Monatsarchiv: Oktober 2013

Anlage und Umwelt in „Operants“

Der neue Newsletter der B. F. Skinner-Foundation ist online verfügbar. Darin ein lesenswerter Beitrag von Per Holth über das Problem von „Anlage“ und „Umwelt“ aus verhaltensanalytischer Sicht. Er erläutert sehr anschaulich, dass die „Erblichkeit“ eines Merkmals ein rein statistischer Effekt ist und schildert zwei Versuche: (1) Angenommen, man nimmt eine Handvoll Sonnenblumensamen und säht sie im Labor in ein Nährmedium, jede Sonnenblume hat im Labor exakt die gleichen Wachstumsbedingungen. Man wird am Ende feststellen, dass die Stengel der Sonnenblumen, trotz der exakt gleichen Umweltbedingungen unterschiedlich lang sind. Die Variation der Länge der Stengel ist zu 100 % auf die unterschiedlichen Erbanlagen in den Sonnenblumenkernen zurückzuführen, die Länge von Sonnenblumenstengeln ist demnach zu 100 % erblich. (2) Angenommen man nimmt einen Sonnenblumenkern und klont ihn. Diese geklonten Sonnenblumenkerne streut man auf ein Feld, wo sie unter ganz unterschiedlichen Bedingungen wachsen: Am Rand oder in der Mitte des Feldes, auf gutem und schlechtem Boden usw. Die Stengel werden unterschiedlich lang. Die Variation der Länge der Sonnenblumenstengel ist zu 100 % auf die unterschiedlichen Umweltbedingungen zurückzuführen, denn die Gene waren ja identisch. Die Erblichkeit der Länge von Sonnenblumenstengeln ist demnach 0 %.

Holth: „A curious implication of such a concept of heritability is that the more effectively a society arranges the environment to ensure equal opportunities for education and a job career for its citizens, for example, the more heritable social differences become“ (S. 3).

Von Stephen Jay Gould stammt ein anderes Beispiel: Die Zahl der Finger, die Menschen an ihren Händen haben, hängt im Normalfall allein von der Umwelt ab (ob sie mal einen Finger verloren haben oder nicht). Das heißt, die Variation der Fingerzahl bei einer bestimmten Stichprobe von Menschen ist zu (mehr oder weniger) 100 % auf Umwelteinflüsse zurückzuführen. Kann man daraus folgern, dass die Zahl der Finger beim Menschen nicht durch die Anlage, sondern durch die Umwelt bestimmt wird? – Gut, wenn man darüber mal nachdenkt, ehe man Sätze wie „Intelligenz ist zu 80 % erblich“ unkritisch wiedergibt.

Exakt gleiche Umweltbedingungen gibt es im Übrigen nicht, auch wenn Erblichkeitsforscher z. B. gemeinsam aufwachsenden eineiigen Zwillingen unterstellen, sie lebten in einer exakt gleichen Umwelt und sie dann mit den getrennt – „in völlig verschiedenen Umwelten“ (auch das gibt es nicht) – aufgewachsenen eineiigen Zwillingen vergleichen. Dass eineiige Zwillinge bei Geburt getrennt werden und dann in sehr unterschiedlichen Umwelten aufwachsen, kommt sehr selten in der Realität, dafür umso häufiger in Hollywoodfilmen und in den Studien der Erblichkeits-Zwillingsforscher vor. Honi soit qui mal y pense.

Diese Auffassung sei, so Holth, ein Beispiel dafür, was B. F. Skinner „crude environmentalism“ (Skinner, 1971, S. 181) nannte, eine übersimplifizierende Sichtweise auf den Einfluss der Umwelt.

Donahoe (1988) nannte Darwin den „Skinner der Phylogenese“. Das ist eine nette Umkehrung des schon häufig (von Verhaltensanalytikern) Satzes, dass Skinner den Selektionismus auf den Bereich des individuellen Verhaltens angewendet hat, während Darwin die gleichen Mechanismen in der Artentwicklung beschrieb. Zwischen Anlage und Umwelt gibt es keinen prinzipiellen Unterschied. In der Artentwicklung hat die Umwelt Individuen selektiert, in der Lerngeschichte des Individuums selektiert die Umwelt gleichfalls, nämlich die gezeigten Verhaltensweisen.

Ohnehin ist die Anlage-Umwelt-Debatte rein akademisch, denn wir können die Anlagen ohnehin (mehr oder weniger) nicht verändern: „No matter how important the heredity of an organism in determining its behavior, it could not be changed after conception. (Skinner, 1983, S. 103).

Literatur

Donahoe, J.W. (1988). Skinner: The Darwin of ontogeny? [Commentary on Skinner 1981]. In

A.C. Catania & S. Harnad (Eds.), The Selection of Behavior. The Operant Behaviorism of B. F. Skinner: Comments and Consequences (pp. 36-38). New York: Cambridge University Press.

Skinner, B.F. (1971). Beyond Freedom and Dignity. Essex: Penguin Books.

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Eingeordnet unter Kritik, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse