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Experimente und die Beobachtung von Verhalten stehen in der Psychologie nicht hoch im Kurs

Baumeister et al. (2007) nahmen das von der APA (American Psychological Association) ausgerufene Jahrzehnt des Verhaltens zum Anlass, nachzusehen, inwiefern in psychologischen Studien überhaupt noch wirkliches, echtes Verhalten untersucht wird. In einigen Subdisziplinen ist dies tatsächlich der Fall. Jedoch in zwei sehr zentralen Teildisziplinen der Psychologie, der Sozialpsychologie und der Persönlichkeitspsychologie, wird heutzutage so gut wie gar kein tatsächliches Verhalten mehr untersucht. Beide Disziplinen erheben ihre Daten überwiegend über Fragebögen. Manchmal wird noch die Reaktionszeit erfasst. Die Neuropsychologen haben sich noch nie besonders für das Verhalten direkt interessiert, sondern lediglich für das Verhalten von Neuronen. Dass dieses etwas mit dem tatsächlichen Verhalten zu tun hat, wird schlichtweg vorausgesetzt. Baumeister et al. (2007) untersuchten eine beliebige Ausgabe des Journal of Personality and Social Psychology – des vermutlich prestigeträchtigsten Journals für diese Teildisziplinen der Psychologie. Sie tun sich schwer, hier irgendetwas von Verhalten zu entdecken. Das Verhalten in den dort berichteten Studien wird zumeist in sitzender Position ausgeführt, zumeist vor einem Computer. Fingerbewegungen in der Form von Tastenanschlägen oder Markierungen mit einem Bleistift auf Papier stellen die große Mehrheit menschlichen Verhaltens, das in diesen Studien berichtet wird, dar. Manchmal berichten die Versuchspersonen in diesen Fragebögen darüber, was sie getan haben, was sie tun werden oder tun würden. Zumeist aber werden die Versuchspersonen nur danach gefragt, was sie denken, was sie fühlen oder warum sie tun was sie tun. D. h., in den meisten Studien zur Persönlichkeitspsychologie und Sozialpsychologie geht es um Selbstberichte über innere Zustände.

Nisbett und Wilson (1977) nahmen an, dass sie die Introspektion endgültig diskreditiert hatten, als sie nachwiesen, wie wenig das, was in introspektiv berichtet wird, mit tatsächlichem Verhalten zu tun hat. Keine einzige der 38 Studien, die in der Heftnummer, die Baumeister et al. (2007) untersuchten, berichtet werden, beinhaltete die direkte Beobachtung von Verhalten. Die abhängigen Variablen waren fast ausschließlich Ratings, entweder auf Papierfragebögen oder gegenüber auf dem Computer präsentierten Stimuli. Die Ratings bezogen sich zumeist auf introspektive Selbstberichte. Um zu überprüfen, ob es sich schon immer so verhalten hat, untersuchten die Autoren frühere Nummern der gleichen Zeitschrift. Dabei zeigt sich, dass es bis in die siebziger Jahre noch einen erklecklichen Anteil an Artikeln gab, in denen über richtiges Verhalten berichtet wurde. Erst mit Beginn der Achtzigerjahre sank dieser Anteil auf unter 20 % bis unter 10 %. Der Fragebogen als allein seligmachende Methode der Persönlichkeitspsychologie setzte sich immer mehr durch. Erschwerend kommt hinzu, dass die hauptsächliche Methode, um persönlichkeitspsychologische Fragebögen zu validieren, die Korrelation mit anderen Fragebögen ist (nicht aber mit tatsächlichem Verhalten).

Tatsächlich ist es in einigen Fällen ethisch nicht vertretbar, tatsächliches Verhalten zu untersuchen. Jedoch sind diese Fälle relativ selten. Dies kann also nicht der Grund sein, warum Psychologen immer seltener Verhalten untersuchen. Der hauptsächliche Grund, aus Sicht der Autoren, liegt darin, dass Studien, in denen Verhalten beobachtet wird, wesentlich aufwendiger sind als Studien, in denen lediglich Fragebögen verteilt werden. Für den Mehraufwand, der mit solchen Studien verbunden ist, gibt es keinerlei Anreize, im Gegenteil, die Forscher müssen mit Schwierigkeiten rechnen. Der Zeitpunkt, zu dem das Verhalten zunehmend weniger in Studien berücksichtigt wurde, der Beginn der achtziger Jahre, ist zum einen mit dem Aufschwung der kognitiven Psychologie verbunden. Zum anderen aber war dies der Zeitpunkt, in dem Ethikkommissionen immer wichtiger wurden für die Durchführung von Studien. Hinzu kommt die Einstellung der Herausgeber der Fachzeitschriften. Einer der Autoren versuchte kürzlich eine Studie in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen, in der er nur Verhaltensdaten berichtete, ohne sich auf innere Prozesse zu beziehen. Das Manuskript wurde abgelehnt mit der Begründung, er würde „keine psychologischen Variablen“ berücksichtigen. Dagegen ist es problemlos möglich, in Studien lediglich von inneren Prozessen zu berichten, ohne sich auf Verhalten zu beziehen.

Es ist jedoch gefährlich, sich allein auf Fragebogendaten zu beziehen, wenn man etwas über das tatsächliche Leben erfahren möchte. Ein Beispiel dafür ist eine Studie von West und Brown (1975). Diese befragten ihre Versuchspersonen, ob sie einer Person helfen würden, die aufgrund eines Unfalls Geld benötigen würde, um sich medizinisch behandeln zu lassen. In den Fragebögen gaben die Versuchspersonen an, recht großzügig Geld zu geben und dass die Attraktivität der Person, die da fragt, keinen Einfluss auf ihre Spendenbereitschaft habe. Zugleich konfrontierten die Autoren die Versuchspersonen mit einer inszenierten Situation, in der die Versuchspersonen tatsächlich um Geld gebeten wurden. Die tatsächlichen Spenden betrugen im Mittel zehn Cent und es gab eine klare Abhängigkeit zwischen der Attraktivität des Opfers und der Hilfsbereitschaft der Versuchspersonen. Viele weitere Studien zeigen systematisch, wie unzutreffend die Aussagen von Versuchspersonen über ihr Verhalten sind. Während der sechziger und siebziger Jahre wurden sowohl Persönlichkeitseigenschaften als auch Einstellungen in der Psychologie kritisch hinterfragt. Mischel (1968) attackierte die Persönlichkeitspsychologie und ihre Messung von Persönlichkeitseigenschaften aufgrund der geringen Korrelation zwischen den Fragebogenergebnissen und dem tatsächlichen Verhalten der Versuchspersonen. Heutzutage wird in den Artikeln, die sich mit der Konsistenz zwischen Einstellungen und Verhalten beschäftigen, noch nicht einmal mehr tatsächliches Verhalten berichtet. Das erscheint etwas widersinnig. Sozialpsychologen können schwerlich behaupten, dass die Persönlichkeit das Verhalten voraussagt wenn sie mit Verhalten gar nicht mal wirkliches Verhalten meinen. Dies ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Die interessantesten Experimente der Sozialpsychologie fanden in den fünfziger und sechziger Jahren statt, als man noch tatsächliches Verhalten untersucht. Dies sind auch nach wie vor die wichtigsten Experimente, über die in einführenden Lehrbüchern berichtet wird. Alles in allem befürchten die Autoren, dass sich das von der APA ausgerufene Jahrzehnt des Verhaltens als eine Lachnummer erweisen wird.

Baumeister, R. F., Vohs, K. D., & Funder, D. C. (2007). Psychology as the science of self-reports and finger movements: Whatever happened to actual behavior? Perspectives on Psychological Science, 2(4), 396-403. https://doi.org/10.1111/j.1745-6916.2007.00051.x

Mischel, W. (1968). Personality and assessment. New York: Wiley.
Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). Telling more than we can know: Verbal reports on mental processes. Psychological Review, 84(3), 231-259. doi:10.1037/0033-295X.84.3.231
West, S. G., & Jan Brown, T. (1975). Physical attractiveness, the severity of the emergency and helping: A field experiment and interpersonal simulation. Journal of Experimental Social Psychology, 11(6), 531-538. doi:https://doi.org/10.1016/0022-1031(75)90004-9

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Zucker, Skeptiker und Verhaltensanalyse

Der Konsum von Zucker macht Kinder nicht aggressiv oder hyperaktiv. Im Gegenteil, die Zuckeraufnahme ist bei vielen Aufgaben sehr nützlich.

Dies ist das Thema eines zweiteiligen Artikels in der Zeitschrift „Skeptiker„. Der Artikel von Stephen Ray Flora und Courtney Allyn Polenick wurde von mir übersetzt und ist nicht nur für Skeptiker, sondern auch für Verhaltensanalytiker interessant. Gerade im zweiten Teil geht es darum, dass Zucker eben nicht der „Treibstoff“ für das Gehirn oder gar den „Geist“ ist – darin steckt also viel Kritik am Mentalismus. Da nicht viele verhaltensanalystische Texte auf Deutsch erscheinen, empfehle ich die Lektüre unbedingt (natürlich auch, weil er ganz super übersetzt ist…).

Hier die Zusammenfassung: „Der Mythos, dass der Konsum von Zucker Hyperaktivität oder andere Verhaltensprobleme bei Kindern oder Erwachsenen verursacht, ist durch viele Studien widerlegt. Vermutlich wird dieser Mythos durch soziale Verstärkung und die Bestätigungstendenz aufrechterhalten. Dagegen zeigen viele Studien, dass die Aufnahme von Zucker die sportliche, kognitive und schulische Leistung verbessern, die Selbstkontrolle stärken und die Häufigkeit aggressiven Verhaltens verringern kann. Diese Effekte sind unmittelbar nach Aufnahme des Zuckers am deutlichsten. Zwar benötigt das Gehirn bekanntlich große Mengen an Glucose. Dennoch ist der genaue physiologische Mechanismus, der für die leistungssteigernden Effekte des Zuckers verantwortlich ist, noch umstritten“.

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