Monatsarchiv: Mai 2020

Das Pollyanna-Prinzip

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale.

Der Begriff Pollyanna-Prinzip geht auf eine Untersuchung von Matlin und Stang aus dem Jahr 1978 zurück. Der Begriff leitet sich ab von einer Figur in einem Buch von Eleanor Porter. Pollyanna wollte immer nur die positiven Seiten von Ereignissen sehen, erinnerte sich immer nur an glückliche Ereignisse und hielt die Welt für einen Platz, der gut ist. Mit dem Pollyanna Prinzip zu tun hat der Umstand, dass es in jeder Sprache der Welt mehr positive Begriffe (Adjektive) gibt als negative, wertende Begriffe.

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale. Zudem tendieren wir dazu, eine Vielzahl an Personen, Ereignissen, Situationen und Objekten positiv einzuschätzen. Versuchspersonen behaupten sogar von destilliertem Wasser, dass es angenehm schmeckt.

Das Pollyanna-Prinzip ist mit dem Lake-Wobegon-Effekt verwandt. Dieser Begriff geht wiederum auf eine Fernsehserie zurück, die in dem gleichnamigen, fiktiven Ort spielte. Dort waren alle Männer gutaussehend, alle Frauen stark und alle Kinder über dem Durchschnitt (tatsächlich in dieser Kombination). Der Lake-Wobegon-Effekt besagt, dass die meisten Menschen sich als überdurchschnittlich einschätzen. Logischerweise kann das nicht sein, da per Definition nur 50 % der Bevölkerung überdurchschnittlich sein können. Zum Beispiel glauben 89 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittlich geschickt darin sind, mit anderen auszukommen. Andererseits schätzen nur 38 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittliche technische Fähigkeiten haben. Da es sich bei den Versuchspersonen vermutlich um Psychologie Studenten handelt, überrascht es nicht, dass sie technische Fähigkeiten als nicht so erstrebenswert ansehen, sodass sie sich dort auch nicht überschätzen wollen. Man kann diesen Versuch auch gut in einer Vorlesung demonstrieren. Man frage die Studenten zum Beispiel nach ihrer Selbsteinschätzung bezüglich mehrerer erwünschter Eigenschaften. Die Studenten sollen sich mit dem durchschnittlichen Studenten in dieser Vorlesung vergleichen. Man wird finden, dass die Mehrzahl der Studenten sich bezüglich der erwünschten Eigenschaften als überdurchschnittlich einschätzt.

Eine Auswirkung des Pollyanna-Prinzips ist der Umstand, dass Menschen sich lieber mit angenehmen Dingen umgeben. Dabei ergibt sich eine Querverbindung zum Bekanntheitseffekt. Menschen erkennen angenehme oder neutrale Reize schneller als unangenehme oder furchteinflößende. Angenehme Reize werden als größer eingeschätzt als unangenehme. Gute Nachrichten werden besser verbreitet als unangenehme. Angenehme Wörter kommen in der englischen Sprache (und sicher auch in der deutschen) häufiger vor. Bei sprachlichen Gegensatzpaaren stellt der angenehme Teil meistens die Grundform dar (vergleiche „angenehm“ und „unangenehm“).

Auch bei der Erinnerung wirkt sich das Pollyanna-Prinzip aus. Wir erinnern uns leichter an angenehme Ereignisse und vergessen tendenziell die unangenehmen. Wir erinnern uns auch leichter an Lob als an Kritik. Dies gilt vor allem für Menschen, die nicht depressiv sind und deren Selbstwertgefühl normal entwickelt ist. Menschen die unglücklich sind oder ein schwaches Selbstwertgefühl haben, verletzen das Pollyanna-Prinzip. Das Pollyanna-Prinzip wird bei der Erinnerung oft vom Einfluss der Intensität überlagert. Unangenehme, intensive Erlebnisse werden natürlich eher erinnert als angenehme, aber weniger intensive Erlebnisse. An positives Feedback erinnern wir uns leichter als ein negatives Feedback. Diesen Umstand macht sich auch der Barnumeffekt zu Nutze. Mit der Zeit werden unsere Erinnerungen in der Tat positiver. Dies hat zweifelsohne damit zu tun, dass wir uns mit angenehmen Erinnerungen häufiger beschäftigen als mit unangenehmen. Wir erinnern uns leichter an Ereignisse, an die wir uns häufig erinnern. Ganz allgemein erinnern sich Menschen aber leichter an Ereignisse, die ihrer gegenwärtigen Stimmung entsprechen. In einer schlechten Stimmung erinnern wir uns leichter an unangenehme Ereignisse, in einer positiven Stimmung erinnern wir uns leichter an angenehme Ereignisse.

Das Pollyanna-Prinzip tritt nicht in Erscheinung, wenn Menschen ihre Fähigkeit einschätzen sollen, eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, insbesondere dann, wenn sie diese schwierige Aufgabe anschließend tatsächlich ausführen sollen. Das Risiko, später, bei der Ausführung der Aufgabe, bloßgestellt zu werden, dämpft anscheinend den Effekt des Pollyanna-Prinzips.

Literatur

Matlin, Margaret W. (2004). Pollyana Principle. In R. F. Pohl (Ed.), Cognitive Illusions. A Handbook on Fallacies and Biases in Thinking, Judgement and Memory (pp. 255-271). Hove and New York: Psychology Press.

Matlin, M. W. & Stang, D. J. (1978). The Pollyanna principle. Cambridge, MA: Schenkman.

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Nochmal: „Little Albert“ war ein gesundes Kind

In diesem Blog wurde schon mehrfach über die Streitfrage, wer John Watsons „Little Albert“ wirklich war, berichtet (hier, hier und hier). In der aktuellen Ausgabe von History of Psychology wird das Thema noch mal ausgebreitet.

Fridlund, Beck, Goldie und Irons (2020), die Urheber des Mythos, „Little Albert“ (Watson & Rayner, 1920) sei ein schwer behindertes Kind gewesen, das ein ruchloser Watson als Versuchsobjekt auserkoren hatte, weil seine Mutter sich nicht wehren konnte, reagieren auf die Kritik an ihrer schlampigen Forschung mit einem sehr schlichten tu quoque („Aber du!“ – die Forscher, die sie entlarvten unterlägen selbst dem confirmation bias) und sie beharren ohne weitere Argumente darauf, dass ihre ursprüngliche Analyse (Beck, Levinson & Irons, 2009; Fridlund, Beck, Goldie & Irons, 2012) korrekt gewesen sein. In der selben Nummer von History of Psychology bekräftigt Harris (2020) die Analyse (Digdon, 2017; Digdon, Powell & Harris, 2014; Powell, Digdon, Harris & Smithson, 2014), dass „Albert B.“ in Wahrheit „Albert Barger“, ein gesundes und gut entwickeltes Kind gewesen sei (das danach ein normales Leben geführt hat) und nicht Douglas Merritte, ein Kind mit Hydrocephalus, das wenige Jahre nach der berühmt-berüchtigten „Little Albert“-Studie verstarb. Nancy Digdon (2020), die den Stein um die wissenschaftliche Fehlleistung von Fridlund et al. ins Rollen brachte (vgl. Pickren, 2020, – wo der Herausgeber, der für die ursprünglichen Artikel von Fridlund, Beck et al. verantwortlich war, sich rechtfertigt), erläutert ebenfalls in diesem Heft, wie Voreingenommenheit und die Bestätigungstendenz Fridlund et al. (2012) dazu brachten, an der unwahrscheinlichen These festzuhalten, „Little Albert“ sei „Douglas Merritte“ gewesen.

Im gleichen Heft von History of Psychology erscheint ein Gedicht, in dem Eric Charles (2020) John Watsons Leben in sehr subjektiver Sichtweise zusammenfasst. Er schließt mit den Zeilen: „From the crises, the crises, that Johnny B wrought, The field’s barely recovered at all“. Die Psychologie hat sich m. E. doch ganz prächtig von Watsons Zumutung, eine Naturwissenschaft sein zu sollen, erholt und alle Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen. Dass das Gedichtchen im gleichen Heft erscheint, in dem die Fehlleistung der Herausgeber der Zeitschrift in Bezug auf die Veröffentlichung einer fehlerhaften Studie, erneut offenbar wird, ist schon auffällig. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt („Mag sein, dass Watson keine behinderten Kinder gequält hat, aber ein böser Mensch war er trotzdem!“).

Literatur

Beck, H. P.; Levinson, S. & Irons, G. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Charles, E. (2020). John Watson: In verse. History of Psychology, 23(2), 207-209.

Digdon, N. (2017). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology.

Digdon, N. (2020). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology, 23(2), 122-131.

Digdon, N.; Powell, R. A. & Harris, B. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. Watson, Rayner, and historical revision. History of Psychology, 17(4), 312-324.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2020). The case for Douglas Merritte: Should we bury what is alive and well? History of Psychology, 23(2), 132-148.

Harris, B. (2020). Journals, referees, and gatekeepers in the dispute over Little Albert, 2009–2014. History of Psychology, 23(2), 103-121.

Pickren, W. E. (2020). Watching the detectives: The multiple lives of academic editing. History of Psychology, 23(2), 149-153.

Powell, R. A.; Digdon, N.; Harris, B. & Smithson, C. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert: Albert Barger as „psychology’s lost boy“. American Psychologist, 69(6), 600-611.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3(1), 1-14.

 

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