Monatsarchiv: Februar 2014

Blas mir einen…

491px-Q24…Ballon auf und ich sage dir, wie risikofreudig du bist. (Ja, mir ist tatsächlich kein Witz zu billig, um Aufmerksamkeit für dieses Blog zu erreichen).

Wenn man wissen will, wie risikofreudig jemand ist, kann man ihn fragen. Interessiert man sich beispielsweise dafür, ob jemand zu riskantem Sexualverhalten neigt, kann man ihn fragen, wie oft er ungeschützten Verkehr hat, wie viele Sexualpartner er hat usw. Leider sind diese Selbstberichte notorisch unzuverlässig. Zu viele Faktoren beeinflussen, was die Person in einer solchen Befragung angibt (der situativ bedingte Wunsch, besonders „cool“ oder aber besonders „brav“ zu erscheinen usw.), in unvorhersagbarer Art und Weise.

Eine Möglichkeit, die „Risikofreude“ einer Person direkt zu messen, die sich zudem als recht zuverlässig erwiesen hat, ist die „Ballon-Aufgabe“ (Balloon Analogue Risk Task, BART). Die Versuchsperson soll dabei am PC-Monitor durch Mausklicks einen Luftballon „aufblasen“. Mit jedem Klick wird der gezeigte Ballon größer und die Versuchsperson bekommt mehr Punkte gutgeschrieben (die sie am Ende des Versuchs gegen Geld eintauschen kann). Mit jedem Klick steigt aber auch das Risiko, dass der Ballon platzt. Die Versuchsperson verliert in diesem Fall alle Punkte (für diesen Ballon). Nach (z. B.) 30 Ballons endet der Versuch und die Versuchsperson kann die Punkte gegen Geld eintauschen. Die Risikobereitschaft kann dabei auf mehrere Weise gemessen werden, u. a. durch die Zahl der Klicks auf nicht-explodierte Ballons oder die Zahl der explodierten Ballons.

„Risikobereitschaft“ ist jedoch kein übergreifendes Persönlichkeitsmerkmal. Menschen sind in einigen Bereichen risikofreudiger als in anderen. Steven R. Lawyer (2013) untersuchte daher den Zusammenhang zweier Varianten der „Ballon-Aufgabe“ mit der durch zahlreiche Fragebögen erfassten Risikobereitschaft in verschiedenen Bereichen (sexuelle Praktiken, Glücksspiel, kriminelles Verhalten etc.). Die 77 männlichen Versuchspersonen spielten die Ballon-Aufgabe in einer von zwei Varianten. Die eine Hälfte der Versuchspersonen spielte um Geld (wie oben beschrieben, ein Klick entsprach einem Cent), die andere um Punkte, die im Anschluss gegen Zeiten eingetauscht wurden, die die Versuchsperson einen Videoclip mit sexuellen Inhalten sehen konnten (ein Klick entsprach einer Sekunde). Es nahmen nur männliche Versuchspersonen teil, da frühere Untersuchungen gezeigt hatten, dass Videoclips mit sexuellen Inhalten bei den meisten Frauen nicht im ausreichend Maß als Verstärker wirken.

Lawyer (2013) fand heraus, dass die Risikobereitschaft, wie sie bei der ersten Gruppe (Geld) gemessen wurde, mit der (mit Fragebögen gemessenen) Neigung zu kriminellem Verhalten, Drogenkonsum und Glücksspiel korrelierte. Die Risikobereitschaft der zweiten Gruppe (Videoclips) korrelierte dagegen mit den Werten für sexuelle Erregbarkeit und kriminellem Verhalten.

Die Ballon-Aufgabe wird in vielen Varianten zur Messung der Risikobereitschaft eingesetzt. Bei der 40. Konferenz der Association for Behavior Analysis International (ABA-I), die vom 23. Mai bis 27. Mai 2014 in Chicago stattfindet, wird es speziell zu diesem Thema ein Symposium zu den Forschungen in diesem Bereich geben (#370 über „Program Details“ suchen).

Literatur

Lawyer, Steven R. (2013). Risk taking for sexual versus monetary outcomes using the balloon analogue risk task. The Psychological Record, 63(4), 803-820.

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Eingeordnet unter Psychologie, Verhaltensanalyse

Sprachentwicklung, verhaltensanalytisch

In der Literatur zur Sprachentwicklung beim Kind wird kaum auf die Terminologie Skinners (1957) zurückgegriffen (Michael, 1984). Dabei würde der verhaltensanalytische Ansatz dazu beitragen, einige Probleme in der Sprachentwicklung besser zu verstehen. So kann ein rein topographischer Ansatz nicht erklären, weshalb jemand ein Wort einer Fremdsprache zwar lesen, aber nicht sprechen kann oder warum jemand ein bestimmtes Objekt nicht benennen kann, wenn er davor steht, sehr wohl aber, wenn er es benötigt. Laut Partington und Bailey (1993) gibt es nur sehr wenige Studien, die die normale Sprachentwicklung beim Kind betrachten und dabei die verhaltensanalytische Terminologie verwenden. Zweifelsohne kann man sprachliches Verhalten durch Verstärkung formen, dies ist durch Laborexperimente vielfach belegt. Doch die kritische Frage lautet, ob die Sprachentwicklung im natürlichen Umfeld auf die gleiche Weise erfolgt. Eine verhaltensanalytische Langzeitstudie zur Sprachentwicklung fehlt (Ribes-Inesta & Quintana, 2003). Zwar hat Moerk (1976) die Daten von Brown (1973) reanalysiert – und dabei festgestellt, dass sich diese Daten besser mit den Prinzipien Skinners als mit dem Ansatz Browns erklären lassen; u. a. stellte er fest, dass Mütter im Schnitt fünf Mal je Stunde korrektives Feedback zum sprachlichen Verhalten ihrer Kinder geben. Doch fehlt eine Langzeitstudie, die von Verhaltensanalytikern geplant und durchgeführt wurde.

Cruvinel und Hübner (2013) untersuchten das sprachliche Verhalten eines kleinen Jungen vom Alter von 17 Monaten bis zum Alter von 2 Jahren. Im wöchentlichen Abstand fanden 34 Termine statt, bei denen das Verhalten des Kindes und seiner Bezugspersonen im Schnitt 15 Minuten lang gefilmt wurde. Diese Aufnahmen wurden anschließend transkribiert und ausgewertet. Dabei wurden sowohl die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen des sprachlichen Verhaltens des Kindes als auch seiner Bezugspersonen erfasst (nur so konnte bestimmt werden, um welche sprachlichen Operanten es sich handelte). Die wenigsten sprachlichen Operanten treten in Reinform auf (Michael et al., 2011), zumeist liegen Mischungen vor (z. B. aus Mand und Tact). Dies musste bei der Auswertung berücksichtigt werden.

Die Häufigkeit aller sprachlichen Äußerungen stieg zunächst linear bis zum Alter von 20 Monaten an, ab da gab es einen deutlicheren Anstieg. Vor allem traten nun Mands und Tacts häufiger auf. Ab dem 21. Monat stieg auch die Zahl der Intraverbalen deutlich an. Reine Vokalisationen traten ab dem 20. Monat dagegen seltener auf. Die Bezugspersonen zeigten bei der Kommunikation mit dem Kind den gleichen Anstieg in der Häufigkeit von Mands, Tacts und Echoics ab dem 20. Lebensmonat des Kindes. Der Anstieg der jeweiligen Häufigkeiten bestimmter Operantenklassen verlief bei dem Kind und seinen Bezugspersonen parallel. Insgesamt nutzten die Bezugspersonen Mands am häufigsten, das Kind dagegen Tacts. Die Mands der Bezugspersonen (z. B. „Was machst du gerade?“) wurden in 60 % aller Fälle vom sprachlichen Verhalten des Kindes verstärkt. Die Autorinnen vermuten, dass die Mands der Eltern eine große Rolle bei der Entwicklung des sprachlichen Repertoires des Kindes spielen. Echoics nutzen die Bezugspersonen häufiger als das Kind, sie wiederholten oft die Äußerungen des Kindes.

Die Autorinnen beobachteten zudem Übertragungen der Stimuluskontrolle. Zu Beginn der Beobachtungen wurden die sprachlichen Äußerungen des Kindes vor allem vom sprachlichen Verhalten der Bezugspersonen kontrolliert. Nach und nach übernahmen aber andere Stimuli, z. B. Objekte der Umgebung die Kontrolle und das Kind sprach auch ohne die sprachliche Stimulation der Erwachsenen. Die Äußerungen, die dann als Tact verwendet wurden, wurden im weiteren Verlauf wiederum zu Intraverbalen. D. h. die Objekte, über die das Kind sprach, mussten nicht mehr zugegen sein, die Kontrolle ging von der Umwelt auf das sprachliche Verhalten des Kindes über. Diese Übergänge waren jeweils möglich, weil das sprachliche Verhalten zeitweise unter multipler Kontrolle stand (also z. B. des sprachlichen Verhaltens der Bezugspersonen und der Umwelt sowie später der Umwelt und dem eigenen sprachlichen Verhalten des Kindes).

Die Autorinnen fanden einen weiteren Befund Moerks (1990) bestätigt, nämlich dass die Eltern das sprachlichen Verhalten des Kindes sowohl durch Zustimmung als auch durch Erweiterung (die Mutter greift die Äußerung des Kindes auf und führt sie fort) verstärken. Auch das korrektive Feedback fand in der von Moerk bekannten Häufigkeit statt.

Literatur

Brown, R. (1973). A first language: The early stages. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Cruvinel, Adriana Cunha & Hübner, Maria Martha Costa. (2013). Analysis of the acquisition of verbal operants in a child from 17 months to 2 years of age. The Psychological Record, 63(4), 735-750.

Michael, J. (1984). Verbal behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 42(3), 363-376. PDF 2,31 MB

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

Moerk, E. L. Processes of language teaching and training in the interactions of mother-child dyads. Child Development, 47, 1064-1078.

Moerk, E. L. (1990). Three-term contingency patterns in mother-child verbal interactions during first-language acquisition. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 54(3), 293-305. PDF 2,15 MB

Partington, James W. & Bailey, Jon S. (1993). Teaching intraverbal behavior to preschool children. The Analysis of Verbal Behavior, 11, 9-18. PDF 1,34 MB

Ribes-Inesta, E. & Quintana, C. (2003). Mother-child linguistic interactions and behavioral development: A multidimensional observational. The Behavior Analyst Today, 3, 442-454. PDF der Zeitschrift, 1,70 MB

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Eingeordnet unter Entwicklung, Sprache, Verhaltensanalyse

Einfach ist schwer was – Zum Beispiel die multiple Kontrolle sprachlichen Verhaltens

Die Prinzipien der Verhaltensanalyse sind einfach. Diese Einfachheit bedeutet wissenschaftliche Sparsamkeit. Wenn eine Theorie mit wenigen Prinzipien sehr viel erklärt, gilt dies gemeinhin als ein Gütekriterium für diese Theorie. Anders bei der Verhaltensanalyse. Dieser wird gerne der Vorwurf gemacht (z. B. Chomsky, 1959), ihre Erklärungen können nicht zutreffen, da komplexe Dinge wie die menschliche Sprache auch komplexe Erklärungen benötigten. Tatsächlich aber kann man mit einfachen Prinzipien auch komplexe Sachverhalte erklären. Man muss nur berücksichtigen, dass diese Prinzipien auf komplexe Art und Weise zusammenwirken können. Die Natur ist komplex, auch wenn die Vorgänge in der Natur auf wenige einfache Prinzipien zurückgeführt werden können (das ist das Prinzip des Reduktionismus):

„The simplicity of a principle does not protect us from complexity of nature“ (Michael et al., 2011, S. 3).

Verhalten wird durch vorausgehende Bedingungen und Konsequenzen geformt. Verhaltensanalytiker sagen, das Verhalten stehe unter Stimulus- und Verstärkerkontrolle. Dabei ist es in den seltensten Fällen so, dass ein Verhalten nur von einem Stimulus kontrolliert wird. Dies gilt auch und vor allem für sprachliches Verhalten. Skinner (1957) spricht von der multiplen Kontrolle des Verhaltens. Die multiple Kontrolle von Verhalten gibt es nach Michael et al. (2011) in zwei Varianten: Konvergente multiple Kontrolle bedeutet, dass verschiedene Variablen (z. B. Stimuli) ein Verhalten kontrollieren. Die Äußerung „Eisenhower“ kann durch eine Vielzahl von Variablen kontrolliert werden, durch ein Foto des Mannes, durch das geschriebene Wort „Eisenhower“ und durch das Wort „Chruschtschow“. Die Wirkung dieser Variablen ist additiv, d. h. mit jeder Variable mehr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Wort geäußert wird. Manche Variablen tragen positiv, andere negativ dazu bei. Divergente multiple Kontrolle bedeutet, dass eine Variable mehrere Verhaltensweisen kontrolliert. Beispielsweise könnte eine motivierende Operation wie etwa Wassermangel die Wahrscheinlichkeit für eine Vielzahl von Mands beeinflussen, wie etwa „Wasser“, „trinken“, „durstig“.

Gemeinsame Kontrolle (Joint Control) ist eine Sonderform der multiplen Kontrolle. Ein Beispiel: Jemand soll herausfinden, welche Person auf einer Seite im Telefonbuch die Nummer 325687 hat. Die Person wird nun die Nummern auf dieser Seite durchgehen und dabei gelegentlich die Nummer für sich wiederholen. Wenn sie die richtige Nummer gefunden hat, konvergieren die textuale und die echoische Kontrolle ihres Verhaltens, die gemeinsame Kontrolle beginnt.

Bedingte Diskrimination (Conditional Discrimination) ist ebenfalls ein Fall von multipler Kontrolle. Ein Beispiel: Wenn die Ampel auf Grün schaltet, fährt man los, aber nur, wenn das Auto vor einem auch los fährt.

Literatur

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

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