Monatsarchiv: Januar 2021

Die Verhaltensanalytische Sicht auf das Phänomen „Multiple Persönlichkeit“

Wenn Verhaltensanalytiker über „Persönlichkeit“ sprechen, dann fassen sie sich in der Regel kurz. Nicht der Persönlichkeit sondern dem Verhalten gilt das Interesse der Verhaltensanalytikerin. Ansonsten neigen sie nicht zur Spekulation und beziehen sich bei der Frage nach den Ursachen von Persönlichkeitsstörungen oft nur auf falsches Lernen oder unangepasste Konditionierungen usw. Diese Zurückhaltung hat nun viele Autoren dazu verleitet anzunehmen, die Verhaltensanalyse habe nichts oder wenig zu diesem Thema zu sagen. Dies trifft aber bei genauerer Betrachtung auch auf psychoanalytische, „humanistische“ und kognitive Ansätze zu; auch sie sagen zum Teil dieselben Dinge über ganz unterschiedliche Verhaltensweisen.

Genauer betrachtet ist Verhaltens- und Persönlichkeitstheorie dasselbe. Skinner (1974, 149) definiert „Persönlichkeit“ als „Verhaltensrepertoire“. Die Persönlichkeit setzt sich aus verschiedenen Kontingenzen zusammen und ist der Kontrolle und Veränderung durch die Umwelt unterworfen. Das heißt, was eine Persönlichkeit ausmacht, ist das Produkt der Kontingenzen, denen diese Person unterliegt oder bislang unterlag.

Das Konzept „multipler Persönlichkeiten“ ist in dieser Auffassung von „Persönlichkeit“ bereits enthalten. In verschiedenen Umwelten unterliegen wir verschiedenen Kontingenzen und haben daher – zu einem gewissen Grad – verschiedene Persönlichkeiten.

Phleps (2001) bemerkt, dass „konventionelle“, nicht-verhaltensanalytische Persönlichkeitstheoretiker die Frage „Was ist eine Persönlichkeit?“ so angehen, als könne man darüber nur spekulieren, als handle es sich um ein Thema wie Exobiologie.

Das DSM-IIIR (American Psychiatric Association, 1987) – die Diagnose-Richtlinien der Amerikanischen Psychiatervereinigung – erwähnte noch die multiple Persönlichkeitsstörung, seit dem DSM-IV (1994) wird diese Symptomgruppe nun unter den Dissoziativen Persönlichkeitsstörungen (Dissociative Identity Disorder, DID) zusammengefasst. Auch in der Definition dieser Störung gab es einen Wandel: War 1987 noch die Rede von mehreren Persönlichkeiten innerhalb des Individuums, hieß es 1994, notwendiges Kriterium sei die Anwesenheit zweier oder mehrer Identitäten oder Persönlichkeitszustände, die verschiedentlich die Kontrolle über das Verhalten erlangten. Die Auffassung des DSM-IV ist also weniger mentalistisch als 1987 und spricht explizit vom Verhalten (an dem die Störung zu identifizieren ist).

Das Verhalten einer Person, bei der eine dissoziative Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, sollte demnach mehr situative Variabilität aufweisen als das eines „durchschnittlichen“ Menschen.

Zurecht merkt Phleps (2001) an, dass die Diagnose zwischen 1920 und 1970 kaum gestellt wurde, dass es auch heute krasse regionale Unterschiede in der Häufigkeit gibt und dass manche Diagnostiker Hunderte solcher Fälle kennen, andere in ihrem ganzen Leben kaum einen zu Gesicht bekommen. Dies hat die multiple Persönlichkeitsstörung etwas ins Zwielicht gesetzt.

Phleps (2001) sieht ein Kontinuum von „normalem“ Verhalten zu dem einer Person mit multipler Persönlichkeitsstörung. Wir alle verhalten uns unter verschiedenen Umständen verschieden. In einer Kirche benehmen wir uns anders als in einem Café. Hier ist der Unterschied der beiden Umwelten klar kenntlich. Aber auch weniger drastisch unterschiedliche Situationen führen bei manchen Menschen zu sehr unterschiedlichem Verhalten. Oft ist es nur ein minimales Merkmal der Situation, das den Unterschied ausmacht. Ist z. B. die Mutter eines jungen Mannes unter den Gästen seiner Party, verhält er sich anders, als wenn diese nicht zugegen ist. Der Unterschied in seinem Verhalten zwischen einer Party, bei der seine Mutter anwesend ist, und einer Party ohne sie sollte gravierend sein. Für denjenigen Beobachter aber, der nicht über bestimmte Hintergrundinformationen verfügt (z. B. nicht weiß, dass eine der anwesenden Damen die Mutter des Gastgebers ist), ist der Unterschied im Verhalten des jungen Mannes unerklärlich. Ebenso ist erwiesen, dass wir uns in verschiedenen Situationen verschieden gut erinnern können. Oft fallen uns vergessen geglaubte Ereignisse wieder ein, wenn wir in eine Situation kommen, die der damaligen in irgend einer Weise ähnelt. Und auch hier kann das „gemeinsame Merkmal“ ein unauffälliges sein, das Außenstehenden kaum oder gar nicht auffällt (z. B. ein bestimmter Geruch). Skinner (1953) schlug vor, dass wir alle in gewisser Weise „multipel“ wären. Die Frage sei aber nicht, wie viele Persönlichkeiten wir haben, sondern wie viele Verhaltensrepertoires wir ausführen oder zeigen könnten.

Multiple Persönlichkeiten hingegen behaupten in verschiedenen Situationen sogar, eine ganz andere Person zu sein. Es gibt aber auch für eine „gesunde“ Person Situationen, in denen Kontingenzen sie dazu bringen, sich für eine andere Person auszugeben (z. B. wenn es gefährlich wäre, man selbst zu sein).

Kohlenberg und Tsai (1991) argumentieren, dass jedes Kind Phasen durchläuft, in denen es angibt, jemand anderes zu sein oder in denen es jemand anderes zu sein spielt usw. Normalerweise verschwindet dieses Verhalten wieder, denn es wird nicht durch Verstärkung aufrechterhalten. In bestimmten Umständen aber kann dieses Verhalten von Vorteil sein. Ein Kind, das misshandelt wird, kann zwar nicht verleugnen, dass es misshandelt wird, aber es kann sich vormachen, dass diese Dinge nicht mit ihm geschehen. So könnten also bestimmte Umweltereignisse dieses Verhalten, jemand anderes zu sein, verstärken.

Phlebs (2001) vergleicht die lebendigen Erinnerungen von Multiplen mit Skinners Konzept des „konditionierten Sehens“: Ein Person sieht einen bestimmten Stimulus, der eigentlich nicht da ist, wenn dieser Stimulus früher häufig mit einem anderen Stimulus (der anwesend ist) aufgetreten ist. Zwischen lebhafter Erinnerung und Halluzination besteht demnach ein Kontinuum. Ebenso beim differentiellen Erinnern: Wir alle erinnern uns oder erinnern uns nicht in Abhängigkeit von diskriminativen Stimuli (vgl. oben). Bei Multiplen sollte dies einfach stärker ausgeprägt sein.

Phlebs (2001) vermutet, dass Personen mit DID sich stärker als andere nur auf ihre (unangemessenen) Selbstbeobachtungen verlassen und weniger auf Bestätigung aus ihrer Umwelt.

Kohlenberg und Tsai (1991) berichten, dass Personen mit DID sehr aufmerksam sind für die von ihrem Therapeuten stammenden diskriminativen Stimuli und daher sehr leicht unwillentlich von diesem geformt werden können. Diese erhöhte Sensibilität für kleinste nonverbale Zeichen mag aus einer Geschichte der Misshandlung durch einen unberechenbaren Elternteil resultieren.

Schwieriger sind die Berichte über verschiedene Intelligenzniveaus und pharmazeutische Ansprechbarkeit bei den verschiedenen Alter-Persönlichkeiten. Jedoch zeigt die Verhaltensanalyse, dass die Wirkung von Pharmaka bspw. sehr wohl von diskriminativen Stimuli abhängen kann. Was Daten angeht, die auf Selbstberichten basieren (wie z. B. auch Intelligenztests), so stellt deren Interpretation selbstverständlich auch keine Schwierigkeit dar. Die Berichte über Wunden in einem Zustand, die in einem anderen noch nicht vorhanden waren, sind, in Anlehnung an die Befunde aus der Hypnoseforschung, skeptisch zu betrachten (vgl. Barker, 2001 bzw. Johnson, 1989).

Ursprünglich war das Zeigen von Schmerz ein respondentes Verhalten. Als Ergebnis der Misshandlungen können diese Verhaltensweisen aber unter die Kontrolle von Regeln kommen.

Das Ziel einer verhaltensanalytischen Therapie von DID sollte sein, das Verhalten, eine Person zu sein, zu formen und den Klienten zu mehr Einholen von sozialer Rückmeldung zu bringen (um ihn von der Selbstreferenz abzubringen).

Literatur

American Psychiatric Association. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. First edition, 1952; Second edition 1968; Third edition, 1980; revised, 1987; Fourth edition, 1994. Washington, DC: Author.
Barker, L.M. (2001). Learning and behavior. Biological, psychological and sociocultural perspectives. (3rd ed.). Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.
Johnson, R.F.Q. (1989). Hypnosis, suggestion, and dermatological changes. A consideration of the production and dimunition of dermatological entities. In N.P. Spanos & J.F. Chaves (Eds.), Hypnosis. The cognitive-behavioral perspective (pp. 297-312). Buffalo, NY: Prometheus.
Phleps, B.J. (2001). Personality, personality „theory“ and Dissociative Identity Disorder. What behavior analysis can contribute and clarify. The Behavior Analyst Today, 2, 325-335.
Kohlenberg, R.J. & Tsai, M. (1991). Functional analytic psychotherapy. Creating intense and curative therapeutic relationships. New York: Plenum.
Skinner, B.F. (1953). Science and human behavior. New York: Free Press.
Skinner, B.F. (1974). About Behaviorism. New York: Random.

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Das „Meme“ – nur eine Metapher

Dawkins (1976) prägte den Begriff des „Mems“. Das Mem ist eine Metapher für die Übertragung kultureller Information durch eine Art Träger, ähnlich wie das Gen ein Träger der Erbinformation ist. Diese Idee hat mittlerweile ein Eigenleben entwickelt, eine eigene Art Wissenschaft, die „Memetik“ beschäftig sich damit, wie diese angenommenen Replikatoren kultureller Information funktionieren, wie sie sich verbreiten usw. Dabei wird den Memen eine kausale Rolle bei der Verursachung von Verhalten zugeschrieben. Im Rahmen der Memetik wird z. B. bisweilen auch angenommen, dass es sich bei (vielen) Religionen um memetische Viren handelt. Doch spielt sich all das im Raum des metaphorischen Denkens ab. Niemand hat bislang das reale Gegenstück zum Konstrukt Mem gefunden, so wie man die Chromosomen als die realen Träger der (in Genen codierten) Erbinformation identifiziert hat.

Simon und Baum (2011) kritisieren das Konzept des Mems aus behavioristischer Sicht. Statt von Memen zu sprechen, kann man auch gleich das beschreiben, was hinter der Idee des Mems steckt, nämlich Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen und Umweltereignissen die für Vorhersagen genutzt werden können.

Meme lassen sich in verschiedener Weise auffassen:

  1. Als Abstraktionen, im Sinne von mentalen Repräsentationen, Informationen und Ideen
  2. Als Neurologische Erregungsmuster
  3. Als Einheiten von Verhalten

Ad 1.
Zwar weisen es die meisten Autoren von sich, doch lässt sich die Nähe des Mem-Konzepts zum Dualismus nicht verneinen. Wenn Meme nicht als Metapher, sondern als real aufgefasst werden, stellt sich die Frage, wie sie mit dem Körper, der sich letztlich verhält, interagieren. Wer die Texte von Autoren, die Meme als Informationsreplikatoren ansehen, liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Meme verborgene Entitäten in einer geistigen Welt sind, die irgendwie Verhalten verursachen.

So schreibt Dennett (1991), der sich ansonsten vehement gegen den Dualismus ausspricht, dass der Geist geschaffen werden, indem Meme das Gehirn restrukturieren (S. 207). Wenn man kein Dualist ist, wie soll man es dann verstehen, dass Meme das Gehirn restrukturieren? Wenn Dennett damit allerdings nur sagen wollte, dass individuelles Verhalten mit Veränderungen im Gehirn einhergeht, bleibt unklar, was die Einführung des Begriffs Mem zu dieser Erklärung beiträgt. Ebenso klingt die Aussage von Susan Blackmore (1997) sehr dualistisch, dass unsere Gehirne und unsere Geister das Produkt von zwei Replikatoren sind („our brains and minds have been the product of two replicators… but as memetic evolution proceeds faster and faster, our minds are increasingly the product of memes, not genes“, S. 44). An anderer Stelle schreibt sie (1999), es gebe in uns nichts, dass das Tun tue, außer einem Bündel Meme (S. 240). Sie ersetzt lediglich das (von ihr zurecht als „magische“ und „aus dem Nichts entstehende“ Kraft bezeichnete) verhaltensverursachende „Bewusstsein“ durch „Meme“. Die Memetik macht nicht deutlich, was Meme von imaginären Agenten unterscheidet.

Den Dualismus vermeidet man, wenn man Meme als Begriffe auffasst, die sich auf Verhaltensregularitäten beziehen. Zum Beispiel bedeutet der Glaube, dass Inzest falsch ist (ein typisches „Mem“), dass man Inzest vermeidet, sich dagegen ausspricht, ihn bestraft, wenn er vorkommt usw. Die Verhaltensweisen, die wir hier aufzählen, sind real.

Die Aussage, dass Meme (als Ideen) unser Verhalten verursachen, ist ein Beispiel für Mentalismus, die von B. F. Skinner kritisierte Vorstellung, dass es neben den realen Verhaltensweisen weniger oder gar nicht reale geistige Inhalte gebe, die Verhalten verursachen sollen. Allerding führt der Mentalismus sehr leicht zu Pseudo-Erklärungen. So fragt man sich, wenn Meme Verhalten verursachen, was verursacht dann die Meme? Haben Meme wiederum Meme in sich? Das Problem des Homunculi tritt immer dann auf, wenn man Verhalten einem Teil – insbesondere einem verborgenen Teil – der Person zuschreibt, anstatt den Organismus als Ganzes zu betrachten.

Ad 2.
Wenn man dagegen Meme als neuronale Muster auffasst, müsste man zeigen, dass zwei Menschen, die die gleichen Meme haben, auch eine zumindest ähnliche neuronale Erregung zeigen. Außerdem stellt sich die Frage, wie in diesem Fall ein Mem von einer Person auf eine andere übertragen wird. Alles was wir sehen, ist, dass sich erst eine Person und dann eine andere Person auf eine bestimmte Weise verhält.

Ad 3.
Nur Verhalten, das die Umwelt beeinflusst, kann aufgrund seiner Konsequenzen selektiert werden. Eine kulturelle Praxis besteht aus einem bestimmten Verhalten und den Konsequenzen, die diese Verhalten hat, z. B. das Waschen von Lebensmitteln, was zu einer Vermeidung von Krankheiten führt. Oft wird die Konsequenz aber auch sozial vermittelt. Es gibt eine Regel („Wasche die Früchte, bevor du sie isst“), deren Befolgung durch die Zustimmung anderer Personen verstärkt wird.

Alles in allem erschöpft sich die Mem-Debatte in mehr oder weniger geistreichen Analogien. Verhalten kann durch die Annahme von Memen nicht besser vorhergesagt werden als durch die Analyse von Verhaltenskontingenzen.

Literatur

Blackmore, Susan J. (1997). The power of the meme meme. The Skeptic, 5, 43-49.

Blackmore, Susan J. (1999). The meme machine. New York: Oxford University Press.

Dawkins, R. (1976). The selfish gene. Oxford, New York: Oxford University Press.

Dennett, D. C. (1991). Real patterns. Journal of Philosophy, 88, 27-51.

Simon, C., & Baum, W. M. (2011). Expelling the meme-ghost from the machine. An evolutionary explanation for the spread of cultural practices. Behavior and Philosophy, 39/40, 127-144. http://www.behavior.org/resources/727.pdf

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