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Wissenschaftliche Wandersagen über den Behaviorismus

John B. Watson bedauerte, dass er nicht frühzeitig den Falschdarstellungen seiner Theorie entgegengetreten war. Dies habe den absonderlichsten Missverständnissen Raum gegeben, die nun kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind. B. F. Skinner äußerte ähnliche Gedanken. Die Zeitschrift „Behavioral and Brain Sciences“ hatte 1984 mehrere Artikel von Skinner reproduziert und einige der renommiertesten Psychologen, Neurowissenschaftler und Vertreter verwandter Wissenschaften um Kommentare gebeten (darunter Daniel Dennett, Eibl-Eibesfeldt, Eysenck). In einer Antwort auf einen dieser Kommentare meinte Skinner, leicht frustriert: „Ich bedaure, dass viele meiner Antworten [an die Kommentatoren] lediglich aus Richtigstellungen bestehen. Aber nichts anderes ist mir hier möglich“ (Skinner, 1984, S. 707). Selbst in den Kommentaren zu diesen Artikeln unterstellte man Skinner Ansichten, die er in eben diesen Artikeln nicht nur nicht geäußert hatte: Oft hätte eine aufmerksame Lektüre des kommentierten Artikels den Kommentator bereits darüber aufklären können, dass Skinner sich explizit gegen die unterstellte Ansicht abgrenzte. Man möchte den Kommentatoren fast zurufen: Dann lest halt ordentlich!

Todd und Morris (1992) betrachten die Falschdarstellungen von Skinner Positionen als einen Fall von wissenschaftlicher Folklore (oder Wandersage des Wissenschaftsbetriebes). Wissenschaftsfolklore gibt es auch in anderen Disziplinen. Doch dort geht sie meist von Fachfremden oder Laien aus. Die Quelle der Wandersagen über den Behaviorismus sitzt im Wissenschaftsbetrieb selbst, bei den Psychologen.

Todd und Morris (1992) zeigen an drei Beispielen, wie verzerrende oder Falschdarstellungen von Watsons Ansichten auf Skinner generalisierten. Skinners „radikaler Behaviorismus“ stammt geistesgeschichtlich von Watsons „klassischem Behaviorismus“ ab. Von beiden unabhängig entwickelte sich der mediationale oder methodologische Behaviorismus, als dessen Hauptvertreter Hull (1943) und Tolman (1932) gelten können. Der methodologische Behaviorismus stellt noch immer die methodische Grundlage der empirischen Psychologie, insbesondere der kognitiven Psychologie. Diesem (nicht Skinners radikalem Behaviorismus) ist die Ansicht zuzuschreiben, dass man nur offen beobachtbares Verhalten untersuchen könne. Auch das Prinzip der „Operationalisierung“ und des Rückschlusses vom beobachtbaren Verhalten auf vermutete „geistige“ Prozesse geht auf die methodologischen Behavioristen zurück.

„Nach Ansicht der Behavioristen ist alles Verhalten erlernt“

Dem Behaviorismus wird unterstellt, dass er alles oder fast alles Verhalten als erlernt betrachte und dass er die genetische Grundlage des Verhaltens (oder gar die Genetik als solche) verleugne. Diese Falschdarstellung ist verantwortlich für die Entfremdung von Behavioristen und Ethologen. Das ist desto bedauerlicher, als die experimentelle Verhaltensanalyse und die moderne ethologische Forschung sehr viel gemeinsam haben und voneinander profitieren könnten.

Eine der Quellen dieses Mythos‘ ist ein Zitat aus John B. Watsons Buch „Behaviorism“, das erst seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder in Lehrbüchern der Psychologie auftaucht. Die Rede ist von Watsons „Duzend gesunder Kinder“:

„Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter, gesunder Kinder und meine eigene, von mir entworfene Welt, in der ich sie großziehen kann und ich garantiere euch, dass ich jeden von ihnen zufällig herausgreifen kann und ihn so trainieren kann, dass aus ihm jede beliebige Art von Spezialist wird – ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Kaufmann und, ja, sogar ein Bettler und Dieb, ganz unabhängig von seinen Talenten, Neigungen, Tendenzen, Fähigkeiten, Begabungen und der Rasse seiner Vorfahren“ (1924, S. 82).

Aus dem Kontext gerissen, klingt dieses Zitat in der Tat wie ein kräftiges Bekenntnis zur Tabula-Rasa-Position. Doch der Kontext des Zitats ist eine Auseinandersetzung mit der zu dieser Zeit populären Eugenik, der Ansicht, dass man durch gezielte Zuchtwahl und die Sterilisation oder Elimination von „genetisch minderwertigen“ Personen die Menschheit verbessern könne, ja müsse. Watson wollte mit dieser Aussage gezielt provozieren. Zudem, seine Aussage ist eine hypothetische, ein fiktives Zitat, was deutlich wird, wenn man sie im Kontext liest:

„Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen „Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter, gesunder Kinder (…) ganz unabhängig von seinen Talenten, Neigungen, Tendenzen, Fähigkeiten, Begabungen und der Rasse seiner Vorfahren“. Ich gebe zu, dass ich spekuliere, aber das tun die Anhänger der Gegenseite ebenfalls und sie taten es viele tausend Jahre lang. Beachten Sie bitte, dass dieses Experiment voraussetzt, dass ich festlegen darf, wie genau die Kinder großgezogen werden und in welcher Welt sie zu leben haben.“ (ebd.)

Watson schreibt im weiteren Verlauf ausführlich über Erblichkeit und Umweltgeformtheit des Verhaltens. Zudem wollte Watson hier lediglich klarstellen, dass Menschen (im Gegensatz zu Tieren) kaum oder keine „Instinkte“ besitzen. Die Existenz ungelernter Verhaltensweisen, auch beim Menschen, leugnet er nicht.

Im selben Kontext steht die Falschdarstellung, dass Behavioristen die genetischen Unterschiede zwischen den Arten verleugnen würden. Dabei warnte Watson selbst davor, die Ergebnisse aus Tierversuchen einfach auf Menschen zu übertragen. Den Mangel an instinktiven Verhaltensweisen beim Menschen betrachtete er als eine artspezifische Besonderheit des Menschen.

Die Leugnung der Bedeutung der Genetik und der Biologie für das Verhalten wurde späterhin auch Skinner unterstellt. Dabei hat Skinner vom Beginn seines wissenschaftlichen Arbeitens an ständig auf die Rolle der Biologie hingewiesen (Morris et al., 2004). Er selbst betrachtete die von ihm begründete experimentelle Verhaltensanalyse als ein Teilgebiet der Biologie.

Interessant ist, wie die Verbreiter der Falschdarstellungen bisweilen auf Korrekturen reagieren. So kommentierte (der Verhaltensanalytiker und Behaviorist) Todd (1987) eine Arbeit zweier Ethologen (Gould & Marler, 1987a) indem er darauf hinwies, dass diese dem Behaviorismus irrtümlich unterstellen, er verleugne die Artunterschiede im Verhalten. Die Autoren (Gould & Marler, 1987b) erwiderten auf den Kommentar, dass Todd im Unrecht sei, schließlich stünde in den einführenden Lehrbüchern der Psychologie, dass der Behaviorismus Artunterschiede verleugne. Dieses Zitieren und Belegen mit Sekundär- und Tertiärquellen erinnert nicht zufällig an die Verbreitungsmechanismen von modernen Sagen („urban legends“): „Der Schwager meines Bekannten hat erzählt, dass das seinem Kollegen passiert ist – und es ist absolut wahr!“

Als einer der „Sargnägel“ des Behaviorismus wird (neben der „Preparedness„) gerne der Garcia-Effekt genannt. Der Garcia-Effekt besagt, dass nicht alle Reize in gleicher Weise konditioniert werden können. So kann man die Ekelreaktion gut mit Gerüchen und Geschmäckern konditionieren: Patienten, die eine Chemotherapie erhalten (welche meist starke Übelkeit auslöst), entwickeln oft einen konditionierten Ekel vor den Nahrungsmitteln, die sie in den Stunden vor der Chemotherapie zu sich genommen haben. Diese Konditionierung gelingt jedoch kaum mit visuellen oder akustischen Reizen.

Kein Behaviorist hat aber je unterstellt, dass alle Reize sich gleichermaßen als auslösende Reize oder Verstärker eignen würden. Skinner schreibt explizit:

„Niemand, der das Verhalten von Tieren ernsthaft erforscht, hat je angenommen, dass das Tier als eine „tabula rasa“ ins Labor kommt, dass Artunterschiede nicht wichtig sind und dass alle Verhaltensweisen in gleicher Weise auf alle Reize konditioniert werden können“ (1966, S. 1205).

Interessanterweise hatte Garcia eine frühe Version seines Artikels (zum später nach ihm benannten Effekt) zunächst bei der (radikal-behavioristischen) Zeitschrift Journal of the Experimental Analysis of Behavior (JEAB) eingereicht, da die anderen psychologischen Fachzeitschriften diesen nicht abdrucken wollten (Garcia, 1981). Der Artikel wurde angenommen, mit der Bitte um einige kleinere Änderungen, Garcia zog ihn aber wieder zurück, aufgrund einer anderweitigen Verwendung des Materials.

Garcia (1981, S. 155) unterstellt, dass „die Behavioristen“ nicht berücksichtigten, dass das Picken einer Taube auf den Schalter in der Skinner-Box nicht allein durch die operante Konditionierung geformt wird. Interessanterweise bezieht er sich dabei auf Forschungen, die bereits in den vierziger Jahren in Skinners (!) Labor stattfanden. Wolin (1948/1968) berichtete darüber, dass das Picken des Vogels auf den Schalter, wenn es mit Wasser oder Futter verstärkt wird, dem Trink- und Essverhalten der Vögel ähnelt. Eine Replikation der Studie von Wolin wurde später in JEAB veröffentlicht (Brown & Jenkins, 1973). Sie bildet die Grundlage der weiteren Studien zum Autoshaping, der „Selbst-Formung“ der Verhaltens auf der Grundlage angeborener Verhaltensmuster. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Forschungsergebnisse von Behavioristen herangezogen werden, um zu belegen, dass Behavioristen eben diese Forschungsergebnisse ignorieren oder leugnen würden.

„Behavioristen verfolgen manipulative oder totalitäre Ziele“

Watson vertrat offensiv eine materialistische und atheistische Weltsicht. Dies war zu seiner aktiven Zeit (bis in die frühen 1920er Jahre) der Aspekt, der seine Kritiker am meisten aufbrachte. Die Standard-Diffamierung von Watsons Position lautete, der damaligen Diktion folgend, diese sei „bolschewistisch“. Es erübrigt sich, zu erklären, dass Watson keinerlei derartige politische Positionen vertrat.

Der Vorwurf des Totalitarismus traf später auch Skinner. Skinners weltanschauliche Position lässt sich am besten als liberal und humanistisch bezeichnen (er war übrigens bekennender säkularer Humanist und Ehrenmitglied der amerikanischen Skeptiker-Vereinigung CSICOP). Als Beispiel für die Diffamierung, der Skinner in dieser Hinsicht ausgesetzt war, soll ein Zitat von Zimbardo, dem Autor eines auch in Deutschland sehr populären einführenden Lehrbuchs der Psychologie, stehen. Zimbardo schreibt über George Orwells Roman „1984“ folgendes: „Orwells Verführer gleicht einem Josef Stalin, der von B. F. Skinner trainiert wurde“ (1984, S. 71).

Interessanterweise sind sich „rechte“ (Religiöse, Soziobiologen, Konservative) und „linke“ (Kritiker der Soziobiologie) Autoren darin einig, ihre Anhänger vor dem verderblichen Einfluss Skinners zu warnen. Unter anderem wird Skinner unterstellt, er habe sich bei seinem utopischen Roman „Walden Two“ (1948) an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932) und Orwells „1984“ (1949) orientiert, indem er die dort beschriebenen Manipulationstechniken kopiere. Übrigens erschien Orwells Roman erst nach Skinners „Walden Two“…

Skinners Buch „Jenseits von Freiheit und Würde“ (1971) gab dieser Legende einen weiteren Schub. Die „Kritiker“ hatten in der Regel lediglich den Buchtitel gelesen – und missverstanden. Skinner vertritt in diesem Werk ausschließlich humanitäre Ziele: Wie man den Atomkrieg verhindern kann, die Umweltverschmutzung eindämmen, den Einsatz von Strafen und Zwang reduzieren und Toleranz und Diversität fördern kann. Der Buchtitel bezieht sich auf das, was jedem rational-wissenschaftlich denkendem Menschen klar sein sollte: Wir werden diese Ziele nicht erreichen, indem wir fromme Reden schwingen. Wir sollten die Methoden der Wissenschaft nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Verhaltensanalytiker wenden die Methoden der Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten (entscheidend ist das Jahr 1968, als die Zeitschrift Journal of Applied Behavior Analysis, JABA, gegründet wurde) auf menschliches Verhalten an. Es ist daher falsch, Behavioristen zu unterstellen, sie würden die Ergebnisse aus Tierexperimenten „einfach so“ auf menschliches Verhalten übertragen. Die Ziele verhaltensanalytischer Interventionen sind im Einklang mit humanistischen Idealen. Sie zielen u. a. darauf ab, den Einsatz aversiver Methoden (Strafen) zu reduzieren, die Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung zu vergrößern, die Verschwendung von Ressourcen einzuschränken und die Sicherheit von Menschen am Arbeitsplatz zu verbessern. Behavioristen waren unter den ersten Wissenschaftlern, die sich explizite, verbindliche Regel für ethisch angemessenes professionelles Verhalten gaben (vgl. Van Houten et al., 1988). Sie etablierten das Konzept der sozialen Validität, jenes Prinzips, das verhaltensbezogene Maßnahmen nicht nur wirksam, sondern in der Einschätzung der betroffenen Personen auch akzeptabel sein müssen. Mittlerweile finden sich in fast jedem Artikel über eine Studie aus dem Bereich der angewandten Verhaltensanalyse nicht nur die üblichen Angaben zu Methode, Beobachterübereinstimmung usw., sondern auch ein Bericht über die Erhebung der sozialen Validität der Maßnahme.

„Behavioristen sind rigid und intellektuell intolerant“

Behavioristen, so wird unterstellt, erklärten mehrere Forschungsgebiete für „off-limits“. Man könnte nach Ansicht der Behavioristen z. B. Denken und Gefühle nicht wissenschaftlich untersuchen. Durch diese Denkverbote, die sie der Psychologie als Wissenschaft gewissermaßen auferlegten, hemmten sie den Fortschritt der Psychologie.

Skinner selbst führt diese Auffassung auf die Reaktionen auf Watsons Ansichten zurück: „An Watson erinnerte man sich lange Zeit nur im Zusammenhang mit einer sehr restriktiven Haltung zur Selbstbeobachtung, einem extremen Umweltbezug und einer kalten und abgehobenen Theorie der Kinderpflege. Nichts davon war in seinem ursprünglichen Programm ein zentraler Bestandteil“ (Skinner, 1959, S. 198).

Wie später auch Skinner, schloss Watson nicht die erwähnten Prozesse aus der Untersuchung aus. Er vertrat die Ansicht, dass „der Geist“, „das Selbst“ usw. keine geeigneten Erklärungen in einer Naturwissenschaft des Verhaltens darstellen. Die damit umschriebenen Verhaltensweisen schloss er keineswegs aus. Ardry (1966) unterstellt dem Behaviorismus nichts desto trotz, dass er auf die amerikanische Psychologie ähnlich verheerend wirkte wie der Lyssenkoismus auf die Biologie in der Sowjetunion.

Doch Watson war nur dann intolerant, wenn es darum ging, empirisch-wissenschaftliche Prinzipien durchzusetzen und objektiven Kriterien zu genügen, um Behauptungen zu belegen. Kritikern, die keinerlei Daten hatten, um ihre Behauptungen zu belegen, konnte er vehement entgegen treten. Wir müssen Watsons angebliche Intoleranz vor dem Hintergrund des fast noch vorwissenschaftlichen Zustandes der Psychologie seiner Zeit sehen. Die Forderung nach wissenschaftlichen Belegen ist für heutige empirisch arbeitende Psychologen keine Zumutung. Zu Watsons Zeit war es eher die Ausnahme, dass man Meinungen über das „Wesen des Menschen“ auch empirisch belegte.

Skinner trat weniger kontrovers auf, als Watson dies tat. Dennoch war er ein sehr profilierter und sichtbarer Advokat seiner Wissenschaft. Skinner verbrachte fünfzig Jahre seines Lebens damit, den Rest der Psychologie von den Vorteilen seines Ansatzes zu überzeugen. Wenn der radikale Behaviorismus heute als intolerant wahrgenommen wird, dann deswegen, weil er sich weigert, traditionelle psychologische Untersuchungseinheiten wie den „Geist“ als gegeben hinzunehmen. Als intolerant könnte man aber auch die Haltung der traditionellen Psychologie bezeichnen, die vorschreibt, dass jede Erklärung eines Verhaltens auf interne, vermittelnde oder auslösende hypothetische Konstrukte Bezug nehmen muss. Kognitive Psychologen bedienen sich der Computermetapher und suchen nach Mechanismen; sie huldigen dem Korrespondenzprinzip der Wahrheit. Radikale Behavioristen sind Kontextualisten, sie verfolgen das pragmatische Wahrheitskriterium. Behavioristen ziehen die Demonstration empirischer Kontrolle vor, Kognitivisten die formale Eleganz ihrer Theorien.

Hinzu kommt das Missverständnis, dass der Behaviorismus nur offenes Verhalten untersuche. Skinner (1974) dagegen bezeichnet die Analyse des sogenannten privaten Verhaltens als „das Kernstück des radikalen Behaviorismus“ (S. 212). Er selbst schrieb Hunderte von Seiten über dieses Thema.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass der Behaviorismus die „inneren Vorgänge“ ignorierte, dann müsste man sich fragen, was den Rest der Psychologie daran gestört hat. Behaviorismus wäre dann eine merkwürdige Spielart der Psychologie, mit einem begrenzten Geltungsbereich. Doch die Wandersage unterstellt, der Behaviorismus habe die Beschäftigung mit diesen Themen aktiv unterdrückt. Man fragt sich, wie ihm das gelungen sein soll, zumal die Behavioristen – gleich welcher Couleur – zu keinem Zeitpunkt die Mehrheit in der Psychologie stellten. Im Gegenteil, die radikalen Behavioristen waren immer eine kleine und schwache Gruppe. Ende der fünfziger Jahre mussten sie eine Zeitschrift für experimentelle und Ende der sechziger Jahre eine für angewandte Verhaltensanalyse (JEAB und JABA) gründen, weil die etablierten psychologischen Zeitschriften ihre Arbeiten nicht veröffentlichen wollten. Zudem erlebte der radikale Behaviorismus erst lange nachdem „der Behaviorismus die Welt der Psychologie beherrschte“ seine eigentlichen Aufschwung: Ab den späten siebziger Jahren. Bis dahin war, der Legende von der kognitiven Wende zufolge, der Behaviorismus doch eigentlich längst niedergerungen…

Am Rande frage ich mich auch: Wenn es wahr ist, dass der Behaviorismus die Entwicklung der Psychologie verzögert hat, dann müsste es seit dem Ende seiner Terrorherrschaft doch eine Fülle an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus abgeleiteten wirksamen Interventionen geben. Wo sind diese nur? Ein schlagendes Beispiel für die wissenschaftlichen Triumphe der kognitiven Psychologie würde genügen. Doch stattdessen entdecke ich allenfalls, dass scheinbare Erfolge der kognitiven Psychologie sich tatsächlich als Bestätigung der behavioristischen Position entpuppen. So deute einiges darauf hin, dass die kognitive Therapie der Depression eine Art „Huckepacktherapie“ ist, bei der die (wirkungslosen) kognitiven Anteile auf die eigentlich wirksamen verhaltensbezogenen Anteile aufgepfropft wurden (Jacobson et al., 1996).

Es fällt auch schwer, den real existierenden Behavioristen intellektuelle Intoleranz zu unterstellen. In den Jahren 1958 bis 1991 wurden in JEAB 62 Buchbesprechungen veröffentlicht. 75 % dieser Rezensionen bezogen sich auf Bücher, die nicht aus dem Bereich der Verhaltensanalyse stammen. Die große Mehrheit dieser Besprechungen ist nicht kritisch, sondern informativ und integrativ: Verhaltensanalytiker wollen wissen, was sie von anderen lernen können. Selbst Ulric Neissers (1967) Cognitive Psychology wurde von Kurt Salzinger (1973) sehr freundlich besprochen: „(…) Die Forschung im Bereich der kognitiven Psychologie ist sehr interessant und im Großen und Ganzen gut durchgeführt, ihre Resultate sind herausfordernd“ (S. 369). Zahlreiche Referenten von außerhalb der Verhaltensanalyse sprechen regelmäßig bei den Konferenzen der Association for Behavior Analysis International. Eine Disziplin, die sich abschotten will, verhält sich anders.

So fällt auf, dass es letztlich die Psychologie ist, die die Erkenntnisse der Verhaltensanalyse nicht wahrnehmen möchte. Sie finden allenfalls auf dem Umweg über eine „kognitive“ Neuformulierung Aufnahme, bei der ihr Ursprung nicht mehr kenntlich ist. Die Falschdarstellungen des Behaviorismus erhalten sich selbst aufrecht, denn sie sagen z. B. den Ethologen, dass es nichts bringt, sich mit diesen Leuten auszutauschen, die nicht wahrhaben wollen, dass es erbliche Anteile am Verhalten gibt. Sie sagen den kognitiven Psychologen, dass keinen Sinn hat, sich mit dieser sehr begrenzten Sichtweise auf das Erleben und Verhalten auseinanderzusetzen. Zudem, wenn die Behavioristen so dogmatisch sind, wie unterstellt, was sollte man von einer Diskussion mit ihnen haben? Sie wollen doch gar nicht diskutieren.

Die Wandersagen über den Behaviorismus werden weiter getragen, Studenten lernen sie in ihren einführenden Lehrbüchern und geben sie, wenn sie selbst Professoren sind, wieder an ihre Studenten weiter. Eine abweichende, realistischere Sicht über den Behaviorismus darzustellen, lohnt sich nicht. Im Gegenteil, wer allgemein geglaubte Behauptungen zum Behaviorismus richtig stellt, muss befürchten als inkompetent oder als Apologet einer abseitigen Ideologie dazustehen.

Literatur

Ardry, R. (1966). The territorial imperative. New York: Atheneum.

Brown, P. L. & Jenkins, H. J. (1968). Auto-shaping of the pigeon’s keypeck. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 11, 1-8.

Garcia, John. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36(2), 149-158. DOI: 10.1037/0003-066X.36.2.149

Gould, J. L. & Marler, P. (1987a). Learning by instinct. Scientific American, 256(1), 74-85.

Gould, J. L. & Marler, P. (1987b). [Response to Todd.] Scientific American, 256(4), 4.

Hull, C. L. (1943). Principles of behavior. New York: Appleton-CenturyCrofts.

Huxley, A. (1932). Brave new world. New York: Harper & Row.

Jacobson, N. S.; Dobson, K. S.; Truax, P. A.; Addis, M. E.; Koerner, K.; Gollan, J. K.; Gornter, E. & Prince, S. E. (1996). A component analysis of cognitive-behavioral treatment for depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64(2), 195-304.

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169.

Neisser, U. (1967). Cognitive psychology. New York: Appleton-Century-Crofts.

Orwell, G. (1949). Nineteen eighty-four. New York: Harcourt Brace Jovanovich.

Salzinger, Kurt. (1973). Inside the black box, with apologies to Pandora: A review of Ulric Neisser’s Cognitive psychology. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 19, 369-378.

Skinner, B. F. (1948). Walden Two. New York: Macmillan.

Skinner, B. F. (1959). John Broadus Watson, behaviorist. Science, 129, 197-198.

Skinner, B. F. (1966). The phylogeny and ontogeny of behavior. Science, 153, 1205-1213.

Skinner, B. F. (1971). Beyond freedom and dignity. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1974). About behaviorism. New York: Knopf.

Skinner, B. F. (1984). [Reply to Staddon]. Behavioral and Brain Sciences, 7, 707.

Todd, J. T. (1987). [Response to Gould and Marler]. Scientific American, 256(4), 4.

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1992). Case histories in the great power of steady misrepresentation. American Psychologist, 47(11), 1441-1453. DOI: 10.1037/0003-066X.47.11.1441

Tolman, E. C. (1932). Purposive behavior in animals and men. New York: Century.

Van Houten, R. & Axelrod, S. (1988). The right to effective behavioral treatment. The Behavior Analyst, 11(2), 111-114.

Watson, J. B. (1924). Behaviorism. New York: Norton.

Zimbardo, P. G. (1984, January). Mind control in 1984. Psychology Today. pp. 68-72.

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Skinner und die Biologie des Verhaltens

B.F. Skinner wird öfters dafür kritisiert, er habe die Rolle der Biologie bei der Erklärung menschlichen Verhaltens unterschätzt oder geleugnet. Unter anderem tat sich hier der populäre Wissenschaftsautor Steven Pinker (2002) hervor. Er bezeichnete Skinner als einen eingefleischten Anhänger der These von der tabula rasa („a staunch blank slater“, 169). Diese Kritik wird auch von Garcia (1981) vorgebracht, der behauptet, Skinner würde sich nicht darum kümmern, dass es Unterschiede zwischen den Arten oder zwischen verschiedenen Gehirnen gäbe. Andere Kritiker räumen zwar ein, dass sich Skinner mit der Biologie des Verhaltens befasst hat, er habe dies aber erst gegen Ende seiner Karriere getan und nur in Reaktion auf die Kritik an seinem Versäumnis oder nur weil die empirischen Daten ihn dazu genötigt hätten. Da diese Argumente so oft und aus so prominenten Mündern vorgebracht werden, sollte man sie ernst nehmen. Zwar kann es dem aufmerksamen Leser von Skinners Werken nicht entgehen, dass dieser immer wieder die Rolle der Evolution, der Genetik und der Physiologie anspricht und würdigt. Wobei Skinner auch immer wieder klar stellt, dass die Analyse der Funktion der Biologie für das Verhalten nicht das zentrale Anliegen der Verhaltenswissenschaft ist. Jedoch sollte man es nicht bei einem ersten Eindruck bewenden lassen, sondern die jedermann zur Verfügung stehenden Daten (Skinners Veröffentlichungen) einer eingehenden Analyse unterziehen.

Morris, Lazo und Smith (2004) untersuchten die 289 von 1931 bis 1990 erschienenen Veröffentlichungen Skinners auf die Nennung von Evolution, Genetik und Physiologie und verwandter Begriffe sowohl im Titel als auch im Text, sowie ob und auf welche Weise diese Themen diskutiert werden. Explizit ausgenommen wurden Kritiken am „konzeptuellen Nervensystem“ (der kognitiven Psychologie) und am physiologischen Reduktionismus.

Skinner sprach demnach die Rolle der Biologie für das menschliche Verhalten in 34 % seiner Veröffentlichungen an, er tat dies in 46 Jahren seiner 61-jährigen Karriere. In diesen Veröffentlichungen wurde die Genetik, Physiologie und Evolution des Verhaltens 133mal angesprochen. Biologische Begriffe fanden sich in den Titeln von 17 Arbeiten, ausführlich diskutiert wurden solche Themen in 22 weiteren Werken, angesprochen in 94 weiteren. Die Gelegenheiten, bei denen Skinner die Biologie des Verhaltens ansprach, verteilen sich relativ gleichmäßig über seine ganze Karriere, wobei durchaus zu beobachten ist, dass er diese Themen später in seiner Karriere öfter ansprach als früher. Dies muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass Skinner in späteren Jahren mehr veröffentlichte als in jüngeren. Setzt man diese Zahlen also in Bezug zu der Gesamtzahl an Veröffentlichungen, ergibt sich, dass Skinner die Biologie des Verhaltens später nicht signifikant öfter ansprach als früher in seinem Leben.

Im Einzelnen ergibt sich für die Genetik: Bereits 1930 bespricht er die Rolle der Vererbung an. „Dass es grobe Merkmale des Verhaltens gibt, die genetische Konstanz zeigen, ist natürlich jedem Züchter bekannt“ („That there are gross charakteristics of behavior which show genetic constancy is of course, common knowledge to any stockbreeder“, 344). In The Behavior of Organisms (1938) berichtet er von eigenen Versuchen, die genetische Variabilität zu untersuchen, in Science and Human Behavior (1953) betont er mehrfach, wie unterschiedliche genetische Voraussetzungen zu unterschiedlichem Verhalten führen. Er fügte dem 1983 noch die Zusammenfassung hinzu, dass Unterschiede zwischen Arten in den erblichen Voraussetzungen für das Lernen zu auffällig seien, um übersehen werden zu können und dass es diese Unterschiede vermutlich auch, zu einem geringeren Ausmaß, zwischen den Individuen einer Art gibt (196). Immer wieder wird die Genetik des Verhaltens, auch nur in Zwischenbemerkungen, in ihr Recht gesetzt: 1947 betont Skinner, dass das menschliche Verhalten unter anderem durch die genetische Konstitution und die persönliche Geschichte determiniert sei (485). Bemerkenswert ist auch eine Bemerkung in Walden Two. Zwar sei der mittlere IQ der Walden-Two-Gemeinschaft aufgrund der besseren Erziehung und des besseren Unterrichts höher als in der Allgemeinbevölkerung. Aber die Spannweite der Werte sei nach wie vor dieselbe. Das heißt, die Methoden in Walden Two hatten keinen Einfluss auf genetisch bedingte Unterschiede. Alles in allem kann man Skinners Position gegenüber der Genetik des Verhaltens so zusammenfassen: „All behavior is due to genes, some more or less directly, the rest through the role of genes in producing the structures which are modified during the lifetime of the individual (1984, 704).

Mit der Physiologie des Verhaltens hat sich Skinner zu Beginn seiner Karriere als Forscher ausführlich beschäftigt. Erwähnt und diskutiert hat er die Physiologie 27mal, von 1931 bis 1990. Er betonte hierbei aber auch, dass die Rolle der Physiologie für das Verhalten nur mit dem Fortschreiten der Biotechnologie aufgeklärt werden kann, in Zusammenarbeit von Verhaltenswissenschaft und Biologie. Die Legende von der Black Box weist er mehrfach zurück, z. B. 1969: „There is no doubt of the existence of sense organs, nerves, and brain, or their participation in behavior. The organism is neither empty nor inscrutable; let the black box be opened” (1969, 280).

Die Evolution kommt bei Skinner in sieben Titeln vor, wird in acht weiteren Veröffentlichungen ausführlich diskutiert und in 22 weiteren erwähnt. Er erwähnte die Evolution allerdings nicht vor 1950 explizit. Erst in den späten Sechzigern steigt die Rate der Nennungen deutlich an. 1966 bemerkt er: „No reputable student of animal behavior has ever taken the position `that the animal comes to the laboratory a virtual tabula rasa,´ that species differences are insignificant and that all responses are equally conditionable to all stimuli“ (1205). Auch Breland und Brelands (1961) Kritik an ihm ist befremdlich, betrachtet man die vielen Gelegenheiten, bei denen Skinner die biologische Evolution des Verhaltens diskutiert. Insbesondere ist die Möglichkeit des operanten Konditionierens für das Individuum ein Überlebensvorteil, den die Art irgendwann einmal im Lauf der Evolution angenommen haben muss, um in der Lebenszeit des Individuums leichte Anpassungen des Verhaltens vornehmen zu können. Alles in allem fasst Skinner (1977) zusammen: „The behavior of organisms is a single field in which both phylogeny and ontogeny must be taken into account“ (1012).

Was die Ausgangsfrage angeht, ob Skinner die biologische Mitverursachung von Verhalten geleugnet hat, so muss diese mit Nein beantwortet werden. Auch ist nicht richtig, dass Skinner erst spät in seiner Karriere auf die biologischen Ursachen einging. Skinner selbst hat – da diese Kritiken bereits zu seinen Lebzeiten geäußert wurden – dies bekräftigt: „Several commentators refere to my `recent´ interest in the genetics of behavior, but my interest is actually longstanding” (1984, 701). Auch betont er, dass sowohl Watsons also auch seine ersten Experimente ethologischer Natur waren (1980, 199).

Skinner hat, wenn man die steigende Rate an Veröffentlichungen in Rechnung stellt, später nicht öfter als früher über die biologischen Ursachen des Verhaltens im Allgemeinen geschrieben. Über evolutionäre Aspekte im Besonderen allerdings hat er tatsächlich in seinen späteren Jahren häufiger geschrieben als früher. Ein Blick auf die Hintergründe hilft jedoch, das zu verstehen. In späteren Jahren schrieb Skinner ganz allgemein mehr systematische Arbeiten und weniger empirische. Der Bezug zur Evolution kam nun einfach häufiger zur Sprache. Auch änderte sich die Psychologie und die Wissenschaft und Skinner mit ihnen. In die Mitte des Jahrhunderts fällt die Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur, 1973 erhielten Lorenz, Tinbergen und von Frisch den Nobelpreis für Medizin. All diese Ereignisse haben Skinner natürlich, wie jeden anderen damit befassten Wissenschaftler, dazu angeregt, mehr über die Evolution des Verhaltens zu schreiben. Hinzu kommt die größere Bekanntheit Skinners in seinen späteren Jahren. Er musste nun in der Tat öfter den unfundierten Kritiken entgegnen, die ihm unterstellten, sich nicht um die biologische Evolution zu kümmern.

Warum konnte man aber Skinner unterstellen, die biologischen Aspekte des Verhaltens zu ignorieren? Nur wenige Äußerungen Skinners geben Anlass zu vermuten, er vernachlässige die Biologie des Verhaltens. 1953 schrieb er in Science and Human Behavior: “Operant conditioning shapes the behavior as a sculptor shapes a lump of clay” (91). Wer nicht weiterlesen kann oder will, mag das missverstehen können. Ein anderes Mal schreibt er, als er die beinahe identischen kumulativen Grafiken des Verhaltens von drei Tierarten unter bestimmten Verstärkerplänen bespricht: „Pigeon, rat, monkey, which is which? … It doesn’t matter … their behavior shows astonishingly similar properties” (1956, 230 – 231).

Es ist nicht nötig, ein Experte für die Arbeiten Skinners zu sein, um die Haltlosigkeit von Unterstellungen wie den o.g. zu erkennen. Es genügt völlig, Skinner einmal im Original statt nur sekundär oder tertiär zu lesen, dann nämlich findet man Passagen wie diese: „Human behavior will eventually be explained (as it can only be explained) by the cooperative action of ethology, brain science and behavior analysis“ (1989, 18).

Morris, Smith und Lazo (2005) berichten, dass ihr Artikel (Morris; Lazo & Smith, 2004) über Skinners Haltung zu biologischen Komponenten des Verhaltens ursprünglich nicht in The Behavior Analyst erscheinen sollte. Sie hatten den Artikel zuvor fünf anderen Fachzeitschriften angeboten, davon vier von der amerikanischen Psychologenvereinigung herausgegebenen; zwei der Zeitschriften beschäftigten sich explizit mit tierischem Verhalten. Der Artikel wurde aber jeweils zurückgewiesen, ohne dass auch nur eine Begutachtung stattfand. Die Herausgeber begründeten dies zum einen mit Platzmangel, zum anderen aber damit, dass der Artikel nicht „ins Heft passe“. Gravierende Qualitätsmängel wurden dem Artikel nicht attestiert. Einige der Herausgeber empfahlen, den Artikel doch bei einer Fachzeitschrift für die Geschichte der Psychologie einzureichen. Morris, Smith und Lazo (2005) finden dies nicht nachvollziehbar, da die in Morris, Lazo und Smith (2004) berichtigten Falschdarstellungen Skinners durchaus keine historischen Tatbestände sind. Zudem gilt Skinner nach einer Studie von Haggbloom und anderen (2002) als bedeutendster Psychologe des 20. Jahrhunderts (diese Studie erschien in einem APA-Journal für Allgemeine Psychologie). Es scheint, so die Autoren, Skinner solle „Geschichte“ bleiben oder werden. Die falschen Darstellungen seiner Ansichten sollen festgeschrieben werden, wohl auch deshalb, weil sie ein so wohlfeiler Topos sind. Dieser biologieleugnende „Skinner“ ist ein Strohmann, auf dessen immer wiederkehrende rituelle Verbrennung die Psychologenschaft wohl nicht verzichten will.

Literatur:

Breland, K. & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681 – 684.

Garcia, J. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36, 149 – 158.

Haggbloom, S.J.; Warnick, R.; Warnick, J.E.; Jones, V.K.; Yarbrough, G.L.; Russell, T.M.; Borecky, C.M.; McGahhey, R.; Powell, J.L.; Beavers, J. & Monte E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th Century. Review of General Psychology, 6, 139-142.

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John B. Watson

Peter Harzem (1993) meint, dass wirklich alles, was man in einführenden Lehrbüchern über John B. Watson lesen kann, falsch ist. Die Verleumdung, deren Opfer Watson ist, geht zum einen auf die Angehörigen seiner ersten Frau zurück. Seine erste Frau, Mary Ickes, blieb ihm zwar in Sympathie verbunden, auch nachdem er sie für Rosalie Rayner verlassen hatte. Doch ihre beiden Brüder, einer davon ein späterer Innenminister der USA (unter F. D. Roosevelt), taten alles, um dem (von Anfang an ungeliebten) Ex-Schwager das Leben schwer zu machen. Vor allem bewirkte ihre Verleumdungskampagne, dass Watson nie wieder in einer Universität Fuß fassen konnte. Zwar baute sich Watson eine zweite, ebenfalls beeindruckende Karriere in der Werbebranche auf, doch starb er als ein gebrochener Mann. Auch seine ehemaligen Kollegen – die Psychologen – verhielten sich, von Ausnahmen abgesehen, beschämend. Eine dieser Ausnahmen war E. B. Titchener, einer der Hauptvertreter jener Art von introspektiver Psychologie, mit dem Watson sich oft heftige Debatten geliefert hatte, bot sich nach Watsons Entlassung aus der John-Hopkins-Universität an, Empfehlungsschreiben für ihn zu verfassen. Die American Psychological Association (APA) und ihre Mitglieder vermieden es, Watson weiterhin als einen der ihren wahrzunehmen. Erst kurz vor seinem Tod sollte ihm die Ehrenmedaille der APA verliehen werden. Am Tag der Ehrung aber fand Watson nicht die Kraft, zu dieser Veranstaltung zu gehen und schickte stattdessen seinen Sohn.

Wenn man so liest, was in den Psychologie-Lehrbüchern über den Behaviorismus steht, wundert man sich, wie auch nur ein halbwegs intelligenter Mensch je ein Behaviorist sein konnte. Andererseits scheinen einige intelligente Menschen sich selbst als Behavioristen bezeichnet zu haben. Wie kann man diese „kognitive Dissonanz“ auflösen? Entweder waren diese intelligenten Leute – bedeutende Vertreter der Psychologenzunft – doch nicht so intelligent. Oder aber, das, was in den Lehrbüchern steht, ist nicht richtig.

Sieht man sich Watsons Bücher genauer an, fällt auf, dass er den Themen, die er angeblich nicht behandelte oder als nicht-existent ablehnte, ungewöhnlich viel Raum widmet. Peter Harzem (1993, S. 50) hat berechnet, dass es auf 53 % der Seiten von Watsons Hauptwerk um die Themen „Emotionen“, „körperliche und psychische Gewohnheiten“, „Sprache“, „Persönlichkeit und ihre Störungen“ und dergleichen mehr geht. Auch der Physiologie – für die sich Behavioristen ja angeblich nicht interessieren – räumt er großen Raum ein (35 % des Textes). Watson war sogar (mit Woodworth) Co-Autor eines der ersten Persönlichkeitsfragebögen, dem Gordon W. Allport (1921, S. 452) – einer der Gründerväter der Persönlichkeitstheorie und ganz gewiss kein Behaviorist – nachsagte, es sei der vollständigsten, den er kenne.

Seine „objektive Psychologie“ sollte – wie später auch Skinners Verhaltensanalyse – den Menschen als Ganzes betrachten, nicht als eine Sammlung von Teilprozessen (wie dies in der kognitiven Psychologie geschieht) oder von Reflexen. Das Tierexperiment fand Watson nur insofern wichtig, als er damit Grundprozesse untersuchen konnte, die auch beim Menschen existieren. Er war fest von der Kontinuität der Arten überzeugt. Ebenso war er davon überzeugt, dass es auch beim Menschen ererbte Eigenschaften gibt, Verhaltensweisen, die sich nicht durch Training verändern lassen („Apperently there are different fundamental part activities which have persisted in spite of instruction“ Watson, 1919, S. 268).

Diese Äußerung scheint nur dann im Widerspruch zu dem berühmten Zitat „Gebt mir ein Dutzend gesunde Kinder“ (Watson, 1930, S. 82) zu stehen, wenn man letzteres aus dem Zusammenhang reißt – wie es Lehrbuchautoren in der Regel tun. Watson beton hier explizit, dass er übertreibe, um den „Anwälten der Gegenseite“ etwas entgegenzusetzen. Die Anwälte der Gegenseite waren die Eugeniker, jene Pseudowissenschaftler, die der Überzeugung waren, dass man durch Zuchtwahl und Sterilisation die menschliche Rasse verbessern könne. Viele damals prominente Psychologen (die auch heute noch – im Gegensatz zu Watson – von der Psychologie in Ehren gehalten werden) teilten die Haltung der Eugeniker.

Watson trat bisweilen scharf und polemisch auf, insbesondere den etablierten Größen der Psychologie gegenüber. Doch sollte man sich die damals üblichen Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Diskurses vor Augen halten. Bezeichnend ist der Ton einer Debatte, die Watson mit McDougall (in Watson, 1930) führte. Während Watson zurückhaltend, versöhnlich und vornehm-akademisch formulierte, schäumte McDougall regelrecht. Dabei erweist er sich auch als „Vordenker“ heutiger Lehrbuchautoren: Erst karikiert er Watsons Position, indem er ihn als Leugner von Gefühlen usw. darstellt. Sodann macht er sich über diesen Strohmann lustig: Watsons Position sei lächerlich, bizarr, paradox, grotesk, abscheulich. Watson tue ihm nur leid!

Watson verzichtete in der Regel darauf, krasse Falschdarstellungen seiner Positionen zu korrigieren. Im Nachhinein erweist sich das als Fehler. Auch Skinner war sich oft zu vornehm, auf offenkundig uninformierte Kritik – wie die von Chomsky (1959) – zu reagieren. Aber immerhin schrieb er eine ausführliche Gegendarstellung üblicher Missverständnisse in Buchform und im Gegensatz zu Watson gelang es ihm, eine, wenn auch kleine „Schule“ zu begründen, die sein Werk weiter verteidigt.

Literatur

Allport, Gordon W. (1921). Personality and character. Psychological Bulletin, 18(9), 441-455. DOI: 10.1037/h0066265

Harzem, Peter. (1993). The discrediting of John Broadus Watson. Mexican Journal of Behavior Analysis, 19, 39-66.

Watson, J. B. (1919). Psychology from the Standpoint of a Behaviorist. Philadelphia: Lippincott.

Watson, J. B. (1930). Behaviorism. Revised edition. Chicago: University of Chicago Press.

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Nochmal der kleine Albert

Powell et al. (2014) gingen der Identität des „Kleinen Albert“ nach. Sie fanden in den Aufzeichnungen des John-Hopkins-Hospitals von 1920 Hinweise auf eine damals 16jährige Pearl Barger, die einen Sohn namens William Albert hatte, der exakt am richtigen Tag geboren war, um als Watson und Rayners (1920) „Little Albert“ gelten zu können. William Albert Martin (die Mutter heiratete nach der Geburt den Vater des Kindes, einen Mr. Martinek, später Martin) starb 2007. Er wurde nach Auskunft seiner Nichte von allen immer nur Albert genannt. Powell et al. (2014) stellen fest, dass Albert Barger und der „kleine Albert“ (so wie Watson und Rayner ihn beschrieben) etliche Gemeinsamkeiten aufweisen:

  • Den Name: Watson und Rayner berichten von einem „Albert B.“. Es war damals nicht üblich, dass Forscher größere Bemühungen unternahmen, die Identität ihrer Versuchspersonen zu verschleiern. Auch Watson benutzte nie Pseudonyme, allenfalls ersetzte er die echten Namen durch Ziffern oder Buchstaben („Versuchsperson 1“ oder „Teilnehmer A“).
  • Seine Mutter war eine Amme (wet nurse), genau wie die Mutter von Little Albert.
  • Sein Geburtsdatum passt perfekt zu den Angaben von Watson und Rayner.
  • Sein Gewicht zu verschiedenen Zeitpunkten (wie es in den erhaltenen medizinischen Aufzeichnungen vermerkt ist) stimmt mit den Angaben von Watson und Rayner und seiner in den Filmaufnahmen eher pummeligen Erscheinung sehr gut überein.
  • In den Zeiträumen, in denen Albert Barger laut der Aufzeichnungen krank war (die damals üblichen Kinderkrankheiten durchlief), fanden laut Watson und Rayner keine Versuche mit dem kleinen Albert statt. Eine Filmaufnahme fand statt, als Albert Barger gerade erkältet war. Auf der Aufnahme vom kleinen Albert ist zu sehen, dass das Kind anscheinend immer wieder mal hustet.
  • Albert Barger war ein ausgesprochen gesundes, gut genährtes und psychisch stabiles Kind, so wie es Watson und Rayner vom kleinen Albert berichten.
  • Das Kind im Film weist einige Ähnlichkeiten zu dem auf, was wir über das Aussehen von Albert Barger wissen. Unter anderem hatten sowohl der kleine Albert als auch Albert Barger angewachsene Ohrläppchen, ein Merkmal, das 20 % bis 35 % der Bevölkerung aufweisen.
  • Das Datum zu dem Albert Barger das John-Hopkins-Hospital verließ, deckt sich exakt mit dem Datum, zu dem Watson und Rayner ihre Experimente beenden mussten, weil der Kleine Albert und seine Mutter das Hospital verließen.

Beck et al. (2009) führten an, dass es sich bei „Albert B.“ um Douglas Merritte handle, ein Kind, das einige Jahre später an den Folgen einer neurologischen Störung verstarb (Fridlund et al., 2012). Die Gemeinsamkeiten von Douglas Merritte und Little Albert sind weniger zahlreich:

  • Auch Douglas‘ Mutter war eine Amme am John-Hopkins-Hospital.
  • Douglas war fast genau am selben Tag geboren wie der kleine Albert (genauer gesagt, einen Tag früher).

Demgegenüber stehen etliche Unterschiede:

  • Der Name.
  • Sein Alter bei der Entlassung aus dem Hospital. Douglas verließ John-Hopkins einige Tage ehe die Versuche mit dem kleinen Albert endeten.
  • Sein extrem geringes Körpergewicht, das im Widerspruch zu den Angeben bei Watson und Rayner und den Filmaufnahmen, die ein eher properes Kind zeigen, steht.
  • Die Ähnlichkeiten zwischen Douglas und dem kleinen Albert der Filmaufnahmen sind eher zufälliger Natur, sie beziehen sich auf Merkmale, die fast jedes Kleinkind aufweist.
  • Seine schwerwiegende Erkrankung. Douglas dürfte kaum in der Lage gewesen sein, das Verhalten zu zeigen, das der kleine Albert im Film zeigt, darunter den Pinzettengriff und das Krabbeln, das fast schon in Laufen übergeht.

Die Analyse des Films durch den bei Fridlund et al. (2012) beteiligten Neurologen ist fehlerbehaftet (vgl. Digdon et al., 2014). Sie sollte vor dem Hintergrund der Studien von Werner et al. (2000) gesehen werden. Werner et al. (2000) hatte Kinderärzten, die auf Entwicklungsverzögerungen spezialisiert waren, Filmaufnahmen von Kindern im Alter von acht bis zehn Monaten gezeigt und darum gebeten, anzugeben, ob das Kind autistisch sei. Die Kinderärzte attestierten 14 von 15 gezeigten autistischen Kindern, dass diese autistisch seien – aber auch 8 von 15 völlig gesunden Kindern.

Watsons Ruf ist verschiedentlich in Zweifel gezogen worden (vgl. auch Malone & García-Penagos, 2014). Ihm zu unterstellen, er habe wissentlich ein schwer behindertes Kind für seine Experimente missbraucht, ist jedoch mehr, als man hinnehmen kann. Watson wurde von seinen Zeitgenossen – von denen einige sonst kein gutes Haar an ihm ließen – nie, zu keinem Zeitpunkt, wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt. Watson hatte die Ergebnisse des Little-Albert-Experiments gelegentlich übertrieben dargestellt. Tatsächlich scheinen die erreichten Konditionierungseffekte deutlich schwächer gewesen zu sein, als Watson es gelegentlich darstellte.

Die wissenschaftliche Fehlleistung liegt bei Beck et al. (2009) und Fridlund et al. (2012). Sie müssen sich vorwerfen lassen, durch schlampige Arbeit den Ruf zweier Wissenschaftler geschädigt zu haben, indem er Watson und Ranyer als rücksichtlose, unethisch handelnde Kinderquäler darstellte.

William Albert Martin hat nie erfahren, dass er höchstwahrscheinlich der kleine Albert war. Seine Erbin und Nichte äußerte, er hätte dies wahrscheinlich sehr faszinierend gefunden. Albert Martin galt als ausgeglichener und umgänglicher Mensch, der über gute soziale Fertigkeiten verfügte. Er arbeitete als Verkäufer und liebte Musik und Literatur, er sang gerne. Seine Nichte berichtete, dass er Hunde und Tiere im Allgemeinen nicht sehr mochte. Von einer Phobie kann allerdings nicht die Rede sein. Wenn er zu Besuch war, musste der Hund in ein anderes Zimmer gesperrt werden. Doch als Kind hat er wohl einen eigenen Hund gehabt. Die Abneigung gegen Hunde scheint eher darauf zurückzuführen sein, dass er als Kind mit ansehen musste, wie sein Hund überfahren wurde.

Von Albert Martin gibt es keine Bilder aus Kleinkindertagen. Bei Powell et al. (2014) sieht man eine Reihe von Fotos, die den Kleinen Albert neben Bildern des erwachsenen Albert Martin zeigen. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man nicht leugnen.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614. DOI: 10.1037/a0017234

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. DOI: 10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327. DOI: 10.1037/a0026720

Malone, John C. & García-Penagos, Andrés. (2014). When a clear strong voice was needed. A retrospective review of Watson’s (1924/1930) Behaviorism. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(2), 267-287. DOI: 10.1002/jeab.98

Powell, Russell A.; Digdon, Nancy; Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert. Albert Barger as “Psychology’s lost boy”. American Psychologist, 69(6), 600-611. DOI: 10.1037/a0036854

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Werner, Emily; Dawson, Geraldine; Osterling, Julie & Dinno, Nuhad. (2000). Brief report. Recognition of autism spectrum disorder before one year of age. A retrospective study based on home videos. Journal of Autism and Developmental Disorders, 30(2), 157-162. DOI: 10.1023/A:1005463707029

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Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im John-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im John-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die schließlich zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Sie trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz. Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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Tauben spielen Tischtennis

Immer wieder schön: Was man mit Shaping alles hinkriegt… Zu Ehren von B. F. Skinner, der heute vor 24 Jahren starb.

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18/08/2014 · 21:32

Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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