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Über Skinner

Über Skinners Hinwendung zum Behaviorismus:

„Skinner umarmte den Behaviorismus nicht als kalter, gefühlloser Nihilist, sondern als ein sensibler, unglücklicher, leicht zynischer junger Mann, der tatsächlich nach etwas suchte – manchmal verzweifelt – nach etwas, über das er nicht zynisch sein musste. Er würde sein ganzes Leben ein Romatiker bleiben“

Daniel Bjork in seiner Skinner-Biographie

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John B. Watson

Peter Harzem (1993) meint, dass wirklich alles, was man in einführenden Lehrbüchern über John B. Watson lesen kann, falsch ist. Die Verleumdung, deren Opfer Watson ist, geht zum einen auf die Angehörigen seiner ersten Frau zurück. Seine erste Frau, Mary Ickes, blieb ihm zwar in Sympathie verbunden, auch nachdem er sie für Rosalie Rayner verlassen hatte. Doch ihre beiden Brüder, einer davon ein späterer Innenminister der USA (unter F. D. Roosevelt), taten alles, um dem (von Anfang an ungeliebten) Ex-Schwager das Leben schwer zu machen. Vor allem bewirkte ihre Verleumdungskampagne, dass Watson nie wieder in einer Universität Fuß fassen konnte. Zwar baute sich Watson eine zweite, ebenfalls beeindruckende Karriere in der Werbebranche auf, doch starb er als ein gebrochener Mann. Auch seine ehemaligen Kollegen – die Psychologen – verhielten sich, von Ausnahmen abgesehen, beschämend. Eine dieser Ausnahmen war E. B. Titchener, einer der Hauptvertreter jener Art von introspektiver Psychologie, mit dem Watson sich oft heftige Debatten geliefert hatte, bot sich nach Watsons Entlassung aus der John-Hopkins-Universität an, Empfehlungsschreiben für ihn zu verfassen. Die American Psychological Association (APA) und ihre Mitglieder vermieden es, Watson weiterhin als einen der ihren wahrzunehmen. Erst kurz vor seinem Tod sollte ihm die Ehrenmedaille der APA verliehen werden. Am Tag der Ehrung aber fand Watson nicht die Kraft, zu dieser Veranstaltung zu gehen und schickte stattdessen seinen Sohn.

Wenn man so liest, was in den Psychologie-Lehrbüchern über den Behaviorismus steht, wundert man sich, wie auch nur ein halbwegs intelligenter Mensch je ein Behaviorist sein konnte. Andererseits scheinen einige intelligente Menschen sich selbst als Behavioristen bezeichnet zu haben. Wie kann man diese „kognitive Dissonanz“ auflösen? Entweder waren diese intelligenten Leute – bedeutende Vertreter der Psychologenzunft – doch nicht so intelligent. Oder aber, das, was in den Lehrbüchern steht, ist nicht richtig.

Sieht man sich Watsons Bücher genauer an, fällt auf, dass er den Themen, die er angeblich nicht behandelte oder als nicht-existent ablehnte, ungewöhnlich viel Raum widmet. Peter Harzem (1993, S. 50) hat berechnet, dass es auf 53 % der Seiten von Watsons Hauptwerk um die Themen „Emotionen“, „körperliche und psychische Gewohnheiten“, „Sprache“, „Persönlichkeit und ihre Störungen“ und dergleichen mehr geht. Auch der Physiologie – für die sich Behavioristen ja angeblich nicht interessieren – räumt er großen Raum ein (35 % des Textes). Watson war sogar (mit Woodworth) Co-Autor eines der ersten Persönlichkeitsfragebögen, dem Gordon W. Allport (1921, S. 452) – einer der Gründerväter der Persönlichkeitstheorie und ganz gewiss kein Behaviorist – nachsagte, es sei der vollständigsten, den er kenne.

Seine „objektive Psychologie“ sollte – wie später auch Skinners Verhaltensanalyse – den Menschen als Ganzes betrachten, nicht als eine Sammlung von Teilprozessen (wie dies in der kognitiven Psychologie geschieht) oder von Reflexen. Das Tierexperiment fand Watson nur insofern wichtig, als er damit Grundprozesse untersuchen konnte, die auch beim Menschen existieren. Er war fest von der Kontinuität der Arten überzeugt. Ebenso war er davon überzeugt, dass es auch beim Menschen ererbte Eigenschaften gibt, Verhaltensweisen, die sich nicht durch Training verändern lassen („Apperently there are different fundamental part activities which have persisted in spite of instruction“ Watson, 1919, S. 268).

Diese Äußerung scheint nur dann im Widerspruch zu dem berühmten Zitat „Gebt mir ein Dutzend gesunde Kinder“ (Watson, 1930, S. 82) zu stehen, wenn man letzteres aus dem Zusammenhang reißt – wie es Lehrbuchautoren in der Regel tun. Watson beton hier explizit, dass er übertreibe, um den „Anwälten der Gegenseite“ etwas entgegenzusetzen. Die Anwälte der Gegenseite waren die Eugeniker, jene Pseudowissenschaftler, die der Überzeugung waren, dass man durch Zuchtwahl und Sterilisation die menschliche Rasse verbessern könne. Viele damals prominente Psychologen (die auch heute noch – im Gegensatz zu Watson – von der Psychologie in Ehren gehalten werden) teilten die Haltung der Eugeniker.

Watson trat bisweilen scharf und polemisch auf, insbesondere den etablierten Größen der Psychologie gegenüber. Doch sollte man sich die damals üblichen Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Diskurses vor Augen halten. Bezeichnend ist der Ton einer Debatte, die Watson mit McDougall (in Watson, 1930) führte. Während Watson zurückhaltend, versöhnlich und vornehm-akademisch formulierte, schäumte McDougall regelrecht. Dabei erweist er sich auch als „Vordenker“ heutiger Lehrbuchautoren: Erst karikiert er Watsons Position, indem er ihn als Leugner von Gefühlen usw. darstellt. Sodann macht er sich über diesen Strohmann lustig: Watsons Position sei lächerlich, bizarr, paradox, grotesk, abscheulich. Watson tue ihm nur leid!

Watson verzichtete in der Regel darauf, krasse Falschdarstellungen seiner Positionen zu korrigieren. Im Nachhinein erweist sich das als Fehler. Auch Skinner war sich oft zu vornehm, auf offenkundig uninformierte Kritik – wie die von Chomsky (1959) – zu reagieren. Aber immerhin schrieb er eine ausführliche Gegendarstellung üblicher Missverständnisse in Buchform und im Gegensatz zu Watson gelang es ihm, eine, wenn auch kleine „Schule“ zu begründen, die sein Werk weiter verteidigt.

Literatur

Allport, Gordon W. (1921). Personality and character. Psychological Bulletin, 18(9), 441-455. DOI: 10.1037/h0066265

Harzem, Peter. (1993). The discrediting of John Broadus Watson. Mexican Journal of Behavior Analysis, 19, 39-66.

Watson, J. B. (1919). Psychology from the Standpoint of a Behaviorist. Philadelphia: Lippincott.

Watson, J. B. (1930). Behaviorism. Revised edition. Chicago: University of Chicago Press.

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Nochmal der kleine Albert

Powell et al. (2014) gingen der Identität des „Kleinen Albert“ nach. Sie fanden in den Aufzeichnungen des John-Hopkins-Hospitals von 1920 Hinweise auf eine damals 16jährige Pearl Barger, die einen Sohn namens William Albert hatte, der exakt am richtigen Tag geboren war, um als Watson und Rayners (1920) „Little Albert“ gelten zu können. William Albert Martin (die Mutter heiratete nach der Geburt den Vater des Kindes, einen Mr. Martinek, später Martin) starb 2007. Er wurde nach Auskunft seiner Nichte von allen immer nur Albert genannt. Powell et al. (2014) stellen fest, dass Albert Barger und der „kleine Albert“ (so wie Watson und Rayner ihn beschrieben) etliche Gemeinsamkeiten aufweisen:

  • Den Name: Watson und Rayner berichten von einem „Albert B.“. Es war damals nicht üblich, dass Forscher größere Bemühungen unternahmen, die Identität ihrer Versuchspersonen zu verschleiern. Auch Watson benutzte nie Pseudonyme, allenfalls ersetzte er die echten Namen durch Ziffern oder Buchstaben („Versuchsperson 1“ oder „Teilnehmer A“).
  • Seine Mutter war eine Amme (wet nurse), genau wie die Mutter von Little Albert.
  • Sein Geburtsdatum passt perfekt zu den Angaben von Watson und Rayner.
  • Sein Gewicht zu verschiedenen Zeitpunkten (wie es in den erhaltenen medizinischen Aufzeichnungen vermerkt ist) stimmt mit den Angaben von Watson und Rayner und seiner in den Filmaufnahmen eher pummeligen Erscheinung sehr gut überein.
  • In den Zeiträumen, in denen Albert Barger laut der Aufzeichnungen krank war (die damals üblichen Kinderkrankheiten durchlief), fanden laut Watson und Rayner keine Versuche mit dem kleinen Albert statt. Eine Filmaufnahme fand statt, als Albert Barger gerade erkältet war. Auf der Aufnahme vom kleinen Albert ist zu sehen, dass das Kind anscheinend immer wieder mal hustet.
  • Albert Barger war ein ausgesprochen gesundes, gut genährtes und psychisch stabiles Kind, so wie es Watson und Rayner vom kleinen Albert berichten.
  • Das Kind im Film weist einige Ähnlichkeiten zu dem auf, was wir über das Aussehen von Albert Barger wissen. Unter anderem hatten sowohl der kleine Albert als auch Albert Barger angewachsene Ohrläppchen, ein Merkmal, das 20 % bis 35 % der Bevölkerung aufweisen.
  • Das Datum zu dem Albert Barger das John-Hopkins-Hospital verließ, deckt sich exakt mit dem Datum, zu dem Watson und Rayner ihre Experimente beenden mussten, weil der Kleine Albert und seine Mutter das Hospital verließen.

Beck et al. (2009) führten an, dass es sich bei „Albert B.“ um Douglas Merritte handle, ein Kind, das einige Jahre später an den Folgen einer neurologischen Störung verstarb (Fridlund et al., 2012). Die Gemeinsamkeiten von Douglas Merritte und Little Albert sind weniger zahlreich:

  • Auch Douglas‘ Mutter war eine Amme am John-Hopkins-Hospital.
  • Douglas war fast genau am selben Tag geboren wie der kleine Albert (genauer gesagt, einen Tag früher).

Demgegenüber stehen etliche Unterschiede:

  • Der Name.
  • Sein Alter bei der Entlassung aus dem Hospital. Douglas verließ John-Hopkins einige Tage ehe die Versuche mit dem kleinen Albert endeten.
  • Sein extrem geringes Körpergewicht, das im Widerspruch zu den Angeben bei Watson und Rayner und den Filmaufnahmen, die ein eher properes Kind zeigen, steht.
  • Die Ähnlichkeiten zwischen Douglas und dem kleinen Albert der Filmaufnahmen sind eher zufälliger Natur, sie beziehen sich auf Merkmale, die fast jedes Kleinkind aufweist.
  • Seine schwerwiegende Erkrankung. Douglas dürfte kaum in der Lage gewesen sein, das Verhalten zu zeigen, das der kleine Albert im Film zeigt, darunter den Pinzettengriff und das Krabbeln, das fast schon in Laufen übergeht.

Die Analyse des Films durch den bei Fridlund et al. (2012) beteiligten Neurologen ist fehlerbehaftet (vgl. Digdon et al., 2014). Sie sollte vor dem Hintergrund der Studien von Werner et al. (2000) gesehen werden. Werner et al. (2000) hatte Kinderärzten, die auf Entwicklungsverzögerungen spezialisiert waren, Filmaufnahmen von Kindern im Alter von acht bis zehn Monaten gezeigt und darum gebeten, anzugeben, ob das Kind autistisch sei. Die Kinderärzte attestierten 14 von 15 gezeigten autistischen Kindern, dass diese autistisch seien – aber auch 8 von 15 völlig gesunden Kindern.

Watsons Ruf ist verschiedentlich in Zweifel gezogen worden (vgl. auch Malone & García-Penagos, 2014). Ihm zu unterstellen, er habe wissentlich ein schwer behindertes Kind für seine Experimente missbraucht, ist jedoch mehr, als man hinnehmen kann. Watson wurde von seinen Zeitgenossen – von denen einige sonst kein gutes Haar an ihm ließen – nie, zu keinem Zeitpunkt, wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt. Watson hatte die Ergebnisse des Little-Albert-Experiments gelegentlich übertrieben dargestellt. Tatsächlich scheinen die erreichten Konditionierungseffekte deutlich schwächer gewesen zu sein, als Watson es gelegentlich darstellte.

Die wissenschaftliche Fehlleistung liegt bei Beck et al. (2009) und Fridlund et al. (2012). Sie müssen sich vorwerfen lassen, durch schlampige Arbeit den Ruf zweier Wissenschaftler geschädigt zu haben, indem er Watson und Ranyer als rücksichtlose, unethisch handelnde Kinderquäler darstellte.

William Albert Martin hat nie erfahren, dass er höchstwahrscheinlich der kleine Albert war. Seine Erbin und Nichte äußerte, er hätte dies wahrscheinlich sehr faszinierend gefunden. Albert Martin galt als ausgeglichener und umgänglicher Mensch, der über gute soziale Fertigkeiten verfügte. Er arbeitete als Verkäufer und liebte Musik und Literatur, er sang gerne. Seine Nichte berichtete, dass er Hunde und Tiere im Allgemeinen nicht sehr mochte. Von einer Phobie kann allerdings nicht die Rede sein. Wenn er zu Besuch war, musste der Hund in ein anderes Zimmer gesperrt werden. Doch als Kind hat er wohl einen eigenen Hund gehabt. Die Abneigung gegen Hunde scheint eher darauf zurückzuführen sein, dass er als Kind mit ansehen musste, wie sein Hund überfahren wurde.

Von Albert Martin gibt es keine Bilder aus Kleinkindertagen. Bei Powell et al. (2014) sieht man eine Reihe von Fotos, die den Kleinen Albert neben Bildern des erwachsenen Albert Martin zeigen. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man nicht leugnen.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614. DOI: 10.1037/a0017234

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. DOI: 10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327. DOI: 10.1037/a0026720

Malone, John C. & García-Penagos, Andrés. (2014). When a clear strong voice was needed. A retrospective review of Watson’s (1924/1930) Behaviorism. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(2), 267-287. DOI: 10.1002/jeab.98

Powell, Russell A.; Digdon, Nancy; Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert. Albert Barger as “Psychology’s lost boy”. American Psychologist, 69(6), 600-611. DOI: 10.1037/a0036854

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Werner, Emily; Dawson, Geraldine; Osterling, Julie & Dinno, Nuhad. (2000). Brief report. Recognition of autism spectrum disorder before one year of age. A retrospective study based on home videos. Journal of Autism and Developmental Disorders, 30(2), 157-162. DOI: 10.1023/A:1005463707029

Ein Kommentar

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Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im John-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im John-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die schließlich zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Sie trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz. Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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Akademische Folklore: Der „Hawthorne-Effekt“

Der „Hawthorne-Effekt“ ist ein ganz-ganz wichtiger Effekt, das lernt jeder Psychologiestudent. Doch was für ein Effekt ist das eigentlich? Und gibt es ihn überhaupt?

Der Begriff „Hawthorne-Effekt“ geht zurück auf eine Reihe von Studien, die bei den Hawthorne-Werken in Chicago zwischen 1927 bis 1931 durchgeführt wurden. Die Ergebnisse dieser Studien sind in dem Buch Management and the worker von Roethlisberger und Dickson (1939) zusammengefasst. Der Begriff „Hawthorne-Effekt“ wurde aber erst von French (1953) eingeführt, so Rosenthal und Rosnow (1991).

Chiesa und Hobbs (2008) suchten nach Fachartikeln, die den Begriff „Hawthorne-Effekt“ als Schlüsselbegriff verwendeten. Darüber hinaus untersuchten sie, wie oft und in welcher Bedeutung der Begriff in Lehrbüchern verwendet wird. Dabei unterscheiden sie „ältere“ (Erscheinungsdatum 1953-1985) und „neuere“ (1986-2003) Lehrbücher. Von den 115 älteren Lehrbüchern erwähnen 19 den Begriff, von den 112 neueren Büchern 29. Der Begriff scheint also eher häufiger verwendet zu werden. Weiter unterscheiden Chiesa und Hobbs die verschiedenen wissenschaftlichen Teilgebiete, in denen der Hawthorne-Effekt erwähnt wird. Die meisten Erwähnungen erfolgen im Zusammenhang mit Forschungsmethoden, gefolgt von den Teilbereichen „Organisationspsychologie“ und „Geschichte der Psychologie“. Aber auch im Bereich der Entwicklungspsychologie wird nicht selten auf den Begriff „Hawthorne-Effekt“ Bezug genommen.

Chiesa und Hobbs stellen fest, dass viele Lehrbuchautoren den Begriff „Hawthorne-Effekt“ in verschiedener Weise verwenden. Dieselben Autoren verwenden den Begriff bisweilen im selben Lehrbuch nebeneinander in zweierlei Bedeutungen (z. B. Davis & Shackleton, 1975, S. 46 und S. 55), ohne diese Divergenz aufzuklären. In der ersten Bedeutung etwa ist der Hawthorne-Effekt eine Leistungssteigerung aufgrund einer Veränderung in der Arbeitswelt der Mitarbeiter. In der zweiten Bedeutung bedeutet der Begriff, dass sich die Leistung der Mitarbeiter verbessert, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden.

Insgesamt fanden Chiesa und Hobbs mindestens sechs verschiedene Bedeutungen, die dem Hawthorne-Effekt von Lehrbuchautoren zugeschrieben werden. So sei die Leistungssteigerung der Mitarbeiter in den Hawthorne-Werken auf

  • die Neuheit der Situation (z. B. Gardiner, 1980),
  • eine beliebige Veränderung (z. B. Woolfolk & McCune-Nicolich, 1984),
  • die Künstlichkeit der Untersuchungssituation (z. B. French, 1953),
  • den Glauben der Arbeiter, dass man ihnen etwas Gutes tun wolle (z. B. Davis & Shackleton, 1975),
  • das Bewusstsein der Arbeiter, dass sie beobachtet werden (z. B. Woolfolk & McCune-Nicolich, 1984) und
  • eine geringere Langeweile der Arbeiter (z. B. Gardiner, 1980)

zurückzuführen.

Chiesa und Hobbs unterscheiden fünf Kategorien, die im Zusammenhang mit dem Hawthorne-Effekt eine Rolle spielen und bei denen sich die sehr unterschiedlichen Auslegungen des Effekts bemerkbar machen:

  1. Umwelteinflüsse
  2. Intervenierende Variablen
  3. Verhaltensänderungen
  4. Welcher Disziplin oder Forschungsrichtung der Effekt zuzuordnen sei
  5. Konzepte, die mit dem Hawthorne-Effekt in Verbindung stehen sollen

Ad 1.:

Bei den Umwelteinflüssen, die beim Hawthorne-Effekt eine Rolle spielen, werden genannt: „neue Methoden“, „Innovation“, „Veränderung“. Die Forscher sollen den Effekt ausgelöst haben „nur durch Beobachtung“, „nur durch die Untersuchung“, die „bloße Anwesenheit des Forschers“, die Führungskräfte durch „warmes Arbeitsklima“, „freundliche Aufsicht“, „Anteilnahme zeigen“, „besondere Aufmerksamkeit“.

Ad 2.:

Die vermittelnden Faktoren, die den Effekt bewirkt haben, sollen u. a. „psychologische“ oder „subjektive“ sein, diese sollen „das Bewusstsein“ der Arbeiter beinhalten, aber auch „größtenteils unbewusst“ wirken. Diesen Faktoren werden z. T. besondere Namen gegeben, z. B. „Erwartungen“, „Einstellungen“, „Glauben“, „Arbeitszufriedenheit“, „Gefühle des Stolzes“ und ein „Gefühl der Teilhabe“. Andererseits werden auch soziale Faktoren verantwortlich gemacht, so die „gute soziale Interaktion“, die „veränderte soziale Umwelt“, die „zwischenmenschlichen Beziehungen“ und die „sozialen Gruppenfaktoren“.

Ad 3.:

Meist wird auf eine vage „Veränderung“ des Verhaltens verwiesen. Etwas spezifischer heißt es, der Hawthorne-Effekt habe eine „verbesserte Leistung“ und „gesteigerte Produktivität“ zur Folge gehabt. Selten wird auf eine geringere Leistung verwiesen. In einem Lehrbuch wird ein „umgekehrter Hawthorne-Effekt“ (Fisher & Lerner, 1994, S. 458) erwähnt.

Ad 4.:

Der Effekt soll vor allem bei der „Arbeit“ eine Rolle spielen, als Disziplinen werden die „Soziologie“ und die „Sozialpsychologie“ angegeben. Manchmal geht es vor allem um die „Forschung im allgemeinen“, insbesondere um den „Versuch, Variablen zu kontrollieren“ oder die Rolle „künstlicher Bedingungen“.

Ad 5.:

Mit dem Hawthorne-Effekt verwandt scheint der „Placebo-Effekt“ zu sein, aber auch die „Reaktivität“, die „soziale Erleichterung (social faciliation) und Hemmung“, die „Suggestion“ und die „affektive Stimulation“. Auch die „ökologische Validität“ und die „Anforderungscharakteristik“ eines Experiments scheinen mit dem Effekt zu tun zu haben.

Chiesa und Hobbs zeigen sich erstaunt, wie viele verschiedene, zum Teil sich widersprechende Phänomene der Hawthorne-Effekt beinhaltet.

Der Hawthorne-Effekt ist schon früher kritisiert worden. Die Studien als solche sind fehlerhaft. So sind in einer der wichtigsten Teil-Studien zwei der fünf Teilnehmerinnen während der Untersuchung ausgetauscht worden. Die Gründe sind fraglich, eine der beiden Teilnehmerinnen soll zu stark kommunistisch orientiert gewesen sein („one oft he girls had gone Bolshevik“, S. 71).

Von den 18 Artikeln, die seit 2000 den Hawthorne-Effekt erwähnten, nennen 10 überhaupt keine Quelle, drei weitere nennen Roethlisberger und Dickson (1939) als Quelle für den Begriff, obschon diese ihn gar nicht verwendeten.

Die meisten Lehrbücher und Artikel verwenden den Begriff ohne ihn kritisch zu hinterfragen. Viele bezeichnen der Effekt als „berühmt“, „wohlbekannt“ oder „klassisch“. Hobbs & Chiesa (2003) hatten bereits angemerkt, dass die Leichtigkeit, mit der ein Phänomen oder ein Ergebnis erwähnt wird, die Verbreitung von Falschinformationen und Mythen in der Wissenschaft begünstigt. So ist bekannt, dass u. a. diese Studien in den meisten Fällen in der Sekundärliteratur falsch dargestellt werden:

  • Zur Konformität von Asch (vgl. Friend et al., 1990).
  • Zu Gerüchten von Allport und Postman (vgl. Treadway & McCloskey, 1987)
  • Zur Konditionierung des „kleinen Albert“ von Watson und Rayner (vgl. Paul & Blumenthal, 1989)

Todd und Morris (1992) bezeichneten das Phänomen, dass Falschdarstellungen von Studienergebnissen in der Lehrbuchliteratur und in Fachzeitschriften weit verbreitet werden, als „akademische Folklore“.

Das prominenteste Opfer einer negativen Folklore dürfte B. F. Skinner sein, der sich aufgrund von Falschdarstellungen genötigt sah, ein ganzes Buch zu schreiben, das nur davon handelt, was sein „radikaler Behaviorismus“ alles nicht ist (Skinner, 1974). Auch heute fällt es schwer, für das, was Skinner tatsächlich gesagt hat, Gehör zu finden, denn in den einführenden Lehrbüchern, die alle Studenten der Psychologie und verwandter Fächer lesen, finden sich nur die falschen Darstellungen (vgl. auch Ickler, 1994).

Das ursprüngliche Anliegen der Hawthorne-Studien war, herauszufinden, welchen Einfluss verschiedene Beleuchtungsgrade auf die Produktivität der Mitarbeiterinnen haben. Doch der Begriff „Hawthorne-Effekt“ wird mittlerweile in völlig anderen Zusammenhängen benutzt. Je leichter der Begriff verwendet wird, desto inhaltsleerer wird er. Statt der Beleuchtung hatten die Forscher unfreiwillig auch das soziale Klima verändert, was wiederum das Verhalten veränderte. Doch ist der Begriff „soziales Klima“ so unpräzise, dass wir über den Einfluss der experimentellen Bedingungen auf die Leistung keine Aussagen treffen können. Auch der Begriff der „sozialen Erleichterung“ (social faciliation) – der Umstand, dass ein Verhalten durch die Anwesenheit einer anderen Person ausgelöst werden kann – bringt uns nicht weiter. Natürlich hat die Anwesenheit einer Person Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiterinnen. Doch steht der „sozialen Erleichterung“ die „soziale Hemmung“ (social inhibition) gegenüber – der Umstand, dass die Anwesenheit einer anderen Person ein Verhalten hemmen kann – und wir sind ratlos, was jetzt der Hawthorne-Effekt eigentlich war. Einen unklaren Begriff wie den Hawthorne-Effekt durch unklare andere Begriffe zu erklären, bringt uns nicht weiter.

Schon Olson et al. (2004, S. 35) fanden, dass der Begriff „Hawthorne-Effekt“ womöglich überflüssig ist. Er birgt die Gefahr, dass Studenten, die ihn beigebracht bekommen, davon ausgehen, er stünde für etwas (so dass sie dem Fehler der Reifikation erliegen) und dass sie ihn dann als Erklärung akzeptieren, obwohl er in Wirklichkeit nichts erklärt. Chiesa und Hobbs (2008) schließen sich dieser Einschätzung an: „it provides no useful information for readers in terms of evaluating specific controlling effects“ (S. 73).

Literatur

Chiesa, Mecca & Hobbs, Sandy. (2008). Making sense of social research: How useful is the Hawthorne Effect? European Journal of Social Psychology, 38(1), 67-74. doi:10.1002/ejsp.401 PDF 102 KB

Davis, D. R. & Shackleton, V. I. (1975). Psychology and work. London: Methuen.

Fisher, C. B. & Lerner, R. M. (1994). Applied Developmental Psychology. New York: McGraw-Hill.

French, J. R. P. (1953). Experiments in field settings. In L. Festinger & D. Katz (Eds.), Research methods in the behavioral sciences (pp. 98-135). New York: Holt, Rinehart and Winston.

Friend, R.; Rafferty, Y. & Bramel, D. (1990). A puzzling misrepresentation of the Asch “conformity” study. European Journal of Social Psychology, 20, 29-44.

Gardiner, L. (1980). The psychology of teaching. Belmont, CA: Brooks/Cole.

Hobbs, S. & Chiesa, M. (2003). Errors of omission and commission: The analysis of misrepresentation in secondary sources. History and Philosophy of Psychology, 5(1), 46-56.

Ickler, T. (1994). Skinner und „Skinner“. Ein Theorien-Vergleich. Sprache und Kognition, 13, 221-229.

Olson, R.; Verley, J.; Santos, L. & Salas, C. (2004). What we teach students about the Hawthorne studies: A review of content within a sample of introductory I-O and OB textbooks. The Industrial-Organizational Psychologist, 41, 23-39.

Paul, D. B. & Blumenthal, A. L. (1989). On the trail of Little Albert. Psychological Record, 39, 547-553.

Roethlisberger, F. J. & Dickson, W. J. (1939). Management and the worker. Cambridge MA: Harvard University Press.

Rosenthal, R. & Rosnow, R. L. (1991). Essentials of behavioral research: Methods and data analysis (2nd ed.). New York: McGraw-Hill.

Skinner, B. F. (1974). About Behaviorism. New York: Knopf.

Todd, J. T. & Morris, E. K. (1992). Case histories in the great power of steady misrepresentation. American Psychologist, 47, 1441-1453.

Treadway, M. & McCloskey, M. (1987). Cite unseen: Distortions of the Allport and Postman rumor study in the eyewitness testimony literature. Law and Human Behavior, 11, 19-25.

Woolfolk, A. E. & McCune-Nicolich, L. (1984). Educational Psychology for Teachers (2nd ed.). Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

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Albert und Peter

Beim Bericht über die „Wahrheit über den kleinen Albert“ erwähnte ich, dass das Experiment von Watson und Rayner (1920) trotz seiner vielen Fehler zu den späteren Erfolgen der Verhaltenstherapie beitrug. Die wichtigsten Anwendungen der Verhaltenswissenschaften basieren auf dem operanten Konditionieren. Aber auch die Forschung zur klassischen  Konditionierung, die unter anderem Pawlow und Watson betrieben,  war der Ausgangspunkt für therapeutische Anwendungen.

Die Vorgänge beim klassischen Konditionieren spielen eine große Rolle in der Therapie von Phobien. Watson und Rayner (1920) induzierten mittels der klassischen Konditionierung eine phobische Reaktion auf Ratten bei einem 11 Monate alten Jungen („Albert“), indem sie jedes Mal, wenn sich eine Ratte in der Nähe befand, durch ein lautes Geräusch eine Schreckreaktion bei Albert auslösten. Binnen kurzen zeigte Albert, der zuvor mit den Ratten gespielt hatte, alle Anzeichen der Angst, sobald sich eine Ratte zeigte.

Mary Cover Jones (1924a; 1924b) wiederum konnte durch Techniken auf der Grundlage des klassischen Konditionierens die Angst vor Kaninchen bei einem dreijährigen Jungen („Peter“) therapieren. Jedes Mal, wenn sich ein Kaninchen in Peters Sichtfeld befand, erhielt das Kind Kekse und Milch. Nach und nach wurde der Abstand zwischen Peter und dem Kaninchen verkleinert, sodass das Kind zuletzt dasaß, Kekse aß, Milch trank und dabei das Kaninchen streichelte. Man bezeichnet diese Form der Therapie von Phobien als Gegenkonditionierung.

Literatur

Jones, M. C. (1924a). The elemination of children’s fears. Journal of Experimental Psychology, 7, 382-390.

Jones, M. C. (1924b). A laboratory study of fear: The case of Peter. Pedagogical seminary, 31, 308-315.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-4.

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