Archiv der Kategorie: Psychologie

Knapp daneben ist nicht für alle Menschen auch vorbei – Der Near-Miss-Effect

Verschiedene Studien zeigen, dass 1 % bis 3 % der Bevölkerung die Kriterien für eine Spielsucht erfüllen (Petry, 2005). Weitere Studien zeigen, dass das problematische Spielverhalten sich bereits im Alter von neun bis zehn Jahren abzeichnet (Jacobs, 2000). Bei der Untersuchung des Verhaltens von Menschen mit Spielsucht zeigt sich, dass die Reize und die Veränderungen der Reizsituation, die zusammen mit dem Gewinnen beim Spielen auftreten, zu sekundären oder konditionierten Verstärkern werden können. Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wieder gespielt wird (Foxall & Sigurdsson, 2012). Hinzu kommt der Umstand, dass diese Reize auch auf andere Situationen generalisieren. Situationen, die der Situation beim Gewinnen nur ähneln, können Verstärkerqualitäten annehmen. Dies ist aus verhaltenstheoretischer Sicht der Hintergrund des Near-Miss-Effects (etwa: „Knapp-Daneben-Effekt“). Von der kognitiven Psychologie wird dieser Effekt als ein Denkfehler interpretiert, der auf dem Glauben beruht, dass Spielergebnisse, die optisch nahe an einem Gewinn liegen, andeuten, dass bald ein Gewinn kommen wird (Reid, 1986). Bei Menschen mit Spielsucht scheint dieser Effekt stärker ausgeprägt zu sein als bei Menschen, die kein problematisches Spielverhalten zeigen. Neuropsychologische Untersuchungen konnten zeigen, dass die Gehirnaktivität von Spielsüchtigen beim knappen Verfehlen eines Gewinns der Gehirnaktivität beim Gewinnen gleicht (Habib & Dixon, 2010).

Aus therapeutischer Sicht ist der Near-Miss-Effect problematisch, da er dazu beiträgt, das problematische Spielverhalten aufrecht zu erhalten. Zlomke und Dixon (2006) zeigten, dass man diesen Effekt dadurch abmildern kann, dass man die Farbe der beim Spiel verwendeten Symbole verändert und indem die Spieler ein Diskriminationstraining durchlaufen, bei dem sie lernen, die Beinahe-Gewinne und die Gewinne besser zu unterscheiden.

Dixon, Nastally, Jackson und Habib (2009) setzten diese Bemühungen fort. Zehn von 16 Versuchspersonen lernten durch ein Diskriminationstraining den Near-Miss-Effect zu unterdrücken. Dabei nutzten Dixon et al. (2009) ein sprachgestütztes Training, in dem die Probanden lernten, die richtigen sprachlichen Zuordnungen zu Gewinnen und Verlusten vorzunehmen und dass ein Beinahe-Treffer eben ein Verlust und kein Gewinn ist. Die Studie stützt die Annahme, dass der Near-Miss-Effect keine Persönlichkeitseigenschaft des Spielers ist, sondern eine sprachliche Zuordnung, die bei vielen Menschen relativ leicht geändert werden kann.

Dixon, Whiting und King (2016) konnten nachweisen, dass der Near-Miss-Effect bereits bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren auftritt. Die Versuchspersonen spielten an einem Automaten, der ohnehin in einer Spielhalle für Kinder stand. Die Kinder sollten angeben, „wie sehr“ ihr Spielergebnis ein Gewinn oder ein Verlust war. Spielergebnisse, die dem Spielergebnis bei einem Gewinn ähnelten (wenn z. B. der Ball in diesem Spiel knapp links oder rechts neben dem Ziel landete), bewerteten die Kinder subjektiv als signifikant einem Gewinn ähnlicher als ein Spielergebnis, das dem Spielergebnis bei einem Gewinn unähnlich war.

Das Ergebnis dieser Studie belegt das Vorhandensein eines Near-Miss-Effects bereits in der Kindheit. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die Prävention von Spielsucht bereits frühzeitig ansetzen sollte. Trainings wie das von Dixon et al. (2009) bieten sich hier an.

Literatur

Dixon, M. R.; Nastally, B. L.; Jackson, J. E. & Habib, R. (2009). Altering the near-miss effect in slot machine gamblers. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 913-918.

Dixon, M. R.; Whiting, S. W. & King, A. M. (2016). An Examination of the Near Miss in Gambling-Like Behavior of Children. The Psychological REcord, 66(1), 99-107.

Foxall, G. R. & Sigurdsson, V. (2012). When loss rewards: The near-miss effect in slot machine gambling. Analysis of Gambling Behavior, 6(1), 5-22.

Habib, R. & Dixon, M. R. (2010). Neurobehavioral Evidence for the “Near-Miss” Effect in Pathological Gamblers. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(3), 313-328.

Jacobs, D. F. (2000). Juvenile Gambling in North America: An Analysis of Long Term Trends and Future Prospects. Journal of Gambling Studies, 16(2), 119-152.

Petry, N. M. (2005). Pathological gambling : Etiology, comorbidity, and treatment (1st). Washington, DC: American Psychological Association.

Reid, R. L. (1986). The psychology of the near miss. Journal of gambling behavior, 2(1), 32-39.

Zlomke, K. R. & Dixon, M. R. (2006). Modification of Slot-Machine Preferences through the Use of a Conditional Discrimination Paradigm. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(3), 351-361.

 

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologie, Stimuluskontrolle, Therapie, Verhaltensanalyse

Wie man Vorurteile wirksam abbaut

Eine Studie in Science zeigt, dass man Vorurteile abbauen kann, indem man die betroffene Person bittet, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen sie diskriminiert wurde.

Zur Frage, wie man Einstellungen und insbesondere Vorurteile verändern kann, gibt es Hunderte von Studien. Bei der Mehrzahl dieser Studien (60 %) handelt es sich jedoch nicht um Experimente, sodass auch kaum Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkung von Interventionen gezogen werden können (Paluck, 2016). Bei 29 % der Studien handelt es sich um Laborexperimente (zum Beispiel mit Psychologiestudenten), deren Ergebnisse wenig über die Möglichkeiten, wie man in der Realität die Einstellungen von Wählern und anderen Personen verändern kann, aussagen. Die restlichen 11 % der Studien sind Feldexperimente, wobei jedoch nur in einem Prozent der Studien tatsächlich getestet wurde, ob die Einstellungen von erwachsenen Personen durch bestimmte Maßnahmen (wie zum Beispiel Werbekampagnen) tatsächlich verändert werden können. Aus den vorliegenden Studien kann man allerdings bereits ableiten, dass Einstellungen sich dann ändern, wenn Personen aus dem Bekanntenkreis die einstellungsändernden Informationen übermitteln, wenn sich die Person persönlich durch das Thema angesprochen fühlt u. a. m.

Broockman und Kalla (2016) berichten über ein randomisiertes und kontrolliertes Feldexperiment, in dem die Einstellung von Wählern im US-Bundesstaat Florida gegenüber Transsexuellen längerfristig (über drei Monate) verändert werden konnten. Stimmenwerber, die sich selbst gegenüber den befragten Personen als transsexuell oder nicht transsexuell bezeichneten, suchten persönlich 501 Haushalte auf, die zuvor an einer Onlinebefragung zu verschiedenen Themen teilgenommen hatten. In einem Teil der Haushalte (der Kontrollgruppe) wurde über den Umweltschutz gesprochen. In den anderen Haushalten sprach der Stimmenwerber zunächst das Thema Transsexualität an und bat die befragte Person dann, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie selbst von anderen Menschen schlecht angesehen wurden, weil sie anders waren als diese Menschen (analoger Perspektivenwechsel). Die ganze Befragung dauerte nicht länger als 10 Minuten. Die Intervention hatte aber einen signifikanten, dauerhaften Einfluss auf die Einstellung der befragten Personen gegenüber Transsexuellen sowie deren Bereitschaft, für ein Gesetz zu stimmen, dass die Rechte von Transsexuellen stärken soll. In Nachbefragungen, an denen die Haushalte via Internet teilnahmen, hielt diese Veränderung auch noch drei Wochen, sechs Wochen und drei Monate später an. In der Kontrollgruppe zeigten sich keine vergleichbaren Veränderungen. Die Veränderung in den Einstellungen war bedeutsam; sie entspricht im Ausmaß der Veränderung in den Einstellungen amerikanischer Bürger gegenüber Homosexuellen im Zeitraum von 1989 bis 2012. Interessanterweise hatte der Umstand, dass ein Teil der Stimmenwerber sich selbst als transsexuell offenbarte, keinen zusätzlichen Einfluss auf die Einstellungsänderung der Befragten. In der Einstellungsforschung geht man oft davon aus, dass der Kontakt zu den Angehörigen einer Minderheit die Vorurteile gegenüber dieser Minderheit verringere. Als deutlich wirksamer erwies sich jedoch die Methode des analogen Perspektivenwechsels, also die Aufforderung, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen man diskriminiert wurde. Die Intervention wurde von Mitarbeitern und Unterstützern einer amerikanischen Organisation, die sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen einsetzt, entworfen. Diese führten auch die Befragungen vor Ort durch. Ob es sich um einen erfahrenen Stimmenwerber oder einen Neuling handelte, hatte keinen systematischen Einfluss auf den Erfolg der Intervention.

Literatur

Broockman, D. & Kalla, J. (2016). Durably reducing transphobia: A field experiment on door-to-door canvassing. Science, 352(6282), 220-224.

Paluck, E. L. (2016). How to overcome prejudice. Science, 352(6282), 147-147.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie

Einführung in die Verhaltensanalyse

Mein neues Buch „Einführung in die Verhaltensanalyse (behavior analysis)“ ist erschienen. Mehr dazu hier. Für alle, die sich für die Inhalte dieses Blogs interessieren, sicher eine lohnende Lektüre. Ich habe mich um eine knappe und leicht verständliche Einführung in die Grundlagen der experimentellen und angewandten Verhaltensanalyse bemüht.

Christoph Bördlein: Einführung in die Verhaltensanalyse

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Administratives, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autismus, Psychologie, Skepsis, Therapie

Wissenschaftliche Wandersagen über den Behaviorismus

John B. Watson bedauerte, dass er nicht frühzeitig den Falschdarstellungen seiner Theorie entgegengetreten war. Dies habe den absonderlichsten Missverständnissen Raum gegeben, die nun kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind. B. F. Skinner äußerte ähnliche Gedanken. Die Zeitschrift „Behavioral and Brain Sciences“ hatte 1984 mehrere Artikel von Skinner reproduziert und einige der renommiertesten Psychologen, Neurowissenschaftler und Vertreter verwandter Wissenschaften um Kommentare gebeten (darunter Daniel Dennett, Eibl-Eibesfeldt, Eysenck). In einer Antwort auf einen dieser Kommentare meinte Skinner, leicht frustriert: „Ich bedaure, dass viele meiner Antworten [an die Kommentatoren] lediglich aus Richtigstellungen bestehen. Aber nichts anderes ist mir hier möglich“ (Skinner, 1984, S. 707). Selbst in den Kommentaren zu diesen Artikeln unterstellte man Skinner Ansichten, die er in eben diesen Artikeln nicht nur nicht geäußert hatte: Oft hätte eine aufmerksame Lektüre des kommentierten Artikels den Kommentator bereits darüber aufklären können, dass Skinner sich explizit gegen die unterstellte Ansicht abgrenzte. Man möchte den Kommentatoren fast zurufen: Dann lest halt ordentlich!

Todd und Morris (1992) betrachten die Falschdarstellungen von Skinner Positionen als einen Fall von wissenschaftlicher Folklore (oder Wandersage des Wissenschaftsbetriebes). Wissenschaftsfolklore gibt es auch in anderen Disziplinen. Doch dort geht sie meist von Fachfremden oder Laien aus. Die Quelle der Wandersagen über den Behaviorismus sitzt im Wissenschaftsbetrieb selbst, bei den Psychologen.

Todd und Morris (1992) zeigen an drei Beispielen, wie verzerrende oder Falschdarstellungen von Watsons Ansichten auf Skinner generalisierten. Skinners „radikaler Behaviorismus“ stammt geistesgeschichtlich von Watsons „klassischem Behaviorismus“ ab. Von beiden unabhängig entwickelte sich der mediationale oder methodologische Behaviorismus, als dessen Hauptvertreter Hull (1943) und Tolman (1932) gelten können. Der methodologische Behaviorismus stellt noch immer die methodische Grundlage der empirischen Psychologie, insbesondere der kognitiven Psychologie. Diesem (nicht Skinners radikalem Behaviorismus) ist die Ansicht zuzuschreiben, dass man nur offen beobachtbares Verhalten untersuchen könne. Auch das Prinzip der „Operationalisierung“ und des Rückschlusses vom beobachtbaren Verhalten auf vermutete „geistige“ Prozesse geht auf die methodologischen Behavioristen zurück.

„Nach Ansicht der Behavioristen ist alles Verhalten erlernt“

Dem Behaviorismus wird unterstellt, dass er alles oder fast alles Verhalten als erlernt betrachte und dass er die genetische Grundlage des Verhaltens (oder gar die Genetik als solche) verleugne. Diese Falschdarstellung ist verantwortlich für die Entfremdung von Behavioristen und Ethologen. Das ist desto bedauerlicher, als die experimentelle Verhaltensanalyse und die moderne ethologische Forschung sehr viel gemeinsam haben und voneinander profitieren könnten.

Eine der Quellen dieses Mythos‘ ist ein Zitat aus John B. Watsons Buch „Behaviorism“, das erst seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder in Lehrbüchern der Psychologie auftaucht. Die Rede ist von Watsons „Duzend gesunder Kinder“:

„Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter, gesunder Kinder und meine eigene, von mir entworfene Welt, in der ich sie großziehen kann und ich garantiere euch, dass ich jeden von ihnen zufällig herausgreifen kann und ihn so trainieren kann, dass aus ihm jede beliebige Art von Spezialist wird – ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Kaufmann und, ja, sogar ein Bettler und Dieb, ganz unabhängig von seinen Talenten, Neigungen, Tendenzen, Fähigkeiten, Begabungen und der Rasse seiner Vorfahren“ (1924, S. 82).

Aus dem Kontext gerissen, klingt dieses Zitat in der Tat wie ein kräftiges Bekenntnis zur Tabula-Rasa-Position. Doch der Kontext des Zitats ist eine Auseinandersetzung mit der zu dieser Zeit populären Eugenik, der Ansicht, dass man durch gezielte Zuchtwahl und die Sterilisation oder Elimination von „genetisch minderwertigen“ Personen die Menschheit verbessern könne, ja müsse. Watson wollte mit dieser Aussage gezielt provozieren. Zudem, seine Aussage ist eine hypothetische, ein fiktives Zitat, was deutlich wird, wenn man sie im Kontext liest:

„Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen „Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter, gesunder Kinder (…) ganz unabhängig von seinen Talenten, Neigungen, Tendenzen, Fähigkeiten, Begabungen und der Rasse seiner Vorfahren“. Ich gebe zu, dass ich spekuliere, aber das tun die Anhänger der Gegenseite ebenfalls und sie taten es viele tausend Jahre lang. Beachten Sie bitte, dass dieses Experiment voraussetzt, dass ich festlegen darf, wie genau die Kinder großgezogen werden und in welcher Welt sie zu leben haben.“ (ebd.)

Watson schreibt im weiteren Verlauf ausführlich über Erblichkeit und Umweltgeformtheit des Verhaltens. Zudem wollte Watson hier lediglich klarstellen, dass Menschen (im Gegensatz zu Tieren) kaum oder keine „Instinkte“ besitzen. Die Existenz ungelernter Verhaltensweisen, auch beim Menschen, leugnet er nicht.

Im selben Kontext steht die Falschdarstellung, dass Behavioristen die genetischen Unterschiede zwischen den Arten verleugnen würden. Dabei warnte Watson selbst davor, die Ergebnisse aus Tierversuchen einfach auf Menschen zu übertragen. Den Mangel an instinktiven Verhaltensweisen beim Menschen betrachtete er als eine artspezifische Besonderheit des Menschen.

Die Leugnung der Bedeutung der Genetik und der Biologie für das Verhalten wurde späterhin auch Skinner unterstellt. Dabei hat Skinner vom Beginn seines wissenschaftlichen Arbeitens an ständig auf die Rolle der Biologie hingewiesen (Morris et al., 2004). Er selbst betrachtete die von ihm begründete experimentelle Verhaltensanalyse als ein Teilgebiet der Biologie.

Interessant ist, wie die Verbreiter der Falschdarstellungen bisweilen auf Korrekturen reagieren. So kommentierte (der Verhaltensanalytiker und Behaviorist) Todd (1987) eine Arbeit zweier Ethologen (Gould & Marler, 1987a) indem er darauf hinwies, dass diese dem Behaviorismus irrtümlich unterstellen, er verleugne die Artunterschiede im Verhalten. Die Autoren (Gould & Marler, 1987b) erwiderten auf den Kommentar, dass Todd im Unrecht sei, schließlich stünde in den einführenden Lehrbüchern der Psychologie, dass der Behaviorismus Artunterschiede verleugne. Dieses Zitieren und Belegen mit Sekundär- und Tertiärquellen erinnert nicht zufällig an die Verbreitungsmechanismen von modernen Sagen („urban legends“): „Der Schwager meines Bekannten hat erzählt, dass das seinem Kollegen passiert ist – und es ist absolut wahr!“

Als einer der „Sargnägel“ des Behaviorismus wird (neben der „Preparedness„) gerne der Garcia-Effekt genannt. Der Garcia-Effekt besagt, dass nicht alle Reize in gleicher Weise konditioniert werden können. So kann man die Ekelreaktion gut mit Gerüchen und Geschmäckern konditionieren: Patienten, die eine Chemotherapie erhalten (welche meist starke Übelkeit auslöst), entwickeln oft einen konditionierten Ekel vor den Nahrungsmitteln, die sie in den Stunden vor der Chemotherapie zu sich genommen haben. Diese Konditionierung gelingt jedoch kaum mit visuellen oder akustischen Reizen.

Kein Behaviorist hat aber je unterstellt, dass alle Reize sich gleichermaßen als auslösende Reize oder Verstärker eignen würden. Skinner schreibt explizit:

„Niemand, der das Verhalten von Tieren ernsthaft erforscht, hat je angenommen, dass das Tier als eine „tabula rasa“ ins Labor kommt, dass Artunterschiede nicht wichtig sind und dass alle Verhaltensweisen in gleicher Weise auf alle Reize konditioniert werden können“ (1966, S. 1205).

Interessanterweise hatte Garcia eine frühe Version seines Artikels (zum später nach ihm benannten Effekt) zunächst bei der (radikal-behavioristischen) Zeitschrift Journal of the Experimental Analysis of Behavior (JEAB) eingereicht, da die anderen psychologischen Fachzeitschriften diesen nicht abdrucken wollten (Garcia, 1981). Der Artikel wurde angenommen, mit der Bitte um einige kleinere Änderungen, Garcia zog ihn aber wieder zurück, aufgrund einer anderweitigen Verwendung des Materials.

Garcia (1981, S. 155) unterstellt, dass „die Behavioristen“ nicht berücksichtigten, dass das Picken einer Taube auf den Schalter in der Skinner-Box nicht allein durch die operante Konditionierung geformt wird. Interessanterweise bezieht er sich dabei auf Forschungen, die bereits in den vierziger Jahren in Skinners (!) Labor stattfanden. Wolin (1948/1968) berichtete darüber, dass das Picken des Vogels auf den Schalter, wenn es mit Wasser oder Futter verstärkt wird, dem Trink- und Essverhalten der Vögel ähnelt. Eine Replikation der Studie von Wolin wurde später in JEAB veröffentlicht (Brown & Jenkins, 1973). Sie bildet die Grundlage der weiteren Studien zum Autoshaping, der „Selbst-Formung“ der Verhaltens auf der Grundlage angeborener Verhaltensmuster. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Forschungsergebnisse von Behavioristen herangezogen werden, um zu belegen, dass Behavioristen eben diese Forschungsergebnisse ignorieren oder leugnen würden.

„Behavioristen verfolgen manipulative oder totalitäre Ziele“

Watson vertrat offensiv eine materialistische und atheistische Weltsicht. Dies war zu seiner aktiven Zeit (bis in die frühen 1920er Jahre) der Aspekt, der seine Kritiker am meisten aufbrachte. Die Standard-Diffamierung von Watsons Position lautete, der damaligen Diktion folgend, diese sei „bolschewistisch“. Es erübrigt sich, zu erklären, dass Watson keinerlei derartige politische Positionen vertrat.

Der Vorwurf des Totalitarismus traf später auch Skinner. Skinners weltanschauliche Position lässt sich am besten als liberal und humanistisch bezeichnen (er war übrigens bekennender säkularer Humanist und Ehrenmitglied der amerikanischen Skeptiker-Vereinigung CSICOP). Als Beispiel für die Diffamierung, der Skinner in dieser Hinsicht ausgesetzt war, soll ein Zitat von Zimbardo, dem Autor eines auch in Deutschland sehr populären einführenden Lehrbuchs der Psychologie, stehen. Zimbardo schreibt über George Orwells Roman „1984“ folgendes: „Orwells Verführer gleicht einem Josef Stalin, der von B. F. Skinner trainiert wurde“ (1984, S. 71).

Interessanterweise sind sich „rechte“ (Religiöse, Soziobiologen, Konservative) und „linke“ (Kritiker der Soziobiologie) Autoren darin einig, ihre Anhänger vor dem verderblichen Einfluss Skinners zu warnen. Unter anderem wird Skinner unterstellt, er habe sich bei seinem utopischen Roman „Walden Two“ (1948) an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932) und Orwells „1984“ (1949) orientiert, indem er die dort beschriebenen Manipulationstechniken kopiere. Übrigens erschien Orwells Roman erst nach Skinners „Walden Two“…

Skinners Buch „Jenseits von Freiheit und Würde“ (1971) gab dieser Legende einen weiteren Schub. Die „Kritiker“ hatten in der Regel lediglich den Buchtitel gelesen – und missverstanden. Skinner vertritt in diesem Werk ausschließlich humanitäre Ziele: Wie man den Atomkrieg verhindern kann, die Umweltverschmutzung eindämmen, den Einsatz von Strafen und Zwang reduzieren und Toleranz und Diversität fördern kann. Der Buchtitel bezieht sich auf das, was jedem rational-wissenschaftlich denkendem Menschen klar sein sollte: Wir werden diese Ziele nicht erreichen, indem wir fromme Reden schwingen. Wir sollten die Methoden der Wissenschaft nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Verhaltensanalytiker wenden die Methoden der Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten (entscheidend ist das Jahr 1968, als die Zeitschrift Journal of Applied Behavior Analysis, JABA, gegründet wurde) auf menschliches Verhalten an. Es ist daher falsch, Behavioristen zu unterstellen, sie würden die Ergebnisse aus Tierexperimenten „einfach so“ auf menschliches Verhalten übertragen. Die Ziele verhaltensanalytischer Interventionen sind im Einklang mit humanistischen Idealen. Sie zielen u. a. darauf ab, den Einsatz aversiver Methoden (Strafen) zu reduzieren, die Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung zu vergrößern, die Verschwendung von Ressourcen einzuschränken und die Sicherheit von Menschen am Arbeitsplatz zu verbessern. Behavioristen waren unter den ersten Wissenschaftlern, die sich explizite, verbindliche Regel für ethisch angemessenes professionelles Verhalten gaben (vgl. Van Houten et al., 1988). Sie etablierten das Konzept der sozialen Validität, jenes Prinzips, das verhaltensbezogene Maßnahmen nicht nur wirksam, sondern in der Einschätzung der betroffenen Personen auch akzeptabel sein müssen. Mittlerweile finden sich in fast jedem Artikel über eine Studie aus dem Bereich der angewandten Verhaltensanalyse nicht nur die üblichen Angaben zu Methode, Beobachterübereinstimmung usw., sondern auch ein Bericht über die Erhebung der sozialen Validität der Maßnahme.

„Behavioristen sind rigid und intellektuell intolerant“

Behavioristen, so wird unterstellt, erklärten mehrere Forschungsgebiete für „off-limits“. Man könnte nach Ansicht der Behavioristen z. B. Denken und Gefühle nicht wissenschaftlich untersuchen. Durch diese Denkverbote, die sie der Psychologie als Wissenschaft gewissermaßen auferlegten, hemmten sie den Fortschritt der Psychologie.

Skinner selbst führt diese Auffassung auf die Reaktionen auf Watsons Ansichten zurück: „An Watson erinnerte man sich lange Zeit nur im Zusammenhang mit einer sehr restriktiven Haltung zur Selbstbeobachtung, einem extremen Umweltbezug und einer kalten und abgehobenen Theorie der Kinderpflege. Nichts davon war in seinem ursprünglichen Programm ein zentraler Bestandteil“ (Skinner, 1959, S. 198).

Wie später auch Skinner, schloss Watson nicht die erwähnten Prozesse aus der Untersuchung aus. Er vertrat die Ansicht, dass „der Geist“, „das Selbst“ usw. keine geeigneten Erklärungen in einer Naturwissenschaft des Verhaltens darstellen. Die damit umschriebenen Verhaltensweisen schloss er keineswegs aus. Ardry (1966) unterstellt dem Behaviorismus nichts desto trotz, dass er auf die amerikanische Psychologie ähnlich verheerend wirkte wie der Lyssenkoismus auf die Biologie in der Sowjetunion.

Doch Watson war nur dann intolerant, wenn es darum ging, empirisch-wissenschaftliche Prinzipien durchzusetzen und objektiven Kriterien zu genügen, um Behauptungen zu belegen. Kritikern, die keinerlei Daten hatten, um ihre Behauptungen zu belegen, konnte er vehement entgegen treten. Wir müssen Watsons angebliche Intoleranz vor dem Hintergrund des fast noch vorwissenschaftlichen Zustandes der Psychologie seiner Zeit sehen. Die Forderung nach wissenschaftlichen Belegen ist für heutige empirisch arbeitende Psychologen keine Zumutung. Zu Watsons Zeit war es eher die Ausnahme, dass man Meinungen über das „Wesen des Menschen“ auch empirisch belegte.

Skinner trat weniger kontrovers auf, als Watson dies tat. Dennoch war er ein sehr profilierter und sichtbarer Advokat seiner Wissenschaft. Skinner verbrachte fünfzig Jahre seines Lebens damit, den Rest der Psychologie von den Vorteilen seines Ansatzes zu überzeugen. Wenn der radikale Behaviorismus heute als intolerant wahrgenommen wird, dann deswegen, weil er sich weigert, traditionelle psychologische Untersuchungseinheiten wie den „Geist“ als gegeben hinzunehmen. Als intolerant könnte man aber auch die Haltung der traditionellen Psychologie bezeichnen, die vorschreibt, dass jede Erklärung eines Verhaltens auf interne, vermittelnde oder auslösende hypothetische Konstrukte Bezug nehmen muss. Kognitive Psychologen bedienen sich der Computermetapher und suchen nach Mechanismen; sie huldigen dem Korrespondenzprinzip der Wahrheit. Radikale Behavioristen sind Kontextualisten, sie verfolgen das pragmatische Wahrheitskriterium. Behavioristen ziehen die Demonstration empirischer Kontrolle vor, Kognitivisten die formale Eleganz ihrer Theorien.

Hinzu kommt das Missverständnis, dass der Behaviorismus nur offenes Verhalten untersuche. Skinner (1974) dagegen bezeichnet die Analyse des sogenannten privaten Verhaltens als „das Kernstück des radikalen Behaviorismus“ (S. 212). Er selbst schrieb Hunderte von Seiten über dieses Thema.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass der Behaviorismus die „inneren Vorgänge“ ignorierte, dann müsste man sich fragen, was den Rest der Psychologie daran gestört hat. Behaviorismus wäre dann eine merkwürdige Spielart der Psychologie, mit einem begrenzten Geltungsbereich. Doch die Wandersage unterstellt, der Behaviorismus habe die Beschäftigung mit diesen Themen aktiv unterdrückt. Man fragt sich, wie ihm das gelungen sein soll, zumal die Behavioristen – gleich welcher Couleur – zu keinem Zeitpunkt die Mehrheit in der Psychologie stellten. Im Gegenteil, die radikalen Behavioristen waren immer eine kleine und schwache Gruppe. Ende der fünfziger Jahre mussten sie eine Zeitschrift für experimentelle und Ende der sechziger Jahre eine für angewandte Verhaltensanalyse (JEAB und JABA) gründen, weil die etablierten psychologischen Zeitschriften ihre Arbeiten nicht veröffentlichen wollten. Zudem erlebte der radikale Behaviorismus erst lange nachdem „der Behaviorismus die Welt der Psychologie beherrschte“ seine eigentlichen Aufschwung: Ab den späten siebziger Jahren. Bis dahin war, der Legende von der kognitiven Wende zufolge, der Behaviorismus doch eigentlich längst niedergerungen…

Am Rande frage ich mich auch: Wenn es wahr ist, dass der Behaviorismus die Entwicklung der Psychologie verzögert hat, dann müsste es seit dem Ende seiner Terrorherrschaft doch eine Fülle an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus abgeleiteten wirksamen Interventionen geben. Wo sind diese nur? Ein schlagendes Beispiel für die wissenschaftlichen Triumphe der kognitiven Psychologie würde genügen. Doch stattdessen entdecke ich allenfalls, dass scheinbare Erfolge der kognitiven Psychologie sich tatsächlich als Bestätigung der behavioristischen Position entpuppen. So deute einiges darauf hin, dass die kognitive Therapie der Depression eine Art „Huckepacktherapie“ ist, bei der die (wirkungslosen) kognitiven Anteile auf die eigentlich wirksamen verhaltensbezogenen Anteile aufgepfropft wurden (Jacobson et al., 1996).

Es fällt auch schwer, den real existierenden Behavioristen intellektuelle Intoleranz zu unterstellen. In den Jahren 1958 bis 1991 wurden in JEAB 62 Buchbesprechungen veröffentlicht. 75 % dieser Rezensionen bezogen sich auf Bücher, die nicht aus dem Bereich der Verhaltensanalyse stammen. Die große Mehrheit dieser Besprechungen ist nicht kritisch, sondern informativ und integrativ: Verhaltensanalytiker wollen wissen, was sie von anderen lernen können. Selbst Ulric Neissers (1967) Cognitive Psychology wurde von Kurt Salzinger (1973) sehr freundlich besprochen: „(…) Die Forschung im Bereich der kognitiven Psychologie ist sehr interessant und im Großen und Ganzen gut durchgeführt, ihre Resultate sind herausfordernd“ (S. 369). Zahlreiche Referenten von außerhalb der Verhaltensanalyse sprechen regelmäßig bei den Konferenzen der Association for Behavior Analysis International. Eine Disziplin, die sich abschotten will, verhält sich anders.

So fällt auf, dass es letztlich die Psychologie ist, die die Erkenntnisse der Verhaltensanalyse nicht wahrnehmen möchte. Sie finden allenfalls auf dem Umweg über eine „kognitive“ Neuformulierung Aufnahme, bei der ihr Ursprung nicht mehr kenntlich ist. Die Falschdarstellungen des Behaviorismus erhalten sich selbst aufrecht, denn sie sagen z. B. den Ethologen, dass es nichts bringt, sich mit diesen Leuten auszutauschen, die nicht wahrhaben wollen, dass es erbliche Anteile am Verhalten gibt. Sie sagen den kognitiven Psychologen, dass keinen Sinn hat, sich mit dieser sehr begrenzten Sichtweise auf das Erleben und Verhalten auseinanderzusetzen. Zudem, wenn die Behavioristen so dogmatisch sind, wie unterstellt, was sollte man von einer Diskussion mit ihnen haben? Sie wollen doch gar nicht diskutieren.

Die Wandersagen über den Behaviorismus werden weiter getragen, Studenten lernen sie in ihren einführenden Lehrbüchern und geben sie, wenn sie selbst Professoren sind, wieder an ihre Studenten weiter. Eine abweichende, realistischere Sicht über den Behaviorismus darzustellen, lohnt sich nicht. Im Gegenteil, wer allgemein geglaubte Behauptungen zum Behaviorismus richtig stellt, muss befürchten als inkompetent oder als Apologet einer abseitigen Ideologie dazustehen.

Literatur

Ardry, R. (1966). The territorial imperative. New York: Atheneum.

Brown, P. L. & Jenkins, H. J. (1968). Auto-shaping of the pigeon’s keypeck. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 11, 1-8.

Garcia, John. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36(2), 149-158. DOI: 10.1037/0003-066X.36.2.149

Gould, J. L. & Marler, P. (1987a). Learning by instinct. Scientific American, 256(1), 74-85.

Gould, J. L. & Marler, P. (1987b). [Response to Todd.] Scientific American, 256(4), 4.

Hull, C. L. (1943). Principles of behavior. New York: Appleton-CenturyCrofts.

Huxley, A. (1932). Brave new world. New York: Harper & Row.

Jacobson, N. S.; Dobson, K. S.; Truax, P. A.; Addis, M. E.; Koerner, K.; Gollan, J. K.; Gornter, E. & Prince, S. E. (1996). A component analysis of cognitive-behavioral treatment for depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64(2), 195-304.

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169.

Neisser, U. (1967). Cognitive psychology. New York: Appleton-Century-Crofts.

Orwell, G. (1949). Nineteen eighty-four. New York: Harcourt Brace Jovanovich.

Salzinger, Kurt. (1973). Inside the black box, with apologies to Pandora: A review of Ulric Neisser’s Cognitive psychology. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 19, 369-378.

Skinner, B. F. (1948). Walden Two. New York: Macmillan.

Skinner, B. F. (1959). John Broadus Watson, behaviorist. Science, 129, 197-198.

Skinner, B. F. (1966). The phylogeny and ontogeny of behavior. Science, 153, 1205-1213.

Skinner, B. F. (1971). Beyond freedom and dignity. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1974). About behaviorism. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1984). [Reply to Staddon]. Behavioral and Brain Sciences, 7, 707.

Todd, J. T. (1987). [Response to Gould and Marler]. Scientific American, 256(4), 4.

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1992). Case histories in the great power of steady misrepresentation. American Psychologist, 47(11), 1441-1453. DOI: 10.1037/0003-066X.47.11.1441

Tolman, E. C. (1932). Purposive behavior in animals and men. New York: Century.

Van Houten, R. & Axelrod, S. (1988). The right to effective behavioral treatment. The Behavior Analyst, 11(2), 111-114.

Watson, J. B. (1924). Behaviorism. New York: Norton.

Zimbardo, P. G. (1984, January). Mind control in 1984. Psychology Today. pp. 68-72.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

Skinner und die Biologie des Verhaltens

B.F. Skinner wird öfters dafür kritisiert, er habe die Rolle der Biologie bei der Erklärung menschlichen Verhaltens unterschätzt oder geleugnet. Unter anderem tat sich hier der populäre Wissenschaftsautor Steven Pinker (2002) hervor. Er bezeichnete Skinner als einen eingefleischten Anhänger der These von der tabula rasa („a staunch blank slater“, 169). Diese Kritik wird auch von Garcia (1981) vorgebracht, der behauptet, Skinner würde sich nicht darum kümmern, dass es Unterschiede zwischen den Arten oder zwischen verschiedenen Gehirnen gäbe. Andere Kritiker räumen zwar ein, dass sich Skinner mit der Biologie des Verhaltens befasst hat, er habe dies aber erst gegen Ende seiner Karriere getan und nur in Reaktion auf die Kritik an seinem Versäumnis oder nur weil die empirischen Daten ihn dazu genötigt hätten. Da diese Argumente so oft und aus so prominenten Mündern vorgebracht werden, sollte man sie ernst nehmen. Zwar kann es dem aufmerksamen Leser von Skinners Werken nicht entgehen, dass dieser immer wieder die Rolle der Evolution, der Genetik und der Physiologie anspricht und würdigt. Wobei Skinner auch immer wieder klar stellt, dass die Analyse der Funktion der Biologie für das Verhalten nicht das zentrale Anliegen der Verhaltenswissenschaft ist. Jedoch sollte man es nicht bei einem ersten Eindruck bewenden lassen, sondern die jedermann zur Verfügung stehenden Daten (Skinners Veröffentlichungen) einer eingehenden Analyse unterziehen.

Morris, Lazo und Smith (2004) untersuchten die 289 von 1931 bis 1990 erschienenen Veröffentlichungen Skinners auf die Nennung von Evolution, Genetik und Physiologie und verwandter Begriffe sowohl im Titel als auch im Text, sowie ob und auf welche Weise diese Themen diskutiert werden. Explizit ausgenommen wurden Kritiken am „konzeptuellen Nervensystem“ (der kognitiven Psychologie) und am physiologischen Reduktionismus.

Skinner sprach demnach die Rolle der Biologie für das menschliche Verhalten in 34 % seiner Veröffentlichungen an, er tat dies in 46 Jahren seiner 61-jährigen Karriere. In diesen Veröffentlichungen wurde die Genetik, Physiologie und Evolution des Verhaltens 133mal angesprochen. Biologische Begriffe fanden sich in den Titeln von 17 Arbeiten, ausführlich diskutiert wurden solche Themen in 22 weiteren Werken, angesprochen in 94 weiteren. Die Gelegenheiten, bei denen Skinner die Biologie des Verhaltens ansprach, verteilen sich relativ gleichmäßig über seine ganze Karriere, wobei durchaus zu beobachten ist, dass er diese Themen später in seiner Karriere öfter ansprach als früher. Dies muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass Skinner in späteren Jahren mehr veröffentlichte als in jüngeren. Setzt man diese Zahlen also in Bezug zu der Gesamtzahl an Veröffentlichungen, ergibt sich, dass Skinner die Biologie des Verhaltens später nicht signifikant öfter ansprach als früher in seinem Leben.

Im Einzelnen ergibt sich für die Genetik: Bereits 1930 bespricht er die Rolle der Vererbung an. „Dass es grobe Merkmale des Verhaltens gibt, die genetische Konstanz zeigen, ist natürlich jedem Züchter bekannt“ („That there are gross charakteristics of behavior which show genetic constancy is of course, common knowledge to any stockbreeder“, 344). In The Behavior of Organisms (1938) berichtet er von eigenen Versuchen, die genetische Variabilität zu untersuchen, in Science and Human Behavior (1953) betont er mehrfach, wie unterschiedliche genetische Voraussetzungen zu unterschiedlichem Verhalten führen. Er fügte dem 1983 noch die Zusammenfassung hinzu, dass Unterschiede zwischen Arten in den erblichen Voraussetzungen für das Lernen zu auffällig seien, um übersehen werden zu können und dass es diese Unterschiede vermutlich auch, zu einem geringeren Ausmaß, zwischen den Individuen einer Art gibt (196). Immer wieder wird die Genetik des Verhaltens, auch nur in Zwischenbemerkungen, in ihr Recht gesetzt: 1947 betont Skinner, dass das menschliche Verhalten unter anderem durch die genetische Konstitution und die persönliche Geschichte determiniert sei (485). Bemerkenswert ist auch eine Bemerkung in Walden Two. Zwar sei der mittlere IQ der Walden-Two-Gemeinschaft aufgrund der besseren Erziehung und des besseren Unterrichts höher als in der Allgemeinbevölkerung. Aber die Spannweite der Werte sei nach wie vor dieselbe. Das heißt, die Methoden in Walden Two hatten keinen Einfluss auf genetisch bedingte Unterschiede. Alles in allem kann man Skinners Position gegenüber der Genetik des Verhaltens so zusammenfassen: „All behavior is due to genes, some more or less directly, the rest through the role of genes in producing the structures which are modified during the lifetime of the individual (1984, 704).

Mit der Physiologie des Verhaltens hat sich Skinner zu Beginn seiner Karriere als Forscher ausführlich beschäftigt. Erwähnt und diskutiert hat er die Physiologie 27mal, von 1931 bis 1990. Er betonte hierbei aber auch, dass die Rolle der Physiologie für das Verhalten nur mit dem Fortschreiten der Biotechnologie aufgeklärt werden kann, in Zusammenarbeit von Verhaltenswissenschaft und Biologie. Die Legende von der Black Box weist er mehrfach zurück, z. B. 1969: „There is no doubt of the existence of sense organs, nerves, and brain, or their participation in behavior. The organism is neither empty nor inscrutable; let the black box be opened” (1969, 280).

Die Evolution kommt bei Skinner in sieben Titeln vor, wird in acht weiteren Veröffentlichungen ausführlich diskutiert und in 22 weiteren erwähnt. Er erwähnte die Evolution allerdings nicht vor 1950 explizit. Erst in den späten Sechzigern steigt die Rate der Nennungen deutlich an. 1966 bemerkt er: „No reputable student of animal behavior has ever taken the position `that the animal comes to the laboratory a virtual tabula rasa,´ that species differences are insignificant and that all responses are equally conditionable to all stimuli“ (1205). Auch Breland und Brelands (1961) Kritik an ihm ist befremdlich, betrachtet man die vielen Gelegenheiten, bei denen Skinner die biologische Evolution des Verhaltens diskutiert. Insbesondere ist die Möglichkeit des operanten Konditionierens für das Individuum ein Überlebensvorteil, den die Art irgendwann einmal im Lauf der Evolution angenommen haben muss, um in der Lebenszeit des Individuums leichte Anpassungen des Verhaltens vornehmen zu können. Alles in allem fasst Skinner (1977) zusammen: „The behavior of organisms is a single field in which both phylogeny and ontogeny must be taken into account“ (1012).

Was die Ausgangsfrage angeht, ob Skinner die biologische Mitverursachung von Verhalten geleugnet hat, so muss diese mit Nein beantwortet werden. Auch ist nicht richtig, dass Skinner erst spät in seiner Karriere auf die biologischen Ursachen einging. Skinner selbst hat – da diese Kritiken bereits zu seinen Lebzeiten geäußert wurden – dies bekräftigt: „Several commentators refere to my `recent´ interest in the genetics of behavior, but my interest is actually longstanding” (1984, 701). Auch betont er, dass sowohl Watsons also auch seine ersten Experimente ethologischer Natur waren (1980, 199).

Skinner hat, wenn man die steigende Rate an Veröffentlichungen in Rechnung stellt, später nicht öfter als früher über die biologischen Ursachen des Verhaltens im Allgemeinen geschrieben. Über evolutionäre Aspekte im Besonderen allerdings hat er tatsächlich in seinen späteren Jahren häufiger geschrieben als früher. Ein Blick auf die Hintergründe hilft jedoch, das zu verstehen. In späteren Jahren schrieb Skinner ganz allgemein mehr systematische Arbeiten und weniger empirische. Der Bezug zur Evolution kam nun einfach häufiger zur Sprache. Auch änderte sich die Psychologie und die Wissenschaft und Skinner mit ihnen. In die Mitte des Jahrhunderts fällt die Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur, 1973 erhielten Lorenz, Tinbergen und von Frisch den Nobelpreis für Medizin. All diese Ereignisse haben Skinner natürlich, wie jeden anderen damit befassten Wissenschaftler, dazu angeregt, mehr über die Evolution des Verhaltens zu schreiben. Hinzu kommt die größere Bekanntheit Skinners in seinen späteren Jahren. Er musste nun in der Tat öfter den unfundierten Kritiken entgegnen, die ihm unterstellten, sich nicht um die biologische Evolution zu kümmern.

Warum konnte man aber Skinner unterstellen, die biologischen Aspekte des Verhaltens zu ignorieren? Nur wenige Äußerungen Skinners geben Anlass zu vermuten, er vernachlässige die Biologie des Verhaltens. 1953 schrieb er in Science and Human Behavior: “Operant conditioning shapes the behavior as a sculptor shapes a lump of clay” (91). Wer nicht weiterlesen kann oder will, mag das missverstehen können. Ein anderes Mal schreibt er, als er die beinahe identischen kumulativen Grafiken des Verhaltens von drei Tierarten unter bestimmten Verstärkerplänen bespricht: „Pigeon, rat, monkey, which is which? … It doesn’t matter … their behavior shows astonishingly similar properties” (1956, 230 – 231).

Es ist nicht nötig, ein Experte für die Arbeiten Skinners zu sein, um die Haltlosigkeit von Unterstellungen wie den o.g. zu erkennen. Es genügt völlig, Skinner einmal im Original statt nur sekundär oder tertiär zu lesen, dann nämlich findet man Passagen wie diese: „Human behavior will eventually be explained (as it can only be explained) by the cooperative action of ethology, brain science and behavior analysis“ (1989, 18).

Morris, Smith und Lazo (2005) berichten, dass ihr Artikel (Morris; Lazo & Smith, 2004) über Skinners Haltung zu biologischen Komponenten des Verhaltens ursprünglich nicht in The Behavior Analyst erscheinen sollte. Sie hatten den Artikel zuvor fünf anderen Fachzeitschriften angeboten, davon vier von der amerikanischen Psychologenvereinigung herausgegebenen; zwei der Zeitschriften beschäftigten sich explizit mit tierischem Verhalten. Der Artikel wurde aber jeweils zurückgewiesen, ohne dass auch nur eine Begutachtung stattfand. Die Herausgeber begründeten dies zum einen mit Platzmangel, zum anderen aber damit, dass der Artikel nicht „ins Heft passe“. Gravierende Qualitätsmängel wurden dem Artikel nicht attestiert. Einige der Herausgeber empfahlen, den Artikel doch bei einer Fachzeitschrift für die Geschichte der Psychologie einzureichen. Morris, Smith und Lazo (2005) finden dies nicht nachvollziehbar, da die in Morris, Lazo und Smith (2004) berichtigten Falschdarstellungen Skinners durchaus keine historischen Tatbestände sind. Zudem gilt Skinner nach einer Studie von Haggbloom und anderen (2002) als bedeutendster Psychologe des 20. Jahrhunderts (diese Studie erschien in einem APA-Journal für Allgemeine Psychologie). Es scheint, so die Autoren, Skinner solle „Geschichte“ bleiben oder werden. Die falschen Darstellungen seiner Ansichten sollen festgeschrieben werden, wohl auch deshalb, weil sie ein so wohlfeiler Topos sind. Dieser biologieleugnende „Skinner“ ist ein Strohmann, auf dessen immer wiederkehrende rituelle Verbrennung die Psychologenschaft wohl nicht verzichten will.

Literatur:

Breland, K. & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681 – 684.

Garcia, J. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36, 149 – 158.

Haggbloom, S.J.; Warnick, R.; Warnick, J.E.; Jones, V.K.; Yarbrough, G.L.; Russell, T.M.; Borecky, C.M.; McGahhey, R.; Powell, J.L.; Beavers, J. & Monte E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th Century. Review of General Psychology, 6, 139-142.

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169. PDF

Morris, Edward K.; Smith, Nathaniel G. & Lazo, Junelyn F. (2005). Why Morris, Lazo, and Smith (2004) published in The Behavior Analyst. The Behavior Analyst, 28, 169-179.

Pinker, S. (2002). The blank slate. The modern denial of human nature. New York: Viking.

Skinner, B. F. (1930). On the inheritance of maze behavior. Journal of General Psychology, 5, 427 – 458.

Skinner, B. F. (1938). The behavior of organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1947). Experimental psychology. In W. Dennis (Ed.), Current Trends in Psychology (pp. 16 – 49). Pittsburgh: University of Pitsburgh Press.

Skinner, B. F. (1956). A case study in scientific behavior. American Psychologist, 11, 221 – 233.

Skinner, B. F. (1966). The phylogeny and ontogeny of behavior. Science, 153, 1205 – 1213.

Skinner, B. F. (1969). The inside story. In B. F. Skinner, Contingencies of Reinforcement. A Theoretical Analysis (pp. 269 – 297). New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1977). Herrnstein and the evolution of behaviorism. American Psychologist, 32, 1006 – 1012.

Skinner, B. F. (1980). The experimental analysis of operant behavior. A history. In R. W. Reiber & K Salzinger (Eds.), Psychology. Theoretical-historical perspectives (pp. 191 – 202). New York: Academic Press.

Skinner, B. F. (1983). A Matter of Consequences. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1984). Authors response. Behavioral and Brain Sciences, 7, 701 – 707.

Skinner, B. F. (1989). The origins of cognitive thought. American Psychologist, 44, 13 – 18.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Skepsis, Verhaltensanalyse

Oft wiederholte Sätze klingen wie Gesang

Gemeinhin geht man davon aus, dass der Umstand, ob man eine Äußerung als Gesprochenes oder Gesang wahrnimmt, alleine von den akustischen Merkmalen der Äußerung abhängt. Doch ist die Trennung von Sprache und Nicht-Sprache nicht so eindeutig, wie man meinen möchte. So fand man, dass nichtsprachliche Laute als Sprache interpretiert werden, wenn die Person entsprechend trainiert wurde (Remez et al., 1981; Mottonen et al., 2006) oder wenn die Laute in einem sprachlichen Kontext zu hören waren (Shtyrov et al., 2005).

Diana Deutsch (Deutsch et al., 2011) berichtet von einer akustischen Illusion, die aufzeigt, dass die Entscheidung, ob etwas gesprochen oder gesungen wurde, beim Hörer liegt. In einem ersten Experiment ließ sie ihre Versuchspersonen zehnmal die gleiche gesprochene Phrase hören (sometimes behave so strangely). Die erste und die letzte Wiederholung waren für alle Versuchspersonen identisch. Eine Gruppe von Versuchspersonen hörte nur identische Wiederholungen, die andere Gruppe hörte bei der zweiten bis zur neunten Darbietung Wiederholungen, die sich minimal in Betonung, Lautstärke usw. unterschieden. Die Versuchspersonen sollten auf einer Skala von eins bis fünf angeben, wie sehr die Wiederholungen jeweils nach Sprache (1=exakt wie Sprache) oder nach Gesang (5=exakt wie Gesang) klangen. Die Versuchspersonen, die immer die gleiche Wiederholung hörten, veränderten mit jeder Wiederholung ihr Urteil mehr und mehr in Richtung „klingt exakt wie Gesang“. Die zehnte Wiederholung klang für die Versuchspersonen dieser Gruppe eindeutig so, als ob sie gesungen würde. Dieser Effekt trat nicht auf, wenn die Wiederholungen nicht völlig identisch waren.

In einem zweiten Experiment hörten die Versuchspersonen eine Phrase entweder einmal oder zehnmal identisch wiederholt. Unmittelbar anschließend sollten die Versuchspersonen die Phrase so wiederholen, wie sie sie zuletzt gehört hatten. Die Versuchspersonen, die die Phrase nur einmal gehört hatten, sprachen diese, die Versuchspersonen, die sie zehnmal gehört hatten, sangen sie. Dies belegt, dass dieser Effekt nicht nur einer der Interpretation ist (man könnte die Phrase als Sprache oder als Gesang interpretieren), sondern, dass die Versuchspersonen die Phrase nach zehn identischen Durchläufen tatsächlich als Gesang hörten.

Ich vermute, dass diese Illusion etwas mit dem Wort- und Satzakzent zu tun hat. Die Wiederholungen bewirken, dass die bedeutungstragenden Merkmale der Phrase in den Hintergrund treten, der Akzent dagegen wird prominenter. Diesen Effekt macht sich auch die „Milk“-Übung in der Acceptance und Commitment Therapie (ACT) zunutze. Der Klient soll hier das Wort „Milk“ kurz hintereinander ganz oft sprechen, um dabei erleben zu können, wie das Wort am Ende gar nicht mehr nach „Milch“ klingt. Das, was wir mit Sprache verbinden, ist gelernt. Wenn wir ein sprachliches Verhalten ganz oft wiederholen, ohne dass die Funktionen, die Sprache ansonsten hat, zum Tragen kommen, entspricht dies einer Extinktion. Das, was nach der Löschung der erlernten Funktionen der Sprache übrigbleibt, ist nur Melodie und kein Sinn.

Diana Deutsch selbst vermutet, dass die Versuchspersonen, wenn sie Melodien in der Phrase hören, ihr Langzeitgedächtnis nach passenden Melodien durchsuchen. Deutschs Versuchspersonen gelang dies wohl leichter als anderen, da es sich ausschließlich um Personen handelte, die eine musikalische Ausbildung erhalten hatten. Sobald die Bedeutung des Gesprochenen wegfällt, gleicht sich der Höreindruck den bereits gelernten, passenden Melodien an.

Literatur

Deutsch, Diana et al. (2011). Illusory transformation from speech to song. Journal of the Acoustical Society of America, 129(4), 2245-2252. DOI: 10.1121/1.3562174

Möttönen, R.; Calvert, G. A.; Jaaskelainen, I. P.; Matthews, P. M.; Thesen, T.; Tuomainen, J.; & Sams, M. (2006). Perceiving identical sounds as speech or non-speech modulates activity in the left posterior superior temporal sulcus. Neuroimage 30(2), 563-569. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.10.002

Remez, R. E.; Rubin, P. E.; Pisoni, D. B. & Carrell, T. D. (1981). Speech perception without traditional speech cues. Science, 212(4497), 947-949. DOI: 10.1126/science.7233191

Shtyrov, Y.; Pihko, E. & Pulvermuller, F. (2005). Determinants of dominance: Is language laterality explained by physical or linguistic features of speech? Neuroimage 27(1), 37-47. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.02.003

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Sprache