Archiv der Kategorie: Stimuluskontrolle

Falsche Geständnisse

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen verurteilt werden, weil sie eine Tat gestanden haben, die sie objektiv nicht begangen haben. Wie kann es – aus verhaltensanalytischer Sicht – dazu kommen?

In Gerichtsverfahren spielt das Geständnis des Angeklagten eine herausragende Rolle bei der Feststellung der Schuld. Doch eine nicht unerhebliche Anzahl an Geständnissen ist falsch. Dies wird deutlich, wenn sich z. B. in Untersuchungen des genetischen Fingerabdrucks herausstellt, dass der geständige Täter gar nicht der Täter gewesen sein kann. Eine Untersuchung aus den USA (vgl. Niland & Ortu, 2020) zeigte, dass bei der Überprüfung von 362 Verurteilungen der DNA-Beleg erwies, dass 28 % der Geständnisse falsch waren. Nach Ansicht von Experten spielen bei falschen Geständnissen drei Variablen eine Rolle: eine Person wird zu Unrecht als Verdächtiger in einem Verbrechen betrachtet, die polizeilichen Verhörmethoden beinhalten die Ausübung von Druck und Befragungen, die zur Voraussetzung haben, dass der Verdächtige auch der Täter ist und es werden Befragungstechniken eingesetzt, die den Verdächtigen dazu verleiten, in Form einer Verhaltensformung, nach und nach eine schlüssige Darstellung seiner Tatbeteiligung zu liefern. Bestimmte Personengruppen sind anfälliger dafür, falsche Geständnisse abzulegen, so unter anderem junge Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen, die unter großem Stress stehen.

Generell sollten Geständnisse kritisch betrachtet werden. Die laienhafte Vorstellung ist, dass es sich bei Erinnerungen um eine Art Computerdatei handelt, die von der Person beliebig abgerufen werden könnten. Tatsächlich aber ist das Sich-Erinnern ein Verhalten, das unter der Stimuluskontrolle aktueller Ereignisse steht (Palmer, 1991; Skinner, 1957, S. 142). Unsere Erinnerungen können uns insofern täuschen, als wir uns an etwas, das tatsächlich stattgefunden hat, nicht erinnern oder aber insofern als wir uns an etwas erinnern, dass tatsächlich nicht passiert ist. Die Person ordnet also etwas, was passiert ist, als unbekannt ein und etwas, was neu ist, als bekannt ein. Beim Sich-Erinnern spielt das Feedback der Umwelt eine Rolle. Wenn wir das Feedback erhalten, dass wir uns an etwas erinnern sollten, das aber tatsächlich nicht passiert ist, reagieren wir leicht auf dieses Feedback.

Eine bei der Polizei (in den USA) beliebte Methode zur Befragung von Verdächtigen ist die sogenannte Reid-Technik. Sie ist deshalb populär, weil behauptet wird, dass sie bei 80 % der befragten Personen zu einem Geständnis führen würde. Dabei wird nicht zwischen korrekten und falschen Geständnissen unterschieden. Merkmale dieser Technik bestehen darin, den Verdächtigen zu isolieren, eine stressende Umgebung zu schaffen und die suggestiven Techniken der Maximierung und Minimierung zum Einsatz zu bringen. Die Maximierung besteht darin, die positiven Folgen eines Geständnisses für den Verdächtigen hervorzuheben (z. B. dass er sich dann erleichtert fühlen würde und dass der Befrager ihn dann mögen würde). Die Technik der Minimierung besteht beispielsweise darin, dass man die Schuld des Verdächtigen an dem Verbrechen minimiert (z. B. dass er nur in Notwehr gehandelt habe).

Niland und Ortu (2020) gehen davon aus, dass gerade diese Techniken dazu beitragen, dass bei dem Verdächtigen ein falsches Geständnis geformt werden kann. Wenn die befragenden Polizisten beispielsweise nahe legen, dass das Opfer an einem öffentlichen Platz körperlich attackiert wurde, kann dies bei dem Verdächtigen sprachliches Verhalten stärken, dass Wörter wie „Kampf“, „Streit“, „zuschlagen“ und „draußen“ beinhaltet. Die Technik der Maximierung stellt aus verhaltensanalytischer Sicht etablierende Operationen für ein Geständnis bereit; die Aussagen der verhörenden Polizisten machen die Verstärker für das Äußern eines Geständnisses wirksamer und sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Verdächtige gesteht. Auch die Androhung oder tatsächliche Ausübung von körperlicher Gewalt durch die Polizisten kann als etablierende Operation für ein Geständnis wirken. Das Geständnis wird hier negativ verstärkt, indem die Drohung weggenommen wird.

Wie kommt es nun aber dazu, dass Verdächtige in ihren falschen Geständnissen teilweise sogar detaillierte Beschreibungen des Tatorts und des Tathergangs liefern und dass sie selbst diese Aussagen für authentische Erinnerungen halten? Die Aussagen des Verdächtigen werden in vielerlei Weise durch die Fragen der Polizisten gepromptet. Hier spielen die Ergebnisse von Loftus und Palmer (1974) eine Rolle. Diese zeigten ihren Versuchspersonen das Video eines Autounfalls. Anschließend befragten sie die Versuchspersonen. Ein Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Autos gewesen sein, als sie ineinandergekracht sind. Ein anderer Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Fahrzeuge waren als sie sich berührten. Im ersten Fall schätzten die Versuchspersonen die Geschwindigkeit der Fahrzeuge deutlich höher ein als im zweiten Fall. Das Wort „ineinanderkrachen“ (smash) veranlasste die Versuchspersonen auch deutlich häufiger, sich an zersplitterte Glas in dem Video zu erinnern, obwohl in dem Video kein verspätetes Glas zu sehen gewesen war. Die Fragen der Polizisten sind Prompts, die dem Verdächtigen anzeigen, welche Aussagen von ihm zu Verstärkung führen werden (z. B. in Form von Anerkennung und Zustimmung durch die Polizisten) und welche nicht. Durch die Kombination aus Prompts und differentieller Verstärkung formen die befragenden Polizisten so nach und nach die Aussage des Verdächtigen, ohne dies bewusst beabsichtigt zu haben. Doch auch das Verhalten der Polizisten unterliegt Verstärkungskontingenzen. Das Geständnis des Verdächtigen wird sehr hoch bewertet und den befragenden Polizisten als Verdienst angerechnet. Nähert sich der Verdächtige in seinen Aussagen nach und nach dem Geständnis an, wirkt dies als Verstärkung auf das Verhalten der Polizisten, die Aussagen des Verdächtigen zu prompten und differenziell zu verstärken.

Viele Verdächtige, die ein falsches Geständnis abgelegt haben, widerrufen dieses falsche Geständnis wieder, sobald sie aus der Situation der Befragung herausgehen, also nicht mehr den Kontingenzen des Verhörs unterliegen. Doch einige Verdächtige halten tatsächlich an einem objektiv falschen Geständnis fest. Um dies verstehen zu können, müssen wir uns wieder vor Augen halten, dass das Sich-Erinnern nicht der Zugriff auf eine Datei auf einer Festplatte in unserem Kopf ist. Wir haben im Lauf unseres Lebens gelernt, uns korrekt zu erinnern, in dem wir von außen Feedback für unsere Erinnerungen erhielten. Unsere Eltern befragten uns beispielsweise danach, wen wir im Kindergarten getroffen haben und sie reagierten positiv auf Äußerungen, die wahrscheinlich der Wahrheit entsprachen und negativ auf Äußerungen, die wahrscheinlich (aus Sicht der Eltern) nicht der Wahrheit entsprachen. Wenn wir uns nun, im Erwachsenenalter, an etwas erinnern, prüfen wir ebenfalls die Plausibilität unserer Erinnerung daran, ob sie zu anderen Informationen passt. Fehlen diese Hinweise oder sind sie durch den Prozess des Verhörs durch andere Informationen (die die Polizisten nahelegten) überlagert, können wir zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Der Verdächtige meint dann, auch wenn er sich ursprünglich nicht direkt daran erinnern konnte, dass es wohl tatsächlich so gewesen sein muss, wie die Polizisten nahegelegt haben.

Niland und Ortu (2020) analysierten mehrere Verhörprotokolle, die zu einem falschen Geständnis geführt hatten, auf die darin vorkommenden verbalen Episoden. Eine verbale Episode ist im Grunde so etwas ähnliches wie die Dreifachkontingenz, nämlich die Abfolge von Stimulus (z. B. Frage), Verhalten (z. B. der Aussage des Verdächtigen) und Konsequenz (der Reaktion des Polizisten). Insbesondere zeigte sich dabei, dass Autoclitics (wie z. B: „ich glaube, dass“ oder „es könnte sein“) in den Äußerungen der Verdächtigen eine große Rolle spielen. Niland und Ortu (2020) erläutern, dass Autoclitics eine schwache oder fehlende Kontrolle des sprachlichen Verhaltens durch die Variablen, die das sprachliche Verhalten eigentlich kontrollieren sollten (d. h., tatsächliche Erinnerungen), anzeigen. Sie geben Des weiteren Empfehlungen, wie sich Verhaltensanalytiker als Gutachter positionieren sollten. Sie sollten in ihren Ausführungen vermeiden, die Speicher- und Abruf-Metaphern der Gedächtnispsychologie zu verwenden. Diese Metaphern legen nahe, dass Erinnerungen entweder wahr oder nicht vorhanden sind. Ein falsches Geständnis kann so von den am Prozess Beteiligten weniger wahrscheinlich als ein falsches Geständnis akzeptiert werden. Dem Einwand, dass ein falsches Geständnis zu gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen führt und dass es deshalb unplausibel sei, dass die Person sich selbst belaste, obwohl sie unschuldig sei, kann man damit begegnen, dass die gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen zeitlich weiter entfernt liegen als die unmittelbaren positiven Folgen des falschen Geständnisses (Prinzip der Kontiguität). Dem Einwand, wie der Verdächtige in seinem falschen Geständnis Details der Tat habe äußern können, die nur der Täter kennen können, kann man damit begegnen, dass es genügt, dass die Polizisten, die das Verhör durchgeführt hatten, den Tatablauf kannten. Die Fragen der Polizisten können, auch ohne dass die Polizisten dies beabsichtigt haben, Aussagen des Verdächtigen gepromptet haben, die mit dem (ihm eigentlich unbekannten) Tatablauf übereinstimmen. Auch tauchen falsche Geständnisse in der Regel nicht aus dem Nichts auf, sondern sie werden im Verlauf des Verhörs geformt. Erst nach und nach wird das falsche Geständnis zu einem glaubhaften Geständnis. Dies geschieht im Wechselspiel zwischen Aussagen des Verdächtigen und Fragen und Reaktionen der Polizisten. Niland und Ortu (2020) schließen mit der eigentlich selbstverständlichen Feststellung, dass unter keinen Umständen ein Geständnis der einzige oder der hauptsächliche Beleg für die Schuld des Angeklagten sein sollte. Polizisten, die Verdächtige verhören, sollten nicht unter Druck gesetzt werden, dass sie einen Fall schnell lösen müssen, da dies bei für die Polizisten Verstärkungskontingenzen schafft, die die Formung eines falschen Geständnisses beim Verdächtigen begünstigen.

Literatur

Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of automobile destruction: An example of the interaction between language and memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13(5), 585-589. https://doi.org/10.1016/s0022-5371(74)80011-3

Niland, H., & Ortu, D. (2020). Confessions selected by consequences: An operant analysis of false confessions and interrogation techniques. Behavior and Social Issues. https://doi.org/10.1007/s42822-019-00025-8

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Context Press.

Skinner, B. F. (1957). Verbal Behavior. Copley Publishing Group.

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Gedächtnis und Erinnern

Eine verhaltensanalytische Interpretation des Gedächtnisses ist schwierig – nicht deshalb, weil sich die mit diesem Begriff gemeinten Vorgänge nicht verhaltensanalytisch erklären ließen, sondern, weil die Erklärung komplex ist und viel an Vorwissen (in Bezug auf die Verhaltensanalyse) voraussetzt. Die „kognitiven“ Interpretationen der Gedächtnisphänome (das Gedächtnis als Speicher) sind dagegen jedem Laien leicht zugänglich, ihre logischen Schwächen fallen jedoch nicht auf.

David Palmer (1991) versuchte sich an einer zusammenfassenden Interpretation der Gedächtsnisphänomene aus verhaltensanalytischer Sicht. Selbst mein Exzerpt, dass ich im folgenden wiedergebe, ist lang und, trotzdem ich mich darum bemüht habe, schwerer Lesestoff.

Das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht

Das Gedächtnis wird oft als eine unabhängige Variable betrachtet, die darauf folgendes offenes Verhalten erklärt. Wir fragen jemanden danach, was er gestern zum Frühstück gegessen hat, diese Person greift auf ihr Gedächtnis zu und antwortet dann „Rühreier“. Palmer (1991) versucht, den Themenkomplex „Gedächtnis“ aus verhaltensanalytischer Sicht zu interpretieren. Interpretationen sind nichts Anrüchiges. In der Wissenschaft haben sie schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Newtons Erklärung der Gezeiten ist eine Interpretation, die auf seinen Experimenten mit Pendeln und Bällen aus Wolle, Glas oder Kork basieren. Niemand hat jemals versucht, experimentelle Kontrolle über die Gezeiten auszuüben. Im Bereich des menschlichen Verhaltens spielt die Interpretation ebenfalls eine wichtige Rolle, insofern, als die Kontingenzen, denen das Verhalten im Alltag unterliegt, üblicherweise komplex sind, die Lerngeschichten unbekannt und saubere Experimente oft aus praktischer oder ethischer Sicht unmöglich sind.

Wenn wir das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht betrachten, müssen wir über Verhalten sprechen. Verhalten ist jede Aktivität eines Organismus, die in einer funktionalen Beziehung zu Umweltereignissen steht. Verhalten ist nicht durch den Grad der Beobachtbarkeit definiert. Es gibt Verhalten, das leicht von außen beobachtet werden kann und Verhalten, das nur schwer von außen beobachtet werden kann. Die sogenannten privaten Ereignisse spielen in der experimentellen Verhaltensanalyse keine besondere Rolle. Sie sind aber wichtig bei der Interpretation von Verhalten auf der Grundlage der experimentellen Ergebnisse. Wenn man in einer Interpretation also nicht-beobachtetes Verhalten mit einbezieht, bedeutet dies nicht, dass man sich auf unbeobachtbare interne Prozesse oder Repräsentationen bezieht.

Eine einfache, wenngleich nur oberflächliche Erklärung der Phänomene, die man gemeinhin als Gedächtnis bezeichnet, lautet, dass es sich um Verhalten unter Stimuluskontrolle handle. Jemand fragt mich, was ich gestern zum Frühstück gegessen habe (dies ist der diskriminative Stimulus) und ich antworte (dies ist das Verhalten), ich habe Rühreier gegessen. Wohl ist die Frage nach meinem gestrigen Frühstück ein diskriminativer Stimulus für mein Verhalten, mich zu erinnern. Doch fehlt etwas für die Erklärung meines Verhaltens, „Rühreier“ zu sagen. Wir können hier nicht einfach auf einen nicht-vorhandenen Stimulus zurückgreifen, wie etwa ein vorgestelltes oder in meinem Geist gespeichertes Frühstück. Wohl aber ist es ein Unterschied, ob wir, während wir gerade frühstücken, gefragt werden, was wir frühstücken oder ob wir am nächsten Tag gefragt werden, was wir gestern gefrühstückt haben. Seit dem gestrigen Tag haben wir uns verändert. Wir sind nun eine andere Person und reagieren deshalb auf die Frage, was wir gestern gefrühstückt haben, anders. Warum aber reagieren wir anders? Eine beliebte Metapher in diesem Zusammenhang ist die Speichermetapher. Wir sagen, dass die Erinnerung an unser gestriges Frühstück irgendwo in uns gespeichert ist. Doch was ist dieser Speicher? Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann es sich nur um eine physiologische Veränderung (z. B. in unserem Gehirn) handeln. Doch diese physiologischen Veränderungen sind keine Stimuli. Wir können nicht auf diese physiologischen Veränderungen so reagieren wie wir auf die Wörter auf einer Einkaufsliste reagieren, die wir in der Hand halten, während wir einkaufen.

Palmer (1991) stellt klar: Das Gedächtnis ist kein Ding, dass wir untersuchen könnten. Wir können das Verhalten untersuchen, dass wir zeigen, wenn wir versuchen, uns zu erinnern. Es gibt keinen Grund, dieses Verhalten von anderem Verhalten des Individuums zu unterscheiden. Kurz gesagt, untersuchen wir das Erinnern, nicht das Gedächtnis. Unser gegenwärtiges Verhalten, z. B. das Verhalten, uns zu erinnern, wird von gegenwärtigen Variablen in unserer Umwelt kontrolliert. Wenn wir uns „falsch erinnern“, begehen wir nicht einen Fehler beim Zugriff auf unser Gedächtnis. Vielmehr ist es so, dass unser Verhalten (z. B. „Cornflakes“ zu sagen, wenn wir nach unserem gestrigen Frühstück gefragt werden) die richtige Reaktion auf die gegenwärtigen Variablen darstellt. Wir bezeichnen diese Erinnerung nur als falsch, weil sie von dem, was wir gestern gesagt hätten, wenn man uns nach unserem Frühstück gefragt hätte, abweicht. Würde man die Bedingungen des gestrigen Frühstücks wiederholen, würden wir das gleiche Verhalten zeigen („Rühreier“ sagen).

Man stelle sich zwei verschiedene Experimente vor:

  1. Das Picken einer Taube wird auf einem variablen Quotenplan verstärkt, wenn der Schalter rot beleuchtet ist. Wenn der Schalter dunkel ist, wird das Verhalten auf Extinktion gesetzt. Dies lernt die Taube relativ schnell. Eine Woche später wird die Taube wieder in die operant chamber gesetzt. Sobald der Schalter rot beleuchtet wird, fängt die Taube unmittelbar zu picken an. Sobald das Licht aus ist, hört die Taube sofort auf zu picken.
  2. Eine Matching-to-Sample-Aufgabe: Eine Taube steht vor drei verschiedenen, beleuchtbaren Schaltern. Wenn der mittlere Schalter rot leuchtet, führt ein Picken auf den linken Schalter dazu, dass die Taube Futter erhält. Wenn der mittlere Schalter grün leuchtet, erhält die Taube Futter, wenn sie auf den rechten Schalter pickt. Nach und nach verlängert man den zeitlichen Abstand zwischen dem Aufleuchten des mittleren Schalters und dem Funktionieren der linken oder rechten Schalter (insofern, als das Picken auf einen dieser Schalter zu Futter führt). Die Taube lernt, auch nach fünf Sekunden auf den „richtigen“ Schalter zu picken.

Im ersten Fall scheint sich die Taube nach einer Woche zu erinnern, was sie zu tun hat. Doch es ist nicht die Erinnerung an die frühere Erfahrung, die überdauert hat, sondern die Stimuluskontrolle des Verhaltens. In diesem Sinne ist jegliches erlernte Verhalten ein Beispiel für eine Gedächtnisleistung. Auch im zweiten Fall ist das Verhalten unter Stimuluskontrolle, wobei die Verstärkung später, in Abwesenheit dieses Stimulus gegeben wird. Im ersten Fall ist der Stimulus, der während der Trainingsphase verwendet wurde, während des Tests anwesend, im zweiten Fall ist er das nicht.

Nach Palmer (1991) bezeichnet man mit „Gedächtnis“ zwei verschiedene Fälle:

  1. Gedächtnis als Phänomen der Stimuluskontrolle.
  2. Gedächtnis als eine Form von Problemlösen.

Gedächtnis als ein Phänomen der Stimuluskontrolle

Diese Kategorie erinnert etwas an das, was in der traditionellen Gedächtnispsychologie als „implizites Gedächtnis“ bezeichnet wird. Das Verhalten in dieser Kategorie ist mehr oder weniger automatisch. Es tritt direkt als Ergebnis der Kontrolle durch die unmittelbar vorhandenen Umweltreize auf. Die Kontrolle dieser Umweltreize über das Verhalten variiert in Abhängigkeit der Deprivation, dem Verstärkungsplan und der Anwesenheit anderer Stimuli. Je nachdem, wie diese anderen Variablen ausfallen, tritt das Verhalten (das Sich-Erinnern) mehr oder weniger leicht auf. Die Stimuluskontrolle nimmt nicht einfach ab, weil Zeit vergeht. Das Vergessen geschieht deshalb, weil die Stimuluskontrolle durch Ereignisse, die in der Zwischenzeit, zwischen dem Ereignis und dem Erinnern, geschehen, geschwächt wird. Ist z. B. der Generalisationsgradient sehr eng, löst also nur ein bestimmter Stimulus oder ein bestimmte Kombination von Stimuli die Erinnerung aus, kann es leicht passieren, dass das Verhalten (sich zu erinnern) nicht auftritt. Beispielsweise mag man zum ersten Mal bei einer Fahrt durch North Dakota erfahren haben, dass die Hauptstadt dieses Bundesstaates „Bismarck“ heißt. Die Antwort auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ fällt einem möglicherweise nur dann ein, wenn man gerade Auto fährt, braunes Prärieland und erodierten Sandstein um sich herumsieht, Dieselabgase riecht und viele andere, insbesondere interozeptive, also körperliche Stimuli gegenwärtig sind, die zu dem Zeitpunkt, als man gelernt hat, wie die Hauptstadt von North Dakota heißt, ebenfalls zugegen gewesen sind. Der nominelle diskriminative Stimulus, der das Verhalten kontrollieren sollte (die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“) ist nur einer von vielen möglichen Stimuli, die zugegen waren, als das Verhalten (die Antwort „Bismarck“) verstärkt wurde. Zudem mag es andere Verhaltensweisen geben, auf die der nominelle diskriminative Stimulus ebenfalls Stimuluskontrolle ausübt. Zwar gibt es für den kompletten Satz „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ nur ein Verhalten, das verstärkt wird. Doch üben alle Bestandteile dieser Frage Stimuluskontrolle auch über anderes Verhalten aus. Beispielsweise dürfte der Bestandteil „Hauptstadt“ auch Stimuluskontrolle über die Antwort „Washington“ ausüben, der Bestandteil „North Dakota“ könnte Stimuluskontrolle über „Fargo“, „Schneestürme“ und anderes mehr haben. Dass uns auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ keine Antwort einfällt, kann daran liegen, dass andere Verhaltensweisen (die anderen Dinge, an die wir uns erinnern, wenn wir die Frage hören) ebenfalls durch die Frage aktiviert werden. Je mehr Zeit zwischen dem Lernen und dem Test (der Frage nach der Hauptstadt von North Dakota) vergeht, desto wahrscheinlicher ist es, dass zwischenzeitlich auch andere, konkurrierende Verhalten konditioniert worden sind. Zusätzlich beeinträchtigen uns auch noch konkurrierende Verhalten, auf die andere Stimuli Stimuluskontrolle ausüben. Haben wir erst kürzlich von einem Freund gehört, der in Brisbane lebt, könnte die Antwort „Brisbane“ gegenwärtig bei uns eine starke Tendenz aufweisen. Ein weiteres tut die topographische Ähnlichkeit zwischen den beiden Antwortmöglichkeiten „Brisbane“ und „Bismarck“[i]. Der Grund, warum wir uns manchmal nicht erinnern können, liegt also nicht darin, dass die Stimuluskontrolle irgendwie verloren gegangen wäre, sondern dass es konkurrierende Reaktionen auf den Stimulus (die Frage) gibt und dass es zu wenige Stimuli gibt, die neben der Frage noch die Antwort kontrollieren könnten.

Diese Prinzipien kommen auch in den üblichen Experimenten, mit denen man die Gedächtnisleistung überprüft, zum Tragen. Beispielsweise lernt eine Person in einem solchen Experiment, einem bestimmten Begriff eine Unsinnssilbe zuzuordnen. Wird die Person dann getestet, testet man nicht die Gedächtnisleistung, sondern ob die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf die Unsinnssilbe übertragen werden konnte. Es ist, so Palmer (1991), nicht überraschend, dass die Versuchspersonen in diesen Experimenten vergessen, sondern dass sie sich überhaupt an irgendetwas erinnern. In verhaltensanalytischen Versuchen zur Übertragung der Stimuluskontrolle geschieht dies, indem der zu lernende Begriff nach und nach prominenter gemacht wird und der bereits bekannte Begriff nach und nach ausgeblendet wird (Fading). Wendet man solche Strategien nicht an, ist es unwahrscheinlich, dass die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf den neutralen, neuen Begriff (oder die Unisinnssilbe) übergeht. Die Leistung der Versuchspersonen in den üblichen Experimenten zum Gedächtnis hängt also von nicht-kontrollierten Ereignissen während der Lernphase und von der Lerngeschichte der Versuchsperson ab. Dies erklärt auch, warum man meist nicht erklären kann, welche Begriffe auf einer bestimmten Liste gelernt werden und welche vergessen werden.

Der Vorgang der Extinktion ist der einzige, der erklären kann, wie die Stimuluskontrolle nachlässt oder verschwindet. Tatsächlich scheint es bei der Extinktion aber so zu sein, dass die Stimuluskontrolle eher präziser wird, als dass sie verloren geht. Der Organismus lernt, dass unter den Extinktionsbedingungen (die immer leicht unterschiedlich von den Lernbedingungen sind) das Verhalten nicht mehr zur Verstärkung führt und zeigt es deshalb nicht. Zum Wiederaufleben des Verhaltens kommt es vor allen Dingen dann, wenn der Organismus sich in einer neuen Umgebung (in Anwesenheit neuer Stimuli) befindet oder aber, wenn er in die ursprüngliche Lernumgebung zurückgebracht wird. Auf das Phänomen des Erinnerns übertragen, bedeutet dies, dass wir nicht die Stimuluskontrolle über das Erinnern verlieren, sondern dass die Stimuluskontrolle durch neue Lernerfahrungen verändert wurde, was gewissermaßen zu einer Verdrängung der ursprünglich funktionierenden Stimuluskontrolle des Erinnerns führt.

Betrachten wir das zweite Beispiel (delayed matching to sample), stellt sich eine weitere Frage. Wie lange kann ein Stimulus noch Kontrolle über das Verhalten ausüben? Dies entspricht der Frage der traditionellen Gedächtnispsychologie, wie lange das Kurzzeitgedächtnis währt. Interessanterweise zeigen Studien zum zeitverzögerten matching to sample ähnliche Ergebnisse wie Studien zum Kurzzeitgedächtnis. Sowohl das delayed matching to sample als auch das Erinnern von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses funktioniert nur maximal 20 Sekunden lang (Blough, 1959). Bei der Stimuluskontrolle stellt sich zudem immer die Frage, was ein „neuer“ Stimulus ist. Dabei zeigt sich, dass ein Stimulus nur dann „funktioniert“, wenn er überraschend ist, d. h. in gewisser Weise neu für den Organismus. Die lernpsychologischen Phänomene der Blockierung und des Verhaltenskontrasts können zahlreiche Gedächtnisphänomene erklären, wie etwa den Primacy- oder Recencyeffekt, das Tip-of-the-Tongue-Phänomen und die sogenannten Blitzlicht-Erinnerungen.

Gedächtnis als ein Phänomen des Problemlösens

Auf die Frage, was die Wurzel aus 144 ist, können die meisten von uns wahrscheinlich mit der richtigen Antwort reagieren („12“). Wir haben diese Frage schon einmal erfolgreich in der Vergangenheit beantwortet und erinnern uns an die Antwort. Das Sich-Erinnern ist in diesem Fall ein Phänomen der Stimuluskontrolle durch die Frage. Wenn aber die Frage gestellt wird, was die Wurzel aus 1764 ist, können nur die wenigsten von uns schnell darauf eine Antwort geben. Dies hat nichts mit einer unterschiedlich starken Stimuluskontrolle zu tun. Wir haben diese Frage bisher einfach noch nie beantwortet. Die Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und die Antwort auf die Frage „Was ist die Wurzel aus 1764?“ erfordert von uns jeweils ein problemlösendes Verhalten. Probleme in diesem Sinne sind aus verhaltensanalytischer Sicht verbale Stimuli, die eine aversive Konsequenz anzeigen, die wir nur dadurch vermeiden können, dass wir innerhalb einer gewissen Zeitspanne darauf reagieren. Man kann dies zum Beispiel auch daran erkennen, dass Menschen auf Probleme, die sie nicht gleich lösen können, oft mit sprachlichen Reaktionen reagieren, die ihnen Zeit verschaffen wie z. B. „Hm, lass mich mal überlegen“. Die Antwort „Ich weiß es nicht“ führt nicht zu Verstärkung, wohl aber die richtige Antwort.

Probleme kennzeichnet nach Palmer drei Merkmale:

  1. Das Zielverhalten oder die Zielverhaltensweisen sind Teil des Verhaltensrepertoires des Organismus, wobei dieses Verhalten von einem oder mehreren Stimuli abhängt.
  2. Es sind diskriminative Stimuli vorhanden, die anzeigen, dass das Verhalten verstärkt werden könnte.
  3. Das Verhalten ist nicht unter direkter Kontrolle von aktuell gegenwärtigen diskriminativen Stimuli.

Beispielsweise ist das sprachliche Verhalten „42“ (die Antwort auf die Frage nach der Quadratwurzel aus 1764) in unserem Repertoire. Dieses Verhalten („42“ zu sagen) hängt von vielen verschiedenen diskriminativen Stimuli ab, z. B. von dem diskriminativen Stimulus “Was ist 6 × 7?“, „40+2=“ usw. Eine bestimmte sportliche Höchstleistung (z. B. ein dreifacher Salto) ist dagegen wahrscheinlich nicht in unserem Repertoire, egal welche diskriminativen Stimuli ihm vorausgehen. Das Verhalten, „42“ zu sagen, ist aber nicht unter der direkten Kontrolle der Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“, im Gegensatz zu der Antwort „12“ auf die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel von 144?“.

Ebenso ist die Antwort „Rühreier“ bereits in meinem Verhaltensrepertoire. Viele verschiedene Stimuli können dieses Verhalten kontrollieren, z. B. der Anblick von Rühreiern. Zufälligerweise ist „Rühreier“ auch die richtige Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“. Auch besteht keine direkte Beziehung zwischen der Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und der Antwort „Rühreier“, d. h. die Frage übt keine direkte Stimuluskontrolle über die Antwort aus (außer ich esse jeden Tag Rühreier zum Frühstück). Die Frage stimuliert eine Folge von verschiedenen Verhaltensweisen, die zur Problemlösung führen. Dieses Problemlösen funktioniert so, dass die Person eine Antwort produziert, die wiederum Stimuluskontrolle ausübt über weitere Antworten. Die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel aus 1764?“ stimuliert z. B. die Antwort „Naja, es ist wohl mehr als 40, weil 40 × 40 sind 1600“, darauf folgt das Verhalten „50 × 50 ist es aber auch nicht, denn das gibt 2500“, darauf „also ist es irgendetwas dazwischen“ usw. Von Fall zu Fall und von Individuum zu Individuum wird diese Kette ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem welche Antworten unter Stimuluskontrolle des vorherigen sprachlichen Verhaltens stehen. Dieses Problemlösen kann offen geschehen (wie bei jemanden, der wie oben geschildert mit sich selbst spricht, während er versucht die Mathematikaufgabe zu lösen) oder aber verdeckt. Ähnlich verhält sich eine Person, die versucht, sich an ein Ereignis in der Vergangenheit zu erinnern. Auch auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ reagieren wir mit einer Kette von Verhaltensweisen, z. B. „Heute ist Dienstag…. Gestern war Montag… Montag gehe ich immer erst später aus dem Haus, weil ich erst spät Vorlesung habe… Ich hatte also Zeit, richtig zu frühstücken…“ usw. Unterstützend wirkt bei diesem ganzen Vorgang, dass die Stimuli neben sprachlichem Verhalten auch konditioniertes Wahrnehmungsverhalten auslösen können, z. B. das Bild meines Frühstückstisches. Störend kann dabei Wahrnehmungsverhalten, das von äußeren Stimuli ausgelöst wird, wirken. Dies ist ein Grund, weswegen wir, wenn wir versuchen, uns zu erinnern, oft die Augen auf einen Bereich unseres Wahrnehmungsfeldes richten, in dem kaum störende Stimuli zu sehen sind. Unser Wahrnehmungsverhalten wird fortlaufend konditioniert. Es wird leichter konditioniert, wenn wir „überrascht“ werden. Konditionierte Wahrnehmungen sind dennoch Reaktionen auf gegenwärtige Stimuli. Frühere Ereignisse haben uns in einer Weise verändert, dass wir nun ein Wahrnehmungsverhalten zeigen, bei dem wir Dinge sehen, die aktuell nicht anwesend sind, weil diese Wahrnehmungen unter der Stimuluskontrolle des gegenwärtigen Umfelds stehen.

Ein Problem wurde bislang durch diese Erklärung noch nicht gelöst: Wie erkennt die Person, dass das Zielverhalten tatsächlich die richtige Antwort darstellt (also, woher weiß die Person, dass „Rühreier“ die richtige Antwort ist)? Die Antwort darauf lautet, dass es keine absolute Garantie gibt, dass man sich richtig erinnert. Generell aber sollte die richtige Antwort ein starkes Verhalten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sein, vorausgesetzt die entsprechenden diskriminativen Stimuli sind gegeben. Der Befragte erkennt demnach die richtige Antwort an der Stärke dieses Verhaltens. So richtig befriedigend ist diese Erklärung allerdings nicht.

Wenn wir uns etwas merken wollen, knüpfen wir das, was wir uns merken wollen, an bestimmte Stimuli. Diese Stimuli verwenden wir dann auch wieder, wenn wir uns an das, was wir uns merken wollten, erinnern wollen.

Ist einmal eine richtige Antwort gegeben worden (z. B. die Antwort „42“ auf die Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“), kann diese Frage (der diskriminative Stimulus „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“) künftig diese Antwort („42“) direkt auslösen (in Form des Erinnerns als eine Form der Stimuluskontrolle, siehe oben). Ebenso kann eine Antwort in Bezug auf eine Frage nach einem vergangenen Ereignis, nachdem sie einmal gegeben wurde, nun leichter ausgelöst werden. Auch der Problemlösevorgang des Rekonstruierens von Erinnerungen über Ketten aus sprachlichem Verhalten und Wahrnehmungsverhalten sowie den diskriminativen Stimuli, die sie erzeugen, ist bei Erwachsenen vielfach geübt worden: Wir müssen ständig Fragen nach unserer Vergangenheit beantworten. Die Stimuli, die wir erzeugen, um uns wieder zu erinnern, sind sehr individuell und von unserer Lerngeschichte abhängig.

Wir müssen das Erinnern lernen. Kinder lernen es, indem man sie nach vergangenen Ereignissen fragt. Sie lernen das Erinnern, so wie sie das Lösen anderer Probleme erlernen. Eltern und andere Erwachsene formen das Verhalten der Kinder, sich zu erinnern, indem sie Hilfestellung in Form von sukzessiven Annäherungen und Prompts geben. Dabei zeigen sie oft das Verhalten, das normalerweise in ihnen verdeckt abläuft, offen, um so das Kind anzuleiten. Es gibt zwischen richtigen und falschen Erinnerungen keinen qualitativen Unterschied (was ja auch die Forschung zu den „falschen Erinnerungen“ bestätigt). Das Geben von objektiv richtigen Antworten wird jedoch beim Kind in der Regel konsequent verstärkt. „Lügt“ ein Kind über Fragen bezüglich seiner Vergangenheit, wird dies korrigiert, „sagt es die Wahrheit“, wird dies gelobt.

Literatur

Blough, D. S. (1959). Delayed matching in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 2(2), 151-160. doi:10.1901/jeab.1959.2-151

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Reno, NV, US: Context Press.

[i] Interessanterweise dürfte Deutschen die Antwort „Bismarck“ leichter fallen, da dieses Wort für Deutsche auch anderweitig determiniert ist und daher die Auskunft, dass die Hauptstadt eines US-Bundesstaates so heißt wie der Reichskanzler, „überraschend“ ist (siehe unten). Umgekehrt dürften Deutsche wahrscheinlich leichter als US-Amerikaner vergessen, von welchem Bundesstaat „Bismarck“ die Hauptstadt ist.

Ein Kommentar

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Knapp daneben ist nicht für alle Menschen auch vorbei – Der Near-Miss-Effect

Verschiedene Studien zeigen, dass 1 % bis 3 % der Bevölkerung die Kriterien für eine Spielsucht erfüllen (Petry, 2005). Weitere Studien zeigen, dass das problematische Spielverhalten sich bereits im Alter von neun bis zehn Jahren abzeichnet (Jacobs, 2000). Bei der Untersuchung des Verhaltens von Menschen mit Spielsucht zeigt sich, dass die Reize und die Veränderungen der Reizsituation, die zusammen mit dem Gewinnen beim Spielen auftreten, zu sekundären oder konditionierten Verstärkern werden können. Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wieder gespielt wird (Foxall & Sigurdsson, 2012). Hinzu kommt der Umstand, dass diese Reize auch auf andere Situationen generalisieren. Situationen, die der Situation beim Gewinnen nur ähneln, können Verstärkerqualitäten annehmen. Dies ist aus verhaltenstheoretischer Sicht der Hintergrund des Near-Miss-Effects (etwa: „Knapp-Daneben-Effekt“). Von der kognitiven Psychologie wird dieser Effekt als ein Denkfehler interpretiert, der auf dem Glauben beruht, dass Spielergebnisse, die optisch nahe an einem Gewinn liegen, andeuten, dass bald ein Gewinn kommen wird (Reid, 1986). Bei Menschen mit Spielsucht scheint dieser Effekt stärker ausgeprägt zu sein als bei Menschen, die kein problematisches Spielverhalten zeigen. Neuropsychologische Untersuchungen konnten zeigen, dass die Gehirnaktivität von Spielsüchtigen beim knappen Verfehlen eines Gewinns der Gehirnaktivität beim Gewinnen gleicht (Habib & Dixon, 2010).

Aus therapeutischer Sicht ist der Near-Miss-Effect problematisch, da er dazu beiträgt, das problematische Spielverhalten aufrecht zu erhalten. Zlomke und Dixon (2006) zeigten, dass man diesen Effekt dadurch abmildern kann, dass man die Farbe der beim Spiel verwendeten Symbole verändert und indem die Spieler ein Diskriminationstraining durchlaufen, bei dem sie lernen, die Beinahe-Gewinne und die Gewinne besser zu unterscheiden.

Dixon, Nastally, Jackson und Habib (2009) setzten diese Bemühungen fort. Zehn von 16 Versuchspersonen lernten durch ein Diskriminationstraining den Near-Miss-Effect zu unterdrücken. Dabei nutzten Dixon et al. (2009) ein sprachgestütztes Training, in dem die Probanden lernten, die richtigen sprachlichen Zuordnungen zu Gewinnen und Verlusten vorzunehmen und dass ein Beinahe-Treffer eben ein Verlust und kein Gewinn ist. Die Studie stützt die Annahme, dass der Near-Miss-Effect keine Persönlichkeitseigenschaft des Spielers ist, sondern eine sprachliche Zuordnung, die bei vielen Menschen relativ leicht geändert werden kann.

Dixon, Whiting und King (2016) konnten nachweisen, dass der Near-Miss-Effect bereits bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren auftritt. Die Versuchspersonen spielten an einem Automaten, der ohnehin in einer Spielhalle für Kinder stand. Die Kinder sollten angeben, „wie sehr“ ihr Spielergebnis ein Gewinn oder ein Verlust war. Spielergebnisse, die dem Spielergebnis bei einem Gewinn ähnelten (wenn z. B. der Ball in diesem Spiel knapp links oder rechts neben dem Ziel landete), bewerteten die Kinder subjektiv als signifikant einem Gewinn ähnlicher als ein Spielergebnis, das dem Spielergebnis bei einem Gewinn unähnlich war.

Das Ergebnis dieser Studie belegt das Vorhandensein eines Near-Miss-Effects bereits in der Kindheit. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die Prävention von Spielsucht bereits frühzeitig ansetzen sollte. Trainings wie das von Dixon et al. (2009) bieten sich hier an.

Literatur

Dixon, M. R.; Nastally, B. L.; Jackson, J. E. & Habib, R. (2009). Altering the near-miss effect in slot machine gamblers. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 913-918.

Dixon, M. R.; Whiting, S. W. & King, A. M. (2016). An Examination of the Near Miss in Gambling-Like Behavior of Children. The Psychological REcord, 66(1), 99-107.

Foxall, G. R. & Sigurdsson, V. (2012). When loss rewards: The near-miss effect in slot machine gambling. Analysis of Gambling Behavior, 6(1), 5-22.

Habib, R. & Dixon, M. R. (2010). Neurobehavioral Evidence for the “Near-Miss” Effect in Pathological Gamblers. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(3), 313-328.

Jacobs, D. F. (2000). Juvenile Gambling in North America: An Analysis of Long Term Trends and Future Prospects. Journal of Gambling Studies, 16(2), 119-152.

Petry, N. M. (2005). Pathological gambling : Etiology, comorbidity, and treatment (1st). Washington, DC: American Psychological Association.

Reid, R. L. (1986). The psychology of the near miss. Journal of gambling behavior, 2(1), 32-39.

Zlomke, K. R. & Dixon, M. R. (2006). Modification of Slot-Machine Preferences through the Use of a Conditional Discrimination Paradigm. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(3), 351-361.

 

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Tauben erkennen sich selbst im Spiegel

Auf Gallup (1970) geht der Spiegeltest (Markierungstest) zurück. Sich selbst im Spiegel zu erkennen, gilt als eine höhere Bewusstseinsleistung. Beim Spiegeltest wird an einer Stelle des Körpers, die das Tier (oder Kind) nicht sehen kann (beim Kind z. B. im Gesicht) und von diesem unbemerkt, eine Markierung angebracht (z. B. ein roter Fleck). Wenn das Kind oder Tier beim eigenen Anblick im Spiegel auf diese Markierung reagiert (z. B. versucht, sie sich wegzuwischen), hat es den Spiegeltest bestanden und damit Selbst-Bewusstsein demonstriert. Menschliche Kinder ab einem Alter von etwa zwei Jahren bestehen den Spiegeltest regelmäßig. Aber auch bestimmte Tierarten konnten den Spiegeltest erfolgreich absolvieren, darunter die großen Menschenaffen, möglicherweise auch Kapuzineräffchen. Bei den Vögeln zeigen Elstern das richtige Verhalten, Krähen und Dohlen dagegen bestehen den Test nicht zuverlässig. Gemeinhin werden phylogenetische Unterschied zwischen den Arten als Grund für das erfolgreiche und nicht-erfolgreiche Bestehen des Spiegeltests angeführt.

Epstein, Lanza und Skinner (1981) berichteten von erfolgreichen Spiegeltests mit Tauben, nachdem diese explizit darauf trainiert worden waren. Die Tauben lernten zunächst, nach einem Punkt zu picken der für sie sichtbar am Körper angebracht war. Zudem lernten sie, mittels eines Spiegels einen Punkt zu finden, den sie ohne Spiegel nicht sehen konnten. Im Experiment von Epstein et al. (1981) gelang es den Tauben, diese beiden Teilfertigkeiten anschließend im Spiegeltest zu integrieren und nach den am eigenen Körper, für sie nur im Spiegel sichtbaren Punkten zu picken.

Zwei andere, unveröffentlichte Studien (Gelhard et al., 1982; Thompson & Contie, 1986), über die in einem Buchkapitel berichtet wird (Thompson & Contie, 1994), konnten die Ergebnisse von Epstein et al. (1981) nicht replizieren. Über die Versuche werden jedoch nur wenige Details berichtet, sodass es schwer fällt, den Grund für das Scheitern der Versuche zu bestimmen. Die Tauben von Epstein et al. (1981) waren erfahrene Versuchstiere, die bereits in vielen Experimenten zum operanten Konditionieren eingesetzt worden waren. Die Tauben in den gescheiterten Versuchen waren dagegen relativ naiv. Zwei andere unveröffentlichte Studien (Cardinal et al., 1999; Christensen et al., 2004) berichten davon, dass die verwendeten Tauben den Spiegeltest bestanden hatten, doch werden auch hier zu wenige Details berichtet, als dass belastbaren Schlussfolgerungen möglich wären.

Uchino und Watanabe (2014) trainierten zwei Tauben, die bereits seit längerem als Versuchstiere dienten. Die Tauben trugen einen grauen Kragen, der verhinderte, dass sie einen bestimmten Bereich unter ihrer Brust sehen konnten. Zudem trugen sie eine Art Strumpf über dem Körper, auf dem später die Punkte angebracht wurden. Der Strumpf sollte verhindern, dass die Taube durch die Berührung beim Anbringen des Punktes „wissen“ konnte, wo sich der Punkt befand. In der ersten Phase des Experiments lernten die Tauben, auf eine blaue Markierung zu picken, die sich an der Stirnseite des Versuchskäfigs befand. In der zweiten Phase wurden sie trainiert, auf einen blauen Punkt an ihrem eigenen Körper zu picken. Der Punkt war an der Schulter, dem Flügel oder einer anderen Stelle des Körpers angebracht, die von der Taube trotz des Kragens eingesehen werden konnten. Diese Markierung wurde im Lauf dieser Phase mehrfach immer wieder an anderen Stellen des Körpers angebracht. In der dritten Phase wurde an der hinteren Seite des Käfigs ein Spiegel angebracht. An der Vorderseite befanden sich zwei Schalter. Wenn die Taube sich im Käfig nach hinten orientierte und in den Spiegel sah, war einer der beiden Schalter kurz erleuchtet. Sobald die Taube sich umdrehte, waren die Schalter wieder dunkel. Nur wenn die Taube dann auf den zuvor erleuchteten Schalter, den sie im Spiegel gesehen hatte, pickte, erhielt sie Futter. Diese drei Phasen des Versuches wurden mehrfach wiederholt, sodass die Tauben in den Teilfertigkeiten des Spiegeltests gut trainiert waren.

Anschließend absolvierten die Tauben den Spiegeltest. Siebenmal war dabei der Spiegel frei, siebenmal war er umgedreht, sodass die Taube ihn nicht nutzen konnte. Die Tauben erhielten während des Tests keine Verstärker. Während jedes Versuchsdurchgangs befand sich ein blauer Punkt direkt unterhalb des grauen Kragens auf dem Strumpf, den die Taube trug, in dem Bereich, den die Taube nicht einsehen konnte. Die Forscher nahmen die Spiegeltest mit Video auf und ließen das Verhalten der Tauben durch unabhängige Beobachter auswerten. Die Tauben zeigten während der Testphase die unterschiedlichsten Verhaltensweisen, darunter auch viele „normale“, taubentypische Verhaltensweisen (wie das Scharren, Flügelschlagen usw.), die mit dem Experiment nichts zu tun hatten. Alle diese Verhaltensweisen zeigten die Tauben unabhängig davon, ob der Spiegel zu sehen war oder nicht, etwa gleich häufig. Einzig bei zwei Verhaltensweisen gab es Unterschied zwischen den Tests, bei denen der Spiegel zur Verfügung stand und bei denen er umgedreht war: Die Tauben beugten sich insgesamt 21 (Taube 1) und 39mal (Taube 2) nach dem Punkt und sie pickten fünf (Taube 1) und neunmal (Taube 2) nach dem Punkt, den sie nur mit Hilfe des Spiegels sehen konnten – nur dann, wenn der Spiegel zur Verfügung stand. War der Spiegel nicht vorhanden, beugten sich die Tauben kein einziges Mal nach dem Punkt und sie pickten auch nicht danach. Der Versuch wurde dadurch etwas verfälscht, dass der Kragen mehrmals über den Punkt rutschte, wenn die Taube sich vorbeugte, um auf den im Spiegel gesehenen Punkt zu picken. Ansonsten wären vermutlich noch deutlich mehr „Picks“ auf den Punkt zu verzeichnen gewesen.

Warum funktionierte der Versuch bei Uchino und Watanabe (2014), nicht aber in einigen anderen Fällen zuvor? – Die Tauben von Uchino und Watanabe (2014) waren erfahren Versuchstiere. Interessant ist der Umstand, dass Taube 1, die die etwas schlechteren Ergebnisse erzielte, die weniger erfahrene Versuchstaube war. Das Training zur Vorbereitung des Spiegeltest war bei Uchino und Watanabe (2014) sehr intensiv. Die Tauben konnten die Teilfertigkeiten des Spiegeltest ausgiebig üben, ehe im eigentlichen Test ihre „Transferleistung“ gefragt war. Andere Autoren gingen davon aus, dass die Deutlichkeit der Markierung für den Erfolg beim Spiegeltest von Bedeutung ist. Das intensive Training, so Uchino und Watanabe (2014), könnte das deutliche Erkennen der Markierung begünstigt haben.

Toda und Watanabe (2008) brachten Tauben bei, zwischen Videoaufnahmen, die sie selbst „live“ zeigten und anderen Videos zu unterscheiden. Später zeigten sie den Tauben zeitlich leicht versetzte Videoaufnahmen von sich selbst. Auch jetzt gelang es den Tauben, diese Aufnahmen von anderen Aufnahmen zu unterscheiden. Je größer jedoch die Zeitverzögerung der Videoaufnahmen war, desto schlechter wurde die Diskriminationsleistung der Tauben. Uchino und Watanabe (2014) vermuten daher, dass die „Selbst-Erkenntnis“ der Tauben im Spiegeltest durch die zeitliche Kontiguität des eigenen Verhaltens und des Verhaltens im Spiegel begünstigt wird.

Tauben bewältigen Aufgaben, bei denen sie ein Exemplar dem Muster zuordnen müssen (matching to sample). Dazu sind sie über viele Variationen hinweg, generalisiert in der Lage. Auch das Konzept der Symmetrie scheint ihnen zugänglich. Im Spiegeltest müssen die Tauben ein Exemplar (den Punkt, den sie im Spiegel sehen) einem Muster (dem Punkt am eigenen Körper) zuordnen.

Wieder einmal (vgl. auch Watanabe et al., 1995) stellen Tauben unter Beweis, dass auch sie, die richtigen Bedingungen in der Umwelt und entsprechendes Training vorausgesetzt, in der Lage sind, hochkomplexe, scheinbar „kognitive“ Leistungen zu vollbringen. Angesichts der geringen Größe des Taubenhirns sollte das einigen kognitiven Neurowissenschaftlern zu denken geben.

Videoclips des Versuchs finden Sie hier.

Literatur

Cardinal, C. D.; Allan, R. W. & DeLabar, J. S. (1999). Self-recognition in the pigeon: A replication and controls. Paper presented at the Annual Meeting of the Association for Behavior Analysis, Chicago, IL.

Christensen, C. J.; Sanders, R. B. & Cheney, C. D. (2004). Self-recognition in the pigeon: An objective model for learning through experience. Poster presented at the Annual Meeting of the California Association for Behavior Analysis, San Francisco, CA.

Epstein, R.; Lanza, R. P. & Skinner, B. F. (1981). “Self-awareness” in the pigeon. Science, 212(4495), 695-696. doi:10.1126/science.212.4495.695.

Gallup, G. G. (1970). Chimpanzees: self-recognition. Science, 167(3914), 86-87. doi:10.1126/science.167.3914.86.

Gelhard, B. S.; Wohlman, S. H. & Thompson, R. K. R. (1982). Self-recognition in the pigeon: a second look. Paper presented at the Northeast Regional Meeting of the Animal Behavior Society.

Thompson, R. K. R. & Contie, C. (1986). Further reflections on mirror usage by pigeons. Paper presented at the Annual Meeting of the Psychonomic Society, New Orleans.

Thompson, R. K. R. & Contie, C. (1994). Further reflections on mirror-usage by pigeons: lessons learned from Winnie-the-Pooh and Pinnochio too. In S. T. Parker, R. W. Mitchell, & M. L. Boccia (Eds.), Self-recognition in animals and humans: developmental perspectives (pp. 392-409). Cambridge: Cambridge University Press.

Toda, K. & Watanabe, S. (2008). Discrimination of moving video images of self by pigeons (Columba livia). Animal Cognition, 11(4), 699-705. DOI: 10.1007/s10071-008-0161-4

Uchino, E. & Watanabe, S. (2014). Self-recognition in pigeons revisited. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(3), 327-334. doi: 10.1002/jeab.112

Watanabe, S.; Sakamoto, J. & Wakita, M. (1995). Pigeons‘ discrimination of paintings by Monet and Picasso. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 63(2), 165-174. doi: 10.1901/jeab.1995.63-165 PDF, 1,25 MB

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