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Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

Ob sich Menschen egoistisch oder altruistisch entscheiden, hängt weniger davon ab, ob andere ihre Entscheidung mitbekommen, sondern davon, ob sie mit den anderen Menschen in Kontakt treten.

Borba et al. (2014) ließen ihre Versuchspersonen an einer Aufgabe arbeiten, bei der sie sich letztlich zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Entschieden sie sich für Variante 1, so hatte dies für sie selbst unmittelbar positive Konsequenzen, für die Gruppe aber langfristig negative Konsequenzen – eine impulsive, egoistische Wahl. Entschieden sie sich für Variante 2, so führte dies für sie selbst unmittelbar zu nur wenigen positiven Konsequenzen, für alle Gruppenmitglieder zusammen aber langfristig aber zu mehr positiven Konsequenzen – ein Wahl, die man als „ethische Selbstkontrolle“ bezeichnen könnte.

Borba et al. (2014) variierten die Bedingungen, unter denen die Versuchspersonen an der Aufgabe arbeiten und sich letztlich entscheiden mussten.

  1. Wenn jede Versuchsperson allein wählen konnte, entschied sie sich fast ausschließlich egoistisch impulsiv.
  2. Saßen die Versuchspersonen zusammen vor der Aufgabe, konnten reden und sahen, für welche Alternative sich die anderen Versuchspersonen entschieden, so trafen sie meist die Wahl, die ethische Selbstkontrolle zeigte.
  3. Saßen sie zusammen an der Aufgabe und konnte reden, hatten aber keine Informationen über die Entscheidungen der anderen, entschieden sie sich ebenfalls häufig für die ethische, Selbstkontrolle zeigende Alternative.
  4. Zuletzt saßen die Versuchspersonen zusammen an der Aufgabe, konnten aber nicht miteinander reden, jedoch sehen, wie sich die anderen Versuchspersonen entschieden. Hier entschieden sich wieder viele Versuchspersonen impulsiv und egoistisch.

Die sprachliche Interaktion scheint für die Wahl, ob man sich egoistisch und impulsiv oder altruistisch und beherrscht verhält, entscheidend zu sein. Der Umstand, dass man selbst die Entscheidung der anderen sehen kann (und diese die eigene Entscheidung), scheint dagegen wenig Einfluss auf verantwortungsvolles Handeln zu haben.

Literatur

Borba, Aécio; Rodrigues da Silva, Bruno; dos Anjos Cabral, Pedro Augusto; Bentes de Souza, Lívia; Leite, Felipe Lustosa & Tourinho, Emmanuel Zagury. (2014). Effects of exposure to macrocontingencies in isolation and social situations in the production of ethical self-control. Behavior and Social Issues, 23, 5-19. PDF 575 KB

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Fast-Food-Lokale aufsuchen und nicht mit Geld umgehen können

Es scheint manchmal so als ob die Menschen Geld ausgeben, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Was in den USA schon gang und gäbe ist – das Kaufen auf Raten, statt zu sparen, bis man sich etwas leisten kann – wird auch bei uns immer üblicher. In der Folge überschulden sich die Haushalte. Man würde gerne von der Regierung etwas anderes behaupten – aber auch die macht lieber weiter Schulden, nur um das Geld weiterhin mit vollen Händen ausgeben zu können.

Diese „finanzielle Ungeduld“ hat etwas mit der Impulsivität und dem Phänomen der Verstärkerabwertung zu tun (vgl. meinen ausführlichen Artikel dazu): Verstärker, auf die man lange warten muss, werden weniger wert. Vor die Wahl gestellt, jetzt 90 Euro oder in zehn Jahren 100 Euro zu bekommen, wird wohl fast jeder lieber jetzt die 90 Euro nehmen. Wenn man aber den Unterschied zwischen den Beträgen und die Zeitspanne variiert, ergeben sich Unterschiede zwischen den Menschen: Das Ausmaß der Verstärkerabwertung ist nicht immer gleich. Drogenabhängige werten Verstärker, die sie erst in der Zukunft erhalten, stärker ab als Menschen, die keine Drogen nehmen (vgl. Critchfield & Kollins, 2001). Aber auch die Situation, in der man sich befindet, hat Einfluss darauf, wie sehr man zukünftige Belohnungen abwertet und stattdessen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung bevorzugt. So hatten die Menschen im Polen der Nach-Wendezeit – als die Inflation hoch war – eine stärker ausgeprägte Verstärkerabwertung. Interessanterweise galt dies nicht nur für Geld (das wäre ja banal), sondern auch für viele andere Verstärker. Als sich die Lage in Polen beruhigte, ging auch das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei den Polen zurück (Ostaszewski et al., 1998).

DeVoe et al. (2013) entdeckten einen weiteren Zusammenhang, nämlich den zwischen der finanziellen Ungeduld, dem Ausmaß der Verstärkerabwertung und der Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen. Sie führten mehrere Studien durch.

  1. Sie stellten für die Industrienationen fest, dass in den letzten 30 Jahren die Verbreitung von Fast-Food-Lokalen mit der Sparquote negativ korreliert: Je mehr Fast-Food-Lokale es gab, desto geringer war die Sparquote.
  2. Auf lokaler Ebene zeigte sich, dass die Haushalte in denjenigen Stadtteilen, in denen es im Verhältnis zu normalen Restaurants die meisten Fast-Food-Lokale gibt, die geringste Sparquote hatten: Je höher der relative Anteil an Fast-Food-Lokalen in einem Viertel, desto weniger Geld legten die Bewohner im Schnitt auf die hohe Kante.
  3. Dies zeigte sich auch, wenn man die Verstärkerabwertung bei Geld untersuchte: Je höher der Anteil der Fast-Food-Lokale in der Wohngegend der Versuchsperson, desto höher ihre Verstärkerabwertung.
  4. DeVoe et al. (2013) baten ihre Versuchspersonen in einer weiteren Studie, sich an ihren letzten Besuch in einem Fast-Food-Lokal zu erinnern, anschließend sollten sie eine Aufgabe zur Verstärkerabwertung bearbeiten. Die gemessene Verstärkerabwertung war hier höher als wenn sich die Versuchsperson zuvor an ihren letzten Besuch in einem Restaurant erinnern sollte.
  5. Zuletzt baten die Autoren Passanten in einer Straße, Fragen zur Verstärkerabwertung zu beantworten. Standen die Passanten vor einem Fast-Food-Lokal, war ihre Verstärkerabwertung größer als wenn sie vor einem richtigen Restaurant standen.

Der letzte Befund deckt sich mit früheren Erkenntnissen, dass die Menschen ungeduldiger sind, wenn sie das Markenzeichen eines Fast-Food-Lokals sehen (Oishi & Graham, 2010). Menschen, die vor sich das Bild einer Bibliothek sehen, sprechen dagegen automatisch leiser (Aarts & Dijksterhuis, 2003). Hinweisreize wie diese zeigen an, welches Verhalten erwünscht ist. Wenn ich in einer Bibliothek bin, wird Leise-Sprechen gutgeheißen und lautes Sprechen bestraft (missbilligt). Wenn ich in einem Fast-Food-Lokal bin, wird langsames Kalkulieren, wie viel Geld ich für mein Essen ausgeben will, bestraft. Die Person hinterm Schalter und die Menschen in der Schlange hinter mir missbilligen es. Schnelles Entscheiden dagegen wird gutgeheißen. So könnte die Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen allgemein ein Hinweisreiz sein, sich schneller und impulsiver zu verhalten.

Für die Befunde in den ersten Studien – über den Zusammenhang von Sparquoten und dem Anteil von Fast-Food-Lokalen – bieten sich andere Erklärungen an. Eine Moderatorvariable könnte der sozioökonomische Status in einer Gegend sein: Wo die Leute weniger Geld haben, gibt es weniger schicke Restaurants und mehr Fast-Food-Lokale. Auch der erste Befund, dass die Zahl der Fast-Food-Lokale im gleichen Ausmaß wuchs wie die finanzielle Ungeduld und die Abneigung gegen das Sparen, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt.

Literatur

Aarts, H. & Dijksterhuis, A. (2003). The silence of the library: Environment, situational norm, and social behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 84, 18-28. Doi:10.1037/0022-3514.84.1.18

Critchfield, Thomas S. & Kollins, Scott H. (2001). Temporal discounting. Basic Research and the analysis of socially important behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 34, 101-122. PDF, 184 KB

DeVoe, Sanford E.; House, Julian & Zhong, Chen-Bo. (2013). Fast food and financial impatience. A socioecological approach. Journal of Personality and Social Psychology, 105(3), 476-494.

Oishi, S. & Graham, J. (2010). Social ecology: Lost and found in psychological science. Perspectives on Psychological Science, 5, 356-377. doi:10.1177/1745691610374588

Ostaszewski, P.; Green, L. & Myerson, J. (1998). Effects of inflation on the subjective value of delayed and probabilistic rewards. Psychonomic Bulletin and Reviews, 5, 324-333.

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Das Gefangenendilemma: Kooperation kann man lernen, aber es hält nicht lange vor

Wenn man jemandem die Möglichkeit gibt, sich zu einem kooperativen Verhalten zu verpflichten, verhält er sich auch nach dem Ende der Verpflichtung kooperativ. Aber das hält nicht lange vor.

Das Gefangenendilemma (Rapoport & Chammah, 1965) lässt sich kurz so beschreiben: Angenommen, Sie haben zusammen mit Ihrem Komplizen eine Bank überfallen. Die Polizei verdächtigt sie beide und befragt sie unabhängig voneinander. Man macht Ihnen folgendes Angebot: Wenn Sie den Bankraub zugeben, Ihr Komplize aber nicht, bekommen Sie eine Bewährungsstrafe, Ihr Komplize wandert für fünf Jahre hinter Gitter. Sie wissen aber auch: Wenn Ihr Komplize gesteht, Sie aber nicht, gilt umgekehrt, dass Sie für fünf Jahre in den Knast wandern und Ihr Komplize mit der Bewährungsstrafe davon kommt. Wenn Sie beide gestehen, bekommen Sie beide drei Jahre Gefängnis. Wenn Sie aber beide dicht halten, wird man Sie beide „nur“ wegen unerlaubten Waffenbesitzes drankriegen können und für ein Jahr inhaftieren.

Interessant wird das Gefangenendilemma, wenn es mehrfach hintereinander gespielt wird. Langfristig zahlt sich Kooperation aus, könnte man meinen. Die meisten Menschen verfolgen aber eine Strategie des „Wie du mir, so ich dir“ (tit for tat). Das heißt, die Entscheidung Ihres Komplizen beim letzten Mal bestimmt Ihre Entscheidung jetzt. Spielt die Versuchsperson gegen ein Computerprogramm, kann dieses so programmiert werden, dass es immer nach diesem Prinzip entscheidet. Das Gefangenendilemma gibt es in vielen Variationen. Immer geht es um folgendes Prinzip: Die Versuchsperson muss zwischen einem kurzfristigen hohen Gewinn und einer Strategie entscheiden, die für beide langfristig zum größeren Gewinn führt. Das Gefangenendilemma gleicht in dieser Hinsicht der Forschung zur Verstärkerabwertung.

Locey und Rachlin (2012) ließen Ihre Versuchspersonen gegen einen Computer antreten, der konsequent die „Tit-for-Tat-Strategie“ befolgte. Sie konnten sich bei jedem Versuch für die Kooperation oder für das unkooperative Verhalten entscheiden. Zudem konnte sich eine Versuchspersonengruppe  entscheiden, ob sie sich für die nächsten fünf Durchgänge des Spiels festlegen wollten zu kooperierten. Eine andere Gruppe der Versuchspersonen konnte sich entscheiden, ob sie sich für fünf Durchgänge hintereinander auf unkooperatives Verhalten festlegen wollte. Dabei zeigte sich, dass die Gruppe, die sich für das kooperative Verhalten festlegen konnte, auch in der freien Wahl häufiger kooperierte. Die andere Gruppe, die sich auf ein nicht-kooperatives Verhalten festlegen konnte, zeigte auch dieses Verhalten häufiger. Spielten die Versuchspersonen jedoch wieder längere Zeit ohne die Möglichkeit zur Festlegung, ging dieser Unterschied wieder verloren. Das heißt, eine selbstauferlegte Verpflichtung zu kooperieren lässt einen zwar einen Weile lang tatsächlich häufiger kooperieren. Wird diese Möglichkeit zur Selbstverpflichtung wieder weggenommen, fallen die Versuchspersonen aber in ihr altes Verhaltensmuster zurück.

Literatur

Locey, Matthew L. & Rachlin, Howard. (2012). Commitment and self-control in a prisoners’s dilemma game. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 89-103. PDF 607 KB

Rapoport, A., & Chammah, A.M. (1965). Prisoner’s dilemma. Ann Arbor: University of Michigan Press.

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Lieber den Spatz in der Hand…

Taubeals die Taube auf dem Dach. Die Tendenz, lieber eine sichere oder sofortige Belohnung zu wählen, als auf eine höhere, aber später Belohnung zu warten, bezeichnet man als Verstärkerabwertung.

Die Verstärkerabwertung gibt es sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit:

  • Die zeitliche Verstärkerabwertung (delay discounting) bezieht sich auf die Abnahme des subjektiven gegenwärtigen Wertes einer Belohnung als einer Funktion der Zeitspanne, bis man die Belohnung erhält.
  • Die Verstärkerabwertung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit (probability discounting) ist die Abnahme des subjektiven Wertes einer Belohnung in Abhängigkeit der abnehmenden Wahrscheinlichkeit, diese Belohnung zu erhalten.

Zu beiden Formen der Verstärkerabwertung gibt es für das Tierreich eine sehr umfangreiche Literatur. In Bezug auf die Ausprägung der Verstärkerabwertung bei Menschen ist die Forschungsbasis etwas schmäler. McKerchar et al. (2012) geben einen Überblick.

Eine der ersten und folgenreichsten Untersuchungen zur zeitlichen Verstärkerabwertung stammt von Rachlin et al. (1991). Die Autoren baten 40 Studenten, zwischen zwei hypothetischen Geldbeträgen zu wählen. Jeder Teilnehmer sollte entscheiden, ob er lieber $ 1.000 in einem Monat oder einen entsprechend niedrigeren Geldbetrag sofort erhalten möchte. Die Geldbeträge waren gestaffelt von $ 990 in Zehnerschritten abwärts. Gewertet wurde, wie gering ein Geldbetrag, den der Teilnehmer bei sofortiger Zahlung akzeptieren würde, sein durfte, damit er diesen den $ 1.000 in einem Monat vorziehen würde. Dabei wurden die Geldbeträge einmal in absteigender Reihenfolge (von $ 990 abwärts) und einmal in aufsteigender Reihenfolge (von $ 1 über $ 10 in Zehnerschritten aufwärts) angeboten. Das arithmetische Mittel aus beiden Beträgen (dem, den die Versuchsperson bei aufsteigender und dem, den sie bei absteigender Präsentation wählte) wurde dann als „subjektiver gegenwärtiger Wert“ von „$ 1.000 in einem Monat“ ermittelt.

Diese Fragestellung wurde sodann noch für mehrere Zeitintervalle zwischen einem Monat und 50 Jahren wiederholt.

Dieses Untersuchungsparadigma wurde mittlerweile in vielen Varianten wiederholt, analog auch mit echten (nicht nur hypothetischen) Geldbeträgen, die die Versuchsperson erhalten konnte. Dabei fand man keine systematischen Unterschiede zwischen den Resultaten bei echten und nur hypothetischen Geldbeträgen.

Diese Experimente wurden auch zur Untersuchung der Verstärkerabwertung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit durchgeführt. Die Fragestellung lautete hier, ob die Versuchsperson lieber $ 1.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % oder einen entsprechend geringeren Geldbetrag mit 100 % Sicherheit erhalten wolle. Auch hier wurden die Geldbeträge sowohl in absteigender als auch aufsteigender Reihenfolge präsentiert und auch verschiedene Wahrscheinlichkeiten zwischen 5 % und 95 % vorgegeben.

Rachlin et al. (1991) beschreiben ihre Ergebnisse mittels zweier Funktionen (Gleichungen). Die exponentielle Funktion sieht so aus:

  1. V = Ae-bX

Dabei steht V für den subjektiven Wert der Belohnung, A ist der absolute Betrag der Belohnung, e ist eine Konstante (bei Rachlin et al. 2,72) und b ist ein Parameter, der das Ausmaß der Verstärkerabwertung beschreibt. X ist entweder die Zeitspanne, bis man die Belohnung bekommt oder aber die Wahrscheinlichkeit, dass man die Belohnung nicht bekommt. Nach dieser Funktion nimmt der subjektive Wert mit jeder Vergrößerung der Zeitspanne, bis man den Betrag erhält (oder je unwahrscheinlicher die Belohnung ist), um einen festen Prozentanteil ab.

Die hyperbolische Funktion sieht so aus:

  1. V = A/(1-bx)

Nach dieser Funktion nimmt der subjektive Wert mit einem zunehmend kleineren Prozentanteil ab, je größer die Zeitspanne bis zum Erhalt der Belohnung wird.

Mazur (1987) untersuchte die zeitliche Verstärkerabwertung bei Tauben. Die Tiere hatten hier die Wahl zwischen kleineren Futtermengen, die sie sofort erhielten und größeren Futtermengen, die sie erst verzögert erhielten. Mazur (1987) fand, dass die Gleichung (2) – das hyperbolische Modell – das Verhalten der Tiere besser beschreibt als die Gleichung (1). Rachlin et al. (1991) konnten diesen Befund bei ihren Experimenten mit menschlichen Versuchspersonen bestätigen. Beim exponentiellen Modell werden die subjektiven Werte überschätzt, wenn die Zeitspannen relativ gering sind und überschätzt, wenn sie eher groß sind. Das hyperbolische Modell dagegen kann mehr als 99 % der Varianz erklären. Die Überlegenheit des hyperbolischen Modells konnte seitdem in unzähligen Studien bestätigt werden.

Zum hyperbolischen Modell gibt es mittlerweile eine Weiterentwicklung, das Hyperboloid (Myerson & Green, 1995). Dabei wird der Nenner des Bruchs der Gleichung (2) potenziert:

  1. V = A/(1-bx)s

Diese allgemeingültigere Version des hyperbolischen Modells bildet die Daten noch besser ab.

Die beiden Modelle aus den Gleichungen (1) und (2) unterscheiden sich nicht nur in Hinsicht auf ihre Übereinstimmung mit den Daten. Sie machen auch unterschiedliche Voraussagen bezüglich unterschiedlich großer Belohnungen (Mazur, 2006). Das hyperbolische Modell sagt einen Wechsel der Präferenzen voraus, wenn Zeitspanne bis zum Erhalt der Belohnung sehr groß ist. Das exponentielle Modell tut das nicht. Bei einem identischen Wert für b kommt es so zu unterschiedlichen Vorhersagen. Ein Beispiel für eine Vorhersage des hyperbolischen Modells: Der subjektive Wert eines niedrigen ($ 500) und eines hohen ($ 1.000) Geldbetrages ist relativ niedrig, wenn die Zeitspanne, bis man diesen Betrag erhalten kann, sehr groß ist: Sagen wir er liegt bei *$ 200, wenn man auf $ 500 ein Jahr lang und bei *$ 250, wenn man auf $ 1.000 zwei Jahre lang warten muss. Wenn sich die Zeitspanne verkürzt, kehrt sich das Verhältnis jedoch um. Nach fast einem Jahr, steigt der subjektive Wert der $ 500 stark an, während der subjektive Wert der $ 1.000, auf die man ja ein weiteres Jahr warten muss, weiterhin niedrig bleibt. Dieser subjektive Wert der $ 1000 ist ab einem bestimmten Zeitpunkt niedriger als der subjektive Wert der $ 500, die man bald erhalten wird. Während man zuvor den $ 1.000, die man in zwei Jahren bekommt, subjektiv einen höheren Wert beimaß als den $ 500, die man in einem Jahr bekommt, zieht man nun die $ 500, die man bald erhalten wird, den $ 1.000, die man in mehr als einem Jahr bekommt, vor. Solche Wechsel der Präferenzen kommen sowohl bei Menschen als auch bei Tieren immer wieder vor. Green et al. (1994) etwa ließen ihre Versuchspersonen zunächst zwischen $ 20 jetzt und $ 50 in einem Jahr wählen. Nur 30 % der Versuchspersonen entschieden sich für die größere, spätere Belohnung. Wenn dieselben Versuchspersonen aber zwischen $ 20 in einem Jahr und $ 50 in zwei Jahren wählen sollten, entschieden sich 80 % für die größere, spätere Belohnung.

Das Ausmaß der Verstärkerabwertung (der Wert von b in den obigen Gleichungen) variiert mit der Höhe der Belohnung. Green et al. (1997) etwa fanden, dass b kleiner wurde, je mehr sich der Wert der Belohnung von ursprünglich $ 100 dem höchsten Wert von $ 25.000 annäherte. Bei einer sehr großen Belohnung sind Menschen eher bereit, auf die größere und spätere Belohnung zu warten, als die geringere und sofortige Belohnung zu nehmen. Als Green et al. (1997) den Betrag weiter von $ 25.000 auf bis zu $ 100.000 steigerten, fanden sie jedoch keine weitere Abnahme der Verstärkerabwertung.

Bei der Verstärkerabwertung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit steigt dagegen der Wert von b mit der Höhe das Betrages (Green et al., 1999). Hat die Versuchsperson die Wahl zwischen relativ kleinen Geldbeträgen, die sie entweder mit Sicherheit oder nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit bekommt, zieht sie in der Regel den etwas größeren, aber nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit verfügbaren Betrag dem sicheren Geldbetrag vor. Ist der Betrag sehr groß, wählt sie lieber die sichere Variante, den kleineren Betrag.

Eine Abwertung gibt es auch bei Verlusten. So fragt man die Versuchspersonen hier, ob sie lieber $ 5 sofort oder $ 10 in einem Jahr bezahlen möchten. Bei diesen Versuchen findet man regelmäßig, dass Verluste nicht so schnell abwerten wie Gewinne. Der subjektive Wert von 10 $, die man in einem Jahr bekommt, beträgt z. B. $ 5. Dagegen beträgt der subjektive Wert von $ 10, die man in einem Jahr bezahlen muss, $ 9.

Die meisten Forscher gehen davon aus, dass das individuelle Ausmaß der Verstärkerabwertung relativ stabil ist. Bickel et al. (2011) dagegen berichten von einem Training zur Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses, das die Verstärkerabwertung bei ihren Versuchspersonen (Drogenabhängigen) um 50 % reduziert hat.

Verstärkerabwertung und Drogenmissbrauch

Madden et al. (1997) verglichen das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei 38 opiatabhängigen Versuchspersonen mit dem von 18 Versuchspersonen einer Kontrollgruppe. Die Drogenabhängigen zeigten bei den hypothetischen Geldbeträgen eine deutlicher ausgeprägte Verstärkerabwertung als die Kontrollpersonen. Der Wert der Konstante b aus den obigen Gleichungen lag bei ihnen bei 0,22, im Vergleich zu 0,03 bei den nicht-drogenabhängigen Versuchspersonen der Kontrollgruppe.

Madden et al. (1997) untersuchten auch das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei dieser Population, wenn es um hypothetische Heroindosen ging. Die Versuchspersonen hatten die (hypothetische) Wahl zwischen einer kleineren Dosis, die sie sofort erhalten könnten und einer größeren Dosis, die sie zu einem späteren Zeitpunkt bekommen könnten. Die Verstärkerabwertung war hier gigantisch groß, der Parameter b lag bei erstaunlichen 4,17.

Die Ergebnisse von Madden et al. (1997) konnten mittlerweile vielfach repliziert werden (Bickel & Marsch, 2001; Reynolds, 2006; Yi, Mitchell & Bickel, 2010).

Etwas anders sehen die Verhältnisse bei der Verstärkerabwertung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit aus. In den weniger Studien zu diesem Thema mit Drogenabhängigen unterschieden diese sich kaum von den anderen Versuchspersonen. Es liegt nahe, dass diese Personen, die eine kleine, sofortige Belohnung einer späteren, größeren Belohnung vorziehen, umgekehrt eher die sichere, kleinere Belohnung der unsicheren, größeren Belohnung vorziehen. Was ihren „Stoff“ angeht, zeigen Drogenabhängige eine stark ausgeprägte Risikovermeidung. Sie wollen lieber die kleiner Menge an Drogen sicher bekommen, als das Risiko einzugehen, eine größere Menge an Drogen evtl. nicht zu bekommen.

Das individuelle Ausmaß der Verstärkerabwertung lässt sich nutzen, um das Risiko für eine Drogenkarriere vorauszusagen. Audrain-McGovern et al. (2009) konnten in einer Langzeitstudie mit Jugendlichen zeigen, dass eine stärker ausgeprägte Tendenz zur zeitlichen Verstärkerabwertung in jungen Jahren das Risiko, später zum Raucher zu werden, vorhersagen kann. Eine geringere Verstärkerabwertung zu Beginn des Entzugs dagegen erhöht die Chancen, dass ehemalige Kokainkonsumenten clean bleiben (Washio et al., 2011).

Literatur

Audrain-McGovern, J.; Rodriguez, D.; Epstein, L. H.; Cuevas, J.; Rodgers, K. & Wileyto, E. P. (2009). Does delay discounting play an etiological role in smoking or is it a consequence of smoking? Drug and Alcohol Dependence, 103, 99-106.

Bickel, W. K. & Marsch, L. A. (2001). Toward a behavioral economic understanding of drug dependence: Delay discounting processes. Addiction, 96, 73-86.

Bickel, W. K.; Yi, R.; Landes, R. D.; Hill, P. F. & Baxter, C. (2011). Remember the future: Working memory training decreases delay discounting among stimulant addicts. Biological Psychiatry, 69, 260-265.

Green, L.; Myerson, J. & McFadden, E. (1997). Rate of temporal discounting decreases with amount of reward. Memory & Cognition, 25, 715-723.

Green, L.; Myerson, J. & Ostaszewski, P. (1999). Amount of reward has opposite effects on the discounting of delayed and probabilistic outcomes. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 25, 418-427.

Madden, G. J.; Petry, N. M.; Badger, G. J. & Bickel, W. K. (1997). Impulsive and self-control choices in opiod-dependend patients and non-drug-using control participants: Drug and monetary rewards. Experimental and Clinical Psychopharmacology, 5, 256-262.

Mazur, J. E. (1987). An adjusting procedure for studying delayed reinforcement. In M. L. Commons; J. E. Mazur; J. A. Nevin & H. Rachlin (Eds). Quantitative analysis of behavior: Vol. 5. The effect of delay and intervening envents of reinforcement value (pp. 55-73). Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Mazur, J. E. (2006). Mathematical models and the experimental analysis of behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 85, 275-291.

McKerchar, T. L. & Renda, C. R.. (2012). Delay and probability discounting in humans: An overview. The Psychological Record, 62(4), 817-834.

Myerson, J. & Green, L. (1995). Discounting of delayed rewards: Models of individual choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 64, 263-276.

Rachlin, H.; Raineri, A. & Cross, D. (1991). Subjective probability and delay. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 55, 223-244.

Reynolds, B. (2006). A review of delay-discounting research with humans: Relations to drug use and gambling. Behavioural Pharmacology, 17, 651-667.

Yi, R.; Mitchell, S. H. & Bickel, W. K. (2010). Delay discounting and substance abuse-dependence. In G. J. Madden & W. K. Bickel (Eds.), Impulsivity: The behavioral and neurological science of discounting (pp. 191-211). Washington, D. C.: American Psychological Association.

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Schizophrenie und Impulsivität

Die „Impulsivität“ einer Person lässt sich (auch) so bestimmen: Impulsive Menschen ziehen eine kleinere Belohnung, die sie gleich bekommen einer größeren Belohnung, die sie später erhalten vor. Dieses Nicht-Abwarten-Können bezeichnet man auch als „Verstärkerabwertung“. So aufgefasst, lässt sich das Ausmaß der Impulsivität sehr gut und präzise messen. In den entsprechenden Versuchen wird die Versuchsperson z. B. vor die Wahl gestellt, entweder einen Betrag von 1000 € in einem Jahr zu bekommen oder einen geringeren Betrag sofort. Je geringer der Betrag sein kann, den sie sofort erhält, desto größer ist das Ausmaß der Verstärkerabwertung. „1000 € in einem Jahr“ sind für eine bestimmte Person z. B. gleich viel wert wie „100 €“ sofort. Das Ausmaß der Verstärkerabwertung ist von vielen situativen und auch personenbezogenen Faktoren abhängig.

Eine verbreitete Theorie besagt, dass das Verhalten von Menschen, die an Schizophrenie leiden, stärker als bei anderen Menschen durch die unmittelbare Umwelt bestimmt wird (Salzinger, 1984). Zudem unterliegen Schizophrene der Verstärkerabwertung in einem größeren Ausmaß als andere Menschen (Heerey et al., 2007; 2010). Das Gleiche gilt für Drogensüchtige, Kinder mit ADHS und Spielsüchtige.

Dabei ist unklar, woher dieser Zusammenhang rührt. Ist die größere Verstärkerabwertung eine Ursache oder eine Folge der Schizophrenie (z. B. der medikamentösen Behandlung)? Zudem haben die bisherigen Studien zum Zusammenhang von Verstärkerabwertung und Schizophrenie immer nur die Abwertung hypothetischer Geldbeträge über die Zeit hinweg betrachtet. Weatherly (2012) untersuchte daher das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei einer Gruppe von Versuchspersonen, die die (noch) nicht an Schizophrenie erkrankt waren. Dabei testete er das Ausmaß der Verstärkerabwertung in verschiedenen Bereichen, nicht nur bei Geldbeträgen.

Die Teilnehmer seiner Untersuchung waren 272 Psychologiestudenten in den ersten Semestern (224 davon weiblich). Die Teilnehmer sollten zunächst einen Fragebogen zu ihren schizotypischen Eigenschaften ausfüllen. Der SPQ (Schizotypal Personality Questionaire; Raine, 1991) beinhaltet neun Subskalen, darunter „Beziehungsideen“, „Soziale Angst“, „Magisches Denken“ u. a. m. Die Aufgaben zur Verstärkerabwertung waren:

  1. Jemand schuldet mir $ 1.000
  2. Jemand schuldet mir $ 100.000
  3. Meine jährliche Rente
  4. Mein Idealgewicht durch Diät und Sport erreichen
  5. Eine medizinische Behandlung für eine schwere Erkrankung erhalten.

Die Versuchspersonen sollten jeweils angeben, wie viel Prozent vom Ganzen (z. B. vom ganzen Geld, vom idealen Körpergewicht, von einer 100 % erfolgreichen Behandlung) sie bereit waren zu akzeptieren, wenn sie es sofort erhielten anstatt in

  • 6 Monaten
  • 1 Jahr
  • 3 Jahren
  • 5 Jahren oder
  • 10 Jahren.

Somit mussten die Versuchspersonen insgesamt 25 Fragen zur Verstärkerabwertung beantworten.

Der Gesamtwert des SPQ korrelierte nicht mit der Verstärkerabwertung, in keinem der fünf Bereiche. Einzelne Subskalen des SPQ korrelierten mit einigen der Fragen zur Verstärkerabwertung, jedoch in keiner systematischen Weise.

Die Antworten zur Verstärkerabwertung entsprachen ansonsten den Erwartungen. So war z. B. die Verstärkerabwertung bei dem kleineren Geldbetrag ($ 1.000) größer als beim größeren Geldbetrag ($ 100.000), so wie dies auch in anderen Studien bereits festgestellt wurde.

Anscheinend, so Weatherly (2012) ist der Zusammenhang zwischen Schizophrenie und größerer Verstärkerabwertung eine Folge und nicht eine Ursache der Erkrankung. Vorausgesetzt werden muss, dass Personen, die beim SPQ hohe Werte erreichen, mit größerer Wahrscheinlichkeit später schizophren werden als solche, die niedrige Werte erzielen. Ob dies tatsächlicher Fall ist, scheint noch nicht hinreichend geklärt. Einschränkend muss zudem festgehalten werden, dass die Stichprobe von Weatherly (2012) im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eher unterdurchschnittliche Werte im SPQ erreichte, die Gruppe der tatsächlich von einer drohenden Schizophrenie Gefährdeten also unterrepräsentiert sein dürfte.

Literatur

Heerey, Erin A.; Matveeva, Tatyana M. & Gold, James M. (2011). Imagining the future: Degraded representations of future rewards and events in schizophrenia. Journal of Abnormal Psychology, 120(2), 483-489.

Heerey, Erin A.; Robinson, Benjamin M.; McMahon, Robert P. & Gold, James M. (2007). Delay discounting in schizophrenia. Cognitive Neuropsychiatry, 12(3), 213-221.

Raine, A. (1991). The SPQ: A scale for the assessment of schizotypal personality based on DSM-III-R criteria. Schizophrenia Bulletin, 17, 555-564.

Salzinger, K. (1984). The immediacy hypothesis in a theory of schizophrenia. In W. D: Spaulding & J. K. Cole (Eds.), Nebraska symposium on motivation: Theories of schizophrenia and psychosis (pp. 98-128). Lincoln: University of Nebraska Press.

Weatherly, Jeffrey N. (2012). The association between delay discounting and schizotypal personality characteristics in a nonclinical sample. The Psychological Record, 62(3), 529-540.

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