Monatsarchiv: November 2021

Das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Menschen sich in der Arbeitswelt sicher oder nicht sicher verhalten. Wir leiten daraus ab, was man tun kann, um Menschen dazu zu bewegen, sich sicher zu verhalten. Sich impfen zu lassen, ist ein sicheres Verhalten. Ich werde an dieser Stelle nicht all die Argumente aufführen, warum das so ist, dies ist an anderer Stelle (https://www.gwup.org/coronavirus) schon ausführlicher und besser geschehen. Eine Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu haben oder an der Erkrankung zu sterben, enorm. Streng genommen ist es auch nicht erforderlich, dies anhand der Coronaimpfung noch einmal neu zu diskutieren. Das Prinzip der Impfung ist seit über 200 Jahren bewährt.

Wenn wir in der Verhaltensanalyse wissen wollen, warum ein Mensch das tut, was er tut, sehen wir auf die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens. Unter vorausgehenden Bedingungen verstehen wir alles, was zeitlich vor dem Verhalten geschieht. Dazu gehört zum einen die Lerngeschichte des Individuums, also alles, was die Person bis zum jetzigen Zeitpunkt erlebt hat. Zum anderen gehört dazu aber auch die unmittelbare Vorgeschichte des Verhaltens, sowie die Situation, in der es auftritt. Wenn ich möchte, dass ein Mensch sicher arbeitet, muss ich dafür sorgen, dass er weiß, was das sichere Verhalten ist, dass er das sichere Verhalten zeigen kann und dass er die Möglichkeit dazu hat. Konsequenzen sind im verhaltensanalytischen Sinne Ereignisse, die auf das Verhalten folgen oder mit diesem zusammenhängen. Zu den Konsequenzen zählen nicht nur materielle Veränderungen in der Umwelt der Person (z. B., die Person hat jetzt etwas, was sie zuvor nicht hatte), sondern vor allem soziale Konsequenzen, also die geplanten und ungeplanten Reaktionen anderer Menschen auf das Verhalten. Sicheres Verhalten ist im Vergleich zum nicht-sicheren Verhalten aber auch oft etwas aufwendiger, was die Wahrscheinlichkeit, dass sicheres Verhalten auftritt, tendenziell senkt. Zudem muss man bedenken, dass Konsequenzen (auch schwerwiegende, wie etwa, an einer Erkrankung zu sterben), die nur zeitlich verzögert oder nur vielleicht eintreten, einen geringeren Einfluss auf das Verhalten haben als unmittelbare und sicher eintretende Konsequenzen. Wäre das anders, würde niemand rauchen.

Was lässt sich daraus für das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen, ableiten? Wir sollten zunächst sicherstellen, dass die vorausgehenden Bedingungen das Verhalten, sich impfen zu lassen, begünstigen, u. a.:

  • Die Informationen, die man benötigt, um erkennen zu können, dass Sich-Impfen-zu-Lassen ein sicheres Verhalten ist, müssen leicht verständlich und verfügbar sein.
  • Wie man sich impfen lassen kann, muss so erklärt werden, dass die Person dieses Verhalten leicht selbst zeigen kann.
  • Man sollte alles tun, um den Zugang zur Impfung zu erleichtern. Dies senkt wiederum auf Seiten der Konsequenzen den mit dem Impfen verbundenen Verhaltensaufwand.

Aus der jahrzehntelangen Forschung zum Thema verhaltensorientierte Arbeitssicherheit wissen wir aber auch, dass vorausgehende Bedingungen oft nicht ausreichen, dass ein sicheres Verhalten tatsächlich auftritt. Jede Sicherheitsfachkraft kennt das Problem: der Mitarbeiter wusste, wie er sicher arbeiten soll, er konnte sicher arbeiten, er hatte die Möglichkeit dazu (z. B. war die persönliche Schutzausrüstung verfügbar und leicht zu tragen), er tut es aber trotzdem nicht. Viele Verantwortliche in den Betrieben neigen in diesem Fall dazu, die Maßnahmen auf Seiten der vorausgehenden Bedingungen noch einmal zu wiederholen und gegebenenfalls zu intensivieren. Den Beschäftigten wird noch einmal erklärt, warum es wichtig ist, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung tragen. Gegebenenfalls wird noch mehr Geld in Sicherheitstechnik und in die Organisation des Arbeitsschutzes investiert. Doch wir wissen aus der Forschung, dass man Arbeitssicherheit nicht herbeireden kann. Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir auf die Seite der Konsequenzen blicken.

Impfen hat unmittelbar und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretende unangenehme Konsequenzen. Es ist mit einem bestimmten Aufwand verbunden und man muss gegebenenfalls die Impfwirkung erdulden. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit, aber ebenfalls noch zeitlich recht nahe zum Verhalten (Sich-Impfen-zu-Lassen), können Nebenwirkungen der Impfung auftreten. Die erwünschte Konsequenz der Impfung, dass man sich nämlich nicht infiziert und, wenn man sich infiziert, dass man weniger schwer erkrankt und nicht stirbt, ist dagegen eine, die sich nicht unmittelbar und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erfahren lässt. Im Gegenteil, die Wirkung der Impfung besteht gerade darin, dass ein unerwünschtes Ereignis nicht eintritt.

Was könnte man also auf Seiten der Verhaltenskonsequenzen tun, um das Impfen zu fördern? In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit verfolgen wir den Ansatz, dass sicheres Verhalten systematisch anerkannt und wertgeschätzt werden soll. Für das Impfen würde das bedeuten, dass jemand, der sich (auch jetzt erst noch) impfen lässt, die Rückmeldung erhalten soll, dass dies ein Verhalten ist, was wir wertschätzen.

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit ist auch der Einsatz von materiellen Konsequenzen nicht unüblich. Jedoch handelt es sich dabei in der Regel nur um geringwertige Vergünstigungen, die mehr einen symbolischen Zweck erfüllen, nämlich die Anerkennung und Wertschätzung des Betriebes zu übermitteln (z. B. ein Mittagessen auf Kosten des Betriebs). Materielle Anreize, die man erst in Aussicht stellt, wenn ein erwünschtes Verhalten nicht auftritt, wirken nicht als Verstärker, d. h. sie erhöhen nicht die Wahrscheinlichkeit, dass das sichere Verhalten in Zukunft wieder auftritt. Daraus folgt: Prämien für Impfwillige wären evtl. im Moment wirksam, langfristig werden sie die Impfbereitschaft der Bevölkerung aber nicht erhöhen.

Kommen wir nun zu der Frage, wie es um den Einsatz von unangenehmen Konsequenzen steht. Strafen für das Nicht-Auftreten eines (sicheren) Verhaltens wirken nicht als Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn. Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn bedeutet immer, dass die Rate eines Verhaltens gesenkt wird. Die Rate eines Verhaltens, das nicht auftritt, kann aber nicht gesenkt werden. Unangenehme Konsequenzen der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, funktionieren jedoch im verhaltenswissenschaftlichen Sinn als sogenannte motivierende Operationen. Sie sorgen dafür, dass das Verhalten, sich impfen zu lassen, negativ verstärkt wird. Bei der negativen Verstärkung tut man etwas, um einen unangenehmen Zustand zu beenden oder zu vermeiden. Negative Verstärkung, wie alle Arten des Einsatzes aversiver Konsequenzen (dazu zählen auch zwei Formen der Bestrafung), geht immer mit unerwünschten Nebenwirkungen einher: Die Person, die die aversiven Konsequenzen bereitstellt, wird eher gemieden, Personen, deren Verhalten negativ verstärkt wird, neigen dazu, nach Schlupflöchern zu suchen (also die unangenehme Konsequenz durch ein anderes als das erwünschte Verhalten zu vermeiden – z. B., indem sie sich einen gefälschten Impfausweis besorgen) und vieles mehr. Dies bedeutet aber nicht, dass negative Verstärkung nicht wirkt. Viele Dinge, die wir in unserem Leben tun, tun wir deshalb, weil wir dadurch unangenehme Konsequenzen beenden oder verhindern. Wir zahlen Steuern, u. a., um zu vermeiden, wegen Steuerhinterziehung belangt zu werden. Im Bereich der Steuern würde auch niemand auf die Idee kommen, lieber auf das Prinzip der Freiwilligkeit zu setzen (obwohl es tatsächlich eine Form der freiwilligen, d. h. positiv verstärkten Form des Steuernzahlens gibt, nämlich das Kaufen eines Loses einer staatlichen Lotterie).

Entscheidet man sich dazu, negative Verstärkung einzusetzen, muss man sicherstellen, dass die oben erwähnten Schlupflöcher soweit möglich geschlossen werden, so dass die Person tatsächlich nur die Möglichkeit hat, das erwünschte Verhalten zu zeigen. Zudem kann man auch viel dazu beitragen, dass das negativ verstärkte Verhalten auch positiv verstärkt wird oder aber weniger aversiv wird. Eine verhaltenswissenschaftlich gesehen sinnvolle Maßnahme ist es z. B., wenn man der Person die Wahlfreiheit lässt, mit welchem Impfstoff sie sich impfen lassen möchte. Natürlich sollte, wie bereits oben erwähnt, die Entscheidung, sich impfen zu lassen, immer sozial positiv verstärkt werden (anerkannt und wertgeschätzt werden). Damit negative Verstärkung tatsächlich funktioniert, muss sichergestellt sein, dass durch das erwünschte Verhalten der aversive Zustand tatsächlich beendet wird: D. h., es muss sich für die Person lohnen, dass sie sich impfen lässt, indem sie danach nicht mehr den gleichen Einschränkungen unterliegt, wie vor dem Auftreten des erwünschten Verhaltens (Sich-Impfen-zu-Lassen).

Mehr Informationen zum Thema, wie man mit der angewandten Verhaltensanalyse Menschen dabei hilft, kluge, d. h. sichere Entscheidungen zu treffen, finden Sie in meinem Buch „Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit – Behavior Based Safety (BBS)“ https://esv.info/978-3-503-20073-3.

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