Monatsarchiv: März 2022

Der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts

Wer ist der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts? Wenn Sie dieses Blog kennen, ahnen Sie, wie die Antwort lautet. Ob das relevant ist, muss jeder für sich beantworten. Wenn man es aber wissen will, gibt es mehr oder weniger objektive Möglichkeiten, das herauszufinden.

Haggbloom et al. (2002) versuchen, einen Liste der „bedeutendsten“ Psychologen des 20. Jahrhunderts zu erstellen. Sie zeigen sich sehr wohl der Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens bewusst: Sowohl die Begriffe „bedeutend“ als auch „Psychologe“ (Freud war kein Psychologe) sind hinterfragbar und der Definition bedürftig. Sie verweisen auf frühere Versuche, eine solche Liste zu erstellen, die alle immer nur ein Kriterium zur Messung der „Bedeutsamkeit“ herangezogen haben. „Bedeutsamkeit“ sei aber, so Haggbloom et al., ein sehr komplexes und multidimensionales Konstrukt, dass sich nicht in nur einem Maß erfassen lasse. Sie entscheiden sich daher, ein ganzes Bündel von Maßstäben heranzuziehen, um so die Schwäche jedes einzelnen Kriteriums auszugleichen. Sie beziehen sich dabei auf drei quantitative und mehrere qualitative Kriterien (die alle schon, wenn auch einzeln, in früheren Studien zur „Bedeutsamkeit“, herangezogen worden waren).

Ihr erstes quantitatives Kriterium ist die Zitierhäufigkeit, wie sie sie aus vier vorhergehenden Zitierlisten errechnen. Diese bezogen sich unter anderem auf Suchen nach der Zitierhäufigkeit in allen im Social Science Citation Index enthaltenen Psychologie-Journalen. Diese Liste führt Sigmund Freud an, gefolgt von Piaget und Eysenck, Skinner kommt erst an achter Stelle. Das zweite Kriterium ist die Häufigkeit, mit der jemand in Einführungen in die Psychologie erwähnt wird. Auch hier führt Freud, gefolgt von Skinner und Bandura. Ihr drittes quantitatives Kriterium sind die Ergebnisse einer Befragung von Mitgliedern der American Psychological Society (APS), die sie per E-Mail angeschrieben hatten. Obgleich die Rücklaufquote recht gering war (5,6%), halten die Autoren diese Liste für repräsentativ, da sich kein denkbarer Grund finden lässt, warum die Antwortenden anders hätten antworten sollen als die Nicht-Antwortenden. In dieser Befragung führt Skinner vor Piaget und Freud. Dies ist insofern aufschlussreich, als dieser Liste ein höhere Stellenwert zuzubilligen ist, denn sie spiegelt auch die fachliche Relevanz besser wieder als die beiden anderen Kriterien: Freud wird häufig zitiert, aber nur noch selten für relevant erachtet. Zudem gleicht die Befragung das Manko aus, dass ältere, am Beginn des Jahrhunderts publizierende Psychologen naturgemäß auch bis jetzt häufiger zitiert werden konnten.

Als qualitative Kriterien ziehen Haggbloom et al heran, ob die Person Präsident der American Psychological Association (APA) war, ob sie von dieser Vereinigung ausgezeichnet wurde, ob sie einen National Sciences Award erhielt und ob ein Begriff nach ihrem Namen geprägt wurde (wie z.B. „Skinner-Box“ oder „Freudianer“).

Alle diese Listen transformierten die Autoren mittels eines mathematischen Verfahrens (Logarithmisierung des Rangplatzes und z-Wert-Transformation) in eine einzige, die einen zusammengesetzten Wert der Bedeutsamkeit darstellte. Diese Liste nun führt Skinner an, gefolgt von Piaget und Freud.

Als Zweck der ganzen Übung geben Haggbloom et al an, dass sich diese Liste in der psychologisch-historischen Forschung sowie im Psychologie-Unterricht verwenden ließe.

Haggbloom, S. J., Warnick, R., Warnick, J. E., Jones, V. K., Yarbrough, G. L., Russell, T. M., Borecky, C. M., McGahhey, R., Powell, J. L., III, Beavers, J., & Monte, E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th century. Review of General Psychology, 6(2), 139-152. https://doi.org/10.1037/1089-2680.6.2.139

PS: Soweit ich weiß, sind die Autorinnen und Autoren keine Behavioristen und die Review of General Psychology ist keine behavioristische Zeitschrift.

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Der Stroop-Effekt aus verhaltensanalytischer Sicht

Der Stroop-Effekt (Stroop, 1935) lässt sich recht einfach demonstrieren (McLeod, 1992). Die Versuchsperson bekommt eine Liste mit Farbwörtern, die jedoch in anderen Farben gedruckt sind (zum Beispiel ist das Wort „Rot“ in der Farbe Blau gedruckt). Bittet man die Versuchsperson, die Wörter vorzulesen, gelingt ihr das wesentlich leichter und schneller als wenn man sie bittet, die Farben der einzelnen Wörter zu benennen. Durch Übung lässt sich die Leistung im Stroop-Test verbessern, der Effekt jedoch nicht gänzlich beseitigen. Die Datenbank PsychInfo listete im Jahr 2015 fast 5000 Publikationen auf, die die ursprüngliche Arbeit von Stroop (1935) zitieren. Der Stroop-Effekt wird zumeist als ein Konflikt zwischen kognitiver Kontrolle und Stimuluskontrolle des Verhaltens beschrieben. Für jedes Farbwort im Stroop-Test gibt es eine leicht auslösbare Reaktion, nämlich das Wort vorzulesen. Die Farben, in denen die Wörter gedruckt sind, sind dagegen mit vielen verschiedenen Verhaltensweisen assoziiert. Die Farbe Braun etwa ist zum einen mit dem Verhalten „Braun“ zu sagen, verbunden, sie ist gleichfalls aber mit Reaktionen wie „Leder“, „Schokolade“, „Holz“, „Kacka“ usw. assoziiert. Wenn man irgendwo die Farbe Braun sieht, sagt man eben nicht unbedingt „Braun“, sondern zumeist etwas anderes. Sieht man dagegen den Schriftzug „Braun“, ist die Reaktion „Braun“ zu sagen, so ziemlich die einzige Reaktion, die zu Verstärkung führt. Der Stroop-Effekt lässt sich sogar bei Schimpansen nachweisen. Beran et al. (2007) untersuchten eine Schimpansin, die verschiedene Lexigramme gelernt hatte unter anderem solche, die Farben bezeichneten. Die Äffin konnte verschiedene Reize nach ihrer Farbe sortieren, machte aber deutlich mehr Fehler, wenn sie als Reize die Lexigramme sortieren sollte, die in inkongruenten Farben vorlagen (zum Beispiel das Lexigram für Gelb in blauer Farbe). Der Stroop-Effekt tritt auch bei anderen Kombinationen auf. Washburn (1994) berichtet von einem Versuch mit Rhesusaffen, die gelernt hatten, die größere von zwei oder mehr arabischen Ziffern zu wählen. Den Affen wurde bspw. eine „4“ und eine „5“ auf einem Bildschirm präsentiert. Berührte der Affe die 5, erhielt er fünf Futterpellets, berührte er die 4, erhielt er nur vier Futterpellets. Auf diese Weise hatten die Affen gelernt, die größere Zahl zu wählen. Die gleichen Tiere lernten auch relativ leicht, anzuzeigen, auf welcher Seite des Bildschirms sich mehr Objekte der gleichen Art befanden (zum Beispiel vier „A“s und fünf „C“s). Wurden ihnen nun statt der Buchstaben arabische Zahlen präsentiert, gelang ihnen die Aufgabe wieder relativ leicht, wenn die höhere Zahl auch häufiger vorkam. War dies jedoch nicht der Fall (handelte es sich z. B. um drei „5“ und zwei „6“), benötigten Sie wesentlich länger und machten mehr Fehler. Dabei zeigt sich (Washburn, 2016), dass dieser Effekt um so ausgeprägter ist, je länger das Erkennen höherer Zahlen geübt worden war (je höher also die Reaktionsstärke für das Antippen der höheren Zahl war). Diese Variante des Stroop-Effekts ließ sich auch bei Menschen demonstrieren. Auch diese benötigten länger, um anzuzeigen, wo sich mehr Zahlsymbole befanden, wenn die höherwertigen Zahlen seltener vorkamen, allerdings machten sie dabei kaum Fehler, vermutlich, weil die Reaktion sprachlich unterstützt, regelgeleitet (z. B. durch stilles Zählen der Zahlen), erfolgte (was den Affen nicht möglich sein dürfte).

Literatur

Beran, M. J., Washburn, D. A., & Rumbaugh, D. M. (2007). A Stroop-like effect in color-naming of color-word lexigrams by a chimpanzee (Pan troglodyte). The Journal of General Psychology, 134(2), 217-228. https://doi.org/10.3200/GENP.134.2.217-228

MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163-203. https://doi.org/10.1037/0033-2909.109.2.163

Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643-662. https://doi.org/10.1037/h0054651

Washburn, D. A. (2016). The Stroop effect at 80: The competition between stimulus control and cognitive control. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 105(1), 3-13. https://doi.org/10.1002/jeab.194

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