Monatsarchiv: November 2013

Mit der Neuropsychologie macht sich die Psychologie überflüssig

Schon B. F. Skinner (1989) warnte die Psychologie, sich zu sehr auf eine spätere Bestätigung durch die Neurologie zu verlassen:

“But psychology may find it dangerous to turn to neurology for help. Once you tell the world that another science will explain what your key terms really mean, you must forgive the world if it decides that other science is doing the important work” (S. 67). (1)

(Für die Psychologie könnte es böse enden, wenn sie bei der Neurologie um Hilfe nachsucht. Wenn man der Welt verkündet, dass eine andere Wissenschaft erklären wird, was genau die Schlüsselbegriffe der eigenen Wissenschaft eigentlich bedeuten, dann muss man schon nachsichtig mit der Welt sein, wenn sie entscheidet, dass die andere Wissenschaft die eigentlich wichtige Arbeit macht.)

Die Gesetzmäßigkeiten der Verhaltensanalyse gelten bereits jetzt. Maßnahmen auf der Grundlage dieser Gesetzmäßigkeiten funktionieren auch bereits jetzt. Die Verhaltensanalyse muss nicht auf eine spätere Bestätigung durch eine andere Wissenschaft vertrösten. Skinner vertrat die Auffassung, dass nichts, was man eventuell noch über die Physiologie herausfinden könnte, etwas an der Gültigkeit der von ihm entdeckten Gesetze des Verhaltens ändern könnte. Die Physiologie kann dabei helfen, die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens besser zu verstehen (eine andere Warum-Frage beantworten), sie ändert aber nichts an diesen Gesetzmäßigkeiten.

Literatur

Skinner, B. F. (1989). Recent Issues in the Analysis of Behavior. Columbus: Merrill Publishing Company.

(1) Danke an Per Holth für dieses Zitat.

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„Warum“ ist nicht gleich „Warum“

Wenn (kognitive) Psychologen und Verhaltensanalystiker ein Verhalten erklären, haben sie verschiedene Warum-Fragen im Hinterkopf, so der norwegische Verhaltensanalytiker Per Holth.

Behavioristen bemerken gelegentlich, dass kognitive Erklärungen für Verhalten überhaupt keine Erklärungen seien. „Echte“ Erklärungen müssten notwendigerweise auf Lerngeschichte oder die Phylogenese Bezug nehmen. Psychologen wiederum behaupten, dass es sich bei verhaltensanalytischen Erklärungen um keine Erklärungen handle, da diese keine Aussagen über die inneren Vorgänge, die das Verhalten verursachten, machen. Per Holth (2013) betont, dass die verschiedenen Erklärungen von Behavioristen und Kognitivisten auf verschiedene Fragen nach dem „Warum“ zurückzuführen seien.

Warum geschah das jetzt? (Die alltägliche Frage)

Holth erläutert, dass die Frage nach dem „Warum“ oft auf die unmittelbaren Vorläufer des Verhaltens zielt. Wenn z. B. jemand fragt, warum das Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten, dass ein Stein das Glas traf. Der Fragesteller reagiert auf so eine Antwort oft mit einem „Aha!“ oder „Ich verstehe“ und hört auf zu fragen.

Warum als Frage nach der Disposition (Die Frage der kognitiven Psychologie)

Wenn aber die Frage lautet, warum gerade diese Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten „das Glas war brüchig“. Nicht alles, was von einem Stein getroffen wird, bricht. Die Frage lautet hier also, was das Glas von anderen Materialien unterscheidet. Wenn nun die einzige Grundlage für das Attribut „brüchig“ die Beobachtung ist, dass das Glas zerbrach als der Stein es traf, dann war die Antwort zirkulär. Kommen aber andere Beobachtungen hinzu (verschiedene Gläser zerbrechen bei Kontakt mit verschiedenen anderen Objekten), dann löst sich die Zirkularität auf und der Begriff „brüchig“ hilft uns dabei, vorauszusagen, was mit ähnlichen Gläsern unter ähnlichen Umständen passieren wird. Ebenso beim Verhalten: Die Antwort auf die Frage, warum ein bestimmter Junge weint, wenn er geschlagen wird, könnte lauten, dass der Junge eine „Heulsuse“ ist. Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass nicht jeder Junge in dieser Situation weint. Weint aber dieser Junge in vielen verschiedenen Situationen, in denen nicht jeder Junge weint, dann ist die Erklärung, er sei eine Heulsuse angemessen. Doch erschöpft sich die Psychologie hier lediglich darin, Summen-Etiketten für Verhalten zu vergeben.

Warum als Frage nach einem vermittelnden internen Mechanismus (Die Frage der Physiologie, strenggenommen)

Die Frage nach dem Zerbrechen des Glases könnte auch bedeuten, dass man wissen will, was mit der Struktur des Glases passierte, sodass es zerbrach. Ein Chemiker könnte hier z. B. antworten, dass das Glas aus kovalenten molekularen Bindungen besteht usw. Der Junge, der weinte, nachdem er geschlagen wurde, könnte sich z. B. bezüglich bestimmter Prozesse in seinem Gehirn von anderen Jungen unterscheiden. Wenn dieser Nachweis gelingt, handelt es sich um eine echte Erklärung. Wenn man aber (wie ein Großteil der kognitiven Psychologie) nur auf der Grundlage von Beobachtungen des Verhaltens  darüber spekuliert, was im Gehirn vor sich geht, dann vergibt man auch hier nur Summen-Etiketten und borgt sich von den Neurowissenschaften das Prestige der Terminologie einer Naturwissenschaft. Gelegentlich wird nahegelegt, dass die Antwort auf diese „Warum“-Frage die endgültige Antwort ist. Doch, wie Catania (2013) ausführte, wenn wir entscheiden wollen, ob jemand gelernt hat oder nicht, dann sehen wir uns nicht sein Gehirn an, sondern sein Verhalten. Dies bedeutet nicht, dass Lernen keine physiologische Grundlage habe. Doch können wir keine angemessene Neurowissenschaft vom Lernen haben, solange wir nicht das Verhalten als solches verstehen.

Warum als Frage nach der historischen Bedingtheit

Die Frage „Warum“ kann auch bedeuten, dass man wissen will, wie es zu dem Ereignis kam. Gefragt ist also die „Produktionsgeschichte“. Die Antwort auf die Frage, warum dieser Junge weint, könnte also lauten: weil er in der Vergangenheit in solchen Situationen immer wieder getröstet wurde (usw.). Für diese Art Fragen ist die Verhaltensanalyse zuständig.

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Schizophrenie – einmal nicht als biologische Störung erklärt

Schizophrenie geht mit Störungen in der Gehirnphysiologie einher, heißt es. Aber ist die gestörte Gehirnchemie auch die Ursache der Krankheit? – Vieles spricht dafür, dass auch schizophrenes Verhalten adaptiv (also letztlich erklärbar und sinnvoll) sein kann.

Die biologischen Erklärungsmodelle beherrschen die Psychiatrie. Dennoch gab es in den letzten Jahren eine kleine Renaissance der Forschung zu den psychosozialen Risikofaktoren für die Entstehung von Schizophrenie (McGrath, 2007, S. 14). Dabei wird die traditionelle Trennung von Anlage und Umwelt bewusst außer Acht gelassen und eine funktional-analytische Perspektive eingenommen.

Irwin Rosenfarb (2013) betrachtet die Entstehung von Schizophrenie aus funktional-analytischer Sicht. Diese unterscheidet sich von der eher „essentialistischen“ Sichtweise (Palmer & Donahoe, 1992). Genetische, biologische und kognitive Interpretationen sind zumeist essentialistisch. Als essentialistisch bezeichnet man die Tendenz, Naturphänomene als Resultate von zugrundeliegenden intrinsischen Eigenschaften zu sehen. Aus genetischer Sicht ist etwa der Defekt in einem bestimmten Gen, aus neurologischer Sicht die Größe des Hypothalamus und aus kognitiver Sicht die Störung des episodischen Gedächtnisses oder der „zentralen Exekutive“ die intrinsische Eigenschaft, die die „Essenz“ der Schizophrenie bildet. Eine selektionistische Sichtweise wie die funktional-analytische ist vor allem daran interessiert, wie durch phylogenetische und ontogenetische Faktoren das schizophrene Verhalten selektiert wird.

Das verbreitete Diathese-Stress-Modell der Schizophrenieentstehung geht davon aus, dass eine Veranlagung mit belastenden Lebensereignissen zusammenkommen muss, damit eine Person an Schizophrenie erkrankt. Nach Einschätzung von Rosenfarb ist auch dieses Modell im Wesentlichen essentialistisch.

Rosenfarb listet zunächst auf, welche psychosozialen Risikofaktoren nach dem Stand der Forschung zur Entstehung einer Schizophrenie beitragen können (in dem Sinne, dass diese Variablen mit einer Schizophrenie signifikant korrelieren; Rosenfarb, S. 931f, listet die entsprechenden Studien auf):

  • Kindheitstraumata, insbesondere sexuelle Kindesmisshandlung
  • Längere Trennung von einem oder beiden Elternteilen
  • Das Kind war unerwünscht
  • Verschiedene Indikatoren sozialer Benachteiligung (Sozialhilfeempfänger, niedriges Haushaltseinkommen, alleinerziehender Elternteil, Arbeitslosigkeit der Eltern, Familie wohnt zur Miete und nicht im Eigentum)
  • Elterliche Erkrankungen (mindestens ein Elternteil hat eine Psychose oder ist alkohol- und drogenabhängig)
  • Migrationshintergrund, wobei die zweite Generation der Migranten mindestens genauso häufig, wenn nicht häufiger an Schizophrenie erkrankt. Dies ist ein Indiz dafür, dass es sich bei diesem Faktor nicht um einen Selektionseffekt handelt (in dem Sinne, dass vor allem erblich vorbelastete Individuen auswandern), sondern um das Resultat eines Lebens als Migrant.
  • Stadtbewohner erkranken häufiger an Schizophrenie.
  • Personen, die sich stark von den anderen Personen in ihrem Wohnumfeld unterscheiden, erkranken häufiger.

Jeder dieser Faktoren für sich allein ist auch ein Risikofaktor für andere Erkrankungen. Jedoch fragt sich, was das Gemeinsame aller mit Schizophrenie in Zusammenhang stehenden Risikofaktoren ist. All diesen Faktoren ist gemeinsam, dass die Person in einem Umfeld aufwuchs, das sie sozial isoliert und das Individuum sich als sozialer Verlierer fühlen lässt (Cantor-Graae & Selten, 2005). Sozialer Rückzug und soziale Isolation, sowie geringes Interesse in sozialen Aktivitäten sind die wichtigsten Prädiktoren für die Entwicklung einer Schizophrenie bei einer Person in den nächsten zehn Jahren (Kwapil, 1998). Zudem scheint es zwischen dem Ausmaß an sozialer Isolierung und der Stärke der schizophrenen Symptome eine starke ursächliche Beziehung zu geben.

Welche Funktion hat nun die soziale Isolierung bei den schizophrenen Symptomen?

Halluzinationen

Eines der häufigsten Symptome der Schizophrenie sind die auditiven Halluzinationen. Halluzinationen treten vor allem dann auf, wenn andere, stärkere und angemessene Verstärker nicht verfügbar sind. Der Verlust der sozialen Verstärkung kann Personen dazu bringen, sich vor allem auf ihr Inneres zu konzentrieren. „Irrationales“ Verhalten tritt dann auf, wenn die Alternative gar kein Verhalten wäre (Ferster, 1973, S. 859). Halluzinationen helfen zudem dabei, die Aufmerksamkeit von negativen und ängstlichen Gefühlen abzulenken. Halluzinationen können Verstärkereigenschaften annehmen, einige Patienten entwickeln „integrierte, interpersonal kohärente Beziehungen“ (Benjamin, 1989) mit ihren Stimmen. Zudem können die Stimmen die gleiche Funktion erfüllen wie selbstkritische Gedanken (Gilbert et al., 2001).

Wahn

Ein Wahn entwickelt sich auf die gleiche Weise wie jede andere Überzeugung. Dem Wahn liegen jedoch außergewöhnliche Erfahrungen zugrunde. Dem schizophrenen Individuum mangelt es jedoch am korrektiven sozialen Feedback, das ihm dabei hilft, seine Erfahrungen zu normalisieren. Viele Erfahrungen, die Schizophrene machen, sind in der „Normalbevölkerung“ gar nicht mal so selten: Das Gefühl verfolgt zu werden oder dass man überwacht wird und selbst auditive Halluzinationen sind durchaus verbreitet. Wenn eine Person sozial isoliert ist, kann ihr keiner dabei helfen, diese Erfahrungen zu erklären. In mehrdeutigen Situationen kommt es ebenfalls oft zu Fehlwahrnehmungen. Auch in anderen Situationen entwickeln Menschen Wahn, z. B. bei Demenz: Wenn man sich nicht erklären kann, warum man sich z. B. nicht mehr daran erinnern kann, wo man seine Sachen hingelegt hat, liegt der Schluss nahe, dass sich jemand in der Wohnung zu schaffen macht. Wahnhafte Vorstellungen gibt es auch relativ häufig bei schwerhörigen Menschen; auch diese haben es oft mit nicht eindeutigen Wahrnehmungen zu tun. Paranoia hilft einem, den Selbstwert zu schützen (es war der Einbrecher, nicht die eigene Unfähigkeit, durch die die Lampe kaputt ging), ja sie kann einem zu einem besonderen Selbstwert verhelfen (nur wer sehr wichtig ist, wird von der CIA verfolgt).

Gedankenstörungen

Wenn Sprache – und Gedanken sind aus verhaltensanalytischer Sicht verdeckte Sprache – nicht organisiert ist, dann kam sie nicht unter die Kontrolle der Zuhörer. Wenn ich mit einer anderen Person rede, werde ich nur verstanden, wenn ich organisiert spreche. Fehlt die Zuhörerschaft dauerhaft, wird gesprochen, ohne dass das Gesprochene organisiert werden muss. Schizophrene Menschen haben evtl. nie ausreichend gelernt, auf die sozialen Hinweisreize zu achten, die anzeigen, ob eine Person aufmerksam zuhört oder nicht. Das sprachliche Verhalten des Schizophrenen ist also nicht unter der Kontrolle der Zuhörerschaft, sondern unter der Kontrolle interner Reize. Dazu passt, dass schizophrene schneller als gesunde Individuen Assoziationen zwischen verwandten Begriffen (wie Henne und Ei) herstellen können. Im Gegensatz zu Nicht-Schizophrenen erkennen sie zudem Gemeinsamkeiten zwischen nur indirekt miteinander zusammenhängenden Begriffen (z. B. eine Gemeinsamkeit zwischen „Zitrone“ und „süß“ – das vermittelnde Wort ist „sauer“). Diese Leistung gelingt, weil sie allein auf interne Reize zurückgreifen. Der sogenannte „Beziehungswahn“ der Schizophrenen (die Neigung, zwischen allen mögliche Dingen einen Zusammenhang, eine Beziehung zu sehen), mag daher rühren.

Negative Symptome

Bezeichnend für die Schizophrenie ist auch ein Mangel an Verhalten, z. B. im zielgerichteten Verhalten (Avolition), im emotionalen Ausdruck (Affektflachheit) und in der Sprache (Alogie). All diese Verhaltensweisen können dazu führen, dass man mehr soziale Interaktionen hat. Es ist evolutionär adaptiv, dass man sich möglichst unauffällig verhält, wenn das Risiko besteht, dass man sozial zurückgewiesen wird (Gilbert, 2006).

Negative Symptome treten evtl. dann auf, wenn Versuche, bestimmte Ziele zu erreichen, gescheitert sind. Individuen mit starker Negativsymptomatik sind weniger ängstlich und haben ein höheres Selbstwertgefühl als andere Patienten mit Schizophrenie (Beck et al., 2013). Diese Individuen haben womöglich gelernt, dass die Wertschätzung von anderen Menschen nicht wichtig ist.

Forschungen deuten darauf hin, dass schizophrene Menschen, die äußerlich emotional verflacht wirken, subjektiv genauso starke Emotionen erleben wie andere Menschen (vgl. Kring & Moran, 2008). Wer seine Emotionen zeigt, riskiert die Kritik anderer Menschen. Die äußerliche Verflachung der Emotionen hilft, diese Kritik zu vermeiden.

Interaktion mit den biologischen Faktoren

Es scheint sich aber nur dann eine Schizophrenie zu entwickeln, wenn es eine genetische Prädisposition für diese Erkrankung gibt. Doch muss dies nicht auf eine einfache Weise im Sinne eines „Gens für“ Schizophrenie geschehen. Eine bestimmte genetische Ausstattung kann z. B. dazu führen, dass das betroffene Individuum in eine Umwelt gerät, die es sozial isoliert und herabsetzt. Kinder mit neuromotorischen Störungen oder intellektuellen Defiziten können oft subtile soziale Hinweisreize nicht so gut erkennen. Diese werden dann wiederum häufiger von ihren Altersgenossen zurückgewiesen. Letztlich erweist es sich als unmöglich, die genetischen und Umwelteinflüsse auf die Entwicklung einer Schizophrenie zu trennen. Dies kann auch daran liegen, dass es eine Kontinuität zwischen den Effekten der Kontingenzen in der Umwelt der Vorfahren und der jetzigen Umwelt gibt. Das heißt, wer jetzt sozial isoliert und zurückgewiesen lebt, dessen Vorfahren mussten evtl. auch schon so ein Leben führen. In wie weit das schizophrene Verhalten nun in der Lebenszeit erlernt oder von den Vorfahren ererbt wurde, lässt sich unter diesen Umständen schwer sagen.

Zwei neuere Behandlungsansätze für Schizophrenie erscheinen Rosenfarb erfolgversprechend: Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie lehrt den Klienten, seine von ihm gewählten Ziele zu verfolgen (z. B. unabhängig zu leben), statt sich darauf zu konzentrieren, die Symptome los zu werden. Eine randomisierte und kontrollierte Studie (Bach & Hayes, 2002) erbrachte hier erste positive Ergebnisse. Die Funktional-Analytische-Therapie versucht neue Verhaltensweisen in der Therapie zu formen, in der Annahme, dass diese auf den Alltag des Klienten generalisieren.

Sehr erfolgreich war die Tokenökonomie von Paul und Lentz (1977). 97,5 % der Patienten, die an diesem Programm teilnahmen, konnten aus der Klinik entlassen werden, im Vergleich zu 71 %, die eine sogenannte Milieutherapie erhalten hatten und 44,8 % der Kontrollgruppe. 10,7 % der Patienten, die an der Tokenökonomie teilgenommen hatten, konnten dann unabhängig leben, aber kein einziger Patient der Kontrollgruppe, 89,3 % benötigten keine Psychopharmaka mehr, aber 100 % der Kontrollgruppe mussten nach wie vor Medikamente nehmen.

Entscheidend für den Erfolg jeder Maßnahme ist, dass sie aus der Klinik in den Alltag der Patienten übertragen werden kann. Darauf wird in den letzten Jahren verstärkt geachtet.

Literatur

Bach, P. & Hayes, S. C. (2002). The use of acceptance and commitment therapy to prevent rehospitalization of psychotic patients: A randomized controlled trial. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 70, 1129-1139.

Beck, A. T.; Grant, P. M.; Huh, G. A.; Perivoliotis, D. & Chang, N. A. (2013). Dysfunctional attitudes and expectancies in deficit syndrome schizophrenia. Schizophrenia Bulletin, 39, 43-51.

Benjamin, L. S. (1989). Is chronicity a function of the relationship between the person and the auditory hallucination? Schizophrenia Bulletin,15, 291-310.

Cantor-Graae, E. & Selten, J. P. (2005). Schizophrenia and migration: A meta-analysis and review. American Journal of Psychiatry, 162, 12-24.

Ferster, C. B. (1973). A functional analysis of depression. American Psychologist, 28, 857-870.

Gilbert, P. (2006). Evolution and depression: Issues and implications. Psychological Medicine, 36, 287-297.

Gilbert, P.; Birchwood, M.; Gilbert, J.; Trower, P.; Haz, J.; Murraz, B.;… Miles, J. N. V. (2001). An exploration of evolved mental mechanisms for dominant and subordinate behaviour in relation to auditory hallucinations in schizophrenia and critical thoughts in depression. Psychological Medicine, 31, 1117-1127.

Kring, A. M. & Moran, E. K. (2008). Emotional response deficits in schizophrenia: Insights from affective science. Schizophrenia Bulletin, 34, 819-834.

Kwapil, T. R. (1998). Social anhedonia as a predictor of the development of schizophrenia-spectrum disorders. Journal of Abnormal Psychology, 107, 558-565.

McGrath, J. J. (2007). The surprisingly rich contours of schizophrenia epidemiology. Archives of General Psychiatry, 64, 14-16.

Palmer, D. C. & Donahoue, J. W. (1992). Essentialism and selectionism in cognitive science and behavior analysis. American Psychologist, 47, 1344-1358.

Paul, G. L. & Lentz, R. J. (1977). Psychosicial treatment of chronic mental patients: Milieu versus social-learning programs. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Rosenfarb, Irwin S. (2013). Functional analysis of schizophrenia. The Psychological Record, 63(4), 929-946.

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Lob und Tadel, 5 zu 1

Manch einer meint, kein Tadel sei Lob genug. Doch erfolgreiches Feedback nutzt häufiger das Lob als die Kritik. Genaugenommen sollte man fünfmal häufiger loben als tadeln, so Stephen Ray Flora.

Obwohl Lob ein hervorragender und zudem kostenloser Verstärker für menschliches Verhalten ist, wird er kaum eingesetzt, insbesondere in Schulen (Beaman & Wheldall, 2000). Einen nachteiligen Einfluss auf die Popularität von Lob als Verstärker haben dabei sicher auch Autoren wie Alfie Kohn ausgeübt, der fordert, dass Kinder das tun sollten, was von ihnen erwartet wird, ohne dass dies einer zusätzlichen Ermunterung oder Rechtfertigung bedarf („should simply do what is expected of them without requiring encouragement or justification“, Kohn, 1993, S. 116). Erstaunlicherweise erfreut sich diese Haltung in der breiten Öffentlichkeit einer großen Beliebtheit. Doch lehrt und die Empirie, dass richtig eingesetztes Lob durchaus erwünschte Verhalten stärken kann.

Bekanntlich sollte in der Kommunikation das Lob die Kritik überwiegen. Flora (2000) belegt, dass ein Verhältnis von fünf Lobesäußerungen zu einer Kritik am effektivsten ist. Hart und Risely (1995, S. 155) konnten nachweisen, dass nicht der sozioökonomische Status der Eltern als solcher die Sprach- und Intelligenzentwicklung von Kindern vorhersagt, sondern dass die Art, wie die Eltern mit ihren Kindern umgehen, entscheidend ist. Diejenigen Kinder, die sich am besten entwickelten, hatten Eltern, die sehr viel mit ihren Kindern sprachen, ihren Kindern häufiger zustimmten und diese lobten. Insbesondere äußerten sie im Schnitt fünfmal mehr Lob oder Zustimmung als Kritik oder Ablehnung.

Dieses Verhältnis findet man auch bei glücklichen Ehen. War die Rate von Zustimmung zu Kritik in einer Beziehung schlechter als 5 zu 1, scheiterte die Ehe wahrscheinlich. Am wenigsten stabil waren die Partnerschaften mit einer Rate von 0,8 bis 1 zu 1 (Gottman et al., 1998, S. 9). Die Kombination aus Hilfestellung und Lob, die Gottman et al. bei erfolgreichen Ehen fanden, ähnelt sehr stark dem verhaltensanalytischen Verfahren der Verhaltensformung (shaping, d. h. sukzessive Annäherung an ein angestrebtes Verhalten durch Verstärkung der Zwischenstufen). Das Verhältnis von 5 zu 1 erwies sich auch bei der Therapie von jugendlichen Straftätern als das erfolgreichste (Stuart, 1971), sowie allgemein bei der Formung angemessenen Verhaltens (Maden & Madsen, 1974).

Martin und Pear (1999, S. 43) führten ein Training mit Lehrern und Studenten der Verhaltensanalyse durch, bei dem die Teilnehmer ihre eigenen zustimmenden und ablehnenden Äußerungen erfassen und innerhalb von 10 Tagen erreichen sollten, dass das Verhältnis 5 zu 1 beträgt. Das Verhältnis betrug während der Basisratenbeobachtung bei den Lehrern 2,59 und bei den Studenten 1,59 (zu 1). Im Lauf des Trainings verbesserten sich die Lehrer auf ein Verhältnis von 4,32, die Studenten auf 4,47, was jeweils einen signifikanten Unterschied darstellt. Natürlich hat die Aufgabe, das eigene zustimmende und kritisierende sprachliche Verhalten zu erfassen an sich einen Einfluss auf die Häufigkeiten (Reaktivität), sodass diese Zahlen nicht so belastbar sind wie objektive Beobachtungen. Allein die Erkenntnis, dass man selbst im Alltag sehr selten lobt, kann aber die Motivation für eine Änderung dieses Verhaltens auslösen, wie die Teilnehmer des Trainings bestätigten.

Um das Verhältnis von fünf zu eins zu erreichen, müssen Lehrer bisweilen ihre Standards senken, damit sie ein Verhalten loben können, dass sie früher vielleicht kritisiert hätten. Doch sind diese Verhaltensweisen oft Annäherungen an das eigentlich erwünschte Verhalten. Die Lehrer in Martin und Pears Studie äußerten, dass sie, um mehr zu loben, nicht ihre Erwartungen an das, was der Schüler letztendlich erreichen sollte, absenkten.

Wenn Menschen, die das bislang nicht bewusst taten, anfangen, mehr zu loben, berichten sie oft, dass es sich „unecht“ oder „komisch“ anfühle. Doch hat dieses Gefühl damit zu tun, dass das Loben selbst auch ein Verhalten ist. Verhalten, in dem man ungeübt ist, fühlt sich oft „komisch“ an. Je flüssiger das Verhalten des Lobens wird, desto mehr verschwindet dieses Gefühl. Zudem sollte man beachten, dass Lob vor allem eine Anerkennung für ein bestimmtes Verhalten sein sollte, um wirksam zu sein. Beispielsweise geben Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt werden, eher auf und zeigen schlechtere Leistungen als Kinder, die für ihren Fleiß gelobt werden (Mueller & Dweck, 1998).

Warum aber wird ist ein Verhältnis von fünf zu eins erfolgreich? Wäre es nicht besser, nur zu loben und nie zu kritisieren? Hier zeigt die Forschung, dass Lob, wenn nie etwas kritisiert wird, an Wirkung verliert. Das Lob dient, wenn nur gelobt wird, nicht mehr als diskriminativer Reiz, der dem Gelobten sagt, was gut und was nicht so gut war. Zudem sollte das Lob variiert werden, um wirksam zu bleiben. Flora (2000, S.69) gibt seinen Studenten die „101 Wege, wie man lobt“ mit auf den Weg.

Lob ist und bleibt ein sehr wirksamer und viel zu selten benutzter Verstärker, insbesondere, wenn man bedenkt, dass es vollkommen kostenlos ist.

Literatur

Beaman, R. & Wheldall, K. (2000) Teacher’s use of approval and disapproval in the classroom. Educational Psychology, 20, 431-446.

Davis, H. & Perusse, R. (1988). Human-based social interaction can reward a rat’s behavior. Animal Learning & Behavior, 16, 89-92.

Evans, M. J.; Duvel, A.; Funk, M. L.; Lehman, B. & Neuringer, A. (1994). Social reinforcement of operant behavior in rats: A methodological note. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 62, 149-156.

Flora, Stephen Ray. (2000). Praise’s magic reinforcement ration: Five to one gets the job done. The Behavior Analyst Today, 1(4), 64-69. PDF der Zeitschrift 322 KB

Gewirtz, J. L. & Baer, D. M. (1958). Deprivation and satiation of social reinforcers as drive conditions. Journal of Abnormal and Social Psychology, 57, 165-172.

Gottman, J. M.; Coan, J. & Swanson, C. (1998). Predicting marital happiness and stability from newlywed interactions. Journal of Marriage and the Family, 60, 2-22.

Hart, B. & Risley, T. R. (1995) Meaningful Differences. Baltimore, MD: Paul H Brookes.

Kohn, A. (1993). Punished by Rewards: The Trouble with Gold Stars, Incentive Plans, A’s, Praise, and Other Bribes. New York, NY: Houghton Mifflin.

Madsen, C. H. Jr., & Madsen, C. R. (1974). Teaching discipline: Behavior principles towards a positive approach. Boston, MA: Allyn & Bacon.

Martin, G. & Pear, J. (1999). Behavior Modification 6th ed. Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.

Mueller, C. M. & Dweck, C. S. (1998). Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance. Journal of Personality & Social Psychology, 75, 33-52.

Rheingold, H. L.; Gewirtz, J. L. & Ross, H. W. (1959). Social conditioning of vocalizations in the infant. Journal of Comparative and Physiological Psychology, 52, 68-73.

Stuart, R. B. (1971). Assessment and change of the communication patterns of juvenile delinquents and their parents. In R.D. Rubin, H. Fernsterheim, A. A. Lazarus, & C. M. Franks (Eds.), Advances in behavior therapy (pp. 183-196). NY: Academic Press.

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Ist die Angst vor Schlangen angeboren?

Es gibt wesentlich mehr Schlangen-Phobiker als Stromleitungs-Phobiker, obwohl Stromleitungen eine größere Bedrohung darstellen als die seltenen Kriechtiere. Bedeutet dies, dass die Angst vor Schlangen genetisch in uns vorbereitet ist („Preparedness“)? Kevin Thierney und Maeve Connolly sind sich da nicht so sicher.

(vgl. auch hier und hier)

Seligman (1970) ging davon aus, dass viele Lernvorgänge durch genetische Faktoren erleichtert werden. Er bezeichnete dies als das Konzept der Preparedness (diese Bezeichnung ist auch im Deutschen üblich), des „Vorbereitet-Seins“. Unter anderem bezog er sich dabei auf die Beobachtung, dass Menschen viel leichter und häufiger Phobien vor Schlangen und Spinnen entwickeln als vor technischen Geräten (wie offenen Stromleitungen). Die Annahme, die der Preparedness zugrunde liegt, lautet also, dass unsere Vorfahren evolutionär eine Neigung, Ängste vor bestimmten Objekten zu entwickeln, erworben haben. Diejenigen unserer Vorfahren, die eher Angst vor Schlangen hatten, mieden diese, wurden seltener von Schlangen gebissen und überlebten deshalb häufiger als ihre Zeitgenossen, die Schlangen unbefangen entgegentraten. Wir tragen dieses evolutionäre Erbe noch in uns und entwickeln daher leicht eine unangemessene Angst (Phobie) vor Schlangen. In unsere heutigen Welt aber stellen Schlangen kaum eine Bedrohung dar (wohl aber offene Stromleitungen).

Soweit klingt das zunächst mal sehr plausibel. Seligman bezog sich aber nicht nur auf diese Beobachtung, sondern auch auf andere Effekte, die in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Einer dieser Effekte ist der Garcia-Effekt. Garcia und Koelling (1966) hatten festgestellt, dass das klassische Konditionieren sehr viel leichter funktioniert, wenn der konditionierte Reiz und die konditionierte Reaktion in einer Art natürlichem Verhältnis stehen. Übelkeit als Reaktion lässt sich sehr viel leichter durch Gerüche (als durch Geräusche oder Bilder) konditionieren, die Schreckreaktion lässt sich dagegen leichter auf Geräusche als auf Gerüche konditionieren. Der sogenannte Breland-Effekt (Breland & Breland, 1961) wird auch als Instinkt-Drift bezeichnet. Er besagt, dass sich in der natürlichen Umwelt der Tiere nützliche Verhaltensweisen bei diesen Tieren leichter (operant) konditionieren lassen als andere. Auch hier liegt der Schluss nahe, dass der Organismus der Tiere (genetisch) darauf vorbereitet ist, bestimmte Verhaltensweisen leichter zu lernen als andere, was wiederum von dem adaptiven (evolutionären) Nutzen dieser Verhaltensweisen in der natürlichen Umwelt dieser Tiere abhängig ist.

Öhman und Mineka (2001) wendeten das Konzept der Preparedness auf den Bereich der Phobien an. Unter anderem nahmen sie an, dass die Neigung zur Angst vor Schlangen schon bei unseren frühesten Säugetiervorfahren angelegt wurde. Diese lebten in ständiger Furcht vor den Dinosauriern. Die Schlangenphobie ist also eine Art Untergruppe einer allgemeinen Reptilienphobie.

Thierney und Connolly (2013) sichten die Belege, die für eine Preparedness bei der Schlangenphobie vorgelegt werden. Diese Belege kommen aus drei verschiedenen Bereichen:

Belege aus Studien mit nicht-menschlichen Primaten

Wenn die Angst vor Schlangen bereits vor längerem in unser Erbgut geschrieben wurde, dann sollten auch die anderen Primaten – Affen – eine Preparedness für diese Ängste haben. Unbestritten ist, dass viele Tierarten auf verschiedene Reize nicht in gleicher Weise reagieren, dass also verschiedene Reize auch ohne vorherige Lernerfahrungen unterschiedliche Reaktionen auslösen können. Wildlebende Rhesusaffen (nicht aber im Labor aufgezogene) zeigen eine intensive, phobieartige Angst vor Schlangen. Ähnliche Befunde gibt es auch bei Makaken. Für unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, gibt es nur wenige neuere Studien. Im Primaten-Labor der Yale-Universität wurde in den dreißiger Jahren die Reaktion von Schimpansen auf Schlangen getestet (Yerkes & Yerkes, 1936). Interessanterweise zeigte sich hier, dass die jüngeren Affen wesentlich weniger Angst vor den Schlangen hatten als die erwachsenen. Die jungen Affen hatten vor einer Schildkröte viel mehr Angst als vor der Schlange. Die erwachsenen Affen fürchteten sich vor den Schlangen und den Schildkröten gleichermaßen. Einen Hinweis auf eine besondere Angst vor Schlagen bei Schimpansen kann man daraus also nicht ableiten. In einer anderen Studie (Haslerud, 1938) wurden die Schimpansen mit verschiedenen belebten und unbelebten Objekten konfrontiert, darunter ausgestopften und lebenden Tieren, auch Schlangen. Dabei zeigte sich, dass junge Schimpansen allgemein vor belebten Objekten Angst hatten, die älteren hatten vor belebten und unbelebten Objekten gleichermaßen Angst, wohl, weil sie antizipieren konnten, dass sich die ausgestopften Tiere auch bewegen könnten. Wieder war hier die Schildkröte am furchteinflößendsten, die Schlage etwas weniger bedrohlich.

Alles in allem ergeben sich aus diesen Studien keine Hinweise darauf, dass Schlangen bei unseren artgeschichtlichen Verwandten einen besonderen Status als angstauslösende Objekte haben könnten. Die Ergebnisse mit Rhesusaffen deuten zwar in diese Richtung, jedoch werden sie durch die gegenteiligen Befunde mit Schimpansen entkräftet.

Belege aus Studien mit erwachsenen Menschen

Es gibt etliche Studien, die sich mit der Reaktion von Erwachsenen auf potenziell angstauslösende Reize beschäftigen. Erwachsene Menschen können Angstreize (wie Spinnen und Schlangen) schneller erkennen. Jedoch lässt sich aus diesen Studien nichts weiter ableiten, als dass es viele Menschen gibt, die Angst vor Schlangen haben. Nun sind fast alle diese Untersuchungen in (insbesondere) westlichen Gesellschaften durchgeführt worden, in denen die Schlange kulturell bedingt als Ekel- und Angstreiz gilt (vgl. die Bibel). Interessanter wären Studien aus Kulturen, in denen Schlangen toleriert oder gar verehrt werden. Dies ist in einigen afrikanischen Kulturen der Fall, wo z. B. die Pythonschlange verehrt wird und mit positiven Attributen in Verbindung gebracht wird.

Belege aus Studien mit menschlichen Kindern und Säuglingen

Wenn bereits kleine Kinder, die noch wenig Gelegenheit hatten, die Angst vor Schlangen am Modell zu lernen (dadurch, dass sie sehen, wie sich Erwachsene vor Schlangen eklen oder hören, wie Erwachsene schlecht über Schlangen sprechen), spontan Angst vor Schlangen zeigen, dann wäre dies ein Hinweis, dass die Angst vor Schlangen tatsächlich in unseren Genen angelegt sein könnte (es wäre kein zwingender Beweis, denn frühe Lernerfahrungen lassen sich bei Kindern, die nicht gerade im Labor aufwachsen, nie ganz ausschließen).

Es scheint aber kaum Studien zu geben, die die Reaktion von Kindern auf Schlangen untersucht haben. Jones und Jones (1928) zeigten Kindern im Alter von 1 bis 10 Jahren eine große, aber harmlose Schlange. Diese Untersuchung wiederholten sie mit Studenten. Die jüngsten Kinder (im Alter von ein bis zwei Jahren) zeigten keinerlei Furcht vor den Schlangen, wohl aber zwei Drittel der Collegestudenten.

Die einfachste Erklärung für dieses Ergebnis lautet, dass Menschen anscheinend durch ihre Erziehung und den Einfluss der Kultur, in der sie leben, eine Angst vor Schlangen entwickeln. Es fällt sehr schwer, sich den Nutzen einer genetischen Veranlagung vorzustellen, die bewirkt, dass wir erst im Laufe unseres Lebens eine Angst vor Schlangen entwickeln, lange nachdem das Kind durch Erfahrung und Instruktion hätte lernen können, dass Schlangen gefährlich sind. Zudem wäre eine Theorie, die vorsieht, dass diese phylogenetische Disposition erst relativ spät im Leben in Erscheinung tritt, kaum zu prüfen, da so notwendigerweise ontogenetische und phylogenetische Faktoren vermischt sind.

Waters et al. (2008) untersuchten die Reaktion von Kindern auf Bilder von Schlangen. Sie maßen, wie lange die Kinder brauchen, um den Reiz wahrzunehmen. Die Kinder konnten Schlangen und Spinnen zwischen Pilzen und Blumen schneller ausmachen als Pilze und Blumen zwischen Schlangen und Spinnen. Allerdings waren die Schlangen und Spinnen auf den Bildern dunkel vor einem nur leicht farbigen Hintergrund, während die Pflanzen und Pilze vor einem fleckigen Hintergrund zu sehen waren. Hinzu kommt, dass die jüngsten Teilnehmer der Studie von Waters et al. (2008) schon neun Jahre alt waren und bis dato natürlich reichlich Zeit hatten, die besondere Reaktion auf Schlangen von ihrer Umwelt zu lernen.

LoBue und DeLoache (2008) ließen zweijährige Kinder die Bilder von Schlangen vor Hintergründen suchen, in denen sich verschiedene Objekte befanden. Die Zeiten, die die Kinder benötigten, um die Schlangen zu entdecken, wurden mit den Zeiten verglichen, die sie benötigten, andere Gegenstände vor einem Hintergrund von Schlangen zu finden. Die Schlangen wurden hier schneller entdeckt als die anderen Gegenstände. Aber auch hier zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass der Kontrast zwischen den Schlangen und ihren Hintergründen größer war als der zwischen den anderen Gegenständen und deren Hintergrund.

In einem weiteren Experiment untersuchten DeLoache und LoBue (2009) das Verhalten von neun bis zehn Monate alten Kindern gegenüber furchteinflößenden und nicht-furchteinflößenden Reizen. Dazu gehörte die Erfassung der Blickdauer auf zwei Filmszenen, die den Kindern gezeigt wurden, eine mit Schlangen und eine mit anderen, großen Tieren (Giraffe, Nashorn, Eisbär etc.). In einem ersten Experiment sahen die Kinder beide Filme nebeneinander. Es gab hier keine Unterschiede in der Blickdauer. Im zweiten Experiment sahen die Kinder wieder beide Filme gleichzeitig, wobei die Hälfte der Kinder im Hintergrund eine fröhliche und die andere Hälfte eine ängstliche Stimme hörte. Nun sahen die Kinder, die die ängstliche Stimme hörten, länger auf den Schlangen-Film als die Kinder, die die fröhliche Stimme hörten. Allerdings haben die Kinder, die die ängstliche Stimme hörten, auf die Schlangen nicht länger als auf die anderen Tiere gesehen. Das dritte Experiment glich dem zweiten, nur wurden statt Filmen Fotos verwendet. Hier gab es wieder keinen Unterschied zwischen den Bedingungen.

Diese Studie ist bemerkenswert, denn sie scheint erstmals Hinweise darauf zu geben, dass Kinder Angst leichter mit Schlangen assoziieren als mit anderen Tieren. Dies wird von den Autoren als ein Beleg für die phylogenetischen Ursprünge der Schlangenphobie angesehen.

Doch die Studie von DeLoache und LoBue hat mehrere methodische Schwächen. So waren die anderen abgebildeten Tiere sehr große Tiere, die aus der Ferne aufgenommen worden waren, wohingegen die Schlangen in der Nahaufnahme gezeigt wurden. Aussagekräftiger wäre die Studie gewesen, wenn als Vergleichsobjekte kleine Tiere gewählt worden wären. Der Umstand, dass im dritten Experiment keine Unterschiede auftraten, kann damit zusammenhängen, dass die Fotos keine Hinweise auf die Nähe der abgebildeten Objekte enthielten. Man könnte das Ergebnis der Studie daher auch so zusammenfassen, dass Kinder eher auf nahe, sich bewegende Objekte sehen, wenn sie eine ängstliche Stimme hören. Mit der schlangenhaften Bewegung hat das zunächst einmal nichts zu tun.

Des Weiteren fällt auf, dass die Autoren ihre Ergebnisse in den drei Experimenten unterschiedlich berichten. In Experiment 1 und 3 vergleichen sie die Blickzeiten derselben Kinder auf die unterschiedlichen Objekte. In Experiment 2 aber berichten sie von Unterschieden zwischen verschiedenen Kindern, die auf die Schlangen sahen und dabei entweder eine ängstliche oder eine fröhliche Stimme hörten. Warum sie das taten, ist nicht so wichtig. Festhalten muss man allerdings, dass auch im Experiment 2 dieselben Kinder, die entweder eine fröhliche oder eine ängstliche Stimmen  hörten, nicht länger auf die Schlangen als auf die anderen Tiere sahen.

Dies ist also kein Beleg für eine Veranlagung, Schlangen mit Angst zu assoziieren.

LoBue und DeLoache (2011) führten weitere Versuche mit älteren Kindern durch. Hier hinterfragten die Autoren nicht mehr, ob es eine phylogenetische Grundlage für die Angst vor Schlangen gibt. Sie wollten vielmehr herausfinden, welche Merkmale von Schlangen die Furcht auslösen. Unter anderem stellten sie fest, dass aufgerollte Schlangen nicht schneller erkannt wurden als aufgerollter Draht. Interessanterweise sehen die Autoren dies als einen Beleg dafür an, dass das „Aufgerollt-Sein“ das Besondere an Schlangen sei, eine Idee, die man nicht sogleich plausibel finden mag. Zumal Öhman und Mineka (2001) ursprünglich ja davon ausgingen, dass die Angst vor Schlangen zu der Zeit der Dinosaurier erworben wurde, von denen die kleinen Säugetiere gejagt wurden. Dass sich Dinosaurier besonders oft aufrollten, ist m. W. eher unwahrscheinlich.

Alles in allem ergibt die Forschung bislang nur, dass einige Kinder auf einige Bilder von Schlangen anders reagieren als auf einige Bilder von anderen Objekten, darunter Blumen, Pilze und große Landsäugetiere. Ein Hinweis auf eine evolutionäre Basis der Schlangenphobie ist dies freilich nicht. Wir würden auch keine evolutionäre Basis vermuten, wenn wir feststellten, dass Kinder anders auf Filme mit Wolken als auf Filme mit Traktoren reagieren.

Dennoch, so Thierney und Connolly, bedarf der Umstand, dass in unserer Gesellschaft Schlangenphobien ungewöhnlich häufig vorkommen, einer Erklärung. Erstaunlicherweise wird selten untersucht, wie Lernerfahrungen die Angst vor Schlangen beeinflussen. Diese Lernerfahrungen beinhalten z. B. das Lesen, das Zuhören, sowie berichtete und eigene Erfahrungen.

Die bisher vorgelegten Befunde für eine Preparedness der Schlangenphobie sind jedoch bei weitem nicht überzeugend. Daher überrascht es, dass Preparedness in der Psychologie weniger als Mutmaßung denn als Fakt behandelt wird. “[T]he assumption that such fears are of biological origin has achieved almost iconic status“ (S. 927). Die Autoren schreiben:

“While in the field of psychology it may not be the case that a lie repeated often enough becomes a truth, it seems to be the case that an unproven assertion reported often enough is eventually widely accepted” (S. 926).

Der Umstand, dass Ängste eventuell auch eine biologische Grundlage haben, ändert nichts an der Gültigkeit der bisherigen lerntheoretischen Erkenntnissen zur Entstehung von Phobien.

Literatur

Breland, K. & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681-684. Hier online.

DeLoache, J. S. & LoBue, V. (2009). The narrow fellow in the grass: Human infants associate snakes and fear. Developmental Science, 12(1), 201-207. doi:10.1111/j.1467-7687.2008.00753.x

Garcia, J. & Koelling, R. A. (1966). Relation of cue to consequence in avoidance learning. Psychonomic Science, 4, 123-124.

Haslerud, G. M. (1938). The effect of movement of stimulus objects upon avoidance reactions in chimpanzees. Journal of Comparative Psychology, 25(3), 507-528. doi:10.1037/h0063562

Jones, H. E. & Jones, M. C: (1928). A study of fear. Childhood Education, 5, 136-143.

LoBue, V. & DeLoache, J. S. (2008). Detecting the snake in the grass: Attention to fear-relevant stimuli by adults and young children. Psychological Science, 19(3), 284-289. doi:10.1111/j.1467-9280.2008.02081.x

LoBue, V. & DeLoache, J. S. (2011). What’s so special about slithering serpents? Children and adults rapidly detect snakes based on their simple features. Visual Cognition, 19(1), 129-143. doi:10.1080/13506285.2010.522216

Öhman, A. & Mineka, S. (2001). Fears, phobias, and preparedness: Toward an evolved module of fear and fear learning. Psychological Review, 108(3), 483-522.

Seligman, M. E. P. (1970). On the generality of the laws of learning. Psychological Review, 77, 406-418.

Thierney, Kevin J. & Connolly, Maeve K. (2013). A review of the evidence for a biological basis for snake fears in humans. The Psychological Record, 63(4), 919-928.

Waters, A. M.; Lipp, O. & Spence, S. H. (2008). Visual search for animal fear-relevant stimuli in children. Australian Journal of Psychology, 60(2), 112-125. doi:10.1080/00049530701549346

Yerkes, R. M. & Yerkes, A. W. (1936). Nature and conditions of avoidance (fear) response in chimpanzee. Journal of Comparative Psychology, 21(1), 53-66. doi:10.1037/h0058825

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Warum die meiste biomedizinische Forschung falsch ist

Für Skeptiker: der Großteil der biomedizinischen (u. a. pharmazeutischen) Forschung ist so fehlerhaft, dass ihre Ergebnisse nicht verwertbar sind. Das Video ist lang (1,5 h) und auf Englisch, aber besser als das, was grad im Fernsehen läuft.

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07/11/2013 · 19:24

BBS und Disziplin

Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) ersetzt nicht die disziplinarische Durchsetzung von Sicherheitsvorschriften. Im Gegenteil, ein funktionierendes Disziplinarsystem im Bereich der Arbeitssicherheit ist Voraussetzung für ein funktionierendes BBS-System.

BBS ersetzt keinen Teil der üblichen Sicherheitsmaßnahmen in einem Betrieb. Weder soll an der Technik gespart werden, noch wird das Disziplinarsystem für BBS außer Kraft gesetzt. Natürlich sollen Beobachtungen im Rahmen des BBS-Prozesses nicht Grundlage disziplinarischer Maßnahmen sein. Wenn Mitarbeiter andere Mitarbeiter beobachten, stellt sich das Problem ohnehin nicht. Wenn aber Vorgesetzte Mitarbeiter beobachten, müssen sie beide Rollen – die als BBS-Beobachter und die als Vorgesetzter – trennen. Wenn ein Vorgesetzter im Rahmen einer BBS-Beobachtung ein potenziell lebensgefährliches Verhalten beobachtet, muss er die Beobachtung sofort beenden und eingreifen. Auch stellen die Maßnahmen zur Anonymisierung der Beobachtungsdaten einen Schutz dar, der verhindert, dass Disziplinar- und BBS-System vermischt werden.

Larry Perkinson (2005) geht noch einen Schritt weiter und betont, dass BBS voraussetzt, dass es ein funktionierendes Disziplinarsystem in Sachen Arbeitssicherheit gibt. Wenn die Vorgesetzten noch nicht mal die gröbsten Sicherheitsverstöße ahnden – weil sie nicht wollen oder nicht können – dann kann BBS diesen Mangel nicht ausgleichen. Die „bottom line of safety“ (S. 35) muss gewährleistet sein. Zudem hat Strafe und negative Verstärkung in der Verhaltensanalyse durchaus einen Sinn: Sie kann, richtig eingesetzt, der Verhaltensaktivierung dienen. Damit ein Verhalten positiv verstärkt werden kann, muss es überhaupt erst einmal auftreten. Perkinson (2005) schildert hier einige Beispiele aus der Praxis. In einer Gummifabrik sprangen die Mitarbeiter gewohnheitsmäßig über die Förderbänder, ein gefährliches und „eigentlich“ verbotenes Verhalten. Jedoch wurde das Befolgen der Regel, dass nicht über die Bänder gesprungen werden darf, in diesem Betrieb nicht durchgesetzt. Die Berater empfahlen folgendes Vorgehen: Zunächst gab es eine dreiwöchige Phase, in der die Mitarbeiter angesprochen wurden, wenn sie beim Überqueren des Bandes angetroffen wurden. Jedoch resultierte aus dieser Beobachtung noch keine Disziplinarmaßnahme. Danach wurden Mitarbeiter, die bei diesem Verhalten angetroffen wurden, mündlich und schriftlich verwarnt, die Verwarnung kam in die Personalakte. Diese Verwarnung sprachen die Vorgesetzten aus, nicht die Beobachter im BBS-Prozess. Diese wiederum gaben positives Feedback, wenn sie Mitarbeiter dabei antrafen, wie diese den längeren Weg um das Förderband herum nahmen.

Während BBS bei den Mitarbeitern vor allem auf positive Verstärkung und Feedback setzt, darf man davon unabhängig von einem Vorgesetzten durchaus erwarten, dass er seine Pflichten wahrnimmt: „Discipline is not reserved for employees“ (S. 35). Wenn Mitarbeiter sich nicht an etablierte Sicherheitsbestimmungen halten, soll man ihnen keine Schuld dafür geben. Zu fragen ist vielmehr, was das Verhalten aufrechterhält. Wenn Vorgesetzte das riskante Verhalten nie kritisieren, wird dieses Verhalten der Mitarbeiter positiv verstärkt. Menschen verhalten sich immer „sinnvoll“, in dem Sinne, dass sie sich den Umweltbedingungen anpassen.

Alles in allem lautet Perkinsons Rat, in der Arbeitssicherheit so viel positive Verstärkung wie möglich und so wenig Disziplinarmaßnahmen wie nötig einzusetzen.

Literatur

Perkinson, Larry I. (2005). Discipline in the extremes. Professional Safety, 2005, 31-35. PDF 668 KB

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Zweifelhafte Ehre: „Mitarbeiter des Monats“

Viele Betriebe zeichnen einmal im Monat einen besonders leistungsstarken Mitarbeiter als „Mitarbeiter des Monats“ aus. Diese Programme bringen wenig bis nichts in Bezug auf Leistung und Moral, bergen aber Gefahren für die Leistung und Moral derjenigen, die nicht „Mitarbeiter des Monats“ wurden.

Die Auszeichnung „Mitarbeiter des Monats“ (MdM) hat keine positiven Effekte auf die Leistung der Mitarbeiter, im Gegenteil, es können sogar nachteilige Effekte eintreten. Bei MdM-Programmen gibt es immer nur einen Gewinner. Wenn die Auszeichnung zum MdM tatsächlich erstrebenswert ist, muss befürchtet werden, dass die Mitarbeiter zu unfairen Mitteln greifen, um das Ziel, MdM zu werden, erreichen zu können. Man kann auch dadurch MdM werden, dass man die Ergebnisse anderer Mitarbeiter sabotiert. MdM-Programme haben noch weitere Nachteile: Wenn der Titel wirklich auf Grundlage der Leistung der Mitarbeiter vergeben wird, ist es wahrscheinlich, dass derselbe Mitarbeiter jeden Monat den Titel erringt. Selbst wenn dieser Mitarbeiter seine Leistung aufgrund der Auszeichnung steigert, werden den anderen Mitarbeiter wahrscheinlich nicht durch den Preis motiviert, im Gegenteil, sie könnten resignieren. Tatsächlich werden MdM-Programme oft so gehandhabt, dass fast jeder einmal MdM wird. Dies entwertet diese Auszeichnung und macht sie als Verstärker unbrauchbar. Wenn Kriterien bei der Vergabe eine Rolle spielen, dann sind das oft keine objektiven und transparenten, sondern vage und subjektive. Für die Mitarbeiter ist dabei nicht klar, was sie tun müssen, um MdM zu werden.

Johnson und Dickinson (2010) untersuchten die Wirkung von MdM-Programmen auf die erwünschte Leistung der Mitarbeiter experimentell. Dabei verwendeten sie sowohl ein einfaches MdM-Programm als auch eines, bei dem der Titel mit einer Prämie verknüpft war. Die Teilnehmer des Experiments bekamen die Auskunft, Mitglied eines Teams von 20 Mitarbeitern zu sein. Keiner der Teilnehmer wurde MdM, aber er erhielt immer die Auskunft, einer der Plätze zwei bis fünf belegt zu haben. Die Autoren wollten so untersuchen, welchen Effekt ein MdM-Programm auf die anderen Mitarbeiter hatte. Die Teilnehmer konnten sich unter diesen Bedingungen sagen, sie seien gut gewesen, aber eben nicht die besten. Bei keinem Teilnehmer führte die Auskunft, zweiter bis fünfter „Gewinner“ geworden zu sein, zu einer Leistungssteigerung (die Versuchspersonen mussten Daten eingeben). Bei einem Drittel der Teilnehmer musste, nachdem der Titel vergeben worden war, sogar eine Abnahme der Leistung beobachtet werden. Dies galt unabhängig davon, ob der Titel mit einem Preis verknüpft war oder nicht.

Trotz des Mangels an empirischen Belegen werden MdM-Programme in der populären und der Fachliteratur (Byrne & Repp, 2007; Thomsen, 2011) immer wieder als besonders nützlich dargestellt. Aber auch für die gegenteilige Auffassung, dass MdM-Programme mehr schaden als nutzen (Daniels, 2009; Rose, 2011), gibt es wenig empirische Evidenz. Johnson et al. (2013) untersuchten, ob die öffentliche Darstellung des Mitarbeiters des Monats einen Effekt auf die Leistung des Teams hat. Ihre Versuchspersonen waren 72 Studenten, die einer von 4 Untersuchungsgruppen mit je 3 Teams aus 6 Teilnehmern zugeteilt wurden. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand nicht darin zu arbeiten, sondern einen bestimmten Betrag aus einem persönlichen Budget für ein Team-Projekt zu spenden. Zunächst wurde in einer Basisratenbedingung (A) erfasst, wie viel die Versuchspersonen ohnehin spendeten. Anschließend (B) bekam dasjenige Mitglied eines Teams, das am meisten zum Team-Projekt beigetragen hatte, zusätzliche drei Punkte (die später gegen Geld eingetauscht werden konnten; ein Punkt entsprach etwa $ 0,08). In der nächsten Phase (C) wurde das Foto desjenigen Teilnehmers, der am meisten beigetragen hatte, am Ende der Runde (jede Versuchsbedingung ging über 8 Runden) auf dem Monitor aller Teilnehmer gezeigt. In der letzten Bedingung (D) wurden die Maßnahmen der Phasen B und C kombiniert, d. h. der größte Spender bekam Extrapunkte und sein Bild wurde allen Teilnehmern gezeigt. Zwei Untersuchungsgruppen durchliefen diese Phasen in der Reihenfolge ABCD, die zwei anderen in der Reihenfolge ACBD. Jeder Teilnehmer saß allein an seinem PC und musste seine Entscheidung, wie viel er in den Team-Topf einzahlen wollte, unabhängig von den anderen Teilnehmern treffen. Anschließend wurde der Gewinn aus der Runde unter den Teilnehmern zu gleichen Teilen aufgeteilt.

Diese Versuchssituation entspricht nach Auffassung der Autoren einer Arbeitssituation, in der alle Mitarbeiter zu einem gemeinsamen Ziel betragen und der eine mehr, der andere weniger Arbeitsleistung beiträgt.

In jeder Phase gab es über die acht Runden hinweg einen Abwärtstrend, was die Beiträge der Versuchspersonen im Schnitt betraf. Die Foto-Bedingung allein (B) hatte keinen Einfluss auf die Höhe der Beiträge (sie unterschieden sich nicht von der Basisratenbedingung). Signifikant höhere Beiträge wurden gezahlt, wenn der „beste“ Beitragende eine Prämie von drei Punkten erhielt (C). Aber auch hier gab es den erwähnten Rückgang der Beiträge über die acht Runden hinweg. Foto und Prämie (D) waren mäßig wirksam.

Das Foto war den meisten (75 %) Teilnehmern relativ egal, sie empfanden es weder als Auszeichnung noch als peinlich.

Alles in allem finden Johnson et al. (2013), dass ihre Ergebnisse sich mit denen von Johnson und Dickinson (2010) decken. Sie raten nach wie vor vom Einsatz der MdM-Programme ab.

Literatur

Bryne, M. P. & Repp, C. A. (2007). What your employees really want from you: How to dramatically reduce your turnover by cultivating your greatest asset—your employees. Lincoln, NE: iUniverse, Inc.

Daniels, A. C. (2009). Oops! 13 management practices that waste time and money (and what to do instead). Atlanta, GA: Aubrey Daniels International.

Johnson, Douglas A.; Arnold, Markus C.; Ponick, Eva & Schenk-Mathes, Heike, Y. (2013). Experimental evidence regarding the use of public identification and incentives in an employee-of-the-month program. OBM Network News, 27(3), 13-20.

Johnson, Douglas A. & Dickinson, Alyce M. (2010). Employee-of-the-month programs: Do they really work? Journal of Organizational Behavior Management, 30(4), 308-324.

Rose, M. (2011). Business success: A guide to non-cash reward. Kogan Page.

Thomsen, B. (2011). 90 days to success as a small business owner. Boston, MA: Cengage Learning.

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Zerrbilder von BBS – Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit in der Kritik

Behavior Based Safety (BBS) ist die mit Abstand bestuntersuchte und erfolgreichste Methode zur Verbesserung des Verhaltens im Bereich der Arbeitssicherheit (Zimolong et al., 2006). Im deutschsprachigen Raum ist BBS kaum bekannt. Wenn in Deutschland über „BBS“ berichtet wird, dann wird es meist falsch dargestellt. Wenn Beratungsfirmen in Deutschland „BBS“ anbieten, dann oft mit der Behauptung, BBS reduziere die Zahl der Arbeitsunfälle um bis zu 80 % – wobei das, was diese Firmen anbieten, mit BBS kaum mehr als den Namen gemeinsam hat. – Erfolg schafft Nachahmer, auch schlechte.

Schneller noch als „echtes“ BBS verbreitet sich aber m. E. die ungerechtfertigte Kritik an BBS. Christopher Goulart (2013a/b) stellt die verbreitetsten Kritikpunkte vor und diskutiert sie.

Kritik an BBS wird nach Einschätzung von Christopher Goulart (2013) am häufigsten von drei Personengruppen geäußert:

  1. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter, die befürchten, mit BBS solle die Schuld an den Arbeitsunfällen auf die Mitarbeiter geschoben werden.
  2. Berater in Sachen Arbeitssicherheit, die andere Ansätze verwenden.
  3. Menschen, die einen gescheiterten Versuch, BBS in einem Unternehmen einzuführen, miterlebt haben.

Goulart analysiert die häufigsten Kritikpunkte, die gegen BBS vorgebracht werden und entgegnet diesen.

1. „Bei BBS geht es darum, den Mitarbeitern die Schuld an den Unfällen zu geben“

Keines der formalisierten BBS-Konzepte (Krause, McSween, Aubrey Daniels usw.) erlaubt es auch nur ansatzweise, den Mitarbeitern die Schuld an Unfällen zu geben. BBS setzt in aller Regel vor allem auf bestätigendes Feedback zu sicheren Verhaltensweisen. Wer mit BBS versucht, den Mitarbeitern die Schuld an Unfällen zu geben, scheitert mit seinem BBS-System. Ohnehin geht es bei BBS nicht darum, den Schuldigen zu finden, sondern die Ursachen für das Verhalten. Jedes riskante Verhalten, dass ein Mitarbeiter zeigt, ist das Ergebnis eines Versagens des Systems, nicht des Individuums. Die Frage lautet nicht, warum der Mitarbeiter sich riskant verhalten hat, sondern welche Bedingungen dazu geführt haben, dass das riskante Verhalten begünstig wurde. Natürlich kann man nicht verhindern, dass ein System, das dazu dient, Mitarbeitern die Schuld an Unfällen zu geben, von den Betreibern „BBS“ genannt wird. Nach Goularts Einschätzung hat dieses Phänomen aber in den letzten zehn Jahren abgenommen. Kein schriftlicher oder offizieller Ansatz zu BBS beinhaltet, dass den Mitarbeitern die Schuld gegeben wird.

2. „BBS geht zu Lasten der herkömmlichen Arbeitssicherheit“

BBS dient im Gegenteil dazu, das Erkennen von Risiken zu begünstigen. Mitarbeiter, die in einem BBS-System arbeiten, erkennen Sicherheitsrisiken leichter, sie reden öfter darüber und sie haben keine Angst, Sicherheitsprobleme bekannt zu machen. Goulart illustriert das an mehreren ähnlichen Behauptungen:

  •  „BBS ist billiger, als Sicherheitsrisiken zu beseitigen und in die Sicherheitstechnik zu investieren“

BBS verlangt von den Firmen, die es erfolgreich betreiben wollen, sehr viel. Alle Ebenen des Betriebs müssen einbezogen sein. Die Firma muss sich nicht nur eine Technik, wie man beobachtet und Feedback gibt, angewöhnen, sie muss, um erfolgreich BBS zu betreiben, ihre Philosophie ändern.

  •  „BBS bringt Mitarbeiter dazu, nur noch auf die Handlungen der anderen Mitarbeiter zu achten und die physischen Gefahren zu vernachlässigen“

Wenn man ein Sicherheitsproblem durch eine technische Lösung beseitigen kann, sollte und muss man das auch tun. Es ist ungleich leichter, eine riskante Verhaltensweise technisch zu verhindern, als zu versuchen, sie durch ein Programm zur Verhaltensänderung zu verändern.

  •  „BBS ist eine Methode, die der Betrieb anwendet, um die Verantwortung für die Sicherheit auf die Mitarbeiter abzuwälzen“

Die Führungskräfte können die Verantwortung für die Arbeitssicherheit weder im rechtlichen noch im moralischen Sinn auf die Mitarbeiter abwälzen. Die meisten Konzepte und Texte zum BBS betonen zudem, wie wichtig es ist, dass auch die Führungskräfte ihren Beitrag zu BBS leisten. Die Unterstützung der Leitung und der Vorgesetzten ist zudem der wichtigste Erfolgsfaktor für ein BBS-System.

3. „Bei BBS geht es vor allem um Belohnungen und Prämien“

Die sogenannten materiellen Verstärker spielen bei BBS meist eine sehr geringe Rolle. Wenn die Mitarbeiter Belohnungen erhalten, dann handelt es sich um Dinge, die für den Mitarbeiter einen besonderen Wert haben und die sicheres Verhalten auch wirklich verstärken können (dazu beitragen, dass die Rate des sicheren Verhaltens ansteigt). Die materielle Verstärkung ist nie an Ergebnisse (wie die Unfallzahlen) gebunden, die der Mitarbeiter nicht oder nur teilweise beeinflussen kann. Die materiellen Verstärker, die Mitarbeiter bekommen, dürfen nicht dazu führen, dass sich die anderen Mitarbeiter, die diese Verstärker nicht bekommen, zurückgesetzt fühlen. Aus diesem Grund vermeidet man bei BBS auch Wettbewerbe, die nur einen Gewinner und sonst lauter Verlierer kennen. Die üblichen „Give-aways“ – Mützen, Jacken und Stifte mit Firmenlogo erweisen sich selten als wirksame Verstärker. Auch vom Einsatz von Geld als Verstärker wird bei BBS abgeraten.

In einigen Fällen soll der ungeschickte Einsatz von materiellen Verstärkern dazu beigetragen haben, die intrinsische Motivation der Mitarbeiter zu mindern (Beswick, 2007) – im Gegensatz zum spezifischen Einsatz von Verstärkung und Feedback, der zuverlässig die intrinsische Motivation verbessern kann.

4. „BBS geht davon aus, dass die meisten Unfälle und Verletzungen durch Verhaltensweisen und Handlungen verursacht werden, nicht durch unsichere Bedingungen und Gefährdungen“

Diese Kritik soll nahelegen, dass BBS sich auf unbegründete Annahmen bezieht. In Publikationen zu BBS wird bisweilen ausgeführt, dass die meisten Unfälle auf riskantes Verhalten zurückzuführen sind. Tatsächlich aber muss man feststellen, dass viele Faktoren zusammenkommen müssen, damit ein Unfall passiert. Reason (1990) illustriert dies mit dem „Schweizer-Käse-Modell“: Man stelle sich mehrere Scheiben Schweizer Käse vor. Jede Scheibe steht für einen Aspekt der Arbeitssicherheit (Technik, Regeln, Verhalten, Zufall usw.) Jede dieser Scheiben hat Löcher. Die Löcher stehen dafür, dass keine Maßnahme für sich genommen Unfälle zu 100 % verhindert. Die Technik kann versagen, die Regeln nicht jeden Fall erfassen und, natürlich, auch die Menschen können sich falsch verhalten. Nur wenn ein Ereignis durch alle Löcher in diesen Käsescheiben rutscht, kommt es tatsächlich zu einem Unfall. BBS versucht, um im Bild zu bleiben, die Löcher in der Scheibe zu stopfen, die für das Verhalten der Mitarbeiter steht.

Die These, dass die meisten Unfälle durch menschliches Verhalten verursacht werden, geht im Wesentlichen auf die Arbeit von H. W. Heinrich (1931) zurück. Doch die Arbeit von Heinrich muss kritisch hinterfragt werden (vgl. unten). Prinzipiell ist die Vorstellung, dass eine Ursache allein für einen Unfall verantwortlich ist, weltfremd (vgl. auch Gano, 2007). Daher ist BBS auch nicht als ein Arbeitssicherheitskonzept konzipiert, das andere Aspekte der Sicherheit ignoriert. BBS ersetzt keine der üblichen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit im technischen oder administrativen Bereich. Wenn BBS mit anderen Maßnahmen kombiniert wird, sind die Erfolge sehr robust (Goulart, 2010).

Goulart (2013b) empfiehlt, dass man nach Möglichkeit nicht über prozentuale Anteil des Verhaltens als Ursache für Unfälle diskutieren sollte. Dies führt zu nichts und erfordert immer, dass man darlegen muss, dass „Ursache“ nicht „Schuld bedeutet usw. Nichts desto trotz muss man festhalten, dass auch unsichere Arbeitsbedingungen technischer Natur auf das Handeln von Menschen zurückzuführen sind.

BBS dafür zu kritisieren, dass es sich mit dem Verhalten beschäftigt ist absurd. Falsch wird die Kritik dann, wenn unterstellt wird, BBS versuche das Verhalten zu verändern, ohne die anderen Aspekte der Arbeitssicherheit zu berücksichtigen.

5. „BBS fußt auf den umstrittenen Arbeiten von H. W. Heinrich“

H. W. Heinrich ist bekannt für „Heinrichs Gesetz“: Auf jeden Unfall mit schweren Verletzungen kommen 29 Unfälle mit nur leichten Schäden und 330 Unfälle ohne Verletzungen. Heinrich (1931) behauptete aber auch aufgrund seiner Untersuchungen, dass 88 % aller Verletzungen durch menschliches Versagen verursacht werden. Heinrich wird daher immer wieder unterstellt, er habe die Schuld an den Arbeitsunfällen den Arbeitern zuschieben wollen. Doch auch er betonte, dass vor allem anderen die Vermeidung physischer Gefahren steht.

“No matter how strongly the statistical records emphasize personal faults or how imperatively the need for educational activity is shown, no safety procedure is complete or satisfactory that does not provide for the … correction or elimination  of … physical hazards” (Heinrich, 1931).

Unabhängig davon sind H. W. Heinrichs Arbeiten nicht der Grundstock von BBS. Viel entscheidender sind Forscher wie Thorndike, B. F. Skinner, Komacki, Sulzer-Azaroff, Daniels, Geller, Cooper und Krause.

6. „BBS beruht auf einer fragwürdigen Wissenschaft“

Eckenfelder (2003) listet elf Probleme auf, die er bei BBS sieht:

  1. Die Vorgesetzten werden durch BBS irregeführt, sie achten aufgrund von BBS nicht mehr auf alle Aspekte      der Arbeitssicherheit.
  2. BBS ist nur alter Wein in neuen Schläuchen.
  3. Es verwischt den Fokus bei der Vermeidung von Unfällen.
  4. BBS kümmert sich um das Verhalten, dabei sind die Einstellungen das wirkliche Problem.
  5. BBS leugnet die Bedeutung von Überzeugungen und Werten.
  6. BBS manipuliert die Arbeiter und behandelt sie wie kleine Kinder.
  7. Es verschleiert die eigentlichen Ursachen von Unfällen und verzögert so die eigentlichen      Lösungen.
  8. BBS ist teuer und aufwändig, es funktioniert auf Kosten der Produktivität.
  9. BBS zersplittert das Arbeitsmanagement, statt die Bemühungen zu integrieren.
  10. BBS ist kein selbsttragender Prozess.
  11. BBS fußt auf einer fragwürdigen Wissenschaft.

Für die von Eckenfelder (2003) genannten Probleme 1, 5, 6, 7 und 8 gibt es keinerlei Belege, dass es sich so verhalten könnte. Auf die Probleme 3, 5, 7 und 9 wurde bereits eingegangen. Problem 2 ist kein Kritikpunkt, denn die Tatsache, dass die Prinzipien von BBS lange bekannt sind, macht diese ja nicht unwirksam.

Dennoch sollte man die die Kritikpunkte 4, 5 und 8 beachten, so Goulart (2013b). Eckenfelder (2003) führt aus: „BBS is largely based on experiments with rodents“ (Dt.: “BBS fußt größtenteils auf Experimenten mit Nagetieren”). Dieser Aussage kann man entgegen halten, dass Menschen mit anderen Tieren einen Großteil ihrer biologischen, physiologischen und auch psychologischen Prozesse gemeinsam haben. Die BBS zugrundeliegenden Prozesse wurden sowohl mit Tieren als auch mit Menschen untersucht und für gültig befunden. BBS als ein Prozess zur Verbesserung des arbeitssicheren Verhaltens wurde in etlichen Studien (allesamt mit menschlichen Versuchspersonen) eingehend untersucht. Dabei wurden auch Aspekte des Verhaltens, die spezifisch bei Menschen eine Rolle spielen (z. B. Selbstbeobachtung und der Beobachtereffekt, vgl. Olson & Winchester, 2008; Alvero & Austin, 2004) in Hinsicht auf ihre Funktion im Bereich der Arbeitssicherheit und im BBS-Prozess erforscht.

Spinnt man die Argumentation von Eckenfelder (2003) weiter, müsste man auch einen Großteil der Forschungsergebnisse der Medizin, Psychologie und der Ingenieurswissenschaften verwerfen (und auch der Physik – die Fallgesetze sind sicherlich noch nicht hinreichend mit menschlichen Körper untersucht worden, dennoch halten wir sie auch hier für gültig).

Das Problem Nummer 8 wurde von Cooper (2010) eingehend behandelt. Der Return on Investment (ROI) ist für BBS-Prozesse erheblich. Cooper nennt in seiner Untersuchung einen Betrag von 1,7 Millionen Dollar je 200.000 Arbeitsstunden.

Fazit

Nach Prüfung der üblichen Kritik bleibt bestehen, dass BBS das am besten untersuchte und erfolgreichste System zur Veränderung des arbeitssicheren Verhaltens ist (Zimolong et al., 2006). Zudem hilft BBS dabei, die Sicherheitskultur eines Betriebes positiv zu verändern, von der Schuldkultur zu einer Kultur der Verantwortung und Wertschätzung (Goulart, 2010).

Kritiker von BBS kritisieren oft ein Zerrbild, sie verwenden unangebrachte Vergleiche, unterschlagen Informationen und nutzen einer unpräzise Sprache. Viele Kritiker, so Goulart (2013b), ziehen es vor, ihre Kritik an BBS anonym zu äußern. Auch dies sagt viel über die Qualität der Kritik und die Motivation der Kritiker aus.

Literatur

Alvero, Alicia M. & Austin, John. (2004). The effects of conducting behavioral observations on the behavior of the observer. Journal of Applied Behavior Analysis, 37, 457-468. PDF 164 KB

Beswick, David. (2007). Management implications of the interaction between intrinsic motivation and extrinsic rewards. Internetresource, Zugriff am 17.10.2013.

Cooper, D. (2010). The return on investment oft he BBS process. Italian Journal of Occupational Medicine and Ergonomics: Supp I.A Psychology, 32(1), A15-A17.

Eckenfelder, Donald J. (2003). The Antidote for Behavior-Based Safety: The Virtues and Vices Associated with BBS and The Cure. Internetressource, Zugriff am 17.10.2013.

Gano, D. (2007). Apollo root cause analysis – A new way of thinking. Third Editon. Midland,

MI: Apollonian Publications.

Goulart, C. (2010). Integrity based safety. RCI Safety Web Based Publication. Internetressource.

Goulart, Christopher. (2013a). Response to the criticisms of Behavior Based Safety (BBS). OBM Network News, 27(2), 4-11.

Goulart, Christopher. (2013b). Response to the criticisms of Behavior Based Safety (Part II). OBM Network News, 27(3), 1-9.

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Kategorienfehler bei einem prominenten Hirnforscher

Im Januar 2013 besuchte ich einen Vortrag des Hirnforschers Gerhard Roth. Der Vortrag war einer der Höhepunkte einer Tagung, bei der Führungskräften vermittelt werden sollte, wie sie ihre Mitarbeiter „gesund führen“ können.

Der Titel des Vortrags lautete „Wie Körper und Psyche zusammenarbeiten“. Schon im Titel steckt der erste Kategorienfehler und ein veritabler (Krypto-) Dualismus, dem der Fehler der Reifikation zugrunde liegt:

  • Der Kategorienfehler: Der Körper (gemeint war aber lediglich ein Teil des Körpers, nämlich das Gehirn) ist ein Ding, ein Bestandteil der materiellen, realen Welt, während die Psyche (oder der Geist) kein Ding ist, sondern etwas, das ich tue. Zusammenarbeiten aber können nur Dinge. (Anderes Beispiel: Mein Stuhl und mein „Sitzen“ arbeiten auch nicht zusammen. Vielmehr sitze ich auf dem Stuhl. Zusammenarbeiten könnten der Stuhl und mein Hintern).
  • Der (Krypto-) Dualismus: Das Gehirn ist ein Ding, ein Gegenstand in dieser realen Welt. Wenn ein Gehirn vor mir liegt, kann ich darauf deuten. Auf den „Geist“ (die Psyche) aber kann ich nicht deuten. Der Geist ist ein Konstrukt, etwas, über das man reden kann, auf das man aber nicht zeigen kann. Die Behauptung, Körper (Gehirn) und Psyche (Geist) arbeiteten zusammen, legt aber nahe, dass beides Dinge wären, dass es also eine Zweiheit gäbe, wobei das Gehirn ein materielles und die Psyche ein nicht-materielles Ding ist. Das ist Dualismus. (Anderes Beispiel: Auch die Demokratie und das Reichstagsgebäude arbeiten nicht zusammen. Allenfalls könnte man sagen, dass die Demokratie im Reichstagsgebäude stattfindet. – Was uns darauf hinweist, dass „Demokratie“ eben kein Ding ist, sondern ein Vorgang, etwas, das Menschen tun).
  • Die Reifikation: Dazu befragt, würde Roth – wie fast alle Hirnforscher – sicher antworten, dass er kein Dualist sei, sondern dass der Geist ja nur das sei, was das Gehirn tue. Doch die sprachliche Schlamperei hat Folgen: Aus dem Tun wird zunächst nur sprachlich ein Ding. Anschließend aber soll dieses nicht-existente Ding tatsächlich etwas tun, nämlich zusammenarbeiten u. v. m. Die Verdinglichung (Reifikation) von Verhalten verläuft in der Sprache oft auf diesem Weg: Jemand denkt – das ist etwas, das diese Person tut (ein Verb). Sie ist also nachdenklich (ein Adjektiv). Das was sie tut, ist das Denken (ein Substantiv, das von einem Verb abgeleitet wurde). Sie hat Gedanken (ein Substantiv, dem man die Nähe zum Verb nicht mehr ansieht). Dieses Ding, das eigentlich ein Tun ist, kann ich nun wieder alles Mögliche tun lassen. Dabei vergisst man, dass es dieses Ding gar nicht gibt.

Mit der sprachlichen Beliebigkeit ging es im Vortrag weiter. Zuhauf verwendete der Hirnforscher nicht-definierte Begriffe wie „Bewusstsein“ und „Persönlichkeit“: „die Wurzeln unserer Persönlichkeit sind uns prinzipiell unbewusst, das hat schon Freud gesagt“. Davon abgesehen, dass „das hat schon Freud gesagt“ keine belastbare Referenz ist, „Persönlichkeit“ ist etwas, das zu definieren wäre. Auch die Persönlichkeit erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine Reifikation, die Verdinglichung von Verhalten: Skinner (1974, 149) definiert „Persönlichkeit“ als „Verhaltensrepertoire“: Das was wir (in bestimmten Kontexten) für gewöhnlich tun (offen tun und sagen und denken…). Persönlichkeit ist also kein Ding, sondern ein Konstrukt, das Vorgänge (Verhalten) bezeichnet Eine ähnlich klare Definition (im Sinne eines Verweises auf Dinge und Vorgänge) von Persönlichkeit von anderer Seite ist mir nicht bekannt. (Zudem die „Persönlichkeit“ ohnehin meist im Auge des Betrachters zu finden ist und nicht beim scheinbaren Persönlichkeits-Besitzer).

Auch im eigenen Fachgebiet i. e. S. unterliefen dem Hirnforscher sprachliche Ungenauigkeiten: „Wenn eine psychische Erkrankung vorhanden ist, dann ist dafür immer die Amygdala verantwortlich“. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr gilt: Sie sind beteiligt, ähnlich wie der Bizeps an einem Fausthieb beteiligt ist, nicht aber die Ursache des Fausthiebes ist. Die Aussage, ein bestimmtes Organ sei verantwortlich für ein Verhalten, zeugt von einer Überbetonung der materiellen Ursachen (Aristoteles). Was ist die Ursache und was ist die Wirkung beim Verhalten: Die mangelnde Ausschüttung von Endorphinen ist die Ursache des depressiven Verhaltens? Oder ist es die Folge, was m. E. plausibler ist, denn Depressionen entstehend selten einmal aus körperlicher Ursache – und wenn, dann ist zu fragen, woher der veränderte körperliche Zustand rührt (natürlich von außen, einer Infektion z. B.).

Zusätzlich regte mich an Roths Vortrag natürlich diese vollkommene Ignoranz gegenüber den Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaft auf, bei gleichzeitiger Anmaßung, alles erklären zu können, ohne auch nur eine neue Erkenntnis produziert zu haben. Dies trifft aber auf viele „Hirnforscher“ zu. Roth im Speziellen redete massiv der Bindungstheorie das Wort, daraus folgend der Psychoanalyse (die Bindung an den Therapeuten sei so wichtig, weil dabei das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet werde). Roth stellte dies mit vielen kraftvollen Worten (eindeutig, vielfach belegt) als gesicherte Tatsache dar. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass diese Bestätigung der Bindungstheorie nicht von allen anderen Hirnforschern – die ja zu den gleichen Ergebnissen kommen müssten – geteilt wird. Wenn es in der Physik „vielfach belegte“, „eindeutige“ Ergebnisse gibt, besteht unter den Physikern dahingehend ja gewöhnlich mehr oder weniger Konsens. Bei Hirnforschern scheint das nicht so zu sein. Das könnte darauf hindeuten, dass alle Hirnforscher zwar die gleichen Methoden (Hirnscanner) benutzen, aber nicht die gleichen Konzepte. Und das beschreibt die kognitiven Neurowissenschaften doch ganz gut: Methodisch wie eine Naturwissenschaft wirkend, konzeptionell eine Pseudowissenschaft: „Geisterjagd mit Geigerzählern“ (Steven Faux).

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