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Nochmal: „Little Albert“ war ein gesundes Kind

In diesem Blog wurde schon mehrfach über die Streitfrage, wer John Watsons „Little Albert“ wirklich war, berichtet (hier, hier und hier). In der aktuellen Ausgabe von History of Psychology wird das Thema noch mal ausgebreitet.

Fridlund, Beck, Goldie und Irons (2020), die Urheber des Mythos, „Little Albert“ (Watson & Rayner, 1920) sei ein schwer behindertes Kind gewesen, das ein ruchloser Watson als Versuchsobjekt auserkoren hatte, weil seine Mutter sich nicht wehren konnte, reagieren auf die Kritik an ihrer schlampigen Forschung mit einem sehr schlichten tu quoque („Aber du!“ – die Forscher, die sie entlarvten unterlägen selbst dem confirmation bias) und sie beharren ohne weitere Argumente darauf, dass ihre ursprüngliche Analyse (Beck, Levinson & Irons, 2009; Fridlund, Beck, Goldie & Irons, 2012) korrekt gewesen sein. In der selben Nummer von History of Psychology bekräftigt Harris (2020) die Analyse (Digdon, 2017; Digdon, Powell & Harris, 2014; Powell, Digdon, Harris & Smithson, 2014), dass „Albert B.“ in Wahrheit „Albert Barger“, ein gesundes und gut entwickeltes Kind gewesen sei (das danach ein normales Leben geführt hat) und nicht Douglas Merritte, ein Kind mit Hydrocephalus, das wenige Jahre nach der berühmt-berüchtigten „Little Albert“-Studie verstarb. Nancy Digdon (2020), die den Stein um die wissenschaftliche Fehlleistung von Fridlund et al. ins Rollen brachte (vgl. Pickren, 2020, – wo der Herausgeber, der für die ursprünglichen Artikel von Fridlund, Beck et al. verantwortlich war, sich rechtfertigt), erläutert ebenfalls in diesem Heft, wie Voreingenommenheit und die Bestätigungstendenz Fridlund et al. (2012) dazu brachten, an der unwahrscheinlichen These festzuhalten, „Little Albert“ sei „Douglas Merritte“ gewesen.

Im gleichen Heft von History of Psychology erscheint ein Gedicht, in dem Eric Charles (2020) John Watsons Leben in sehr subjektiver Sichtweise zusammenfasst. Er schließt mit den Zeilen: „From the crises, the crises, that Johnny B wrought, The field’s barely recovered at all“. Die Psychologie hat sich m. E. doch ganz prächtig von Watsons Zumutung, eine Naturwissenschaft sein zu sollen, erholt und alle Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen. Dass das Gedichtchen im gleichen Heft erscheint, in dem die Fehlleistung der Herausgeber der Zeitschrift in Bezug auf die Veröffentlichung einer fehlerhaften Studie, erneut offenbar wird, ist schon auffällig. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt („Mag sein, dass Watson keine behinderten Kinder gequält hat, aber ein böser Mensch war er trotzdem!“).

Literatur

Beck, H. P.; Levinson, S. & Irons, G. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Charles, E. (2020). John Watson: In verse. History of Psychology, 23(2), 207-209.

Digdon, N. (2017). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology.

Digdon, N. (2020). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology, 23(2), 122-131.

Digdon, N.; Powell, R. A. & Harris, B. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. Watson, Rayner, and historical revision. History of Psychology, 17(4), 312-324.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2020). The case for Douglas Merritte: Should we bury what is alive and well? History of Psychology, 23(2), 132-148.

Harris, B. (2020). Journals, referees, and gatekeepers in the dispute over Little Albert, 2009–2014. History of Psychology, 23(2), 103-121.

Pickren, W. E. (2020). Watching the detectives: The multiple lives of academic editing. History of Psychology, 23(2), 149-153.

Powell, R. A.; Digdon, N.; Harris, B. & Smithson, C. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert: Albert Barger as „psychology’s lost boy“. American Psychologist, 69(6), 600-611.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3(1), 1-14.

 

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