Monatsarchiv: Juli 2013

Brailleschrift lernen in 22 Minuten!

Vor einer Weile berichtete ich hier über ein Brailleschriftlernprogramm. Mittlerweile liegt eine Evaluation des Programms vor, die die Vorzüge des Schnellkurses bestätigt.

Scheithauer, Tiger und Miller (2013) evaluierten das verhaltensanalytisch fundierte Programm zum Brailleschriftlernen von Scheithauer und Tiger (2012) mit insgesamt 81 Versuchspersonen. Wieder wurde vor dem Programm festgestellt, ob die Person normale Schrift flüssig lesen konnte (alle konnten das). In einem Multiple-Choice-Test wurde erfasst, wie viele Braillebuchstaben sie entziffern konnte; die Trefferquote lag bei 20 %, was einem Zufallswert entspricht. Keine der Versuchspersonen konnte auch nur ein Wort in Braille lesen.

Sodann übten die Versuchspersonen die Brailleschrift mit dem von Scheithauer und Tiger (2012) entwickelten Verfahren. 40 Versuchspersonen lernten, wie in der ursprünglichen Studie, mittels eines Multiple-Choice-Verfahrens, die anderen 41 Versuchspersonen sollten bei den Antworten die entsprechende Taste auf der Tastatur drücken (d. h. auf den Buchstaben „k“ drücken, wenn am Bildschirm das Braillezeichen für „k“ angezeigt wurde). Um den Kurs abschließen zu können, musste die Versuchspersonen bei zwei aufeinanderfolgenden Terminen mindestens 95 % der Aufgaben richtig bearbeiten. Insgesamt benötigten die Versuchspersonen der Multiple-Choice-Gruppe im Schnitt 21,9 Minuten, um den Kurs abzuschließen, die Versuchspersonen der Gruppe, die ihre Antworten über die Tastatur eingeben musste, brauchten dafür durchschnittlich 23,6 Minuten.

Im Abschlusstest sollten die Versuchspersonen wieder die gleichen Multiple-Choice-Aufgaben bearbeiten wie im Vortest. Die Versuchspersonen in beiden Gruppen erreichten nun eine Trefferquote von 99,6 %. Beim Lesetest konnten die Versuchspersonen der Multiple-Choice-Gruppe im Schnitt in fünf Minuten 26,3 Wörter in der Brailleschrift vorlesen, in der Tastatur-Gruppe waren es 25,8 Wörter.

Zwischen sieben und 14 Tagen nach dem Abschluss des Kurses (im Schnitt zehn Tage später) sollten die Versuchspersonen erneut zu einem Test antreten. 67 Versuchspersonen (33 in der Multiple-Choice- und 34 in der Tastaturgruppe) kamen dieser Aufforderung nach. Erneut wurde ein Multiple-Choice-Test vorgegeben, dieses Mal mit anderen Buchstaben. Nun lag die Trefferquote in der Multiple-Choice-Gruppe noch bei 89,5 %, in der Tastaturgruppe bei 83,5 %. Beim Lesetest sollten die Versuchspersonen einen neuen Text vorlesen. Die Versuchspersonen der Multiple-Choice-Gruppe konnten jetzt im Schnitt 22,8 Wörter in fünf Minuten lesen, die Versuchspersonen der Tastaturgruppe lasen durchschnittlich 16,9 Wörter.

Alle bisher berichteten Unterschiede zwischen beiden Gruppen waren nicht signifikant. Allerdings machte die Tastaturgruppe während des Kurses im Schnitt signifikant mehr Fehler (55,3) als die Multiple-Choice-Gruppe (35,3).

Beide Gruppen gaben in einem Fragebogen an, dass sie den ganzen Kurs als sehr angenehm und nützlich empfanden, die Tastaturgruppe fand das sogar zu einem höheren Ausmaß (5,5 auf einer Rating Skala von 1 bis 6) als die Multiple-Choice-Gruppe (5,0).

Die Methode von Schaithauer und Tiger (2012) eignet sich dazu, z. B. Studenten der Sonder- oder Sozialpädagogik auf einfache Weise mit den Grundlagen der Brailleschrift vertraut zu machen und so evtl. zu einem vertieften Studium der Brailleschrift hinzuführen. Angesichts des berichteten Mangels an geeigneten Lehrkräften für Braille ist dies ein sinnvoller Ansatz, dem man auch hierzulande Verbreitung wünschen kann.

Literatur

Scheithauer, Mindy C. & Tiger, Jefrey H. (2012). A computer-based program to teach Braille reading to sighted individuals. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(2), 315-327. PDF 978 KB

Scheithauer, Mindy C.; Tiger, Jefrey H. Miller, Sarah J. (2013). On the efficacy of a computer-based program to teach visual Braille reading. Journal of Applied Behavior Analysis, 46(2), 436-443.

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Eingeordnet unter Pädagogik, Verhaltensanalyse

Verdammt noch mal, lass das Fluchen!

Wer als Kind oft fürs Fluchen bestraft wurde, ist als Erwachsener aufgeregter als andere, wenn er flucht.

Man kann nicht einfach sagen, was man will. Bestimmte Wörter sind zwar gebräuchlich, aber gesellschaftlich nicht akzeptiert, u. a. Schimpfwörter und Flüche. Schon länger ist bekannt, dass Menschen, die in Experimenten sogenannte Tabu-Wörter vorlesen müssen, eine stärkere Reaktion bei der Messung ihres Hautwiderstands zeigen als Menschen, die neutrale Wörter vorlesen. Der Hautwiderstand ist ein Indikator für die allgemeine physiologische Erregung. Warum aber versetzt uns das Aussprechen von Schimpfwörtern in Aufregung? – Die verhaltensanalytische Erklärung lautet, dass es sich um ein Resultat unserer Lerngeschichte handelt. Wir sind in unsere Vergangenheit öfters für das Aussprechen dieser Wörter bestraft worden. Bestrafung führt zu emotionaler Erregung, diese wiederum überträgt sich auf die Handlungen, für die wir bestraft werden: Wir sind aufgeregt, wenn wir etwas Verbotenes tun. Fluchen und Schimpfworte sagen, ist etwas (mehr oder weniger) Verbotenes, also sind wir dabei auch (mehr oder weniger) aufgeregt. Ein Hinweis, dass die Vermutung, die Lerngeschichte sei dafür verantwortlich, richtig ist, ergibt sich aus einer Studie von Harris et al. (2003). Diese hatten herausgefunden, dass mehrsprachige Versuchspersonen erregter waren, wenn sie Flüche in ihrer Muttersprache vorlasen als wenn sie Flüche in der Zweitsprache vorlasen. Die Muttersprache wurde in der Kindheit, die Zweitsprache erst im Erwachsenenalter erlernt.

Eine erste direkte Bestätigung dieser Vermutung gelang nun Tomash und Reed (2013). Diese ließen 26 Versuchspersonen jeweils zehn Schimpfwörter (z. B. „fuck“, „asshole“, „cocksucker“), zehn emotional gefärbte Wörter, die aber keine Schimpfwörter sind (z. B. „hate“, „death“, „suicide“) und zehn neutrale Wörter (z. B. „light“, „window“, „animal“) vorlesen. Währenddessen wurde der Hautwiderstand der Versuchsperson abgeleitet. Zusätzlich erfragten die Forscher u. a., wie oft die Versuchsperson täglich fluchte und wie häufig sie als Kind für das Fluchen bestraft worden war.

Die Versuchspersonen waren allgemein physiologisch erregter, wenn sie die Schimpfworte vorlasen. Sie waren kaum erregt, wenn sie die neutralen Wörter vorlasen und mäßig erregt, wenn sie die emotionalen Wörter vorlasen. Die Unterschiede waren jeweils signifikant. Zudem waren diejenigen Versuchspersonen, die angaben, als Kinder häufiger fürs Fluchen bestraft worden zu sein, erregter als die Versuchspersonen, die von ihren Eltern selten bestraft wurden. Die Forscher hatten außerdem vermutet, dass Menschen, die häufig fluchen, dabei weniger erregt sind. Dies war jedoch nicht der Fall.

Literatur

Harris, Catherine; Aycicegi, Ayse & Gleason, Jean Berko. (2003). Taboo words and reprimands elicit greater autonomic reactivity in a first than a second language. Applied Psycholinguistics, 24(4), 561-579.

Tomash, J. J. & Reed, Phil. (2013). The relationship between punishment history and skin conductance elicited during swearing. The Analysis of Verbal Behavior, 29, 109-115. PDF 362 KB

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Eingeordnet unter Sprache, Verhaltensanalyse

Bärendressur mittels kontingenter Verstärkung mit Futter

Wenn Bären dressiert wurden, kam dabei in der Regel massive Gewalt zur Anwendung. Diesem Herrn ist es gelungen, seinem Bären mittels kontingenter Gabe von essbaren Verstärkern etliche, ganz erstaunliche Kunstsstücke beizubringen, anscheinend ohne den Einsatz aversiver Reize (ob das alles überhaupt sein muss, will ich nicht beurteilen).

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06/07/2013 · 08:47