Monatsarchiv: Juli 2014

Pünktlichkeit fördern

Wer kennt das nicht: Eine Besprechung wurde für eine bestimmte Uhrzeit angesetzt, man selbst ist pünktlich, aber einige oder alle anderen tröpfeln erst so nach und nach ein. Die Zeit, in der man auf die anderen wartet, hätte man auch sinnvoller verbringen können. Fienup et al. (2013) analysierten und therapierten dieses Problem in einer schulpsychologischen Einrichtung, in der es verschiedene Arten von Besprechungen mit unterschiedlichem Teilnehmerkreis gab. Nachdem die Basisrate erhoben worden war und die Ursachen des Zuspätkommens analysiert, wurden einige Änderungen eingeführt. Der Organisator der Besprechung sollte nun immer 24 Stunden vor dem Termin eine Erinnerungs-E-Mail an alle Teilnehmer schicken. Besprechungen wurden auf nur mehr 50 Minuten begrenzt, wobei nur zu jeder vollen Stunde eine Besprechung beginnen sollte (sodass die Teilnehmer zwischen den Terminen Zeitspielräume hatten). Jeder, der pünktlich zu einer Besprechung erschien, erhielt vom Organisator einen Coupon, auf dem für das pünktliche Erscheinen gedankt wurde. Diese Coupons kamen in ein großes Glas, aus dem jeden Monat zwei Coupons gezogen wurden. Die Gewinner dieser Lotterie bekamen dann einen Gutschein über $ 25.

Während der Basisratenbeobachtung waren die Teilnehmer der Besprechungen im Schnitt (je nach Besprechungstyp) 10 Minuten, 15 Minuten und 13,3 Minuten zu spät. Diese Werte sanken mit den (für die Besprechungstypen gestaffelt eingeführten) Maßnahmen auf 3,1 Minuten, 2 Minuten und 0,5 Minuten. Auch der Anteil der pünktlich erscheinenden (zu Beginn der Besprechung bereits anwesenden) Mitarbeiter stieg dramatisch von 35 %, 38 % und 31 % auf 79 %, 70 % und 89 %. Dabei hatten sich die Organisatoren der Besprechungen gar nicht einmal immer an die vereinbarten Maßnahmen gehalten. Nur in 38 % der Fälle wurde 24 Stunden vor Beginn der Besprechung eine Erinnerungs-E-Mail gesendet und an die 50-Minuten-Regel hielten sich die Organisatoren auch nur in 14 % der Fälle. Die Coupons wurden dagegen immer (in 100 % der berechtigten Fälle) ausgegeben. Obwohl so vereinbart, waren in den Besprechungsräumen keine Uhren aufgehängt worden.

Literatur

Fienup, Daniel M.; Luiselli, James K.; Joy, Megan; Smyth, Deborah & Stein, Ravit. (2013). Functional assessment and intervention for organizational behavior change: Improving the timeliness of staff meetings at a human services organization. Journal of Organizational Behavior Management, 33(4), 252-264.

Ein Kommentar

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Verhaltensaktivierung bei Depressionen

Die Aktivierung des Betroffenen ist entscheidend für die Behandlung von Depressionen. Die Veränderung der „kognitiven Strukturen“ scheint dagegen unwirksam bis unnütz zu sein.

„Es ist ein Irrtum, zu meinen, wir litten an unseren Gefühlen. Wir leiden an den mangelhaften Verstärkungskontingenzen, die für unsere Gefühle verantwortlich sind“ (Skinner, 1987, S. 154, Übersetzung CB).

Depressionen sind die häufigste psychische Erkrankungen überhaupt. Als wenigstens zum Teil erfolgreich in der Behandlung von Depressionen haben sich u. a. die kognitive Verhaltenstherapie (Cognitive Behavior Therapy, CBT), die kognitive Therapie (Cognitive Therapy, CT), die Verhaltenstherapie (Behavior Therapy, BT) und die interpersonale Therapie (IT) erwiesen (Cullen et al., 2006).

Verhaltensanalytiker betrachten Depressionen als Verlust von oder Mangel an verhaltenskontingenter positiver Verstärkung (vgl. auch hier). Das bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, wer durch seine Handlungen keine positive Verstärkung erlangt, wird depressiv. Dieser Zustand wird oft durch aversive Lebensereignisse ausgelöst, die zum Verlust von Verstärkungsmöglichkeiten führen (z. B. den Tod des Partners oder den Verlust an körperlicher Leistungsfähigkeit). Menschen, die an Depressionen leiden, tun also selten etwas, dass ihnen Spaß macht. Dafür tun sie häufig etwas, um unangenehmen Ereignissen zu entgehen. Anders ausgedrückt: Ihr Verhalten wird vor allem von negativer Verstärkung bestimmt.

Die Verhaltensaktivierung (Behavioral Acitvation, BA) ist eine Therapie auf verhaltensanalytischer Basis. Sie geht zurück auf eine Untersuchung von Jacobson und anderen (1996), die (entgegen ihrer eigentlichen Erwartung) festgestellt hatten, dass eine reine verhaltensorientierte Form der kognitve Verhaltensthearpie (CBT) genauso effizient ist wie die komplette CBT (auch bis zu zwei Jahre nach der Behandlung, vgl. Gortner et al., 1998). Das Ziel der BA ist es, eine angemessene Verteilung der Verstärkung im Leben des Patienten zu erreichen. Seit Jacobson und Kollegen (1996) wurde die BA deutlich weiter entwickelt hin zu einer ideographischen und funktional-analytischen Therapie.

Die kognitive Verhaltensthearpie (CBT) und die kognitive Therapie (CT) gehen auf einen Aspekt der sogenannten kognitiven Wende zurück, nach dem es nicht genügen sollte, „nur“ das Verhalten zu ändern, sondern dass eine Veränderung der „depressiven Schemata“ und „kognitiven Strukturen“ erforderlich ist. Mittlerweile gilt die CBT als der „beste Standard“ für die Behandlung von Depressionen. Doch die Studien von Jacobson und anderen (1996) stellten das Dogma der CBT, dass die depressiven Schemata und kognitiven Strukturen „direkt“ behandelt werden müssten, in Frage.

Die Verhaltensaktiviationstherapie (BA) ist eine wesentlich sparsamere, schnellere und kostengünstigere Therapie als die komplette CBT. Sie ist auch sowohl für den Therapeuten als auch für den Klienten leichter zu bewältigen als die CBT. Die Aktivationstherapie (behavioral activation) wurde als ein fundiertes Verfahren zur Behandlung von Depressionen von der amerikanischen Psychologenvereinigung APA anerkannt (Mazzucchelli et al., 2009). In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie (RCT) wurde festgestellt, dass die Aktivationstherapie genauso wirksam ist wie eine Medikation mit Antidepressiva und während der akuten Behandlung wirksamer als die als Gold-Standard geltende kognitive Verhaltenstherapie (CBT). In der Prävention von Rückfällen war sie im Beobachtungszeitraum von zwei Jahren der KVT vergleichbar und nachhaltiger und kosteneffizienter als die Medikation mit Antidepressiva (Dobson et al., 2008). Einen Überblick über die Forschung zur Wirksamkeit der Aktivationstherapie geben zwei Metaanalysen (Mazzucchelli et al., 2009, 2010, vgl. auch zwei weitere Metanalysen von Cuijpers et al. 2007, 2008, und eine von Ekers et al., 2007). Diese Studien und Metastudien zeigen durchgehend, dass die Effektstärke der Verhaltensaktivierung mit der der kognitiven Therapie vergleichbar oder ihr überlegen war. Zudem gibt es Hinweise, dass die Verhaltensaktivierung seltener zu Therapieabbrüchen führt. In einer Studie zeigte sich die Verhaltensaktivierung auch der Pharmakotherapie als überlegen, da sie seltener zu Rückfällen führte (vgl. auch Sturmey, 2009).

Literatur

Cuijpers, P.; van Straten, A.; Andersson, G. & van Open, P. (2008). Psychotherapy for depression in adults: A meta-analysis of comparative outcome studies. Journal of Clinical and Consulting Psychology, 76, 909-922.

Cuijpers, P.; Van Straten, A. & Warmerdam, L. (2007). Behavioral activation treatments of depression: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 27, 318-326

Cullen, Jenifer M.; Spates, Richard; Pagato, Sherry & Doran, Neal (2006). Behavioral activation treatment for major depressive disorder. A pilot investigation. The Behavior Analyst Today, 7(1), 151-166.

Dobson, Keith S.; Hollon, Steven D.; Dimidjian, Sona; Schmaling, Karen B.; Kohlenberg, Robert J.; Gallop, Robert; Rizvi, Shireen L.; Gollan, Jackie K.; Dunner, David L. & Jacobson, Neil S. (2008). Randomized trial of behavioral activation, cognitive therapy, and antidepressant medication in the prevention of relapse and recurrence in major depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 76(3), 468-477. doi: 10.1037/0022-006X.76.3.468 PDF 1,29 MB

Ekers, D.; Richards, D. & Gilbody, S. (2007). A meta-analysis of randomized trials of behavioural treatment of depression. Psychological Medicine, 38, 611-623.

Gortner, E. T.; Gollan, J. K.; Dobson, K. S. & Jacobson, N. S. (1998). Cognitive behavioral treatment for depression: Relapse prevention. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 66, 377-384.

Jacobson, N. S.; Dobson, K. S.; Truax, P. A.; Addis, M. E.; Koerner, K.; Gollan, J. K. et al. (1996). A component analysis of cognitive-behavioral treatment for depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64, 295-304.

Mazzucchelli, Trevor G.; Kane, Robert T. & Rees, Clare S. (2009). Behavioral activation treatments for depression in adults: A meta-analysis and review. Clinical Psychology: Science and Practice, 16(4), 383-411. doi: 10.1111/j.1468-2850.2009.01178.x

Mazzucchelli, Trevor G.; Kane, Robert T. & Rees, Clare S. (2010). Behavioral activation interventions for well-being: A meta-analysis. The Journal of Positive Psychology, 5(2), 105-121. doi: 10.1080/17439760903569154 PDF 172 KB

Sturmey, Peter. (2009). Behavioral activation is an evidence-based treatment for depression. Behavior Modification, 33(6), 818-829.

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Lehrbücher als Fehlerquellen

Die meisten Lehrbücher der Psychologie sind falsch was ihre Darstellung des radikalen Behaviorismus angeht. Wie aber sollen Psychologen ein angemessenes Bild der Verhaltensanalyse und des radikalen Behaviorismus entwickeln, wenn sie schon in den einführenden Lehrbüchern mit Fehlinformationen vollgestopft werden?

Robert Jensen und Helene Burgess untersuchten 1997, ob und in welcher Weise die radikal-behavioristische Interpretation kognitiver Prozesse in den 15 in den USA verbreitetsten einführenden Lehrbüchern der Psychologie berücksichtigt wird. Nur fünf Lehrbücher erkannten überhaupt, dass sich der radikale Behaviorismus mit diesem Thema beschäftigt, wobei kein einziges die Position Skinners richtig und vollständig darstellte. Sechs weitere Lehrbücher erwähnten den radikal-behavioristischen Ansatz überhaupt nicht, in vier Lehrbüchern wurde aktiv bestritten, dass der radikale Behaviorismus sich mit kognitiven Prozessen oder inneren Vorgängen befasse.

Diese Resultate sind vor allem deshalb entmutigend, weil bekannt ist, dass Studenten in höheren Semestern kaum noch ihre falschen Ansichten über den radikalen Behaviorismus ändern (DeBell & Harless, 1992).

Jensen und Burgess haben 2014 erneut einführende Lehrbücher der Psychologie auf ihre Darstellung des radikalen Behaviorismus hin untersucht. Kae Yabuki (2014) interviewte sie für „Operants“, die Zeitschrift der B.F. Skinner Foundation.

Jensen und Burgess fanden 1997 Fehlinformationen zuhauf, darunter die, dass Skinners Theorie bei Phänomenen wie Einsicht oder dem latenten Lernen und „kognitiven Landkarten“ versage. So wird in einem der Lehrbücher behauptet, dass Skinner das Lernen durch Beobachtung („am Modell“) nicht erklären könne. In einer Studie von Bandura, Ross und Ross (1963) imitierten Kinder, die ein Modell gesehen hatten, welches eine Pupe („Bobo-Doll“) schlug, in einer späteren freien Spielsituation dieses Modell (sie schlugen auch die Pupe). Das Experiment soll die neue Erkenntnis gebracht haben, dass Verhalten auch gelernt werden kann, ohne dass es verstärkt wurde. Dies wird als das Lernen von aggressivem Verhalten durch reine Beobachtung interpretiert und es wird behauptet, dass intervenierende kognitive Variablen erforderlich sind, um diesen Befund zu erklären. Das Lehrbuch hinterfragt diese Interpretation nicht. Die Kinder haben nicht wirklich aggressives Verhalten neu am Modell erlernt. Sie befanden sich vielmehr in einer Situation, in der ein Verhalten, dass schon im Repertoire der Kinder war, mehr oder weniger wahrscheinlich gemacht wurde. Skinner erklärt (vereinfacht ausgedrückt) das „Lernen am Modell“ als einen Spezialfall der Stimuluskontrolle (vgl. auch Baer & Sherman, 1964).

Jensen und Burgess schrieben an die Verlage und baten sie, den Autoren die Fehler zurück zu melden, wobei sie entsprechende Quellen beifügten. Die Neuauflagen waren aber in diesen Punkten unverändert.

Drei der zehn neuen Lehrbücher, die Jensen und Burgess 2014 untersuchten, waren Neuauflagen der Lehrbücher, die sie sich schon 1997 vorgenommen hatten. Unter den Titeln befinden sich Werke von Zimbardo (2009), Meyers (2014) und andere, die auch in deutscher Übersetzung verbreitet sind.

Dieses Mal fand sich eine einzige richtige Darstellung der Position des radikalen Behaviorismus. Die Autoren dieses Lehrbuchs, Wade und Travis (2003, S. 249-250), kritisieren sogar andere Psychologen dafür, dass diese Skinner unterstellen, er leugne die Existenz privaten Verhaltens oder nehme an, dass man es nicht untersuchen könne. Allerdings verderben Wade und Travis das Bild, indem sie anschließend die Position Skinners mit der der sozial-kognitiven Lerntheorie kontrastieren, die im Gegensatz zum radikalen Behaviorismus das Lernen am Modell und das Denken erklären könne.

Jensen und Burgess vermuten, dass die Autoren der Lehrbücher die Position Skinners nicht bewusst falsch darstellen, sondern dass sie selbst nicht erfassen können, worauf es Skinner ankam. Skinner plädierte dafür, dass Psychologen offenes Verhalten verändern sollten, solange das Verhalten „innerhalb der Haut“ nur indirekt untersuchbar ist. Dennoch sollten sie davon ausgehen, dass das private Verhalten den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt wie das Verhalten, das man von außen beobachten kann. Privates Verhalten ist für Skinner eine abhängige Variable in der Verhaltenswissenschaft.

Diese Falschdarstellungen, die die Studenten lernen, geben sie später, wenn sie selbst lehren, wieder an ihre Studenten weiter. Dass die Autoren ihre Darstellung trotz der Informationen nicht änderten, hat nach Jensen und Burgess mehrere Gründe: Die Verlage drängen darauf, dass Lehrbücher möglichst immer in einer aktuellen Auflage vorliegen. Die Autoren haben gar nicht die Zeit, um alle Fehler der früheren Ausgaben auszubessern. Von den Fehlern, die sie in der knappen Zeit korrigieren müssten, ist die Falschdarstellung des radikalen Behaviorismus wohl der für sie unbedeutendste. Zudem gewinnt man durch Lehrbücher kaum akademische Reputation. Es gibt praktisch keinen Druck, Falschdarstellungen in diesem Bereich auszubessern, da ein Wissenschaftler kaum in seiner Karriere gehemmt wird, weil er den radikalen Behaviorismus falsch darstellt. Im Gegenteil: Diejenigen (andere Professoren, die z. B. einer Berufungskommission angehören), die etwas zu sagen haben, haben die gleichen falschen Ansichten über den radikalen Behaviorismus und erwarten von einem Kollegen, dass er diese bestätigt. Diskrepanzen zu den eigenen Ansichten sind dagegen unerwünscht und potenziell gefährlich für die Karriere.

Die Frage bleibt, wie es überhaupt, zu Beginn, zu diesen Falschdarstellungen kommen konnte. Jensen und Burgess glauben nicht, dass Skinners eigene Schriften zu Fehlinterpretationen Anlass geben. Skinner beschrieb seine Position klar, detailliert und systematisch. Die Falschdarstellungen gleichen einem kulturellen Artefakt (einer Art Urban Legend), das von Professor zu Student weitergegeben wird, ohne dass es noch einmal hinterfragt wird. Die prominenteste Quelle für Falschdarstellungen des radikalen Behaviorismus ist sicherlich Noam Chomskys Rezension von Verbal Behavior. Chomskys Rezension wird noch immer viel zitiert (in den Jahren 1985 bis 1995 im Schnitt 18 mal pro Jahr, so der Social Sciences Citation Index, 1995). Chomskys Behauptungen sind zudem so verbreitet, dass die Autoren der Lehrbücher Teile aus dessen Artikel in ihre Texte aufnehmen, ohne Chomsky als Quelle zu nennen.

Als Abhilfe empfehlen Jensen und Burgess, darauf zu achten, dass jeder Praktiker der Verhaltensanalyse auch im radikalen Behaviorismus unterwiesen wird. Viele Praktiker werden noch ausgebildet, ohne dass sie den theoretischen Hintergrund der verhaltensorientierten Methoden wirklich kennenlernen. Zudem sollte jeder Verhaltensanalytiker jede Gelegenheit nutzen, den Autoren der Falschdarstellungen – ohne jeden Vorwurf – Feedback zu geben. Sie schlagen vor, dass Verhaltensanalytiker eine Petition starten könnten, in der auf die angemessene Darstellung der Verhaltensanalyse gedrängt wird. Diese Petition ließe sich dann bspw. einem Schreiben an den Autor eines Lehrbuchs beifügen: Sieht dieser, wie viele Kollegen die richtige Darstellung einfordern, fühlt er sich vielleicht eher veranlasst, die Darstellung gerade zu rücken. Verhaltensanalytiker sollten sich auch selbst als Autoren von einführenden Lehrbüchern anbieten (Paul Chance tut dies m. E. recht erfolgreich), insbesondere was das Kapitel über „Lernen“ angeht. Nicht zuletzt sollten Verhaltensanalytiker versuchen, bei Verlagen und Zeitschriften mit Buchbesprechungen und Prüfungen vor Veröffentlichungen präsent zu sein. Man sollte auch Autoren aus anderen Fachgebieten als der Psychologie ansprechen, die den radikalen Behaviorismus falsch darstellen. Im Internet finden sich sowohl falsche als auch richtige Darstellungen des radikalen Behaviorismus. Auch hier kann Feedback helfen.

Literatur

Baer, D.M. & Sherman, J.A. (1964). Reinforcement control of generalized imitation in young children. Journal of Experimental Child Psychology, 1, 37-49.

Bandura, A.; Ross, D. & Ross, S.A. (1963b). Imitation of film-mediated aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 66, 3-11.

DeBell, C. S. & Harless, D. K. (1992). B. F. Skinner: myth and misperception. Teaching of Psychology, 19, p. 68-73.

Jensen, Robert & Burgess, Helene. (1997). Mythmaking: How introductory psychology texts present B. F. Skinner’s analysis of cognition. The Psychological Record, 47(2), 221-232. PDF 4,79 MB

Meyers, D. G. (2014). Exploring Psychology (9th ed.). New York: Worth Publishers.

Social Science Citation Index. (1995). Philadelphia: Institute for Scientific Information.

Wade, C. & Tavris, C. (2003). Psychology (7th ed.). Upper Saddle River, New Jersey: Pearson Education.

Yabuki, Kae. (2014). Noteworthy articles. Operants, 2014(1), 12-15 + (2), 11-13.

Zimbardo, P. G., Johnson, R. L., & McCann, V. (2009). Psychology. Core Concepts (6th ed.). San Francisco: Pearson Education.

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Urban Legends über den Behaviorismus – ihre Quellen liegen in den Lehrbüchern der Psychologie

Die meisten Psychologen wissen nicht, wofür der Behaviorismus wirklich steht. Trotzdem halten sie ihn für erledigt. Doch wer sollte es ihnen verübeln: Sie haben es so gelernt (und selbständig denken oder gar selbst recherchieren scheinen heutzutage nicht hoch im Kurs zu stehen).

Todd und Morris stellten schon 1983 fest, dass die falschen Vorstellungen über den Behaviorismus, die viele Psychologen haben, nicht aus Missverständnissen bei der Lektüre der Originalliteratur oder aus bloßer Unkenntnis resultieren. Die meisten Psychologen beziehen ihre falschen Vorstellungen aus Vorlesungen und Lehrbüchern. Um das Ausmaß der Falschdarstellung in Lehrbüchern zu erfassen, recherchierten sie sämtliche Lehrbücher der Psychologie, die zwischen 1978 und 1980 erschienen waren und die in der Contemporary Psychology (CP) aufgelistet wurden. Von diesen 99 Lehrbüchern konnten sie sich 40 beschaffen und genauer untersuchen. Dabei überprüften sie alle Fundstellen der Begriffe „radikaler Behaviorismus“, „Verhaltensanalyse“, „Behavioristen“, „verhaltensorientierte Konzepte“ usw. Die vorgefundenen Definitionen verhaltenswissenschaftlicher Begriffe verglichen sie mit denen im Register von Schedules of Reinforcement (Fester & Skinner, 1957).

Die allgemein einführenden Lehrbücher und diejenigen aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie stellten die Verhaltenswissenschaft noch am ausführlichsten dar. Weniger Details enthielten die Darstellungen in Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie, am wenigsten solche der kognitiven und Sozialpsychologie. Die wenigsten Lehrbücher stellten überhaupt den radikalen Behaviorismus als die Wissenschaftstheorie der Verhaltenswissenschaft dar. Einige persönlichkeitspsychologische und allgemeine Lehrbücher erwähnten Aspekte des radikalen Behaviorismus, wenngleich nur eingeschränkt auf einzelne Fragestellungen, die zum Teil für den radikalen Behaviorismus gar nicht zentral sind (z. B. Skinners Haltung zum Determinismus). Wenn über Verhaltenswissenschaft geschrieben wurde, dann meist in Hinsicht auf grundlegende Lernprinzipien, wobei gelegentlich erwähnt wurde, dass diese Prinzipien in der „Verhaltensmodifikation“ genutzt werden. Die am häufigsten zitierten behavioristischen Arbeiten waren Skinners Science and Human Behavior (in 50 % der Texte erwähnt), The Behavior of Organisms, Verbal Behavior, Beyond Freedom and Dignity und Watson und Rayners Studie zu den konditionierten emotionalen Reaktionen („Little Albert“). Die am häufigsten erwähnten Arbeiten aus dem Bereich der Grundlagenforschung waren Fester und Skinners (1957) Schedules of Reinforcement und Skinners (1948) Experimente mit den „abergläubische Tauben“. Aus dem Bereich der angewandten Verhaltensanalyse wurden die Arbeiten zur Token-Ökonomie (z. B. Ayllon & Azrin, 1968) und die Therapie des frühkindlichen Autismus (Lovaas, 1968) noch am häufigsten erwähnt. In den meisten Lehrbüchern wurde auch die verhaltensanalytische Interpretation von Sprache erwähnt, indem Skinners Verbal Behavior genannt wurde. Alles in allem wurden (schon damals, 1978 bis 1980) nur ältere Quellen aufgeführt, keine neueren. Verhaltensanalytische Grundbegriffe wurden zumeist richtig definiert, allerdings gab es gelegentliche Fehler, wie z. B. die Gleichsetzung von negativer Verstärkung und Bestrafung.

Die Darstellung des radikalen Behaviorismus und des verhaltensorientierten Ansatzes war nach Todd und Morris (1983) in einigen Lehrbüchern durchaus akkurat. Andere waren rundweg anti-behavioristisch. Zumeist aber fand sich eine Mischung aus richtigen und falschen Aussagen zum Behaviorismus. Die häufigsten Fehler waren

  1. dass sich der Behaviorismus vor allem mit dem Verhalten von Tieren beschäftige.
  2. dass er nur die Umweltbedingtheit des Verhaltens anerkenne.
  3. dass er Lebewesen als „leer“ oder als „Black Boxes“ betrachte.
  4. dass er eine übersimplifizierende Theorie von Sprache und Sprachentwicklung habe.
  5. dass er nur in wenigen Fällen nützlich angewendet werden könne.

Zu 1.: Viele Lehrbücher behaupten, Skinner übertrage seine Erkenntnisse aus Experimenten mit Ratten und Tauben direkt auf menschliche Probleme. Verschwiegen wird dabei, dass den Überlegungen Skinners dazu, was seine Forschungen an Tieren über die Ursachen menschlichen Verhaltens aussagen, etliche Arbeiten mit Menschen folgten, dokumentiert u. a. in den Zeitschriften Journal of the Experimental Analysis of Behavior und Journal of Applied Behavior Analysis.

Zu 2.: Häufig wird in den Lehrbüchern zur Illustration eines angeblichen reinen „Nurture“-Ansatzes des Behaviorismus Watsons (1930, S. 84) berühmt-berüchtigtes „Baby-Zitat“ angeführt: „Give me a dozen healthy infants, well-formed, and my own specified world to bring them up in and I’ll guarantee to take any one at random and train him to become any type of specialist I might select – doctor, lawyer, artist, merchant-chief and, yes, even beggar-man and thief, regardless of his talents, penchants, tendencies, abilities, vocations, and race of his ancestors”. Todd und Morris stellten fest, dass dieses Zitat oft aus dem Kontext gerissen wird. Insbesondere der nächste Satz, der Watsons Aussage relativiert, wird fast immer weggelassen („I am going beyond my facts and I admit it, but so have the advocates of the contrary and they have been doing it for many thousands of years”). Auch der Kommunikationskontext wird verschwiegen, nämlich, dass sich Watson mit diesem Zitat gegen die Anhänger der Eugenik (die o. e. „Anwälte der Gegenseite“) wandte. Zudem wird aus Watsons sonstigen Aussagen deutlich, dass er kein Vertreter der Tabula-Rasa-Position war. Auch Skinner wird in einführenden Lehrbüchern oft so dargestellt, obschon es von ihm unzählige Aussagen gibt, die belegen, dass und in wie fern er die genetische und physiologische Bedingtheit des Verhaltens anerkannte (vgl. auch Morris et al., 2004).

Zu 3.: Viele Lehrbücher behaupten, dass Verhaltensanalytiker (oder, wie sie in den Lehrbüchern fast ausnahmslos genannt werden, Behavioristen) sich für das, was innerhalb des Organismus vorgeht, nicht interessieren und diesen Bereich als eine „Black Box“ betrachten. Interessanterweise widersprechen sich diese Lehrbücher oft insofern, als sie bei der Darstellung des operanten Verhaltens ein gewisses Maß an Absicht und freiem Willen auf Seiten des Organismus erkennen („das Operant ist eine willentliche Handlung“, Fein, 1978, S. 7). Allgemein wird nicht zwischen behavioristischen und mentalistischen Konzepten unterschieden. Verschwiegen wird in der Regel auch Skinners verhaltensorientierte Analyse subjektiver Begriffe. Manche Lehrbücher können zudem den radikalen Behaviorismus nicht von der Assoziationspsychologie des 19. Jahrhunderts unterscheiden.

Zu 4.: Die Darstellung des verhaltensanalytischen Zugangs zur Sprache und zur Sprachentwicklung ist in der Regel grob vereinfachend und in vielen Aspekten schlicht falsch. Sprache werde durch Nachahmung und Verstärkung gelernt, genetische Faktoren spielten keine Rolle. Der auch in Deutschland gerne gelesene Zimbardo (1979, S. 112) stellt Skinners Ansatz z. B. so dar: „Kinder imitieren das sprachliche Verhalten der Erwachsenen in ihrem Umfeld. Wenn sie das auf korrekte Weise tun, werden sie [die Kinder] von den Erwachsenen positiv verstärkt, indem sie gelobt werden und gesagt bekommen, dass das, was sie gesagt haben, „richtig“ war“ (Übersetzung CB). Skinners Ansatz wird oft mit dem von Chomsky kontrastiert, indem beide als Positionen der Nature-Nurture-Debatte dargestellt werden. Dass Chomskys Besprechung und Kritik von Verbal Behavior für das Buch gar nicht relevant sind, findet selbstverständlich keine Erwähnung.

Zu 5.: Die Lehrbücher behaupten häufig, dass sich der verhaltensorientierte Ansatz für die Erklärung komplexen Verhaltens nicht eigne. Dafür werden inhärente logische Probleme des Behaviorismus verantwortlich gemacht. Für diese in den Lehrbüchern vertretene Auffassung muss wiederum die eingeschränkte und veraltete Kenntnis der Forschungsliteratur auf Seiten der Lehrbuchautoren verantwortlich gemacht werden.

Daneben fanden Todd und Morris noch zahlreiche andere, kleinere Fehler. Die Little-Albert-Studie von Watson und Rayner (1920) wird bspw., wie schon andere Autoren festgestellt haben, fast immer falsch dargestellt. Dies reicht von der falschen Schreibweise des Namens der Autorin („Raynor“ statt „Rayner“) bis zur Vermischung der Studie mit einer ganz anderen, nämlich der Little-Peter-Studie von Mary Cover Jones.

Eine Lösung können Todd und Morris nicht anbieten. Sie fordern Verhaltensanalytiker auf, an Lehrbuchautoren und Verlage zu schreiben und um die Korrektur der Fehler zu bitten. Doch sie fürchten, dass dies wenig nutzt, wenn die Autoren dem Behaviorismus ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen. Die Entwicklung seit 1983 zeigt m. E., dass letzteres der Fall ist. Die Falschdarstellung des Behaviorismus und die komplette Ausblendung der Verhaltensanalyse in den einführenden Lehrbüchern der Psychologie haben dazu geführt, dass gerade Psychologen heute die meisten falschen Vorstellungen vom Behaviorismus haben.

Literatur

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169. PDF 2,69 MB

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1983). Misconceptions and miseducation: Presentations of radical behaviorism in psychology textbooks. The Behavior Analyst, 6(2), 153-160. PDF 1,31 MB

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Psychologiestudenten haben die meisten falschen Vorstellungen über Verhaltensanalyse

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass die überzeugtesten Ablehner der Verhaltensanalyse auch die un- und falschinformiertesten sind: (kognitive) Psychologen.

Erik Arnzten et al. (2010) gaben 306 Teilnehmern einen Fragebogen vor, der insgesamt 22 falsche Vorstellungen (Vorurteile und Fehlinformationen) über die Verhaltensanalyse / den Behaviorismus abfragte (z. B. „Verhaltensanalytiker verwenden vor allem elektrische Schocks“, „Verhaltensanalytiker meinen, dass Verhalten vor allem durch Reize, die dem Verhalten vorausgehen, gesteuert wird“). Die Teilnehmer stammten aus fünf verschiedenen Gruppen, alle aus Norwegen:

  1. Studenten der Bioingenieurswissenschaften (als „naive“ Teilnehmer)
  2. Studenten der („traditionellen“) Psychologie
  3. Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit
  4. Lehrkräfte an Krankenpflegeschulen
  5. Studenten eines Fortgeschrittenenkurses in Verhaltensanalyse

Teilnehmer in allen Gruppen hatten falsche Vorstellungen von Verhaltensanalyse. Am ausgeprägtesten waren jedoch die falschen Vorstellungen der Studenten der Psychologie. Sie hatten sogar noch etwas mehr falsche Vorstellungen als die „naiven“ Teilnehmer. Selbst die Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit hatten korrektere Vorstellungen von der Verhaltensanalyse. Die falschen Vorstellungen der Psychologiestudenten betrafen nicht nur Fragen der Einstellung gegenüber Verhaltensanalyse und Behaviorismus, sondern auch einfache Wissensfragen („Negative Verstärkung ist ein anderes Wort für Bestrafung“ – das ist eindeutig falsch).

Falsche Vorstellungen über Verhaltensanalyse können sich aus mehreren Quellen speisen: den Medien, Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern. Im Fall der Psychologiestudenten gehen die Autoren davon aus, dass die falschen Vorstellungen aus den Lehrbüchern der Psychologie stammen. Viele dieser Lehrbücher stellen die Verhaltensanalyse und den Behaviorismus falsch dar (vgl. Todd & Morris, 1983).
Die Ergebnisse von Arntzen et al. (2010) bestätigen die Ergebnisse früherer Untersuchungen, insbesondere den Befund von Lamal (1995).

Literatur

Arntzen, Erik; Lokke, Jon; Lokke, Gunn & Eilertsen, Dag-Erik. (2010). On misconceptions about behavior analysis among university students and teachers. The Psychological Record, 60(2), 325-336. PDF 214 KB

Lamal, P. A. (1995). College students’ misconceptions about behavior analysis. Teaching of Psychology, 22(3), 177-179. PDF 379 KB

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1983). Misconceptions and miseducation: Presentation of radical behaviorism in psychology textbooks. The Behavior Analyst, 6(2), 153-160. PDF 1,31 MB

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Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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Schizophrenie – einmal nicht als biologische Störung erklärt

Weil es grad so in den Themenstrang passt und vielleicht den einen oder andern interessiert…

Verhalten usw.

Schizophrenie geht mit Störungen in der Gehirnphysiologie einher, heißt es. Aber ist die gestörte Gehirnchemie auch die Ursache der Krankheit? – Vieles spricht dafür, dass auch schizophrenes Verhalten adaptiv (also letztlich erklärbar und sinnvoll) sein kann.

Die biologischen Erklärungsmodelle beherrschen die Psychiatrie. Dennoch gab es in den letzten Jahren eine kleine Renaissance der Forschung zu den psychosozialen Risikofaktoren für die Entstehung von Schizophrenie (McGrath, 2007, S. 14). Dabei wird die traditionelle Trennung von Anlage und Umwelt bewusst außer Acht gelassen und eine funktional-analytische Perspektive eingenommen.

Irwin Rosenfarb (2013) betrachtet die Entstehung von Schizophrenie aus funktional-analytischer Sicht. Diese unterscheidet sich von der eher „essentialistischen“ Sichtweise (Palmer & Donahoe, 1992). Genetische, biologische und kognitive Interpretationen sind zumeist essentialistisch. Als essentialistisch bezeichnet man die Tendenz, Naturphänomene als Resultate von zugrundeliegenden intrinsischen Eigenschaften zu sehen. Aus genetischer Sicht ist etwa der Defekt in einem bestimmten Gen, aus neurologischer Sicht die Größe des Hypothalamus und…

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