geld weiterhin mit vollen Händen ausgeben zu können.

Diese „finanzielle Ungeduld“ hat etwas mit der Impulsivität und dem Phänomen der Verstärkerabwertung zu tun (vgl. meinen ausführlichen Artikel dazu): Verstärker, auf die man lange warten muss, werden weniger wert. Vor die Wahl gestellt, jetzt 90 Euro oder in zehn Jahren 100 Euro zu bekommen, wird wohl fast jeder lieber jetzt die 90 Euro nehmen. Wenn man aber den Unterschied zwischen den Beträgen und die Zeitspanne variiert, ergeben sich Unterschiede zwischen den Menschen: Das Ausmaß der Verstärkerabwertung ist nicht immer gleich. Drogenabhängige werten Verstärker, die sie erst in der Zukunft erhalten, stärker ab als Menschen, die keine Drogen nehmen (vgl. Critchfield & Kollins, 2001). Aber auch die Situation, in der man sich befindet, hat Einfluss darauf, wie sehr man zukünftige Belohnungen abwertet und stattdessen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung bevorzugt. So hatten die Menschen im Polen der Nach-Wendezeit – als die Inflation hoch war – eine stärker ausgeprägte Verstärkerabwertung. Interessanterweise galt dies nicht nur für Geld (das wäre ja banal), sondern auch für viele andere Verstärker. Als sich die Lage in Polen beruhigte, ging auch das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei den Polen zurück (Ostaszewski et al., 1998).

DeVoe et al. (2013) entdeckten einen weiteren Zusammenhang, nämlich den zwischen der finanziellen Ungeduld, dem Ausmaß der Verstärkerabwertung und der Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen. Sie führten mehrere Studien durch.

  1. Sie stellten für die Industrienationen fest, dass in den letzten 30 Jahren die Verbreitung von Fast-Food-Lokalen mit der Sparquote negativ korreliert: Je mehr Fast-Food-Lokale es gab, desto geringer war die Sparquote.
  2. Auf lokaler Ebene zeigte sich, dass die Haushalte in denjenigen Stadtteilen, in denen es im Verhältnis zu normalen Restaurants die meisten Fast-Food-Lokale gibt, die geringste Sparquote hatten: Je höher der relative Anteil an Fast-Food-Lokalen in einem Viertel, desto weniger Geld legten die Bewohner im Schnitt auf die hohe Kante.
  3. Dies zeigte sich auch, wenn man die Verstärkerabwertung bei Geld untersuchte: Je höher der Anteil der Fast-Food-Lokale in der Wohngegend der Versuchsperson, desto höher ihre Verstärkerabwertung.
  4. DeVoe et al. (2013) baten ihre Versuchspersonen in einer weiteren Studie, sich an ihren letzten Besuch in einem Fast-Food-Lokal zu erinnern, anschließend sollten sie eine Aufgabe zur Verstärkerabwertung bearbeiten. Die gemessene Verstärkerabwertung war hier höher als wenn sich die Versuchsperson zuvor an ihren letzten Besuch in einem Restaurant erinnern sollte.
  5. Zuletzt baten die Autoren Passanten in einer Straße, Fragen zur Verstärkerabwertung zu beantworten. Standen die Passanten vor einem Fast-Food-Lokal, war ihre Verstärkerabwertung größer als wenn sie vor einem richtigen Restaurant standen.

Der letzte Befund deckt sich mit früheren Erkenntnissen, dass die Menschen ungeduldiger sind, wenn sie das Markenzeichen eines Fast-Food-Lokals sehen (Oishi & Graham, 2010). Menschen, die vor sich das Bild einer Bibliothek sehen, sprechen dagegen automatisch leiser (Aarts & Dijksterhuis, 2003). Hinweisreize wie diese zeigen an, welches Verhalten erwünscht ist. Wenn ich in einer Bibliothek bin, wird Leise-Sprechen gutgeheißen und lautes Sprechen bestraft (missbilligt). Wenn ich in einem Fast-Food-Lokal bin, wird langsames Kalkulieren, wie viel Geld ich für mein Essen ausgeben will, bestraft. Die Person hinterm Schalter und die Menschen in der Schlange hinter mir missbilligen es. Schnelles Entscheiden dagegen wird gutgeheißen. So könnte die Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen allgemein ein Hinweisreiz sein, sich schneller und impulsiver zu verhalten.

Für die Befunde in den ersten Studien – über den Zusammenhang von Sparquoten und dem Anteil von Fast-Food-Lokalen – bieten sich andere Erklärungen an. Eine Moderatorvariable könnte der sozioökonomische Status in einer Gegend sein: Wo die Leute weniger Geld haben, gibt es weniger schicke Restaurants und mehr Fast-Food-Lokale. Auch der erste Befund, dass die Zahl der Fast-Food-Lokale im gleichen Ausmaß wuchs wie die finanzielle Ungeduld und die Abneigung gegen das Sparen, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt.

Literatur

Aarts, H. & Dijksterhuis, A. (2003). The silence of the library: Environment, situational norm, and social behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 84, 18-28. Doi:10.1037/0022-3514.84.1.18

Critchfield, Thomas S. & Kollins, Scott H. (2001). Temporal discounting. Basic Research and the analysis of socially important behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 34, 101-122. PDF, 184 KB

DeVoe, Sanford E.; House, Julian & Zhong, Chen-Bo. (2013). Fast food and financial impatience. A socioecological approach. Journal of Personality and Social Psychology, 105(3), 476-494.

Oishi, S. & Graham, J. (2010). Social ecology: Lost and found in psychological science. Perspectives on Psychological Science, 5, 356-377. doi:10.1177/1745691610374588

Ostaszewski, P.; Green, L. & Myerson, J. (1998). Effects of inflation on the subjective value of delayed and probabilistic rewards. Psychonomic Bulletin and Reviews, 5, 324-333.

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