Archiv der Kategorie: Psychologie

Das Pollyanna-Prinzip

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale.

Der Begriff Pollyanna-Prinzip geht auf eine Untersuchung von Matlin und Stang aus dem Jahr 1978 zurück. Der Begriff leitet sich ab von einer Figur in einem Buch von Eleanor Porter. Pollyanna wollte immer nur die positiven Seiten von Ereignissen sehen, erinnerte sich immer nur an glückliche Ereignisse und hielt die Welt für einen Platz, der gut ist. Mit dem Pollyanna Prinzip zu tun hat der Umstand, dass es in jeder Sprache der Welt mehr positive Begriffe (Adjektive) gibt als negative, wertende Begriffe.

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale. Zudem tendieren wir dazu, eine Vielzahl an Personen, Ereignissen, Situationen und Objekten positiv einzuschätzen. Versuchspersonen behaupten sogar von destilliertem Wasser, dass es angenehm schmeckt.

Das Pollyanna-Prinzip ist mit dem Lake-Wobegon-Effekt verwandt. Dieser Begriff geht wiederum auf eine Fernsehserie zurück, die in dem gleichnamigen, fiktiven Ort spielte. Dort waren alle Männer gutaussehend, alle Frauen stark und alle Kinder über dem Durchschnitt (tatsächlich in dieser Kombination). Der Lake-Wobegon-Effekt besagt, dass die meisten Menschen sich als überdurchschnittlich einschätzen. Logischerweise kann das nicht sein, da per Definition nur 50 % der Bevölkerung überdurchschnittlich sein können. Zum Beispiel glauben 89 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittlich geschickt darin sind, mit anderen auszukommen. Andererseits schätzen nur 38 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittliche technische Fähigkeiten haben. Da es sich bei den Versuchspersonen vermutlich um Psychologie Studenten handelt, überrascht es nicht, dass sie technische Fähigkeiten als nicht so erstrebenswert ansehen, sodass sie sich dort auch nicht überschätzen wollen. Man kann diesen Versuch auch gut in einer Vorlesung demonstrieren. Man frage die Studenten zum Beispiel nach ihrer Selbsteinschätzung bezüglich mehrerer erwünschter Eigenschaften. Die Studenten sollen sich mit dem durchschnittlichen Studenten in dieser Vorlesung vergleichen. Man wird finden, dass die Mehrzahl der Studenten sich bezüglich der erwünschten Eigenschaften als überdurchschnittlich einschätzt.

Eine Auswirkung des Pollyanna-Prinzips ist der Umstand, dass Menschen sich lieber mit angenehmen Dingen umgeben. Dabei ergibt sich eine Querverbindung zum Bekanntheitseffekt. Menschen erkennen angenehme oder neutrale Reize schneller als unangenehme oder furchteinflößende. Angenehme Reize werden als größer eingeschätzt als unangenehme. Gute Nachrichten werden besser verbreitet als unangenehme. Angenehme Wörter kommen in der englischen Sprache (und sicher auch in der deutschen) häufiger vor. Bei sprachlichen Gegensatzpaaren stellt der angenehme Teil meistens die Grundform dar (vergleiche „angenehm“ und „unangenehm“).

Auch bei der Erinnerung wirkt sich das Pollyanna-Prinzip aus. Wir erinnern uns leichter an angenehme Ereignisse und vergessen tendenziell die unangenehmen. Wir erinnern uns auch leichter an Lob als an Kritik. Dies gilt vor allem für Menschen, die nicht depressiv sind und deren Selbstwertgefühl normal entwickelt ist. Menschen die unglücklich sind oder ein schwaches Selbstwertgefühl haben, verletzen das Pollyanna-Prinzip. Das Pollyanna-Prinzip wird bei der Erinnerung oft vom Einfluss der Intensität überlagert. Unangenehme, intensive Erlebnisse werden natürlich eher erinnert als angenehme, aber weniger intensive Erlebnisse. An positives Feedback erinnern wir uns leichter als ein negatives Feedback. Diesen Umstand macht sich auch der Barnumeffekt zu Nutze. Mit der Zeit werden unsere Erinnerungen in der Tat positiver. Dies hat zweifelsohne damit zu tun, dass wir uns mit angenehmen Erinnerungen häufiger beschäftigen als mit unangenehmen. Wir erinnern uns leichter an Ereignisse, an die wir uns häufig erinnern. Ganz allgemein erinnern sich Menschen aber leichter an Ereignisse, die ihrer gegenwärtigen Stimmung entsprechen. In einer schlechten Stimmung erinnern wir uns leichter an unangenehme Ereignisse, in einer positiven Stimmung erinnern wir uns leichter an angenehme Ereignisse.

Das Pollyanna-Prinzip tritt nicht in Erscheinung, wenn Menschen ihre Fähigkeit einschätzen sollen, eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, insbesondere dann, wenn sie diese schwierige Aufgabe anschließend tatsächlich ausführen sollen. Das Risiko, später, bei der Ausführung der Aufgabe, bloßgestellt zu werden, dämpft anscheinend den Effekt des Pollyanna-Prinzips.

Literatur

Matlin, Margaret W. (2004). Pollyana Principle. In R. F. Pohl (Ed.), Cognitive Illusions. A Handbook on Fallacies and Biases in Thinking, Judgement and Memory (pp. 255-271). Hove and New York: Psychology Press.

Matlin, M. W. & Stang, D. J. (1978). The Pollyanna principle. Cambridge, MA: Schenkman.

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Warum interessieren uns schlechte Nachrichten?

Kurze Antwort: Weil sie besseren Nachrichten vorausgehen.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Verhalten“ nicht nur offenes Verhalten wie das Gehen oder Sprechen, sondern auch verdecktes Verhalten wie das Denken und Fühlen und sogenanntes subtiles Verhalten wie das Beobachten. „Sehen“ ist nach Skinner ein Verhalten. Wenn aber das Beobachten ein Verhalten ist, dann fragt sich, warum es auftritt und beibehalten wird. Nach verhaltensanalytischer Auffassung wird kein Verhalten aufrechterhalten, das nicht wenigstens ab und an verstärkt wird. Was also erhält das Beobachten aufrecht? Anders formuliert: Was hat das Individuum davon, wenn es beobachtet?

Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten und entsprechende, daraus abgeleitete Hypothesen. Die Hypothese der konditionierten Verstärkung geht davon aus, dass das Beobachten wenigstens ab und an verstärkt wird, sodass es beibehalten wird. Die Objekte (Stimuli), die das Individuum beobachtet, sind demnach konditionierte Verstärker. Ein konditionierter Verstärker ist etwas anderes als ein primärer Verstärker. Ein primärer Verstärker ist ein Ereignis (z. B. die Gabe von Futter, eine angemessene Raumtemperatur oder Zugang zu einem Sexualpartner), das, ohne dass das Individuum das gelernt hat, ein Verhalten verstärken kann (dazu führt, dass das Verhalten, dem es folgt, häufiger auftritt). Konditionierte Verstärker sind Ereignisse, die – vereinfacht ausgedrückt – mit primären Verstärkern gemeinsam auftreten. Durch diese „Kontiguität“ werden auch ursprünglich bedeutungslose Ereignisse zu Verstärkern – konditionierten Verstärkern.

Eine andere Antwort auf die oben gestellte Frage gibt die „Informationshypothese“. Demnach sind die Stimuli, die beobachtet werden, keine konditionierten Verstärker, sondern Hinweise, die dem Individuum Aufschluss darüber geben, ob der Zugang zu einem Verstärker möglich ist oder nicht. Das Individuum beobachtet nicht, weil dieses Verhalten durch eine damit in Verbindung stehende Konsequenz verstärkt wird, sondern weil die Reduktion von Unsicherheit der Zweck dieses Verhalten ist.

Diese beiden Hypothesen haben unterschiedliche Konsequenzen. Wenn die Stimuli, die das Individuum beobachtet, konditionierte Verstärker sind, dann sollten Beobachter gute Nachrichten (die mit Verstärkung in Verbindung stehen) und neutrale Nachrichten (die in keiner Beziehung zu Verstärkung stehen) schlechten Nachrichten (die mit Verstärkung negativ korrelieren) vorziehen. Vereinfacht ausgedrückt sollte man lieber gute und neutrale Nachrichten hören wollen, weil diese angenehmer sind als schlechte Nachrichten. Die Informationshypothese dagegen sagt voraus, dass es diesen Unterschied nicht gibt.

Im Alltag kann man diese Hypothesen so natürlich nicht testen. Bekanntlich hören Menschen voller Interesse auch (und besonders) die schlechten Nachrichten, wie etwa Katastrophenmeldungen und Klatsch über den ehelichen Zwist von Freunden. Doch auch diese schlechten Nachrichten sind mit Verstärkung verbunden, denn man kann sie z. B. weitererzählen und damit Aufmerksamkeit erlangen. Klärung kann also nur ein Laborexperiment schaffen.

Der kritische Test muss folgende Frage beantworten: Wirken schlechte Nachrichten (also Stimuli, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen) als Verstärker oder nicht? Man kann diese Frage im Laborexperiment mit Ratten oder Tauben klären. Dabei stellt man regelmäßig fest, dass sich die Versuchstiere lieber den neutralen Reizen (die in keiner Beziehung zu einer möglichen Verstärkung stehen) und den guten Nachrichten (Reizen, die eine mögliche Verstärkung ankündigen) zuwenden als den schlechten Nachrichten (Reizen, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen). Schlechte Nachrichten wirken also nicht als Verstärker.

Gegen diese Experimente wird nun eingewendet, dass sie nicht auf Menschen übertragbar sind. Menschen haben eventuell ein besonderes Bedürfnis nach der Reduktion von Ungewissheit, welches sie auch für schlechte Nachrichten empfänglich macht. Die Gestaltung der Versuchsbedingungen ist bei Menschen etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Doch auch hier zeigte sich, dass gute und neutrale Neuigkeiten den schlechten Neuigkeiten vorgezogen werden.

Lieberman und Kollegen (1997) wenden ein, dass dieses Ergebnis womöglich auf eine Art Aberglaube bei den Versuchspersonen zurückzuführen ist. Die neutralen Informationen stehen in keiner funktionalen Beziehung zu einer anschließenden Verstärkung. Dies bedeutet, dass dennoch ab und an zufälligerweise Verstärkung folgt, nachdem die Versuchsperson sich der neutralen Information zugewendet hat. Dies könnte, ähnlich wie bei Skinners (1948) Experiment mit den abergläubischen Tauben, dazu führen, dass sich die Versuchspersonen öfter den neutralen Informationen zuwenden, auch wenn dieses Sich-Zuwenden (Beobachten) nicht in einer funktionalen Beziehung zum Eintreten der Verstärkung steht. Tatsächlich glaubte jedoch keine Versuchsperson, dass ihre Wahl, welche Information sie sehen möchte, einen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte.

Lieberman und Kollegen (1997) führten daher Versuche durch, bei denen sie den Einfluss dieses vermuteten Aberglaubens möglichst ausschließen wollten. Insbesondere wurden die Versuchspersonen darauf hingewiesen, dass die Wahl, welche Information sie sehen wollten, keinen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte. Nun zeigte sich, dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem Beobachten guter, neutraler oder schlechter Neuigkeiten gab.

Allerdings berücksichtigten Lieberman und Kollegen (1997) nicht, dass gute und schlechte Neuigkeiten nicht immer und in jedem Fall Verstärkung (oder die Abwesenheit von Verstärkung) ankündigen. Die Wahrscheinlichkeit, mit der diese Neuigkeiten Verstärkung ankündigen, ist entscheidend. Fantino und Silberberg (2010) führten daher eine Reihe von Experimenten durch, die diesen Einfluss der intermittierenden Verstärkung berücksichtigten.

Unter der Bedingung der kontinuierlichen Verstärkung zeigte sich, dass die Versuchspersonen sowohl gute Neuigkeiten als auch keine Neuigkeiten schlechten Neuigkeiten vorzogen. Schlechte Neuigkeiten wurden nur dann gewählt, wenn daraufhin regelmäßig ein Hinweis kam, dass gute Neuigkeiten gewählt werden können (wenn also die schlechten Nachrichten gute Nachrichten zuverlässig ankündigten). Wenn das nicht regelmäßig der Fall war, dann waren die Ergebnisse uneinheitlich.

Alles in allem bestätigen die Ergebnisse von Fantino und Silberberg (2010) die Hypothese der konditionierten Verstärkung auch für menschliche Versuchspersonen. Das heißt: Wir beobachten, weil das Beobachten dazu führt, dass unser Verhalten verstärkt wird, nicht, weil wir damit ein Bedürfnis nach Unbestimmtheitsreduktion befriedigen. Tatsächlich passt zu diesen Ergebnissen aber auch die schwache Variante der „Informationshypothese“ von Lieberman et al. Demnach werden (insbesondere schlechte) Neuigkeiten nur dann beobachtet, wenn sie „nützlich“ sind. Diese Variante ist jedoch in ihren Konsequenzen praktisch gar nicht mehr von der Hypothese der konditionierten Verstärkung unterscheidbar. Sie ist lediglich eine andere (mentalistische) Formulierung derselben Zusammenhänge.

Literatur

Fantino, E., & Silberberg, A. (2010). Revisiting the role of bad news in maintaining human observing behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(2), 157-170. doi:10.1901/jeab.2010.93-157

Lieberman, D. A.; Cathro, J. S.; Nichol, K. & Watson, E. (1997). The role of S- in human observing behavior. Bad news is sometimes better than no news. Learning and Motivation, 28, 20-42.

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Sich abzulenken, wenn das Baby schreit, hilft manchmal

Eltern, deren Neugeborenes schreit, tun alles Mögliche, um das Kind zu trösten und zu beruhigen. Was aber, wenn das Kind sich nicht trösten lässt und trotzdem weiter schreit? Dies kann zu einem größeren Problem werden, insbesondere dann, wenn die Eltern keinen angemessenen Umgang mit den fortgesetzten Schreien finden können. Nach einer Studie von Krugman (1983) stellt fortgesetztes, untröstliches Schreien den häufigsten Anlass für Kindesmisshandlungen bei Neugeborenen dar. Es gibt zahlreiche Programme, die Eltern dabei helfen sollen, ihr schreiende Kind zu trösten und auf ein fortgesetzt schreiendes Kind angemessen zu reagieren. Wenn Kinder schreien, obwohl die Eltern alles getan haben, um die Bedürfnisse des Neugeborenen zu befriedigen, fühlen sich die Eltern oft frustriert oder wütend. Man rät Eltern in dieser Situation gelegentlich, das Kind an einem sicheren Ort zu belassen, weg zu gehen und sich abzulenken, etwa dadurch, dass man ein weiches Objekt (zum Beispiel einen sogenannten Stressball) drückt. Diese Empfehlung gilt jedoch nur, sofern das Schreien trotz ernsthafter Bemühungen, die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen oder das Kind zu trösten, anhält.

Glodowski und Thompson (2016) untersuchten, ob Studierende, die dem per Tonband abgespielten Schreien eines Babys ausgesetzt waren, dieses Schreien länger aushielten, wenn sie einer ablenkenden Aktivität nachgingen. Die Forscher wählten aus 37 Studenten sechs aus, die in einem Vortest das Schreien eines Babys nicht länger als 10 Minuten aushielten. Im eigentlichen Versuch wurden die Versuchspersonen in einen Raum gebracht, der mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Laptop ausgerüstet war. Auf dem Laptopmonitor sah man einen Startknopf, den die Versuchsperson anklicken konnte, das Bild eines schreienden Kindes und einen schwarzen Knopf. Sobald die Versuchsperson den Startknopf drückte, wurde eine Aufnahme eines Kinderschreiens mit einer Lautstärke von 80 dB abgespielt. Die Versuchsperson wurde aufgefordert, das Schreien so lange wie möglich zu ertragen. Über mehrere, maximal zehn Durchgänge wurde gemessen, wie lange die Versuchsperson das Schreien aushielt, bevor sie den schwarzen Knopf klickte, der das Schreien beendete. Nach spätestens 10 Minuten endete das Schreien. Die Versuchsperson musste aber auf jeden Fall 10 Minuten lang im Untersuchungsraum verbleiben, auch dann, wenn sie schon deutlich früher das Schreien beendet hatte. Unter der Kontrollbedingung konnte die Versuchsperson keinerlei ablenkenden Tätigkeiten nachgehen. Mobiltelefone und andere persönliche Gegenstände mussten zuvor abgegeben werden. In der Experimentalbedingung fand die Versuchsperson auf dem Tisch zusätzlich zum Laptop noch einen sogenannten Stressball, ein Kreuzworträtsel mit Stift, ein Sudoku-Spiel und ein Smartphone mit verschiedenen Spielen vor. Der Versuchsperson wurde nahegelegt, sich mittels dieser Gegenstände von den Schreien abzulenken. Die abhängige Variable war die Latenzzeit, bis die Versuchsperson durch das Drücken des schwarzen Knopfes das Kinderschreien beendete. Wie häufig und wie lange die Versuchsperson in der Experimentalbedingung einer ablenkenden Tätigkeit nachging, wurde durch unabhängige Beobachter erfasst. Drei der sechs Versuchspersonen hielten das Schreien des Kindes deutlich länger aus, wenn sie einer ablenkenden Aktivität nachgingen. Diese drei Versuchspersonen gingen den ablenkenden Aktivitäten deutlich länger nach als die anderen drei Versuchspersonen. Eine der drei anderen Versuchspersonen tolerierte weder in der Experimental- noch in der Kontrollbedingung das Schreien des Kindes auch nur für 1 Minute. Die Autorinnen empfehlen, diese Studie mit Eltern kleiner Kinder zu wiederholen, nach Möglichkeit unter eher typischen, ökologisch validen Bedingungen.

Glodowski, K. & Thompson, R. (2016). Do distracting activities increase tolerance for an infant cry? Journal of Applied Behavior Analysis, 50(1), 159-164.
Krugman, R. D. (1983). Fatal child abuse: analysis of 24 cases. Pediatrician, 12(1), 68-72.

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Knapp daneben ist nicht für alle Menschen auch vorbei – Der Near-Miss-Effect

Verschiedene Studien zeigen, dass 1 % bis 3 % der Bevölkerung die Kriterien für eine Spielsucht erfüllen (Petry, 2005). Weitere Studien zeigen, dass das problematische Spielverhalten sich bereits im Alter von neun bis zehn Jahren abzeichnet (Jacobs, 2000). Bei der Untersuchung des Verhaltens von Menschen mit Spielsucht zeigt sich, dass die Reize und die Veränderungen der Reizsituation, die zusammen mit dem Gewinnen beim Spielen auftreten, zu sekundären oder konditionierten Verstärkern werden können. Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wieder gespielt wird (Foxall & Sigurdsson, 2012). Hinzu kommt der Umstand, dass diese Reize auch auf andere Situationen generalisieren. Situationen, die der Situation beim Gewinnen nur ähneln, können Verstärkerqualitäten annehmen. Dies ist aus verhaltenstheoretischer Sicht der Hintergrund des Near-Miss-Effects (etwa: „Knapp-Daneben-Effekt“). Von der kognitiven Psychologie wird dieser Effekt als ein Denkfehler interpretiert, der auf dem Glauben beruht, dass Spielergebnisse, die optisch nahe an einem Gewinn liegen, andeuten, dass bald ein Gewinn kommen wird (Reid, 1986). Bei Menschen mit Spielsucht scheint dieser Effekt stärker ausgeprägt zu sein als bei Menschen, die kein problematisches Spielverhalten zeigen. Neuropsychologische Untersuchungen konnten zeigen, dass die Gehirnaktivität von Spielsüchtigen beim knappen Verfehlen eines Gewinns der Gehirnaktivität beim Gewinnen gleicht (Habib & Dixon, 2010).

Aus therapeutischer Sicht ist der Near-Miss-Effect problematisch, da er dazu beiträgt, das problematische Spielverhalten aufrecht zu erhalten. Zlomke und Dixon (2006) zeigten, dass man diesen Effekt dadurch abmildern kann, dass man die Farbe der beim Spiel verwendeten Symbole verändert und indem die Spieler ein Diskriminationstraining durchlaufen, bei dem sie lernen, die Beinahe-Gewinne und die Gewinne besser zu unterscheiden.

Dixon, Nastally, Jackson und Habib (2009) setzten diese Bemühungen fort. Zehn von 16 Versuchspersonen lernten durch ein Diskriminationstraining den Near-Miss-Effect zu unterdrücken. Dabei nutzten Dixon et al. (2009) ein sprachgestütztes Training, in dem die Probanden lernten, die richtigen sprachlichen Zuordnungen zu Gewinnen und Verlusten vorzunehmen und dass ein Beinahe-Treffer eben ein Verlust und kein Gewinn ist. Die Studie stützt die Annahme, dass der Near-Miss-Effect keine Persönlichkeitseigenschaft des Spielers ist, sondern eine sprachliche Zuordnung, die bei vielen Menschen relativ leicht geändert werden kann.

Dixon, Whiting und King (2016) konnten nachweisen, dass der Near-Miss-Effect bereits bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren auftritt. Die Versuchspersonen spielten an einem Automaten, der ohnehin in einer Spielhalle für Kinder stand. Die Kinder sollten angeben, „wie sehr“ ihr Spielergebnis ein Gewinn oder ein Verlust war. Spielergebnisse, die dem Spielergebnis bei einem Gewinn ähnelten (wenn z. B. der Ball in diesem Spiel knapp links oder rechts neben dem Ziel landete), bewerteten die Kinder subjektiv als signifikant einem Gewinn ähnlicher als ein Spielergebnis, das dem Spielergebnis bei einem Gewinn unähnlich war.

Das Ergebnis dieser Studie belegt das Vorhandensein eines Near-Miss-Effects bereits in der Kindheit. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die Prävention von Spielsucht bereits frühzeitig ansetzen sollte. Trainings wie das von Dixon et al. (2009) bieten sich hier an.

Literatur

Dixon, M. R.; Nastally, B. L.; Jackson, J. E. & Habib, R. (2009). Altering the near-miss effect in slot machine gamblers. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 913-918.

Dixon, M. R.; Whiting, S. W. & King, A. M. (2016). An Examination of the Near Miss in Gambling-Like Behavior of Children. The Psychological REcord, 66(1), 99-107.

Foxall, G. R. & Sigurdsson, V. (2012). When loss rewards: The near-miss effect in slot machine gambling. Analysis of Gambling Behavior, 6(1), 5-22.

Habib, R. & Dixon, M. R. (2010). Neurobehavioral Evidence for the “Near-Miss” Effect in Pathological Gamblers. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(3), 313-328.

Jacobs, D. F. (2000). Juvenile Gambling in North America: An Analysis of Long Term Trends and Future Prospects. Journal of Gambling Studies, 16(2), 119-152.

Petry, N. M. (2005). Pathological gambling : Etiology, comorbidity, and treatment (1st). Washington, DC: American Psychological Association.

Reid, R. L. (1986). The psychology of the near miss. Journal of gambling behavior, 2(1), 32-39.

Zlomke, K. R. & Dixon, M. R. (2006). Modification of Slot-Machine Preferences through the Use of a Conditional Discrimination Paradigm. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(3), 351-361.

 

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Wie man Vorurteile wirksam abbaut

Eine Studie in Science zeigt, dass man Vorurteile abbauen kann, indem man die betroffene Person bittet, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen sie diskriminiert wurde.

Zur Frage, wie man Einstellungen und insbesondere Vorurteile verändern kann, gibt es Hunderte von Studien. Bei der Mehrzahl dieser Studien (60 %) handelt es sich jedoch nicht um Experimente, sodass auch kaum Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkung von Interventionen gezogen werden können (Paluck, 2016). Bei 29 % der Studien handelt es sich um Laborexperimente (zum Beispiel mit Psychologiestudenten), deren Ergebnisse wenig über die Möglichkeiten, wie man in der Realität die Einstellungen von Wählern und anderen Personen verändern kann, aussagen. Die restlichen 11 % der Studien sind Feldexperimente, wobei jedoch nur in einem Prozent der Studien tatsächlich getestet wurde, ob die Einstellungen von erwachsenen Personen durch bestimmte Maßnahmen (wie zum Beispiel Werbekampagnen) tatsächlich verändert werden können. Aus den vorliegenden Studien kann man allerdings bereits ableiten, dass Einstellungen sich dann ändern, wenn Personen aus dem Bekanntenkreis die einstellungsändernden Informationen übermitteln, wenn sich die Person persönlich durch das Thema angesprochen fühlt u. a. m.

Broockman und Kalla (2016) berichten über ein randomisiertes und kontrolliertes Feldexperiment, in dem die Einstellung von Wählern im US-Bundesstaat Florida gegenüber Transsexuellen längerfristig (über drei Monate) verändert werden konnten. Stimmenwerber, die sich selbst gegenüber den befragten Personen als transsexuell oder nicht transsexuell bezeichneten, suchten persönlich 501 Haushalte auf, die zuvor an einer Onlinebefragung zu verschiedenen Themen teilgenommen hatten. In einem Teil der Haushalte (der Kontrollgruppe) wurde über den Umweltschutz gesprochen. In den anderen Haushalten sprach der Stimmenwerber zunächst das Thema Transsexualität an und bat die befragte Person dann, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie selbst von anderen Menschen schlecht angesehen wurden, weil sie anders waren als diese Menschen (analoger Perspektivenwechsel). Die ganze Befragung dauerte nicht länger als 10 Minuten. Die Intervention hatte aber einen signifikanten, dauerhaften Einfluss auf die Einstellung der befragten Personen gegenüber Transsexuellen sowie deren Bereitschaft, für ein Gesetz zu stimmen, dass die Rechte von Transsexuellen stärken soll. In Nachbefragungen, an denen die Haushalte via Internet teilnahmen, hielt diese Veränderung auch noch drei Wochen, sechs Wochen und drei Monate später an. In der Kontrollgruppe zeigten sich keine vergleichbaren Veränderungen. Die Veränderung in den Einstellungen war bedeutsam; sie entspricht im Ausmaß der Veränderung in den Einstellungen amerikanischer Bürger gegenüber Homosexuellen im Zeitraum von 1989 bis 2012. Interessanterweise hatte der Umstand, dass ein Teil der Stimmenwerber sich selbst als transsexuell offenbarte, keinen zusätzlichen Einfluss auf die Einstellungsänderung der Befragten. In der Einstellungsforschung geht man oft davon aus, dass der Kontakt zu den Angehörigen einer Minderheit die Vorurteile gegenüber dieser Minderheit verringere. Als deutlich wirksamer erwies sich jedoch die Methode des analogen Perspektivenwechsels, also die Aufforderung, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen man diskriminiert wurde. Die Intervention wurde von Mitarbeitern und Unterstützern einer amerikanischen Organisation, die sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen einsetzt, entworfen. Diese führten auch die Befragungen vor Ort durch. Ob es sich um einen erfahrenen Stimmenwerber oder einen Neuling handelte, hatte keinen systematischen Einfluss auf den Erfolg der Intervention.

Literatur

Broockman, D. & Kalla, J. (2016). Durably reducing transphobia: A field experiment on door-to-door canvassing. Science, 352(6282), 220-224.

Paluck, E. L. (2016). How to overcome prejudice. Science, 352(6282), 147-147.

 

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Einführung in die Verhaltensanalyse

Mein neues Buch „Einführung in die Verhaltensanalyse (behavior analysis)“ ist erschienen. Mehr dazu hier. Für alle, die sich für die Inhalte dieses Blogs interessieren, sicher eine lohnende Lektüre. Ich habe mich um eine knappe und leicht verständliche Einführung in die Grundlagen der experimentellen und angewandten Verhaltensanalyse bemüht.

Christoph Bördlein: Einführung in die Verhaltensanalyse

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Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

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