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Wie man Vorurteile wirksam abbaut

Eine Studie in Science zeigt, dass man Vorurteile abbauen kann, indem man die betroffene Person bittet, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen sie diskriminiert wurde.

Zur Frage, wie man Einstellungen und insbesondere Vorurteile verändern kann, gibt es Hunderte von Studien. Bei der Mehrzahl dieser Studien (60 %) handelt es sich jedoch nicht um Experimente, sodass auch kaum Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkung von Interventionen gezogen werden können (Paluck, 2016). Bei 29 % der Studien handelt es sich um Laborexperimente (zum Beispiel mit Psychologiestudenten), deren Ergebnisse wenig über die Möglichkeiten, wie man in der Realität die Einstellungen von Wählern und anderen Personen verändern kann, aussagen. Die restlichen 11 % der Studien sind Feldexperimente, wobei jedoch nur in einem Prozent der Studien tatsächlich getestet wurde, ob die Einstellungen von erwachsenen Personen durch bestimmte Maßnahmen (wie zum Beispiel Werbekampagnen) tatsächlich verändert werden können. Aus den vorliegenden Studien kann man allerdings bereits ableiten, dass Einstellungen sich dann ändern, wenn Personen aus dem Bekanntenkreis die einstellungsändernden Informationen übermitteln, wenn sich die Person persönlich durch das Thema angesprochen fühlt u. a. m.

Broockman und Kalla (2016) berichten über ein randomisiertes und kontrolliertes Feldexperiment, in dem die Einstellung von Wählern im US-Bundesstaat Florida gegenüber Transsexuellen längerfristig (über drei Monate) verändert werden konnten. Stimmenwerber, die sich selbst gegenüber den befragten Personen als transsexuell oder nicht transsexuell bezeichneten, suchten persönlich 501 Haushalte auf, die zuvor an einer Onlinebefragung zu verschiedenen Themen teilgenommen hatten. In einem Teil der Haushalte (der Kontrollgruppe) wurde über den Umweltschutz gesprochen. In den anderen Haushalten sprach der Stimmenwerber zunächst das Thema Transsexualität an und bat die befragte Person dann, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie selbst von anderen Menschen schlecht angesehen wurden, weil sie anders waren als diese Menschen (analoger Perspektivenwechsel). Die ganze Befragung dauerte nicht länger als 10 Minuten. Die Intervention hatte aber einen signifikanten, dauerhaften Einfluss auf die Einstellung der befragten Personen gegenüber Transsexuellen sowie deren Bereitschaft, für ein Gesetz zu stimmen, dass die Rechte von Transsexuellen stärken soll. In Nachbefragungen, an denen die Haushalte via Internet teilnahmen, hielt diese Veränderung auch noch drei Wochen, sechs Wochen und drei Monate später an. In der Kontrollgruppe zeigten sich keine vergleichbaren Veränderungen. Die Veränderung in den Einstellungen war bedeutsam; sie entspricht im Ausmaß der Veränderung in den Einstellungen amerikanischer Bürger gegenüber Homosexuellen im Zeitraum von 1989 bis 2012. Interessanterweise hatte der Umstand, dass ein Teil der Stimmenwerber sich selbst als transsexuell offenbarte, keinen zusätzlichen Einfluss auf die Einstellungsänderung der Befragten. In der Einstellungsforschung geht man oft davon aus, dass der Kontakt zu den Angehörigen einer Minderheit die Vorurteile gegenüber dieser Minderheit verringere. Als deutlich wirksamer erwies sich jedoch die Methode des analogen Perspektivenwechsels, also die Aufforderung, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen man diskriminiert wurde. Die Intervention wurde von Mitarbeitern und Unterstützern einer amerikanischen Organisation, die sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen einsetzt, entworfen. Diese führten auch die Befragungen vor Ort durch. Ob es sich um einen erfahrenen Stimmenwerber oder einen Neuling handelte, hatte keinen systematischen Einfluss auf den Erfolg der Intervention.

Literatur

Broockman, D. & Kalla, J. (2016). Durably reducing transphobia: A field experiment on door-to-door canvassing. Science, 352(6282), 220-224.

Paluck, E. L. (2016). How to overcome prejudice. Science, 352(6282), 147-147.

 

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Tauben erkennen sich selbst im Spiegel

Auf Gallup (1970) geht der Spiegeltest (Markierungstest) zurück. Sich selbst im Spiegel zu erkennen, gilt als eine höhere Bewusstseinsleistung. Beim Spiegeltest wird an einer Stelle des Körpers, die das Tier (oder Kind) nicht sehen kann (beim Kind z. B. im Gesicht) und von diesem unbemerkt, eine Markierung angebracht (z. B. ein roter Fleck). Wenn das Kind oder Tier beim eigenen Anblick im Spiegel auf diese Markierung reagiert (z. B. versucht, sie sich wegzuwischen), hat es den Spiegeltest bestanden und damit Selbst-Bewusstsein demonstriert. Menschliche Kinder ab einem Alter von etwa zwei Jahren bestehen den Spiegeltest regelmäßig. Aber auch bestimmte Tierarten konnten den Spiegeltest erfolgreich absolvieren, darunter die großen Menschenaffen, möglicherweise auch Kapuzineräffchen. Bei den Vögeln zeigen Elstern das richtige Verhalten, Krähen und Dohlen dagegen bestehen den Test nicht zuverlässig. Gemeinhin werden phylogenetische Unterschied zwischen den Arten als Grund für das erfolgreiche und nicht-erfolgreiche Bestehen des Spiegeltests angeführt.

Epstein, Lanza und Skinner (1981) berichteten von erfolgreichen Spiegeltests mit Tauben, nachdem diese explizit darauf trainiert worden waren. Die Tauben lernten zunächst, nach einem Punkt zu picken der für sie sichtbar am Körper angebracht war. Zudem lernten sie, mittels eines Spiegels einen Punkt zu finden, den sie ohne Spiegel nicht sehen konnten. Im Experiment von Epstein et al. (1981) gelang es den Tauben, diese beiden Teilfertigkeiten anschließend im Spiegeltest zu integrieren und nach den am eigenen Körper, für sie nur im Spiegel sichtbaren Punkten zu picken.

Zwei andere, unveröffentlichte Studien (Gelhard et al., 1982; Thompson & Contie, 1986), über die in einem Buchkapitel berichtet wird (Thompson & Contie, 1994), konnten die Ergebnisse von Epstein et al. (1981) nicht replizieren. Über die Versuche werden jedoch nur wenige Details berichtet, sodass es schwer fällt, den Grund für das Scheitern der Versuche zu bestimmen. Die Tauben von Epstein et al. (1981) waren erfahrene Versuchstiere, die bereits in vielen Experimenten zum operanten Konditionieren eingesetzt worden waren. Die Tauben in den gescheiterten Versuchen waren dagegen relativ naiv. Zwei andere unveröffentlichte Studien (Cardinal et al., 1999; Christensen et al., 2004) berichten davon, dass die verwendeten Tauben den Spiegeltest bestanden hatten, doch werden auch hier zu wenige Details berichtet, als dass belastbaren Schlussfolgerungen möglich wären.

Uchino und Watanabe (2014) trainierten zwei Tauben, die bereits seit längerem als Versuchstiere dienten. Die Tauben trugen einen grauen Kragen, der verhinderte, dass sie einen bestimmten Bereich unter ihrer Brust sehen konnten. Zudem trugen sie eine Art Strumpf über dem Körper, auf dem später die Punkte angebracht wurden. Der Strumpf sollte verhindern, dass die Taube durch die Berührung beim Anbringen des Punktes „wissen“ konnte, wo sich der Punkt befand. In der ersten Phase des Experiments lernten die Tauben, auf eine blaue Markierung zu picken, die sich an der Stirnseite des Versuchskäfigs befand. In der zweiten Phase wurden sie trainiert, auf einen blauen Punkt an ihrem eigenen Körper zu picken. Der Punkt war an der Schulter, dem Flügel oder einer anderen Stelle des Körpers angebracht, die von der Taube trotz des Kragens eingesehen werden konnten. Diese Markierung wurde im Lauf dieser Phase mehrfach immer wieder an anderen Stellen des Körpers angebracht. In der dritten Phase wurde an der hinteren Seite des Käfigs ein Spiegel angebracht. An der Vorderseite befanden sich zwei Schalter. Wenn die Taube sich im Käfig nach hinten orientierte und in den Spiegel sah, war einer der beiden Schalter kurz erleuchtet. Sobald die Taube sich umdrehte, waren die Schalter wieder dunkel. Nur wenn die Taube dann auf den zuvor erleuchteten Schalter, den sie im Spiegel gesehen hatte, pickte, erhielt sie Futter. Diese drei Phasen des Versuches wurden mehrfach wiederholt, sodass die Tauben in den Teilfertigkeiten des Spiegeltests gut trainiert waren.

Anschließend absolvierten die Tauben den Spiegeltest. Siebenmal war dabei der Spiegel frei, siebenmal war er umgedreht, sodass die Taube ihn nicht nutzen konnte. Die Tauben erhielten während des Tests keine Verstärker. Während jedes Versuchsdurchgangs befand sich ein blauer Punkt direkt unterhalb des grauen Kragens auf dem Strumpf, den die Taube trug, in dem Bereich, den die Taube nicht einsehen konnte. Die Forscher nahmen die Spiegeltest mit Video auf und ließen das Verhalten der Tauben durch unabhängige Beobachter auswerten. Die Tauben zeigten während der Testphase die unterschiedlichsten Verhaltensweisen, darunter auch viele „normale“, taubentypische Verhaltensweisen (wie das Scharren, Flügelschlagen usw.), die mit dem Experiment nichts zu tun hatten. Alle diese Verhaltensweisen zeigten die Tauben unabhängig davon, ob der Spiegel zu sehen war oder nicht, etwa gleich häufig. Einzig bei zwei Verhaltensweisen gab es Unterschied zwischen den Tests, bei denen der Spiegel zur Verfügung stand und bei denen er umgedreht war: Die Tauben beugten sich insgesamt 21 (Taube 1) und 39mal (Taube 2) nach dem Punkt und sie pickten fünf (Taube 1) und neunmal (Taube 2) nach dem Punkt, den sie nur mit Hilfe des Spiegels sehen konnten – nur dann, wenn der Spiegel zur Verfügung stand. War der Spiegel nicht vorhanden, beugten sich die Tauben kein einziges Mal nach dem Punkt und sie pickten auch nicht danach. Der Versuch wurde dadurch etwas verfälscht, dass der Kragen mehrmals über den Punkt rutschte, wenn die Taube sich vorbeugte, um auf den im Spiegel gesehenen Punkt zu picken. Ansonsten wären vermutlich noch deutlich mehr „Picks“ auf den Punkt zu verzeichnen gewesen.

Warum funktionierte der Versuch bei Uchino und Watanabe (2014), nicht aber in einigen anderen Fällen zuvor? – Die Tauben von Uchino und Watanabe (2014) waren erfahren Versuchstiere. Interessant ist der Umstand, dass Taube 1, die die etwas schlechteren Ergebnisse erzielte, die weniger erfahrene Versuchstaube war. Das Training zur Vorbereitung des Spiegeltest war bei Uchino und Watanabe (2014) sehr intensiv. Die Tauben konnten die Teilfertigkeiten des Spiegeltest ausgiebig üben, ehe im eigentlichen Test ihre „Transferleistung“ gefragt war. Andere Autoren gingen davon aus, dass die Deutlichkeit der Markierung für den Erfolg beim Spiegeltest von Bedeutung ist. Das intensive Training, so Uchino und Watanabe (2014), könnte das deutliche Erkennen der Markierung begünstigt haben.

Toda und Watanabe (2008) brachten Tauben bei, zwischen Videoaufnahmen, die sie selbst „live“ zeigten und anderen Videos zu unterscheiden. Später zeigten sie den Tauben zeitlich leicht versetzte Videoaufnahmen von sich selbst. Auch jetzt gelang es den Tauben, diese Aufnahmen von anderen Aufnahmen zu unterscheiden. Je größer jedoch die Zeitverzögerung der Videoaufnahmen war, desto schlechter wurde die Diskriminationsleistung der Tauben. Uchino und Watanabe (2014) vermuten daher, dass die „Selbst-Erkenntnis“ der Tauben im Spiegeltest durch die zeitliche Kontiguität des eigenen Verhaltens und des Verhaltens im Spiegel begünstigt wird.

Tauben bewältigen Aufgaben, bei denen sie ein Exemplar dem Muster zuordnen müssen (matching to sample). Dazu sind sie über viele Variationen hinweg, generalisiert in der Lage. Auch das Konzept der Symmetrie scheint ihnen zugänglich. Im Spiegeltest müssen die Tauben ein Exemplar (den Punkt, den sie im Spiegel sehen) einem Muster (dem Punkt am eigenen Körper) zuordnen.

Wieder einmal (vgl. auch Watanabe et al., 1995) stellen Tauben unter Beweis, dass auch sie, die richtigen Bedingungen in der Umwelt und entsprechendes Training vorausgesetzt, in der Lage sind, hochkomplexe, scheinbar „kognitive“ Leistungen zu vollbringen. Angesichts der geringen Größe des Taubenhirns sollte das einigen kognitiven Neurowissenschaftlern zu denken geben.

Videoclips des Versuchs finden Sie hier.

Literatur

Cardinal, C. D.; Allan, R. W. & DeLabar, J. S. (1999). Self-recognition in the pigeon: A replication and controls. Paper presented at the Annual Meeting of the Association for Behavior Analysis, Chicago, IL.

Christensen, C. J.; Sanders, R. B. & Cheney, C. D. (2004). Self-recognition in the pigeon: An objective model for learning through experience. Poster presented at the Annual Meeting of the California Association for Behavior Analysis, San Francisco, CA.

Epstein, R.; Lanza, R. P. & Skinner, B. F. (1981). “Self-awareness” in the pigeon. Science, 212(4495), 695-696. doi:10.1126/science.212.4495.695.

Gallup, G. G. (1970). Chimpanzees: self-recognition. Science, 167(3914), 86-87. doi:10.1126/science.167.3914.86.

Gelhard, B. S.; Wohlman, S. H. & Thompson, R. K. R. (1982). Self-recognition in the pigeon: a second look. Paper presented at the Northeast Regional Meeting of the Animal Behavior Society.

Thompson, R. K. R. & Contie, C. (1986). Further reflections on mirror usage by pigeons. Paper presented at the Annual Meeting of the Psychonomic Society, New Orleans.

Thompson, R. K. R. & Contie, C. (1994). Further reflections on mirror-usage by pigeons: lessons learned from Winnie-the-Pooh and Pinnochio too. In S. T. Parker, R. W. Mitchell, & M. L. Boccia (Eds.), Self-recognition in animals and humans: developmental perspectives (pp. 392-409). Cambridge: Cambridge University Press.

Toda, K. & Watanabe, S. (2008). Discrimination of moving video images of self by pigeons (Columba livia). Animal Cognition, 11(4), 699-705. DOI: 10.1007/s10071-008-0161-4

Uchino, E. & Watanabe, S. (2014). Self-recognition in pigeons revisited. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(3), 327-334. doi: 10.1002/jeab.112

Watanabe, S.; Sakamoto, J. & Wakita, M. (1995). Pigeons‘ discrimination of paintings by Monet and Picasso. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 63(2), 165-174. doi: 10.1901/jeab.1995.63-165 PDF, 1,25 MB

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Eingeordnet unter Shaping, Stimuluskontrolle, Verhaltensanalyse

Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

Ob sich Menschen egoistisch oder altruistisch entscheiden, hängt weniger davon ab, ob andere ihre Entscheidung mitbekommen, sondern davon, ob sie mit den anderen Menschen in Kontakt treten.

Borba et al. (2014) ließen ihre Versuchspersonen an einer Aufgabe arbeiten, bei der sie sich letztlich zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Entschieden sie sich für Variante 1, so hatte dies für sie selbst unmittelbar positive Konsequenzen, für die Gruppe aber langfristig negative Konsequenzen – eine impulsive, egoistische Wahl. Entschieden sie sich für Variante 2, so führte dies für sie selbst unmittelbar zu nur wenigen positiven Konsequenzen, für alle Gruppenmitglieder zusammen aber langfristig aber zu mehr positiven Konsequenzen – ein Wahl, die man als „ethische Selbstkontrolle“ bezeichnen könnte.

Borba et al. (2014) variierten die Bedingungen, unter denen die Versuchspersonen an der Aufgabe arbeiten und sich letztlich entscheiden mussten.

  1. Wenn jede Versuchsperson allein wählen konnte, entschied sie sich fast ausschließlich egoistisch impulsiv.
  2. Saßen die Versuchspersonen zusammen vor der Aufgabe, konnten reden und sahen, für welche Alternative sich die anderen Versuchspersonen entschieden, so trafen sie meist die Wahl, die ethische Selbstkontrolle zeigte.
  3. Saßen sie zusammen an der Aufgabe und konnte reden, hatten aber keine Informationen über die Entscheidungen der anderen, entschieden sie sich ebenfalls häufig für die ethische, Selbstkontrolle zeigende Alternative.
  4. Zuletzt saßen die Versuchspersonen zusammen an der Aufgabe, konnten aber nicht miteinander reden, jedoch sehen, wie sich die anderen Versuchspersonen entschieden. Hier entschieden sich wieder viele Versuchspersonen impulsiv und egoistisch.

Die sprachliche Interaktion scheint für die Wahl, ob man sich egoistisch und impulsiv oder altruistisch und beherrscht verhält, entscheidend zu sein. Der Umstand, dass man selbst die Entscheidung der anderen sehen kann (und diese die eigene Entscheidung), scheint dagegen wenig Einfluss auf verantwortungsvolles Handeln zu haben.

Literatur

Borba, Aécio; Rodrigues da Silva, Bruno; dos Anjos Cabral, Pedro Augusto; Bentes de Souza, Lívia; Leite, Felipe Lustosa & Tourinho, Emmanuel Zagury. (2014). Effects of exposure to macrocontingencies in isolation and social situations in the production of ethical self-control. Behavior and Social Issues, 23, 5-19. PDF 575 KB

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Drogenabhängige fürs Clean-Sein bezahlen

Nüchtern und strebsam sein sollte doch ausreichen: Das gute Tun trägt seinen Lohn in sich, oder?

Die Idee, Drogenabhängige dafür zu bezahlen, damit sie „clean“ bleiben, befremdet viele Menschen. Dennoch sind Programme, bei denen die Drogenabstinenz von Süchtigen mit materiellen Verstärkern unterstützt wird, ausgesprochen effektiv. Die Teilnehmer an solchen Programmen erhalten z.B. Gutscheine dafür, dass sie eine Urinprobe abgeben, die keine Rückstände von Drogen enthält. Diese Gutscheine können dann wiederum gegen bestimmte Produkte (natürlich keine Drogen!) eingetauscht werden. Obschon sie erwiesenermaßen (vgl. Higgins & Silverman, 1999) wirksam sind, werden diese Programme selten durchgeführt. Ein Grund mag bei den Kosten zu suchen sein: Die meisten ambulanten Einrichtungen für Drogenabhängige haben Probleme, überhaupt die Grundfinanzierung sicherzustellen. Wie sollen sie dann noch solche Programme finanzieren?

Eine Lösung dieses Problems besteht darin, die Teilnehmer an solchen Programmen für ihre Gutscheine arbeiten zu lassen. Zum Teil können so die Kosten refinanziert werden, zum anderen Teil – das ist wohl der wichtigere Teil – lassen sich so andere Finanzierungstöpfe (nämlich solche für berufliche Rehabilitationsmaßnahmen) anzapfen. In diesen Programmen wird der Zugang zur Arbeit nur denjenigen Teilnehmern gewährt, die durch ihre Urin- und / oder Atemprobe nachweisen können, dass sie „clean“ sind. Die Gutscheine sind also sowohl von der Drogenabstinenz als auch von der Teilnahme am Arbeitstraining abhängig. Silverman et al. (2007) berichten von einem Programm, bei dem zudem auch die Leistung des Teilnehmers im Training bei der Höhe der Gutscheine berücksichtigt wurde. Die Teilnehmer sollten zunächst mit Hilfe eines Programms vier Stunden täglich das Zehn-Finger-Tastschreiben erlernen, dann das Eingeben von Daten üben und schließlich „echte“ Fragebögen datenmäßig erfassen. Für jeden genau definierten Fortschritt im Training gab es Punkte, ebenso für die Dateneingabe. Zusätzlich erhielten die Teilnehmer eine Art zeitabhängiges „Grundgehalt“ und sie konnten sich durch ihre Mitarbeit bezahlte Pausen erwirtschaften. Ein ausgefeiltes leistungsabhängiges Entlohnungssystem (vgl. z. B. Abernathy, 1990) wurde somit verwirklicht. Die Wirksamkeit dieses Programms bei der Bekämpfung der Drogensucht wurde von Silverman et al. (2007) in einer aufwändigen Studie nachgewiesen.

Die 56 Teilnehmer des Programms wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt. Beide Gruppen unterschieden sich lediglich in einem Punkt: Während die erste Gruppe unabhängig von dem Ergebnis ihres (dreimal wöchentlich stattfindenden) Drogentests arbeiten durfte, wurden die Teilnehmer der anderen Gruppe nur dann zur Arbeit zugelassen, wenn sie ein negatives Resultat beim Test ablieferten. War das Ergebnis positiv, mussten sie einen Tag aussetzen, zudem wurde ihr „Grundgehalt“ vorübergehend reduziert. Die Teilnehmer der beiden Gruppen (alle waren langjährig kokain- und cracksüchtig) unterschieden sich anfangs in ihrem Dogenkonsum (und in allen weiteren Parametern) nicht voneinander. Am Ende der Studie gab es einen signifikanten Unterschied: Diejenigen Teilnehmer, die nur dann arbeiten durften, wenn sie abstinent waren, lieferten signifikant mehr (29 %) negative Urinproben ab als die anderen Teilnehmer.

Die Studie belegt somit, dass es nicht alleine das Arbeiten ist, das Drogenabhängige clean werden lässt: Gelegentlich wird argumentiert, es genüge, wenn der Drogenabhängige wieder einer geregelten Beschäftigung nachginge. Sicher werden dadurch die Gelegenheiten, bei denen der Abhängige Drogen konsumieren kann, reduziert. Andererseits kann ein Abhängiger auch in seiner Freizeit noch genug an Drogen zu sich nehmen. Die verhaltensanalytisch fundierte Verbindung von Drogenabstinenz und dem Zugang zu Verstärkern (in Form der Gutscheine), scheint unverzichtbar.

Die Teilnehmer der Gruppe, die clean sein musste, um arbeiten zu dürfen, waren zudem billiger: Ein Teilnehmer dieser Gruppe erhielt im Schnitt $ 1732, ein Teilnehmer der anderen Gruppe (die unabhängig von ihrem Drogenkonsum arbeiten durfte) kostete in den drei Monaten der Studie $ 3477. Auch andere Parameter (wie die Neigung zu Verhalten, durch welches das Risiko erhöht wird, an HIV zu erkranken) verbesserten sich in beiden Gruppen, jedoch deutlicher in der Gruppe, die clean sein musste, um arbeiten zu dürfen.

Literatur

Abernathy, W. B. (1990). Designing and Managing an Organization-Wide Incentive Pay System. Memphis, TN: W. B. Abernathy and Associates.

Higgins, S. T. & Silverman, K. (Eds.). Motivating behavior change among illicit-drug abusers: Research on contingency management interventions. Washington, DC: American Psychological Association.

Silverman, Kenneth; Wong, Conrad J.; Needham, Mick; Diemer, Karly N.; Knealing, Todd; Crone-Todd, Darlene; Fingerhood, Michael; Nuzzo, Paul & Kolodner, Kenneth. (2007). A randomized trial of employment-based reinforcement of cocaine abstinence in injection drug users. Journal of Applied Behavior Analysis, 40(3), 387-410. PDF 750 KB

 

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Wahn als Verhaltensrigidität

Der Wahn des Schizophrenen wird aufrechterhalten, obwohl er in der Realität keine Bestätigung findet. Die Anfälligkeit für wahnhafte Vorstellungen gleicht einer erhöhten Anfälligkeit für die Bestätigungstendenz. Habe ich bspw. die Überzeugung, dass andere Menschen meine Gedanken lesen können, wenn sie mir in die Augen schauen, wird diese Überzeugung aufrechterhalten, in dem ich Gelegenheiten zur Widerlegung dieser Hypothese vermeide (denn ich vermeide möglichst, dass jemand mir in die Augen schaut) und bestätigende Belege produziere (ich interpretiere Situationen so, dass sie die Hypothese zu bestätigen scheinen). Die Ursache der erhöhten Bestätigungstendenz des Schizophrenen könnte wiederum das starrere Befolgen von Regeln sein. Wenn man bspw. einer Versuchspersonen eine Regel vorgibt, wie sie durch das Drücken von Knöpfen möglichst viele Punkte erhält, wird diese Person länger an der Regel (und dem dann falschen Verhalten) festhalten, wenn man späterhin die Verstärkungskontingenzen ändert. Regelgeleitetes Verhalten macht unsensibel für die Veränderungen der Umwelt. Monestès et al. (2014) untersuchten bei 17 schizophrenen Patienten und 30 gesunden anderen Versuchspersonen, ob sich das Vorgeben einer Regel auf die spätere Verhaltensrigidität auswirkt und ob es einen Unterschied im starren Festhalten an der Regel zwischen den schizophrenen und den gesunden Versuchspersonen gibt. Zudem wollten sie wissen, ob eine selbstformulierte Regel zu mehr Starrheit im Verhalten führt als eine vorgegebene Regel.

Die Versuchspersonen sollten an einem PC durch das Drücken der Leertaste Punkte verdienen. Auf dem Monitor waren zwei Schalter abgebildet, die wechselweise aktiviert (farblich hervorgehoben) waren. Durch das Drücken der Leertaste wurde der jeweils aktivierte Schalter betätigt. Dabei mussten die Schalter unterschiedlich schnell gedrückt werden, um möglichst viele Punkte zu erhalten. In der Ausgangsituation musste man beispielsweise den linken Schalter so schnell wie möglich und den rechten Schalter mit langsamerem Tempo betätigen, um möglichst viele Punkte zu bekommen.

Zunächst wurde in einem Versuchsdurchlauf getestet, wie lange die Versuchspersonen benötigten, um die optimale Geschwindigkeit für das Tastendrücken herauszufinden (wie lange sie benötigten, um sich an einen Verstärkungsplan anzupassen). Sowohl die schizophrenen als auch die gesunden Versuchspersonen wurden sodann auf drei Gruppen aufgeteilt. Der erste Gruppe (mit Instruktion, MI) wurde die Regel am Beginn des Experiments mitgeteilt. Die beiden anderen Gruppen bekamen keine weiteren Instruktionen, außer, dass sie durch das Drücken der Tasten Punkte verdienen sollten. Nach einer ersten Phase des Experiments wurde nun die zweite Gruppe (Selbstinstruktion, SI) gebeten, eine Regel zu formulieren, nach der ihres Erachtens die Schalter funktionierten („Um so viele Punkte wie möglich zu verdienen, muss man den linken Schalter…“). Diese, die erste (MI) und die dritte Gruppe (ohne Instruktion, WI) arbeiteten nach einer Pause weiter. Nun aber änderte sich die Regel (ohne dass dies den Versuchspersonen mitgeteilt wurde). Gemessen wurde nun, wie schnell sich die Versuchspersonen an die neue Regel anpassen konnten.

Die Ergebnisse bestätigten, dass die Versuchspersonen, die eine Regel (ob vorgeben, MI, oder selbstformuliert) nutzten, länger brauchten, um sich an die veränderten Kontingenzen anzupassen. Dabei fiel es den schizophrenen Patienten, die eine Regel hatten, schwerer als den gesunden Versuchspersonen (die auch eine Regel hatten), sich an die veränderten Umständen anzupassen. Keinen Unterschied gab es zwischen den Gruppen, die eine vorgegebene Regel (MI) und denen, die eine selbstformulierte Regel (SI) nutzten.

Literatur

Monestés, Jean-Louis; Villatte, Matthieu; Stewart, Ian & Loas, Gwenolé. (2014). Rule-based insensitivity and delusion maintenance in schizophrenia. The Psychological Record, 64(2), 329-338.

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Wenn gesunde Nahrungsmittel im Kassenbereich liegen, werden sie auch gekauft

Durch einfache Maßnahmen kann man erreichen, dass sich Kunden für gesunde Lebensmittel entscheiden. Verhaltensanalytiker untersuchen das experimentell (vgl. auch hier).

Isländische Wissenschaftler (Sigurdsson et al., 2014) überprüften in einem Feldexperiment in zwei Supermärkten, ob sich das Kaufverhalten der Kunden ändert, wenn man die üblichen Schokoriegel und ähnliche Produkte in den Ständern im Kassenbereich durch gesunde Nahrungsmittel ersetzt. Die Süßwaren wurden durch getrockneten Fisch (offenbar ein in Island verbreiteter Gesundheitssnack) sowie Nüsse und getrocknete Früchte ersetzt. Über vier Monate hinweg wurde zunächst gezählt, wie viele der jeweiligen Produkte in der ursprünglichen Konstellation (Süßigkeiten an der Kasse, Gesundheitssnacks in anderen Regalen). Danach wurde ausgewertet, wie viele  Produkte verkauft wurden, wenn die Gesundheitsprodukte an der Kasse lagen und die Süßigkeiten in anderen Regalen. Insgesamt wurden über 100.000 Einkäufe ausgewertet.

Ursprünglich wurden nur wenige Packungen getrockneter Fisch, Früchte und Nüsse am Tag verkauft. Der Umsatz vervielfachte sich, wenn die Produkte an der Kasse lagen. Werbemaßnahmen (z. B. Schilder mit der Aufschrift „Getrockneter Fisch ist gut für Ihre Gesundheit und stärkt die Muskeln und das Gehirn“) hatten keinen zusätzlichen Effekt auf den Verkauf dieser Produkte. Zugleich ging der Umsatz an Süßwaren zurück. Dieser lag auch nach dem Ende aller Maßnahmen (als die Süßigkeiten wieder an der Kasse und die Gesundheitssnacks im Regal lagen) noch 29 % unter dem ursprünglichen Niveau. Der Verkauf an Gesundheitssnacks allerdings sank in der Follow-Up-Phase wieder auf den Umfang vor Beginn der Maßnahmen.

Literatur

Sigurdsson, Valdimar;
Larsen, Nils Magne & Gunnarsson, Didrik. (2014). Healthy food products at the point of purchase: An in-store experimental analysis. Journal of Applied Behavior Analysis, 47(1), 1-4.

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Verdammt noch mal, lass das Fluchen!

Wer als Kind oft fürs Fluchen bestraft wurde, ist als Erwachsener aufgeregter als andere, wenn er flucht.

Man kann nicht einfach sagen, was man will. Bestimmte Wörter sind zwar gebräuchlich, aber gesellschaftlich nicht akzeptiert, u. a. Schimpfwörter und Flüche. Schon länger ist bekannt, dass Menschen, die in Experimenten sogenannte Tabu-Wörter vorlesen müssen, eine stärkere Reaktion bei der Messung ihres Hautwiderstands zeigen als Menschen, die neutrale Wörter vorlesen. Der Hautwiderstand ist ein Indikator für die allgemeine physiologische Erregung. Warum aber versetzt uns das Aussprechen von Schimpfwörtern in Aufregung? – Die verhaltensanalytische Erklärung lautet, dass es sich um ein Resultat unserer Lerngeschichte handelt. Wir sind in unsere Vergangenheit öfters für das Aussprechen dieser Wörter bestraft worden. Bestrafung führt zu emotionaler Erregung, diese wiederum überträgt sich auf die Handlungen, für die wir bestraft werden: Wir sind aufgeregt, wenn wir etwas Verbotenes tun. Fluchen und Schimpfworte sagen, ist etwas (mehr oder weniger) Verbotenes, also sind wir dabei auch (mehr oder weniger) aufgeregt. Ein Hinweis, dass die Vermutung, die Lerngeschichte sei dafür verantwortlich, richtig ist, ergibt sich aus einer Studie von Harris et al. (2003). Diese hatten herausgefunden, dass mehrsprachige Versuchspersonen erregter waren, wenn sie Flüche in ihrer Muttersprache vorlasen als wenn sie Flüche in der Zweitsprache vorlasen. Die Muttersprache wurde in der Kindheit, die Zweitsprache erst im Erwachsenenalter erlernt.

Eine erste direkte Bestätigung dieser Vermutung gelang nun Tomash und Reed (2013). Diese ließen 26 Versuchspersonen jeweils zehn Schimpfwörter (z. B. „fuck“, „asshole“, „cocksucker“), zehn emotional gefärbte Wörter, die aber keine Schimpfwörter sind (z. B. „hate“, „death“, „suicide“) und zehn neutrale Wörter (z. B. „light“, „window“, „animal“) vorlesen. Währenddessen wurde der Hautwiderstand der Versuchsperson abgeleitet. Zusätzlich erfragten die Forscher u. a., wie oft die Versuchsperson täglich fluchte und wie häufig sie als Kind für das Fluchen bestraft worden war.

Die Versuchspersonen waren allgemein physiologisch erregter, wenn sie die Schimpfworte vorlasen. Sie waren kaum erregt, wenn sie die neutralen Wörter vorlasen und mäßig erregt, wenn sie die emotionalen Wörter vorlasen. Die Unterschiede waren jeweils signifikant. Zudem waren diejenigen Versuchspersonen, die angaben, als Kinder häufiger fürs Fluchen bestraft worden zu sein, erregter als die Versuchspersonen, die von ihren Eltern selten bestraft wurden. Die Forscher hatten außerdem vermutet, dass Menschen, die häufig fluchen, dabei weniger erregt sind. Dies war jedoch nicht der Fall.

Literatur

Harris, Catherine; Aycicegi, Ayse & Gleason, Jean Berko. (2003). Taboo words and reprimands elicit greater autonomic reactivity in a first than a second language. Applied Psycholinguistics, 24(4), 561-579.

Tomash, J. J. & Reed, Phil. (2013). The relationship between punishment history and skin conductance elicited during swearing. The Analysis of Verbal Behavior, 29, 109-115. PDF 362 KB

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