Schlagwort-Archive: Skepsis

Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

2 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Psychologie, Skepsis, Therapie

Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im Johns-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im Johns-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Auch in Deutschland wird dieser Mythos selbst 2018 noch von „Spektrum der Wissenschaft“ weiterverbreitet. Interessant finde ich ich, dass die Autorin, Daniela Ovadia, Watson (den Begründer des Behaviorismus) und Rayner als „überzeugte Behavioristen“ bezeichnet, als handle es sich um eine Sektenmitgliedschaft oder eine politisch radikale Gesinnung – ganz abgesehen von ihrem eher holzschnittartigem Bild vom Behaviorismus („erklärte jegliches Verhalten als das Produkt von erlernten Reiz-Reaktions-Schemata“).

Die Behauptung, Albert sei Douglas Merritte gewesen, trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz (Bördlein, 2000). Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Bördlein, C. (2000). Die Bestätigungstendenz. Warum wir (subjektiv) immer recht behalten. Skeptiker, 13(3), 132-138.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, Skepsis

Unfähig, uneinsichtig und uninteressiert

Je unfähiger jemand in einem bestimmten Bereich ist, desto weniger kann er das Ausmaß seiner Unfähigkeit einschätzen und desto weniger interessiert er sich dafür, sich zu verbessern: Das ist die deprimierende Botschaft des Dunning-Kruger-Effekts.

So wie wir uns sehen, sehen uns die anderen nicht. So wie wir uns sehen, sind wir aber auch gar nicht. Die Selbsteinschätzung der Führungsfähigkeit von Vorgesetzten korreliert beispielsweise nur zu 0,04 mit halbwegs objektiven Kriterien (Mabe & West, 1982). Die Divergenz zwischen Realität und Selbsteinschätzung ist dummerweise gerade dann besonders groß, wenn die Fähigkeit, die eingeschätzt werden soll, sehr gering ausgeprägt ist. Je schwächer jemand in einem bestimmten Bereich ist, desto fehlerhafter ist seine Selbsteinschätzung. Die Ursache für dieses Phänomen ist der Dunning-Kruger-Effekt (Kruger & Dunning, 1999). Er tritt dann auf, wenn diejenige Fähigkeit, die erforderlich ist, um die eigene Leistung einzuschätzen, dieselbe ist, die man benötigt, um die Leistung überhaupt zu erbringen. Menschen, die schwache Leistungen erbringen, haben demnach ein doppeltes Defizit: Ihre Leistung ist gering und sie sind unfähig, dies zu erkennen. Oder, wie der Volksmund sagt: Man kann genauso wenig selbst feststellen, dass man schlecht riecht, wie man selbst feststellen kann, dass man dumm ist.

Die Fehleinschätzung bezüglich einer bestimmten Leistung (bei geringer Leistung) ist nicht motivational bedingt. Das heißt, diese Personen geben nicht nur vor, sich eigentlich für kompetenter zu halten, sie glauben es wirklich. Sie können diese Einschätzung selbst dann nicht korrigieren, wenn sie für eine akkuratere Selbsteinschätzung bezahlt werden (Ehrlinger et al., 2008). Dieser Effekt tritt nicht nur im Labor auf. Schlechte Schachspieler überschätzen ihre Leistung in Turnieren und schwache Studenten überschätzen die von ihnen erreichte Punktzahl in Tests. Alles in allem scheinen Menschen, die geringe Leistungen erbringen, oft nicht in der Lage zu sein, das Ausmaß ihrer Defizite einzuschätzen, egal, wie ehrlich und unparteiisch sie sich um eine adäquate Selbsteinschätzung bemühen.

Sheldon et al. (2014) untersuchten den Dunning-Kruger-Effekt im Bereich der sozialen oder emotionalen Kompetenz. Ihre Versuchspersonen waren knapp 400 Studenten, überwiegend im Fach Betriebswirtschaft, die Tests zur sogenannten emotionalen Intelligenz bearbeiten und ihre Fähigkeiten in diesem Bereich selbst einschätzen sollten. Als emotionale Intelligenz bezeichnet man die Fähigkeit, Emotionen in zwischenmenschlichen Situationen wahrzunehmen, zu verstehen, zu regulieren und einzusetzen. Diejenigen, die in den entsprechenden Tests am schlechtesten abschnitten, überschätzen ihre Fähigkeiten am meisten. Dies zeigt, dass der Dunning-Kruger-Effekt auch bei diesen Fähigkeiten auftritt: Die Fähigkeit, die man benötigt, um sich „emotional intelligent“ zu verhalten, ist dieselbe, die man benötigt, um ein Defizit im Bereich der emotionalen Intelligenz festzustellen.

Sheldon et al. (2014) fanden zudem, dass auch die Bereitschaft, Feedback anzunehmen, bei den vom Dunning-Kruger-Effekt Betroffenen eingeschränkt ist. Sie meldeten den Versuchspersonen ihre Leistungen in den Tests zurück. Aber auch nachdem sie ihre Leistungen erfahren hatten, hielten die „schwachen“ Versuchspersonen an ihrer Selbsteinschätzung fest. Sie stellten nun die Angemessenheit oder die Bedeutsamkeit des Feedbacks in Frage, d. h. entweder sie bezweifelten die Aussagekraft der Tests oder sie stellten in Frage, dass die Eigenschaft „emotionale Intelligenz“ überhaupt wichtig ist. Sie äußerten auch kein Interesse an Maßnahmen zur Verbesserung der emotionalen Intelligenz, sei dies das Lesen eines Buches oder die Teilnahme an einem Training. Paradoxerweise waren vor allem die Versuchspersonen, die am besten abschnitten, an einer weiteren Verbesserung ihrer Fähigkeiten interessiert.

Das doppelte Problem des Dunning-Kruger-Effekts scheint ein drei- bis vierfaches zu sein: Wer in einem bestimmten Bereich inkompetent ist, kann das nicht nur schlecht einschätzen, er kann auch Feedback nicht zur Verbesserung seiner Leistung nutzen und er ist nicht daran interessiert, sich zu verändern.

Literatur

Ehrlinger, J.; Johnson, K.; Banner, M.; Dunning, D. & Kruger, J. (2008). Why the unskilled are unaware: Further explorations of (absent) selfinsight among the incompetent. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 105, 98-121. doi:10.1016/j.obhdp.2007.05.002

Kruger, J. & Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1121-1134. doi:10.1037/0022-3514.77.6.1121

Mabe, P. A., III & West, S. G. (1982). Validity of self-evaluation of ability: A review and meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 67, 280-296. doi:10.1037/0021-9010.67.3.280

Sheldon, O. J.; Dunning, D. & Ames, D. R. (2014). Emotionally unskilled, unaware, and uninterested in learning more: Reactions to feedback about deficits in emotional intelligence. Journal of Applied Psychology, 99(1), 125-137. doi:10.1037/a0034138

4 Kommentare

Eingeordnet unter OBM, Psychologie

„Tiefendruck“ ist ein Verstärker

Von Pseudotherapien kann man tatsächlich etwas lernen. Von der Sensorischen Integrationstherapie etwa, dass das Eingepackt-werden-in-Matten für das Verhalten einiger Kinder ein Verstärker ist. Gut zu wissen. Hoffentlich wissen das auch die Anwender dieser Methode.

Einige Ergotherapeuten verwenden im Rahmen der sogenannten sensorischen Integrationstherapie verschiedene Maßnahmen, bei denen das behandeltet Kind einem physischen Druck ausgesetzt wird. Das Kind wird z. B. zwischen Matten oder Kissen gepackt oder vom Therapeuten gedrückt, auch von einer „Knuddel-Maschine“ (Edelson et al., 1999) wird berichtet. Dieser Behandlung liegt die Annahme zugrunde, dass der „Tiefendruck“ eine langanhaltende beruhigende Wirkung habe.

McGinnis et al. (2013) stellen sich die Frage, ob diese Maßnahmen als Verstärker wirken. Die Therapeuten verwenden diesen Tiefendruck vor allem, um Kinder, die problematisches Verhalten zeigen, zu beruhigen. Wenn Tiefendruck ein Verstärker ist, steht zu befürchten, dass sich das Problemverhalten verschlimmert, wenn sein Einsatz kontingent auf das Problemverhalten erfolgt. Mit anderen Worten: Das Kind mag zwar durch den Tiefendruck vorübergehend ruhig werden, langfristig aber wird das Problemverhalten häufiger auftreten, denn es wird ja durch diese Maßnahme verstärkt.

McGinnis et al. (2013) testeten diese Maßnahmen auf ihre Verstärkerwirkung hin. Drei Kinder mit einer schweren Form des Autismus nahmen an den Versuch teil. Die Kinder sollten lernen, entweder auf ein Kreissymbol oder ein Dreieck zu deuten. Deuteten sie auf das richtige Symbol, wurden sie zwischen die zwei Hälften einer Gymnastikmatte gepackt (der Kopf und der Hals des Kindes waren natürlich frei). Die Anforderung an das Kind wechselte mit den Phasen der Untersuchung. Zunächst sollten die Kinder auf das Dreieck deuten. Das Verhalten der Kinder passte sich schnell an, sie deuteten nach wenigen Versuchen kaum mehr auf den Kreis, sondern fast ausschließlich auf das Dreieck. In der nächsten Phase sollten die Kinder den Kreis berühren. Auch hier passte sich das Verhalten der Kinder schnell an. Auch bei weiteren Wechseln änderte sich das Verhalten in Abhängigkeit von der geltenden Kontingenz (der Regel, welches Verhalten – das Deuten auf eines der beiden Symbole – dazu führte, dass das Kind anschließend für kurze Zeit zwischen die Matte gepackt wurde).

Dieser Versuch legt nahe, dass die übliche Praxis des Einpackens (die Ausübung von Tiefendruck) für das Verhalten der so behandelten Kinder ein Verstärker ist. Die Autoren empfehlen, diese Maßnahmen, wenn überhaupt, nur gezielt und im Wissen um ihre mögliche Verstärkereigenschaft einzusetzen, z. B. um erwünschtes Verhalten zu formen.

Literatur

Edelson, S. M.; Edelson, M. G.; Kerr, D. C. R. & Grandin, T. (1999). Behavioral and physiological effects of deep pressure on children with autism: A pilot study evaluating the efficacy of Grandin’s hug machine. American Journal of Occupational Therapy, 53, 145-152.

McGinnis, Amy A.; Blakely, Elbert Q; Hervey, Ada C.; Hodges, Ansley C. & Rickards, Joyce B. (2013). The behavioral effects of a procedure used by pediatric occupational therapists. Behavioral Interventions, 28(1), 48-57. PDF 257 KB

6 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Falschdarstellungen der verhaltensanalytischen Autismustherapie und der Erfolg der Pseudotherapien

Die wissenschaftlich abgesicherte verhaltensanalytisch fundierte Therapie bei Autismus wird oft falsch dargestellt. Zudem werden pseudowissenschaftliche Verfahren angepriesen (ich berichtete). Oft hängt das eine mit dem anderen zusammen: Die wissenschaftlich abgesicherte Therapie wird diffamiert, damit die pseudowissenschaftliche Therapie als Lösung verkauft werden kann. Ein Phänomen, das aus der Vermarktung der Alternativmedizin bekannt ist.

Die verhaltensanalytische Therapie gilt beim frühkindlichen Autismus als der Gold-Standard. Foxx (2008) berichtete, dass über 1000 wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften mit Gutachterverfahren erfolgreiche Ergebnisse der Therapie darstellen. Dennoch greifen sowohl Eltern als auch Therapeuten immer wieder zu Verfahren, für deren Wirksamkeit keine wissenschaftlichen Belege vorliegen. Sowohl die ethischen Richtlinien der amerikanischen Psychologenvereinigung als auch der Zertifizierungsstelle für Verhaltensanalytiker (BACB) betonen, dass ein ethisches Handeln voraussetzt, dass man nur die Verfahren einsetzt, die sich in einer wissenschaftlichen Überprüfung als wirksam erwiesen haben. Zwar verwenden einige dieser „alternativen“ Verfahren auch Methoden, wie sie ähnlich bei der verhaltensanalytischen Therapie eingesetzt werden. Dennoch ist ihr Einsatz in diesen alternativen Verfahren ohne eine wissenschaftliche Absicherung unethisch. Überaschenderweise nutzen sogar 16,4 % der zertifizierten Verhaltensanalytiker eine wissenschaftlich nicht abgesicherte Methode wie die sensorische Integrationstherapie (SIT), zum Teil parallel zu der verhaltensanalytischen Therapie (Schreck & Mazur, 2008). Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass die Verhaltensanalytiker erleben mussten, dass man ihren Methoden mit Misstrauen und Vorbehalten begegnet ist. Ein „Buffet-Ansatz“, bei dem sich Therapeut und Klient jeweils das aus dem Angebot an Therapien heraussuchen, was ihnen gerade zusagt, ist wohl leichter durchzuhalten als die strikte Befolgung der wissenschaftlich abgesicherten verhaltensanalytischen Therapie.

Schreck und Miller (2010) geben einen Leitfaden, wie man alternative Behandlungsansätze in der Praxis schnell einschätzen kann. Zudem nennen sie die verbreitetsten Argumente, die gegen die verhaltensanalytische Therapie vorgebracht werden.

Hier ihr Leitfaden, wie man als Praktiker verfahren soll, wenn man mit einer „alternativen“ Therapie konfrontiert wird:

  1. Prüfe, ob es Metaanalysen oder Übersichten (Reviews) zu dem Verfahren gibt. Sofern es mehrere gibt, wäge diese gegeneinander ab. Verfolge dabei auch die Kritik an diesen Metaanalysen und beurteile diese Kritik vor dem Hintergrund deiner Methodenkenntnisse im wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn die vorliegenden Metaanalysen und Übersichten nahelegen, dass das Verfahren wirksam ist, dann kannst du es ggf. auch einsetzen.
  2. Wenn es keine solchen Überblicksarbeiten gibt, verschaffe dir einen Überblick über die vorliegenden Studien zum Verfahren. Um die Qualität dieser Studien zu beurteilen, greife wiederum auf deine Methodenkenntnisse zurück und stelle dir u. a. folgende Fragen: Gibt es in diesen Studien eine Kontrollgruppe? Wurden die Versuchspersonen den Gruppen zufällig zugewiesen? Wurde die Studie in einer Zeitschrift mit Gutachterverfahren veröffentlicht? Usw.
  3. Wenn es kaum oder keine Studien zu dem Verfahren als Ganzes gibt, prüfe, ob es einzelne Komponenten dieses Verfahrens wissenschaftlich geprüft wurden. Beachte dabei:
    1. Die theoretische Basis dieses Verfahrens.
    2. Die verwendeten Methoden.
    3. Die Wirksamkeitsbehauptungen.

Welche dieser Komponenten kann sich auf fundierte Forschung berufen? Steht beispielsweise die theoretische Grundlage des Verfahrens in Widerspruch zu den wohletablierten Kenntnissen der Grundlagenwissenschaften? Können die Techniken zumindest theoretisch überhaupt funktionieren? Ist es z. B. wahrscheinlich, dass man durch Bewegungen der Extremitäten auf einer Körperseite nicht nur die motorischen Neuronen der gegenüberliegenden Hirnhälfte aktiviert, sondern auch bestimmte kognitive Fähigkeiten? Wenn dies zweifelhaft erscheint und zudem keine Wirksamkeitsbelege für das Verfahren oder Teile des Verfahrens vorliegen, sollte man davon Abstand nehmen, dieses Verfahren zu verwenden.

  1. Wenn anekdotische Belege für den Nutzen des Verfahren oder einzelner Techniken vorliegen, sollte man fragen, auf welche Weise diese scheinbaren Erfolge entstanden sein können. Eine Besserung der Symptome nach der Anwendung der Methoden des unwissenschaftlichen Verfahrens muss nicht bedeuten, dass das Verfahren wirksam ist (Wer-heilt-hat-Recht-Fehler).
  2. Wenn es naheliegt, dass tatsächlich die eingesetzten Methoden des unwissenschaftlichen Verfahrens wirksam waren, es andererseits jedoch unwahrscheinlich ist, dass die dem Verfahren zugrundeliegende Theorie gültig ist, dann überlege, welche anderen, verhaltenswissenschaftlich fundierten Prozesse für den anscheinenden Erfolg der Maßnahmen verantwortlich sein könnten.

Schreck und Miller (2010) demonstrieren den Einsatz dieses Leitfadens anhand der sensorischen Integrationstherapie (SIT).

  1. Es liegen keine Metaanalysen und Übersichtsarbeiten zur SIT vor.
  2. Es gibt auch keine Wirksamkeitsstudien, die den üblichen Kriterien genügen
  3. Es gibt keine publizierten wissenschaftlichen Studien, die die theoretischen Grundlagen der SIT belegen könnten. Einzelne Methoden der SIT (wie die Anwendung von „Tiefendruck“, taktiler Stimulation, grobmotorischer Übungen usw.) wurden nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit hin geprüft.
  4. Es gibt zahlreiche Erfolgsanekdoten, die die Wirksamkeit von SIT und einzelnen Techniken der SIT belegen sollen. In der Regel sind diese Erfolge aber nur scheinbare Erfolge, da sich die Besserung entweder nicht belegen lässt oder auch durch andere Faktoren (z. B. zyklischer Verlauf von Erkrankungen oder Zeit und Reifung) erklärt werden kann.
  5. Einzelne Methoden haben tatsächlich eine Wirkung, die sich aber besser vor dem Hintergrund der Verhaltenswissenschaft als vor dem Hintergrund der unwissenschaftlichen Theorie der SIT erklären lassen. Z. B. konnte gezeigt werden, dass die beruhigende Wirkung der Ausübung von Tiefendruck sich durch Verstärkereigenschaften dieser Techniken erklären lässt (vgl.McGinnis et al., 2013).

Die von den Vertretern der SIT behaupteten Wirkungen der Therapie (eine verbesserte Fähigkeit zu fokusieren, Verbesserung der Funktion des Nervensystems, bessere Organisation der Gedanken und Gefühle) sind entweder nicht belegt oder aber nicht messbar. Erfolgsversprechen, die sich in einer konkreten Verhaltensänderung niederschlagen würden, werden seltener gemacht.

Insgesamt gesehen muss vom Einsatz der SIT oder einzelner Techniken der SIT vor diesem Hintergrund abgeraten werden.

Die Nachfrage nach SIT und anderen unwissenschaftlichen Verfahren speist sich jedoch nicht nur aus deren behaupteter Wirksamkeit. Die Ablehnung der verhaltensanalytisch fundierten Therapie bei Autismus (ABA) ist auch ein Grund für die Popularität von SIT. Diese Ablehnung resultiert aus den – oft von den Anhängern unwissenschaftlicher Verfahren verbreiteten – Falschdarstellungen von ABA. Die Anhänger „alternativer“ Autismustherapien folgen dabei dem bewährten Muster der Alternativmedizin: Schädige erst den Ruf der wissenschaftsbasierten Verfahren, um so Ablehnung und, wenn möglich, einen Nocebo-Effekt zu fördern und biete anschließend die eigenen wirkungslosen Verfahren als „sanfte“ und „nebenwirkungsfreie“ Alternative an.

Die verbreitetsten Falschdarstellungen lauten:

  1. „ABA ist rigide und mechanistisch“.

Dem steht die soziale Validität der ABA-Ansätze entgegen, d. h. sie sind nachvollziehbar und machen sich positiv im Alltag bemerkbar. Zudem lehrt ABA nicht vorrangig Gehorsam, sondern ein breites Spektrum an kognitiven und sozialen Fertigkeiten, die den Patienten bei der Lebensbewältigung helfen. Auch sind ABA-Programme immer das Resultat einer umfassenden Diagnose und Situationsanalyse, auf deren Grundlage ein individualisiertes Behandlungsprogramm zusammengestellt wird.

  1. „ABA verwendet vorrangig Strafen, die alternativen Ansätze dagegen nur positive Maßnahmen“.

ABA arbeitet hauptsächlich mit positiver Verstärkung und nur in sehr geringem Ausmaß, bei sehr klar definierten Problemen, mit aversiven Maßnahmen, z. B. dann, wenn andere Maßnahmen nicht wirken und der Schaden für das Kind (z. B. durch lebensgefährdendes selbstverletzendes Verhalten) bei Unterlassung erheblich wäre. Auch gilt hier, dass immer die am wenigsten beeinträchtigende Maßnahme gewählt werden soll (also nicht „Schläge und Elektroschocks“, sondern allenfalls Entzug eines Spielzeugs oder das Sprühen eines feinen Wassernebels ins Gesicht). Bei alternativen Verfahren wird dagegen in der Regel überhaupt nicht geprüft, ob eine eingesetzte Methode ein Strafreiz sein könnte (z. B. in eine enge „Körpersocke“ gepresst zu werden). Bestenfalls dient hier das Ausbleiben von heftiger Gegenwehr des Kindes als Indiz, dass das Kind die Behandlung dulde. Mit ähnlichen Argumenten wird ja auch verteidigt, dass Säuglingen ohne Betäubung Schmerz zugefügt wird (z. B. bei Beschneidungen), diese hätten kein Schmerzgedächtnis und das Weinen sei nicht notwendigerweise der Ausdruck von Schmerz. Nur weil es sich nicht artikulieren kann, bedeutet dies nicht, dass das Kind die Behandlung gut findet. Verhaltensanalytiker erkennen dagegen einen Strafreiz auch daran, dass er dazu führt, dass ein Verhalten, auf das er kontingent folgt, seltener auftritt – eine ausgesprochen objektive und die einzig wissenschaftlich fundierte Methode zur Feststellung, ob eine Maßnahme aversiv ist oder nicht.

  1. „ABA ist aufwändig und teuer, alternative Verfahren dagegen sind billig und einfach“.

Sicherlich kostet eine ABA-Therapie anfänglich mehr als die meisten alternativen Verfahren. Auch ist sie aufwändig, sowohl was die zu investierende Zeit als auch was die Ausbildung und die Fertigkeiten des Therapeuten angeht. Viele alternative Verfahren sind dagegen leicht zu erlernen und anzuwenden. Sie suggerieren, dass es für ein komplexes Problem eine einfache Lösung gibt. Dies macht Verfahren wie SIT für vielbeschäftigte Therapeuten und Pfleger so attraktiv.

  1. „Alle Kinder mit Autismus sollten dieselbe Behandlung bekommen“.

ABA-Therapeuten machen wenige Vorannahmen über autistische Kinder, sie gehen nicht davon aus, dass alle autistischen Kinder mehr oder weniger die gleichen Symptome haben, sondern sie verlassen sich auf eine eingehende Analyse, um herauszufinden, welche Probleme unter welchen Umständen auftreten. Die Anhänger von SIT dagegen setzen voraus, dass alle Kinder, denen die Diagnose „Autismus“ zugewiesen wurde, ein Problem mit der Verarbeitung ihrer Sinnesreize, der „sensorischen Integration“ hätten.

  1. „Alternative Verfahren sind harmlos, warum also sollte man sie nicht verwenden?“

Schreck und Miller (2010) bezeichnen dies als den Buffet-Ansatz der Autismustherapie. Wie an einem Buffet sucht man sich aus dem Angebot an Therapien und Methoden das heraus, was einem zusagt. Es gibt aber, so könnte man anmerken, keine Wahrheit im Falschen. Ein wirkungsloses Verfahren trägt nichts zu einer wirkungsvollen Behandlung bei, es parasitiert aber bei der erwiesenermaßen wirkungsvollen verhaltensanalytischen ABA-Therapie, sofern diese zeitgleich ausgeführt wird. Die Besserung, die ABA bewirkt, wird ganz oder teilweise dem „alternativen“ Verfahren zugeschrieben. Man kennt dieses Phänomen von der Alternativmedizin. Zusätzlich zum Antibiotikum werden Globuli oder andere Placebos eingenommen. Geht es dem Patienten besser, wird dies den Globuli zugeschrieben, geht es ihm schlechter, lag dies an den Nebenwirkungen der Antibiotika.

  1. „Viele Kunden berichten von Erfolgen der alternativen Verfahren“

Erfolgsanekdote und andere unzuverlässige Belege gibt es in der Szene zuhauf. Sie sagen aber rein gar nichts über die tatsächliche Wirksamkeit der alternativen Verfahren aus.

  1. „Das alternative Verfahren existiert schon so lange. Dies ist ein Beleg für seinen Nutzen“.

Dies ist ein Appell an die Tradition und insofern ein ungültiges Argument. Auch die Sklaverei und die Unterdrückung der Frau können auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblicken, dies bedeutet jedoch nicht, dass diese gesellschaftlichen Zustände „richtig“ waren. Ebenso blickt die Astrologie auf eine Jahrtausende währende Geschichte zurück, auch dies sagt nichts über ihre Gültigkeit aus. Zudem passen sich auch alternative Verfahren mit der Zeit an, um so der Widerlegung zu entgehen. Doch in jeglicher Form fallen sie durch, wenn sie denn wissenschaftlich getestet werden. Jedes Jahr tauchen neue Formen sogenannter alternativer Verfahren auf. Die Wissenschaft kommt schlicht nicht hinterher damit, sie alle zu prüfen. Daher sollte man erst dann ernsthaft über solche Verfahren diskutieren, wenn sie jenseits der allfälligen Erfolgsanekdoten erste Belege für ihre Wirksamkeit vorlegen können.

Schreck und Miller verweisen darauf, wie schwierig es ist, als Therapeut bei seinen wissenschaftlichen Standards zu bleiben. Der Druck von Seiten der Medien und der Eltern, auch „alternative“ Verfahren in einem Behandlungs-Buffet anzubieten, ist enorm. Mit dem vorgestellten Leitfaden und der Argumentationshilfe zur Entgegnung auf Falschdarstellungen des ABA-Ansatzes möchten sie eine Hilfestellung geben. Der Artikel enthält zudem eine ausführliche, thematisch sortierte Literaturliste, um auf diese Falschdarstellungen fundiert reagieren zu können.

Literatur

Foxx, R. M. (2008). Applied behavior analysis treatment of autism: The state of the art. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America, 17(4), 821-834.

McGinnis, Amy A.; Blakely, Elbert Q; Hervey, Ada C.; Hodges, Ansley C. & Rickards, Joyce B. (2013). The behavioral effects of a procedure used by pediatric occupational therapists. Behavioral Interventions, 28(1), 48-57. PDF 257 KB

Schreck, K. A. & Mazur, A. (2008). Behavior analyst use of and beliefs in treatments for people with autism. Behavioral Interventions, 23(3), 201-212.

Schreck, Kimberly A. & Miller, Victoria A. (2010). How to behave ethically in a world of fads. Behavioral Interventions, 25(4), 307-324. PDF 152 KB

Smith, T.; Mruzek, D. W. & Mozingo, D. (2005). Sensory integrative therapy. In J. W. Jacobson, R. M. Foxx & J. A. Mulick (Eds.), Controversial therapies for developmental disabilities: Fad, fashion and science in professional practice (pp. 331-350). Mahwah, NJ, US: Lawrence Erlbaum Associates Publishers.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse

Autismus-Therapien in den Medien

Zeitungen und Zeitschriften berichten viel häufiger über unwissenschaftliche als über wissenschaftlich abgesicherte Verfahren zur Behandlung des Autismus. Zudem stellen sie die unwissenschaftlichen Verfahren deutlich positiver dar als die wissenschaftlichen.

Wie bei allen schwerwiegenden Erkrankungen gibt es auch im Bereich des Autismus eine Vielzahl an zweifelhaften Behandlungsmethoden. Für 45 % aller am Markt befindlichen Behandlungsmethoden für Autismus gibt es keinerlei Forschungen, die die Wirksamkeit oder Sicherheit dieser Verfahren belegen würden (Richdale & Schreck, 2008; Romcanczyk et al., 2008). Die wenigsten Eltern wählen aber die Behandlungsmethode für ihr Kind aufgrund einer kritischen Prüfung der Studienlage. Eltern wählen die Behandlung aufgrund von Empfehlungen. Viele Empfehlungen finden sich heutzutage in den Medien, dem Fernsehen und dem Internet, aber auch in Zeitungen und Zeitschriften.

Schreck et al. (2013) untersuchten, wie häufig über Behandlungsmethoden für Autismus in den Jahren 2000 bis 2010 in den fünf auflagenstärksten Tageszeitungen und Zeitschriften der USA berichtet wurde. Sie fanden insgesamt 88 Artikel, 72 in den Zeitungen, 16 in den Zeitschriften. Schreck et al. (2013) zählten aus, wie oft eine Behandlungsmethode erwähnt wurde und ließen von Experten, die bezüglich des Untersuchungszieles verblindet waren, beurteilen, ob die Erwähnung in einem positiven (empfehlenden) oder negativen (von einem Einsatz abratenden) Zusammenhang stattfand.

Schreck et al. (2013) verglichen, wie oft und in welchem Zusammenhang (in Bezug auf Autismus) wissenschaftlich gut abgesicherte, wissenschaftlich wenig abgesicherte und unwissenschaftliche Verfahren erwähnt wurden. Als wissenschaftlich gut abgesichert galt allein die verhaltensanalytisch fundierte Therapie (ABA). Dies entspricht auch einer Empfehlung des amerikanischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 1999 (U.S. Department of Health and Human Services, 1999). Als wenig abgesichert galten die Verfahren TEACCH (Treamtment and education of autism and related communication handicapped children), Floortime, die Vitamintherapie und die Touch Therapy. Als unwissenschaftlich werteten die Autoren unter anderem die Sensorische Integrationstherapie, die gestützte Kommunikation (Faciliated communication, FC), die glutenfreie Diät, die Musiktherapie, die Cranio-Sacral-Therapie und die Festhaltetherapie.

Die Autoren fanden, dass zu 80 % wissenschaftlich nicht oder wenig abgesicherte Verfahren erwähnt wurden, nur zu 20 % wurde die wissenschaftlich abgesicherte ABA-Therapie erwähnt. Bestürzend ist zudem, dass auf jede negative Darstellung von ABA nur zwei positive Darstellungen kamen, bei den wenig und unwissenschaftlichen Verfahren dagegen kamen auf jede kritische Darstellung gleich vier positive Darstellungen. Nicht nur, dass die Medien viel häufiger über die wenig abgesicherten oder unwissenschaftlichen Verfahren berichten, sie stellen diese auch noch wesentlich positiver dar als das wissenschaftlich abgesicherte Verfahren. Hinzu kommt, dass sich dieses Verhältnis über die zehn Jahre hinweg verschlechtert hat, d. h. in den späteren „0er“-Jahren wurde seltener und negativer über ABA berichtet als in den frühen, umgekehrt wurde gegen Ende des Erhebungszeitraums häufiger und positiver über die wenig abgesicherten und unwissenschaftlichen Verfahren berichtet.

Die Zahlen sind erschreckend, zumal die negativen Kommentare über ABA meist von wenig Kenntnis der Methode zeugen („hauptsächlich Bestrafung“, „roboterhaft“ etc.), die positiven Kommentare über die unwissenschaftlichen Verfahren dagegen die üblichen Stereotype wiedergeben, wie sie auch über die Alternativmedizin von den Medien verbreitet werden („ganzheitlich“, „sanft“ etc.). Die seriöseren Zeitungen und Zeitschriften unterschieden sich nicht von den weniger serösen. Unter anderem fiel das „Wall Street Journal“ dadurch auf, dass es fast ausschließlich positiv nur über die unwissenschaftlichen Verfahren berichtete.

Die Ergebnisse von Schreck et al. (2013) können natürlich auch so interpretiert werden, dass es viel mehr unwissenschaftliche als wissenschaftlich abgesicherte Verfahren gibt. Auch berichten Zeitungen und Zeitschriften naturgemäß eher über Neuigkeiten. Es gibt immer wieder neue unwissenschaftliche Verfahren, die Eltern Hoffnungen machen. Über ABA gibt es allerdings keine Neuigkeiten, außer, dass die Wirksamkeit des Verfahrens immer besser nachgewiesen wird.

Die Autorinnen schlagen vor, dass Verhaltensanalytiker nicht nur mit Leserbriefen reagieren sollen, wenn sie Falschdarstellungen von ABA in Zeitungen und Zeitschriften finden. Besser ist ihres Erachtens ein proaktiver Zugang: Auch ABA-Therapeuten können mit bewegenden Geschichten aufwarten. Solche „Neuigkeiten“ werden von den Journalisten gerne aufgegriffen. Zudem sind dies – leider – die „Argumente“, die viele Eltern davon überzeugen, sich für eine bestimmte Therapie für ihr Kind zu entscheiden.

In Deutschland ist ABA noch kaum verbreitet. Es ist für Eltern, die sich eine ABA-Therapie für ihr Kind wünschen, extrem schwer, einen (wirklich) geeigneten Therapeuten für ihr Kind zu finden (wirklich geeignet sind nur die BCBA-zertifizierten Therapeuten). Doch schon jetzt finden sich im Internet diffamierende Darstellungen von ABA. Diesen gegenüber stehen die vielen schönfärberischen Darstellungen pseudowissenschaftlicher Verfahren. Eine entsprechende Auswertung mit deutschen Zeitungen und Zeitschriften dürfte gegenwärtig nur wenige Treffer erbringen.

Literatur

Richdale, A. & Schreck, K. A. (2008). A history of assessment and intervention in autism. In J. Matson (Ed.), Clinical assessment and intervention for autism (pp. 3-32). NY: Elsevier.

Romanczyk, R. G.; Gillis, J. M.; White, S. & Digennaro, F. (2008). Comprehensive treatment packages for autism: Perceived vs. proven effectiveness. In J. Matson (Ed.), Clinical assessment and intervention for autism (pp. 351-381). NY: Elsevier.

Schreck, Kimberly A.; Russel, Melissa & Vargas, Luis A. (2013). Autism treatments in print: Media’s coverage of scientifically supported and alternative treatments. Behavioral Interventions, 28(4), 299-321. PDF 1,03 MB

U.S. Department of Health and Human Services. (1999). Mental health: A report of the surgeon general. Retrieved June 7, 2010 from here.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Kritik, Therapie, Verhaltensanalyse

Warum die meiste biomedizinische Forschung falsch ist

Für Skeptiker: der Großteil der biomedizinischen (u. a. pharmazeutischen) Forschung ist so fehlerhaft, dass ihre Ergebnisse nicht verwertbar sind. Das Video ist lang (1,5 h) und auf Englisch, aber besser als das, was grad im Fernsehen läuft.

2 Kommentare

07/11/2013 · 19:24

Ist der Vater abwesend, wird die Tochter zum Flittchen…?

Es hat funktioniert, Sie lesen weiter! – Doch in der Tat: So könnte man – grob vereinfacht und politisch unkorrekt – die Ergebnisse mehrerer Studien zusammenfassen. Mädchen, deren Vater lange abwesend war, sind im Schnitt sexuell früher reif, haben mehr Sexualpartner und neigen weniger zu „Safer-Sex“ als andere. Bislang war nicht recht klar, wie dieser Zusammenhang zustande kommt. Eine Studie aus den USA versuchte sich an einem experimentellen Nachweis.

Wenn der Vater während ihrer Kindheit psychisch oder physisch abwesend ist (nicht bei der Familie lebt, oder sich nicht in der Familie engagiert), zeigen Mädchen eine beschleunigte sexuelle Entwicklung und ein riskanteres Sexualverhalten. Dieser Zusammenhang konnte in vielen Studien bestätigt werden (vgl. DelPriore & Hill, 2013, S. 1) und er gilt beispielsweise nicht für die Töchter von Witwen (bei denen der Vater nicht aus eigenem Antrieb fehlt…). Eine mögliche Erklärung für diese Korrelation ist die evolutionspsychologische Theorie der väterlichen Investition (paternal investment theory, vgl. Draper & Harpending, 1982). Ihr zufolge formt die Abwesenheit des Vaters die sexuelle Strategie der Tochter. Die Tochter lernt gewissermaßen aus der Abwesenheit des Vaters, dass (in dem Umfeld, in dem sie aufwächst) auf Männer kein Verlass ist und dass es sich nicht lohnt, auf eine dauerhafte Partnerschaft zu spekulieren, um gemeinsame Kinder großzuziehen. Die Abwesenheit des Vaters löst also einen Mechanismus aus, der statt einer auf Qualität setzenden Reproduktionsstrategie (wenige Kinder, in die viel investiert wird) eine auf Quantität setzende Strategie (mehr Kinder, in die weniger investiert wird) begünstigt.

(Bei Jungen hat die Abwesenheit des Vaters demzufolge übrigens ähnliche Auswirkungen: Sie sind im Schnitt aggressiver, verhalten sich „maskuliner“ und machen früher ihre ersten sexuellen Erfahrungen).

Das mag man glauben oder auch nicht. Die berichteten Zusammenhänge – man bedenke, dass eine Korrelation keine Verursachungsrichtung anzeigt – lassen sich auch anders erklären. Zum Beispiel könnte es sein, dass Familien, in denen der Vater fehlt, im Schnitt auch Familien sind, in denen schon die Mutter „sexuell aktiver und risikofreudiger“ war. Die Tochter könnte sich hier nur am Modell der Mutter orientieren. Ganz allgemein könnte man davon ausgehen, dass in inkomplette Familien im Schnitt weniger Kontrolle über die Kinder ausgeübt wird und dass das sexuell auffällige Verhalten nur ein Aspekt einer allgemeinen Devianz ist. Das Merkmal „Abwesenheit des Vaters“ hängt nun mal korrelativ mit vielen anderen Merkmalen zusammen (m. W. im Schnitt auch einem geringeren Familieneinkommen, niedrigerem Sozialstatus usw.). All das macht Aussagen über die Verursachungsrichtung extrem fragwürdig. Die Evolutionspsychologen selbst haben noch eine andere Alternativerklärung: Väter, die ihre Familien im Stich lassen, geben dieses Gen (ein „Gen für“ eine eher loses Partnerbindung u. a. m.) auch an ihre Töchter weiter, die dann ein ähnlich loses Verhaltensmuster zeigen. Wie auch immer.

Wie alle evolutionspsychologischen Theorien krankt auch diese Theorie daran, dass sie (bislang) nur ex-post plausibel erscheinen. Das heißt, sie nutzt eine vorhandene Korrelation, um eine eingängig klingende Theorie darum herum zu konstruieren. Sie macht aber fast keine Vorhersagen, die sich ernsthaft experimentell prüfen ließen – mit einer Ausnahme: Die Theorie der väterlichen Investition sagt voraus, dass Frauen in besonderer Weise auf Situationsmerkmale reagieren, die eine Abwesenheit des Vaters anzeigen.

DelPriore und Hill (2013) versuchten, diese Voraussage zu prüfen. Sie gaben ihren Versuchspersonen – Studentinnen der „Texas Christian University“ – in einer Reihe von fünf Experimenten neben allerlei Fragebögen eine Aufgabe vor: Sie sollten in einem kleinen Aufsatz eine Situation aus ihrem Leben beschreiben, bei der sie erleben mussten, dass ihr Vater nicht zugegen sein konnte (z. B. der Abschlussball, den der Vater nicht besuchen konnte, weil er auf Dienstreise war o. ä.). Diese Aufgabe sollte die Studentinnen an „väterliche Abwesenheit“ erinnern und – so die Voraussage der Theorie der väterlichen Investition – eine veränderte Haltung zur Sexualität erzeugen. Anschließend sollten die so an väterliche Abwesenheit erinnerten Studentinnen mehrere Fragen oder Aufgaben über ihre Einstellungen zur Sexualität beantworten. Zum Beispiel sollten die jungen Frauen in einem Versuch Lückenwörter (wie „S_X“ oder „_AK_D“) vervollständigen. Eine sexualisierte Reaktion wäre hier z. B. „Sex“ und „Naked“ zu vervollständigen, eine nicht-sexualisierte Variante „Six“ und „Baked“. In anderen Experimenten sollten sie ihre Haltung zu Aussagen wie „Sex ohne Liebe ist ok“ usw. kundtun oder angeben, mit wie vielen Männern aus ihrem gegenwärtigen Umfeld sie sich vorstellen könnten zu schlafen. Die Reaktion dieser Studentinnen wurde mit der einer anderen Versuchspersonengruppe verglichen, die einen anderen Text schreiben sollte (z. B. zu einer Situation, wo ihre Mutter oder eine Freundin sie enttäuscht hatte).

In der Tat unterschieden sich die Versuchspersonen, die über das Fehlen ihres Vaters bei einem wichtigen Lebensereignis schreiben mussten, von den anderen Versuchspersonen. Sie dachten (etwas, aber signifikant) häufiger an sexuell relevante Wörter, sie konnten sich mehrere ihrer männlichen Bekannten als Sexualpartner vorstellen und sie lehnten eher Kondome beim Sex ab. Zudem zeigte sich, dass sich diese erhöhte Risikobereitschaft nur auf den sexuellen Bereich bezog. Eine Gruppe von männlichen Studenten war von der gleichen Aufgabe (sich daran zu erinnern, wie ihr Vater bei einem wichtigen Lebensereignis nicht dabei war) unbeeindruckt: Sie zeigten keine erhöhte sexuelle Risikobereitschaft.

DelPriore und Hill (2013) sehen in ihren Ergebnissen einen Beleg dafür, dass die Theorie der väterlichen Investition richtig sein könnte. Kritisch anmerken muss man allerdings, dass durch diese Experimente nicht nachgewiesen ist, dass die Abwesenheit des Vaters tatsächlich die Erwartungen der Tochter an die Investitionsbereitschaft von Männern beeinflusst. Außerdem war die Haltung der Studentinnen ohnehin sehr konservativ (man muss sich nur den Ort der Untersuchung – „Texas Christian University“ – vergegenwärtigen). Die meisten von ihnen lebten bei beiden biologischen Elternteilen. Die Unterschiede waren zwar signifikant, spielten sich aber auch auf sehr niedrigem Niveau ab. Zudem: In jedem Versuch musste eine nicht geringe Anzahl an Studentinnen vor der Aufgabe kapitulieren, ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben zu beschreiben, bei dem ihr Vater abwesend war: Ihnen fiel einfach kein solches Ereignis ein. Ob hier eine systematische Selektion der Versuchspersonen stattfand, überprüften die Autorinnen anscheinend nicht. Es wäre zum Beispiel möglich: Die Studentinnen, denen aus dem Stegreif ein solches Ereignis einfiel, sind zugleich auch die aktiveren und kreativeren und diese Eigenschaft hängt wiederum mit einem flotteren Sexualleben zusammen. – Nur mal so als Gedanke).

Abgefragt wurde in diesen Experimenten nur hypothetisches Verhalten, die Forscherinnen verließen sich ausschließlich auf Selbstaussagen. Hinzugefügt werden muss, dass es sich bei dieser Studie um Gruppenvergleich handelt: Festgestellt wurden Unterschiede zwischen Gruppen, nicht direkt der Einfluss auf individuelle Einstellungen oder gar individuelles Verhalten.

Es darf also weiter gezweifelt werden, ob die Theorie der väterlichen Investition denn tatsächlich zutrifft.

Literatur

DelPriore, Danielle J. & Hill, Sarah E. (2013). The effects of paternal disengagement on women’s sexual decision making: An experimental approach. Journal of Personality and Social Psychology, May 27, 2013, No Pagination Specified. doi: 10.1037/a0032784

Draper, P., & Harpending, H. (1982). Father absence and reproductive strategy: An evolutionary perspective. Journal of Anthropological Research, 38, 255-273.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Skepsis

Machen Pestizide dumm?

Schädigt der sachgemäße Umgang mit Pestiziden die intellektuelle Leistungsfähigkeit bei Landwirten? Eine Studie, die dies nachweisen will, taugt jedoch eher als Anschauungsmaterial im Methodenlehreunterricht.

Pestiziden wird alles Mögliche an negativen Eigenschaften nachgesagt. Wer mit Pestiziden arbeitet, gefährdet seine Gesundheit, wenn er nicht auf entsprechenden Schutz achtet. Ganz unbestreitbar sind die landwirtschaftlichen Arbeiter in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern einer Pestizidkonzentration ausgesetzt, die ihre Gesundheit gefährdet. Wie aber sieht es in den industrialisierten Ländern aus? Arbeits- und Gesundheitsschutzbestimmungen werden hier ernster genommen und auch jeder selbständig arbeitende Landwirt sollte darüber Bescheid wissen, wie er mit Pestiziden vernünftig umgeht. Kann aber auch ein bestimmungsgemäßer Gebrauch zu Gesundheitsschäden führen? Insbesondere geht es um die Frage, ob der sachgemäße Umgang mit Pestiziden dauerhaft zu neuropsychologischen Schäden führt.

Schultz und Ferraro (2013), zwei Forscher der Universität von North Dakota, gaben einer Gruppe von Landwirten (N = 18) und einer Vergleichsstichprobe (N = 35) von Nicht-Landwirten eine neuropsychologische Testbatterie vor. Die Landwirte waren im Schnitt 49 Jahre alt (zwischen 26 und 75 Jahren) und sie hatten im Schnitt 13,67 Jahre lang eine Schule oder Ausbildungseinrichtung besucht. Alle Landwirte gaben an, dass sie beruflich bedingt regelmäßig mit Pestiziden zu tun hatten. Die Nicht-Landwirte waren im Schnitt 50,69 Jahre alt (zwischen 36 und 79 Jahren) und hatten 15,61 Jahre Schule und Ausbildung hinter sich. 83,3 % der Landwirte waren Männer, die Nicht-Landwirte waren größtenteils Frauen (80 %).

Die Testergebnisse der Landwirte und Nicht-Landwirte waren im Schnitt nicht wesentlich unterschiedlich. Allein im Bereich der Zahlen-Symbol-Zuordnung hatten die Landwirte Defizite. Allerdings korrelierte bei den Landwirten das Alter signifikant negativ mit der Testleistung (r=-.45), nicht aber bei den Nicht-Landwirten. Dies legt, so die Autoren, nahe, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit durch den beruflich bedingten sachgemäßen Umgang mit Pestiziden bei den Landwirten im Lauf des Lebens schneller abnimmt als bei den Nicht-Landwirten.

Diese Ergebnisse müssen kritisch hinterfragt werden. Zum einen muss festgestellt werden, dass die beiden Gruppen der Landwirte und Nicht-Landwirte nicht wirklich miteinander vergleichbar sind. Die Nicht-Landwirte waren überwiegend Frauen und hatten im Schnitt eine zwei Jahre längere Ausbildung als die Landwirte. Zum anderen müssen noch etliche andere Erklärungen als die Pestizidexposition in Betracht gezogen werden, wenn man die festgestellten Unterschiede betrachtet. So muss man bedenken, dass Landwirte in der Regel härter körperlich arbeiten als der Rest der Bevölkerung. Eine Tätigkeit in der Landwirtschaft ist belastender als eine typische Bürotätigkeit. Eventuell ist es diese harte körperliche Arbeit, die die Landwirte schneller altern und dadurch auch geistig schneller abbauen lässt als die Versuchspersonen in der Vergleichsstichprobe. Zudem ist bekannt, dass die Lebenserwartung von Frauen höher ist als die von Männern. Es liegt nahe, dass Frauen im Schnitt auch länger körperlich und geistig fit bleiben als Männer. Zwar fordert die Tätigkeit des Landwirts durchaus die geistigen Fähigkeiten. Allerdings werden in psychologischen Testverfahren eher akademische Fähigkeiten abgefragt, die bei Frauen, die aufgrund ihrer längeren Ausbildung (evtl. einem Studium) einen anderen Beruf als Landwirtin ergriffen haben, viel stärker gefordert werden als in der Landwirtschaft.

Alles in allem taugt diese Studie nicht dazu, den Einfluss der chronischen Pestizidbelastung auf das neuropsychologische Funktionsniveau nachzuweisen.

Literatur

Schultz, Caitlin G. & Ferraro, F. Richard. (2013). The impact of chronic pesticide exposure on neuropsychological functioning. The Psychological Record, 63(1), 175-184.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter BBS, Kritik, Psychologie, Skepsis

Fischers Fritze findet „F“ freilich fabelhaft

Der Anfangsbuchstabe unseres Namens und die Zahlen unseres Geburtsdatums erscheinen uns nicht nur schöner als andere Buchstaben oder Zahlen. Diese Vorlieben haben auch einen, wenn auch geringen, Einfluss auf die Wahl unseres Berufs oder unseres Wohnorts. Eine neue Studie zeigt, dass es bei den Vorlieben für bestimmte Zahlen auch kulturelle Unterschied gibt: Der Tag, an dem Weihnachten ist und die Zahl, mit der in der Schule die beste Note gekennzeichnet wird, beeinflussen, welche Zahlen wir mögen und welche nicht.

Bereits seit längerem ist bekannt, dass Menschen die Buchstaben ihres Namens, speziell die Anfangsbuchstaben und die Ziffern ihres Geburtsdatums attraktiver finden als andere Buchstaben oder Zahlen (Nuttin, 1985; 1987; Kitayama & Karasawa, 1997). Man erfasst das in der Regel über die Frage „Wie sehr mögen Sie die folgenden Zahlen / Buchstaben?“. Wenn jemand am 18. Geboren ist, wird er diese Zahl mehr mögen als andere Zahlen.

Oberflächlich betrachtet erscheint das trivial. Dennoch beeinflusst dieser Effekt unsere Lebensentscheidungen. Buchstaben- und Zahlenpräferenzen haben Einfluss darauf, für welche Firma man arbeitet (Anseel & Duyck, 2008) und welche Produkte man bevorzugt einkauft (Hodson & Olson, 2005). Eine gewisse Berühmtheit erlangte dieser Effekt, als man herausfand, dass er auch mitbestimmt, in welcher Stadt man wohnt (Pelham et al., 2002; vgl. aber auch Gallucci, 2003). Zum Beispiel leben mehr Menschen mit dem Namen „Lois“ in St. Louis, als man per Zufall erwarten könnte. Menschen, die am dritten Tag eines Monats geboren sind, leben eher in Städten, die eine „Drei“ im Namen haben (z. B. „Dreilinden“) als in Städten, die andere Zahlennamen enthalten („Fünfeichen“). Zudem beeinflusst dieser Effekt auch, ob jemand ins Gefängnis kommt oder nicht (Kalist & Lee, 2009) und führt unter Umständen sogar zu einer geringeren Lebenserwartung (Abel & Krüger, 2007). Auch für Wahrsager, Astrologen und Numerologen dürfte dieser Effekt interessant sein, erlaubt er ihnen doch bei bekanntem Geburtsdatum Rückschlüsse auf das Verhalten und die Vorlieben ihrer Klienten.

Aus verhaltensanalytischer Sicht handelt es sich bei den bevorzugten Zahlen und Buchstaben um konditionierte Verstärker. Der Anfangsbuchstabe des eigenen Namens und das Geburtsdatum sind bisweilen mit anderen Verstärkern verknüpft, z. B. Geburtstagsgeschenken. Aber auch davon abgesehen ist der Anfangsbuchstabe des eigenen Namens bedeutsam, z. B. wenn wir auf einer alphabetisch sortierten Liste unseren Namen suchen. Finden wir den Namen, wird das Verhalten, den Namen auf der Liste zu suchen, verstärkt und zugleich auch der Anblick der Buchstaben unseres Namens.

Neben dem eigenen Namen und dem Geburtstag sollten auch andere Faktoren Einfluss auf unsere Buchstaben- und Zahlenpräferenzen nehmen. So würde ich als sicher voraussetzen, dass Menschen, die gerne Würfel spielen, auch außerhalb des Würfelspiels die „6“ attraktiver finden als die „1“.

Stieger und Krizan (2013) untersuchten kulturelle Einflüsse auf die Zahlenpräferenz. In sechs Ländern befragten sie insgesamt 657 Versuchspersonen nach deren bevorzugten Zahlen. Dabei fanden sie einen deutlichen Einfluss des in diesem Land üblichen Benotungssystems auf die Zahlenpräferenz. So ist die beste Note in Deutschland und Österreich eine „1“, in Ungarn und Kroatien eine „5“. Die Forscher gaben ihren Versuchspersonen eine Liste von Zahlen und ließen diese auf einer Likert-Skala von 1 („mag ich überhaupt nicht“) bis 7 („mag ich sehr gerne“) bewerten. In den Ländern mit einer „1“ als bester Note wurde die 1 deutlich besser (im Schnitt mit 5,5) beurteilt als in den Ländern, in denen die „1“ die schlechteste Note ist (im Schnitt 4,5). Umgekehrt war die 5 bei den Österreichern eher unbeliebt (durchschnittlicher Skalenwert 4,5), in Ungarn und Kroatien dagegen recht beliebt (im Schnitt 6,0). In den USA, wo die Noten von „A“ bis “F“ gehen, gab es keinen Unterschied in der Beliebtheit von 1 und 5 (5,1 und 5,0 auf der Likert-Skala).

Stieger und Krizan (2013) vermuteten zudem einen Einfluss des Datums, an dem Weihnachten gefeiert wird, auf die Zahlenpräferenz. In einigen Ländern (USA) bekommt man die Geschenke am 25.12., in anderen Ländern am 24.12. In Ländern mit Geschenkübergabe am 24.12. war die 24 beliebter als die 25 (4,89 vs. 4,58). In den Ländern, in denen die Bescherung am 25.12. stattfindet, war dagegen die 25 beliebter als die 24 (4,96 vs. 4,74).

Die Unterschiede in der Beliebtheit der Zahlen waren zwar gering, jedoch allesamt signifikant.

Literatur

Abel, Ernest L. & Kruger, Michael L. (2007). Symbolic significance of initial on longevity. Perceptual and Motor Skills, 104(1), 179-182.

Aneel, Frederik & Duyck, Wouter. (2008). Unconscious applicants: A systematic test of the name-letter effect. Psychological Science, 19(10), 1059-1061. PDF 88 KB

Gallucci, Marcello. (2003). I sell seashells by the seashore and my name is Jack: Comment on Pelham, Mirenberg, and Jones (2002). Journal of Personality and Social Psychology, 85(5), 789-799.

Hodson, Gordon & Olson, James M. (2005). Testing the generality of the name-letter effect: Name initials and everyday attitudes. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(8), 1099-1111. PDF 151 KB

Kalist, David E. & Lee, Daniel Y. (2009). First names and crime: Does unpopularity spell trouble? Social Science Quarterly, 90(1), 39-49. PDF 90 KB

Kitayama, Shinobu & Karasawa, Mayumi. (1997). Implicit self-esteem in Japan: Name letters and birthday numbers. Personality and Social Psychology Bulletin, 23(7), 736-742. PDF 1,39 MB

Nuttin, Jozef M. (1985). Narcissism beyond Gestalt and awareness: The name letter effect. European Journal of Social Psychology, 15(3), 353-361. PDF 594 KB

Nuttin, Jozef M. (1987). Affective consequences of mere ownership: The name letter effect in twelve European languages. European Journal of Social Psychology, 17(4), 381-402. PDF 1,49 MB

Pelham, Brett W.; Mirenberg, Matthew C. & Jones, John T. (2002). Why Susie sells seashells by the seashore: Implicit egotism and major life decisions. Journal of Personality and Social Psychology, 82(4), 469-487.

Stieger, Stefan & Krizan, Zlatan. (2013). Cultural influences on number preferences: Christmas and grading system. The Psychological Record, 63(1), 185-192.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Skepsis, Verhaltensanalyse