Monatsarchiv: Januar 2014

Bewusstsein ist nur ein Wort

Das Bewusstsein ist nicht im Gehirn, es ist etwas, das wir tun. Letztlich ist es sprachliches Verhalten. Hank Schlinger, über dessen Arbeit ich hier bereits berichtet hatte, erläuterte seine Gedanken auf der Konferenz der Skeptics Society im Jahr 2005.

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31/01/2014 · 15:44

NLP: Keine Wissenschaft aber viel Selbstbewusstsein

Das „Neurolinguistische Programmieren (NLP)“ ist eine sehr beliebte Psychotechnik, die – wenn man ihren Anhängern glauben darf – extrem effizient ist. Die auf NLP basierende „Neurolinguistische Psychotherapie (NLPt) versucht seit Längerem, Anerkennung als ein wirksames Therapieverfahren zu erlangen. Wissenschaftliche Studien konnten das bislang nicht nachweisen.

(Co-Autor: Robert Mestel)

Peter Schütz leitet das österreichische Trainingszentrum für NLP und bemüht sich um die wissenschaftliche Anerkennung des von vielen Anwendern als wirksam erlebten NLP. Schon 1996 verkündete er, es sei „wissenschaftlich“ nachgewiesen, dass „Neurolinguistische Psychotherapie (NLPt) wirkt!“ (Schütz, 1996). Die von ihm als Nachweis gefeierte Studie von Genser-Medlitsch (1996) habe ich bereits vor längerer Zeit untersucht: Sie lässt aufgrund der erheblichen methodischen Mängel nicht einmal den Schluss zu, dass die auf der Psychotechnik NLP basierende Behandlungsmethode besser ist als den Patienten einfach nur auf eine Therapie warten zu lassen. Nun aber legt Schütz noch einmal nach und kommt zu dem gewagten Schluss, dass Neurolinguistische Psychotherapie (NLPt) vergleichbar gut wirke wie die kognitive Verhaltenstherapie.

Diese Behauptung findet sich in einer Studie, die Schütz zusammen mit kroatischen Kollegen durchführte (Stipancic et al., 2010). Die Autoren haben 106 Klienten zufällig auf eine Experimental- (EG) und eine Kontrollgruppe (KG) aufgeteilt. Die Experimentalgruppe erhielt einmal wöchentlich eine Stunde NLPt, die Kontrollgruppe tat, was Wartekontrollgruppen so tun, sie wartete (und erhielt in dieser Zeit keine Behandlung). Gemessen wurde die psychische Belastung der Teilnehmer vor (t1) und nach der Therapie (t2) und noch einmal fünf Monate nach Ende der Therapie (t3). Den Teilnehmern der Experimentalgruppe ging es nach der Therapie besser als vorher und es ging ihnen signifikant besser als den Teilnehmern der Kontrollgruppe (denen es auch besser ging, aber nicht so sehr wie den Teilnehmern der Experimentalgruppe). Fünf Monate nach Ende der Therapie ging es den NLP-therapierten Versuchspersonen sogar noch besser als am Ende der Therapie.

Wenn ich der Zusammenfassung des Artikels von Stipancic et al. (2010) folge, geht es Menschen, die eine NLPt erhalten haben, besser als denen, die keine Therapie erhielten.

Sehen wir uns die Studie genauer an.

Zunächst einmal ist positiv hervorzuheben, dass die Klienten der EG und der KG tatsächlich zufällig zugeteilt wurden und dass das auch zum erwünschten Resultat geführt hat: In den erhobenen Maßen (Alter, sozioökonomischer Status usw.) unterscheiden sich die Teilnehmer der EG und der KG nicht. Die Teilnehmer wurden durch Mundpropaganda geworben, 54 kamen in die EG, der Rest in die KG. Was mich hier zunächst mal irritiert: Gab es denn so gar keinen Teilnehmer-Schwund? Es ist nicht ungewöhnlich, dass innerhalb von drei bis fünf Monaten einige Teilnehmer einer Studie wegziehen oder keine Lust mehr haben, noch mal die gleichen Fragen zu beantworten. Erfahrungsgemäß brechen vor allem diejenigen Teilnehmer der Therapiegruppe ab, die merken, dass ihnen die Therapie nichts bringt. Diejenigen Teilnehmer, die gut auf eine Therapie ansprechen, sind am Ende überrepräsentiert. Um das wenigstens ein bisschen in den Griff zu bekommen, vergleicht man oft die Kennwerte (soziodemografische Daten und Ergebnisse der ersten Befragung) der ausgeschiedenen Teilnehmer mit denen der in der Studie verbliebenen. Wenn man feststellt, dass die ausgeschiedenen Teilnehmer sich nicht wesentlich von den verbliebenen unterscheiden, kann man einigermaßen beruhigt sein, dass hier keine Selektion stattfand, in dem Sinne, dass die Teilnehmer, denen es ohnehin besser ging, in der EG verblieben und die kranken und (durch die Therapie) „nicht heilbaren“ Teilnehmer ausschieden. Eine Stichprobe als Ganzes kann auch dadurch gesünder werden, dass man die kranken Teilnehmer eliminiert. Aber all das wissen wir nicht, denn Stipancic et al. (2010) berichten von keinem Teilnehmer-Schwund von t1 zu t2. Wohl berichten sie einen Schwund in der EG von t2 zu t3: Bei der Follow-Up-Befragung machten nur noch 48 der ursprünglich 54 Teilnehmer der EG mit. Die KG nahm an der letzten Befragung überhaupt nicht mehr teil. Wir wissen nicht, wie es den nicht-NLP-beglückten Teilnehmern acht Monate nach der ersten Befragung ging. Womöglich besser als den NLP-therapierten.

Hinzu kommt: Es ist unklar, wie genau die Versuchspersonen selektiert wurden: Stammten die Versuchspersonen aus NLP-Kursen? Es sieht so aus. Wenn das der Fall ist, liegt hier eine Verzerrung vor, denn die Versuchspersonen erwarten dann natürlich von dem Verfahren eine Besserung und sind enttäuscht, wenn sie erst mal in die Wartegruppe gelost wurden. Eine weitere Verzerrung ergibt sich durch den relativ hohen Bildungsgrad der Versuchspersonen.

Die Zeitspanne zwischen t1 und t2 ist nicht die gleiche in der EG und der KG. Die Teilnehmer der EG erhielten, wie erwähnt, einmal wöchentlich eine Stunde NLPt, im Schnitt dauerte die Therapie 20 Wochen. Vor und nach Ende der Therapie beantworteten die Teilnehmer der EG mehrere Fragebögen, die ihnen durch einen neutralen (aber wohl bezüglich der Gruppenzugehörigkeit nicht verblindeten) Beobachter vorgegeben wurden. Die Teilnehmer der KG bekamen die gleichen Fragebögen am Beginn der Untersuchung und (da sie keine Therapie bekamen, konnten sie auch keine Fragen am Ende der Therapie beantworten) drei Monate später.

Kurze Rechenaufgabe: Drei Monate sind etwa 12 Wochen. So viel Zeit verstrich bei der KG zwischen erster und zweiter Befragung. Bei der EG waren das im Schnitt 20 Wochen. Auf Seite 44 des Artikels von Stipancic et al. (2010) befindet sich eine Grafik, die die Entwicklung bei den Teilnehmern der EG und der KG von t1 (vorher) nach t2 (nachher) vergleicht. Man sieht deutlich, dass es den Teilnehmern der EG zum Zeitpunkt t2 deutlich besser ging als den Teilnehmern der KG. Beiden Gruppen ging es zu t2 besser als zu t1, aber bei der EG geht die Linie, die die Symptombelastung anzeigt, steiler nach unten. Nun ist der Abstand zwischen t1 und t2 für die EG und die KG nicht gleich lang. „t2“ für die KG müsste deutlich weiter links liegen. Wenn man im Geiste versucht, die Grafik gewissermaßen maßstabsgetreu zu machen, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Linie der KG (die nach 12 Wochen endet) nach 20 Wochen vermutlich die Linie der EG schneiden würde. Das heißt, vereinfacht ausgedrückt: Vermutlich ging es den Teilnehmern, die keine NLPt erhalten hatten, nach 20 Wochen genauso gut wie den Teilnehmern, die NLPt erhalten hatten. Wir wissen es nicht genau, aber die Vermutung liegt nahe.

Die Vermutung wird weiter genährt durch folgendes Ergebnis: Die Autoren berichten, dass die Zahl der Therapiestunden mit der Verbesserung bei den Symptomen korreliert: Je mehr Therapie, desto besser ging es den Klienten. (Kleine Anmerkung: NLP soll doch auf magische Weise ganz schnell wirken. – Wirkt NLP also doch besser, wenn es länger angewendet wird? Je höher die Dosis, desto deutlicher die Wirkung?) Mehr Therapie bedeutet aber auch, dass mehr Zeit zwischen t1 und t2  verging.

Interessant ist, wie die Autoren die Verbesserung der Symptome bei der KG erklären: Es handle sich hier um eine „Regression zur Mitte“. Tatsächlich hatten aber die Teilnehmer der EG zu t1 etwas schlechtere Werte als die Teilnehmer der KG. Wenn ein Effekt der Regression zur Mitte vorliegt, dann wahrscheinlicher bei der EG.

Ein weiterer Blick auf die absoluten Werte ist ebenfalls erhellend. Das wichtigste Befragungsinstrument ist der SCID (First et al.; deutsch: SKID, Fydrich et al., vgl. hier) einem Fragebogen zur Symptombelastung im psychischen Bereich (aber nur der SKID II, der sich mit den Persönlichkeitsstörungen befasst, wurde zu allen drei Zeitpunkten verwendet). Der Fragebogen ist jedoch nicht zur Erfassung der Psychopathologie, wie von den Autoren behauptet, geeignet. Das Antwortformat ist handgemacht. Im Original gibt es nur die Möglichkeit, Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten. Die Autoren machen daraus eine dreistufige Skala. So ist das Verfahren nicht validiert. Die Autoren bilden nun noch zu allem Übel aus allen Items einen Gesamtwert. Das ist völlig unüblich und unvalide. Keiner weiß, was dieser Wert bedeuten soll.

Dieser unzulässige Globalwert kann nun zwischen 0 und maximal 236 liegen. Im Schnitt lagen die Werte der Teilnehmer der EG zum Zeitpunkt t1 bei 8,61, zum Zeitpunkt t2 bei 3,87 und bei t3 bei 1,83. Insbesondere, wenn man sich die Fragen des SKID ansieht, wird klar, dass die Teilnehmer der Studie schon vor Beginn der Maßnahmen wohl kaum als psychisch besonders belastet oder gar krank gelten konnten. Der SKID enthält viele Fragen, die wohl jeder Mensch nach einer schlechten Nacht an einem trüben Novembertag so beantworten würde, dass er als belastet erscheint. Man kann das Ergebnis der Studie also auch so zusammenfassen:

„Schon zuvor bereits gesunde Menschen meinen nach einer NLPt, sie seien noch gesünder“.

Genau genommen handelt es sich nicht um eine Studie, die die Wirkung von NLPt untersucht. Es ist eine sogenannte Analog-Studie, mit Teilnehmern, die letztlich gesünder als die Normalbevölkerung waren. Man muss fragen: Warum werden die Versuchspersonen überhaupt zufällig (randomisiert) den Gruppen zugewiesen und behandelt? Sie haben nichts!

Zudem sind 20 Stunden Behandlungsdauer im Schnitt sehr viel (dabei soll NLPt doch eine „innovative“ Kurzzeittherapie sein). Das ist eine Langzeittherapie für Gesunde.

Die Autoren geben bei allen Werten keine Streuung an. Dies ist aber allgemein üblich, es wegzulassen deutet auf unlautere Absichten hin.

Es ist absolut nicht nachvollziehbar, wie die Autoren zu der Schlussfolgerung kommen können, dass die Ergebnisse der NLPt mit denen der kognitiven Verhaltenstherapie vergleichbar seien. Der Vergleich von Effektstärken ist vor dem Hintergrund der methodischen Schwächen nichtssagend und (wieder einmal „typisch NLP“) pseudowissenschaftlich. Insbesondere die nicht parallelisierten Zeiträume zwischen t1 und t2 vereiteln den Vergleich zwischen der EG und der KG, sodass noch nicht einmal sicher ist, ob es den NLP-behandelten Teilnehmern tatsächlich besser ging als den nicht-behandelten.

Nein, NLP(t) wirkt noch immer nicht, schon gar nicht „wissenschaftlich nachgewiesen“.

Daneben finden sich noch etliche andere Schnitzer in diesem Artikel. So wird (S. 40) zum Beleg der Existenz der von NLP postulierten Augenbewegungsmuster auf die Quelle „Bliemeister, 1987“ verwiesen – doch Bliemeister (1988) berichtet nicht von einer Bestätigung, sondern einer Widerlegung der Augenbewegungshypothese des NLP. Auch vor dem Hintergrund anderer Studien muss diese Annahme des NLP als eindeutig widerlegt gelten. Weiter wird behauptet, dass es „ausreichende Belege“ für die Wirksamkeit der NLP-Technik des „Ankerns“ und (indirekt) die „Repräsentationssysteme“ des NLP gäbe (S. 46). Die genannten Quellen belegen aber nichts dergleichen. Die Gesamtschau der Ergebnisse zeigt auch hier, dass die NLP-Annahmen nicht zutreffen und die Techniken nicht spezifisch wirksam sind (vgl. Wittkowski, 2010).

Literatur

Bliemeister, J. (1988). Empirische Überprüfung zentraler theoretischer Konstrukte des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 17, 21-30.

Genser-Medlitsch, Martina. (1996). Neurolinguistische Psychotherapie (NLPt). Eine Wirksamkeitskontrollstudie. Kurzfassung der Ergebnisse zur prospektiv-kontrollierten Studie mit drei Messzeitpunkten. Unveröffentlichtes Manuskript, Wien.

Schütz, P. (1996). Wissenschaftliche Studie beweist: Neuro-Linguistische Psychotherapie (NLPt) wirkt! NLP aktuell, 5 (4), 52-53.

Stipancic, Melita; Renner, Walter; Schütz, Peter & Dond, Renata. (2010). Effects of neuro-linguistic psychotherapy on psychological difficulties and perceived quality of life. Counselling and Psychotherapy Research, 10(1), 39-49.

Witkowski, Tomasz. (2010). Thirty-five years of research on Neuro-Linguistic Programming. NLP Research Data Base. State of the art or pseudoscientific decoration? Polish Psychological Bulletin, 41(2), S. 58-66.

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Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, Skepsis

Zuhören bedeutet, sich sprachlich zu verhalten

Nur weil der Untersuchungsgegenstand sehr komplex ist, muss die Theorie, die ihn erklärt, nicht ebenfalls furchtbar komplex sein.

Philosophen, Sprachwissenschaftler und Psychologen unterstellen, dass Sprache etwas ganz Besonderes sein muss. Skinners Fehler war ihnen zufolge, diese Einzigartigkeit der menschlichen Sprache zu ignorieren und sie nicht anders zu behandeln wie das Hebeldrücken einer Ratte.

„[P]hilosophers, linguists, and psychologists suggest[s] that language is special […]. Skinner’s error, then, according to these scholars, was to miss the uniqueness of human language by treating it no differently then the bar pressing of a rat” (Schlinger, 2008, p. 147).

Zwar kommt das Wort „Zuhörer” mit 793 Erwähnungen in Verbal Behavior ähnlich häufig vor wie das Wort „Sprecher” mit 893 Erwähnungen, doch beschäftigt sich Skinner in seinem Buch vorrangig mit dem sprachlichen Verhalten des Sprechers. Nach Schlinger (2008) verhält sich auch der Zuhörer sprachlich. Um nicht nur hören, sondern das Gehörte auch verstehen und umsetzen zu können, muss er sich selbst, in der Regel verdeckt, sprachlich verhalten.

Neuropsychologische Untersuchungen stützen die verhaltensanalytische Grundannahme der Kontinuität des Verhaltens. Verdecktes Verhalten ist nicht grundsätzlich verschieden vom offenen Verhalten, der Unterschied betrifft nur die Möglichkeit, es von Außen zu beobachten. Dafür, dass „kognitive“ Leistungen etwas grundsätzlich anderes wären als offenes Verhalten, gibt es dagegen keinerlei Belege. Im speziellen stützen dies Untersuchungen die Annahme, dass jemand, der zuhört, subvokales sprachliches Verhalten zeigt.

Das subvokale sprachliche Verhalten des Zuhörers kann zwei Formen annehmen. Zum einen handelt es sich um echoisches Verhalten. Der Zuhörer wiederholt das Gehörte „in Gedanken“. Zum anderen handelt es sich um intraverbales Verhalten. Der echoisch wiederholte Input wird zum diskriminativen Stimulus für eigenes sprachliches Verhalten.

Literatur

Schlinger, Henry D. (2008). Listening is behaving verbally. The Behavior Analyst, 31(2), 145-161.

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Eingeordnet unter radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

Wie man sich Musik vorstellt

Was passiert, wenn wir uns Musik vorstellen? Oder wie die Stimme eines anderen Menschen klingt?

Der radikale Behaviorismus geht von der Kontinuität des Verhaltens aus: Auch verdecktes Verhalten ist Verhalten. Wenn wir uns vorstellen, dass wir sprechen, sprechen wir, ohne den Mund aufzumachen. Die Ergebnisse der Neurowissenschaften bestätigen diese Annahme: Bei vorgestellter Sprache sind dieselben Hirnareale aktiviert, wie bei lautem Sprechen. Die Muskeln des Sprechapparates werden nur nicht wirklich aktiviert. Traditionellerweise und von den kognitiven Psychologen wird dagegen angenommen, dass beim Vorstellen von Sprache und Musik die Person mit einer Art innerem Ohr hört, was von einem Speicher abgerufen wird. Doch solche Beschreibungen sind größtenteils zirkulär und sie erklären nicht, was die Person wirklich tut, wenn sie sich etwas vorstellt.

Schlinger (2009) schlägt folgende Interpretation vor: Was er tut, wenn er sich Beethovens fünfte Symphonie vorstellt, ist, sie verdeckt (das heißt, sub-vokal) zu singen (oder zu summen). Wenn wir uns vorstellen, wie jemand spricht, imitieren wir seine Stimme; wir hören uns selbst zu, wie wir den Klang der Stimme sub-vokal (für andere nicht hörbar) nachahmen.

Skinner (1945) vermutete, dass etwas bewusst zu tun bedeutet, dass wir auf unser eigenes Verhalten verbal reagieren. Wenn ich mich an die Fahrt zur Arbeit erinnern kann, habe ich auf mein eigenes Verhalten im Auto verbal reagiert. Wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, habe ich während der Fahrt etwas anderes getan, nicht verbal auf meine Autofahrt reagiert.

Nachtrag zu „wir hören uns selbst zu“: Diese Formulierung ist, genau genommen, sprachlich unscharf und ein unfreiwilliger Dualismus. Tatsächlich hören wir uns nicht selbst zu. Wir tun etwas (z. B. subvokal summen). Punkt.

Literatur

Schlinger, Henry D. (2009). Auditory imagining. European Journal of Behavior Analysis, 10(1), 77-85.

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Eingeordnet unter radikaler Behaviorismus, Sprache, Verhaltensanalyse

Simon Baron-Cohen’s Fantastically False Article on Radical Behavior: An Example of Valid, but False Premises

Der Cousin von „Borat“ ist ein relativ bekannter britischer Psychologe. Seine Vorstellungen vom radikalen Behaviorismus scheinen aber so absurd zu sein, dass man meint, sein berühmterer Verwandter stecke dahinter. Hier eine sehr gelungene Replik an Borats Cousin.

The Skeptical Advisor

In the information age it seems that every fact is at our fingertips. Simply googling a topic can lead every person to a multitude of different sources on that topic. However, rational skepticism is a must, if any information we find is to be trusted. This is no less true when information comes from supposed intellectuals speaking on areas that they do not directly contribute to.

A wonderful example of this is the recent article published in the Edge[1] by Simon Baron-Cohen[2]. Simon Baron-Cohen is a psychologist at the Autism Research Center at Cambridge University. In the section titled 2014: What Scientific Idea is Ready for Retirement Baron-Cohen suggests that radical behaviorism should be retired. Based solely on his position and place of work Baron-Cohen would seem, to many people, to be a reputable authority in this area. Unfortunately for Mr. Baron-Cohen and those who would…

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Bewusstsein ist nur ein Wort

Wenn wir nach dem Bewusstsein suchen, werden wir nichts finden. Das Bewusstsein liegt in der Sprache, so Henry Schlinger.

Die Neurowissenschaften suchen nach dem Bewusstsein in den Gehirnprozessen. Die Gehirnprozesse erklären jedoch nicht, was Bewusstsein ist. Die endgültige Erklärung, woher das Bewusstsein kommt, kann nur die Geschichte der Art und die Lerngeschichte des Individuums liefern.

Bewusstsein ist kein Ding oder ein Ort oder ein kognitiver Prozess (was auch immer das ist). Die Gelehrten, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigten, interessierte vor allem die subjektive Erfahrung, die sogenannten Qualia, wie z. B. die Frage, was rote Dinge rot sein lässt. Nach Schlinger (2008) erlernt man das Konzept „Rot“, wenn man lernt, auf viele verschiedene Objekte, die unterschiedliche Gestalten haben, aber alle eine bestimmte Wellenlänge des Lichts reflektieren, mit dem Wort „rot“ zu reagieren.

Das Bewusstsein ist ein unbefriedigendes Konstrukt, denn es hat keinen klar abgrenzbaren Referenten. Es kann auch keine Naturwissenschaft des Geistes geben (wie es die kognitive Psychologie zu sein vorgibt), denn Naturwissenschaften befassen sich mit realen Ereignissen und der Geist ist kein reales Ereignis.

Schlinger (2008) veranschaulicht den Ursprung des Bewusstseins folgendermaßen: Wenn man zur Arbeit fährt und am Ende sich an diese Fahrt nicht mehr erinnert, dann sagt man, man sei sich der Fahrt nicht bewusst gewesen. Was aber tat man, als man zur Arbeit fuhr? Man redete (im Stillen) zu sich selbst oder man stellte sich etwas vor – etwas anderes als die Reize, die mit dem Autofahren zu tun haben. Vielleicht dachte man an ein Gespräch oder das, was in der Nacht zuvor passiert ist. Bewusstsein heißt, etwas zu tun: Wenn wir sagen, wir waren uns einer Sache bewusst, dann sprachen darüber wir (im Stillen) oder stellten uns unsere äußere und innere Umwelt und unser offenes und verdecktes Verhalten vor.

Thomas Nagel fragte einmal, wie es sei, eine Fledermaus zu sein. Schlinger antwortet: Es ist gar nichts. Es gibt keine bewusste Erfahrung, also auch keine Qualia. Für die Fledermaus wird es nie Qualia geben, denn sie hat keine Sprache, um ihre Erfahrung zu beschreiben. Die Fledermaus kann auch fühlen – innere Zustände haben, Schmerz und Befriedigung empfinden usw. Ein Hund mag ein noch reichhaltigeres inneres Leben haben. So lange sie aber weder laut noch im Stillen darüber reden können, haben weder die Fledermaus noch der Hund ein Bewusstsein

Wir bringen unseren Kinder das Bewusstsein bei, indem wir sie fragen, was sie gerade sehen, was sie gerade tun und was sie gerade fühlen. Ein Kind wird sich seiner Umwelt bewusst, wenn es über sie sprechen kann. Je mehr Worte das Kind hat, um sein eigenes, von anderen beobachtbares Verhalten zu beschreiben, desto bewusster ist es seiner selbst. Am schwierigsten lernt man, seine eigenen innern Zustände zu beschreiben. Zu Beginn des Lernprozesses äußert das Kind hörbar, was es sieht, was es tut und was es fühlt. Mit der Zeit tut es das nur noch im Stillen. Doch neurologische Untersuchungen zeigen, dass dieselben Gehirnregionen aktiviert sind, wenn wir laut sprechen und wenn wir nur „denken“.

Die physiologische Basis des Bewusstseins sind die Sprachmechanismen im Gehirn. Dies zeigen auch verschiedene Funktionsstörungen des Gehirns. Menschen, die an visueller Agnosie leiden, können keine Objekte, die sie sehen, erkennen. Mit „erkennen“ meinen wir, dass sie nicht sagen können, was sie sehen – weder laut zu anderen noch still zu sich selbst. Daher sind sie sich der Objekte, die sie sehen, nicht „bewusst“. Kinder lernen meist, Objekte zu erkennen (das heißt zu benennen), wenn sie sie sehen oder hören, selten, wenn sie sie fühlen oder riechen. Jede dieser Aufgaben erzeugt einen anderen neuronalen Pfad. Bei der visuellen Agnosie wird einer dieser Pfade durchtrennt, die anderen bleiben intakt. Die Patienten, die an dieser Störung leiden, können sich sicher durch ihre Umwelt bewegen, sie sind nicht blind. Sie verhalten sich auch den Objekten, die ihnen gezeigt werden, gegenüber auf richtige Weise. Sie sind sich dessen aber nicht bewusst, d.h. sie können über Objekte, die sie nur sehen, nicht sprechen. Berühren sie beispielsweise das Objekt, können sie es dann häufig benennen. Man denke hier an den Fall eines Musikprofessors, den Oliver Sacks beschreibt. Als er einen Handschuh sieht, kann er diesen zwar beschreiben, aber nicht sagen, um was für ein Objekt es sich handelt. Als er seine Hand in den Handschuh stecken soll, spürt er das Objekt und kann es nun richtig benennen.

In uns ist kein Bewusstsein. In uns sind nur anatomische Strukturen und physiologische Prozesse.

„We skeptics find it all too easy to fault obvious pseudosciences, but when it comes to our own messy, unscientific thinking about ourselves, we’re a lot less critical“ (p. 63).

Literatur

Schlinger, Henry D. (2008). Consciousness is nothing but a word. Skeptic, 13(4), 58-63.

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Zucker, Skeptiker und Verhaltensanalyse

Der Konsum von Zucker macht Kinder nicht aggressiv oder hyperaktiv. Im Gegenteil, die Zuckeraufnahme ist bei vielen Aufgaben sehr nützlich.

Dies ist das Thema eines zweiteiligen Artikels in der Zeitschrift „Skeptiker„. Der Artikel von Stephen Ray Flora und Courtney Allyn Polenick wurde von mir übersetzt und ist nicht nur für Skeptiker, sondern auch für Verhaltensanalytiker interessant. Gerade im zweiten Teil geht es darum, dass Zucker eben nicht der „Treibstoff“ für das Gehirn oder gar den „Geist“ ist – darin steckt also viel Kritik am Mentalismus. Da nicht viele verhaltensanalystische Texte auf Deutsch erscheinen, empfehle ich die Lektüre unbedingt (natürlich auch, weil er ganz super übersetzt ist…).

Hier die Zusammenfassung: „Der Mythos, dass der Konsum von Zucker Hyperaktivität oder andere Verhaltensprobleme bei Kindern oder Erwachsenen verursacht, ist durch viele Studien widerlegt. Vermutlich wird dieser Mythos durch soziale Verstärkung und die Bestätigungstendenz aufrechterhalten. Dagegen zeigen viele Studien, dass die Aufnahme von Zucker die sportliche, kognitive und schulische Leistung verbessern, die Selbstkontrolle stärken und die Häufigkeit aggressiven Verhaltens verringern kann. Diese Effekte sind unmittelbar nach Aufnahme des Zuckers am deutlichsten. Zwar benötigt das Gehirn bekanntlich große Mengen an Glucose. Dennoch ist der genaue physiologische Mechanismus, der für die leistungssteigernden Effekte des Zuckers verantwortlich ist, noch umstritten“.

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