Archiv der Kategorie: Skepsis

Kann sich die Gesellschaft verhalten?

Kurze Antwort: Nein, eher nicht. Bei der ausführlichen Antwort müssen wir etwas tiefer einsteigen, bei der Ontologie.

Dinge und Konstrukte

Alles ist entweder ein Ding oder ein Konstrukt (Mahner & Bunge, 2000, S. 6). Dinge sind konkrete oder materielle Gegenstände, sie sind wirklich vorhanden. Konstrukte dagegen sind nur etwas, über das wir reden und nachdenken können, sie existieren in gewisser Weise nicht wirklich, sondern nur, solange wir uns in Bezug auf sie verhalten, das heißt reden oder nachdenken (Dinge dagegen existieren unabhängig von uns). Um sich zu veranschaulichen, was ein Ding ist, kann man als unzureichende Behelfsdefinition annehmen, dass ein Ding alles ist, auf das man zeigen kann. Doch es zählen auch Objekte zu den Dingen, auf die man nicht zeigen kann, die aber gleichwohl konkret oder materiell sind, z. B. Elektronen. Aus dem Bereich der Psychologie: Ein Gehirn wäre ein Ding, auf dieses kann ich zeigen. Die Intelligenz dagegen ist ein Konstrukt. Auch menschliches Verhalten besteht in der Interaktion zwischen Dingen. Ein häufiger Fehler ist die Reifikation. Sie besteht darin, dass ein Konstrukt verdinglicht wird, das heißt wie ein Ding behandelt wird.

Konstrukte können nicht etwas bewirken, d. h. sich verhalten. Wenn wir sagen, dass irgendein Konstrukt (z. B. die Intelligenz) etwas bewirkt, dann begehen wir höchstwahrscheinlich den Fehler der Reifikation. Zudem liegt auch die Gefahr der zirkulären Argumentation nahe. Denn Konstrukte wie die Intelligenz sind oft nur bequeme Redeweisen für Dinge und die Interaktion zwischen Dingen. Wir kommen dazu, eine Person als intelligent zu bezeichnen, weil wir bestimmtes Verhalten bei ihr beobachtet haben (sie gibt kluge Antworten, sie kann Probleme lösen, insbesondere Aufgaben in einem Intelligenztest). Wir schreiben dann dieser Person Intelligenz zu. Zum Fehler der Reifikation kommt es, wenn wir diese Intelligenz dann wiederum etwas bewirken lassen und z. B. sagen eine Person könne aufgrund ihrer Intelligenz Probleme lösen. Die Zirkularität liegt auf der Hand.

Die Gesellschaft ist, so wie das Wort zumeist verwendet wird, ein Konstrukt. Ich kann nicht auf sie zeigen, denn sie ist mehr als eine Gruppe von Menschen. Sie beinhaltet auch deren Interaktionen und die von dieser Gruppe von Menschen geschaffenen Dinge. Sage ich nun, die Gesellschaft wolle etwas, die Gesellschaft tue etwas usw., begehe ich den Fehler der Reifikation.

Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm

Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm setzt voraus, dass kollektive Sachverhalte das Ergebnis der Handlungen individueller Akteure sind (Opp, 2005, S. 103). Das heißt, wenn die Gesellschaft sich verändert, verändern sich in Wahrheit die an der Gesellschaft teilnehmenden Individuen, sie verhalten sich z. B. anders. Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm fordert, dass „kollektive Sachverhalte durch die Anwendung von Aussagen über Individuen zu erklären sind“ (Opp, 2005, S. 104). Kollektivistisches Denken dagegen ist in gewisser Weise magisches Denken. Es bietet, so Opp (2005), weniger tiefe Erklärungen und behindert die Lösung praktischer Probleme. Betrachte ich kollektive Sachverhalte dagegen auf der Ebene individuellen Verhaltens, erkenne ich, welche objektiv untersuchbar Prozesse tatsächlich stattfinden und ich habe einen Lösungsansatz, wie ich kollektive Probleme lösen kann. Beklage ich z. B., dass „die Gesellschaft“ nicht bereit ist, die Rechte von Minderheiten zu akzeptieren, verbaut mir ein kollektivistisches Denken den Zugang zur Lösung dieses Problems, die immer erfordert, dass Individuen ihr Verhalten verändern.

Dieser strukturell-individualistische Ansatz ist, wohlverstanden, kein plumper Reduktionismus, wie es z. B. folgende Antwort auf ein Zitat von Margret Thatcher („There’s no such thing as society“) unterstellt:

„Es gibt keine Pflanzen! Nur Pflanzenzellen!

Es gibt keine Moleküle! Nur Atome!

Es gibt keinen Gedanken! Nur elektrochemische Aktivität von Neuronen!“ (Florian Aigner auf Twitter, https://twitter.com/florianaigner/status/1467292309062574081).

Aigner attackiert hier einen Strohmann. Seine Vergleiche hinken, denn die Pflanze als Ganzes bildet auch wieder ein Ding, ebenso das Molekül. Sie sind „mehr“ als ihre Teile, aber das, was sie „mehr“ sind, spielt sich ebenfalls auf der Ebene der Dinge und der Interaktion zwischen ihren Teilen ab. Gedanken sind eine Aktivität von Dingen (in diesem Fall Menschen). Die Gesellschaft dagegen ist ein Konstrukt, wenn ich sie untersuchen will, muss ich das individuelle Verhalten von Menschen untersuchen (welches gegebenenfalls über die Individuen hinweg koordiniert ist, was aber wiederum nicht auf magische Art und Weise geschieht, sondern durch Vorgänge wie z. B. das Lernen am Modell). Des Weiteren kann ich auch die Artefakte, die für das Konstrukt „Gesellschaft“ relevant sind, untersuchen. Artefakte sind jedoch ebenfalls nur Produkte des individuellen Verhaltens von einzelnen oder mehreren Menschen gemeinsam.

So gesehen hat Margret Thatcher („There’s no such thing as society“) in gewisser Weise recht: Die Gesellschaft ist kein Ding, sie ist ein Konstrukt. Wenn wir dieses Konstrukt untersuchen wollen, müssen wir es herunter brechen auf das, was uns dazu bringt (in bequemer Redeweise) von diesem Konstrukt zu sprechen: das was Menschen tun. Nur einzelne Menschen verhalten sich.

Nachtrag: Dies ist jetzt natürlich vor dem Hintergrund eines naturalistisch-materialistischen Zugangs gesprochen, der sich allerdings in den empirischen Wissenschaften bislang als sehr erfolgreich erwiesen hat.

Mahner, M. & Bunge, M. (2000). Philosophische Grundlagen der Biologie. Berlin: Springer.

Opp, K. D. (2005). Methodologie der Sozialwissenschaften. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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Das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Menschen sich in der Arbeitswelt sicher oder nicht sicher verhalten. Wir leiten daraus ab, was man tun kann, um Menschen dazu zu bewegen, sich sicher zu verhalten. Sich impfen zu lassen, ist ein sicheres Verhalten. Ich werde an dieser Stelle nicht all die Argumente aufführen, warum das so ist, dies ist an anderer Stelle (https://www.gwup.org/coronavirus) schon ausführlicher und besser geschehen. Eine Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu haben oder an der Erkrankung zu sterben, enorm. Streng genommen ist es auch nicht erforderlich, dies anhand der Coronaimpfung noch einmal neu zu diskutieren. Das Prinzip der Impfung ist seit über 200 Jahren bewährt.

Wenn wir in der Verhaltensanalyse wissen wollen, warum ein Mensch das tut, was er tut, sehen wir auf die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens. Unter vorausgehenden Bedingungen verstehen wir alles, was zeitlich vor dem Verhalten geschieht. Dazu gehört zum einen die Lerngeschichte des Individuums, also alles, was die Person bis zum jetzigen Zeitpunkt erlebt hat. Zum anderen gehört dazu aber auch die unmittelbare Vorgeschichte des Verhaltens, sowie die Situation, in der es auftritt. Wenn ich möchte, dass ein Mensch sicher arbeitet, muss ich dafür sorgen, dass er weiß, was das sichere Verhalten ist, dass er das sichere Verhalten zeigen kann und dass er die Möglichkeit dazu hat. Konsequenzen sind im verhaltensanalytischen Sinne Ereignisse, die auf das Verhalten folgen oder mit diesem zusammenhängen. Zu den Konsequenzen zählen nicht nur materielle Veränderungen in der Umwelt der Person (z. B., die Person hat jetzt etwas, was sie zuvor nicht hatte), sondern vor allem soziale Konsequenzen, also die geplanten und ungeplanten Reaktionen anderer Menschen auf das Verhalten. Sicheres Verhalten ist im Vergleich zum nicht-sicheren Verhalten aber auch oft etwas aufwendiger, was die Wahrscheinlichkeit, dass sicheres Verhalten auftritt, tendenziell senkt. Zudem muss man bedenken, dass Konsequenzen (auch schwerwiegende, wie etwa, an einer Erkrankung zu sterben), die nur zeitlich verzögert oder nur vielleicht eintreten, einen geringeren Einfluss auf das Verhalten haben als unmittelbare und sicher eintretende Konsequenzen. Wäre das anders, würde niemand rauchen.

Was lässt sich daraus für das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen, ableiten? Wir sollten zunächst sicherstellen, dass die vorausgehenden Bedingungen das Verhalten, sich impfen zu lassen, begünstigen, u. a.:

  • Die Informationen, die man benötigt, um erkennen zu können, dass Sich-Impfen-zu-Lassen ein sicheres Verhalten ist, müssen leicht verständlich und verfügbar sein.
  • Wie man sich impfen lassen kann, muss so erklärt werden, dass die Person dieses Verhalten leicht selbst zeigen kann.
  • Man sollte alles tun, um den Zugang zur Impfung zu erleichtern. Dies senkt wiederum auf Seiten der Konsequenzen den mit dem Impfen verbundenen Verhaltensaufwand.

Aus der jahrzehntelangen Forschung zum Thema verhaltensorientierte Arbeitssicherheit wissen wir aber auch, dass vorausgehende Bedingungen oft nicht ausreichen, dass ein sicheres Verhalten tatsächlich auftritt. Jede Sicherheitsfachkraft kennt das Problem: der Mitarbeiter wusste, wie er sicher arbeiten soll, er konnte sicher arbeiten, er hatte die Möglichkeit dazu (z. B. war die persönliche Schutzausrüstung verfügbar und leicht zu tragen), er tut es aber trotzdem nicht. Viele Verantwortliche in den Betrieben neigen in diesem Fall dazu, die Maßnahmen auf Seiten der vorausgehenden Bedingungen noch einmal zu wiederholen und gegebenenfalls zu intensivieren. Den Beschäftigten wird noch einmal erklärt, warum es wichtig ist, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung tragen. Gegebenenfalls wird noch mehr Geld in Sicherheitstechnik und in die Organisation des Arbeitsschutzes investiert. Doch wir wissen aus der Forschung, dass man Arbeitssicherheit nicht herbeireden kann. Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir auf die Seite der Konsequenzen blicken.

Impfen hat unmittelbar und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretende unangenehme Konsequenzen. Es ist mit einem bestimmten Aufwand verbunden und man muss gegebenenfalls die Impfwirkung erdulden. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit, aber ebenfalls noch zeitlich recht nahe zum Verhalten (Sich-Impfen-zu-Lassen), können Nebenwirkungen der Impfung auftreten. Die erwünschte Konsequenz der Impfung, dass man sich nämlich nicht infiziert und, wenn man sich infiziert, dass man weniger schwer erkrankt und nicht stirbt, ist dagegen eine, die sich nicht unmittelbar und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erfahren lässt. Im Gegenteil, die Wirkung der Impfung besteht gerade darin, dass ein unerwünschtes Ereignis nicht eintritt.

Was könnte man also auf Seiten der Verhaltenskonsequenzen tun, um das Impfen zu fördern? In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit verfolgen wir den Ansatz, dass sicheres Verhalten systematisch anerkannt und wertgeschätzt werden soll. Für das Impfen würde das bedeuten, dass jemand, der sich (auch jetzt erst noch) impfen lässt, die Rückmeldung erhalten soll, dass dies ein Verhalten ist, was wir wertschätzen.

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit ist auch der Einsatz von materiellen Konsequenzen nicht unüblich. Jedoch handelt es sich dabei in der Regel nur um geringwertige Vergünstigungen, die mehr einen symbolischen Zweck erfüllen, nämlich die Anerkennung und Wertschätzung des Betriebes zu übermitteln (z. B. ein Mittagessen auf Kosten des Betriebs). Materielle Anreize, die man erst in Aussicht stellt, wenn ein erwünschtes Verhalten nicht auftritt, wirken nicht als Verstärker, d. h. sie erhöhen nicht die Wahrscheinlichkeit, dass das sichere Verhalten in Zukunft wieder auftritt. Daraus folgt: Prämien für Impfwillige wären evtl. im Moment wirksam, langfristig werden sie die Impfbereitschaft der Bevölkerung aber nicht erhöhen.

Kommen wir nun zu der Frage, wie es um den Einsatz von unangenehmen Konsequenzen steht. Strafen für das Nicht-Auftreten eines (sicheren) Verhaltens wirken nicht als Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn. Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn bedeutet immer, dass die Rate eines Verhaltens gesenkt wird. Die Rate eines Verhaltens, das nicht auftritt, kann aber nicht gesenkt werden. Unangenehme Konsequenzen der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, funktionieren jedoch im verhaltenswissenschaftlichen Sinn als sogenannte motivierende Operationen. Sie sorgen dafür, dass das Verhalten, sich impfen zu lassen, negativ verstärkt wird. Bei der negativen Verstärkung tut man etwas, um einen unangenehmen Zustand zu beenden oder zu vermeiden. Negative Verstärkung, wie alle Arten des Einsatzes aversiver Konsequenzen (dazu zählen auch zwei Formen der Bestrafung), geht immer mit unerwünschten Nebenwirkungen einher: Die Person, die die aversiven Konsequenzen bereitstellt, wird eher gemieden, Personen, deren Verhalten negativ verstärkt wird, neigen dazu, nach Schlupflöchern zu suchen (also die unangenehme Konsequenz durch ein anderes als das erwünschte Verhalten zu vermeiden – z. B., indem sie sich einen gefälschten Impfausweis besorgen) und vieles mehr. Dies bedeutet aber nicht, dass negative Verstärkung nicht wirkt. Viele Dinge, die wir in unserem Leben tun, tun wir deshalb, weil wir dadurch unangenehme Konsequenzen beenden oder verhindern. Wir zahlen Steuern, u. a., um zu vermeiden, wegen Steuerhinterziehung belangt zu werden. Im Bereich der Steuern würde auch niemand auf die Idee kommen, lieber auf das Prinzip der Freiwilligkeit zu setzen (obwohl es tatsächlich eine Form der freiwilligen, d. h. positiv verstärkten Form des Steuernzahlens gibt, nämlich das Kaufen eines Loses einer staatlichen Lotterie).

Entscheidet man sich dazu, negative Verstärkung einzusetzen, muss man sicherstellen, dass die oben erwähnten Schlupflöcher soweit möglich geschlossen werden, so dass die Person tatsächlich nur die Möglichkeit hat, das erwünschte Verhalten zu zeigen. Zudem kann man auch viel dazu beitragen, dass das negativ verstärkte Verhalten auch positiv verstärkt wird oder aber weniger aversiv wird. Eine verhaltenswissenschaftlich gesehen sinnvolle Maßnahme ist es z. B., wenn man der Person die Wahlfreiheit lässt, mit welchem Impfstoff sie sich impfen lassen möchte. Natürlich sollte, wie bereits oben erwähnt, die Entscheidung, sich impfen zu lassen, immer sozial positiv verstärkt werden (anerkannt und wertgeschätzt werden). Damit negative Verstärkung tatsächlich funktioniert, muss sichergestellt sein, dass durch das erwünschte Verhalten der aversive Zustand tatsächlich beendet wird: D. h., es muss sich für die Person lohnen, dass sie sich impfen lässt, indem sie danach nicht mehr den gleichen Einschränkungen unterliegt, wie vor dem Auftreten des erwünschten Verhaltens (Sich-Impfen-zu-Lassen).

Mehr Informationen zum Thema, wie man mit der angewandten Verhaltensanalyse Menschen dabei hilft, kluge, d. h. sichere Entscheidungen zu treffen, finden Sie in meinem Buch „Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit – Behavior Based Safety (BBS)“ https://esv.info/978-3-503-20073-3.

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Wissenschaftstheorie: War die „Kognitive Wende“ eine wissenschaftliche Revolution?

Die sogenannte kognitive Wende in der Psychologie wird gerne als eine wissenschaftliche Revolution betrachtet. Der Umstand, dass sich im Lauf der fünfziger Jahre immer mehr Psychologen vom Behaviorismus abwandten und die sogenannte kognitive Psychologie begründeten, wird als Beleg dafür genommen, dass das behavioristische Paradigma überkommen und unfruchtbar geworden war. In der Tat scheint die Argumentation, nach O’Donohue et al. (2003) folgendermaßen zu verlaufen:

  1. Es gab eine wissenschaftliche Revolution
  2. Nach Popper zeigt eine wissenschaftliche Revolution an, dass die ältere Theorie aufgrund von falsifizierenden Daten der neueren Theorie unterlag.
  3. Also wurde das behavioristische Forschungsprogramm aufgrund falsifizierender Daten ad acta gelegt.

Tatsächlich hat aber nach den Maßstäben der Wissenschaftstheorie keine „Revolution“ stattgefunden. O’Donohue et al. (2003) vergleichen die Aussagen der wichtigsten Wissenschaftstheoretiker (Popper, Kuhn, Lakatos, Laudan und Gross) darüber, was eine wissenschaftliche Revolution ausmacht, mit den Aussagen einiger der wichtigsten Vertreter der kognitiven Wende und kommen zu dem Ergebnis, dass keine wissenschaftliche Revolution im traditionellen Sinne stattgefunden hat. Am besten wird die kognitive Wende als ein sozio-rethorisches Phänomen (im Sinne Gross‘) beschrieben.

O’Donohue et al. (2003) greifen dabei zum einen auf die Ergebnisse eines Fragebogens zu, den sie an sechs bedeutende Proponenten der kognitiven Wende versendeten, zum andern auf die Aussagen anderer bedeutender „Kognitivisten“ (wie z. B. Noam Chomsky und Ulric Neisser), wie sie in einem Buch zum Thema, Baars (1986) The Cognitive Revolution in Psychology, niedergelegt sind.

Nach Popper ist eine wissenschaftliche Revolution dann gegeben, wenn die alte Theorie falsifiziert wurde und wenn die neue Theorie über mehr „Erklärungs- und Vorhersagekraft“ verfügt, in dem Sinne, dass sie mehr empirische Daten erklären kann und logisch stringenter ist. Von der kognitiven Wende kann dies nicht behauptet werden. Keiner ihrer Hauptvertreter kann konkrete empirische Daten nennen (z. B. Ergebnisse von Experimenten), die das behavioristische Forschungsprogramm falsifiziert hätten oder die nicht mehr mit den Mitteln dieses Programms hätten erklärt werden können. Vielmehr sprechen Kognitivsten wie Philip Johnson-Laird von kleineren (prinzipiell aber lösbaren) Ungereimtheiten (embarrassments ), die sie sich vom Behaviorismus abwenden ließen.

Nach Kuhn ist eine wissenschaftliche Revolution dann zu erwarten, wenn die alte Theorie in einem „Meer von Anomalien“ ertrinkt und eine neue Theorie einen besseren Ansatz aufweist, mit dem sie die Anomalien auflösen kann. Die Probleme, die sich bei der behavioristischen Forschung zeigten, wurden durch die kognitive Wende nicht gelöst (vielmehr kam die weiter fortbestehende behavioristische Forschung nach und nach selbst damit klar). Kognitivisten beschäftigten sich lieber mit anderen Themen als die Behavioristen zu dieser Zeit schwerpunktmäßig. Von einem „Meer von Anomalien“ gar kann keiner der befragen Kognitivisten sprechen, im Gegenteil, ihnen fallen kaum Beispiele für „Anomalien“ ein (die den Namen verdienten).

Lakatos sieht eine wissenschaftliche Revolution dann heraufziehen, wenn sich die alte Theorie zunehmend auf Ad-hoc-Strategien verlegen muss, um auftretende Anomalien zu bewältigen. Ein typisches Beispiel sind die Epizykel, mit denen das ptolemäische Weltbild gerettet werden sollte. Ein progressives Forschungsprogramm dagegen kann nicht nur die Anomalien des degenerierenden Programms beseitigen, es schreitet gewissermaßen theoretisch der Empirie voraus: Neue Fakten werden theoretisch vorausgesagt, nicht die Theorie post hoc zu den Tatsachen „passend gemacht“. Der behavioristische Forschungsansatz hörte aber damals, auch nach Aussage der Kognitivsten, nicht auf, neue Voraussagen zu treffen. Auch trifft es nicht zu, dass Anomalien nur mehr mit Ad-hoc-Strategien gelöst wurden. Die Kognitivisten können sich nicht auf einen empirischen Befund einigen, der den Behaviorismus in Bedrängnis gebracht hätte, vom Kognitivismus aber elegant gelöst worden wäre. Die wenigen genannten Befunde (überhaupt zogen es die Befragten, auch auf konkrete Nachfragen, vor, allgemeine Aussagen zu machen und biographische Details auszuführen, anstatt Forschungsergebnisse zu benennen) sind aus behavioristischer Sicht eher „kleine Probleme“. Ein experimentum crucis fand sich nicht: „proponents of the revolution have yet to impart how the cognitive program is progressing when compared to the degenerating behavioral program. Namely, what are these `cataclysmic´ data that `drowned´ the behavioural program in an `ocean of anomalies´“? (S. 97).

Laudan hebt auf die höhere Problemlösefähigkeit der neuen Theorie ab, wenn er die Gründe für wissenschaftliche Revolutionen betrachtet. Die behavioristische Forschungstradition hätte demnach intern inkonsistent sein müssen, metaphysische Annahmen machen müssen, Prinzipien verletzen müssen, die sie begründet hatte und sich nicht in Einklang mit übergreifenden Theorien (z. B. der Evolutionstheorie 1) bringen lassen können. Die kognitive Psychologie müsste demnach viel mehr empirische Probleme lösen können als die Verhaltensanalyse, insbesondere solche, die der Behaviorismus nicht zu lösen imstande ist. Dies kann durch die Aussagen der befragten Kognitivsten nicht bestätigt werden. Sie sprechen dem kognitiven Forschungsprogramm mehr „Attraktivität“ zu als dem behavioristischen, nicht aber eine bessere Problemlösefähigkeit.

Gross` Perspektive kommt dem, was bei der kognitiven Wende stattfand, noch am nächsten. Diese war ein soziologisches Phänomen. Die Psychologen schienen nach und nach überzeugt zu sein, dass das kognitive Forschungsprogramm erfolgversprechender sei als das behavioristische. Dieser Wandel war nicht logisch begründet. Er lässt sich am besten als ein Überzeugungsprozess beschreiben, bei dem es dem Überzeugten nachher schwer fällt, zu erklären, was ihn denn nun überzeugt habe. Überzeugend waren bei der kognitiven Wende – so bestätigen es auch die Aussagen der Befragten – vor allem die (in der Regel rein theoretischen, d. h. keine neue empirische Forschung referierenden) Bücher der Vorreiter des Kognitivismus. Der Vorzug der kognitiven Psychologie ist, dass sie wesentlich „lebensnaher“ und an das Alltagsverständnis angelehnt schreiben (können) als die an die Regeln einer Naturwissenschaft gebundenen Behavioristen. Hinzu kam der Reiz des Neuen: Wer zur fraglichen Zeit im behavioristischen Programm blieb, der musste erst den ganzen, bis dahin schon recht umfangreichen Grundstock an Forschung begreifen und berücksichtigen. Das kognitivistische Forschungsprogramm war dagegen ein unentdecktes Land, mit vielen Möglichkeiten, Phänomene neu, nämlich als „kognitive“ Phänomene, zu untersuchen und zu beschreiben.

1 Speziell hier stellt die kognitive Wende einen eindeutigen Rückschritt dar: Man fragt, sich welchen adaptiven Wert die zahlreichen „kognitiven Prozesse“ haben sollen, die von den Kognitivisten angenommen werden. Das operante Konditionieren passt sehr gut zur biologische Evolution (und ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Evolution auf der Ebene des Individuums).

Literaturangabe:
O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26, 85-110. https://doi.org/10.1007/BF03392069

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Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

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Skinner und die Biologie des Verhaltens

B.F. Skinner wird öfters dafür kritisiert, er habe die Rolle der Biologie bei der Erklärung menschlichen Verhaltens unterschätzt oder geleugnet. Unter anderem tat sich hier der populäre Wissenschaftsautor Steven Pinker (2002) hervor. Er bezeichnete Skinner als einen eingefleischten Anhänger der These von der tabula rasa („a staunch blank slater“, 169). Diese Kritik wird auch von Garcia (1981) vorgebracht, der behauptet, Skinner würde sich nicht darum kümmern, dass es Unterschiede zwischen den Arten oder zwischen verschiedenen Gehirnen gäbe. Andere Kritiker räumen zwar ein, dass sich Skinner mit der Biologie des Verhaltens befasst hat, er habe dies aber erst gegen Ende seiner Karriere getan und nur in Reaktion auf die Kritik an seinem Versäumnis oder nur weil die empirischen Daten ihn dazu genötigt hätten. Da diese Argumente so oft und aus so prominenten Mündern vorgebracht werden, sollte man sie ernst nehmen. Zwar kann es dem aufmerksamen Leser von Skinners Werken nicht entgehen, dass dieser immer wieder die Rolle der Evolution, der Genetik und der Physiologie anspricht und würdigt. Wobei Skinner auch immer wieder klar stellt, dass die Analyse der Funktion der Biologie für das Verhalten nicht das zentrale Anliegen der Verhaltenswissenschaft ist. Jedoch sollte man es nicht bei einem ersten Eindruck bewenden lassen, sondern die jedermann zur Verfügung stehenden Daten (Skinners Veröffentlichungen) einer eingehenden Analyse unterziehen.

Morris, Lazo und Smith (2004) untersuchten die 289 von 1931 bis 1990 erschienenen Veröffentlichungen Skinners auf die Nennung von Evolution, Genetik und Physiologie und verwandter Begriffe sowohl im Titel als auch im Text, sowie ob und auf welche Weise diese Themen diskutiert werden. Explizit ausgenommen wurden Kritiken am „konzeptuellen Nervensystem“ (der kognitiven Psychologie) und am physiologischen Reduktionismus.

Skinner sprach demnach die Rolle der Biologie für das menschliche Verhalten in 34 % seiner Veröffentlichungen an, er tat dies in 46 Jahren seiner 61-jährigen Karriere. In diesen Veröffentlichungen wurde die Genetik, Physiologie und Evolution des Verhaltens 133mal angesprochen. Biologische Begriffe fanden sich in den Titeln von 17 Arbeiten, ausführlich diskutiert wurden solche Themen in 22 weiteren Werken, angesprochen in 94 weiteren. Die Gelegenheiten, bei denen Skinner die Biologie des Verhaltens ansprach, verteilen sich relativ gleichmäßig über seine ganze Karriere, wobei durchaus zu beobachten ist, dass er diese Themen später in seiner Karriere öfter ansprach als früher. Dies muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass Skinner in späteren Jahren mehr veröffentlichte als in jüngeren. Setzt man diese Zahlen also in Bezug zu der Gesamtzahl an Veröffentlichungen, ergibt sich, dass Skinner die Biologie des Verhaltens später nicht signifikant öfter ansprach als früher in seinem Leben.

Im Einzelnen ergibt sich für die Genetik: Bereits 1930 bespricht er die Rolle der Vererbung an. „Dass es grobe Merkmale des Verhaltens gibt, die genetische Konstanz zeigen, ist natürlich jedem Züchter bekannt“ („That there are gross charakteristics of behavior which show genetic constancy is of course, common knowledge to any stockbreeder“, 344). In The Behavior of Organisms (1938) berichtet er von eigenen Versuchen, die genetische Variabilität zu untersuchen, in Science and Human Behavior (1953) betont er mehrfach, wie unterschiedliche genetische Voraussetzungen zu unterschiedlichem Verhalten führen. Er fügte dem 1983 noch die Zusammenfassung hinzu, dass Unterschiede zwischen Arten in den erblichen Voraussetzungen für das Lernen zu auffällig seien, um übersehen werden zu können und dass es diese Unterschiede vermutlich auch, zu einem geringeren Ausmaß, zwischen den Individuen einer Art gibt (196). Immer wieder wird die Genetik des Verhaltens, auch nur in Zwischenbemerkungen, in ihr Recht gesetzt: 1947 betont Skinner, dass das menschliche Verhalten unter anderem durch die genetische Konstitution und die persönliche Geschichte determiniert sei (485). Bemerkenswert ist auch eine Bemerkung in Walden Two. Zwar sei der mittlere IQ der Walden-Two-Gemeinschaft aufgrund der besseren Erziehung und des besseren Unterrichts höher als in der Allgemeinbevölkerung. Aber die Spannweite der Werte sei nach wie vor dieselbe. Das heißt, die Methoden in Walden Two hatten keinen Einfluss auf genetisch bedingte Unterschiede. Alles in allem kann man Skinners Position gegenüber der Genetik des Verhaltens so zusammenfassen: „All behavior is due to genes, some more or less directly, the rest through the role of genes in producing the structures which are modified during the lifetime of the individual (1984, 704).

Mit der Physiologie des Verhaltens hat sich Skinner zu Beginn seiner Karriere als Forscher ausführlich beschäftigt. Erwähnt und diskutiert hat er die Physiologie 27mal, von 1931 bis 1990. Er betonte hierbei aber auch, dass die Rolle der Physiologie für das Verhalten nur mit dem Fortschreiten der Biotechnologie aufgeklärt werden kann, in Zusammenarbeit von Verhaltenswissenschaft und Biologie. Die Legende von der Black Box weist er mehrfach zurück, z. B. 1969: „There is no doubt of the existence of sense organs, nerves, and brain, or their participation in behavior. The organism is neither empty nor inscrutable; let the black box be opened” (1969, 280).

Die Evolution kommt bei Skinner in sieben Titeln vor, wird in acht weiteren Veröffentlichungen ausführlich diskutiert und in 22 weiteren erwähnt. Er erwähnte die Evolution allerdings nicht vor 1950 explizit. Erst in den späten Sechzigern steigt die Rate der Nennungen deutlich an. 1966 bemerkt er: „No reputable student of animal behavior has ever taken the position `that the animal comes to the laboratory a virtual tabula rasa,´ that species differences are insignificant and that all responses are equally conditionable to all stimuli“ (1205). Auch Breland und Brelands (1961) Kritik an ihm ist befremdlich, betrachtet man die vielen Gelegenheiten, bei denen Skinner die biologische Evolution des Verhaltens diskutiert. Insbesondere ist die Möglichkeit des operanten Konditionierens für das Individuum ein Überlebensvorteil, den die Art irgendwann einmal im Lauf der Evolution angenommen haben muss, um in der Lebenszeit des Individuums leichte Anpassungen des Verhaltens vornehmen zu können. Alles in allem fasst Skinner (1977) zusammen: „The behavior of organisms is a single field in which both phylogeny and ontogeny must be taken into account“ (1012).

Was die Ausgangsfrage angeht, ob Skinner die biologische Mitverursachung von Verhalten geleugnet hat, so muss diese mit Nein beantwortet werden. Auch ist nicht richtig, dass Skinner erst spät in seiner Karriere auf die biologischen Ursachen einging. Skinner selbst hat – da diese Kritiken bereits zu seinen Lebzeiten geäußert wurden – dies bekräftigt: „Several commentators refere to my `recent´ interest in the genetics of behavior, but my interest is actually longstanding” (1984, 701). Auch betont er, dass sowohl Watsons also auch seine ersten Experimente ethologischer Natur waren (1980, 199).

Skinner hat, wenn man die steigende Rate an Veröffentlichungen in Rechnung stellt, später nicht öfter als früher über die biologischen Ursachen des Verhaltens im Allgemeinen geschrieben. Über evolutionäre Aspekte im Besonderen allerdings hat er tatsächlich in seinen späteren Jahren häufiger geschrieben als früher. Ein Blick auf die Hintergründe hilft jedoch, das zu verstehen. In späteren Jahren schrieb Skinner ganz allgemein mehr systematische Arbeiten und weniger empirische. Der Bezug zur Evolution kam nun einfach häufiger zur Sprache. Auch änderte sich die Psychologie und die Wissenschaft und Skinner mit ihnen. In die Mitte des Jahrhunderts fällt die Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur, 1973 erhielten Lorenz, Tinbergen und von Frisch den Nobelpreis für Medizin. All diese Ereignisse haben Skinner natürlich, wie jeden anderen damit befassten Wissenschaftler, dazu angeregt, mehr über die Evolution des Verhaltens zu schreiben. Hinzu kommt die größere Bekanntheit Skinners in seinen späteren Jahren. Er musste nun in der Tat öfter den unfundierten Kritiken entgegnen, die ihm unterstellten, sich nicht um die biologische Evolution zu kümmern.

Warum konnte man aber Skinner unterstellen, die biologischen Aspekte des Verhaltens zu ignorieren? Nur wenige Äußerungen Skinners geben Anlass zu vermuten, er vernachlässige die Biologie des Verhaltens. 1953 schrieb er in Science and Human Behavior: “Operant conditioning shapes the behavior as a sculptor shapes a lump of clay” (91). Wer nicht weiterlesen kann oder will, mag das missverstehen können. Ein anderes Mal schreibt er, als er die beinahe identischen kumulativen Grafiken des Verhaltens von drei Tierarten unter bestimmten Verstärkerplänen bespricht: „Pigeon, rat, monkey, which is which? … It doesn’t matter … their behavior shows astonishingly similar properties” (1956, 230 – 231).

Es ist nicht nötig, ein Experte für die Arbeiten Skinners zu sein, um die Haltlosigkeit von Unterstellungen wie den o.g. zu erkennen. Es genügt völlig, Skinner einmal im Original statt nur sekundär oder tertiär zu lesen, dann nämlich findet man Passagen wie diese: „Human behavior will eventually be explained (as it can only be explained) by the cooperative action of ethology, brain science and behavior analysis“ (1989, 18).

Morris, Smith und Lazo (2005) berichten, dass ihr Artikel (Morris; Lazo & Smith, 2004) über Skinners Haltung zu biologischen Komponenten des Verhaltens ursprünglich nicht in The Behavior Analyst erscheinen sollte. Sie hatten den Artikel zuvor fünf anderen Fachzeitschriften angeboten, davon vier von der amerikanischen Psychologenvereinigung herausgegebenen; zwei der Zeitschriften beschäftigten sich explizit mit tierischem Verhalten. Der Artikel wurde aber jeweils zurückgewiesen, ohne dass auch nur eine Begutachtung stattfand. Die Herausgeber begründeten dies zum einen mit Platzmangel, zum anderen aber damit, dass der Artikel nicht „ins Heft passe“. Gravierende Qualitätsmängel wurden dem Artikel nicht attestiert. Einige der Herausgeber empfahlen, den Artikel doch bei einer Fachzeitschrift für die Geschichte der Psychologie einzureichen. Morris, Smith und Lazo (2005) finden dies nicht nachvollziehbar, da die in Morris, Lazo und Smith (2004) berichtigten Falschdarstellungen Skinners durchaus keine historischen Tatbestände sind. Zudem gilt Skinner nach einer Studie von Haggbloom und anderen (2002) als bedeutendster Psychologe des 20. Jahrhunderts (diese Studie erschien in einem APA-Journal für Allgemeine Psychologie). Es scheint, so die Autoren, Skinner solle „Geschichte“ bleiben oder werden. Die falschen Darstellungen seiner Ansichten sollen festgeschrieben werden, wohl auch deshalb, weil sie ein so wohlfeiler Topos sind. Dieser biologieleugnende „Skinner“ ist ein Strohmann, auf dessen immer wiederkehrende rituelle Verbrennung die Psychologenschaft wohl nicht verzichten will.

Literatur:

Breland, K. & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681 – 684.

Garcia, J. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36, 149 – 158.

Haggbloom, S.J.; Warnick, R.; Warnick, J.E.; Jones, V.K.; Yarbrough, G.L.; Russell, T.M.; Borecky, C.M.; McGahhey, R.; Powell, J.L.; Beavers, J. & Monte E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th Century. Review of General Psychology, 6, 139-142.

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169. PDF

Morris, Edward K.; Smith, Nathaniel G. & Lazo, Junelyn F. (2005). Why Morris, Lazo, and Smith (2004) published in The Behavior Analyst. The Behavior Analyst, 28, 169-179.

Pinker, S. (2002). The blank slate. The modern denial of human nature. New York: Viking.

Skinner, B. F. (1930). On the inheritance of maze behavior. Journal of General Psychology, 5, 427 – 458.

Skinner, B. F. (1938). The behavior of organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1947). Experimental psychology. In W. Dennis (Ed.), Current Trends in Psychology (pp. 16 – 49). Pittsburgh: University of Pitsburgh Press.

Skinner, B. F. (1956). A case study in scientific behavior. American Psychologist, 11, 221 – 233.

Skinner, B. F. (1966). The phylogeny and ontogeny of behavior. Science, 153, 1205 – 1213.

Skinner, B. F. (1969). The inside story. In B. F. Skinner, Contingencies of Reinforcement. A Theoretical Analysis (pp. 269 – 297). New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1977). Herrnstein and the evolution of behaviorism. American Psychologist, 32, 1006 – 1012.

Skinner, B. F. (1980). The experimental analysis of operant behavior. A history. In R. W. Reiber & K Salzinger (Eds.), Psychology. Theoretical-historical perspectives (pp. 191 – 202). New York: Academic Press.

Skinner, B. F. (1983). A Matter of Consequences. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1984). Authors response. Behavioral and Brain Sciences, 7, 701 – 707.

Skinner, B. F. (1989). The origins of cognitive thought. American Psychologist, 44, 13 – 18.

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Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im Johns-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im Johns-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Auch in Deutschland wird dieser Mythos selbst 2018 noch von „Spektrum der Wissenschaft“ weiterverbreitet. Interessant finde ich ich, dass die Autorin, Daniela Ovadia, Watson (den Begründer des Behaviorismus) und Rayner als „überzeugte Behavioristen“ bezeichnet, als handle es sich um eine Sektenmitgliedschaft oder eine politisch radikale Gesinnung – ganz abgesehen von ihrem eher holzschnittartigem Bild vom Behaviorismus („erklärte jegliches Verhalten als das Produkt von erlernten Reiz-Reaktions-Schemata“).

Die Behauptung, Albert sei Douglas Merritte gewesen, trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz (Bördlein, 2000). Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Bördlein, C. (2000). Die Bestätigungstendenz. Warum wir (subjektiv) immer recht behalten. Skeptiker, 13(3), 132-138.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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Zeitgenossen über Rudolf Steiner

(Dies gehört weniger zu „Verhalten“ sondern mehr zu „usw.“).

In dem wirklich empfehlenswerten Buch von Phillip BlomDer taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“ wird u. a. die Esoterik des frühen 20. Jahrhunderts beschrieben. Dabei widmet sich der Autor auch dem Begründer der „Waldorf“-Pädagogik (über die es hier schon mal ging), Rudolf Steiner: „Sein Denken verknüpft Reste eines wissenschaftlichen Positivismus (der jetzt auf ein visionäres ´Erkennen` der geistigen Welt gerichtet war) mit indischer Mystik, katholischem Ritual, expressionistischer Ästhetik, Nietzscheschem Lebenskult und Hegelscher Geschichtsphilosophie, alles garniert mit etwas Fichte, weihevoller Rhetorik und Naturverehrung frei nach Goethe und völliger Humorlosigkeit im Angesicht des Ewigen“ (S. 245).

Weiter berichtet Blom über die Reaktion einiger Zeitgenossen: „Für skeptische Geister war der Kult um Steiners Person unverständlich. Hermann Hesse erklärte sein Denken für ´ungenießbar`, der immer suchende Franz Kafka, der einen Vortag des ´Doktors` gehört hatte, suchte ihn persönlich auf und konnte sich in seinem Tagebuch angesichts des Gegensatzes zwischen hehrer Geheimlehre und schnöder Wirklichkeit der Lächerlichkeit der Situation nicht entziehen: ´Er nickte von Zeit zu Zeit, was er scheinbar für ein Hilfsmittel einer starken Konzentration hält. Am Anfang störte ihn ein stiller Schnupfen, es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, ein Finger an jedem Nasenloch`. Albert Einstein reagierte als Wissenschaftler und hielt Steiners Methode für nichts als ignoranten Hokuspokus: ´Der Mann hat offenbar keine Ahnung von der Existenz einer nichteuklidischen Geometrie… Bedenken Sie doch diesen Unsinn: Übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muß ich doch gebrauchen, um irgend etwas zu erfahren`“ (ebd u. .f).

Wer aus dem Raum Köln kommt und heute Abend noch Zeit hat: André Sebastiani spricht heute bei den Kölner Skeptikern über die Waldorf-Pädagogik (ab 19:30 Uhr im „Herbrands„).

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Normalverteilung

„The normal distribution may, with reasonable accuracy, claim that two thirds of the population of men are between 67 and 73 in. tall, but in the same breath it asserts that a finite proportion are less than an inch tall“ (Palmer, 2013, S. 273).

Das heißt: Wenn wir eine Normalverteilung der Körpergröße unterstellen, können wir zwar mit einiger Sicherheit sagen, dass zwei Drittel aller Männer zwischen 1,70 m und 1,85 groß sind, wir behaupten aber zugleich, dass es eine bestimmte Anzahl von Männern gibt, die kleiner als 2,5 cm sind.

Literatur

Palmer, David C. (2013). Some implications of a behavioral analysis of verbal behavior for logic and mathematics. The Behavior Analyst, 36(2), 267-276.

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19/08/2014 · 17:54

Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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Placebo-Effekte in der (Richtlinien-)Therapie

Robert Mestel (der hier schon als Co-Autor tätig war) hat auf der letzten Skeptiker-Konferenz in München über die Wirksamkeit von Psychotherapieverfahren gesprochen. Leider konnte ich selbst nicht dabei sein, jedoch berichtet das Skeptiker-Blog darüber. Dort gibt es auch einen Video-Mitschnitt von Robert Mestels Vortrag.

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