Monatsarchiv: März 2015

Veränderte Rahmenbedingungen führen zu einem veränderten Verhalten der Politiker

Critchield et al. (2003) konnten zeigen, dass das Gesetzgebungsverhalten des US-Kongresses in vielen Punkten dem Verhalten eines Versuchstiers unter einem fixen Intervallplan gleicht. Dies galt zumindest für die Jahre 1948 bis 2000. Critchfield et al. (2015) müssen nun aber feststellen, dass dies seit einigen Jahren nicht mehr zutrifft. Mittlerweile hat die Gesetzgebungsaktivität im US-Kongress ein historisches Tief erreicht. Während bis 1989 im Schnitt jährlich 300 bis 400 Gesetze verabschiedet wurden, sank diese Zahl seitdem. Im Jahr 2013 wurden weniger als 100 Gesetze verabschiedet. Die meisten interessierten US-Bürger empfinden diese Inaktivität als beschämend. Die beiden Parteien des Kongresses blockieren sich gegenseitig. Gesetze scheitern nicht so sehr an der mangelnden Aktivität der Abgeordneten, sondern daran, dass vorbereitete Gesetze entweder gar nicht zur Abstimmung gebracht werden oder aber in der Abstimmung scheitern.

Critchfield et al. (2015) stellen für die Zeit seit 1989 fest, dass nicht nur die Zahl der Gesetze geringer wurde. Auch das bekannte treppenförmige Muster (mit vielen Gesetzen am Ende der Legislaturperiode) verschwindet. Für die beiden Entwicklungen führen sie mehrere Gründe an.

Tatsächlich scheinen die Abgeordneten, gemessen an der Dauer der Sitzungsperiode, nicht weniger, sondern mehr zu arbeiten. Die Zahl an Gesetzen, die eingebracht werden, ging nicht zurück. Vielmehr scheitern diese Gesetze in der Abstimmung. Einen wichtigen Grund für dieses häufigere Scheitern sehen sie in der gestiegenen Bedeutung der Parteien. In den Jahrzehnten zuvor war es oft möglich, Gesetze mit wechselnden Mehrheiten durchzubringen. Seit einigen Jahren sind die Abgeordneten viel stärker an die Parteidisziplin gebunden.

Dies hat wiederum damit zu tun, dass der Prozess der Festlegung der Wahlkreise in den letzten Jahren „optimiert“ wurde. Je nach der Bevölkerungsentwicklung müssen in den USA die Wahlkreise von Zeit zu Zeit neu festgelegt werden. In der Regel wird über diese Festlegungen von den Politikern selbst entschieden. Seit 1991 gibt es entsprechende Software (die in den letzten Jahren nochmals verbessert wurde), die die Interessenvertreter dabei unterstützt. Die Parteien haben ein Interesse daran, dass die Wahlkreise so festgelegt werden, dass sie in möglichst vielen Wahlkreisen relativ sicher immer von der Mehrheit der Wähler gewählt werden. Dies hat dazu geführt, dass die Zahl der Wahlkreise, die noch als ernsthaft umstritten gelten können, 1998 noch bei etwa 170 lag, 2013 dagegen nur noch bei knapp 90. In allen anderen Wahlkreisen ist der Gewinn der Wahl für den Kandidaten einer Partei mehr oder weniger sicher. Dies stärkt wiederum die Rolle der Vorwahlen, bei denen die Kandidaten einer Partei bestimmt werden. An Vorwahlen nimmt allerdings nur ein relativ kleiner Teil der Wahlberechtigten teil. Dabei handelt es sich oft um die eher extrem eingestellten Anhänger einer Partei (z. B. die Anhänger der Tea-Party-Bewegung in der Republikanischen Partei). Tendenziell gewinnen also in beiden Parteien eher die Kandidaten die Vorwahl, die die extremeren Positionen vertreten. Sind diese erst einmal gewählt, werden sie zudem von den Medien viel stärker beobachtet als noch vor 20 oder 30 Jahren. Mittlerweile gibt es das Parlamentsfernsehen, das Internet und die sozialen Medien. Wie ein Abgeordneter abstimmt und wie er sich ansonsten verhält, kann nun viel besser verfolgt werden. Der Abgeordnete wird also eher vermeiden, als kompromissbereit zu erscheinen, da er ja von den tendenziell extremer eingestellten Vorwahl-Teilnehmern wieder aufgestellt werden will. Gesetze werden unter diesen Bedingungen zwar noch eingebracht, oft aber nur, um den Wählern zu zeigen, dass man eine bestimmte Position vertritt, ohne die echte Absicht, dieses Gesetz auch tatsächlich „durchzubringen“.

Eine weitere Entwicklung hat das Aushandeln von Deals zwischen den Parteien erschwert. Inhaltlich ganz unterschiedliche Gesetze konnten früher gebündelt werden, sodass z. B. über den Haushalt einer bestimmten Institution zusammen mit der Förderung einer Baumaßnahme abgestimmt wurde. Dieses Verfahren ist mittlerweile untersagt, sodass über jedes Thema einzeln abgestimmt werden muss und kein Deal mehr möglich ist, der es einem Abgeordneten erlaubt, einer Maßnahme zuzustimmen, die seiner Position widerspricht, weil zugleich über eine Maßnahme abgestimmt wird, die seinen Anhängern nützt.

Auch die Parteienfinanzierung hat sich verändert. Die Gesetze, die verhindern sollen, dass Politiker durch Firmen und große Einzelspender beeinflusst werden, werden seit einigen Jahren unterlaufen, indem Wahl- oder Unterstützungsvereine gegründet werden, die die tatsächlichen Spender verschleiern. Ein Politiker, der auf viele Kleinspender angewiesen ist, muss eher eine moderate Position einnehmen, um möglichst vielen verschiedenen Individuen gerecht zu werden. Stützt sich die Finanzierung dagegen auf wenige Großspender, versucht der Politiker, eher deren, eventuell extremere Einzelmeinung zu unterstützen.

Der treppenförmige Verlauf der Gesetzgebungsaktivitäten tritt deshalb nicht mehr oder kaum mehr auf, weil die Verstärker für den Politiker – die Aufmerksamkeit des Wahlvolks – nicht mehr auf bestimmte Zeiträume beschränkt ist. Die oben genannten Entwicklungen in der Mediennutzung begünstigen dies. Aufgrund dieser ständigen Verbindung zum Wahlvolk ist das demonstrative Verteidigen von Positionen für die Politiker wichtiger geworden als das rationale Aushandeln von Kompromissen und die eigentliche Parlamentsarbeit. Critchfield et al. (2015) tragen den Krümmungsindex der kummulativen Gesetzgebungsaktivität (ein Wert, an dem man das Ausmaß der „Treppenförmigkeit“ erkennen kann) auf der Zeitachse auf und setzen ihn in Bezug zum erstmaligen Auftreten einiger technischer Entwicklungen. Auf bestimmte Innovationen wie z. B. das Kabelfernsehen, das Internet und die sozialen Medien folgt jeweils ein Rückgang des Krümmungsindex.

Die Gesellschaft kann durchaus etwas gegen diese Entwicklung, die der parlamentarischen Demokratie schadet, unternehmen. Der US-Bundesstaat Kalifornien hat 2010 beschlossen, dass die Neuaufteilung der Wahlkreise nicht mehr durch die Politiker, sondern durch unabhängige Experten erfolgen soll. Noch lässt sich die Wirkung dieser Maßnahme auf die Vorwahlen und das Verhalten der Kandidaten nicht abschätzen.

Literatur

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Critchfield, Thomas S.; Reed, Derek D. & Jarmolowicz, David P. (2015). Historically low productivity by the United States Congress. Snapshot of a reinforcement-contingency system in transition. The Psychological Record, 65(1), 161-176. DOI: 10.1007/s40732-014-0098-8

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Nachahmung von Mord-Selbstmorden – Bei Piloten

Piloten, die sich umbringen und dabei ihre Passagiere in den Tod mitnehmen, sind gar nicht so selten. Eine Rolle dabei spielt das Lernen am Modell: Die Berichterstattung über solche Geschichten inspiriert Nachahmungstäter. Dazu lag schon 1980 eine interessante Studie vor.

Phillips (1980) zeigt Zusammenhänge zwischen der Publikation von Fällen, in denen Mord und Selbstmord unmittelbar aufeinander folgten, in den Massenmedien und der Rate von Flugzeugabstürzen in den Vereinigten Staaten für den Zeitraum von 1968 bis 1973 (für nicht-kommerzielle Flüge) bzw. von 1950 bis 1973 (für kommerzielle Flüge) auf.

In vorhergehenden Studien gelang Phillips (1974, 1977, 1978, 1979) der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen der Veröffentlichung von spektakulären Fällen von Selbstmord und Selbstmorden sowie Autounfällen, insbesondere solchen Autounfällen, an denen nur ein Fahrzeug und nur der Fahrer desselben beteiligt war. Die Rate solcher Selbstmorde und Auto-unfälle war u. a. abhängig von der Bekanntheit dieser Berichte, der geographischen Verbreitung (d. h. Fälle über die v. a. in bestimmten Regionen berichtet wurde korrelierten mit einem Anstieg der Selbstmorde bzw. Autounfälle in diesen Regionen) und dem Alter der Person, über die in den Fällen berichtet wurde (d. h. die “Nachahmer” waren in etwa genauso alt).

Selbigen Nachweis führt Philipps (1980) auch für den Zusammenhang von Mord-Selbstmord-Geschichten und Flugzeugabstürzen (und zwar sowohl solchen mit Privatmaschinen als auch solchen mit Maschinen von Fluggesellschaften). Beobachtet wurde ein Zeitraum von 14 Tagen, unmittelbar vor und nach der Veröffentlichung dieser Geschichten in Zeitungen und im Fernsehen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Anstieg der Flugzeugabstürze drei bis vier Tage nach der Veröffentlichung. Zehn Tage nach der Veröffentlichung sank die Rate wieder auf das Niveau vor der Veröffentlichung. Ebenso konnte ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung solcher Geschichten und der Häufigkeit von Flugzeugabstürzen gefunden werden, d. h. je mehr über die Mord-Selbstmord-Geschichte berichtet wurde, um so stärker stieg die Rate der Flugzeugabstürze. Bemerkenswert ist weiterhin, dass die Verbreitung in Tageszeitungen schon allein als Prädiktor für die Zahl der Flugzeugabstürze genügt, die Verbreitung im Fernsehen trägt nichts zur Vorhersage bei. Auch der geographische Zusammenhang konnte nachgewiesen werden: Wurde über eine Geschichte nur in bestimmten Bundesstaaten berichtet, so stieg die Rate der Flugzeugabstürze auch nur in diesen Staaten an.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Piloten von den veröffentlichten Geschichten “inspirieren” ließen und ihre Selbstmorde als Flugzeugabstürze tarnten – obwohl es in den Mord-Selbstmord-Geschichten nicht um Flugzeugabstürze ging. Es ist also von einer starken, ge-neralisierten Modellwirkung solcher Geschichten auszugehen: “In short, I will show that the impact of suggestion is at once more general and more grave than was previously suspected” (1003). Spezifisch dagegen ist die Kombination von Mord und Selbstmord bei den “Nachahmern”: Die Rate der Flugzeugabstürze, bei denen nur eine Person (nur der Pilot) ums Leben kam, nahm nicht zu.

Literatur

Phillips, D. P. (1974). The influence of suggestion on suicide: Substantive and theoretical implications of the Werther effect. American Sociological Review, 39, 340-354.
Phillips, D. P. (1977). Motor vehicle fatalities increase just after publicized suicide stories. Science, 296, 1464-1465.
Phillips, D. P. (1978). Airplane accident fatalities increase just after newspaper stories about murder and suicide. Science, 201, 748-750.
Phillips, D. P. (1979). Suicide, motor vehicle fatalities and the mass media: Evidence toward a theory of suggestion. American Journal of Sociology, 84, 1150-1174.

Phillips, D. P. (1980). Airplane accidents, murder, and the mass media: Towards a theory of imitation and suggestion. Social forces, 58(4), 1001-1024. DOI: 10.1093/sf/58.4.1001

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Politiker verhalten sich nach Plan

Der Verhaltensanalytiker Joseph V. Brady hatte bereits 1958 darauf hingewiesen, dass das Arbeitsverhalten des US-Kongresses an Verhalten unter einem festen Interfallplan erinnere, bei dem das Ende der Sitzungsperiode und der dann mögliche Kontakt zum Wahlvolk den Verstärker darstelle. Ganz besonders dürfte sich das alle zwei Jahre zeigen, wenn Wahlen anstehen. Nicht nur Zyniker sehen das hauptsächliche Anliegen der Abgeordneten im Streben nach Wiederwahl, so dass diese Annahme nicht ganz abwegig erscheint. Schon eine Arbeit von Weisberg und Waldrop (1972) zeigte, dass die Menge an Gesetzen, die (in den Jahren 1947-1968) vom Kongress verabschiedet wurden, gegen Ende der Sitzungsperiode immer rasant anstieg, um mit Beginn der neuen Sitzungen erst einmal zu ruhen. In einer Grafik (mit den kumulierten Häufigkeiten der verabschiedeten Gesetze) dargestellt, zeigte sich dasselbe treppenförmige Muster, wie wir es von Laborexperimenten kennen, bei denen das Versuchstier auf einem fixen Intervallplan für sein Verhalten verstärkt wird.

Kongress der Vereinigten Staaten

Einer Skinner-Box nicht unähnlich: Der Kongress der Vereinigten Staaten

Critchfield und andere (2003) wiesen nach, dass dies auch für den Zeitrum von 1948 bis 2000 gilt. Sie prüften dabei auch einige Voraussagen, die aus der Hypothese, dass das Arbeitsverhalten der Volksvertreter (in verabschiedeten Gesetzen gemessen) einem festen Intervallplan folge, abgeleitet werden können. Unter anderem kann man aus dieser Hypothese ableiten, dass die Rate des Verhaltens desto schneller wieder ansteigt, je größer der Verstärker ist. Auf die Gesetzgebung übertragen heißt das, dass die Rate der verabschiedeten Gesetze um so schneller ansteigt, je länger die vorausgehende Sitzungspause war (was voraussetzt, dass längere Sitzungspausen größere Verstärker sind, da sie den Abgeordneten mehr Zeit in ihrem Wahlkreis und damit mehr Kontakt zum Wahlvolk ermöglichen). Diese und die drei anderen Voraussagen konnten in einer statistischen Analyse der Daten bestätigt werden.Critchfield und seine Kollegen prüften auch einige Alternativhypothesen, so z. B. ob es nicht einfach die Arbeitslast während der Sitzungsperiode sei, die zur hektischen Aktivität gegen Ende der Sitzungsperiode führe oder ob die Gesetze einfach nur so lange Vorbereitung benötigten, um letztendlich gegen Ende der Sitzungsperiode verabschiedet werden zu können. Für diese und einige andere Alternativerklärungen für das treppenförmige Muster der Anzahl der verabschiedeten Gesetze ergaben sich keine Belege. Zum Beispiel fanden Critchfield et al., dass die Menge an Vorbereitung für die Gesetze (gemessen über die Aktivität von Ausschüssen und Unterausschüssen) sogar in negativer Beziehung zum Ausmaß der „Torschlussaktivitäten“ standen, d. h., je mehr während der Sitzungsperiode in den Ausschüssen gearbeitet wurde, desto geringer war die Anzahl der kurz vor Schluss verabschiedeten Gesetze. Es scheint, dass die Volksvertreter ihre Zeit zu Beginn der Sitzungsperioden eher mit anderen als Gesetzgebungsaktivitäten (und deren Vorbereitung) verbrachten, z. B. mit innerparteilicher Profilierung (wofür Critchfield et al. einige Anhaltspunkte fanden).Alles in allem scheint die Annahme, das Verhalten der Abgeordneten unterläge einen fixen Intervallplan mit der Sitzungspause (und den Wahlen) als Verstärker, der Realität recht nahe zu kommen. Allerdings erreicht das Muster, das die Gesetzgebungsaktivitäten zeigen, nicht die Regelmäßigkeit, die wir aus den Laborexperimenten kennen. Wie immer gibt es in der Realität viele verschiedene Kontingenzen, die auf das Verhalten der Abgeordneten einwirken. Auch für einen Volksvertreter gibt es andere Verstärker als die Wiederwahl und andere Verhaltensweisen als die Verabschiedung von Gesetzen.Literatur:

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Weisberg, Paul & Waldrop, Phillip B. (1972). Fixed-interval work habits of Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 5(1), 93-97. DOI: 10.1901/jaba.1972.5-93 PDF 516 KB

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Nochmal der kleine Albert

Powell et al. (2014) gingen der Identität des „Kleinen Albert“ nach. Sie fanden in den Aufzeichnungen des John-Hopkins-Hospitals von 1920 Hinweise auf eine damals 16jährige Pearl Barger, die einen Sohn namens William Albert hatte, der exakt am richtigen Tag geboren war, um als Watson und Rayners (1920) „Little Albert“ gelten zu können. William Albert Martin (die Mutter heiratete nach der Geburt den Vater des Kindes, einen Mr. Martinek, später Martin) starb 2007. Er wurde nach Auskunft seiner Nichte von allen immer nur Albert genannt. Powell et al. (2014) stellen fest, dass Albert Barger und der „kleine Albert“ (so wie Watson und Rayner ihn beschrieben) etliche Gemeinsamkeiten aufweisen:

  • Den Name: Watson und Rayner berichten von einem „Albert B.“. Es war damals nicht üblich, dass Forscher größere Bemühungen unternahmen, die Identität ihrer Versuchspersonen zu verschleiern. Auch Watson benutzte nie Pseudonyme, allenfalls ersetzte er die echten Namen durch Ziffern oder Buchstaben („Versuchsperson 1“ oder „Teilnehmer A“).
  • Seine Mutter war eine Amme (wet nurse), genau wie die Mutter von Little Albert.
  • Sein Geburtsdatum passt perfekt zu den Angaben von Watson und Rayner.
  • Sein Gewicht zu verschiedenen Zeitpunkten (wie es in den erhaltenen medizinischen Aufzeichnungen vermerkt ist) stimmt mit den Angaben von Watson und Rayner und seiner in den Filmaufnahmen eher pummeligen Erscheinung sehr gut überein.
  • In den Zeiträumen, in denen Albert Barger laut der Aufzeichnungen krank war (die damals üblichen Kinderkrankheiten durchlief), fanden laut Watson und Rayner keine Versuche mit dem kleinen Albert statt. Eine Filmaufnahme fand statt, als Albert Barger gerade erkältet war. Auf der Aufnahme vom kleinen Albert ist zu sehen, dass das Kind anscheinend immer wieder mal hustet.
  • Albert Barger war ein ausgesprochen gesundes, gut genährtes und psychisch stabiles Kind, so wie es Watson und Rayner vom kleinen Albert berichten.
  • Das Kind im Film weist einige Ähnlichkeiten zu dem auf, was wir über das Aussehen von Albert Barger wissen. Unter anderem hatten sowohl der kleine Albert als auch Albert Barger angewachsene Ohrläppchen, ein Merkmal, das 20 % bis 35 % der Bevölkerung aufweisen.
  • Das Datum zu dem Albert Barger das John-Hopkins-Hospital verließ, deckt sich exakt mit dem Datum, zu dem Watson und Rayner ihre Experimente beenden mussten, weil der Kleine Albert und seine Mutter das Hospital verließen.

Beck et al. (2009) führten an, dass es sich bei „Albert B.“ um Douglas Merritte handle, ein Kind, das einige Jahre später an den Folgen einer neurologischen Störung verstarb (Fridlund et al., 2012). Die Gemeinsamkeiten von Douglas Merritte und Little Albert sind weniger zahlreich:

  • Auch Douglas‘ Mutter war eine Amme am John-Hopkins-Hospital.
  • Douglas war fast genau am selben Tag geboren wie der kleine Albert (genauer gesagt, einen Tag früher).

Demgegenüber stehen etliche Unterschiede:

  • Der Name.
  • Sein Alter bei der Entlassung aus dem Hospital. Douglas verließ John-Hopkins einige Tage ehe die Versuche mit dem kleinen Albert endeten.
  • Sein extrem geringes Körpergewicht, das im Widerspruch zu den Angeben bei Watson und Rayner und den Filmaufnahmen, die ein eher properes Kind zeigen, steht.
  • Die Ähnlichkeiten zwischen Douglas und dem kleinen Albert der Filmaufnahmen sind eher zufälliger Natur, sie beziehen sich auf Merkmale, die fast jedes Kleinkind aufweist.
  • Seine schwerwiegende Erkrankung. Douglas dürfte kaum in der Lage gewesen sein, das Verhalten zu zeigen, das der kleine Albert im Film zeigt, darunter den Pinzettengriff und das Krabbeln, das fast schon in Laufen übergeht.

Die Analyse des Films durch den bei Fridlund et al. (2012) beteiligten Neurologen ist fehlerbehaftet (vgl. Digdon et al., 2014). Sie sollte vor dem Hintergrund der Studien von Werner et al. (2000) gesehen werden. Werner et al. (2000) hatte Kinderärzten, die auf Entwicklungsverzögerungen spezialisiert waren, Filmaufnahmen von Kindern im Alter von acht bis zehn Monaten gezeigt und darum gebeten, anzugeben, ob das Kind autistisch sei. Die Kinderärzte attestierten 14 von 15 gezeigten autistischen Kindern, dass diese autistisch seien – aber auch 8 von 15 völlig gesunden Kindern.

Watsons Ruf ist verschiedentlich in Zweifel gezogen worden (vgl. auch Malone & García-Penagos, 2014). Ihm zu unterstellen, er habe wissentlich ein schwer behindertes Kind für seine Experimente missbraucht, ist jedoch mehr, als man hinnehmen kann. Watson wurde von seinen Zeitgenossen – von denen einige sonst kein gutes Haar an ihm ließen – nie, zu keinem Zeitpunkt, wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt. Watson hatte die Ergebnisse des Little-Albert-Experiments gelegentlich übertrieben dargestellt. Tatsächlich scheinen die erreichten Konditionierungseffekte deutlich schwächer gewesen zu sein, als Watson es gelegentlich darstellte.

Die wissenschaftliche Fehlleistung liegt bei Beck et al. (2009) und Fridlund et al. (2012). Sie müssen sich vorwerfen lassen, durch schlampige Arbeit den Ruf zweier Wissenschaftler geschädigt zu haben, indem er Watson und Ranyer als rücksichtlose, unethisch handelnde Kinderquäler darstellte.

William Albert Martin hat nie erfahren, dass er höchstwahrscheinlich der kleine Albert war. Seine Erbin und Nichte äußerte, er hätte dies wahrscheinlich sehr faszinierend gefunden. Albert Martin galt als ausgeglichener und umgänglicher Mensch, der über gute soziale Fertigkeiten verfügte. Er arbeitete als Verkäufer und liebte Musik und Literatur, er sang gerne. Seine Nichte berichtete, dass er Hunde und Tiere im Allgemeinen nicht sehr mochte. Von einer Phobie kann allerdings nicht die Rede sein. Wenn er zu Besuch war, musste der Hund in ein anderes Zimmer gesperrt werden. Doch als Kind hat er wohl einen eigenen Hund gehabt. Die Abneigung gegen Hunde scheint eher darauf zurückzuführen sein, dass er als Kind mit ansehen musste, wie sein Hund überfahren wurde.

Von Albert Martin gibt es keine Bilder aus Kleinkindertagen. Bei Powell et al. (2014) sieht man eine Reihe von Fotos, die den Kleinen Albert neben Bildern des erwachsenen Albert Martin zeigen. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man nicht leugnen.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614. DOI: 10.1037/a0017234

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. DOI: 10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327. DOI: 10.1037/a0026720

Malone, John C. & García-Penagos, Andrés. (2014). When a clear strong voice was needed. A retrospective review of Watson’s (1924/1930) Behaviorism. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(2), 267-287. DOI: 10.1002/jeab.98

Powell, Russell A.; Digdon, Nancy; Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert. Albert Barger as “Psychology’s lost boy”. American Psychologist, 69(6), 600-611. DOI: 10.1037/a0036854

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Werner, Emily; Dawson, Geraldine; Osterling, Julie & Dinno, Nuhad. (2000). Brief report. Recognition of autism spectrum disorder before one year of age. A retrospective study based on home videos. Journal of Autism and Developmental Disorders, 30(2), 157-162. DOI: 10.1023/A:1005463707029

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