Monatsarchiv: Mai 2014

Reaktanz bei Beobachtungen und Feedback

Menschen verhalten sich anders, wenn sie beobachtet werden. Doch viel mehr Einfluss auf das Verhalten hat das Feedback darüber.

Robin Codding und Kollegen (2008) gingen der Frage nach, ob sich ihre Versuchspersonen anders verhalten, wenn ein Beobachter zugegen ist als wenn sie allein sind. Bei vielen Untersuchungen ist unklar, ob sich das Verhalten der beteiligten Personen ändert, weil sie z. B. Feedback bekommen oder nur deshalb, weil sie beobachtet werden. Die Forscher untersuchten das Verhalten von drei Sonderschullehrern. Diese sollten einen Plan zur Verhaltensänderung umsetzen, den der zuständige Psychologe entworfen hatte. Das Klassezimmer war ohnehin mit einem anderen Raum verbunden, von dem aus das Geschehen in der Klasse durch einen Einwegspiegel beobachtet werden konnte. Wenn in diesem Raum das Licht an war, konnte die Lehrkraft sehen, dass sich dort ein Beobachter aufhielt. War das Licht aus, konnte man nicht erkennen, ob jemand im Raum war oder nicht. Auf diese Weise war es möglich, die Lehrkräfte wahlweise offen oder verdeckt zu beobachten.

Zunächst wurde das Verhalten aller drei Lehrer über 13 bis 27 Termine hinweg beobachtet. Dabei wurden die Beobachtungen zum Teil offen, zum Teil verdeckt durchgeführt. Die Lehrkräfte hielten sich im Schnitt nur zu 20-30% an den Plan des Psychologen. Anschließend erhielten die Lehrer regelmäßig Feedback bezüglich ihres Verhalten. Nun erfüllten die Lehrer zu 90-100% die Vorgaben des Psychologen. Über die ganze Maßnahme hinweg (während der Basisratenbeobachtung und während der Feedbackphase) unterschied sich das Verhalten der Lehrkräfte, wenn sie offen beobachtet wurden nicht von dem Verhalten, das sie zeigten, wenn sie verdeckt beobachtet wurden. Offenkundig war alleine das Feedback wirksam, nicht aber, ob die Lehrkräfte beobachtet wurden oder nicht.

Literatur

Codding, Robin S.; Livanis, Andrew; Pace, Garry M. & Vaca, Leslie. (2008). Using performance feedback to improve treatment integrity of classwide behavior plans: An investigation of observer reactivity. Journal of Applied Behavior Analysis, 41(3), 417-422. PDF 139 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse

Weiter laufen und schneller und besser schreiben – durch Feedback, Ziele setzen, Verstärkung

Feedback und das Setzen von Zielen haben sich in vielen Bereichen als wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Leistung erwiesen. Dies gilt auch und in besonderem Maß für den Bereich sportlicher Aktivitäten. Wack et al. (2014) konnten fünf jungen Frauen mit Feedback und Zielen dabei helfen, die Länge der Strecken, die sie pro Woche liefen, zu steigern. Die Teilnehmerinnen erhielten von den Forschern ein Gerät, das sie am Körper trugen und das die gelaufene Strecke erfasste. Das Gerät aktivierte sich, sobald die Teilnehmerin schneller als 6,4 km/h lief. Zwei bis vier Wochen lang erfassten die Forscher zunächst die Basisrate der gelaufenen Strecken. Die gelaufenen Strecken lagen in dieser Phase zwischen 0 und 9 Kilometer. Anschließend legten die Teilnehmerinnen mit den Forschern gemeinsam Ziele fest: Ein langfristiges Ziel, nämlich die Strecke, die sie bei einem einzelnen Lauf am Ende der Untersuchung schaffen wollten und ein kurzfristiges Ziel, die Distanz, die sie in der folgenden Woche bei einem einzelnen Lauf zurücklegen wollten (dieses Ziel wurde jede Woche neu festgelegt). Die Teilnehmerinnen sollten mindestens dreimal in der Woche laufen gehen, wobei sie bei zwei der drei Läufe mindestens die zum Ziel gesetzte Distanz laufen sollten. Die Teilnehmerinnen sollten sich jede Woche ein etwas höheres Ziel setzen als in der Woche zuvor. Bei wöchentlichen Treffen wurde den Teilnehmerinnen graphisches und mündlich vermitteltes Feedback gegeben. Bei zwei der fünf Teilnehmerinnen schlug diese Maßnahme sehr gut an, sie konnten ihre Laufleistung innerhalb von 10 Wochen von ursprünglich 0,2 km auf durchschnittlich 3,9 km und von durchschnittlich 9,2 km auf 24,9 km je Woche steigern. Drei Teilnehmerinnen konnten ihre selbstgesetzten Ziele nicht erreichen. Für diese Teilnehmerinnen wurde die Intervention modifiziert. Das kurzfristige Ziel bestand nun darin, in der folgenden Woche eine bestimmte Gesamtstrecke zu laufen, wobei es egal war, welche Strecke sie bei einem einzelnen Lauf zurücklegten. Dieses Ziel sollten die Teilnehmerinnen mindesten zwei Wochen lang erreichen, ehe sie ein neues, höheres Ziel festlegten. Das langfristige Ziel wurde ebenfalls verändert: Statt der Laufstrecke bei einem einzelnen Lauf wurde nun eine angestrebte wöchentliche Laufleistung als Ziel festgelegt. Diese drei Teilnehmerinnen steigerten nun auch innerhalb von weniger als zehn Wochen ihre wöchentliche Laufleistung:

  • Von 0 km während der Basisratenbeobachtung auf 6,1 km nach dem die Intervention modifiziert worden war.
  • Von 8,4 km auf 12,2 km.
  • Von 0 km auf 9,2 km.

Die Teilnehmerinnen füllten am Ende der Untersuchung einen Fragebogen zur sozialen Validität der Maßnahme aus. Alle Teilnehmerinnen gaben, dass ihnen die Maßnahme Spaß gemacht habe, dass sie über die erreichten Erfolge froh seien und dass sie glaubten, dass das Setzen von Zielen für ihre gute Motivation verantwortlich sei. Leider liegen keine Daten zu der Frage vor, ob die Teilnehmerinnen die erreichten Verbesserungen beibehalten konnten. Im Fragebogen hatten alle Frauen angegeben, dass sie weiterhin Laufen gehen wollten.

Auch Fähigkeiten wie das Schreiben können durch das Setzen von Zielen und Feedback gestärkt werden. Hansen und Howard (2014) ließen Jonathan, einen normal entwickelten 10jährigen, drei Minuten lang schreiben und zählten die Anzahl der richtig geschriebenen Wörter. Jonathan erreichte im Schnitt 27,3 Wörter, während seine Klassenkameraden in dieser Zeitspanne 37,8 Wörter schrieben. Im Folgenden wurde Jonathan vor jeder Übung gebeten, sich ein Ziel zu wählen, wie viele Wörter er in drei Minuten schreiben könnte. Das Ziel sollte jeweils höher liegen als der Wert, den er bei der letzten Übung erreicht hatte. Wenn Jonathan das Ziel erreichte, erhielt er eine kleine Belohnung (z. B. einen Stift, eine kleines Spielzeug oder eine Mitteilung an seine Eltern über seine Fortschritte). Durch diese Maßnahme stieg die Zahl der richtig geschriebenen Wörter auf 34 bis 43, zuletzt im Schnitt 39. Diese Übung erwies sich als hilfreich, um Jonathan „Fluency“ beim Schreiben zu vermitteln. Ein Verhalten wie das Schreiben von Wörtern sollte nicht nur prinzipiell, sondern auch leicht („flüssig“) von der Hand gehen, nur dann kann man komplexere Verhaltensformen darauf aufbauen. Die komplexere Verhaltensform war in Jonathans Fall das Schreiben kompletter Sätze. Zu Beginn und während der ersten Übungen konnte Jonathan keinen einzigen kompletten Satz schreiben. Daher fand zweimal ein 15minütiger Unterricht statt, in dem Jonathan vermittelt wurde, wie er komplette Sätze schreiben könne. Dabei wurden ihm Beispiele für komplette und nicht-komplette Sätze gezeigt, er sollte diese voneinander unterscheiden können, seine eigene Groß- und Kleinschreibung korrigieren etc. Anschließend wurde mit Jonathan vereinbart, dass er mehr komplette Sätze als bisher schreiben sollte. Die Zahl der kompletten Sätze, die Jonathan in drei Minuten schreiben konnte, steigert sich allmählich von 0 auf 3 bis 6, im Schnitt zuletzt 3,7. Ohne dass dies gesondert geübt wurde, verringerte sich über den Zeitraum der Untersuchung hinweg kontinuierlich auch die Zahl der Fehler. Nach und nach wurde auch die Häufigkeit, mit der Jonathan beim Erreichen seiner Ziele Belohnungen erhielt, verringert (der Verstärkerplan wurde ausgedünnt), was dazu beiträgt, dass die Verbesserungen auch nach Ende der Maßnahme beibehalten werden können.

Literatur

Hansen, Blake D. & Wills, Howard P. (2014). The effects of goal setting, contingent reward and instruction on writing skills. Journal of Applied Behavior Analysis,47(1), 171-175. PDF 207 KB

Wack, Stephanie R.; Crosland, Kimberly A. & Miltenberger Raymond G. (2014). Using goal setting and feedback to increase weekly running distance. Journal of Applied Behavior Analysis, 47(1), 181-185. PDF 256 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

Der Glaube an den freien Willen – ein Resultat des Wunsches, andere zu bestrafen?

Ob Menschen über einen freien Willen verfügen und wenn ja, wie das funktionieren soll, darüber herrscht unter Philosophen wie Wissenschaftlern Uneinigkeit. Der Glaube an den freien Willen hat aber Konsequenzen für das Verhalten. Wenn wir glauben, dass ein Mensch sich so verhält, wie er sich verhält, weil er seinem freien Willen folgt, bewerten wir seine Handlungen anders, als wenn wir glauben, dass sein Verhalten determiniert ist. Andererseits ist unser Glaube an den freien Willen von den Umständen abhängig. Tendenziell scheint die Überzeugung vom freien Willen wichtiger zu sein, wenn es um moralisch verwerfliche statt moralisch positive bewertete Handlungen geht. Schon Friedrich Nietzsche vermutete, dass es vor allem unser Wunsch sei, andere zu bestrafen, der uns an den freien Willen glauben lässt:

  • Irrthum vom freien Willen. – Wir haben heute kein Mitleid mehr mit dem Begriff „freier Wille“: wir wissen nur zu gut, was er ist – das anrüchigste Theologen-Kunststück, das es giebt, zum Zweck, die Menschheit in ihrem Sinne „verantwortlich“ zu machen, das heisst sie von sich abhängig zu machen… Die Menschen wurden „frei“ gedacht, um gerichtet, um gestraft werden zu können, – um schuldig werden zu können: folglich musste jede Handlung als gewollt, der Ursprung jeder Handlung im Bewusstsein liegend gedacht werden. (Nietzsche, Götzendämmerung)

Für diese Vermutung fanden Clark et al. (2014) in mehreren Studien nun überzeugende Belege.

Zunächst konnte sie feststellen, dass ihre Versuchspersonen stärker von der Existenz des freien Willens überzeugt waren, nachdem sie zuvor über eine unmoralische Handlung (im Gegensatz zu einer neutralen Handlung) nachgedacht hatten. Weiterhin fanden sie, dass dieser Effekt auf die stärkere Motivation, den Täter zu bestrafen, zurückzuführen war. In einem Feldexperiment konnten sie nachweisen, dass Studenten, die Zeugen waren, wie ein Kommilitone offenkundig betrog, stärker an einen freien Willen glaubten, was wiederum auf das Bedürfnis zu bestrafen zurückzuführen war. Versuchspersonen, die zuvor einen Text über das unmoralische Verhalten von Menschen gelesen hatten, fanden Berichte über Forschungen, die kritisch gegenüber der Annahme eines freien Willens waren, weniger überzeugend. Zuletzt untersuchten die Autoren noch, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Häufigkeit von Morden und anderen Verbrechen in einem Land und der Verbreitung des Glaubens an einen freien Willen bei der Bevölkerung dieses Landes. Je mehr Verbrechen es gab, desto verbreiteter war der Glaube an den freien Willen.

Literatur

Clark, Cory J.; Luguri, Jamie B.; Ditto, Peter H.; Knobe, Joshua; Shariff, Azim F. & Baumeister, Roy F. (2014). Free to punish: A motivated account of free will belief. Journal of Personality and Social Psychology, 106(4), 501-513.

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Eingeordnet unter Philosopie, Psychologie

Wieder mal ein Effekt

In der Psychologie kann man sich unter anderem dadurch einen Namen machen, dass man einen neuen Effekt entdeckt. Wie banal der auch immer sein mag.

Hui et al. (2014) kreieren den „Manhattan-Effekt“. Üblicherweise fördert man in einer Beziehung die persönlichen Interessen des Partners. Wenn diese persönlichen Interessen aber so strak werden, dass sie die Partnerschaft bedrohen, lässt die Unterstützung der Interessen des Partners nach und kann sich sogar ins Gegenteil verkehren.

Den Begriff „Manhattan-Effekt“ leiten sie von dem gleichnamigen Film von und mit Woody Allen aus dem Jahr 1979 ab. Der 42-jährige Isaac unterhält eine Beziehung zur 17-jährigen Tracy. Da Isaac die Beziehung als nicht von Dauer ansieht, bestärkt er Tracy darin, sich selbst zu verwirklichen. Erst nachdem sein Versuch, eine Beziehung zur etwa gleichaltrigen Mary (gespielt von Diane Keaton) einzugehen, gescheitert ist, erkennt Isaac, dass ihm die Beziehung zu Tracy doch wichtiger ist, als ursprünglich von ihm angenommen. Doch nun ist es zu spät, denn Tracy bricht – wie ihr von Isaac geraten wurde – zu einem längeren Aufenthalt nach London auf. Isaac meint nun, dass Tracy eigentlich nicht nach London gehen sollte.

Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, ob die Schaffung eines „Manhattan-Effekts“ etwas ist, was die Psychologie auch noch gebraucht hat, ist die Handlung des Films eigentlich, streng betrachtet, kein klassisches Beispiel für einen „Manhattan-Effekt“. Isaacs Sinneswandel resultiert nicht aus der stärkeren Bedrohung der Beziehung durch Tracys Verhalten oder Interessen („as the relationship thread posed by the partner’s interests becomes stronger“, S. 546) sondern aus einer Neubewertung der Beziehung durch Isaac: Seine zweite Option, eine Beziehung zu Mary, fällt weg, daher wird die Beziehung zu Tracy für ihn wichtiger. Geändert hat sich also nicht die Bedrohung, sondern der Wert der Beziehung. Der „Manhattan-Effekt“, ein Mis-Namer?

Literatur

Hui, Chin Ming; Finkel, Eli J.; Fitzsimons, Gráinne M.; Kumashiro, Madoka & Hofmann, Wilhelm. (2014). The Manhattan effect: When relationship commitment fails to promote support for partners’ interests. Journal of Personality and Social Psychology, 106(4), 546-570.

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Eingeordnet unter Kritik, leichte Kost, Psychologie

Es ist nie zu spät für gute Vorsätze

Neujahr ist schon länger her, aber man kann sich auch unterm Jahr etwas vornehmen. Das Problem mit guten Vorsätzen ist nur, dass ihre Halbwertszeit sehr begrenzt ist.

Megan Coatley (2014) hat einige einfache Ratschläge, wie man seine Neujahrsvorsätze umsetzen kann:

  • Setze dir nicht zum Ziel, mit irgendetwas aufzuhören. Wenn möglich, setze dir zum Ziel, eine bestimmte Sache häufiger zu machen. Statt sich vorzunehmen, keine Süßigkeiten mehr zu essen, sollte man sich bspw. besser vornehmen, mindestens dreimal am Tag Obst zu essen oder mindestens 8 Gläser Wasser zu trinken. Es ist leichter, ein Verhalten aufzubauen, als ein Verhalten ersatzlos sein zu lassen. Je mehr man das erwünschte Verhalten zeigt, desto seltener tritt dann automatisch das unerwünschte Verhalten auf (eine Erkenntnis, die sich auch die verhaltensorientierte Arbeitssicherheit, Behavior Based Safety, BBS, zunutze macht).
  • Setze dir spezifische Ziele, z. B. an drei Tagen in der Woche zu trainieren, statt ein unspezifisches Ziel wie das Abnehmen von so und so viel Kilogramm Körpergewicht. Wenn man die vielen kleinen spezifischen Ziele erreicht, erreicht man, ohne es direkt angestrebt zu haben, auch das große Ziel, Gewicht abzunehmen.
  • Nimm dir nicht einfach vor, Mitglied im Fitnessstudio zu werden, sondern plane sinnvoll, was du eigentlich damit erreichen willst. Wähle dann aufgrund deiner Vorlieben und Ziele die Aktivität, die für dich am sinnvollsten ist. Wenn du keine Menschenmengen magst und außerdem eine halbe Stunde Umweg fahren müsstest, um ins Fitnessstudio zu kommen, ist evtl. eine andere Aktivität erfolgversprechender (z. B. Waldläufe, die du von zuhause aus beginnen kannst).
  • Nimm dir nicht etwas aus schlechtem Gewissen heraus vor, z. B. mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, wenn dabei die Dinge leiden, die du für dich tust. Wenn du selbst erholt und mit dir im Reinen bist, bist du auch für deine Umwelt eine Bereicherung.
  • Nimm dir nicht nur vor, sparsamer zu sein, sondern setze dir ein Ziel, z. B. für eine bestimmte Sache zu sparen. Breche deine Spar-Ziele auf kleine Schritte herunter, z. B. einen Betrag, den du jeden Monat auf Seite legst. Belohne dich für das Einhalten deines Spar-Plans, indem du dir (geplant) immer wieder etwas gönnst (z. B. darfst du dir einen Kinobesuch gönnen, wenn du 100 € auf Seite legst und sie am Ende des Monats nicht angegriffen hast).

Alles in allem sollten gute Vorsätze

  • klein und leicht zu erreichen sein.
  • spezifisch und verhaltensbezogen sein.
  • in Hinsicht auf eine Belohnung geplant werden.
  • einer nach dem anderen abgearbeitet werden.
  • immer wieder überprüft und angepasst werden.

Literatur

Coatley, Megan. (2014). The worst New Year’s resolutions you can make start strong by stating with the right goals. The Current Repertoire, 30(1). PDF 224 KB

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Eingeordnet unter leichte Kost, Verhaltensanalyse

Die „Forschungsdatenbank“ des NLP

Aufgrund des großen Interesses noch ein Nachtrag zum Neurolinguistischen Programmieren (NLP). NLP ist eine Pseudowissenschaft. Die Vertreter von Pseudowissenschaften versuchen, den Anschein einer Wissenschaft zu erwecken, ohne diesem gerecht werden zu können. Zum Beispiel, indem sie eine „Forschungsdatenbank“ führen, die den Eindruck erwecken soll, es gebe eine rege Forschungstätigkeit zum NLP. Mit dieser Forschungdatenbank auf der Seite www.nlp.de ist es allerdings nicht weit her. Die wenigsten Einträge der „Forschungsdatenbank“ referieren tatsächlich empirische Forschung. Meist handelt es sich um Artikel, die man wohlwollend als „Diskussionspapiere“ oder „theoretische Beiträge“ bezeichnen kann. Oft sind es lediglich Zeitschriftenbeiträge eher journalistischer Prägung, sehr oft auch nur plumpe NLP-Werbung im Gewand eines Artikels.

Gelegentlich muss man bei den Einträgen der Forschungsdatenbank vermuten, dass gezielt der falsche Eindruck erweckt werden sollte, es handle sich um empirische Arbeiten auf hohem Niveau. So finden sich beispielsweise Einträge zu drei Artikeln über NLP, die eine Joanne Walter und ein Ardeshir Bayat 2003 verfasst haben. Diese sollen, laut Forschungsdatenbank (hier, hier und hier), im „BMJ“ – dem British Medical Journal, einer hochangesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen sein. Die Datenbank gibt sogar die richtige Bandangabe (326) des BMJ für das Jahr 2003 an. Allerdings findet man im „BMJ“ die entsprechende Artikel nicht. Wer weiter recherchiert, entdeckt, dass die Artikel im „Student BMJ“ (2003, Band 11) erschienen sind – einem Ableger des BMJ, der von und für Studierende geschrieben wird. Die Artikel referieren zudem keine Forschungen, es handelt sich noch nicht einmal um theoretische Arbeiten. Es sind lediglich kleine, journalistisch verfasste Einführungen in die bekannten Grundgedanken des NLP, Selbstdarstellungen des NLP, verfasst von jugendlichen Anhängern der Psychotechnik. Wollte der Verwalter der Forschungsdatenbank lediglich das Renommee des „BMJ“ für NLP nutzen? Eine Volltextsuche des gesamten BMJ ergibt jedenfalls keinen Treffer, hinter dem sich eine wissenschaftliche Arbeit zum NLP verbirgt. Warum sollte sich auch das BMJ für NLP interessieren?

Nichts desto trotz brüstete sich Urheber dieser Forschungsdatenbank am 20. März 2009 in der Mailingliste „NLP4all“, es handle sich um eine Sammlung „von über dreihundert mühelos einsehbaren Studien“, von denen ich (CB) wohl nur eine oder zwei kennen dürfte. Das Wort Studie bezeichnet jedoch eine „(empirische) wissenschaftliche Untersuchung“. Das aber trifft nur auf eine Minderheit der Einträge in der „Forschungsdatenbank“ zu. Zudem sind die meisten echten Studien älteren Datums, in der Regel aus den späten siebziger und frühen achtziger Jahren. Über diese Studien hat jedoch schon Sharpley (1987) zusammenfassend geurteilt. 2010 legte Tomasz Witkowski eine umfassende Analyse der „Forschungsdatenbank“ des NLP vor, die zu einem vernichtenden Ergebnis kommt, was deren Wissenschaftlichkeit angeht.

Literatur

Sharpley, Christopher F. (1987). Research findings on neurolinguistic programming: Nonsupportive data or an untestabel theory? Journal of Counseling Psychology, 34(1), 103-107.

Walter, Joanne & Bayat, Ardeshir. (2003a). Neurolinguistic programming: Verbal communication. StudentBMJ, 11(May), 163-164. online

Walter, Joanne & Bayat, Ardeshir. (2003b). Neurolinguistic programming: Temperament and character types. StudentBMJ, 11(June), 204-205. online

Walter, Joanne & Bayat, Ardeshir. (2003c). Neurolinguistic programming: The keys to success. StudentBMJ, 11(July), 252-253. online

Witkowski, Tomasz. (2010). Thirty-Five Years of Research on Neuro-Linguistic Programming. NLP Research Data Base. State of the Art or Pseudoscientific Decoration? Polish Psychological Bulletin,41(2), 58-66. PDF 800 KB

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Eingeordnet unter Kritik, Skepsis

NLP als Pseudowissenschaft

An dieser Stelle wurde schon einmal über das Neurolinguistische Programmieren (NLP) und die daraus abgeleitete Neurolingusitische Psychotherapie (NLPt) bereichtet. Sowohl das NLP als auch die NLPt entbehren einer wissenschaftlichen Grundlegung und eines Nachweises für ihre starken Wirksamkeitsbehauptungen. Dies ist lange bekannt.

Joachim Bliemeister beschäftigte sich schon 1987 mit der empirischen Überprüfung einiger Grundannahmen des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). NLP soll nach Aussagen seiner Entwickler Erstaunliches bewirken:

„Phobien und andere unerfreuliche Gefühlsreaktionen in weniger als einer Stunde … kurieren. … Kindern und Erwachsenen mit „Lernstörungen“ … bei der Überwindung ihrer Begrenzungen … helfen – oft in weniger als einer Stunde… unerwünschte Gewohnheiten in wenigen Stunden … eliminieren, Rauchen, Trinken, Fettsucht, Schlaflosigkeit usw. … viele körperliche Schwirigkeiten in wenigen Sitzungen … kurieren – nicht nur die meisten derjenigen, die als „psychosomatisch“ eingeschätzt werden, sondern auch einige andere“ (Bandler & Grinder, 1981, S. 14).

Die Gründer des NLP behaupten weiter, dass erfahrene NLP-Praktiker diese Behauptungen mit „soliden, sichtbaren Ergebnissen belegen“ könnten, dass NLP andererseits aber „nicht alles“ erreichen könne (ebd.).

Schon hier findet sich ein typisches Argumentationsmuster von NLP-Vertretern: Erst werden in kräftigen Worten „erstaunliche Erfolge“ behauptet, die „solide“ belegt werden könnten, dann aber werden diese Behauptungen wieder so eingeschränkt („eine Menge, aber nicht alles“), dass sie kaum zu widerlegen sind. Diese Immunisierungsstrategien werden, so Bliemeister (1987) durch eine „vage, schwammige und indifferente Diktion“ (S. 397) unterstützt.

Bandler und Grinder (1981) ahnen den ungünstigen Eindruck, den ihre Ausführungen auf kritisch denkende Menschen haben könnten, voraus und versichern dem Leser, „daß die Inkonsistenzen, die plötzlichen Gedankensprünge, die unangekündigten Wechsel in Inhalt, Stimmung und Richtung, die er in diesem Buch aufdecken wird, in ihrem ursprünglichen Kontext ihre eigene zwingende Logik hatten“ (S. 18).

Für den wahrscheinlichen Fall, dass er das den Autoren nicht abkauft, schieben Bandler und Grinder (ebd.) den schwarzen Peter vorsorglich gleich dem Leser zu: „Ist der Leser scharfsinnig genug, diesen Kontext zu rekonstruieren…?“ fragen Sie frech.

Bliemeister kommentiert das: „Aber auch derjenige Leser, der den notwendigen Scharfsinn nicht aufbringt, die im Originalzusammenhang bestehende „zwingende Logik“ des Textes zu „rekonstruieren“, kann sich trösten, wird ihm doch in Aussicht gestellt, daß er zu einem „eher persönlichen, unbewussten Verständnis“ der Ausführungen gelangen kann“ (S. 398). Der zweite Fall ist wahrscheinlicher, denn wer die Ausführungen Bandlers und Grinders durchdringt, erkennt notwenigerweise, dass ihr Geschreibsel reines Wortgeklingel ist, mit wenig Sinn und Substanz.

Die Immunisierung gegen rationale Kritik ist, so Bliemeister (1987), kein Zufallsprodukt, sondern „Ausdruck einer Strategie“ (S. 398). Als Beleg führt er folgendes, berühmt-berüchtigtes Zitat von Bandler und Grinder (1981) an: „Glaubt ihr das? Es ist gelogen. Alles, was wir euch hier erzählen werden, ist gelogen. Alle Generalisierungen sind Lügen“ (S. 35).

Ein weiteres Beispiel: Bandler und Grinder differenzieren zwischen „wahr sein“ und „nützlich sein“. Bliemeister fragt, ob das denn etwa Gegensätze seien. „Kann etwas, was nicht wahr ist, nützlich sein? Kann eine Lüge etwa gut funktionieren, wenn man so tut als sei sie wahr? Oder soll hier etwa durch eine Serie von paradoxen Äußerungen der Verstand des Lesers eingeschläfert werden?“ (S. 399). Bliemeister erkennt die Strategie der „Verwirrungsinduktion“, die aus der Hypnose bekannt ist. Sie verhindert die rationale Auseinandersetzung mit den doch sehr realen Wirksamkeitsbehauptungen des NLP.

Augen

Aus den Augenbewegungen kann man, laut NLP, den Denkstil ableiten

Bliemeister (1988)  versucht, aus den wenig konkreten Angaben Bandlers und Grinders eine übeprüfbare Hypothese zu gewinnen. Die Begründer des NLP (z. B. Dilts, 1978) beziehen sich vage auf die sogenannte LEM-(“lateral eye movement”)-Hypothese (nach Day, Duke und Bakan), welche besagt, dass die Augen einer problemlösenden Person, je nachdem welche Hirn-Hemisphäre gerade aktiviert ist, jeweils in eine bestimmte Richtung blicken. Ehrlichmann und Weinberger (1978) fassen die Ergebnisse der diesbezüglichen Forschung dahingehend zusammen, dass sich keine eindeutigen Zusammenhänge nachweisen ließen.

Bleimeister (1988) folgert: “Die Beziehung zwischen Augenbewegung und Problemlösetyp ist also keinesfalls eine feste, eine Tatsache, die die Glaubwürdigkeit der NLP-Postulate nicht gerade erhöht” (S. 24). Die NLP-Augenbewegungs-Hypothese wird also durch bisherige Untersuchungen nicht gestützt.

Bliemeister (1988) stellt eine Null-Hypothese auf, die er durch seine Untersuchung zu widerlegen versucht. Demnach besteht kein Zusammenhang zwischen den Blickbewegungen einer Person und ihren Erinnerungen, Vorstellungen usw. visueller, akustischer oder kinästhetischer Art und den verwendeten Prozessworten (anhand derer man nach Bandler und Grinder das jeweils vorherrschende primäre Referenzsystem erkennen könne).

Bliemeisters (1988) Ergebnisse sind eindeutig: Kein wie auch immer gearteter Zusammenhang im Sinne der NLP-Hypothesen ließ sich nachweisen. Der Autor verweist abschließend noch auf die Schwierigkeiten, aus den Aussagen von Bandler und Grinder überhaupt testbare Hypothesen zu gewinnen, da die “Annahmen außerordentlich komplex und mit einer großen Anzahl von ´Ausnahmen` versehen” (S. 29) sind.

Literatur

Bandler, Richard & Grinder, John. (1981). Neue Wege der Kurzzeit-Therapie. Neurolinguistische Programme. Paderborn: Jungefermann.

Bliemeister, Joachim. (1987). Empirische Überprüfung von Grundannahmen des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Integrative Therapie, 1987(4), 397-406.

Bliemeister, Joachim. (1988). Empirische Überprüfung zentraler theoretischer Konstrukte des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 17, 21-30.

Dilts, R. (1978). Neuro-Linguistic programming. In R. Dilts (Ed.), Roots of Neuro-Linguistic Programming (Part III). Cupertino: Meta Publications.

Ehrlichman, H. & Weinberger, A. (1978). Lateral eye movements and hemispheric asymmetry: A critical Review. Psychological Bulletin, 85(5), 1080-1101.

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Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, Skepsis, Therapie