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Zeitgenossen über Rudolf Steiner

(Dies gehört weniger zu „Verhalten“ sondern mehr zu „usw.“).

In dem wirklich empfehlenswerten Buch von Phillip BlomDer taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“ wird u. a. die Esoterik des frühen 19. Jahrhunderts beschrieben. Dabei widmet sich der Autor auch dem Begründer der „Waldorf“-Pädagogik (über die es hier schon mal ging), Rudolf Steiner: „Sein Denken verknüpft Reste eines wissenschaftlichen Positivismus (der jetzt auf ein visionäres ´Erkennen` der geistigen Welt gerichtet war) mit indischer Mystik, katholischem Ritual, expressionistischer Ästhetik, Nietzscheschem Lebenskult und Hegelscher Geschichtsphilosophie, alles garniert mit etwas Fichte, weihevoller Rhetorik und Naturverehrung frei nach Goethe und völliger Humorlosigkeit im Angesicht des Ewigen“ (S. 245).

Weiter berichtet Blom über die Reaktion einiger Zeitgenossen: „Für skeptische Geister war der Kult um Steiners Person unverständlich. Hermann Hesse erklärte sein Denken für ´ungenießbar`, der immer suchende Franz Kafka, der einen Vortag des ´Doktors` gehört hatte, suchte ihn persönlich auf und konnte sich in seinem Tagebuch angesichts des Gegensatzes zwischen hehrer Geheimlehre und schnöder Wirklichkeit der Lächerlichkeit der Situation nicht entziehen: ´Er nickte von Zeit zu Zeit, was er scheinbar für ein Hilfsmittel einer starken Konzentration hält. Am Anfang störte ihn ein stiller Schnupfen, es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, ein Finger an jedem Nasenloch`. Albert Einstein reagierte als Wissenschaftler und hielt Steiners Methode für nichts als ignoranten Hokuspokus: ´Der Mann hat offenbar keine Ahnung von der Existenz einer nichteuklidischen Geometrie… Bedenken Sie doch diesen Unsinn: Übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muß ich doch gebrauchen, um irgend etwas zu erfahren`“ (ebd u. .f).

Wer aus dem Raum Köln kommt und heute Abend noch Zeit hat: André Sebastiani spricht heute bei den Kölner Skeptikern über die Waldorf-Pädagogik (ab 19:30 Uhr im „Herbrands„).

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Eingeordnet unter Administratives, Skepsis

Placebo-Effekte in der (Richtlinien-)Therapie

Robert Mestel (der hier schon als Co-Autor tätig war) hat auf der letzten Skeptiker-Konferenz in München über die Wirksamkeit von Psychotherapieverfahren gesprochen. Leider konnte ich selbst nicht dabei sein, jedoch berichtet das Skeptiker-Blog darüber. Dort gibt es auch einen Video-Mitschnitt von Robert Mestels Vortrag.

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Bewusstsein ist nur ein Wort

Wenn wir nach dem Bewusstsein suchen, werden wir nichts finden. Das Bewusstsein liegt in der Sprache, so Henry Schlinger.

Die Neurowissenschaften suchen nach dem Bewusstsein in den Gehirnprozessen. Die Gehirnprozesse erklären jedoch nicht, was Bewusstsein ist. Die endgültige Erklärung, woher das Bewusstsein kommt, kann nur die Geschichte der Art und die Lerngeschichte des Individuums liefern.

Bewusstsein ist kein Ding oder ein Ort oder ein kognitiver Prozess (was auch immer das ist). Die Gelehrten, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigten, interessierte vor allem die subjektive Erfahrung, die sogenannten Qualia, wie z. B. die Frage, was rote Dinge rot sein lässt. Nach Schlinger (2008) erlernt man das Konzept „Rot“, wenn man lernt, auf viele verschiedene Objekte, die unterschiedliche Gestalten haben, aber alle eine bestimmte Wellenlänge des Lichts reflektieren, mit dem Wort „rot“ zu reagieren.

Das Bewusstsein ist ein unbefriedigendes Konstrukt, denn es hat keinen klar abgrenzbaren Referenten. Es kann auch keine Naturwissenschaft des Geistes geben (wie es die kognitive Psychologie zu sein vorgibt), denn Naturwissenschaften befassen sich mit realen Ereignissen und der Geist ist kein reales Ereignis.

Schlinger (2008) veranschaulicht den Ursprung des Bewusstseins folgendermaßen: Wenn man zur Arbeit fährt und am Ende sich an diese Fahrt nicht mehr erinnert, dann sagt man, man sei sich der Fahrt nicht bewusst gewesen. Was aber tat man, als man zur Arbeit fuhr? Man redete (im Stillen) zu sich selbst oder man stellte sich etwas vor – etwas anderes als die Reize, die mit dem Autofahren zu tun haben. Vielleicht dachte man an ein Gespräch oder das, was in der Nacht zuvor passiert ist. Bewusstsein heißt, etwas zu tun: Wenn wir sagen, wir waren uns einer Sache bewusst, dann sprachen darüber wir (im Stillen) oder stellten uns unsere äußere und innere Umwelt und unser offenes und verdecktes Verhalten vor.

Thomas Nagel fragte einmal, wie es sei, eine Fledermaus zu sein. Schlinger antwortet: Es ist gar nichts. Es gibt keine bewusste Erfahrung, also auch keine Qualia. Für die Fledermaus wird es nie Qualia geben, denn sie hat keine Sprache, um ihre Erfahrung zu beschreiben. Die Fledermaus kann auch fühlen – innere Zustände haben, Schmerz und Befriedigung empfinden usw. Ein Hund mag ein noch reichhaltigeres inneres Leben haben. So lange sie aber weder laut noch im Stillen darüber reden können, haben weder die Fledermaus noch der Hund ein Bewusstsein

Wir bringen unseren Kinder das Bewusstsein bei, indem wir sie fragen, was sie gerade sehen, was sie gerade tun und was sie gerade fühlen. Ein Kind wird sich seiner Umwelt bewusst, wenn es über sie sprechen kann. Je mehr Worte das Kind hat, um sein eigenes, von anderen beobachtbares Verhalten zu beschreiben, desto bewusster ist es seiner selbst. Am schwierigsten lernt man, seine eigenen innern Zustände zu beschreiben. Zu Beginn des Lernprozesses äußert das Kind hörbar, was es sieht, was es tut und was es fühlt. Mit der Zeit tut es das nur noch im Stillen. Doch neurologische Untersuchungen zeigen, dass dieselben Gehirnregionen aktiviert sind, wenn wir laut sprechen und wenn wir nur „denken“.

Die physiologische Basis des Bewusstseins sind die Sprachmechanismen im Gehirn. Dies zeigen auch verschiedene Funktionsstörungen des Gehirns. Menschen, die an visueller Agnosie leiden, können keine Objekte, die sie sehen, erkennen. Mit „erkennen“ meinen wir, dass sie nicht sagen können, was sie sehen – weder laut zu anderen noch still zu sich selbst. Daher sind sie sich der Objekte, die sie sehen, nicht „bewusst“. Kinder lernen meist, Objekte zu erkennen (das heißt zu benennen), wenn sie sie sehen oder hören, selten, wenn sie sie fühlen oder riechen. Jede dieser Aufgaben erzeugt einen anderen neuronalen Pfad. Bei der visuellen Agnosie wird einer dieser Pfade durchtrennt, die anderen bleiben intakt. Die Patienten, die an dieser Störung leiden, können sich sicher durch ihre Umwelt bewegen, sie sind nicht blind. Sie verhalten sich auch den Objekten, die ihnen gezeigt werden, gegenüber auf richtige Weise. Sie sind sich dessen aber nicht bewusst, d.h. sie können über Objekte, die sie nur sehen, nicht sprechen. Berühren sie beispielsweise das Objekt, können sie es dann häufig benennen. Man denke hier an den Fall eines Musikprofessors, den Oliver Sacks beschreibt. Als er einen Handschuh sieht, kann er diesen zwar beschreiben, aber nicht sagen, um was für ein Objekt es sich handelt. Als er seine Hand in den Handschuh stecken soll, spürt er das Objekt und kann es nun richtig benennen.

In uns ist kein Bewusstsein. In uns sind nur anatomische Strukturen und physiologische Prozesse.

„We skeptics find it all too easy to fault obvious pseudosciences, but when it comes to our own messy, unscientific thinking about ourselves, we’re a lot less critical“ (p. 63).

Literatur

Schlinger, Henry D. (2008). Consciousness is nothing but a word. Skeptic, 13(4), 58-63.

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Zucker, Skeptiker und Verhaltensanalyse

Der Konsum von Zucker macht Kinder nicht aggressiv oder hyperaktiv. Im Gegenteil, die Zuckeraufnahme ist bei vielen Aufgaben sehr nützlich.

Dies ist das Thema eines zweiteiligen Artikels in der Zeitschrift „Skeptiker„. Der Artikel von Stephen Ray Flora und Courtney Allyn Polenick wurde von mir übersetzt und ist nicht nur für Skeptiker, sondern auch für Verhaltensanalytiker interessant. Gerade im zweiten Teil geht es darum, dass Zucker eben nicht der „Treibstoff“ für das Gehirn oder gar den „Geist“ ist – darin steckt also viel Kritik am Mentalismus. Da nicht viele verhaltensanalystische Texte auf Deutsch erscheinen, empfehle ich die Lektüre unbedingt (natürlich auch, weil er ganz super übersetzt ist…).

Hier die Zusammenfassung: „Der Mythos, dass der Konsum von Zucker Hyperaktivität oder andere Verhaltensprobleme bei Kindern oder Erwachsenen verursacht, ist durch viele Studien widerlegt. Vermutlich wird dieser Mythos durch soziale Verstärkung und die Bestätigungstendenz aufrechterhalten. Dagegen zeigen viele Studien, dass die Aufnahme von Zucker die sportliche, kognitive und schulische Leistung verbessern, die Selbstkontrolle stärken und die Häufigkeit aggressiven Verhaltens verringern kann. Diese Effekte sind unmittelbar nach Aufnahme des Zuckers am deutlichsten. Zwar benötigt das Gehirn bekanntlich große Mengen an Glucose. Dennoch ist der genaue physiologische Mechanismus, der für die leistungssteigernden Effekte des Zuckers verantwortlich ist, noch umstritten“.

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