Archiv der Kategorie: Verhaltensanalyse

Anreize im Arbeitsleben sind wirksam – doch man kann Vieles falsch machen

Anreize wirken. Wenn sie Anreize sind. Sie wirken auf das Verhalten, zu dem sie kontingent vergeben werden. Das ist nicht unbedingt immer das Verhalten, das vom Anreizgeber beabsichtigt wurde.

Auch wenn es gelegentlich geleugnet wird, Anreize wie Geld, Vergünstigungen oder beruflicher Aufstieg können sehr wirksam sein und Menschen dazu motivieren, mehr oder anders zu arbeiten als ohne diesen Anreiz. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn das ist exakt das, was die Verhaltensanalyse aussagt: Die Konsequenzen des Verhaltens wirken auf diese zurück. Verhalten, das zum Erfolg geführt hat, wird später in ähnlichen Situationen wieder gezeigt – das ist das Effektgesetz nach Thorndike (1927). Doch in der Praxis lauern einige Tücken.

Zunächst einmal muss der Anreiz auch ein Anreiz sein. In der Regel funktioniert Geld als Anreiz sehr gut, einfach deshalb, weil Geld (zumeist) ein sogenannter generalisierter Verstärker ist: Man kann Geld gegen viele Dinge eintauschen, das macht es so attraktiv. Im Gegensatz zu Schokolade kann man von Geld nie genug haben. Doch ob etwas ein Verstärker ist oder nicht, hängt nicht nur von seinem Wert ab. Die Situation, in der ein Anreiz eingesetzt wird (welches Verhalten verstärkt werden soll und wer daran beteiligt ist), bestimmt mit, ob der Anreiz tatsächlich verstärkt, also wirkt: Selbst Geld ist für viele von uns kein Verstärker, wenn wir mit Geld dazu gebracht werden sollen, etwas zu tun, das uns widerstrebt oder wenn die Person, die uns das Geld anbietet, uns unsympathisch ist.

Viele Führungskräfte verkennen diese relationale Qualität (was als Anreiz wirkt, hängt von allen möglichen Begleitumständen ab) und wundern sich, warum die Mitarbeiter sich nicht durch den Anreiz motivieren lassen. Das betrifft nicht nur Geld, sondern auch alle anderen Anreize, die in der Managementliteratur gerne als Motivatoren gehandelt werden: berufliche Entscheidungsfreiheit, Kompetenzerleben, soziale Anerkennung. Sie wirken bei vielen, vielleicht den meisten Beschäftigten, und in vielen Situationen als Anreiz, aber vielleicht nicht auf alle Tätigkeiten oder Aspekte von Tätigkeiten. Bei einer eher „kreativen“ Leistung ist Entscheidungsfreiheit vermutlich oft ein guter Motivator. Bei einer eher mechanischen Tätigkeit eventuell nicht („Sie dürfen sich entscheiden, ob Sie erst die blauen oder erst die roten Teile zusammenschrauben“).

Doch gehen wir mal, grob vereinfachend, davon aus, dass Geld tatsächlich ein Anreiz für die Mitarbeiter ist (zumeist trifft das ja zu). Dann gibt es immer noch ein Problem, das gerne vernachlässigt wird und das dann dazu führt, dass Anreize entweder nicht wirken oder ganz katastrophale Nebenwirkungen haben. Denn, damit die Vergabe eines Anreizes in der beabsichtigten Weise wirkt, muss klar sein, welches Verhalten durch den Anreiz verstärkt werden soll. Verhaltenswissenschaftlich ausgedrückt: Der Anreiz muss kontingent auf ein bestimmtes Verhalten erfolgen. Wird der Anreiz dagegen nicht-kontingent vergeben (der Beschäftigte erhält den Anreiz, gleich welches Verhalten er zeigt), wirkt er auch nicht. Wird er kontingent auf das falsche Verhalten vergeben, so führt das dazu, dass man mehr von dem falschen Verhalten bekommt. Wie Aubrey Daniels (Daniels & Bailey, 2016) es ausdrückt: When you reinforce the wrong behavior, you’ll get more of it.

Ein Beispiel aus dem Bereich der Arbeitssicherheit: Viele Firmen geben Ihren Mitarbeitern Prämien, wenn diese unfallfrei arbeiten. Die Firmen tun dies, weil sie durch Arbeitsunfälle Geld verlieren (u. a. durch Ausfallzeiten), aber auch aufgrund der Sorge um die Gesundheit der Beschäftigten. Arbeitsunfälle resultieren oft aus dem Verhalten der Mitarbeiter. Die Prämie soll bewirken, dass die Mitarbeiter anders, nämlich sicherer arbeiten. Konkret sieht das so aus: Gibt es z. B. in einer Abteilung ein ganzes Jahr lang keinen Arbeitsunfall, erhält jeder Mitarbeiter dieser Abteilung am Ende des Jahres eine Prämie von 1000 Euro. Das funktioniert tatsächlich mehr oder weniger gut. Oft werden in diesen Firmen weniger Arbeitsunfälle berichtet (wobei die Wirkung auf die meldepflichtigen Unfälle geringer sein dürfte als auf die „kleinen“ Unfälle, die nur zu einem Eintrag ins Verbandbuch führen – aus Gründen, die sich dem Leser gleich erschließen). Doch ist dieser Rückgang wenigstens zum Teil darauf zurückzuführen, dass Unfälle verschwiegen werden. Anreizsysteme für „unfallfreies Arbeiten“ führen zum „Under-Reporting“ von Unfällen (Pransky, Snyder, Dembe & Himmelstein, 1999; Probst & Estrada, 2010). Der Anreiz „Geld“ wirkt, jedoch nicht in der beabsichtigten Weise.

Ein Anreizsystem, wie oben beschrieben, verletzt mehrere verhaltensanalytische Prinzipien. Der Anreiz wird zum einen nicht kontingent auf das Verhalten vergeben, dass tatsächlich gefordert ist: Sicherer zu arbeiten. Er wird kontingent auf das Ausbleiben eines Verhaltens, der Meldung eines Unfalls, vergeben. Anekdotische Beobachtungen verdeutlichen die Ergebnisse der oben zitierten Studien: In einer Firma mit einem solchen Prämiensystem berichteten mir die Mitarbeiter einmal, als ein Kollege neulich einen Unfall hatte, hätte ihn der Meister zu seinem Hausarzt gefahren und aufgefordert, nicht zu erzählen, dass das auf der Arbeit passiert sei. Kleinere Unfälle lassen sich leichter verschweigen als größere (daher meine Vermutung, dass die Wirkung des Prämiensystems auf die Erste-Hilfe-Fälle stärker ist als auf meldepflichtige Unfälle, denen in der Regel ein weniger leicht zu verschleierndes Ereignis zugrunde liegt).

Ein weiteres Problem mit diesem Anreizsystem ist der mangelhafte Zusammenhang zwischen dem aktuellen Verhalten und der Prämienvergabe am Ende des Jahres. Selbst wenn ich unterstelle, dass das Anreizsystem die Mitarbeiter motiviert, sicherer arbeiten zu wollen, wird ihnen das nur schwerlich aufgrund des Anreizes gelingen. Unfälle entstehen durch viele kleine Entscheidungen im Arbeitsalltag. Die unmittelbaren Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens wirken stärker als die Prämie am Ende des Jahres. Verhaltensanalytisch formuliert: Es mangelt an der Kontiguität von Verhalten (zu einem Zeitpunkt t0 entscheiden, ob ich eine PSA benutze oder nicht) und Konsequenz (zum Zeitpunkt t1 eine Prämie erhalten oder nicht). Und oft ist den Beschäftigten auch gar nicht klar, welche ihrer Handlungen zu dem Ziel, keinen Unfall zu haben, beitragen. Es mangelt also an der Operationalisierung der Verhaltensweisen, die zum Ziel „Unfallfreiheit“ führen.

Es wäre also besser, Anreize unmittelbar für ganz konkretes Verhalten zu vergeben. Beim Akkordlohn funktioniert das recht gut: Je mehr Teile ich produziere, desto mehr Geld bekomme ich. Will man komplexere Tätigkeiten mit Anreizen fördern, wird es etwas komplizierter, es ist aber immer noch machbar, wie die Arbeiten von William Abernathy (Abernathy, 1990, 1996, 2014) zeigen. Doch gibt es viele Fallstricke, die man vermeiden muss, damit die erwünschte Wirkung eintritt. Zumeist haben diese mit den Problemen der Aufrechterhaltung und der Generalisation der Verhaltensänderung zu tun.

Was die Aufrechterhaltung angeht, darf man sich die Vergabe von Anreizen nicht wie eine Art Gehirnoperation vorstellen: Der Mitarbeiter erhält einmalig einen Anreiz und verändert sein Verhalten dann dauerhaft. Menschen passen sich den Bedingungen, unter denen sie sich verhalten, an. Fällt ein Anreiz weg und sind die Bedingungen dann wieder genauso wie zuvor, wird auch das Verhalten wieder genauso wie zuvor auftreten. (Die Befürchtung, Anreize könnten die Motivation der Mitarbeiter dauerhaft beschädigen – also dazu führen, dass sie nach Wegfall des Anreizes nicht genauso viel, sondern dauerhaft weniger tun als vor der Vergabe des Anreizes – ist übrigens ein Mythos (Cameron, Banko & Pierce, 2001), auch wenn dieser von einigen Autoren hartnäckig wiedergekäut wird, siehe hierzu auch diesen Beitrag). Daraus folgt: Entweder man vergibt den Anreiz auf Dauer oder man überlegt sich, wie man den Anreiz wieder wegnehmen kann. In der Verhaltensanalyse bedeutet dies: Der geplante Anreiz soll, wenn das möglich ist, nach und nach durch natürliche Verstärkung (Ferster, 1967) ersetzt werden. Unter natürlicher Verstärkung versteht man die Folgen eines Verhaltens, die dieses aufrechterhalten, ohne dass jemand explizit auf das Verhalten Einfluss nimmt. Bringt man den Mitarbeitern, unterstützt durch ein Anreizsystem, z. B. bei, sich häufiger kundenfreundlich zu verhalten (z. B. Vergason & Gravina, 2020), kann dies dazu führen, dass die Interaktionen zwischen Beschäftigten und Kundinnen allgemein angenehmer verlaufen (z. B., der Kunde bedankt sich öfters beim Mitarbeiter). Das Bedanken des Kunden ist dann ein natürlicher Verstärker, der das kundenfreundliche Verhalten des Mitarbeiters auch ohne Intervention des Betriebes aufrechterhält. Ebenso kann ein verändertes Vorgesetztenverhalten (z. B. mehr auf positive Aspekte des Mitarbeiterverhaltens zu achten und dieses anzuerkennen) als natürlicher Verstärker wirken (wobei man wiederum fragen muss, was als natürlicher Verstärker für das veränderte Vorgesetztenverhalten wirken soll). Leider kann man sich aber nicht darauf verlassen, dass diese natürliche Verstärkung in jedem Fall auch eintritt. Man muss planen und korrigieren, wenn der erwünschte Effekt nicht eintritt.

Mit Generalisation ist gemeint, dass das (initial durch den Anreiz) verändert Verhalten nicht nur in einer bestimmten Situation eintritt und dass nicht nur dieses ganz spezielle Verhalten, sondern auch ähnliche Verhaltensweisen sich verändern. Bei Behavior Based Safety (BBS) werden beispielsweise meist nur wenige Verhaltensweisen der Mitarbeiter beobachtet und verstärkt. Je nach Design des BBS-Systems verändern sich aber auch andere Verhaltensweisen der Mitarbeiter hin zu sicherem Verhalten. Würde diese Generalisation nicht eintreten, wäre die Wirkung von BBS auf die Zahl der Arbeitsunfälle sehr begrenzt. Doch tritt Generalisation nicht automatisch und selbstverständlich ein. Es gibt Faktoren, die die Generalisation behindern (bspw. ein sehr rigides Vorgehen beim Training neuen Verhaltens) und solche, die sie fördern, z. B. ein variantenreicheres Training, oder aber, bei BBS eine stärkere Einbeziehung der Mitarbeiter in die Ausgestaltung des Trainings, insbesondere beim Festlegen von Zielen (siehe auch Stokes & Baer, 1977).

Das Problem mit Anreizen ist weniger, dass sie nicht wirken würden (sie wirken), sondern die Vorstellung, man könne sie im Arbeitsleben wie im Hundetraining als „Leckerli“ einsetzen. – Selbst im Hundetraining gilt es viele Rahmenbedingungen zu beachten, damit das Leckerli auch wirkt (Pryor, 2006). – Oder, wie der bereits zitierte Aubrey Daniels es ausdrückt: Wenn Sie denken, das ist einfach, dann machen Sie etwas falsch.

Literatur

Abernathy, W. B. (1990). Designing and Managing an Organization-Wide Incentive Pay System. W. B. Abernathy and Associates.

Abernathy, W. B. (1996). The sin of wages : where the conventional pay system has led us and how to find a way out. PerfSys Press.

Abernathy, W. B. (2014). Beyond the Skinner Box: The Design and Management of Organization-Wide Performance Systems. Journal of Organizational Behavior Management, 34(4), 235-254. https://doi.org/10.1080/01608061.2014.973631

Cameron, J., Banko, K. M., & Pierce, W. D. (2001). Pervasive negative effects of rewards on intrinsic motivation: The myth continues. The Behavior Analyst, 24(1), 1-44. https://doi.org/10.1007/bf03392017

Daniels, A. C., & Bailey, J. S. (2016). Performance Management: Changing Behavior that Drives Organizational Effectiveness (Fifth edition, revised. ed.). Performance Management Publications.

Ferster, C. B. (1967). Arbitrary and natural reinforcement. The Psychological REcord, 17(3), 341-347.

Pransky, G., Snyder, T., Dembe, A., & Himmelstein, J. A. Y. (1999). Under-reporting of work-related disorders in the workplace: a case study and review of the literature. Ergonomics, 42(1), 171-182. https://doi.org/10.1080/001401399185874

Probst, T. M., & Estrada, A. X. (2010). Accident under-reporting among employees: Testing the moderating influence of psychological safety climate and supervisor enforcement of safety practices. Accident Analysis & Prevention, 42(5), 1438-1444. https://doi.org/10.1016/j.aap.2009.06.027

Pryor, K. (2006). Positiv bestärken – sanft erziehen. Franckh-Kosmos.

Stokes, T. F., & Baer, D. M. (1977). An implicit technology of generalization. Journal of Applied Behavior Analysis, 10(2), 349-367. https://doi.org/10.1901/jaba.1977.10-349

Thorndike, E. L. (1927). The law of effect. The American Journal of Psychology, 39, 212-222. https://doi.org/10.2307/1415413

Vergason, C. M., & Gravina, N. E. (2020). Using a guest- and confederate-delivered token economy to increase employee–guest interactions at a zoo. Journal of Applied Behavior Analysis, 53(1), 422-430. https://doi.org/10.1002/jaba.599

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Der Marshmallow-Test: Kein Beleg für „Selbstkontrolle“

Der Marshmallow-Test von Mischel und anderen (Mischel, 1958; Mischel & Grusec, 1966; Shoda, Mischel & Peake, 1990) soll einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, im Alter von vier Jahren Selbstkontrolle zu demonstrieren und späterer kognitiver Leistung und dem Schulerfolg belegen. Kinder im Alter von vier Jahren wurden vor die Wahl gestellt, entweder jetzt ein Marshmallow zu essen oder auf das eine Marshmallow zu verzichten und dann später mehrere Marshmallows zu erhalten. Laut Mischel besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, auf das eine Marshmallow sofort zugunsten der mehreren Marshmallows in der Zukunft zu verzichten und den kognitiven Fertigkeiten im Jugendalter. Kinder, die mit vier Jahren solcherart „Selbstkontrolle“ unter Beweis stellen, schneiden im Jugendalter besser in der kognitiven Leistungsfähigkeit und den sozialen Kompetenzen ab, sie erzielen bessere Schulnoten und kommen besser mit Stress und Frustrationen zurecht (Mischel, Shoda & Rodriguez, 1989).

Eine systematische Replikation dieses bekannten Versuchs durch Watts, Duncan und Quan (2018) zeigte, dass dieser Zusammenhang wesentlich schwächer ist, als in der Originalstudie berichtet. Zudem muss man vor allem den familiären Hintergrund der Kinder berücksichtigen. Es scheint eher so zu sein, dass wohlhabende Kinder sowohl den Marshmallow-Test gut bestehen, als auch später allgemein besser abschneiden. Umgangssprachlich formuliert: Reiche Kinder haben gelernt, dass sie jederzeit so viel Marshmallows haben können, wie sie wollen. Da keine Gefahr besteht, müssen sie das eine Marshmallows auch nicht schnell essen und können darauf vertrauen, tatsächlich in der Zukunft mehr Marshmallows zu haben. Wir sehen wieder mal: Konfundierende Variablen sind überall und Prädiktoren sind nicht notwendigerweise Ursachen.

Die Studien stehen in einer Reihe von vielen Versuchen, die Mischel mit Kindern zum Thema Selbstkontrolle durchführte. So untersuchte er schon vor dem berühmten Marshmallow-Test (Shoda et al., 1990) die Selbstkontrolle bei Kindern. Er ließ Kinder zwischen einem weniger beliebten Verstärker, den sie sofort haben konnten und einem attraktiveren Verstärker, für den sie eine Weile warten mussten, wählen. Mischel quantifizierte die Selbstkontrolle über die Zeit, die das Kind in der Lage war zu warten. Das Kind hatte einen Klingelknopf, den es betätigen konnte, wenn es den weniger attraktiven Verstärker haben wollte. Wartete es bis zum Ende der Zeitspanne, erhielt es den attraktiveren Verstärker. Grosch und Neuringer (1981) replizierten Mischels Untersuchungsparadigma mit Tauben. Die Tauben lernten, dass sie einen attraktiveren Verstärker erhalten konnten, wenn sie eine bestimmte Zeitspanne lang warteten. Pickten sie zuvor auf einen Schalter, erhielten sie einen weniger attraktiven Verstärker. Grosch und Neuringer (1981) führten diesen Versuch in verschiedenen Varianten (die auch Mischel verwendet hatte) durch, so unter anderem wenn die Verstärker in der Untersuchungssituation zu sehen waren oder nicht, sie variierten die Wartezeit und die frühere Erfahrung der Tauben mit dem Untersuchungsparadigma. Die Ergebnisse waren in jedem Fall symmetrisch zu den Ergebnissen, die Mischel mit Kindern erzielte.

Mischels Paradigma ist gekennzeichnet durch die mentalistische Vorstellung, es gäbe eine, möglicherweise angeborene, innere Willenskraft, die Menschen voneinander unterscheide. Menschen mit größerer Willensstärke erreichen demnach mehr im Leben. Die Empirie und insbesondere die Replikationsstudie von Watts et al. (2018) zeigt jedoch, dass es eher die Umweltfaktoren sind, die Verhalten, welches wir als ein Ausdruck von Selbstkontrolle betrachten, kontrollieren.

Literatur

Grosch, J., & Neuringer, A. (1981). Self-control in pigeons under the Mischel paradigm. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 35(1), 3-21. https://doi.org/10.1901/jeab.1981.35-3

Mischel, W. (1958). Preference for delayed reinforcement: An experimental study of a cultural observation. Journal of Abnormal Psychology, 56(1), 57-61. https://doi.org/10.1037/h0041895

Mischel, W., & Grusec, J. (1966). Determinants of the rehearsal and transmission of neutral and aversive behaviors. Journal of Personality and Social Psychology, 3(2), 197-205. https://doi.org/10.1037/h0022883

Mischel, W., Shoda, Y., & Rodriguez, M. L. (1989). Delay of gratification in children. Science, 244(4907), 933-938. https://doi.org/10.1126/science.2658056

Shoda, Y., Mischel, W., & Peake, P. K. (1990). Predicting adolescent cognitive and self-regulatory competencies from preschool delay of gratification: Identifying diagnostic conditions. Developmental Psychology, 26(6), 978-986. https://doi.org/10.1037/0012-1649.26.6.978

Watts, T. W., Duncan, G. J., & Quan, H. (2018). Revisiting the marshmallow test: A conceptual replication investigating links between early delay of gratification and later outcomes. Psychological Science, 29(7), 1159-1177. https://doi.org/10.1177/0956797618761661

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Der Stroop-Effekt aus verhaltensanalytischer Sicht

Der Stroop-Effekt (Stroop, 1935) lässt sich recht einfach demonstrieren (McLeod, 1992). Die Versuchsperson bekommt eine Liste mit Farbwörtern, die jedoch in anderen Farben gedruckt sind (zum Beispiel ist das Wort „Rot“ in der Farbe Blau gedruckt). Bittet man die Versuchsperson, die Wörter vorzulesen, gelingt ihr das wesentlich leichter und schneller als wenn man sie bittet, die Farben der einzelnen Wörter zu benennen. Durch Übung lässt sich die Leistung im Stroop-Test verbessern, der Effekt jedoch nicht gänzlich beseitigen. Die Datenbank PsychInfo listete im Jahr 2015 fast 5000 Publikationen auf, die die ursprüngliche Arbeit von Stroop (1935) zitieren. Der Stroop-Effekt wird zumeist als ein Konflikt zwischen kognitiver Kontrolle und Stimuluskontrolle des Verhaltens beschrieben. Für jedes Farbwort im Stroop-Test gibt es eine leicht auslösbare Reaktion, nämlich das Wort vorzulesen. Die Farben, in denen die Wörter gedruckt sind, sind dagegen mit vielen verschiedenen Verhaltensweisen assoziiert. Die Farbe Braun etwa ist zum einen mit dem Verhalten „Braun“ zu sagen, verbunden, sie ist gleichfalls aber mit Reaktionen wie „Leder“, „Schokolade“, „Holz“, „Kacka“ usw. assoziiert. Wenn man irgendwo die Farbe Braun sieht, sagt man eben nicht unbedingt „Braun“, sondern zumeist etwas anderes. Sieht man dagegen den Schriftzug „Braun“, ist die Reaktion „Braun“ zu sagen, so ziemlich die einzige Reaktion, die zu Verstärkung führt. Der Stroop-Effekt lässt sich sogar bei Schimpansen nachweisen. Beran et al. (2007) untersuchten eine Schimpansin, die verschiedene Lexigramme gelernt hatte unter anderem solche, die Farben bezeichneten. Die Äffin konnte verschiedene Reize nach ihrer Farbe sortieren, machte aber deutlich mehr Fehler, wenn sie als Reize die Lexigramme sortieren sollte, die in inkongruenten Farben vorlagen (zum Beispiel das Lexigram für Gelb in blauer Farbe). Der Stroop-Effekt tritt auch bei anderen Kombinationen auf. Washburn (1994) berichtet von einem Versuch mit Rhesusaffen, die gelernt hatten, die größere von zwei oder mehr arabischen Ziffern zu wählen. Den Affen wurde bspw. eine „4“ und eine „5“ auf einem Bildschirm präsentiert. Berührte der Affe die 5, erhielt er fünf Futterpellets, berührte er die 4, erhielt er nur vier Futterpellets. Auf diese Weise hatten die Affen gelernt, die größere Zahl zu wählen. Die gleichen Tiere lernten auch relativ leicht, anzuzeigen, auf welcher Seite des Bildschirms sich mehr Objekte der gleichen Art befanden (zum Beispiel vier „A“s und fünf „C“s). Wurden ihnen nun statt der Buchstaben arabische Zahlen präsentiert, gelang ihnen die Aufgabe wieder relativ leicht, wenn die höhere Zahl auch häufiger vorkam. War dies jedoch nicht der Fall (handelte es sich z. B. um drei „5“ und zwei „6“), benötigten Sie wesentlich länger und machten mehr Fehler. Dabei zeigt sich (Washburn, 2016), dass dieser Effekt um so ausgeprägter ist, je länger das Erkennen höherer Zahlen geübt worden war (je höher also die Reaktionsstärke für das Antippen der höheren Zahl war). Diese Variante des Stroop-Effekts ließ sich auch bei Menschen demonstrieren. Auch diese benötigten länger, um anzuzeigen, wo sich mehr Zahlsymbole befanden, wenn die höherwertigen Zahlen seltener vorkamen, allerdings machten sie dabei kaum Fehler, vermutlich, weil die Reaktion sprachlich unterstützt, regelgeleitet (z. B. durch stilles Zählen der Zahlen), erfolgte (was den Affen nicht möglich sein dürfte).

Literatur

Beran, M. J., Washburn, D. A., & Rumbaugh, D. M. (2007). A Stroop-like effect in color-naming of color-word lexigrams by a chimpanzee (Pan troglodyte). The Journal of General Psychology, 134(2), 217-228. https://doi.org/10.3200/GENP.134.2.217-228

MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163-203. https://doi.org/10.1037/0033-2909.109.2.163

Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643-662. https://doi.org/10.1037/h0054651

Washburn, D. A. (2016). The Stroop effect at 80: The competition between stimulus control and cognitive control. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 105(1), 3-13. https://doi.org/10.1002/jeab.194

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Wie „radikal“ ist der Radikale Behaviorismus?

B. F. Skinners Variante des Behaviorsimus wird als „Radikaler Behaviorismus“ bezeichnet. Doch was bedeutet „radikal“ in diesem Zusammenhang? Schneider und Morris (1987) geben einen Überblick über die Verwendung des Begriffs „radikal“ im Zusammenhang mit dem Behaviorismus.

Es ist interessant, dass die Behauptung, Behavioristen leugneten, dass es ein Bewusstsein gibt, haufenweise bei Nicht-Behavioristen zu finden ist, aber kaum bei den (prominenten) Behavioristen selbst. Behavioristen wie Watson und Skinner leugnen nicht, dass es etwas gibt, das wir als Bewusstsein bezeichnen. Doch sprechen sie dem Bewusstsein den Charakter eines Dings ab – das Bewusstsein ist ein Konstrukt, oder, genauer, wenn wir das Wort Bewusstsein verwenden, verhalten wir uns verbal in Bezug auf unser eigenes Verhalten.

Der Begriff „radical“ kann im Englischen mehrere Bedeutungen haben, nämlich extrem, gründlich, bilderstürmerisch und politisch. In den Bedeutungen „extrem“ und „bilderstürmerisch“ wurde Watsons Behaviorismus schon früh (von Nicht-Behavioristen) als „radikal“ bezeichnet, z. B. 1921 von Calkins, der Watson unterstellt, er leugne oder ignoriere das, was wir als mentale Phänomene kennen. „Extreme behavioristic psychology denies or ignores what are known as mental phenomena“ (Calkins, 1921, S. 1; vgl. auch S. 4). Auch als radikal im Sinne von „politisch extrem“ wurde der Behaviorismus Watsons schon bald bezeichnet, oft als links-extrem, aber ebenso auch als rechts-extrem. Watson selbst bezeichnete seine Form des Behaviorismus nie als „radikal“.

Skinner (1945/1984) bezeichnete seine Form des Behaviorismus erstmals 1945 als „radikal“, im Sinne von „gründlich“ (thoroughgoing). Er grenzt ihn v. a. vom methodologischem Behaviorismus ab. Sehr viele Psychologen, die sich selbst nie als Behavioristen bezeichnen würden, kann man als methodologische Behavioristen betrachten (vgl. Brunswik, 1952, S. 66-67; Day, 1980, S. 241; Leahey, 1984, S. 131-132; Marx & Hillix, 1979, S. 160). „[E]ven some present-day psychologists who might not call themselves behaviorists, could be considered to be behaviorists of this sort” (Schneider & Morris, 1987, S. 33). Skinners Behaviorismus ist insofern radikal, als er (im Gegensatz zum methodologischen Behaviorimus) auch die privaten Ereignisse und das verdeckte Verhalten behandelt und keinen prinzipiellen Unterschied zwischen offenem Verhalten, das von Außen beobachtet werden kann (wie Gehen, Reden etc.), und verdecktem Verhalten, das nur die Person selbst bei sich feststellen kann (wie Denken, Fühlen etc.), anerkennt. Zuriff (1984) erläutert dies: „What distinguishes Skinner from … other behaviorists is not his legitimization of private events but the fact that he provides the most coherent account of how these events come to function as stimuli for verbal behavior“ (S. 572).

Skinners und Watsons Behaviorismus verbindet einiges. Vom methodologischen Behaviorismus sind ihre beiden Positionen meilenweit entfernt.

Literatur

Brunswik, E. (1952). The conceptual framework of psychology. Chicago: University of Chicago.

Calkins, M. W. (1921). The truly psychological behaviorism. Psychological Review, 28, 1-18. https://doi.org/10.1037/h0072853

Day, W. F., Jr. (1980). The historical antecedents of contemporary behaviorism. In R. W. Rieber & K. Salzinger (Eds.), Psychology: Theoretical-historical perspectives (pp. 203-262). New York: Academic.

Leahey, T. H. (1984). Behaviorism. In R. J. Corsini (Ed.), Encyclopedia of psychology (Vol. 1, pp. 130-133). New York: Wiley.

Marx, M. H. & Hillix, W. A. (1979). Systems and theories in psychology (3rd ed.). New York: McGraw-Hill.

Schneider, S. M., & Morris, E. K. (1987). A history of the term Radical Behaviorism. From Watson to Skinner. The Behavior Analyst, 10(1), 27-39. https://doi.org/10.1007/BF03392404

Skinner, B. F. (1945/1984). The operational analysis of psychological terms. Behavioral and Brain Sciences, 7(04), 547-581. https://doi.org/10.1017/S0140525X00027187

Zuriff, G. E. (1984). Radical behaviorism and theoretical entities. The Behavioral and Brain Sciences, 7, 572. https://doi.org/10.1017/S0140525X00027394

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Kann man seine Persönlichkeit verändern?

Kurze Antwort: Es kommt darauf an, was man unter „Persönlichkeit“ versteht und es kommt darauf an, wie man vorgeht.

Die meisten Menschen wollen irgendwie anders sein, als sie sind. In den USA wollen (Hudson & Roberts, 2014) 87 % der Menschen extravertierter sein und 97 % gewissenhafter sein als sie gegenwärtig sind. Diese Menschen geben jährlich Milliardenbeträge für Bücher, Videos und Seminare aus, die versprechen, ihnen dabei zu helfen, anders zu werden.

Aber kann man seine Persönlichkeit überhaupt verändern? Einige Forscher (McCrae & Costa, 2008) meinen, dass Persönlichkeitseigenschaften biologisch bedingt und mehr oder weniger unveränderlich sind. Dennoch verändern sich Persönlichkeiten aufgrund von Lebenserfahrungen. Mit dem Alter werden Menschen für gewöhnlich reifer. Wir werden verträglicher, gewissenhafter und emotional stabiler. Wenn wir z. B. nach dem Studium eine Arbeit aufnehmen, werden wir gewissenhafter. Wenn wir eine glückliche Beziehung beginnen, werden wir emotional stabiler. Der Grund für diese Veränderung liegt in den geänderten Kontingenzen, denen wir nun unterliegen. Wer seinen Job behalten will, muss gewissenhaft sein: Gewissenhaftes Verhalten wird bei Menschen, die arbeiten, ganz anders verstärkt, als bei Menschen, die keinen Job haben. Um eine Beziehung, an der einem etwas liegt, aufrecht zu erhalten, muss man verlässlich und emotional stabil sein. Die sozialen Rollen, die wir einnehmen, beeinflussen, wie wir uns selbst – z. B. in einem Persönlichkeitsfragebogen – beschreiben.

Was tun Menschen, wenn sie ihre Persönlichkeit verändern wollen? Quinlan et al. (2006) fanden z. B., dass Studenten, die befürchteten, langweilig zu sein, häufiger übermäßig Alkohol konsumierten. Welche Strategien sind nun aber wirklich erfolgreich, wenn man seine Persönlichkeit verändern möchte?

Hudson und Fraley (2015; siehe auch 2017) testeten experimentell, ob es ihren 135 Versuchspersonen über vier Monate hinweg gelang, ihre Persönlichkeit zu verändern. Eine Gruppe (die Kontrollgruppe) sollte einfach nur angeben, wie sie sich verändern wollte. Eine andere Gruppe (der Experimentalgruppe) von Versuchspersonen sollte sich einen Veränderungsplan machen. Diese Intervention erwies sich jedoch als wenig hilfreich. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe konnten sich kaum besser verändern als die Versuchspersonen der Kontrollgruppe. Die Autoren machten als Ursache für das Scheitern der Veränderungsbemühungen aus, dass die Versuchspersonen sich selbst zumeist nur vage Veränderungsziele setzten (wie etwa „Ich möchte positiver denken“). Daher änderten sie in einem zweiten Versuch mit 151 neuen Versuchspersonen den Interventionsplan ab. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe wurden nun angehalten, sich verhaltensbezogene Ziele zu setzen, deren Einhaltung sie täglich kontrollieren konnten (z. B. „Ich möchte jeden Tag mindestens dreimal jemand Fremden ansprechen“). Je konkreter und objektiver die Ziele waren, desto besser gelang den Versuchspersonen die Persönlichkeitsveränderung.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Persönlichkeit“ überdauernde Verhaltensmuster. Die Persönlichkeit ist wie ein Pfad, der durch das ständige Benutzen entsteht. Wenn ich mich überdauernd extravertierter benehme, werde ich auch extravertierter. Man kann also seine Persönlichkeit (in gewissen Grenzen) willentlich verändern, aber nur, wenn man sich spezifische und verhaltensbezogene Ziele setzt. Letztlich bewirkte die Instruktion in der Untersuchung von Hudson und Fraley (2015), dass die Versuchspersonen sowohl ihr offenes, nicht-sprachliches Verhalten als auch ihr sprachliches Verhalten (in der Selbstbeschreibung im Persönlichkeitsfragebogen) veränderten. Nach allem, was wir wissen, entspricht diese Summe an Veränderungen im sprachlichen und im nicht-sprachlichen Verhalten, wenn sie mittelfristig stabil ist, einer Persönlichkeitsänderung.

Literatur

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2015). Volitional personality trait change: Can people choose to change their personality traits? Journal of Personality and Social Psychology, 109(3), 490-507. https://doi.org/10.1037/pspp0000021

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2017). Volitional personality change. In J. Specht (Ed.), Personality Development Across the Lifespan (pp. 555-571). Academic Press. https://doi.org/10.1016/b978-0-12-804674-6.00033-8

Hudson, N. W. & Roberts, B. W. (2014). Goals to change personality traits: Concurrent links between personality traits, daily behavior, and goals to change oneself. Journal of Research in Personality, 53, 68-83. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2014.08.008

McCrae, R. R. & Costa, P. T. (2008). The five-factor theory of personality. In O. P. John, R. W. Robins & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of Personality: Theory and Research (3rd ed., pp. 150-181). New York: Guilford Press.

Quinlan, S. L.; Jaccard, J. & Blanton, H. (2006). A decision theoretic and prototype conceptualization of possible selves: Implications for the prediction of risk behavior. Journal of Personality, 74, 599-630. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.2006.00386.x

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Eingeordnet unter leichte Kost, Psychologie, Sprache, Verhaltensanalyse

Warum die Psychologie ihre Versprechen nicht einlösen konnte

Die Psychologie wird als Wissenschaft oft nicht so ganz für voll genommen. Hank Schlinger (2004) meint, dass dies vor allem daran liegt, dass die Psychologie nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnte. Auch viele prominente Psychologinnen und Psychologen sind der Ansicht, dass die Psychologie mehr versprach, als sie halten konnte. Tatsächlich kann die Psychologie wenige bemerkenswerte Entdeckungen und wenig zufriedenstellende Erklärungen vorweisen. Die Hauptursache hierfür ist laut Schlinger (2004) die Betonung des Geistes anstelle des Verhaltens. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften (wie Biologie oder Chemie) hat sich die Psychologie methodisch den Sozialwissenschaften mit ihren Prinzipien der Hypothesentestung und den Methoden der Inferenzstatistik angeschlossen.

Wissenschaften sollten zwei Ziele anstreben: Sie sollten uns dazu befähigen, die physische und biologische Welt beeinflussen zu können. Die Naturwissenschaften können dies oft, wie man an Impfungen, Antibiotika, Halbleitern und vielen anderen technischen Errungenschaften erkennen kann. Ein zweites Ziel der Wissenschaften besteht darin, Erklärungen für die Komplexität der Welt zu liefern, die elegant und befriedigend sind.

In der Psychologie gibt es keinen einheitlichen Erklärungsrahmen. Die Psychologie gibt das Bild einer Ansammlung von Subdisziplinen, die nicht durch ein gemeinsames Prinzip geeint werden. Hinzu kommt das vorwissenschaftliche Vokabular der Psychologen, mit solchen Ausdrücken wie Geist, Gedächtnis, Denken und Bewusstsein. Mit diesen Begriffen schlagen sich Psychologen und Philosophen schon seit vielen Jahrhunderten, man muss sagen, ohne Erfolg, herum.

Wissenschaften sollen nach gängiger Auffassung drei Aufgaben erfüllen: Sie sollen den ihnen zugewiesenen Realitätsbereich objektiv erfassen und messen können, sie sollen ihn experimentell kontrollieren können und sie sollen Voraussagen bezüglich dieses Realitätsbereiches treffen können.

Das von den meisten Psychologen genannte Aufgabengebiet der Psychologie, der ihr zugewiesenen Realitätsbereich, soll der Geist sein. Doch schon dieser Realitätsbereich entzieht sich dem Ziel der objektiven Beobachtung und Messung. Die Psychologie als Wissenschaft kann ihre (selbst dazu erklärte) abhängige Variable, die Kognitionen, weder beobachten noch messen. Daraus leitet sie die Vorgehensweise ab, offen sichtbares Verhalten nur deshalb zu untersuchen, um daraus Rückschlüsse auf kognitive Ereignisse zu ziehen.

Beispielsweise gehen die meisten Psychologen davon aus, dass der Begriff Gedächtnis sich auf eine Ansammlung von kognitiven Prozessen bezieht (z. B. das Codieren, Speichern und der Abruf von Informationen). Doch welche Prozesse und Strukturen machen nun in ihrer Gesamtheit das Gedächtnis aus? Kognitive Psychologen schließen allein aufgrund des beobachteten offenen Verhaltens auf die Strukturen und Prozesse des Gedächtnisses. Wenn ich auf der Straße einen alten Bekannten treffe und in der Lage bin, diesen mit seinem Namen zu begrüßen, greife ich aus dieser Sicht auf meine abgespeicherte Erinnerung an den Freund zurück. Doch ist dies lediglich eine zirkuläre oder gar tautologische Erklärung für das schlichte Verhalten, dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe.

Die Rede vom Geist führt auch zu einem unrettbar dualistischen Denken. Wie soll ein nicht materieller Geist das Gehirn beeinflussen und umgekehrt? Gelegentlich wird beteuert, jede Kognition sei letztlich das Ergebnis einer neurologischen Aktivität. Doch was ist dann die Kognition, wenn sie nicht Verhalten ist? Die Psychologie muss diese Antwort schuldig bleiben. Die meisten Begriffe innerhalb der Psychologie sind ihrem Wesen nach metaphorisch: kognitive Landkarten, Engramme, Kodierung, Abruf, sensorisches Register und Speicher. Dummerweise erfordert jedes kognitive Element in der Erklärung des offenen Verhaltens eine weitere Erklärung oder Rechtfertigung. Jeder neue Begriff muss letztendlich in der Währung physikalischer, biologischer oder verhaltensbezogene Ereignisse bezahlt werden. Die Psychologie verhält sich, so Palmer (2003), wie jemand, der seine Kreditkartenschulden begleicht, indem er eine andere Kreditkarte belastet. Dadurch wird die Erklärungslast der kognitiven Psychologie nur vermehrt, nicht reduziert.

Wenn ich beispielsweise den Namen meines Freundes ausspreche, wenn ich ihn sehe, wird gesagt, dass ich mich an seinen Namen erinnere, dass ich ihn wahrnehme oder wiedererkenne oder aber, dass ich eine Vorstellung von ihm habe, Wissen über ihn oder eine Repräsentation von ihm. In diesem Beispiel sollen das Gedächtnis, die Wahrnehmung, dass Wiedererkennen oder die Vorstellung unterschiedliche kognitive Prozesse sein. Doch der Beleg dafür, dass diese kognitiven Prozesse existieren, ist immer der gleiche: dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe (S. 128). Man könnte das gleiche Verhalten auf wesentlich sparsamere Art und Weise erklären, indem man sich auf bereits experimentell wohl bestätigte Prinzipien des Verhaltens bezieht. (Schlinger, 1992)

Die Psychologie rechtfertigt dieses Vorgehen oft damit, dass auch andere Wissenschaften über das Beobachtbare hinausgegangen und dadurch fortgeschritten sind. So erkannte Newton, dass der Mond eine Gravitationskraft auf das Meer ausübt und so die Gezeiten verursacht. Er erkannte dies, weil er es bei kleineren Objekten experimentell untersuchen konnte. Doch Psychologen gehen anders vor: Sie messen eine bestimmte Art von Ereignissen (Verhalten) mit der Absicht, über Ereignisse einer ganz anderen Natur (Kognitionen) zu sprechen. Astronomen befolgen das Prinzip der Sparsamkeit, indem sie Ereignisse, die sie nicht direkt untersuchen können, mit der geringstmöglichen Anzahl an Annahmen erklären, wobei diese Annahmen im kleineren Maßstab bestätigt werden konnten (im Weltall gelten die gleichen Naturgesetze wie im Physiklabor). Die theoretischen Annahmen von Psychologen dagegen basieren auf Annahmen, die niemals direkt getestet werden können. Solcherart konzentriert sich die Psychologie auf unbeobachtete Ereignisse, ehe sie überhaupt erst einmal versteht, wie die beobachteten Ereignisse zu Stande kommen. Sie zäumen das Pferd von hinten auf. Verhaltensanalytiker gehen umgekehrt vor, wie der Rest der Naturwissenschaftler. Sie beobachten offenes Verhalten, leiten hieraus Gesetzmäßigkeiten ab und nehmen an, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch für den nicht-objektiv beobachtbaren Anteil des Verhaltens gelten.

In der Psychologie dagegen gilt das Prinzip, dass beobachtetes Verhalten nur durch den Rückgriff auf unbeobachtbare Prozesse zufriedenstellend erklärt werden könne. Dies führt allerdings dazu, dass die Erklärungen allenfalls metaphorisch sein können. Beispielsweise erklärt man in der Psycholinguistik den „erstaunlichen Umstand“, dass Kinder relativ schnell ihre Muttersprache erlernen können, mit einem besonderen Konstrukt, dem Language Acqusition Device (LAD). Doch kann niemand das LAD beschreiben, geschweige denn erklären und dabei bekannte wissenschaftliche Prinzipien aus der Psychologie oder Biologie heranziehen. Das Problem der kognitiven Psychologie besteht darin, dass das ganze Feld durch und durch metaphorisch ist, weil die abhängige Variable, die Kognitionen, nie beobachtet werden kann. Ironischerweise müssen Psychologen deswegen ihre kognitiven Phänomene immer als beobachtbares Verhalten operationalisieren. Sie tun dies aber nicht, weil sie Verhalten als Forschungsgegenstand von eigener Geltung betrachten (S. 131).

In den meisten psychologischen Experimenten lassen sich keine zuverlässigen funktionalen Beziehungen zwischen der unabhängigen und der abhängigen Variable herstellen, da keine eindeutige experimentelle Kontrolle über die abhängige Variable demonstriert werden kann. Einer der Gründe dafür ist, dass die meisten Experimente mit Gruppen von Versuchspersonen durchgeführt werden, anstatt mit den individuellen Versuchspersonen. Zudem sind die unabhängigen Variablen in der Psychologie oft zu komplex oder nur ungenau definiert, sodass sie sich einer objektiven Untersuchung entziehen. Die Untersuchungsdesigns werden mehr durch die Möglichkeiten der statistischen Analyse vorgegeben, denn durch das Erkenntnisinteresse. In psychologischen Experimenten werden, oft unnötigerweise, Daten von Befragungen und Selbstauskünfte als Messungen akzeptiert, obwohl bekannt ist, dass diese notorisch unzuverlässig sind.

Der Erfolg jeder Wissenschaft hängt davon ab, dass sie in der Lage ist, eindeutige Analyseeinheiten festzulegen. In der Biologie ist das etwa die Zelle. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (nämlich in der Verhaltensanalyse) ist die Psychologie nicht in der Lage, solche eindeutigen Analyseeinheiten vorzuweisen.

Watson (1913) wollte die Psychologie am Modell der Naturwissenschaften ausrichten. Aus seiner Form des Behaviorismus gingen im Wesentlichen zwei noch heute aktuelle Formen hervor: der radikale Behaviorismus nach Skinner, der die Grundlage der Verhaltensanalyse bildet und der Neobehaviorismus nach Hull, der sich dem hypothetisch-deduktiven Ansatz verschrieben hat. Der Neobehaviorismus stellt die Grundlage der heute in der Psychologie üblichen Methoden dar. Auch die kognitive Psychologie, die angeblich den Behaviorismus überwunden hat, folgt ihm in methodischer Hinsicht noch immer. Dies hat zur Folge, dass in der Psychologie jedes psychologische Phänomen seine eigene Erklärung oder Theorie hat. Dies steht im Widerspruch zum Vorgehen in den Naturwissenschaften, wo es als ein Qualitätsmerkmal gilt, wenn man mit einer Theorie möglichst viele verschiedene Phänomene erklären kann.

Hinzu kommt der nachgerade vollkommen unverständliche Ansatz, das aggregierte Verhalten einer Gruppe von Versuchspersonen zu untersuchen, anstatt das Verhalten der einzelnen Versuchsperson. Die Unterschiede zwischen den Versuchspersonen werden eingeebnet, statt sie als das eigentlich Untersuchungswürdige zu betrachten. Dies erlaubt den Forschern nicht, das Verhalten von einzelnen Personen vorauszusagen oder gar zu kontrollieren. Wie bereits Skinner (1956) ausgedrückt hat, geht niemand in den Zirkus, um einen durchschnittlichen Hund signifikant öfter durch einen Ring springen zu sehen als einen nicht trainierten Hund. Mit ihrer Skepsis bezüglich des Prinzips der Hypothesentestung in der Psychologie ist die Verhaltensanalyse nicht allein, auch einige Psychologinnen und Psychologen haben dies bemerkt (Loftus, 1991). Erkenntnisfortschritt geschieht oft durch einen Wechsel von Induktion und Deduktion. Doch in der Psychologie hat man sich allein auf die Deduktion konzentriert. Dies hat zur Folge, dass sie sich selbst darin behindern, Bemerkenswertes zu entdecken. Man vergleiche dagegen die Haltung von Skinner (1956): „Wenn du [in deiner Forschung] über etwas Interessantes stolperst, dann lasse alles andere liegen und untersuche es“ (S. 223).

Hinzu kommt, dass es in der Psychologie kaum echte Experimente gibt. In der Regel wird nicht-experimentell geforscht. Die unabhängige Variable in der Psychologie ist daher nicht gleichzusetzen mit der Ursache der abhängigen Variable. Sie ist lediglich ein Prädiktor. Schlinger (2004) zeigt auf, dass viele Experimente in der Psychologie lediglich Demonstrationsexperimente sind. Beispielsweise zeigt die Forschung zur Mutter-Kind-Bindung, dass es einige Kinder gibt, die weinen, wenn ihre Mutter sie mit einem Fremden allein lässt, andere Kinder weinen nicht. Dies wird erklärt über die verschiedenen Bindungstypen. Doch erklärt dies nicht, warum dieses Verhalten auftritt. Die finale Ursache der Bindung ist höchstwahrscheinlich in der Lerngeschichte des Individuums zu suchen. In einem Großteil der Literatur zur Bindungsforschung nutzt man stattdessen mentalistische Konzepte, wie die Erwartungen, die Erinnerung, das interne Arbeitsmodell, um das Verhalten der Kinder im „Fremde-Situations-Test“ erklären.

Ähnliches gilt für die psychologische Forschung zum Stroopeffekt (Stroop, 1935). Dabei werden der Versuchsperson verschiedene Farbwörter (rot, blau, grün usw.) gezeigt, die in unterschiedlichen Farben gedruckt sind. Dabei sind die Wörter oft in einer anderen Farbe gedruckt als es der Bedeutung des Farbwortes entspricht (d. h., das Wort „rot“ ist z. B. in grüner Farbe gedruckt). Die Versuchspersonen beim Stroop-Test sollen nun nicht die Wörter vorlesen, sondern die Farbe angeben, in der das Wort gedruckt ist. Stimmt das Farbwort mit der Druckfarbe über ein, gelingt dies der Versuchsperson schneller, als wenn das Farbwort und die Farbe, in der es gedruckt ist, nicht übereinstimmen. Um diesen gut bestätigten Umstand zu erklären, werden die unterschiedlichsten kognitiven Konstrukte bemüht. Anstatt aber die längere Latenzzeit und die erhöhte Anzahl an Fehlern endgültig zu erklären, demonstrieren die Experimente lediglich das Phänomen immer wieder und zeigen einige Bedingungen auf, unter denen es auftritt. Dabei liegt die Erklärung in der Lerngeschichte der Versuchspersonen. Üblicherweise führt es häufiger zur Verstärkung, wenn wir „rot“ vorlesen, wenn wir das entsprechende Wort sehen. Seltener wird ein Verhalten verstärkt, bei dem man die Druckfarbe, in der ein Wort gedruckt ist, angeben soll. Aus diesem Blickwinkel erscheint der Stroopeffekt theoretisch und praktisch weit weniger interessant, als es die Psychologen glauben. Doch die Psychologen führen zu diesem Effekt noch immer eifrig Forschungen durch, ohne echte Fortschritte zu erzielen (MacLeod, 1991, 1992; Washburn, 2016).

Nach Schlinger (2004) hat die Psychologie bislang allenfalls im Bereich der Beschreibung Fortschritte gemacht, nicht aber, was die anderen Aufgaben von Wissenschaften (Erklären, Voraussagen und Verändern) betrifft. Als Heilmittel empfiehlt er, dass die Psychologie zu einem nicht-mediationalem, nicht-mechanistischen und nicht-dualistischen verhaltensorientierten Ansatz zurückkehrt.

Loftus, G. R. (1991). On the tyranny of hypothesis testing in the social sciences. Contemporary Psychology: A Journal of Reviews, 36(2), 102-105. https://doi.org/10.1037/029395

MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163-203. https://doi.org/10.1037/0033-2909.109.2.163

MacLeod, C. M. (1992). The Stroop task: The „gold standard“ of attentional measures. Journal of Experimental Psychology: General, 121(1), 12-14. https://doi.org/10.1037/0096-3445.121.1.12

Palmer, D. C. (2003). Cognition. In K. A. Lattal & P. N. Chase (Eds.), Behavior theory and philosophy. (pp. 167-185). Kluwer Academic/Plenum Publishers. https://doi.org/10.1007/978-1-4757-4590-0_9

Schlinger, H. D. (1992). Theory in behavior analysis: An application to child development. American Psychologist, 47(11), 1396-1410. https://doi.org/10.1037/0003-066x.47.11.1396

Schlinger, H. D. (2004). Why psychology hasn’t kept its promises. Journal of Mind and Behavior, 25(2), 123-144. https://www.jstor.org/stable/43854026

Skinner, B. F. (1956). A case history in scientific method. American Psychologist, 11(5), 221-233. https://doi.org/10.1037/h0047662

Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643-662. https://doi.org/10.1037/h0054651

Washburn, D. A. (2016). The Stroop effect at 80: The competition between stimulus control and cognitive control. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 105(1), 3-13. https://doi.org/10.1002/jeab.194

Watson, J. B. (1913). Psychology as the behaviorist views it. Psychological Review, 20(2), 158-177. https://doi.org/10.1037/h0074428

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Kognitive Neuropsychologie – Geisterjagd mit Geigerzählern

Die kognitiven Neurowissenschaften gehören zu den boomenden Teilen der Psychologie. Die Zeitschrift „Geist und Gehirn“ aus dem Verlag, der auch „Spektrum der Wissenschaft“ veröffentlicht, widmet sich diesem Thema und ist nur ein Beispiel dafür, welche Aufmerksamkeit diese Forschungen auch in der breiteren Öffentlichkeit genießen. Den Wissenschaftlern scheint hier endlich der Blick in die „Black Box“ zu gelingen, die Psychologie scheint vom Spekulativem zum Exakten voranzuschreiten.

Doch bei genauerer Betrachtung hat sich die kognitive Neurowissenschaft nicht wesentlich von den älteren kognitiven Wissenschaften weg entwickelt. Schon B.F. Skinner (Skinner, 1938, 1953, 1984, 1990) befürchtete, dass die Zuschreibung von unbeobachteten kognitiven Mechanismen zu gewissen Vorgängen im Gehirn zu nichts anderem als eine „konzeptuellen Nervensystem“ führen wird.

Obschon die Technologie, derer sich die kognitiven Neurowissenschaften bedient, eindrucksvoll ist, gleicht ihr Vorgehen Steven Faux (2002) zufolge der Jagd nach Geistern mittels Geigerzähler. Die kognitiven Wissenschaften bedienten sich früher solcher Messwerte wie der Reaktionszeit als abhängige Variable. Die kognitiven Neurowissenschaften bedienen sich der Gehirn-darstellenden Techniken wie der PET (Positron-Emissions-Tomographie). Diese Techniken sind das Ergebnis von Fortschritten in anderen Wissenschaften (Atomphysik, Computertechnik). Die Messwerte, die man mit ihnen erhebt, werden oft in eindrucksvollen farbigen Graphiken und Karten – ähnlich der Wetterkarte – in den diversen Fachzeitschriften dargestellt. Diese Daten scheinen die Leser etwas näher an die Black Box heranzuführen.

Eine häufig verwendete Technik ist die eben erwähnte Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Die PET-Technik stellt gewissermaßen einen computerisierten Geigerzähler dar, der die Verteilung von zuvor eingeatmetem oder injiziertem radioaktivem Sauerstoff und Kohlenstoff im Gewebe darstellt. In den kognitiven Neurowissenschaften wird die mit dem PET gemessene Gehirnaktivität (die radioaktiven Isotope sind an den Stellen des Gehirns am häufigsten anzutreffen, die am meisten „Brennstoff“ verbrauchen) oft in Abhängigkeit von einer bestimmten Tätigkeit, die der Teilnehmer der Studie ausübt, gemessen. Zum Beispiel könnte der Teilnehmer während der Messung eine Liste mit konkreten Hauptwörtern vorlesen oder er soll einen Knopf drücken, wenn er einen bestimmten Ton hört. Die Werte mehrerer Versuche mit einem Teilnehmer werden übereinandergelegt und dann aus den Ergebnissen mehrerer Teilnehmer ein Durchschnitt errechnet.

Eine typische und häufig zitierte Studie stammt von Mellet, Tzourio, Denis und Mazoyer (1995). Die Teilnehmer lagen hier unter dem PET und beobachteten eine Landkarte mit bestimmten Merkmalen. Zuvor war der PET-Basiswert ermittelt worden, indem die Werte gemessen wurden, während die Teilnehmer entspannt mit geschlossenen Augen da lagen. In einer weiteren Bedingung sollten die Teilnehmer sich mit geschlossenen Augen den zuvor auf der Landkarte „gegangenen“ Weg vorstellen. Die für das mentale Vorstellen zuständigen Hirnregionen wurden sodann dadurch identifiziert, dass die Basiswerte von den Werten während der Bedingung, in der die Teilnehmer sich den Weg vorstellen sollten, abgezogen wurden. Hierbei fanden sich bestimmte Regionen im Gehirn (so der obere occipitale Cortex), die relativ konsistent über alle Teilnehmer erregt zu sein schienen, wohingegen andere Regionen auffällig deaktiviert waren. Warum sie das waren, wird von Mellet et al. (1995) jedoch nicht erklärt, ebenso wie in den meisten anderen Studien nicht erklärt wird, warum bestimmte Regionen erregt und andere eher deaktiviert sind.

In dieser Studie, wie auch vielen anderen, die diese Technik verwenden, ist vor allem die große Variationsbreite über die verschiedenen Teilnehmer auffallend. Auch die Daten eines einzelnen Teilnehmers, über den Mellet et al. (1995) detaillierter berichten, variieren stark. Die wenigsten Studien aus diesem Bereich enthalten Berichte über einzelne Teilnehmer. Zudem fällt bei den Graphiken auf, dass Differenzwerte, die tatsächlich sehr gering waren, in den Abbildungen knallrot dargestellt wurden – auffälligen Farbunterschieden liegen nicht notwendigerweise ebenso gravierende Messwertunterschiede zugrunde. Zudem, wenn man die Daten genauer betrachtet, wird klar, dass diese Unterschiede nur im Durchschnitt gelten. Würde man die Werte für jeden Teilnehmer einzeln graphisch darstellen, bei jedem wäre eine andere Region knallrot eingefärbt. Trotz dieser erstaunlichen interindividuellen Variationsbreite schließen die Autoren sehr sicher, dass „mentales Vorstellen“ mit einer Erregung des oberen occipitalen Cortex einhergehe. Mellet et al. (1995) folgern weiter, dass die gespeicherten visuellen Repräsentationen hier ihren Sitz hätten.

Diese Variationsbreite ist typisch für die Experimente in den kognitiven Neurowissenschaften. Selten findet man eine Replikation von einer Gruppe zur nächsten, recht selten sind Replikationen bei einem Individuum und extrem selten ist die Replikation der Ergebnisse von einem Individuum bei einem anderen (Cabeza & Nyberg, 1997, 2000). Besonders bezeichnend sind die Unterschiede in den Ergebnissen von Studien, die dieselbe Aufgabe beinhalteten. So war bei fünf Studien, die alle den sogenannten Stroop-Test (die Versuchsperson muss die Farben benennen, in der bestimmte Farbwörter – blau grün etc. – geschrieben sind; die Farbwörter sind nicht in „ihrer“ Farbe gedruckt, d. h. z. B. „blau“ ist nicht blau geschrieben) verwendeten, um so die „Aufmerksamkeit“ zu erfassen, keine einzige Gehirnregion bei allen fünf Studien aktiviert.

Eines der Hauptprobleme der kognitiven Neurowissenschaften liegt in der Übernahme ungeprüfter mentalistischer Konzepte (wie „mentales Vorstellen“). Die kognitiven Neurowissenschaften setzen voraus, dass die „kognitiven Atome“ bereits entdeckt wurden. Aber es scheint in diesen PET-Experimenten unmöglich zu sein, eine Experimentalbedingung zu schaffen, die von der Kontrollbedingung durch nur eine Aktion des Gehirns unterschieden ist. Die kognitiven Neurowissenschaftler setzen aber voraus, dass es so eine Art Periodensystem der kognitiven Elemente gibt. Das Problem ist, dass man jeden der von den Kognitionswissenschaftlern angenommenen basalen Prozesse ohne weiteres in weitere Subprozesse aufspalten kann (wobei man sich fragen muss, welcher Sinn darin zu sehen ist, ein vages Konstrukt durch drei andere vage Konstrukte zu ersetzen). Bei weitem herrscht hier keine Einigkeit.

Kognitive Neurowissenschaftler können nicht darlegen, warum unbeobachtete kognitive Konstrukte sinnvolle Bezeichnungen für bestimmte Gehirnregionen sein sollen. Uttal (2001) hat daher die kognitiven Neurowissenschaften bereits als die „Neue Phrenologie“ bezeichnet. Bestenfalls, so Faux (2002), bringen uns die PET-Messungen dazu, statt nicht mehr zu wissen, was im ganzen Gehirn vor sich geht, nicht mehr zu wissen, was in einem bestimmten Gyrus vor sich geht.

Zudem sind PET und verwandte Techniken keine direkten Messungen der Gehirnaktivität, sondern nur des Blutflusses im Gehirn. Dies ist insofern relevant, als auch hemmende Neuronen (die in der Gehirntätigkeit eine große Rolle spielen und deren Zweck darin besteht, die Aktivität anderer Neuronen zu hemmen) Sauerstoff und Nährstoffe verbrauchen.

Es ist mehr als zweifelhaft, dass die Wissenschaft dadurch voranschreitet, dass grobe physiologische Messungen vorgenommen werden, um schlecht definierte kognitive Konstrukte zu stützen.

Diese kognitiven Konstrukte werden in diesen Forschungen auch nicht getestet: Zwar werden immer wieder die Gehirn-Karten revidiert, jedoch nie diese Konstrukte wirklich auf die Probe gestellt. Sie werden einfach als gegeben vorausgesetzt.

Hinter all der kognitiven Neurowissenschaft scheint überall der berüchtigte Homunculus im Kopf, das cartesianische Theater, von dem aus alle anderen Aktivitäten gesteuert werden, hindurch. Immer wieder wird auf eine zentrale Exekutive verwiesen, einen Mechanismus, der Output produziert, ohne von Input abhängig zu sein. Diese zentrale Exekutive wird immer dann postuliert, wenn kein direkter Umwelteinfluss beobachtet werden kann. Der „Willen“ stellt somit die Restmenge jenes Verhalten dar, das nicht unter der Kontrolle des Forschers steht.

Literatur

Cabeza, R. & Nyberg, L. (1997). Imaging cognition: An empirical review of PET studies with normal subjects. Journal of Cognitive Neuroscience, 9(1), 1-26.

Cabeza, R. & Nyberg, L. (2000). Imaging cognition II: An empirical review of 275 PET and fMRI studies. Journal of Cognitive Neuroscience, 12(1), 1-47.

Faux, S. F. (2002). Cognitive neuroscience from a behavioral perspective. A critique of chasing ghosts with geiger counters. The Behavior Analyst, 25(2), 161-173.

Mellet, E.; Tzourio, N.; Denis, M. & Mazoyer, B. (1995). A positron emission tomography study of visual and mental spatial exploration. Journal of Cognitive Neuroscience, 7(4), 433-445.

Skinner, B. F. (1938). The Behavior of Organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1953). Science and Human Behavior. Reno, NV: MacMillan.

Skinner, B. F. (1984). Methods and theories in the experimental analysis of behavior. Behavioral and Brain Sciences, 7(4), 511-546.

Skinner, B. F. (1990). Can psychology be a science of mind? American Psychologist, 45(11), 1206-1210.

Uttal, W. R. (2001). The new phrenology: The limits of localizing cognitive processes in the brain. Cambridge, Mass.: MIT Press.

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Das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Menschen sich in der Arbeitswelt sicher oder nicht sicher verhalten. Wir leiten daraus ab, was man tun kann, um Menschen dazu zu bewegen, sich sicher zu verhalten. Sich impfen zu lassen, ist ein sicheres Verhalten. Ich werde an dieser Stelle nicht all die Argumente aufführen, warum das so ist, dies ist an anderer Stelle (https://www.gwup.org/coronavirus) schon ausführlicher und besser geschehen. Eine Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu haben oder an der Erkrankung zu sterben, enorm. Streng genommen ist es auch nicht erforderlich, dies anhand der Coronaimpfung noch einmal neu zu diskutieren. Das Prinzip der Impfung ist seit über 200 Jahren bewährt.

Wenn wir in der Verhaltensanalyse wissen wollen, warum ein Mensch das tut, was er tut, sehen wir auf die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens. Unter vorausgehenden Bedingungen verstehen wir alles, was zeitlich vor dem Verhalten geschieht. Dazu gehört zum einen die Lerngeschichte des Individuums, also alles, was die Person bis zum jetzigen Zeitpunkt erlebt hat. Zum anderen gehört dazu aber auch die unmittelbare Vorgeschichte des Verhaltens, sowie die Situation, in der es auftritt. Wenn ich möchte, dass ein Mensch sicher arbeitet, muss ich dafür sorgen, dass er weiß, was das sichere Verhalten ist, dass er das sichere Verhalten zeigen kann und dass er die Möglichkeit dazu hat. Konsequenzen sind im verhaltensanalytischen Sinne Ereignisse, die auf das Verhalten folgen oder mit diesem zusammenhängen. Zu den Konsequenzen zählen nicht nur materielle Veränderungen in der Umwelt der Person (z. B., die Person hat jetzt etwas, was sie zuvor nicht hatte), sondern vor allem soziale Konsequenzen, also die geplanten und ungeplanten Reaktionen anderer Menschen auf das Verhalten. Sicheres Verhalten ist im Vergleich zum nicht-sicheren Verhalten aber auch oft etwas aufwendiger, was die Wahrscheinlichkeit, dass sicheres Verhalten auftritt, tendenziell senkt. Zudem muss man bedenken, dass Konsequenzen (auch schwerwiegende, wie etwa, an einer Erkrankung zu sterben), die nur zeitlich verzögert oder nur vielleicht eintreten, einen geringeren Einfluss auf das Verhalten haben als unmittelbare und sicher eintretende Konsequenzen. Wäre das anders, würde niemand rauchen.

Was lässt sich daraus für das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen, ableiten? Wir sollten zunächst sicherstellen, dass die vorausgehenden Bedingungen das Verhalten, sich impfen zu lassen, begünstigen, u. a.:

  • Die Informationen, die man benötigt, um erkennen zu können, dass Sich-Impfen-zu-Lassen ein sicheres Verhalten ist, müssen leicht verständlich und verfügbar sein.
  • Wie man sich impfen lassen kann, muss so erklärt werden, dass die Person dieses Verhalten leicht selbst zeigen kann.
  • Man sollte alles tun, um den Zugang zur Impfung zu erleichtern. Dies senkt wiederum auf Seiten der Konsequenzen den mit dem Impfen verbundenen Verhaltensaufwand.

Aus der jahrzehntelangen Forschung zum Thema verhaltensorientierte Arbeitssicherheit wissen wir aber auch, dass vorausgehende Bedingungen oft nicht ausreichen, dass ein sicheres Verhalten tatsächlich auftritt. Jede Sicherheitsfachkraft kennt das Problem: der Mitarbeiter wusste, wie er sicher arbeiten soll, er konnte sicher arbeiten, er hatte die Möglichkeit dazu (z. B. war die persönliche Schutzausrüstung verfügbar und leicht zu tragen), er tut es aber trotzdem nicht. Viele Verantwortliche in den Betrieben neigen in diesem Fall dazu, die Maßnahmen auf Seiten der vorausgehenden Bedingungen noch einmal zu wiederholen und gegebenenfalls zu intensivieren. Den Beschäftigten wird noch einmal erklärt, warum es wichtig ist, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung tragen. Gegebenenfalls wird noch mehr Geld in Sicherheitstechnik und in die Organisation des Arbeitsschutzes investiert. Doch wir wissen aus der Forschung, dass man Arbeitssicherheit nicht herbeireden kann. Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir auf die Seite der Konsequenzen blicken.

Impfen hat unmittelbar und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretende unangenehme Konsequenzen. Es ist mit einem bestimmten Aufwand verbunden und man muss gegebenenfalls die Impfwirkung erdulden. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit, aber ebenfalls noch zeitlich recht nahe zum Verhalten (Sich-Impfen-zu-Lassen), können Nebenwirkungen der Impfung auftreten. Die erwünschte Konsequenz der Impfung, dass man sich nämlich nicht infiziert und, wenn man sich infiziert, dass man weniger schwer erkrankt und nicht stirbt, ist dagegen eine, die sich nicht unmittelbar und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erfahren lässt. Im Gegenteil, die Wirkung der Impfung besteht gerade darin, dass ein unerwünschtes Ereignis nicht eintritt.

Was könnte man also auf Seiten der Verhaltenskonsequenzen tun, um das Impfen zu fördern? In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit verfolgen wir den Ansatz, dass sicheres Verhalten systematisch anerkannt und wertgeschätzt werden soll. Für das Impfen würde das bedeuten, dass jemand, der sich (auch jetzt erst noch) impfen lässt, die Rückmeldung erhalten soll, dass dies ein Verhalten ist, was wir wertschätzen.

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit ist auch der Einsatz von materiellen Konsequenzen nicht unüblich. Jedoch handelt es sich dabei in der Regel nur um geringwertige Vergünstigungen, die mehr einen symbolischen Zweck erfüllen, nämlich die Anerkennung und Wertschätzung des Betriebes zu übermitteln (z. B. ein Mittagessen auf Kosten des Betriebs). Materielle Anreize, die man erst in Aussicht stellt, wenn ein erwünschtes Verhalten nicht auftritt, wirken nicht als Verstärker, d. h. sie erhöhen nicht die Wahrscheinlichkeit, dass das sichere Verhalten in Zukunft wieder auftritt. Daraus folgt: Prämien für Impfwillige wären evtl. im Moment wirksam, langfristig werden sie die Impfbereitschaft der Bevölkerung aber nicht erhöhen.

Kommen wir nun zu der Frage, wie es um den Einsatz von unangenehmen Konsequenzen steht. Strafen für das Nicht-Auftreten eines (sicheren) Verhaltens wirken nicht als Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn. Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn bedeutet immer, dass die Rate eines Verhaltens gesenkt wird. Die Rate eines Verhaltens, das nicht auftritt, kann aber nicht gesenkt werden. Unangenehme Konsequenzen der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, funktionieren jedoch im verhaltenswissenschaftlichen Sinn als sogenannte motivierende Operationen. Sie sorgen dafür, dass das Verhalten, sich impfen zu lassen, negativ verstärkt wird. Bei der negativen Verstärkung tut man etwas, um einen unangenehmen Zustand zu beenden oder zu vermeiden. Negative Verstärkung, wie alle Arten des Einsatzes aversiver Konsequenzen (dazu zählen auch zwei Formen der Bestrafung), geht immer mit unerwünschten Nebenwirkungen einher: Die Person, die die aversiven Konsequenzen bereitstellt, wird eher gemieden, Personen, deren Verhalten negativ verstärkt wird, neigen dazu, nach Schlupflöchern zu suchen (also die unangenehme Konsequenz durch ein anderes als das erwünschte Verhalten zu vermeiden – z. B., indem sie sich einen gefälschten Impfausweis besorgen) und vieles mehr. Dies bedeutet aber nicht, dass negative Verstärkung nicht wirkt. Viele Dinge, die wir in unserem Leben tun, tun wir deshalb, weil wir dadurch unangenehme Konsequenzen beenden oder verhindern. Wir zahlen Steuern, u. a., um zu vermeiden, wegen Steuerhinterziehung belangt zu werden. Im Bereich der Steuern würde auch niemand auf die Idee kommen, lieber auf das Prinzip der Freiwilligkeit zu setzen (obwohl es tatsächlich eine Form der freiwilligen, d. h. positiv verstärkten Form des Steuernzahlens gibt, nämlich das Kaufen eines Loses einer staatlichen Lotterie).

Entscheidet man sich dazu, negative Verstärkung einzusetzen, muss man sicherstellen, dass die oben erwähnten Schlupflöcher soweit möglich geschlossen werden, so dass die Person tatsächlich nur die Möglichkeit hat, das erwünschte Verhalten zu zeigen. Zudem kann man auch viel dazu beitragen, dass das negativ verstärkte Verhalten auch positiv verstärkt wird oder aber weniger aversiv wird. Eine verhaltenswissenschaftlich gesehen sinnvolle Maßnahme ist es z. B., wenn man der Person die Wahlfreiheit lässt, mit welchem Impfstoff sie sich impfen lassen möchte. Natürlich sollte, wie bereits oben erwähnt, die Entscheidung, sich impfen zu lassen, immer sozial positiv verstärkt werden (anerkannt und wertgeschätzt werden). Damit negative Verstärkung tatsächlich funktioniert, muss sichergestellt sein, dass durch das erwünschte Verhalten der aversive Zustand tatsächlich beendet wird: D. h., es muss sich für die Person lohnen, dass sie sich impfen lässt, indem sie danach nicht mehr den gleichen Einschränkungen unterliegt, wie vor dem Auftreten des erwünschten Verhaltens (Sich-Impfen-zu-Lassen).

Mehr Informationen zum Thema, wie man mit der angewandten Verhaltensanalyse Menschen dabei hilft, kluge, d. h. sichere Entscheidungen zu treffen, finden Sie in meinem Buch „Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit – Behavior Based Safety (BBS)“ https://esv.info/978-3-503-20073-3.

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Händehygiene

Liddelow et al. (2021) befragten 232 Australier unter anderem zu ihrer Einstellung gegenüber Händehygiene, ihren subjektiven Normen in Bezug auf Händehygiene und ihrer Absicht, Händehygiene zu betreiben. Die Studie fand während der ersten Welle der Corona-Pandemie statt. Hintergrund der Studie waren die Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1985, 1991) und die (temporale) Selbstregulationstheorie (Hall & Fong, 2007). Eine Woche nach dieser Befragung erfassten die Autorinnen die tatsächliche Anwendung korrekter Händehygienetechniken in der vorausgegangenen Woche („engagement in proper hand hygiene behaviour over the previous week was assessed“). Anders, als man aufgrund dieser Angabe im Abstract vermuten möchte, erfassten sie nicht tatsächlich, ob sich die Versuchspersonen die Hände nun gründlich und richtig wuschen oder desinfizierten (etwa indem sie ihre Versuchspersonen dabei beobachteten). Sie legten den Versuchspersonen einen weiteren Fragebogen (Stevenson et al., 2009) vor, in dem diese angeben sollten, ob sie sich richtig die Hände gewaschen oder desinfiziert hätten. In der Auswertung finden die Autorinnen heraus, dass die Absicht, sich die Hände gründlich und richtig zu waschen oder zu desinfizieren, der stärkste Prädiktor für die tatsächliche Händehygiene war.

Wir fassen zusammen: Wenn ich eine Person frage, ob sie die Absicht hat, sich in der nächsten Woche die Hände gründlich und richtig zu waschen oder zu desinfizieren, dann wird sie höchstwahrscheinlich eine Woche später sagen, dass sie sich in der vorausgegangenen Woche die Hände tatsächlich gründlich und richtig gewaschen oder desinfiziert hat. Die Autorinnen folgern aus ihren Studienergebnissen, dass man die Absicht, sich die Hände zu waschen oder zu desinfizieren, steigern sollte, möglicherweise dadurch, dass man für richtige Händehygiene Werbung macht.

Ich habe mir diese Studie aufgrund ihres Titels etwas genauer angesehen, da ich mich selbst schon einmal im Rahmen meiner verhaltensanalytischen Forschung mit dem Thema Händehygiene beschäftigt habe (Bördlein, 2020). Normalerweise lese ich solche (traditionell-mentalistischen) psychologischen Fachzeitschriften nur sporadisch, wenn mich der Titel eines Artikels besonders anspricht. Der Artikel von Liddelow et al. (2021) war insofern für mich wieder eine eindringliche Erinnerung daran, warum ich die angewandte Verhaltensanalyse der typischen psychologischen Forschung so sehr vorziehe. Es geht um die gesellschaftlich relevante Fragestellung, wie man Menschen dazu bringen kann, bessere Händehygiene zu betreiben. Wir alle wissen, spätestens seit der Corona-Pandemie, wie wichtig dies ist. Die Autorinnen beziehen sich dabei auf typisch psychologisch-mentalistische Theorien, die im Grunde lediglich besagen, dass Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten, weil sie das so wollen. Ich weiß, dass Vertreter der Theorie des geplanten Verhaltens oder der Selbstregulationstheorie dies als eine grobe Vereinfachung zurückweisen würden, ich kann aber nicht erkennen, inwiefern mir hier eine essenzielle Feinheit der Theorien entgangen ist. Liddelow et al. (2021) untersuchen diese wichtige Frage ausschließlich mittels Fragebögen, bei denen die Versuchspersonen Selbstauskünfte erteilen. Dies ist genau die bereits von Baumeister et al. (2007) kritisierte Praxis der Psychologie als der Wissenschaft von den Selbstauskünften und Fingerbewegungen (Fingerbewegungen beim Ausfüllen von Fragebögen oder Klicken mit der Maustaste bei Fragebögen, die über den Computer dargeboten werden). Die Autorinnen fanden heraus, dass Menschen, die sagen, dass sie die Absicht haben, gute Händehygiene zu betreiben, später von sich behaupten, sie würden tatsächlich gründliche Händehygiene betreiben. Ich will den Versuchspersonen von Liddelow et al. (2021) nicht unterstellen, dass sie explizit lügen oder absichtsvoll falsche Angaben machen, aber man muss sich doch sehr deutlich fragen, ob dieses Ergebnis wirklich relevant ist. Noch dringender muss man sich fragen, welche praktischen Auswirkungen dieses Ergebnis hat. Den Autorinnen fällt in Bezug darauf auch nur ein, dass man den Leuten noch einmal besser erklären sollte, warum sie sich die Hände gründlich reinigen sollen und dass man sie immer wieder mal daran erinnern sollte. Nun, dies konnte man auch schon vorher wissen. Genau solche Interventionen werden in der Verhaltensanalyse immer wieder evaluiert (Bowman et al., 2019; Choi et al., 2018; Deochand et al., 2019; Fournier & Berry, 2012; Hays & Romani, 2021; Luke & Alavosius, 2011), wobei tatsächlich das Verhalten beobachtet wird und die Auswahl der Interventionen systematisch vor dem Hintergrund erfolgt, dass es eben Umwelteinflüsse sind, die das Verhalten kontrollieren und dass man diese verändern muss, wenn man das Verhalten verändern will: Die Informationen über die Händehygiene, die Hinweise (Prompts) und die Konsequenzen des Verhaltens, korrekte Händehygiene zu betreiben (soziale Konsequenzen, langfristige gesundheitliche Konsequenzen, aber auch der mit der Händehygiene verbundene Verhaltensaufwand). Die verhaltensanalytisch begründeten Interventionen können detailliert nachweisen, wann, unter welchen Umständen, in welchen Situationen, bei welchen Personen usw. welche Interventionen mehr oder weniger wirksam sind.

Siehe auch die Übersichten (Gould et al., 2017; Neo et al., 2016; Seo et al., 2019) zur Wirksamkeit verschiedener Strategien zur Verbesserung der Händehygiene. Verhaltensbasierte Interventionen wie Prompts und Feedback sind am wirksamsten.

Literatur

Ajzen, I. (1985). From intentions to actions: A theory of planned behavior. In J. Kuhl & J. Beckmann (Eds.), Action Control: From Cognition to Behavior (pp. 11-39). Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-69746-3_2

Ajzen, I. (1991, 1991/12/01/). The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50(2), 179-211. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/0749-5978(91)90020-T

Baumeister, R. F., Vohs, K. D., & Funder, D. C. (2007, Dec). Psychology as the science of self-reports and finger movements: Whatever happened to actual behavior? Perspectives on Psychological Science, 2(4), 396-403. https://doi.org/10.1111/j.1745-6916.2007.00051.x

Bördlein, C. (2020). Promoting hand sanitizer use in a University cafeteria. Behavior and Social Issues, 29(1), 255-263. https://doi.org/10.1007/s42822-020-00026-y

Bowman, L. G., Hardesty, S. L., Sigurdsson, S. O., McIvor, M., Orchowitz, P. M., Wagner, L. L., & Hagopian, L. P. (2019, September 01). Utilizing group-based contingencies to increase hand washing in a large human service setting [journal article]. Behavior Analysis in Practice, 12(3), 600-611. https://doi.org/10.1007/s40617-018-00328-z

Choi, B., Lee, K., Moon, K., & Oah, S. (2018, May 14). A comparison of prompts and feedback for promoting handwashing in university restrooms. Journal of Applied Behavior Analysis, 51(3), 667-674. https://doi.org/doi:10.1002/jaba.467

Deochand, N., Hughes, H. C., & Fuqua, R. W. (2019). Evaluating visual feedback on the handwashing behavior of students with emotional and developmental disabilities. Behavior Analysis: Research and Practice, 19(3), 232-240. https://doi.org/10.1037/bar0000154

Fournier, A. K., & Berry, T. D. (2012). Effects of response cost and socially-assisted interventions on hand-hygiene behavior of university students. Behavior and Social Issues, 21, 152-164. https://doi.org/10.5210/bsi.v21i0.3979

Gould, D. J., Moralejo, D., Drey, N., Chudleigh, J. H., & Taljaard, M. (2017, Sep 1). Interventions to improve hand hygiene compliance in patient care. Cochrane Database of Systematic Reviews, 9(9), CD005186. https://doi.org/10.1002/14651858.CD005186.pub4

Hall, P. A., & Fong, G. T. (2007, 2007/03/01). Temporal self-regulation theory: A model for individual health behavior. Health Psychology Review, 1(1), 6-52. https://doi.org/10.1080/17437190701492437

Hays, T., & Romani, P. W. (2021, 2021/03/01). Use of the Performance Diagnostic Checklist-Human Services to assess hand hygiene compliance in a hospital. Behavior Analysis in Practice, 14(1), 51-57. https://doi.org/10.1007/s40617-020-00461-8

Liddelow, C., Ferrier, A., & Mullan, B. (2021, Sep 7). Understanding the predictors of hand hygiene using aspects of the theory of planned behaviour and temporal self-regulation theory. Psychology & Health. https://doi.org/10.1080/08870446.2021.1974862

Luke, M. M., & Alavosius, M. (2011). Adherence with universal precautions after immediate, personalized performance feedback. Journal of Applied Behavior Analysis, 44(4), 967-971. https://doi.org/10.1901/jaba.2011.44-967

Neo, J. R. J., Sagha-Zadeh, R., Vielemeyer, O., & Franklin, E. (2016, Jun 1). Evidence-based practices to increase hand hygiene compliance in health care facilities: An integrated review. American Journal of Infection Control, 44(6), 691-704. https://doi.org/10.1016/j.ajic.2015.11.034

Seo, H. J., Sohng, K. Y., Chang, S. O., Chaung, S. K., Won, J. S., & Choi, M. J. (2019, Aug). Interventions to improve hand hygiene compliance in emergency departments: a systematic review. Journal of Hospital Infection, 102(4), 394-406. https://doi.org/10.1016/j.jhin.2019.03.013

Stevenson, R. J., Case, T. I., Hodgson, D., Porzig-Drummond, R., Barouei, J., & Oaten, M. J. (2009, 2009/09/01/). A scale for measuring hygiene behavior: Development, reliability and validity. American Journal of Infection Control, 37(7), 557-564. https://doi.org/10.1016/j.ajic.2009.01.003

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Jenseits von Schuld und Strafe – Die „Sichtweise der Umstände“

Patrick Friman (2021) arbeitet für „Boys Town“, einer Einrichtung für gefährdete Jugendliche in Nebraska, die von Father Edward Flanagan Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Auf Flanagan geht die Grundhaltung dieser Einrichtung zurück, die besagt, dass es auf der Welt keine schlechten Jungen gibt, nur schlechte Umgebungen, schlechte Vorbilder und schlechtes Lehren („There’s no such thing as a bad boy…“). Friman (2021) erläutert diesen Gedanken als die „Sichtweise der Umstände“, die er von der Sichtweise der Schuld abgrenzt. Die Jungen, um die sich Father Flanagan kümmerte, hatten schlechte Dinge getan, aber nicht deshalb, weil sie schlecht waren, sondern weil ihnen schlechte Dinge widerfahren waren und diese schlechten Dinge ihnen beigebracht hatten, sich falsch zu verhalten. Als Konsequenz stellte er sicher, dass den Jungen in seiner Einrichtung viele gute Dinge widerfahren, mit dem Ziel ihnen beizubringen, wie sie sich richtig verhalten können. Diese Sichtweise der Umstände (Circumstances View) ist auch das, was der Verhaltensanalyse in all ihren Ausprägungen zu Grunde liegt.

Verhaltensanalytiker versuchen, die Gründe für ein Verhalten in den Umständen, unter denen es auftritt, zu finden, nicht in der Person. Wir wollen verstehen, warum ein Mensch das tut, was er tut, und gegebenenfalls daraus ableiten, wie man diesem Menschen dabei helfen kann, sich anders zu verhalten – indem man die Umstände, unter denen er sich verhält, verändert. Diese Sichtweise der Umstände wird gelegentlich in Misskredit gebracht, in dem behauptet wird, damit würde schlechtes (z. B. kriminelles) Verhalten entschuldigt. Doch wer so argumentiert, denkt noch immer in den Kategorien einer Kultur der Schuld. In der Kultur der Schuld ist man nicht an einer Lösung der Probleme interessiert, sondern daran, jemanden verantwortlich und schuldig zu machen. Wer sich die Sichtweise der Umstände angeeignet hat, entschuldigt nicht schlechtes Verhalten. Schlechtes (z. B. kriminelles) Verhalten bleibt schlecht. Durch die Sichtweise der Umstände möchte man verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass sich die Person so verhalten hat, wie sie sich verhalten hat, und daraus ableiten, was getan werden muss, damit diese Person sich in Zukunft anders verhalten kann. Die Person kann man nicht verändern, man kann aber die Umstände, unter denen sie sich verhält, verändern. Anders ausgedrückt: Verhalten ist eine Funktion der Umstände, unter denen es auftritt.

Dieser Grundgedanke ist der hauptsächliche Unterschied zwischen der Verhaltensanalyse und der traditionellen Psychologie, die (nicht beobachtbare und letztlich nur hypothetische) Faktoren in der Person für das Verhalten verantwortlich macht. Wer die Ursache für das Verhalten in der Person sieht, neigt dazu, auch die Schuld für unangemessenes Verhalten in der Person zu sehen. Die Psychologie selbst hat dafür sogar einen Begriff entwickelt, den „fundamentalen Attributionsfehler“. Dieser Fehler ist vielfach untersucht und tritt mit großer Zuverlässigkeit auf: Wir neigen dazu, die Ursache unseres eigenen Verhaltens in den Umständen und die Ursache des Verhaltens anderer in deren Person zu sehen. Der fundamentale Attributionsfehler ist die Grundlage unserer moralischen (die Person ist böse), charakterlichen (die Person ist faul) oder psychologischen (die Person ist verrückt) Urteile. Durch diese Urteile begründen wir, warum wir Menschen so behandeln, wie wir sie behandeln. In der Regel behandeln wir Menschen, die sich nicht so verhalten, wie wir es gerne hätten, in aversiver Art und Weise.

Der Glaube, dass das Böse nicht im Verhalten oder den Umständen, unter denen es auftritt, liegt, sondern in irgendeinem Merkmal der Person, ist weit verbreitet. Die Sichtweise der Umstände ist eine humane und mitfühlende Alternative zu der schuldorientierten Sichtweise auf Problemverhalten. Schon Skinner hat diese Sichtweise sehr vehement vertreten. In „Jenseits von Freiheit und Würde“ (Skinner, 1971) wendet er diese Sichtweise auf positive, erwünschte Verhaltensweisen an. Das Buch löste heftige Kritik aus, größtenteils, weil die Kritiker nur den Titel, aber nicht den Inhalt gelesen hatten. Skinner wäre, so Friman (2021), erfolgreicher gewesen, hätte er die Sichtweise der Umstände auf problematisches Verhalten angewendet und sein Buch „Jenseits von Schuld und Strafe“ genannt.

Die Sichtweise der Umstände auf problematisches Verhalten sucht die Ursache eines Problems nicht in der Person, sondern in dem, was dieser Person im Lauf ihres Lebens bis zu dem Zeitpunkt, als das Problemverhalten auftrat, widerfahren ist. Die Sichtweise der Umstände macht nicht die Person schuldig, sondern nimmt eine mitfühlende Perspektive ein. Dennoch ist sie rigoros, was das problematische Verhalten angeht: Dieses muss sich trotzdem ändern. Was die Sichtweise der Umstände bewirken kann, illustriert Friman (2021) an der Boulder River School and Hospital (BRSH), einer Einrichtung für Menschen mit Entwicklungsstörungen. In den frühen 1970er Jahren lebten 1200 Personen in dieser Einrichtung. 1974 wurde ein Programm mit dem Ziel eingeführt, die Bewohner zum selbstständigen Leben zu befähigen. Das Programm fand auf Grundlage der Verhaltensanalyse statt. Als die Einrichtung 2016 geschlossen wurde, lebten nur noch 51 Personen in ihr. Viele andere Beispiele ließen sich aufzählen.

Um die Sichtweise der Umstände verständlich zu machen, schildert Friman (2021) ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie müssen zur Arbeit fahren und sind spät dran. An einer Ampel steht vor Ihnen ein Auto. Es wird grün, aber das Auto fährt nicht los. Sie sehen, dass auf dem Fahrersitz des Autos eine Frau sitzt, die nach hinten auf die Rückbank blickt. Sie hat offenkundig nicht mitbekommen, dass die Ampel grün geworden ist. Schließlich wird die Ampel wieder rot. Noch immer blickt die Frau nach hinten auf den Rücksitz. Schließlich wird die Ampel wieder grün und wieder rot, ohne dass sich das Auto bewegt. Da Sie an dem Auto nicht einfach vorbeifahren können, steigen Sie aus und gehen zu dem Fahrzeug vor. Sie klopfen gegen das Fahrerfenster, die Frau reagiert und sieht sie an. Sie hat Tränen in den Augen und sieht verzweifelt und hilflos aus. Auf dem Rücksitz liegt ihr Kleinkind im Kindersitz und sein Gesicht ist blau angelaufen. Unmittelbar verwandeln sich nun Ihr Ärger und Ihre Frustration über die „dumme“ Autofahrerin in Mitgefühl und den Wunsch, ihr zu helfen. Ihre Reaktion gegenüber der Autofahrerin hat sich verändert, weil sie nun die relevanten Umstände des zuvor unverständlichen Verhaltens kennen. Friman (2021) trägt uns auf, daran zu denken, dass es immer ein Kleinkind auf dem Rücksitz gibt. Es gibt immer Umstände, die mit dem problematischen Verhalten funktional zusammenhängen. Betrachten wir das Verhalten in seinem Kontext, verändert sich die Art und Weise wie wir auf das Verhalten reagieren.

Unglücklicherweise hat die Sichtweise der Umstände nur wenige Anhänger, verglichen mit den Anhängern der Alternative (der schuldorientierten Sichtweise). Die meisten und entschiedensten Anhänger dieser Sichtweise sind Verhaltensanalytiker. Milliarden von Menschen aber hängen der Schuldperspektive an, wie man z. B. an unserem Strafrechtssystem erkennen kann, das vor allem auf aversive Maßnahmen (wie Freiheitsstrafen) setzt. Politikerinnen und Politiker setzen darauf, anderen Schuld zu geben, um an die Macht zu kommen und an der Macht zu bleiben. Die Schuldperspektive ist kurzfristig für denjenigen, der sie einnimmt, erfolgreich. Die Sichtweise der Umstände ist erst seit kurzem in der Welt. Die Schuldperspektive gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Die Sichtweise der Umstände einzunehmen, erfordert mehr intellektuellen Aufwand, als nur nach einem Schuldigen zu suchen. Sie erfordert, funktionale Zusammenhänge erkennen zu können.

Bei einfachem Verhalten von Personen mit nur eingeschränktem Verhaltensrepertoire konnte die Sichtweise der Umstände teilweise Anerkennung finden. Bei komplexerem Verhalten normal intelligenter Menschen herrscht nach wie vor die Schuldperspektive vor. Sie ist populär, weil sie einfacher anzuwenden ist und weil es unmittelbar verstärkend ist, wenn man anderen die Schuld gibt. Wir lernen schon in der frühesten Kindheit, die Schuld an Problemen bei anderen Personen zu sehen und wir lernen, dass Schuld bestraft werden soll. Die Schuldperspektive befriedigt auf einfache Art und Weise unseren Wunsch nach einer ursächlichen Erklärung für ein Problem. Die Schuldperspektive hat einen weiteren Vorteil: Wenn ich anderen die Schuld gebe, vermeide ich, dass der Blick auf mich und meinen Anteil am Problem gerichtet wird. Die Schuldperspektive erlaubt mir, mich moralisch überlegen zu fühlen. Wer die Schuldperspektive einnimmt, wird darin von anderen, insbesondere von Autoritäten, bestärkt. Die meisten Religionen fördern die Schuldperspektive. Man kann auch evolutionäre Wurzeln in der starken Verbreitung der Schuldperspektive sehen. In der Vergangenheit war es besser, schnell einen Schuldigen zu finden und das Problem an diesem fest zu machen, als lange und umständlich nach den wahren Ursachen eines Problems zu suchen.

Auf der anderen Seite stellen sich die Anhänger der Sichtweise von den Umständen oft sehr ungeschickt an. Selbst Verhaltensanalytiker fallen immer wieder in die Perspektive der Schuld zurück. Sie schimpfen auf ihre Klienten, weil sie sich nicht an den Behandlungsplan halten, anstatt zu untersuchen, welche Umstände Einfluss auf das Verhalten ihrer Klienten, sich an Pläne zu halten oder nicht zu halten, haben. Trotzdem werden Klienten als widerständig, verstockt, verantwortungslos usw. bezeichnet. Ebenso nehmen sie die Sichtweise der Umstände oft nicht ein, wenn sie sich mit Menschen auseinandersetzen, die diese Sichtweise nicht teilen. Statt zu überlegen, welche Umstände Gegner der Verhaltensanalyse zu Ihrer Einstellung bringen, sehen sie diese als bedrohlich an und grenzen sich von diesen ab. Eine Sichtweise der Umstände würde beinhalten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und die eigene Sichtweise den Gegnern leicht verständlich zu präsentieren. Dazu kann auch beitragen, dass man, wenn man mit Personen spricht, die keine Verhaltensanalytiker sind, nicht die eigene, technische Ausdrucksweise verwendet, sondern in die Begriffe der Laiensprache übersetzt.

Auch in der Forschung können Verhaltensanalytiker noch viel tun, um die Sichtweise der Umstände populärer zu machen. Viele Forschungsergebnisse der Verhaltensanalytiker beziehen sich noch auf das Verhalten von Tieren oder Menschen mit Entwicklungsverzögerungen. Es sollte mehr Forschung mit normal intelligenten Erwachsenen geben. Verhaltensanalytiker sollten sich darum bemühen, dass ihre Forschung von Nicht-Verhaltensanalytikern wahrgenommen wird. Was nutzt es, seine Erkenntnisse nur anderen Verhaltensanalytikern kund zu tun? Die bevorzugte Forschungsmethode der Verhaltensanalyse ist das Einzelfallexperiment. Forscher in anderen Disziplinen setzen eher auf Untersuchungen mit großen Stichproben. Um ernst genommen zu werden, empfiehlt es sich, auch deren Forschungsmethoden anzuwenden. In den Fällen, in denen Verhaltensanalytiker mit der Verbreitung ihrer Interventionen erfolgreich waren (z. B. Lovaas, 1987), nutzten sie in der Regel größere, gruppenvergleichende Studien. In den Fällen, in denen sie es nicht taten, trat oft der Fall ein, dass kognitive Psychologen die verhaltensanalytischen Interventionen „kaperten“ und dann z. B. als „kognitive Verhaltenstherapie“ ausgaben (wie dies etwa bei der verhaltensanalytischen Methode der Exposition und Verhaltensverhinderung – exposure and response prevention – geschehen ist). Dabei übernehmen diese kognitiven Psychologen jedoch nicht zugleich auch die Sichtweise der Umstände. Um die Ergebnisse der Verhaltensanalyse populär zu machen, sollten sich Verhaltensanalytiker angewöhnen, nicht nur wissenschaftliche Daten zu berichten, sondern auch Geschichten darüber zu erzählen, wie die verhaltensanalytische Intervention im Einzelfall gewirkt hat. Dieser „narrative Ansatz“ gewinnt zunehmend an Bedeutung, nicht nur in der Verhaltensanalyse. Friman (2021) regt an, dass man für jedes verhaltensanalytische Prinzip mindestens eine überzeugende, leicht verständliche Geschichte parat haben sollte, die dieses Prinzip illustriert.

Problematisches Verhalten führt oft zu emotionalen Reaktionen bei denjenigen, die davon betroffen sind (z. B. Eltern und Lehrer vom problematischen Verhalten eines Schülers). Verhaltensanalytiker sollten sich darum bemühen, diese emotionalen Reaktionen nicht als Versagen der Bezugspersonen zu betrachten, sondern als ein Verhalten, das bestimmte Ursachen hat. Wenn eine Person mit Nachdruck eine Einstellung äußert, mit der man nicht übereinstimmt, sollte man als Verhaltensanalytiker versuchen herauszufinden, welche Umstände die Person dazu bringen, diese Einstellung zu äußern. Friman (2021) erinnert hier auch an Skinners Äußerung, dass „der Organismus immer recht hat“. Wenn eine Person sich nicht so verhält, wie wir das gerne hätten, liegt das nicht an der Person, sondern an uns, unseren Erwartungen und den Umständen, unter denen diese Person sich verhält.

Alle Verhaltensanalytiker, unabhängig davon, welcher Ausrichtung, teilen drei Grundüberzeugungen:

  • Sie schätzen die wissenschaftliche Methode und entscheiden auf der Grundlage von Daten.
  • Verhaltensanalyse ist ein Forschungsgebiet, dessen letztlicher Zweck darin besteht, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Verhaltensanalytiker wollen die Welt, also die Umstände, unter denen sich Menschen verhalten, so verändern, dass sie weniger von aversiven Ereignissen bestimmt ist.
  • Alle Verhaltensanalytiker teilen die Sichtweise der Umstände und sind mögliche Quellen dafür, diese Sichtweise zu verbreiten.

Literatur

Friman, P. C. (2021, Feb 11). There is no such thing as a bad boy: The circumstances view of problem behavior. Journal of Applied Behavior Analysis. https://doi.org/https://doi.org/10.1002/jaba.816

Lovaas, O. I. (1987, Feb). Behavioral treatment and normal educational and intellectual functioning in young autistic children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 55(1), 3-9. https://doi.org/10.1037/0022-006X.55.1.3

Skinner, B. F. (1971). Beyond Freedom and Dignity. Knopf.

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