Der Marshmallow-Test: Kein Beleg für „Selbstkontrolle“

Der Marshmallow-Test von Mischel und anderen (Mischel, 1958; Mischel & Grusec, 1966; Shoda, Mischel & Peake, 1990) soll einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, im Alter von vier Jahren Selbstkontrolle zu demonstrieren und späterer kognitiver Leistung und dem Schulerfolg belegen. Kinder im Alter von vier Jahren wurden vor die Wahl gestellt, entweder jetzt ein Marshmallow zu essen oder auf das eine Marshmallow zu verzichten und dann später mehrere Marshmallows zu erhalten. Laut Mischel besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, auf das eine Marshmallow sofort zugunsten der mehreren Marshmallows in der Zukunft zu verzichten und den kognitiven Fertigkeiten im Jugendalter. Kinder, die mit vier Jahren solcherart „Selbstkontrolle“ unter Beweis stellen, schneiden im Jugendalter besser in der kognitiven Leistungsfähigkeit und den sozialen Kompetenzen ab, sie erzielen bessere Schulnoten und kommen besser mit Stress und Frustrationen zurecht (Mischel, Shoda & Rodriguez, 1989).

Eine systematische Replikation dieses bekannten Versuchs durch Watts, Duncan und Quan (2018) zeigte, dass dieser Zusammenhang wesentlich schwächer ist, als in der Originalstudie berichtet. Zudem muss man vor allem den familiären Hintergrund der Kinder berücksichtigen. Es scheint eher so zu sein, dass wohlhabende Kinder sowohl den Marshmallow-Test gut bestehen, als auch später allgemein besser abschneiden. Umgangssprachlich formuliert: Reiche Kinder haben gelernt, dass sie jederzeit so viel Marshmallows haben können, wie sie wollen. Da keine Gefahr besteht, müssen sie das eine Marshmallows auch nicht schnell essen und können darauf vertrauen, tatsächlich in der Zukunft mehr Marshmallows zu haben. Wir sehen wieder mal: Konfundierende Variablen sind überall und Prädiktoren sind nicht notwendigerweise Ursachen.

Die Studien stehen in einer Reihe von vielen Versuchen, die Mischel mit Kindern zum Thema Selbstkontrolle durchführte. So untersuchte er schon vor dem berühmten Marshmallow-Test (Shoda et al., 1990) die Selbstkontrolle bei Kindern. Er ließ Kinder zwischen einem weniger beliebten Verstärker, den sie sofort haben konnten und einem attraktiveren Verstärker, für den sie eine Weile warten mussten, wählen. Mischel quantifizierte die Selbstkontrolle über die Zeit, die das Kind in der Lage war zu warten. Das Kind hatte einen Klingelknopf, den es betätigen konnte, wenn es den weniger attraktiven Verstärker haben wollte. Wartete es bis zum Ende der Zeitspanne, erhielt es den attraktiveren Verstärker. Grosch und Neuringer (1981) replizierten Mischels Untersuchungsparadigma mit Tauben. Die Tauben lernten, dass sie einen attraktiveren Verstärker erhalten konnten, wenn sie eine bestimmte Zeitspanne lang warteten. Pickten sie zuvor auf einen Schalter, erhielten sie einen weniger attraktiven Verstärker. Grosch und Neuringer (1981) führten diesen Versuch in verschiedenen Varianten (die auch Mischel verwendet hatte) durch, so unter anderem wenn die Verstärker in der Untersuchungssituation zu sehen waren oder nicht, sie variierten die Wartezeit und die frühere Erfahrung der Tauben mit dem Untersuchungsparadigma. Die Ergebnisse waren in jedem Fall symmetrisch zu den Ergebnissen, die Mischel mit Kindern erzielte.

Mischels Paradigma ist gekennzeichnet durch die mentalistische Vorstellung, es gäbe eine, möglicherweise angeborene, innere Willenskraft, die Menschen voneinander unterscheide. Menschen mit größerer Willensstärke erreichen demnach mehr im Leben. Die Empirie und insbesondere die Replikationsstudie von Watts et al. (2018) zeigt jedoch, dass es eher die Umweltfaktoren sind, die Verhalten, welches wir als ein Ausdruck von Selbstkontrolle betrachten, kontrollieren.

Literatur

Grosch, J., & Neuringer, A. (1981). Self-control in pigeons under the Mischel paradigm. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 35(1), 3-21. https://doi.org/10.1901/jeab.1981.35-3

Mischel, W. (1958). Preference for delayed reinforcement: An experimental study of a cultural observation. Journal of Abnormal Psychology, 56(1), 57-61. https://doi.org/10.1037/h0041895

Mischel, W., & Grusec, J. (1966). Determinants of the rehearsal and transmission of neutral and aversive behaviors. Journal of Personality and Social Psychology, 3(2), 197-205. https://doi.org/10.1037/h0022883

Mischel, W., Shoda, Y., & Rodriguez, M. L. (1989). Delay of gratification in children. Science, 244(4907), 933-938. https://doi.org/10.1126/science.2658056

Shoda, Y., Mischel, W., & Peake, P. K. (1990). Predicting adolescent cognitive and self-regulatory competencies from preschool delay of gratification: Identifying diagnostic conditions. Developmental Psychology, 26(6), 978-986. https://doi.org/10.1037/0012-1649.26.6.978

Watts, T. W., Duncan, G. J., & Quan, H. (2018). Revisiting the marshmallow test: A conceptual replication investigating links between early delay of gratification and later outcomes. Psychological Science, 29(7), 1159-1177. https://doi.org/10.1177/0956797618761661

3 Kommentare

Eingeordnet unter Entwicklung, Psychologie, Verhaltensanalyse

3 Antworten zu “Der Marshmallow-Test: Kein Beleg für „Selbstkontrolle“

  1. rag mars

    … das ist ein Phänomen von Domestikation und Versklavung. Angst vor Strafe – und Hoffnung auf eine noch grössere Belohnung. Das ist schlimmer als „Selbst Disziplin“…
    Ich diszipliniere mich selbst für meine eigenen Ziele –
    nicht für Deine –
    Anarchisten leben gesünder…

  2. Theodor Ickler

    Wie Herr Bördlein zum „Marshmallow-Test“ andeutet, handelt es sich bei „Selbstkontrolle“ um ein begriffliches Problem („Mentalismus“), nicht um eine empirische Frage. Das betrifft die ganze Ausdrucksweise mit „selbst“ und seinen Synonymen, vor allem das sogenannte Selbstgespräch.

    Alle Begriffe mit selbst- sind problematisch, weil sie die Frage aufwerfen „wer wen/wem?“. Es gibt in den modernen Sprachen eine auffällige Vermehrung solcher Ausdrücke, vor allem in der Populär- und Beratungspsychologie, dazu Anweisungen, was man alles mit sich selbst anstellen soll, um gesund, erfolgreich und glücklich zu werden. Die Wörterbücher führen Hunderte von Zusammensetzungen mit selbst- an, dazu kommen die Fremdwörter mit auto- (größtenteils unklassische Neubildungen). „Selbstkompetenz“ ist die Krone aller „Kompetenzen“, die im Anschluß an Heinrich Roth das Bildungsziel der deutschen Schule geworden sind (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Hg.: „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ 2007). Die Philosophie kennt den Begriff der „Reflexivität“, der ein Sondermerkmal des Menschen bezeichnen soll. Auch der Behaviorismus diskutiert immer wieder über die Möglichkeit der „Selbstverstärkung“ und kämpft mit dem begrifflichen Problem der „Selbststeuerung“, weil es schwierig oder unmöglich ist, diesen Begriff oder gar die Ansetzung verdeckten Verhaltens mit dem Standardmodell der Konditionierung zu vereinbaren. Man sollte sich jedoch von der Faszination des sprachlichen Elements selbst lösen und jeweils untersuchen, was wirklich vorliegt. Die Auskunft, Subjekt und Objekt eines Aktes seien in diesem Fall identisch, ist tautologische Wortemacherei.
    Zum Sprachlichen: Die erstarrte Genitivform selbs-t – um den Zungenlöselaut t erweitert und in der Nebenform selber – ist kein Pronomen, wie oft behauptet wird, sondern eine Identitätspartikel (nur in der Form selbst und meist in anderer Stellung und mit anderer Betonung, auch Gradpartikel mit der Bedeutung ‚sogar‘). Die Dudengrammatik von 2005 stellt zu Recht fest: „Die Wortformen selbst und selber sind keine Pronomen, sondern Fokuspartikeln.“ (S. 298) Sie widerspricht damit den Wörterbüchern aus dem gleichen Hause. In der Diskussion um die Rechtschreibreform hatte das Wort einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil die Reformer irrigerweise glaubten, etwas zu den beiden gleichbedeutenden, aber verschieden gebildeten Wörtern selbständig und selbstständig sagen zu müssen. Das hatte mit Rechtschreibung nichts zu tun, sondern war eine Frage der Lemmatisierung beider Formen in normativen Wörterbüchern.
    Wie kann die „Reflexivität“ entmystifiziert werden? Das ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Was heißt zum Beispiel sich selbst helfen? Es heißt nicht, daß ich mir selbst zu Hilfe komme, sondern daß ich ein Problem ohne fremde Hilfe löse. Wenn man es so formuliert, ist darin von einer Rückwendung meiner selbst auf mich selbst keine Spur mehr enthalten. Ein Problem, das durch bloße Umformulierung verschwindet, ist ein Scheinproblem; das sieht man auch an den folgenden Beispielen. Ein Autokrat oder Selbstherrscher nimmt nicht Bezug auf sich selbst und herrscht auch nicht über sich selbst, sondern herrscht allein, ohne andere. Sich selbst besiegen ist der allerschönste Sieg (Logau) – dabei geht es nicht um einen Krieg gegen sich selbst, wie der Dichter reimt, sondern darum, Motive wirksam werden zu lassen, die als höherwertig anerkannt sind, und zwar ohne Zwang durch andere. Selbstzahler heißen so, weil kein anderer für sie zahlt. Ein Selbstläufer schafft es allein, ohne fremde Hilfe. Was heißt über sich selbst nachdenken? Wenn man fragt, wer hier über wen nachdenkt, ist man schon ein Opfer der sprachverführten Fehldeutung. Ebenso sich selbst erkennen: Erkenne dich selbst! als Inschrift am Apollotempel in Delphi war eine Warnung vor gottloser Hybris. In moderner säkularisierter Fassung ist man heute auf dem Weg zu sich selbst, etwa als Wanderer auf dem Jakobsweg. Was immer man dort erlebt, eine Selbstfindung im wörtlichen Sinn ist es sicherlich nicht. Auch die erwähnte Selbstverstärkung in der behavioristischen Psychologie besteht darin, sich ohne Zutun eines anderen so zu verhalten, daß das gleiche Verhalten wahrscheinlicher wird. Daran ist nichts Reflexives. Was ich verstehe mich selbst (nicht mehr) bedeutet, würde eine ausführlichere Untersuchung erfordern; es ist aber sicherlich etwas anderes ist als das Verstehen oder Nichtverstehen einer Person, die man zufällig selbst ist. Selbstbeobachtung wird oft als Synonym von Introspektion gebraucht; beide Ausdrücke sind in gleicher Weise metaphorisch: Introspektive Berichte „über mich selbst“ sind in Wirklichkeit Aussagen, die nur ich und kein anderer machen kann. Selbstbetrug und Selbsttäuschung (vgl. er macht sich etwas vor) sind Irrtümer, für die man nach allgemeiner Auffassung selbst verantwortlich ist, kein anderer. Sogar die scheinbar eindeutigeren Begriffe Selbstmord, Selbstzerstörung bedeuten doch etwas anderes als eine Tat, die auf den Täter selbst gerichtet ist und ebenso gut auf andere gerichtet sein könnte; Synonyme wie Freitod deuten es an. Ein Mord kann aus Heimtücke oder Gewinnstreben begangen werden, ein Selbstmord nicht.
    Es ist nicht gleichgültig, ob man die volkstümliche Rede vom „Selbstgespräch“ aus ihrer gewöhnlichen Umgebung herauslöst und in gelehrten Worten zum „Mehrinstanzenkonzept der Person“ verfremdet, als gäbe es ein wohlgeordnetes System von „Instanzen“, dem sich die fragliche Selbstbezüglichkeit einfügen ließe. Man kann bezweifeln, daß hinter der Alltagsformel vom „Sprechen mit sich selbst“ überhaupt ein einheitliches Konzept steht. Solche Formeln dienen der Lösung lokaler Probleme, sind nie systematisiert worden und ergeben daher keine konsistente Theorie. Was ein „Sprechen mit sich selbst“ alles einschließen würde, wenn man es wörtlich verstünde, ist kaum auszudenken: Die beiden „Instanzen“, zwei Seelen in einer Brust, müßten nicht nur numerisch verschieden sein – an sich schon eine gewagte Annahme, die an die obsolete medizinische Metaphorik der „multiplen Persönlichkeit“ und des „Spaltungsirreseins“ („Schizophrenie“) erinnert –, sondern sich auch wie richtige Personen unterscheiden: Wissensstand, Vorgeschichte, Interessen, Ansichten und Absichten müßten verschieden sein, damit überhaupt ein Gespräch in Gang kommt. Wenn zwei Personen einander so gleich wären, daß die eine immer schon wüßte, was die andere und wie sie es sagen wird, könnten sie sich nicht unterhalten; sie hätten keinen Grund, überhaupt mit dem Sprechen anzufangen. Wo kein wirklicher Partner vorhanden ist, dem wir mit Verständlichkeit und Überzeugungskraft entgegenkommen müssen, können wir uns die sonst üblichen grammatischen und rhetorischen Techniken sparen: funktionale Satzperspektive, Beweisstrategien (Logik) usw. Salopp gesagt: Von uns selbst wissen wir, was wir sagen wollen und daß wir recht haben. Das heißt nicht, daß wir bei Bedarf nicht ebenso elaboriert innerlich wie äußerlich sprechen würden. Ein Selbstgespräch im Wortsinn kann es aber nicht geben, die ganze Konzeption ist widersinnig. Die Gründe unserer Ablehnung dieses Konzepts hängen nicht vom Appell an die eigene Erfahrung ab wie sonstige Evidenzbeweise aus der „Introspektion“. Wir reagieren auf unsere innere Rede, was immer man darunter versteht, keineswegs so wie auf die Rede anderer Personen.
    Das Vorsichhinsprechen, ob laut oder stumm, kann konventionell in der ersten oder zweiten Person gehalten sein. Bei Homer stehen Selbstgespräche stets in der ersten Person, nur Odysseus macht einmal eine halbe Ausnahme, wenn er sein „Herz“ (also nicht einmal im strengen Sinne sich selbst) in der zweiten Person ermahnt: τέτλαθι δή, κραδίη· καὶ κύντερον ἄλλο ποτ’ ἔτλης (Od. υ 18), dazu Jacob Wackernagel: Vorlesungen über Syntax I. Basel 1920:109. – In Charles Dickens’ „Bleak House“ erzählt Esther Summerson: I could not have suggested a better arrangement; but I was not quite easy in my mind. Esther, Esther, why not? Esther, think!
    Das sind kulturspezifische literarische Gestaltungen. Befragt man Menschen, ob und wie sie mit sich selbst sprechen, sind die Antworten verschieden. Manche sagen, daß sie sich selbst duzen oder sogar mit Namen anreden, andere halten es anders oder wissen es nicht genau zu sagen. Die „Selbstauskunft“ („Introspektion“), was immer sie sein mag, ist auch hier das einzige Datum, mit dem man es zu tun hat.
    Was mich betrifft: Mein inneres Sprechen kommt mir nicht wie ein Dialog vor. Ich spreche weder mit mir selbst noch zu mir selbst, sondern lege mir etwas zurecht, was ich sagen könnte, sagen werde oder gern gesagt hätte usw. Allenfalls richte ich mich an einen imaginären Partner, der auch unbestimmt bleiben kann. Es ähnelt teils dem „inneren Probehandeln“, das ebenfalls nicht geklärt ist, teils dem Rechtfertigungsdialog. Ich bin jedenfalls nicht neugierig darauf, was ich sagen werde. Ich höre mich gewissermaßen sprechen, aber ich höre mir nicht zu. – Die primär gesellschaftliche Natur des Sprechens zeigt sich auch darin, daß man von einem Menschen ohne Gesprächspartner kaum sagen kann, er sage etwas. Vielmehr kennzeichnen wir diese partnerlose Ausnahmesituation ausdrücklich durch Wendungen wie vor sich hin sagen/sprechen. Noch deutlicher ist diese Eigentümlichkeit der „Erfolgsverben“ bei zeigen: Man kann nicht zeigen, wenn kein Partner zugegen ist; auch Zeigen ist unausweichlich kommunikativ.
    Literarische Darstellungen des inneren Monologs prägen zwar die populäre Vorstellung dieses Bereichs, sind aber selbstverständlich keine wirklichen Quellen. Schnitzlers „Leutnant Gustl“, Molly Blooms Monolog und andere fiktionale Gestaltungen des „Bewußtseinsstroms“ sind Kunstwerke und liefern keine Daten für die psychologische Forschung; sie können allenfalls zur Illustration jener populären Vorstellungen benutzt werden, die sie zugleich belegen und immer wieder erneuern. Hamlet spricht nicht mit sich selbst, sondern vor sich hin, und der Schauspieler spricht so vor sich hin, daß das Publikum es bis in die letzte Reihe hört und dadurch erfährt, was Hamlet denkt und was ihn „motiviert“.
    Wenn jemand berichtet, daß er innerlich mit sich selbst oder zu sich selbst spreche, ist das eine konventionelle Art, bestimmte Phasen des eigenen Verhaltens in Worte zu fassen, aber ungeachtet der Berichtsform kein Beobachtungsprotokoll. Es gibt keine Sinnesorgane, mit denen wir unsere konstruierte Innenwelt beobachten könnten. Selbstauskünfte sind wissenschaftlich als Sprachverhalten wie jedes andere zu betrachten und zu erklären. Auch die Sprache, mit der jeder über etwas radikal Privates zu sprechen scheint, was nur ihm selbst zugänglich ist, wurde von anderen gelernt, wie eben die Sprache überhaupt als soziales und kulturell geprägtes Verhalten. Da das „Innere“ insgesamt ein sprachliches Konstrukt und kein unabhängig von der Sprache gegebenes Beobachtungsfeld ist, kann man sogar sagen, daß es gesellschaftlicher ist als die „äußeren“ Beobachtungsdaten. Im Licht dieser Einsicht stellt sich das „Problem des Fremdseelischen“ anders, als es traditionell formuliert worden ist: „Schließlich gelangen wir zu einer Feststellung, die die Psychologen früher als paradox belächelt hätten: Da wir das Verhalten der anderen besser erkennen als das unsere, kennen wir die anderen auch besser als uns selbst.“ (Paul Foulquié zit. nach Paul Fraisse: Praktikum der experimentellen Psychologie. Stuttgart 1966:34) Oder noch knapper: „Das Du ist älter als das Ich.“ (Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Kap. 27, wörtlich übernommen von Oswald Spengler in „Urfragen“)
    Es ist naiv, fremde psychologische Modelle in den Begriffen des eigenen zu beschreiben und von dessen Standpunkt aus zu beurteilen:
    „Es gibt bei Homer keine echte Reflexion, keine Zwiesprache der Seele mit sich selbst.“ (Bruno Snell: Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. 6., durchges. Aufl. Göttingen 1986:27, gekürzt)
    Es gibt auch bei uns keine „Zwiesprache der Seele mit sich selbst“. Das ist nur eine volkstümliche, von der schönen Literatur jahrhundertelang gepflegte Metapher. Wie der Titel von Snells berühmtem Buch bereits andeutet, versteht er den Geist samt seiner genaueren Ausstattung als etwas, was entdeckt worden ist, und nicht als etwas Erfundenes, Konstruiertes.
    „Daß das Selbstgespräch ein richtiges Gespräch ist, macht uns gerade auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam, daß zwei Seelen in unserer Brust wohnen können.“ (Walter Porzig: Das Wunder der Sprache. 6. Aufl. Bern 1975:96)
    In Wirklichkeit fehlt dem „Selbstgespräch“, wie der Verfasser es dann beschreibt, alles Wesentliche einer solchen gespaltenen Persönlichkeit. Es ähnelt auch nach seiner Darstellung weit eher einem Vorsichhinsprechen und Probeformulieren. „Soliloquium“ trifft es eigentlich besser, weil darin keine Rückbezüglichkeit anklingt.
    Porzig meint, daß beim stillen Lesen die innere Rede mitläuft. Das dürfte zutreffen, wenn sie auch reduziert sein kann. Viele Menschen bewegen beim stillen Lesen mehr oder weniger sichtbar die Lippen, und in früheren Zeiten scheint man durchweg hörbar gelesen zu haben; stilles Lesen wurde als persönliche Eigenart festgehalten, so von Augustinus an einer vielzitierten Stelle über seinen Zeitgenossen Ambrosius von Mailand. Diese Ansicht ist in neuerer Zeit angefochten worden, dürfte aber weitgehend zutreffen.1 Es gibt allerdings keinen Grund, warum nicht neben dem lauten auch das stumme Lesen jederzeit möglich gewesen sein sollte. Wenn jedes Kind lernt, nicht alles auszusprechen, was es denkt, kann es das gleiche auch beim Lesen lernen, sobald die ersten Schritte getan sind; es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Aufgaben.

    Die innere Rede kann das sonstige Verhalten bahnen, erleichtern und organisieren. Folgende Möglichkeiten sind zu unterscheiden: Die Selbststeuerung durch Sprache besteht entweder im lauten oder stummen Vorsagen und Befolgen einer Anweisung bzw. Regel oder in der Erzeugung eines Musters zur Nachahmung oder als fliegender Start (in beiden Richtungen).
    Wenn ich die Anweisung eines Merkspruchs ausführe, folge ich gewissermaßen meiner eigenen Stimme wie einer fremden und kann mich von ihr steuern lassen. Um die begriffliche Problematik der „Reflexivität“ zu vermeiden, sollte man den Vorgang anders darstellen: Erst verhalte ich mich merkversartig, dann regelbefolgend oder musternachahmend oder intraverbal verkettend (fortsetzend, anreihend). Der Merkvers oder die Eselsbrücke ist also ebenso eine Phase des Gesamtverhaltens, wie es dessen Ankündigung ist. Diese Darstellung läßt die Paradoxie von „Selbststeuerung“ und „Reflexivität“ gar nicht erst aufkommen.

    • Vielen Dank für diesen Kommentar, der mehr als verdient hätte, ein eigener Beitrag zu sein. „Ein Problem, das durch bloße Umformulierung verschwindet, ist ein Scheinproblem“ – sehr richtig und treffend formuliert. – Beachtenswert ist, dass sich die nicht-behavioristische Psychologie überwiegend mit diesen Scheinproblemen, die aus metaphorischer und schlampiger Redeweise entstehen, beschäftigt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s