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„Prochaska“ und die Hand wird warm!

Ein Experiment von 1937 zeigte, wie sich auch menschliche Körperreaktionen klassisch konditionieren lassen. Im Anschluss an die Konditionierung genügte ein Signalwort („Prochaska“) und die Hautemperatur der Versuchspersonen veränderte sich.

Hand in WasserRoderick Menzies (1937) legte eine Hand seiner Versuchspersonen in einen Behälter mit Eiswasser. Daraufhin veränderte sich die Hauttemperatur an der anderen Hand. Dies ist ein aus der Physiologie seit Langem bekannter Vorgang. Während dieser Prozedur aber flüsterte Menzies den Versuchspersonen das (im Englischen) bedeutungslose Wort „Prochaska“ ins Ohr. Nachdem der unbedingte Reiz des Eiswassers an der einen Hand und das Flüstern des bedingten Reizes „Prochaska“ mehrere Mal gepaart worden waren, testet Menzies seine Versuchspersonen ohne dass diese eine Hand in Eiswasser legen mussten. Nun genügte allein das Flüstern von „Prochaska“, um bei den Versuchspersonen einer Änderung der Temperatur der Hände zu bewirken. Klassische Konditionierung hatte stattgefunden.

Gedenktafel für Georg Prochaska am Jesuitenkolleg in ZnaimMurray Sidman (2012) merkt an, dass Menzies, der vermutlich einen tschechische „Migrationshintergrund“ hatte, das Wort „Prochaska“ nicht ohne Grund gewählt haben könnte. „Prochaska“ ist nämlich der Name eines berühmten tschechischen Arztes, Georg Prochaska (1749-1820).

Literatur

Menzies, Roderick. (1937). Conditioned vasomotor responses in human subjects. Journal of Psychology, 4, 75-120.

Sidman, Murray. (2012). Unsolved puzzles: Where to find them? European Journal of Behavior Analysis, 13(1), 137-140.

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Einige kritische Anmerkungen zur Wissenschaftlichkeit in der Psychologie

Murray Goddard (2009) zeigt an etlichen Beispielen auf, wie schwer es gute Forschung in der Psychologie hat, wenn ihre Ergebnisse dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen und wie leicht plausibler Unfug Verbreitung findet. Im besonderen Maße leidet die Verhaltensanalyse unter diesen Umständen: Der radikale Behaviorismus widerspricht oft dem, was Laien für selbstverständlich halten. Die kognitive Psychologie tut sich leichter: Viele ihrer Konzepte sind lediglich die in eine wissenschaftlich klingende Sprache übersetzten Begriffe der Vernacular, der Alltagssprache.

Peters und Ceci (1982) reichten zwölf Artikel, die in den letzten 18 bis 32 Monaten in psychologischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren, erneut bei diesen Zeitschriften ein, jedoch unter einem anderen, unbekannten Namen (z. B. „Dr. Wade M. Johnston vom Tri-Valley Center for Human Potential“). Nur bei drei Artikeln wurde der Umstand, dass derselbe Artikel schon mal erschienen war, überhaupt bemerkt. Bei den anderen neun Artikeln sprachen sich 16 der 18 Gutachter gegen die Veröffentlichung aus. Zumeist wurden „schwere methodische Fehler“ als Grund für die Ablehnung genannt. Der Anteil der abgelehnten Artikel ist in der Psychologie mit rund 75 % höher als in den meisten anderen Disziplinen (in der Physik liegt diese Quote bei etwa 25 %, so Cole, 2000). Goddard (2009) vermutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein eingereichter Artikel veröffentlicht wird, in der Psychologie mehr davon abhängt, ob und wo der Autor bislang veröffentlicht hatte und weniger davon, wie gut oder schlecht der Artikel tatsächlich ist. Doch selbst wenn Artikel anonym eingereicht werden müssen, schützt dies nicht vor Verzerrungen. Goddard (2009) nennt etliche Beispiele:

Ein plausibles Studienergebnis wird mit höherer Wahrscheinlichkeit veröffentlicht als ein kontraintuitives. So wurde etwa Milgrams (1963) berühmtes Gehorsamsexperiment zunächst von zwei Fachzeitschriften abgelehnt, ehe es veröffentlicht werden konnte. Auch die Versuche von Garcia und Kollegen (Garcia & Koelling, 1966; Garcia, Ervin & Koelling, 1966) wurden erst abgelehnt. Die Versuche belegen, dass sich Abneigungen gegen Geräusche eher durch elektrische Schocks und Abneigungen gegen Speisen eher durch Geschmacksreize konditionieren lassen und dass sich letztere auch bei zeitliche Abständen von einer Stunde zwischen dem Geschmacksreiz und dem Auftreten von Übelkeit konditionieren lassen. Zudem werden Geschmacksaversionen auch dann klassisch konditioniert, wenn sich die Person darüber im Klaren ist, dass die entsprechende Speise nicht die Ursache der Übelkeit ist. Dies ist z. B. bei der Chemotherapie der Fall. Nahrungsmittel, die die Person vor der Chemotherapie gegessen hat (z. B. Speiseeis), werden danach als ekelerregend wahrgenommen, auch wenn der Patient weiß, dass die Übelkeit durch die Chemotherapie und nicht durch das Nahrungsmittel ausgelöst wurde (Carey & Burish, 1988).

In einer Studie von Rind, Tromovitch und Bauserman (1998) konnte gezeigt werden, dass nur wenige Menschen, die nach ihren Angaben als Kind sexuell missbraucht worden waren, als Erwachsene psychisch krank werden (die Korrelationen lagen deutlich unter 0,14). Die Studie belegt überzeugend, dass sexueller Missbrauch nicht notwendigerweise schädlich ist. Dennoch rief die Studie heftige Kritik hervor. In der in den USA populären Radiosendung „Dr. Laura“ wurde der Artikel als pseudowissenschaftlich (junk science) diffamiert. Dr. Laura zweifelte die Motive der Autoren an und schlug vor, dass Studienergebnisse, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen, als falsch angesehen werden sollten. Eine solche Aussage, der nach Goddards Ansicht (2009) die meisten Menschen zustimmen würden, macht jegliche Bemühungen um gute Forschungsmethoden (z. B. den Einsatz von Kontrollgruppen, die experimentelle Verblindung usw.) obsolet. Ähnlich argumentieren auch die Anhänger der Paramedizin: Homöopathie und andere Verfahren „wirkten“ doch augenscheinlich. Wenn in wissenschaftlichen Studien herauskäme, dass diese Wirkung nur auf einem Placeboeffekt beruhe, dann seien diese Forschungen irrelevant. Auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens verschafft sich der „Erfahrungsfundamentalismus“ („ich habe erlebt, dass es wirkt, also müssen die Forschungsergebnisse falsch sein“) immer breitere Geltung. So wird gerade von konservativen Politikern gerne behauptet, es sei doch selbstverständlich, dass härtere Strafen ein wirksames Mittel gegen kriminelles Verhalten seien. Diese Einschätzung ist vielleicht plausibel, sie lässt sich jedoch empirisch nicht belegen (Genderau, Smith & French, 2006). Sogenannte Boot Camps zeigen wenig Wirkung, aber sie entziehen den empirisch geprüften Methoden die notwendigen Ressourcen (Genderau, Goggin, Cullen & Andrews, 2000).

Auch die klinischen Praktiker (Therapeuten und Ärzte) kümmern  sich oft wenig um wissenschaftliche Erkenntnisse. So ist die kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapie mehrfach als die am besten empirisch geprüfte und effizienteste Methode zur Behandlung von Bulimie bei Erwachsenen empfohlen worden (Wilson, Grilo & Vitousek, 2007), dennoch wird sie in der Praxis kaum eingesetzt. Vielen Therapeuten ist es schlicht egal, was die Wissenschaft sagt.

In besonderem Maße ist die Verhaltensanalyse von dieser Bevorzugung „plausibler“ Forschungsergebnisse betroffen. Viele Erkenntnisse der Verhaltensanalyse sind kontraintuitiv. Auch hier nennt Goddard (2009) einige Beispiele:

Hildum und Brown (1956) konnten in Telefoninterviews die Aussagen der Angerufenen dadurch beeinflussen, dass sie auf bestimmte Äußerungen (in denen die Angerufenen Ausgaben für die Bildung entweder befürworteten oder ablehnten) mit dem Wort „gut“ reagierten, auf andere aber nicht. Mit der Zeit häuften sich die Aussagen, auf die der Interviewer mit „gut“ reagierte, d. h. die Angerufene äußerte sich häufiger positiv (oder negativ) bezüglich der Ausgaben für die Bildung. Die Angerufenen waren sich dessen nicht bewusst und bestritten, durch die Reaktionen des Interviewers in ihren „Meinungen“ beeinflusst worden zu sein.

Wilson und Nisbett (1978) ließen ihre Versuchspersonen Wortpaare lernen (z. B. „Beeren – lila“ oder „Ozean – Mond“). Diese Lernerfahrung hatte Einfluss darauf, welche Antworten die Probanden anschließend in einem Test gaben. Probanden, die „Beeren – lila“ gelernt hatten, gaben z. B. auf die Frage welche Frucht ihnen als erstes einfällt, doppelt so häufig wie die anderen Versuchspersonen die Antwort „Trauben“. Das Gleiche galt für Probanden, die u. a. „Ozean – Mond“ gelernt hatten. Sie antworteten auf die Frage, welches Waschmittel ihnen als erstes einfällt, meist mit „Tide“ (englisch für „Flut“ – eine in den USA verbreitete Marke).

Auch im Bereich des Lernens am Modell (Imitationslernen) gibt es unerwartete Befunde. Phillips (1983) fand etwa, dass die Mordrate in den USA im Anschluss an Boxkämpfe um 10 % anstieg. Zudem scheint nicht nur die Art, wie sich Menschen umbringen, sondern auch die absolute Zahl an Suiziden, mit den in den Medien publizierten Fällen zu korrelieren (sog. Werther-Effekt), was man bedenken sollte wenn wieder mal über den Suizid eines Prominenten berichtet wird (Phillips, 1980).

Literatur

Carey, M. P. & Burish, T. G. (1988). Etiology and treatment of the psychological side effects associated with cancer chemotherapy: A critical review and discussion. Psychological Bulletin, 104(3), 307-325.

Cole, S. (2000). The role of journals in the growth of scientific knowledge. In B. Cronin & H. Barsky Atkins (Eds.), The web of knowledge: A festschrift in honor of Eugene Garfield (pp. 109-142). Medford, NJ: Information Today.

Garcia, J.; Ervin, F. R. & Koelling, R. A. (1966). Learning with prolonged delay of reinforcement. Psychonomic Science, 5, 121-122.

Garcia, J. & Koelling, R. A. (1966). The relation of cue to consequence in avoidance learning. Psychonomic Science, 5, 123-124.

Gendreau, P.; Goggin, C.; Cullen, F. T. & Andrews, D. A. (2000). Does “getting tough” with offenders work? The effects of community sanction and incarceration. Forum on Correctional Research, 12, 10-13.

Gendreau, P.; Smith, P. & French, S. A. (2006). The theory of effective correctional intervention: Empirical status and future directions. In F. T. Cullen, J. P. Wright, & K. R. Blevins (Eds.), Taking stock: The status of criminological theory (pp. 419-446). Piscataway, NJ: Transaction Publishers.

Goddard, Murray J. (2009). The impact of human intuition in psychology. Review of General Psychology, 13(2), 167-174.

Hildum, Donald C. & Brown, Roger W. (1956). Verbal reinforcement and interviewer bias. Journal of Abnormal and Social Psychology, 53(1), 108-111.

Milgram, S. (1963). Behavioral study of obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67, 371-378.

Peters, Douglas & Ceci, Stephen J. (1982). Peer-review practices of psychological journals: The fate of published articles, submitted again. Behavioral and Brain Sciences, 5(2), 187-255.

Phillips, D. P. (1980). Airplane accidents, murder, and the mass media: Towards a theory of imitation and suggestion. Social forces, 58, 1001-1024.

Phillips, D. P. (1983). The impact of mass media violence in U.S. homicides. American Sociological Review, 48, 560-568.

Wilson, G. T., Grilo, C. M., & Vitousek, K. M. (2007). Psychological treatment of eating disorders. American Psychologist, 62, 199-216.

Wilson, T. D., & Nisbett, R. E. (1978). The accuracy of verbal reports about the effects of stimuli on evaluations and behavior. Social Psychology,41, 118-131.

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Albert und Peter

Beim Bericht über die „Wahrheit über den kleinen Albert“ erwähnte ich, dass das Experiment von Watson und Rayner (1920) trotz seiner vielen Fehler zu den späteren Erfolgen der Verhaltenstherapie beitrug. Die wichtigsten Anwendungen der Verhaltenswissenschaften basieren auf dem operanten Konditionieren. Aber auch die Forschung zur klassischen  Konditionierung, die unter anderem Pawlow und Watson betrieben,  war der Ausgangspunkt für therapeutische Anwendungen.

Die Vorgänge beim klassischen Konditionieren spielen eine große Rolle in der Therapie von Phobien. Watson und Rayner (1920) induzierten mittels der klassischen Konditionierung eine phobische Reaktion auf Ratten bei einem 11 Monate alten Jungen („Albert“), indem sie jedes Mal, wenn sich eine Ratte in der Nähe befand, durch ein lautes Geräusch eine Schreckreaktion bei Albert auslösten. Binnen kurzen zeigte Albert, der zuvor mit den Ratten gespielt hatte, alle Anzeichen der Angst, sobald sich eine Ratte zeigte.

Mary Cover Jones (1924a; 1924b) wiederum konnte durch Techniken auf der Grundlage des klassischen Konditionierens die Angst vor Kaninchen bei einem dreijährigen Jungen („Peter“) therapieren. Jedes Mal, wenn sich ein Kaninchen in Peters Sichtfeld befand, erhielt das Kind Kekse und Milch. Nach und nach wurde der Abstand zwischen Peter und dem Kaninchen verkleinert, sodass das Kind zuletzt dasaß, Kekse aß, Milch trank und dabei das Kaninchen streichelte. Man bezeichnet diese Form der Therapie von Phobien als Gegenkonditionierung.

Literatur

Jones, M. C. (1924a). The elemination of children’s fears. Journal of Experimental Psychology, 7, 382-390.

Jones, M. C. (1924b). A laboratory study of fear: The case of Peter. Pedagogical seminary, 31, 308-315.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-4.

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