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Warum die Psychologie ihre Versprechen nicht einlösen konnte

Die Psychologie wird als Wissenschaft oft nicht so ganz für voll genommen. Hank Schlinger (2004) meint, dass dies vor allem daran liegt, dass die Psychologie nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnte. Auch viele prominente Psychologinnen und Psychologen sind der Ansicht, dass die Psychologie mehr versprach, als sie halten konnte. Tatsächlich kann die Psychologie wenige bemerkenswerte Entdeckungen und wenig zufriedenstellende Erklärungen vorweisen. Die Hauptursache hierfür ist laut Schlinger (2004) die Betonung des Geistes anstelle des Verhaltens. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften (wie Biologie oder Chemie) hat sich die Psychologie methodisch den Sozialwissenschaften mit ihren Prinzipien der Hypothesentestung und den Methoden der Inferenzstatistik angeschlossen.

Wissenschaften sollten zwei Ziele anstreben: Sie sollten uns dazu befähigen, die physische und biologische Welt beeinflussen zu können. Die Naturwissenschaften können dies oft, wie man an Impfungen, Antibiotika, Halbleitern und vielen anderen technischen Errungenschaften erkennen kann. Ein zweites Ziel der Wissenschaften besteht darin, Erklärungen für die Komplexität der Welt zu liefern, die elegant und befriedigend sind.

In der Psychologie gibt es keinen einheitlichen Erklärungsrahmen. Die Psychologie gibt das Bild einer Ansammlung von Subdisziplinen, die nicht durch ein gemeinsames Prinzip geeint werden. Hinzu kommt das vorwissenschaftliche Vokabular der Psychologen, mit solchen Ausdrücken wie Geist, Gedächtnis, Denken und Bewusstsein. Mit diesen Begriffen schlagen sich Psychologen und Philosophen schon seit vielen Jahrhunderten, man muss sagen, ohne Erfolg, herum.

Wissenschaften sollen nach gängiger Auffassung drei Aufgaben erfüllen: Sie sollen den ihnen zugewiesenen Realitätsbereich objektiv erfassen und messen können, sie sollen ihn experimentell kontrollieren können und sie sollen Voraussagen bezüglich dieses Realitätsbereiches treffen können.

Das von den meisten Psychologen genannte Aufgabengebiet der Psychologie, der ihr zugewiesenen Realitätsbereich, soll der Geist sein. Doch schon dieser Realitätsbereich entzieht sich dem Ziel der objektiven Beobachtung und Messung. Die Psychologie als Wissenschaft kann ihre (selbst dazu erklärte) abhängige Variable, die Kognitionen, weder beobachten noch messen. Daraus leitet sie die Vorgehensweise ab, offen sichtbares Verhalten nur deshalb zu untersuchen, um daraus Rückschlüsse auf kognitive Ereignisse zu ziehen.

Beispielsweise gehen die meisten Psychologen davon aus, dass der Begriff Gedächtnis sich auf eine Ansammlung von kognitiven Prozessen bezieht (z. B. das Codieren, Speichern und der Abruf von Informationen). Doch welche Prozesse und Strukturen machen nun in ihrer Gesamtheit das Gedächtnis aus? Kognitive Psychologen schließen allein aufgrund des beobachteten offenen Verhaltens auf die Strukturen und Prozesse des Gedächtnisses. Wenn ich auf der Straße einen alten Bekannten treffe und in der Lage bin, diesen mit seinem Namen zu begrüßen, greife ich aus dieser Sicht auf meine abgespeicherte Erinnerung an den Freund zurück. Doch ist dies lediglich eine zirkuläre oder gar tautologische Erklärung für das schlichte Verhalten, dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe.

Die Rede vom Geist führt auch zu einem unrettbar dualistischen Denken. Wie soll ein nicht materieller Geist das Gehirn beeinflussen und umgekehrt? Gelegentlich wird beteuert, jede Kognition sei letztlich das Ergebnis einer neurologischen Aktivität. Doch was ist dann die Kognition, wenn sie nicht Verhalten ist? Die Psychologie muss diese Antwort schuldig bleiben. Die meisten Begriffe innerhalb der Psychologie sind ihrem Wesen nach metaphorisch: kognitive Landkarten, Engramme, Kodierung, Abruf, sensorisches Register und Speicher. Dummerweise erfordert jedes kognitive Element in der Erklärung des offenen Verhaltens eine weitere Erklärung oder Rechtfertigung. Jeder neue Begriff muss letztendlich in der Währung physikalischer, biologischer oder verhaltensbezogene Ereignisse bezahlt werden. Die Psychologie verhält sich, so Palmer (2003), wie jemand, der seine Kreditkartenschulden begleicht, indem er eine andere Kreditkarte belastet. Dadurch wird die Erklärungslast der kognitiven Psychologie nur vermehrt, nicht reduziert.

Wenn ich beispielsweise den Namen meines Freundes ausspreche, wenn ich ihn sehe, wird gesagt, dass ich mich an seinen Namen erinnere, dass ich ihn wahrnehme oder wiedererkenne oder aber, dass ich eine Vorstellung von ihm habe, Wissen über ihn oder eine Repräsentation von ihm. In diesem Beispiel sollen das Gedächtnis, die Wahrnehmung, dass Wiedererkennen oder die Vorstellung unterschiedliche kognitive Prozesse sein. Doch der Beleg dafür, dass diese kognitiven Prozesse existieren, ist immer der gleiche: dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe (S. 128). Man könnte das gleiche Verhalten auf wesentlich sparsamere Art und Weise erklären, indem man sich auf bereits experimentell wohl bestätigte Prinzipien des Verhaltens bezieht. (Schlinger, 1992)

Die Psychologie rechtfertigt dieses Vorgehen oft damit, dass auch andere Wissenschaften über das Beobachtbare hinausgegangen und dadurch fortgeschritten sind. So erkannte Newton, dass der Mond eine Gravitationskraft auf das Meer ausübt und so die Gezeiten verursacht. Er erkannte dies, weil er es bei kleineren Objekten experimentell untersuchen konnte. Doch Psychologen gehen anders vor: Sie messen eine bestimmte Art von Ereignissen (Verhalten) mit der Absicht, über Ereignisse einer ganz anderen Natur (Kognitionen) zu sprechen. Astronomen befolgen das Prinzip der Sparsamkeit, indem sie Ereignisse, die sie nicht direkt untersuchen können, mit der geringstmöglichen Anzahl an Annahmen erklären, wobei diese Annahmen im kleineren Maßstab bestätigt werden konnten (im Weltall gelten die gleichen Naturgesetze wie im Physiklabor). Die theoretischen Annahmen von Psychologen dagegen basieren auf Annahmen, die niemals direkt getestet werden können. Solcherart konzentriert sich die Psychologie auf unbeobachtete Ereignisse, ehe sie überhaupt erst einmal versteht, wie die beobachteten Ereignisse zu Stande kommen. Sie zäumen das Pferd von hinten auf. Verhaltensanalytiker gehen umgekehrt vor, wie der Rest der Naturwissenschaftler. Sie beobachten offenes Verhalten, leiten hieraus Gesetzmäßigkeiten ab und nehmen an, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch für den nicht-objektiv beobachtbaren Anteil des Verhaltens gelten.

In der Psychologie dagegen gilt das Prinzip, dass beobachtetes Verhalten nur durch den Rückgriff auf unbeobachtbare Prozesse zufriedenstellend erklärt werden könne. Dies führt allerdings dazu, dass die Erklärungen allenfalls metaphorisch sein können. Beispielsweise erklärt man in der Psycholinguistik den „erstaunlichen Umstand“, dass Kinder relativ schnell ihre Muttersprache erlernen können, mit einem besonderen Konstrukt, dem Language Acqusition Device (LAD). Doch kann niemand das LAD beschreiben, geschweige denn erklären und dabei bekannte wissenschaftliche Prinzipien aus der Psychologie oder Biologie heranziehen. Das Problem der kognitiven Psychologie besteht darin, dass das ganze Feld durch und durch metaphorisch ist, weil die abhängige Variable, die Kognitionen, nie beobachtet werden kann. Ironischerweise müssen Psychologen deswegen ihre kognitiven Phänomene immer als beobachtbares Verhalten operationalisieren. Sie tun dies aber nicht, weil sie Verhalten als Forschungsgegenstand von eigener Geltung betrachten (S. 131).

In den meisten psychologischen Experimenten lassen sich keine zuverlässigen funktionalen Beziehungen zwischen der unabhängigen und der abhängigen Variable herstellen, da keine eindeutige experimentelle Kontrolle über die abhängige Variable demonstriert werden kann. Einer der Gründe dafür ist, dass die meisten Experimente mit Gruppen von Versuchspersonen durchgeführt werden, anstatt mit den individuellen Versuchspersonen. Zudem sind die unabhängigen Variablen in der Psychologie oft zu komplex oder nur ungenau definiert, sodass sie sich einer objektiven Untersuchung entziehen. Die Untersuchungsdesigns werden mehr durch die Möglichkeiten der statistischen Analyse vorgegeben, denn durch das Erkenntnisinteresse. In psychologischen Experimenten werden, oft unnötigerweise, Daten von Befragungen und Selbstauskünfte als Messungen akzeptiert, obwohl bekannt ist, dass diese notorisch unzuverlässig sind.

Der Erfolg jeder Wissenschaft hängt davon ab, dass sie in der Lage ist, eindeutige Analyseeinheiten festzulegen. In der Biologie ist das etwa die Zelle. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (nämlich in der Verhaltensanalyse) ist die Psychologie nicht in der Lage, solche eindeutigen Analyseeinheiten vorzuweisen.

Watson (1913) wollte die Psychologie am Modell der Naturwissenschaften ausrichten. Aus seiner Form des Behaviorismus gingen im Wesentlichen zwei noch heute aktuelle Formen hervor: der radikale Behaviorismus nach Skinner, der die Grundlage der Verhaltensanalyse bildet und der Neobehaviorismus nach Hull, der sich dem hypothetisch-deduktiven Ansatz verschrieben hat. Der Neobehaviorismus stellt die Grundlage der heute in der Psychologie üblichen Methoden dar. Auch die kognitive Psychologie, die angeblich den Behaviorismus überwunden hat, folgt ihm in methodischer Hinsicht noch immer. Dies hat zur Folge, dass in der Psychologie jedes psychologische Phänomen seine eigene Erklärung oder Theorie hat. Dies steht im Widerspruch zum Vorgehen in den Naturwissenschaften, wo es als ein Qualitätsmerkmal gilt, wenn man mit einer Theorie möglichst viele verschiedene Phänomene erklären kann.

Hinzu kommt der nachgerade vollkommen unverständliche Ansatz, das aggregierte Verhalten einer Gruppe von Versuchspersonen zu untersuchen, anstatt das Verhalten der einzelnen Versuchsperson. Die Unterschiede zwischen den Versuchspersonen werden eingeebnet, statt sie als das eigentlich Untersuchungswürdige zu betrachten. Dies erlaubt den Forschern nicht, das Verhalten von einzelnen Personen vorauszusagen oder gar zu kontrollieren. Wie bereits Skinner (1956) ausgedrückt hat, geht niemand in den Zirkus, um einen durchschnittlichen Hund signifikant öfter durch einen Ring springen zu sehen als einen nicht trainierten Hund. Mit ihrer Skepsis bezüglich des Prinzips der Hypothesentestung in der Psychologie ist die Verhaltensanalyse nicht allein, auch einige Psychologinnen und Psychologen haben dies bemerkt (Loftus, 1991). Erkenntnisfortschritt geschieht oft durch einen Wechsel von Induktion und Deduktion. Doch in der Psychologie hat man sich allein auf die Deduktion konzentriert. Dies hat zur Folge, dass sie sich selbst darin behindern, Bemerkenswertes zu entdecken. Man vergleiche dagegen die Haltung von Skinner (1956): „Wenn du [in deiner Forschung] über etwas Interessantes stolperst, dann lasse alles andere liegen und untersuche es“ (S. 223).

Hinzu kommt, dass es in der Psychologie kaum echte Experimente gibt. In der Regel wird nicht-experimentell geforscht. Die unabhängige Variable in der Psychologie ist daher nicht gleichzusetzen mit der Ursache der abhängigen Variable. Sie ist lediglich ein Prädiktor. Schlinger (2004) zeigt auf, dass viele Experimente in der Psychologie lediglich Demonstrationsexperimente sind. Beispielsweise zeigt die Forschung zur Mutter-Kind-Bindung, dass es einige Kinder gibt, die weinen, wenn ihre Mutter sie mit einem Fremden allein lässt, andere Kinder weinen nicht. Dies wird erklärt über die verschiedenen Bindungstypen. Doch erklärt dies nicht, warum dieses Verhalten auftritt. Die finale Ursache der Bindung ist höchstwahrscheinlich in der Lerngeschichte des Individuums zu suchen. In einem Großteil der Literatur zur Bindungsforschung nutzt man stattdessen mentalistische Konzepte, wie die Erwartungen, die Erinnerung, das interne Arbeitsmodell, um das Verhalten der Kinder im „Fremde-Situations-Test“ erklären.

Ähnliches gilt für die psychologische Forschung zum Stroopeffekt (Stroop, 1935). Dabei werden der Versuchsperson verschiedene Farbwörter (rot, blau, grün usw.) gezeigt, die in unterschiedlichen Farben gedruckt sind. Dabei sind die Wörter oft in einer anderen Farbe gedruckt als es der Bedeutung des Farbwortes entspricht (d. h., das Wort „rot“ ist z. B. in grüner Farbe gedruckt). Die Versuchspersonen beim Stroop-Test sollen nun nicht die Wörter vorlesen, sondern die Farbe angeben, in der das Wort gedruckt ist. Stimmt das Farbwort mit der Druckfarbe über ein, gelingt dies der Versuchsperson schneller, als wenn das Farbwort und die Farbe, in der es gedruckt ist, nicht übereinstimmen. Um diesen gut bestätigten Umstand zu erklären, werden die unterschiedlichsten kognitiven Konstrukte bemüht. Anstatt aber die längere Latenzzeit und die erhöhte Anzahl an Fehlern endgültig zu erklären, demonstrieren die Experimente lediglich das Phänomen immer wieder und zeigen einige Bedingungen auf, unter denen es auftritt. Dabei liegt die Erklärung in der Lerngeschichte der Versuchspersonen. Üblicherweise führt es häufiger zur Verstärkung, wenn wir „rot“ vorlesen, wenn wir das entsprechende Wort sehen. Seltener wird ein Verhalten verstärkt, bei dem man die Druckfarbe, in der ein Wort gedruckt ist, angeben soll. Aus diesem Blickwinkel erscheint der Stroopeffekt theoretisch und praktisch weit weniger interessant, als es die Psychologen glauben. Doch die Psychologen führen zu diesem Effekt noch immer eifrig Forschungen durch, ohne echte Fortschritte zu erzielen (MacLeod, 1991, 1992; Washburn, 2016).

Nach Schlinger (2004) hat die Psychologie bislang allenfalls im Bereich der Beschreibung Fortschritte gemacht, nicht aber, was die anderen Aufgaben von Wissenschaften (Erklären, Voraussagen und Verändern) betrifft. Als Heilmittel empfiehlt er, dass die Psychologie zu einem nicht-mediationalem, nicht-mechanistischen und nicht-dualistischen verhaltensorientierten Ansatz zurückkehrt.

Loftus, G. R. (1991). On the tyranny of hypothesis testing in the social sciences. Contemporary Psychology: A Journal of Reviews, 36(2), 102-105. https://doi.org/10.1037/029395

MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163-203. https://doi.org/10.1037/0033-2909.109.2.163

MacLeod, C. M. (1992). The Stroop task: The „gold standard“ of attentional measures. Journal of Experimental Psychology: General, 121(1), 12-14. https://doi.org/10.1037/0096-3445.121.1.12

Palmer, D. C. (2003). Cognition. In K. A. Lattal & P. N. Chase (Eds.), Behavior theory and philosophy. (pp. 167-185). Kluwer Academic/Plenum Publishers. https://doi.org/10.1007/978-1-4757-4590-0_9

Schlinger, H. D. (1992). Theory in behavior analysis: An application to child development. American Psychologist, 47(11), 1396-1410. https://doi.org/10.1037/0003-066x.47.11.1396

Schlinger, H. D. (2004). Why psychology hasn’t kept its promises. Journal of Mind and Behavior, 25(2), 123-144. https://www.jstor.org/stable/43854026

Skinner, B. F. (1956). A case history in scientific method. American Psychologist, 11(5), 221-233. https://doi.org/10.1037/h0047662

Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643-662. https://doi.org/10.1037/h0054651

Washburn, D. A. (2016). The Stroop effect at 80: The competition between stimulus control and cognitive control. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 105(1), 3-13. https://doi.org/10.1002/jeab.194

Watson, J. B. (1913). Psychology as the behaviorist views it. Psychological Review, 20(2), 158-177. https://doi.org/10.1037/h0074428

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Wissenschaftstheorie: War die „Kognitive Wende“ eine wissenschaftliche Revolution?

Die sogenannte kognitive Wende in der Psychologie wird gerne als eine wissenschaftliche Revolution betrachtet. Der Umstand, dass sich im Lauf der fünfziger Jahre immer mehr Psychologen vom Behaviorismus abwandten und die sogenannte kognitive Psychologie begründeten, wird als Beleg dafür genommen, dass das behavioristische Paradigma überkommen und unfruchtbar geworden war. In der Tat scheint die Argumentation, nach O’Donohue et al. (2003) folgendermaßen zu verlaufen:

  1. Es gab eine wissenschaftliche Revolution
  2. Nach Popper zeigt eine wissenschaftliche Revolution an, dass die ältere Theorie aufgrund von falsifizierenden Daten der neueren Theorie unterlag.
  3. Also wurde das behavioristische Forschungsprogramm aufgrund falsifizierender Daten ad acta gelegt.

Tatsächlich hat aber nach den Maßstäben der Wissenschaftstheorie keine „Revolution“ stattgefunden. O’Donohue et al. (2003) vergleichen die Aussagen der wichtigsten Wissenschaftstheoretiker (Popper, Kuhn, Lakatos, Laudan und Gross) darüber, was eine wissenschaftliche Revolution ausmacht, mit den Aussagen einiger der wichtigsten Vertreter der kognitiven Wende und kommen zu dem Ergebnis, dass keine wissenschaftliche Revolution im traditionellen Sinne stattgefunden hat. Am besten wird die kognitive Wende als ein sozio-rethorisches Phänomen (im Sinne Gross‘) beschrieben.

O’Donohue et al. (2003) greifen dabei zum einen auf die Ergebnisse eines Fragebogens zu, den sie an sechs bedeutende Proponenten der kognitiven Wende versendeten, zum andern auf die Aussagen anderer bedeutender „Kognitivisten“ (wie z. B. Noam Chomsky und Ulric Neisser), wie sie in einem Buch zum Thema, Baars (1986) The Cognitive Revolution in Psychology, niedergelegt sind.

Nach Popper ist eine wissenschaftliche Revolution dann gegeben, wenn die alte Theorie falsifiziert wurde und wenn die neue Theorie über mehr „Erklärungs- und Vorhersagekraft“ verfügt, in dem Sinne, dass sie mehr empirische Daten erklären kann und logisch stringenter ist. Von der kognitiven Wende kann dies nicht behauptet werden. Keiner ihrer Hauptvertreter kann konkrete empirische Daten nennen (z. B. Ergebnisse von Experimenten), die das behavioristische Forschungsprogramm falsifiziert hätten oder die nicht mehr mit den Mitteln dieses Programms hätten erklärt werden können. Vielmehr sprechen Kognitivsten wie Philip Johnson-Laird von kleineren (prinzipiell aber lösbaren) Ungereimtheiten (embarrassments ), die sie sich vom Behaviorismus abwenden ließen.

Nach Kuhn ist eine wissenschaftliche Revolution dann zu erwarten, wenn die alte Theorie in einem „Meer von Anomalien“ ertrinkt und eine neue Theorie einen besseren Ansatz aufweist, mit dem sie die Anomalien auflösen kann. Die Probleme, die sich bei der behavioristischen Forschung zeigten, wurden durch die kognitive Wende nicht gelöst (vielmehr kam die weiter fortbestehende behavioristische Forschung nach und nach selbst damit klar). Kognitivisten beschäftigten sich lieber mit anderen Themen als die Behavioristen zu dieser Zeit schwerpunktmäßig. Von einem „Meer von Anomalien“ gar kann keiner der befragen Kognitivisten sprechen, im Gegenteil, ihnen fallen kaum Beispiele für „Anomalien“ ein (die den Namen verdienten).

Lakatos sieht eine wissenschaftliche Revolution dann heraufziehen, wenn sich die alte Theorie zunehmend auf Ad-hoc-Strategien verlegen muss, um auftretende Anomalien zu bewältigen. Ein typisches Beispiel sind die Epizykel, mit denen das ptolemäische Weltbild gerettet werden sollte. Ein progressives Forschungsprogramm dagegen kann nicht nur die Anomalien des degenerierenden Programms beseitigen, es schreitet gewissermaßen theoretisch der Empirie voraus: Neue Fakten werden theoretisch vorausgesagt, nicht die Theorie post hoc zu den Tatsachen „passend gemacht“. Der behavioristische Forschungsansatz hörte aber damals, auch nach Aussage der Kognitivsten, nicht auf, neue Voraussagen zu treffen. Auch trifft es nicht zu, dass Anomalien nur mehr mit Ad-hoc-Strategien gelöst wurden. Die Kognitivisten können sich nicht auf einen empirischen Befund einigen, der den Behaviorismus in Bedrängnis gebracht hätte, vom Kognitivismus aber elegant gelöst worden wäre. Die wenigen genannten Befunde (überhaupt zogen es die Befragten, auch auf konkrete Nachfragen, vor, allgemeine Aussagen zu machen und biographische Details auszuführen, anstatt Forschungsergebnisse zu benennen) sind aus behavioristischer Sicht eher „kleine Probleme“. Ein experimentum crucis fand sich nicht: „proponents of the revolution have yet to impart how the cognitive program is progressing when compared to the degenerating behavioral program. Namely, what are these `cataclysmic´ data that `drowned´ the behavioural program in an `ocean of anomalies´“? (S. 97).

Laudan hebt auf die höhere Problemlösefähigkeit der neuen Theorie ab, wenn er die Gründe für wissenschaftliche Revolutionen betrachtet. Die behavioristische Forschungstradition hätte demnach intern inkonsistent sein müssen, metaphysische Annahmen machen müssen, Prinzipien verletzen müssen, die sie begründet hatte und sich nicht in Einklang mit übergreifenden Theorien (z. B. der Evolutionstheorie 1) bringen lassen können. Die kognitive Psychologie müsste demnach viel mehr empirische Probleme lösen können als die Verhaltensanalyse, insbesondere solche, die der Behaviorismus nicht zu lösen imstande ist. Dies kann durch die Aussagen der befragten Kognitivsten nicht bestätigt werden. Sie sprechen dem kognitiven Forschungsprogramm mehr „Attraktivität“ zu als dem behavioristischen, nicht aber eine bessere Problemlösefähigkeit.

Gross` Perspektive kommt dem, was bei der kognitiven Wende stattfand, noch am nächsten. Diese war ein soziologisches Phänomen. Die Psychologen schienen nach und nach überzeugt zu sein, dass das kognitive Forschungsprogramm erfolgversprechender sei als das behavioristische. Dieser Wandel war nicht logisch begründet. Er lässt sich am besten als ein Überzeugungsprozess beschreiben, bei dem es dem Überzeugten nachher schwer fällt, zu erklären, was ihn denn nun überzeugt habe. Überzeugend waren bei der kognitiven Wende – so bestätigen es auch die Aussagen der Befragten – vor allem die (in der Regel rein theoretischen, d. h. keine neue empirische Forschung referierenden) Bücher der Vorreiter des Kognitivismus. Der Vorzug der kognitiven Psychologie ist, dass sie wesentlich „lebensnaher“ und an das Alltagsverständnis angelehnt schreiben (können) als die an die Regeln einer Naturwissenschaft gebundenen Behavioristen. Hinzu kam der Reiz des Neuen: Wer zur fraglichen Zeit im behavioristischen Programm blieb, der musste erst den ganzen, bis dahin schon recht umfangreichen Grundstock an Forschung begreifen und berücksichtigen. Das kognitivistische Forschungsprogramm war dagegen ein unentdecktes Land, mit vielen Möglichkeiten, Phänomene neu, nämlich als „kognitive“ Phänomene, zu untersuchen und zu beschreiben.

1 Speziell hier stellt die kognitive Wende einen eindeutigen Rückschritt dar: Man fragt, sich welchen adaptiven Wert die zahlreichen „kognitiven Prozesse“ haben sollen, die von den Kognitivisten angenommen werden. Das operante Konditionieren passt sehr gut zur biologische Evolution (und ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Evolution auf der Ebene des Individuums).

Literaturangabe:
O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26, 85-110. https://doi.org/10.1007/BF03392069

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Mit der Neuropsychologie macht sich die Psychologie überflüssig

Schon B. F. Skinner (1989) warnte die Psychologie, sich zu sehr auf eine spätere Bestätigung durch die Neurologie zu verlassen:

“But psychology may find it dangerous to turn to neurology for help. Once you tell the world that another science will explain what your key terms really mean, you must forgive the world if it decides that other science is doing the important work” (S. 67). (1)

(Für die Psychologie könnte es böse enden, wenn sie bei der Neurologie um Hilfe nachsucht. Wenn man der Welt verkündet, dass eine andere Wissenschaft erklären wird, was genau die Schlüsselbegriffe der eigenen Wissenschaft eigentlich bedeuten, dann muss man schon nachsichtig mit der Welt sein, wenn sie entscheidet, dass die andere Wissenschaft die eigentlich wichtige Arbeit macht.)

Die Gesetzmäßigkeiten der Verhaltensanalyse gelten bereits jetzt. Maßnahmen auf der Grundlage dieser Gesetzmäßigkeiten funktionieren auch bereits jetzt. Die Verhaltensanalyse muss nicht auf eine spätere Bestätigung durch eine andere Wissenschaft vertrösten. Skinner vertrat die Auffassung, dass nichts, was man eventuell noch über die Physiologie herausfinden könnte, etwas an der Gültigkeit der von ihm entdeckten Gesetze des Verhaltens ändern könnte. Die Physiologie kann dabei helfen, die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens besser zu verstehen (eine andere Warum-Frage beantworten), sie ändert aber nichts an diesen Gesetzmäßigkeiten.

Literatur

Skinner, B. F. (1989). Recent Issues in the Analysis of Behavior. Columbus: Merrill Publishing Company.

(1) Danke an Per Holth für dieses Zitat.

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„Warum“ ist nicht gleich „Warum“

Wenn (kognitive) Psychologen und Verhaltensanalystiker ein Verhalten erklären, haben sie verschiedene Warum-Fragen im Hinterkopf, so der norwegische Verhaltensanalytiker Per Holth.

Behavioristen bemerken gelegentlich, dass kognitive Erklärungen für Verhalten überhaupt keine Erklärungen seien. „Echte“ Erklärungen müssten notwendigerweise auf Lerngeschichte oder die Phylogenese Bezug nehmen. Psychologen wiederum behaupten, dass es sich bei verhaltensanalytischen Erklärungen um keine Erklärungen handle, da diese keine Aussagen über die inneren Vorgänge, die das Verhalten verursachten, machen. Per Holth (2013) betont, dass die verschiedenen Erklärungen von Behavioristen und Kognitivisten auf verschiedene Fragen nach dem „Warum“ zurückzuführen seien.

Warum geschah das jetzt? (Die alltägliche Frage)

Holth erläutert, dass die Frage nach dem „Warum“ oft auf die unmittelbaren Vorläufer des Verhaltens zielt. Wenn z. B. jemand fragt, warum das Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten, dass ein Stein das Glas traf. Der Fragesteller reagiert auf so eine Antwort oft mit einem „Aha!“ oder „Ich verstehe“ und hört auf zu fragen.

Warum als Frage nach der Disposition (Die Frage der kognitiven Psychologie)

Wenn aber die Frage lautet, warum gerade diese Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten „das Glas war brüchig“. Nicht alles, was von einem Stein getroffen wird, bricht. Die Frage lautet hier also, was das Glas von anderen Materialien unterscheidet. Wenn nun die einzige Grundlage für das Attribut „brüchig“ die Beobachtung ist, dass das Glas zerbrach als der Stein es traf, dann war die Antwort zirkulär. Kommen aber andere Beobachtungen hinzu (verschiedene Gläser zerbrechen bei Kontakt mit verschiedenen anderen Objekten), dann löst sich die Zirkularität auf und der Begriff „brüchig“ hilft uns dabei, vorauszusagen, was mit ähnlichen Gläsern unter ähnlichen Umständen passieren wird. Ebenso beim Verhalten: Die Antwort auf die Frage, warum ein bestimmter Junge weint, wenn er geschlagen wird, könnte lauten, dass der Junge eine „Heulsuse“ ist. Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass nicht jeder Junge in dieser Situation weint. Weint aber dieser Junge in vielen verschiedenen Situationen, in denen nicht jeder Junge weint, dann ist die Erklärung, er sei eine Heulsuse angemessen. Doch erschöpft sich die Psychologie hier lediglich darin, Summen-Etiketten für Verhalten zu vergeben.

Warum als Frage nach einem vermittelnden internen Mechanismus (Die Frage der Physiologie, strenggenommen)

Die Frage nach dem Zerbrechen des Glases könnte auch bedeuten, dass man wissen will, was mit der Struktur des Glases passierte, sodass es zerbrach. Ein Chemiker könnte hier z. B. antworten, dass das Glas aus kovalenten molekularen Bindungen besteht usw. Der Junge, der weinte, nachdem er geschlagen wurde, könnte sich z. B. bezüglich bestimmter Prozesse in seinem Gehirn von anderen Jungen unterscheiden. Wenn dieser Nachweis gelingt, handelt es sich um eine echte Erklärung. Wenn man aber (wie ein Großteil der kognitiven Psychologie) nur auf der Grundlage von Beobachtungen des Verhaltens  darüber spekuliert, was im Gehirn vor sich geht, dann vergibt man auch hier nur Summen-Etiketten und borgt sich von den Neurowissenschaften das Prestige der Terminologie einer Naturwissenschaft. Gelegentlich wird nahegelegt, dass die Antwort auf diese „Warum“-Frage die endgültige Antwort ist. Doch, wie Catania (2013) ausführte, wenn wir entscheiden wollen, ob jemand gelernt hat oder nicht, dann sehen wir uns nicht sein Gehirn an, sondern sein Verhalten. Dies bedeutet nicht, dass Lernen keine physiologische Grundlage habe. Doch können wir keine angemessene Neurowissenschaft vom Lernen haben, solange wir nicht das Verhalten als solches verstehen.

Warum als Frage nach der historischen Bedingtheit

Die Frage „Warum“ kann auch bedeuten, dass man wissen will, wie es zu dem Ereignis kam. Gefragt ist also die „Produktionsgeschichte“. Die Antwort auf die Frage, warum dieser Junge weint, könnte also lauten: weil er in der Vergangenheit in solchen Situationen immer wieder getröstet wurde (usw.). Für diese Art Fragen ist die Verhaltensanalyse zuständig.

Ein Kommentar

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