Kann man seine Persönlichkeit verändern?

Kurze Antwort: Es kommt darauf an, was man unter „Persönlichkeit“ versteht und es kommt darauf an, wie man vorgeht.

Die meisten Menschen wollen irgendwie anders sein, als sie sind. In den USA wollen (Hudson & Roberts, 2014) 87 % der Menschen extravertierter sein und 97 % gewissenhafter sein als sie gegenwärtig sind. Diese Menschen geben jährlich Milliardenbeträge für Bücher, Videos und Seminare aus, die versprechen, ihnen dabei zu helfen, anders zu werden.

Aber kann man seine Persönlichkeit überhaupt verändern? Einige Forscher (McCrae & Costa, 2008) meinen, dass Persönlichkeitseigenschaften biologisch bedingt und mehr oder weniger unveränderlich sind. Dennoch verändern sich Persönlichkeiten aufgrund von Lebenserfahrungen. Mit dem Alter werden Menschen für gewöhnlich reifer. Wir werden verträglicher, gewissenhafter und emotional stabiler. Wenn wir z. B. nach dem Studium eine Arbeit aufnehmen, werden wir gewissenhafter. Wenn wir eine glückliche Beziehung beginnen, werden wir emotional stabiler. Der Grund für diese Veränderung liegt in den geänderten Kontingenzen, denen wir nun unterliegen. Wer seinen Job behalten will, muss gewissenhaft sein: Gewissenhaftes Verhalten wird bei Menschen, die arbeiten, ganz anders verstärkt, als bei Menschen, die keinen Job haben. Um eine Beziehung, an der einem etwas liegt, aufrecht zu erhalten, muss man verlässlich und emotional stabil sein. Die sozialen Rollen, die wir einnehmen, beeinflussen, wie wir uns selbst – z. B. in einem Persönlichkeitsfragebogen – beschreiben.

Was tun Menschen, wenn sie ihre Persönlichkeit verändern wollen? Quinlan et al. (2006) fanden z. B., dass Studenten, die befürchteten, langweilig zu sein, häufiger übermäßig Alkohol konsumierten. Welche Strategien sind nun aber wirklich erfolgreich, wenn man seine Persönlichkeit verändern möchte?

Hudson und Fraley (2015; siehe auch 2017) testeten experimentell, ob es ihren 135 Versuchspersonen über vier Monate hinweg gelang, ihre Persönlichkeit zu verändern. Eine Gruppe (die Kontrollgruppe) sollte einfach nur angeben, wie sie sich verändern wollte. Eine andere Gruppe (der Experimentalgruppe) von Versuchspersonen sollte sich einen Veränderungsplan machen. Diese Intervention erwies sich jedoch als wenig hilfreich. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe konnten sich kaum besser verändern als die Versuchspersonen der Kontrollgruppe. Die Autoren machten als Ursache für das Scheitern der Veränderungsbemühungen aus, dass die Versuchspersonen sich selbst zumeist nur vage Veränderungsziele setzten (wie etwa „Ich möchte positiver denken“). Daher änderten sie in einem zweiten Versuch mit 151 neuen Versuchspersonen den Interventionsplan ab. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe wurden nun angehalten, sich verhaltensbezogene Ziele zu setzen, deren Einhaltung sie täglich kontrollieren konnten (z. B. „Ich möchte jeden Tag mindestens dreimal jemand Fremden ansprechen“). Je konkreter und objektiver die Ziele waren, desto besser gelang den Versuchspersonen die Persönlichkeitsveränderung.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Persönlichkeit“ überdauernde Verhaltensmuster. Die Persönlichkeit ist wie ein Pfad, der durch das ständige Benutzen entsteht. Wenn ich mich überdauernd extravertierter benehme, werde ich auch extravertierter. Man kann also seine Persönlichkeit (in gewissen Grenzen) willentlich verändern, aber nur, wenn man sich spezifische und verhaltensbezogene Ziele setzt. Letztlich bewirkte die Instruktion in der Untersuchung von Hudson und Fraley (2015), dass die Versuchspersonen sowohl ihr offenes, nicht-sprachliches Verhalten als auch ihr sprachliches Verhalten (in der Selbstbeschreibung im Persönlichkeitsfragebogen) veränderten. Nach allem, was wir wissen, entspricht diese Summe an Veränderungen im sprachlichen und im nicht-sprachlichen Verhalten, wenn sie mittelfristig stabil ist, einer Persönlichkeitsänderung.

Literatur

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2015). Volitional personality trait change: Can people choose to change their personality traits? Journal of Personality and Social Psychology, 109(3), 490-507. https://doi.org/10.1037/pspp0000021

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2017). Volitional personality change. In J. Specht (Ed.), Personality Development Across the Lifespan (pp. 555-571). Academic Press. https://doi.org/10.1016/b978-0-12-804674-6.00033-8

Hudson, N. W. & Roberts, B. W. (2014). Goals to change personality traits: Concurrent links between personality traits, daily behavior, and goals to change oneself. Journal of Research in Personality, 53, 68-83. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2014.08.008

McCrae, R. R. & Costa, P. T. (2008). The five-factor theory of personality. In O. P. John, R. W. Robins & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of Personality: Theory and Research (3rd ed., pp. 150-181). New York: Guilford Press.

Quinlan, S. L.; Jaccard, J. & Blanton, H. (2006). A decision theoretic and prototype conceptualization of possible selves: Implications for the prediction of risk behavior. Journal of Personality, 74, 599-630. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.2006.00386.x

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Warum die Psychologie ihre Versprechen nicht einlösen konnte

Die Psychologie wird als Wissenschaft oft nicht so ganz für voll genommen. Hank Schlinger (2004) meint, dass dies vor allem daran liegt, dass die Psychologie nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnte. Auch viele prominente Psychologinnen und Psychologen sind der Ansicht, dass die Psychologie mehr versprach, als sie halten konnte. Tatsächlich kann die Psychologie wenige bemerkenswerte Entdeckungen und wenig zufriedenstellende Erklärungen vorweisen. Die Hauptursache hierfür ist laut Schlinger (2004) die Betonung des Geistes anstelle des Verhaltens. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften (wie Biologie oder Chemie) hat sich die Psychologie methodisch den Sozialwissenschaften mit ihren Prinzipien der Hypothesentestung und den Methoden der Inferenzstatistik angeschlossen.

Wissenschaften sollten zwei Ziele anstreben: Sie sollten uns dazu befähigen, die physische und biologische Welt beeinflussen zu können. Die Naturwissenschaften können dies oft, wie man an Impfungen, Antibiotika, Halbleitern und vielen anderen technischen Errungenschaften erkennen kann. Ein zweites Ziel der Wissenschaften besteht darin, Erklärungen für die Komplexität der Welt zu liefern, die elegant und befriedigend sind.

In der Psychologie gibt es keinen einheitlichen Erklärungsrahmen. Die Psychologie gibt das Bild einer Ansammlung von Subdisziplinen, die nicht durch ein gemeinsames Prinzip geeint werden. Hinzu kommt das vorwissenschaftliche Vokabular der Psychologen, mit solchen Ausdrücken wie Geist, Gedächtnis, Denken und Bewusstsein. Mit diesen Begriffen schlagen sich Psychologen und Philosophen schon seit vielen Jahrhunderten, man muss sagen, ohne Erfolg, herum.

Wissenschaften sollen nach gängiger Auffassung drei Aufgaben erfüllen: Sie sollen den ihnen zugewiesenen Realitätsbereich objektiv erfassen und messen können, sie sollen ihn experimentell kontrollieren können und sie sollen Voraussagen bezüglich dieses Realitätsbereiches treffen können.

Das von den meisten Psychologen genannte Aufgabengebiet der Psychologie, der ihr zugewiesenen Realitätsbereich, soll der Geist sein. Doch schon dieser Realitätsbereich entzieht sich dem Ziel der objektiven Beobachtung und Messung. Die Psychologie als Wissenschaft kann ihre (selbst dazu erklärte) abhängige Variable, die Kognitionen, weder beobachten noch messen. Daraus leitet sie die Vorgehensweise ab, offen sichtbares Verhalten nur deshalb zu untersuchen, um daraus Rückschlüsse auf kognitive Ereignisse zu ziehen.

Beispielsweise gehen die meisten Psychologen davon aus, dass der Begriff Gedächtnis sich auf eine Ansammlung von kognitiven Prozessen bezieht (z. B. das Codieren, Speichern und der Abruf von Informationen). Doch welche Prozesse und Strukturen machen nun in ihrer Gesamtheit das Gedächtnis aus? Kognitive Psychologen schließen allein aufgrund des beobachteten offenen Verhaltens auf die Strukturen und Prozesse des Gedächtnisses. Wenn ich auf der Straße einen alten Bekannten treffe und in der Lage bin, diesen mit seinem Namen zu begrüßen, greife ich aus dieser Sicht auf meine abgespeicherte Erinnerung an den Freund zurück. Doch ist dies lediglich eine zirkuläre oder gar tautologische Erklärung für das schlichte Verhalten, dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe.

Die Rede vom Geist führt auch zu einem unrettbar dualistischen Denken. Wie soll ein nicht materieller Geist das Gehirn beeinflussen und umgekehrt? Gelegentlich wird beteuert, jede Kognition sei letztlich das Ergebnis einer neurologischen Aktivität. Doch was ist dann die Kognition, wenn sie nicht Verhalten ist? Die Psychologie muss diese Antwort schuldig bleiben. Die meisten Begriffe innerhalb der Psychologie sind ihrem Wesen nach metaphorisch: kognitive Landkarten, Engramme, Kodierung, Abruf, sensorisches Register und Speicher. Dummerweise erfordert jedes kognitive Element in der Erklärung des offenen Verhaltens eine weitere Erklärung oder Rechtfertigung. Jeder neue Begriff muss letztendlich in der Währung physikalischer, biologischer oder verhaltensbezogene Ereignisse bezahlt werden. Die Psychologie verhält sich, so Palmer (2003), wie jemand, der seine Kreditkartenschulden begleicht, indem er eine andere Kreditkarte belastet. Dadurch wird die Erklärungslast der kognitiven Psychologie nur vermehrt, nicht reduziert.

Wenn ich beispielsweise den Namen meines Freundes ausspreche, wenn ich ihn sehe, wird gesagt, dass ich mich an seinen Namen erinnere, dass ich ihn wahrnehme oder wiedererkenne oder aber, dass ich eine Vorstellung von ihm habe, Wissen über ihn oder eine Repräsentation von ihm. In diesem Beispiel sollen das Gedächtnis, die Wahrnehmung, dass Wiedererkennen oder die Vorstellung unterschiedliche kognitive Prozesse sein. Doch der Beleg dafür, dass diese kognitiven Prozesse existieren, ist immer der gleiche: dass ich den Namen meines Freundes sage, wenn ich ihn sehe (S. 128). Man könnte das gleiche Verhalten auf wesentlich sparsamere Art und Weise erklären, indem man sich auf bereits experimentell wohl bestätigte Prinzipien des Verhaltens bezieht. (Schlinger, 1992)

Die Psychologie rechtfertigt dieses Vorgehen oft damit, dass auch andere Wissenschaften über das Beobachtbare hinausgegangen und dadurch fortgeschritten sind. So erkannte Newton, dass der Mond eine Gravitationskraft auf das Meer ausübt und so die Gezeiten verursacht. Er erkannte dies, weil er es bei kleineren Objekten experimentell untersuchen konnte. Doch Psychologen gehen anders vor: Sie messen eine bestimmte Art von Ereignissen (Verhalten) mit der Absicht, über Ereignisse einer ganz anderen Natur (Kognitionen) zu sprechen. Astronomen befolgen das Prinzip der Sparsamkeit, indem sie Ereignisse, die sie nicht direkt untersuchen können, mit der geringstmöglichen Anzahl an Annahmen erklären, wobei diese Annahmen im kleineren Maßstab bestätigt werden konnten (im Weltall gelten die gleichen Naturgesetze wie im Physiklabor). Die theoretischen Annahmen von Psychologen dagegen basieren auf Annahmen, die niemals direkt getestet werden können. Solcherart konzentriert sich die Psychologie auf unbeobachtete Ereignisse, ehe sie überhaupt erst einmal versteht, wie die beobachteten Ereignisse zu Stande kommen. Sie zäumen das Pferd von hinten auf. Verhaltensanalytiker gehen umgekehrt vor, wie der Rest der Naturwissenschaftler. Sie beobachten offenes Verhalten, leiten hieraus Gesetzmäßigkeiten ab und nehmen an, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch für den nicht-objektiv beobachtbaren Anteil des Verhaltens gelten.

In der Psychologie dagegen gilt das Prinzip, dass beobachtetes Verhalten nur durch den Rückgriff auf unbeobachtbare Prozesse zufriedenstellend erklärt werden könne. Dies führt allerdings dazu, dass die Erklärungen allenfalls metaphorisch sein können. Beispielsweise erklärt man in der Psycholinguistik den „erstaunlichen Umstand“, dass Kinder relativ schnell ihre Muttersprache erlernen können, mit einem besonderen Konstrukt, dem Language Acqusition Device (LAD). Doch kann niemand das LAD beschreiben, geschweige denn erklären und dabei bekannte wissenschaftliche Prinzipien aus der Psychologie oder Biologie heranziehen. Das Problem der kognitiven Psychologie besteht darin, dass das ganze Feld durch und durch metaphorisch ist, weil die abhängige Variable, die Kognitionen, nie beobachtet werden kann. Ironischerweise müssen Psychologen deswegen ihre kognitiven Phänomene immer als beobachtbares Verhalten operationalisieren. Sie tun dies aber nicht, weil sie Verhalten als Forschungsgegenstand von eigener Geltung betrachten (S. 131).

In den meisten psychologischen Experimenten lassen sich keine zuverlässigen funktionalen Beziehungen zwischen der unabhängigen und der abhängigen Variable herstellen, da keine eindeutige experimentelle Kontrolle über die abhängige Variable demonstriert werden kann. Einer der Gründe dafür ist, dass die meisten Experimente mit Gruppen von Versuchspersonen durchgeführt werden, anstatt mit den individuellen Versuchspersonen. Zudem sind die unabhängigen Variablen in der Psychologie oft zu komplex oder nur ungenau definiert, sodass sie sich einer objektiven Untersuchung entziehen. Die Untersuchungsdesigns werden mehr durch die Möglichkeiten der statistischen Analyse vorgegeben, denn durch das Erkenntnisinteresse. In psychologischen Experimenten werden, oft unnötigerweise, Daten von Befragungen und Selbstauskünfte als Messungen akzeptiert, obwohl bekannt ist, dass diese notorisch unzuverlässig sind.

Der Erfolg jeder Wissenschaft hängt davon ab, dass sie in der Lage ist, eindeutige Analyseeinheiten festzulegen. In der Biologie ist das etwa die Zelle. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (nämlich in der Verhaltensanalyse) ist die Psychologie nicht in der Lage, solche eindeutigen Analyseeinheiten vorzuweisen.

Watson (1913) wollte die Psychologie am Modell der Naturwissenschaften ausrichten. Aus seiner Form des Behaviorismus gingen im Wesentlichen zwei noch heute aktuelle Formen hervor: der radikale Behaviorismus nach Skinner, der die Grundlage der Verhaltensanalyse bildet und der Neobehaviorismus nach Hull, der sich dem hypothetisch-deduktiven Ansatz verschrieben hat. Der Neobehaviorismus stellt die Grundlage der heute in der Psychologie üblichen Methoden dar. Auch die kognitive Psychologie, die angeblich den Behaviorismus überwunden hat, folgt ihm in methodischer Hinsicht noch immer. Dies hat zur Folge, dass in der Psychologie jedes psychologische Phänomen seine eigene Erklärung oder Theorie hat. Dies steht im Widerspruch zum Vorgehen in den Naturwissenschaften, wo es als ein Qualitätsmerkmal gilt, wenn man mit einer Theorie möglichst viele verschiedene Phänomene erklären kann.

Hinzu kommt der nachgerade vollkommen unverständliche Ansatz, das aggregierte Verhalten einer Gruppe von Versuchspersonen zu untersuchen, anstatt das Verhalten der einzelnen Versuchsperson. Die Unterschiede zwischen den Versuchspersonen werden eingeebnet, statt sie als das eigentlich Untersuchungswürdige zu betrachten. Dies erlaubt den Forschern nicht, das Verhalten von einzelnen Personen vorauszusagen oder gar zu kontrollieren. Wie bereits Skinner (1956) ausgedrückt hat, geht niemand in den Zirkus, um einen durchschnittlichen Hund signifikant öfter durch einen Ring springen zu sehen als einen nicht trainierten Hund. Mit ihrer Skepsis bezüglich des Prinzips der Hypothesentestung in der Psychologie ist die Verhaltensanalyse nicht allein, auch einige Psychologinnen und Psychologen haben dies bemerkt (Loftus, 1991). Erkenntnisfortschritt geschieht oft durch einen Wechsel von Induktion und Deduktion. Doch in der Psychologie hat man sich allein auf die Deduktion konzentriert. Dies hat zur Folge, dass sie sich selbst darin behindern, Bemerkenswertes zu entdecken. Man vergleiche dagegen die Haltung von Skinner (1956): „Wenn du [in deiner Forschung] über etwas Interessantes stolperst, dann lasse alles andere liegen und untersuche es“ (S. 223).

Hinzu kommt, dass es in der Psychologie kaum echte Experimente gibt. In der Regel wird nicht-experimentell geforscht. Die unabhängige Variable in der Psychologie ist daher nicht gleichzusetzen mit der Ursache der abhängigen Variable. Sie ist lediglich ein Prädiktor. Schlinger (2004) zeigt auf, dass viele Experimente in der Psychologie lediglich Demonstrationsexperimente sind. Beispielsweise zeigt die Forschung zur Mutter-Kind-Bindung, dass es einige Kinder gibt, die weinen, wenn ihre Mutter sie mit einem Fremden allein lässt, andere Kinder weinen nicht. Dies wird erklärt über die verschiedenen Bindungstypen. Doch erklärt dies nicht, warum dieses Verhalten auftritt. Die finale Ursache der Bindung ist höchstwahrscheinlich in der Lerngeschichte des Individuums zu suchen. In einem Großteil der Literatur zur Bindungsforschung nutzt man stattdessen mentalistische Konzepte, wie die Erwartungen, die Erinnerung, das interne Arbeitsmodell, um das Verhalten der Kinder im „Fremde-Situations-Test“ erklären.

Ähnliches gilt für die psychologische Forschung zum Stroopeffekt (Stroop, 1935). Dabei werden der Versuchsperson verschiedene Farbwörter (rot, blau, grün usw.) gezeigt, die in unterschiedlichen Farben gedruckt sind. Dabei sind die Wörter oft in einer anderen Farbe gedruckt als es der Bedeutung des Farbwortes entspricht (d. h., das Wort „rot“ ist z. B. in grüner Farbe gedruckt). Die Versuchspersonen beim Stroop-Test sollen nun nicht die Wörter vorlesen, sondern die Farbe angeben, in der das Wort gedruckt ist. Stimmt das Farbwort mit der Druckfarbe über ein, gelingt dies der Versuchsperson schneller, als wenn das Farbwort und die Farbe, in der es gedruckt ist, nicht übereinstimmen. Um diesen gut bestätigten Umstand zu erklären, werden die unterschiedlichsten kognitiven Konstrukte bemüht. Anstatt aber die längere Latenzzeit und die erhöhte Anzahl an Fehlern endgültig zu erklären, demonstrieren die Experimente lediglich das Phänomen immer wieder und zeigen einige Bedingungen auf, unter denen es auftritt. Dabei liegt die Erklärung in der Lerngeschichte der Versuchspersonen. Üblicherweise führt es häufiger zur Verstärkung, wenn wir „rot“ vorlesen, wenn wir das entsprechende Wort sehen. Seltener wird ein Verhalten verstärkt, bei dem man die Druckfarbe, in der ein Wort gedruckt ist, angeben soll. Aus diesem Blickwinkel erscheint der Stroopeffekt theoretisch und praktisch weit weniger interessant, als es die Psychologen glauben. Doch die Psychologen führen zu diesem Effekt noch immer eifrig Forschungen durch, ohne echte Fortschritte zu erzielen (MacLeod, 1991, 1992; Washburn, 2016).

Nach Schlinger (2004) hat die Psychologie bislang allenfalls im Bereich der Beschreibung Fortschritte gemacht, nicht aber, was die anderen Aufgaben von Wissenschaften (Erklären, Voraussagen und Verändern) betrifft. Als Heilmittel empfiehlt er, dass die Psychologie zu einem nicht-mediationalem, nicht-mechanistischen und nicht-dualistischen verhaltensorientierten Ansatz zurückkehrt.

Loftus, G. R. (1991). On the tyranny of hypothesis testing in the social sciences. Contemporary Psychology: A Journal of Reviews, 36(2), 102-105. https://doi.org/10.1037/029395

MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163-203. https://doi.org/10.1037/0033-2909.109.2.163

MacLeod, C. M. (1992). The Stroop task: The „gold standard“ of attentional measures. Journal of Experimental Psychology: General, 121(1), 12-14. https://doi.org/10.1037/0096-3445.121.1.12

Palmer, D. C. (2003). Cognition. In K. A. Lattal & P. N. Chase (Eds.), Behavior theory and philosophy. (pp. 167-185). Kluwer Academic/Plenum Publishers. https://doi.org/10.1007/978-1-4757-4590-0_9

Schlinger, H. D. (1992). Theory in behavior analysis: An application to child development. American Psychologist, 47(11), 1396-1410. https://doi.org/10.1037/0003-066x.47.11.1396

Schlinger, H. D. (2004). Why psychology hasn’t kept its promises. Journal of Mind and Behavior, 25(2), 123-144. https://www.jstor.org/stable/43854026

Skinner, B. F. (1956). A case history in scientific method. American Psychologist, 11(5), 221-233. https://doi.org/10.1037/h0047662

Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643-662. https://doi.org/10.1037/h0054651

Washburn, D. A. (2016). The Stroop effect at 80: The competition between stimulus control and cognitive control. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 105(1), 3-13. https://doi.org/10.1002/jeab.194

Watson, J. B. (1913). Psychology as the behaviorist views it. Psychological Review, 20(2), 158-177. https://doi.org/10.1037/h0074428

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Kognitive Neuropsychologie – Geisterjagd mit Geigerzählern

Die kognitiven Neurowissenschaften gehören zu den boomenden Teilen der Psychologie. Die Zeitschrift „Geist und Gehirn“ aus dem Verlag, der auch „Spektrum der Wissenschaft“ veröffentlicht, widmet sich diesem Thema und ist nur ein Beispiel dafür, welche Aufmerksamkeit diese Forschungen auch in der breiteren Öffentlichkeit genießen. Den Wissenschaftlern scheint hier endlich der Blick in die „Black Box“ zu gelingen, die Psychologie scheint vom Spekulativem zum Exakten voranzuschreiten.

Doch bei genauerer Betrachtung hat sich die kognitive Neurowissenschaft nicht wesentlich von den älteren kognitiven Wissenschaften weg entwickelt. Schon B.F. Skinner (Skinner, 1938, 1953, 1984, 1990) befürchtete, dass die Zuschreibung von unbeobachteten kognitiven Mechanismen zu gewissen Vorgängen im Gehirn zu nichts anderem als eine „konzeptuellen Nervensystem“ führen wird.

Obschon die Technologie, derer sich die kognitiven Neurowissenschaften bedient, eindrucksvoll ist, gleicht ihr Vorgehen Steven Faux (2002) zufolge der Jagd nach Geistern mittels Geigerzähler. Die kognitiven Wissenschaften bedienten sich früher solcher Messwerte wie der Reaktionszeit als abhängige Variable. Die kognitiven Neurowissenschaften bedienen sich der Gehirn-darstellenden Techniken wie der PET (Positron-Emissions-Tomographie). Diese Techniken sind das Ergebnis von Fortschritten in anderen Wissenschaften (Atomphysik, Computertechnik). Die Messwerte, die man mit ihnen erhebt, werden oft in eindrucksvollen farbigen Graphiken und Karten – ähnlich der Wetterkarte – in den diversen Fachzeitschriften dargestellt. Diese Daten scheinen die Leser etwas näher an die Black Box heranzuführen.

Eine häufig verwendete Technik ist die eben erwähnte Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Die PET-Technik stellt gewissermaßen einen computerisierten Geigerzähler dar, der die Verteilung von zuvor eingeatmetem oder injiziertem radioaktivem Sauerstoff und Kohlenstoff im Gewebe darstellt. In den kognitiven Neurowissenschaften wird die mit dem PET gemessene Gehirnaktivität (die radioaktiven Isotope sind an den Stellen des Gehirns am häufigsten anzutreffen, die am meisten „Brennstoff“ verbrauchen) oft in Abhängigkeit von einer bestimmten Tätigkeit, die der Teilnehmer der Studie ausübt, gemessen. Zum Beispiel könnte der Teilnehmer während der Messung eine Liste mit konkreten Hauptwörtern vorlesen oder er soll einen Knopf drücken, wenn er einen bestimmten Ton hört. Die Werte mehrerer Versuche mit einem Teilnehmer werden übereinandergelegt und dann aus den Ergebnissen mehrerer Teilnehmer ein Durchschnitt errechnet.

Eine typische und häufig zitierte Studie stammt von Mellet, Tzourio, Denis und Mazoyer (1995). Die Teilnehmer lagen hier unter dem PET und beobachteten eine Landkarte mit bestimmten Merkmalen. Zuvor war der PET-Basiswert ermittelt worden, indem die Werte gemessen wurden, während die Teilnehmer entspannt mit geschlossenen Augen da lagen. In einer weiteren Bedingung sollten die Teilnehmer sich mit geschlossenen Augen den zuvor auf der Landkarte „gegangenen“ Weg vorstellen. Die für das mentale Vorstellen zuständigen Hirnregionen wurden sodann dadurch identifiziert, dass die Basiswerte von den Werten während der Bedingung, in der die Teilnehmer sich den Weg vorstellen sollten, abgezogen wurden. Hierbei fanden sich bestimmte Regionen im Gehirn (so der obere occipitale Cortex), die relativ konsistent über alle Teilnehmer erregt zu sein schienen, wohingegen andere Regionen auffällig deaktiviert waren. Warum sie das waren, wird von Mellet et al. (1995) jedoch nicht erklärt, ebenso wie in den meisten anderen Studien nicht erklärt wird, warum bestimmte Regionen erregt und andere eher deaktiviert sind.

In dieser Studie, wie auch vielen anderen, die diese Technik verwenden, ist vor allem die große Variationsbreite über die verschiedenen Teilnehmer auffallend. Auch die Daten eines einzelnen Teilnehmers, über den Mellet et al. (1995) detaillierter berichten, variieren stark. Die wenigsten Studien aus diesem Bereich enthalten Berichte über einzelne Teilnehmer. Zudem fällt bei den Graphiken auf, dass Differenzwerte, die tatsächlich sehr gering waren, in den Abbildungen knallrot dargestellt wurden – auffälligen Farbunterschieden liegen nicht notwendigerweise ebenso gravierende Messwertunterschiede zugrunde. Zudem, wenn man die Daten genauer betrachtet, wird klar, dass diese Unterschiede nur im Durchschnitt gelten. Würde man die Werte für jeden Teilnehmer einzeln graphisch darstellen, bei jedem wäre eine andere Region knallrot eingefärbt. Trotz dieser erstaunlichen interindividuellen Variationsbreite schließen die Autoren sehr sicher, dass „mentales Vorstellen“ mit einer Erregung des oberen occipitalen Cortex einhergehe. Mellet et al. (1995) folgern weiter, dass die gespeicherten visuellen Repräsentationen hier ihren Sitz hätten.

Diese Variationsbreite ist typisch für die Experimente in den kognitiven Neurowissenschaften. Selten findet man eine Replikation von einer Gruppe zur nächsten, recht selten sind Replikationen bei einem Individuum und extrem selten ist die Replikation der Ergebnisse von einem Individuum bei einem anderen (Cabeza & Nyberg, 1997, 2000). Besonders bezeichnend sind die Unterschiede in den Ergebnissen von Studien, die dieselbe Aufgabe beinhalteten. So war bei fünf Studien, die alle den sogenannten Stroop-Test (die Versuchsperson muss die Farben benennen, in der bestimmte Farbwörter – blau grün etc. – geschrieben sind; die Farbwörter sind nicht in „ihrer“ Farbe gedruckt, d. h. z. B. „blau“ ist nicht blau geschrieben) verwendeten, um so die „Aufmerksamkeit“ zu erfassen, keine einzige Gehirnregion bei allen fünf Studien aktiviert.

Eines der Hauptprobleme der kognitiven Neurowissenschaften liegt in der Übernahme ungeprüfter mentalistischer Konzepte (wie „mentales Vorstellen“). Die kognitiven Neurowissenschaften setzen voraus, dass die „kognitiven Atome“ bereits entdeckt wurden. Aber es scheint in diesen PET-Experimenten unmöglich zu sein, eine Experimentalbedingung zu schaffen, die von der Kontrollbedingung durch nur eine Aktion des Gehirns unterschieden ist. Die kognitiven Neurowissenschaftler setzen aber voraus, dass es so eine Art Periodensystem der kognitiven Elemente gibt. Das Problem ist, dass man jeden der von den Kognitionswissenschaftlern angenommenen basalen Prozesse ohne weiteres in weitere Subprozesse aufspalten kann (wobei man sich fragen muss, welcher Sinn darin zu sehen ist, ein vages Konstrukt durch drei andere vage Konstrukte zu ersetzen). Bei weitem herrscht hier keine Einigkeit.

Kognitive Neurowissenschaftler können nicht darlegen, warum unbeobachtete kognitive Konstrukte sinnvolle Bezeichnungen für bestimmte Gehirnregionen sein sollen. Uttal (2001) hat daher die kognitiven Neurowissenschaften bereits als die „Neue Phrenologie“ bezeichnet. Bestenfalls, so Faux (2002), bringen uns die PET-Messungen dazu, statt nicht mehr zu wissen, was im ganzen Gehirn vor sich geht, nicht mehr zu wissen, was in einem bestimmten Gyrus vor sich geht.

Zudem sind PET und verwandte Techniken keine direkten Messungen der Gehirnaktivität, sondern nur des Blutflusses im Gehirn. Dies ist insofern relevant, als auch hemmende Neuronen (die in der Gehirntätigkeit eine große Rolle spielen und deren Zweck darin besteht, die Aktivität anderer Neuronen zu hemmen) Sauerstoff und Nährstoffe verbrauchen.

Es ist mehr als zweifelhaft, dass die Wissenschaft dadurch voranschreitet, dass grobe physiologische Messungen vorgenommen werden, um schlecht definierte kognitive Konstrukte zu stützen.

Diese kognitiven Konstrukte werden in diesen Forschungen auch nicht getestet: Zwar werden immer wieder die Gehirn-Karten revidiert, jedoch nie diese Konstrukte wirklich auf die Probe gestellt. Sie werden einfach als gegeben vorausgesetzt.

Hinter all der kognitiven Neurowissenschaft scheint überall der berüchtigte Homunculus im Kopf, das cartesianische Theater, von dem aus alle anderen Aktivitäten gesteuert werden, hindurch. Immer wieder wird auf eine zentrale Exekutive verwiesen, einen Mechanismus, der Output produziert, ohne von Input abhängig zu sein. Diese zentrale Exekutive wird immer dann postuliert, wenn kein direkter Umwelteinfluss beobachtet werden kann. Der „Willen“ stellt somit die Restmenge jenes Verhalten dar, das nicht unter der Kontrolle des Forschers steht.

Literatur

Cabeza, R. & Nyberg, L. (1997). Imaging cognition: An empirical review of PET studies with normal subjects. Journal of Cognitive Neuroscience, 9(1), 1-26.

Cabeza, R. & Nyberg, L. (2000). Imaging cognition II: An empirical review of 275 PET and fMRI studies. Journal of Cognitive Neuroscience, 12(1), 1-47.

Faux, S. F. (2002). Cognitive neuroscience from a behavioral perspective. A critique of chasing ghosts with geiger counters. The Behavior Analyst, 25(2), 161-173.

Mellet, E.; Tzourio, N.; Denis, M. & Mazoyer, B. (1995). A positron emission tomography study of visual and mental spatial exploration. Journal of Cognitive Neuroscience, 7(4), 433-445.

Skinner, B. F. (1938). The Behavior of Organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1953). Science and Human Behavior. Reno, NV: MacMillan.

Skinner, B. F. (1984). Methods and theories in the experimental analysis of behavior. Behavioral and Brain Sciences, 7(4), 511-546.

Skinner, B. F. (1990). Can psychology be a science of mind? American Psychologist, 45(11), 1206-1210.

Uttal, W. R. (2001). The new phrenology: The limits of localizing cognitive processes in the brain. Cambridge, Mass.: MIT Press.

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Freud als Pseudowissenschaftler

Ich empfehle die Lektüre der Werke Freuds allen meine Leserinnen und Lesern sehr (ebenso meinen Studentinnen und Studenten). Sigmund Freud ist ein begnadeter Erzähler, dessen Werke über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen sind (er schreibt auch ein sehr gutes Deutsch), sie sind voller überraschender Beispiele und Anekdoten. Auch seine Erklärungen sind – als Gedankenspiele – sehr anregend. Wahrscheinlich hat Freud seine Popularität unter anderem auch diesem Umstand zu verdanken. Besonders empfehlen kann ich persönlich die „Traumdeutung“, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ und „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“.

Noch unterhaltsamer wird die Freud-Lektüre, wenn man beim Lesen darauf achtet, welche Kniffe Freud anwendet, um seine Leser für sich einzunehmen. Anthony Derksen (2001) hat die Strategien, die Freud nutzte, um zu überzeugen, zusammengefasst. Er nennt sie die „sieben Strategien des fortgeschrittenen Pseudowissenschaftlers“.

Derksen (2001) erklärt, warum Freud auch bei ansonsten sehr kritischen und wissenschaftlich denkenden Geistern kaum als Pseudowissenschaftler auffällt. Freud ist, so Derksen, ein sehr geschickter Pseudowissenschaftler. Er benutzt alle sieben Strategien des Pseudowissenschaftlers auf raffinierte Art und Weise und wirft so eine der großartigsten Nebelbomben der Geistesgeschichte.

Von diesen sieben Strategien sind nicht alle für sich allein verwerflich, einige gleichen sogar sehr lobenswerten Grundsätzen. In der Art, wie Freud sie jedoch zusammen mit den anderen Strategien anwendet, dienen sie perfekt der Verschleierung der Tatsache, dass die Psychoanalyse eine Pseudowissenschaft ist.

Die sieben Strategien sind die folgenden

  1. Die Strategie des ehrlichen Empiristen.
    Freud betont immer wieder, dass man sich auf die unvoreingenommene Beobachtung stützen müsse. Er macht den Empirismus – im Gegensatz zum Vorgehen der Philosophen – sogar nachgerade zu seiner höchsteigenen Sache. Nur wird er dieser Forderung in seinem Vorgehen nie selbst gerecht.
  2. Die Strategie der rücksichtslosen Selbstkritik
    Freud führt in seinen Schriften oft einen scharfen Kritiker seiner selbst ein, der alles, was Freud vertritt, für fragwürdig erklärt. Jedoch verlaufen sich diese Ansätze immer in einer rhetorischen falschen Fährte. Die ursprüngliche Kritik wird am Ende nie beantwortet, sondern nur als beantwortet hingestellt. Skeptiker kennen diese Strategie von anderen Pseudowissenschaftlern: „Also ich bin ja total skeptisch, aber…“
  3. Die Strategie, unvoreingenommen zu sein
    Freud betont immer wieder, seine Prämissen im Lichte widersprechender Befunde jederzeit aufgeben zu wollen. Jedoch tut er das nie. Entweder er gibt nur Prämissen auf, die gar nicht seine eigenen waren oder er verwendet die oben beschriebene Strategie der rücksichtslosen Selbstkritik. Trotzdem erzeugt er beim Leser den Eindruck, quasi von den Tatsachen zur Annahme bestimmter Punkte seiner Theorie gezwungen worden zu sein.
  4. Die Strategie des schlagenden, aber irrelevanten Beispiels
    Freud ist ein Meister im Anführen schöner – aber für die jeweils zu belegende Behauptung irrelevanter – Beispiele. Man nehme Freuds Fehlleistung, immer „Klosetthaus“ statt „Korsetthaus“ zu lesen, als er dringend auf die Toilette musste: Für seine Theorie von den Impulskonflikten als Ursache der Fehlleistungen ist das Beispiel völlig bedeutungslos.
  5. Die Strategie des Beleges an anderer Stelle
    Freud verweist mit Vorliebe auf Belege an anderer Stelle (bei sich selbst oder bei anderen). Er kleidet dies geschickt in didaktische Vorwände und ermuntert den Leser geradezu, seinen Behauptungen nicht zu trauen und zu prüfen. Nur finden sich an den von Freud angegebenen Stellen entweder überhaupt keine relevanten Belege oder aber nur die nach den oben erwähnten Mustern gestrickten rhetorischen Kniffe.
  6. Die Strategie des günstigen Kompromisses
    Freud räumt in seinen Schriften oft dem bereits erwähnten imaginären Kritiker einen scheinbar für diesen günstigen Kompromiss ein. Im Endeffekt erweist sich dieser Kompromiss jedoch immer als eine glatte Bestätigung von Freuds eigentlicher Position. So gelingt es Freud, den Anschein zu erwecken, auf seine Kritiker wirklich ernsthaft einzugehen.
  7. Die Strategie, methodischen Scharfsinn zu zeigen
    Es gibt zahlreiche Zitate von Freud, die ein skeptisch-wissenschaftlicher Psychologe jederzeit unterschreiben könnte, Zitate, die von tiefer Einsicht in die methodischen Probleme der Psychologie zeugen. Nur werden diese methodischen Grundsätze (z. B. bezüglich des Suggestionsvorwurfes) von Freud nie in die Praxis umgesetzt. Im Grunde dient diese Strategie demselben Ziel wie die der rücksichtslosen Selbstkritik.

Derksen (2001) gesteht Freud zu, dass er in der Tat um wissenschaftliche Redlichkeit bemüht gewesen sein mag. Nur hat sich dieser Vorsatz nie in wirklichem Handeln niedergeschlagen. Freud war nicht nur unredlich gegen den Leser, er war es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gegen sich selbst. Als brillanter Rhetoriker blendete er nicht nur andere, sondern vor allem sich selbst.

Literatur

Derksen, A. A. (2001). The seven strategies of the sophisticated pseudo-scientist. Journal for General Philosophy of Science, 32(2), 329-350. https://doi.org/10.1023/a:1013100717113

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Wie „erblich“ sind Intelligenz und das Auftreten psychischer Störungen?

Das Thema kam in meinem Umfeld auf und statt einen umfassenden Artikel dazu zu schreiben, gebe ich hier meine Notizen zu Jay Josephs (2004) Buch „The gene illusion“ wieder, in der er die methodischen Schwächen der Erblichkeitsforschung auflistet und begründet. Vielleicht schreibe ich zu diesem immer wieder gerne sehr emotional diskutierten Thema gelegentlich noch mehr. Für weitere Informationen empfehle ich auch die Beiträge in diesem Blog zum Schlagwort „Biologie„.

Das Konzept der Erblichkeit, so Joseph (2004), wurde für die Tier- und Pflanzenzucht entwickelt. Unglücklicherweise wird es heutzutage als eine Zahlenangabe über das Verhältnis des Einflusses von Genen und Lernerfahrungen angesehen.

Es gibt eine Vielzahl von Fehlerquellen, die die Erblichkeitsforscher nicht in den Griff bekommen haben. Zum Beispiel wurden alle Adoptionsstudien, die die Erblichkeit von Schizophrenie untersuchen sollten, in Ländern oder Regionen durchgeführt, in denen (früher oder noch aktuell) eugenisch begründete Gesetze zur Sterilisation von erkrankten Personen galten. Dies hatte zur Folge, dass Kinder von Eltern, die psychisch krank waren, nicht so schnell adoptiert wurden wie Kinder, deren Eltern psychisch unauffällig waren. Adoptiveltern wollten nicht riskieren, dass das Kind, das sie adoptierten, psychisch krank wurde und infolgedessen vielleicht auch noch sterilisiert wurde. Diese Kinder befanden sich deshalb länger in Einrichtungen und wurden letztlich von Familien adoptiert, in denen die psychosozialen Voraussetzungen ungünstiger für sie waren. Es ist kein Wunder, dass diese Kinder dann auch häufiger tatsächlich eine psychische Erkrankung erwarben. Das gleiche gilt für Kinder, die die von kriminellen Eltern abstammen. Die wenigsten potentiellen Adoptiveltern sind bereit, ein Kind aus einer solchen Familie zu adoptieren, insbesondere dann nicht, wenn sie von vielen Seiten erfahren, dass solche Eigenschaften hochgradig erblich sein sollen. Dies hat wiederum zur Folge, dass auch solche Kinder länger im Heim bleiben und letztlich in den eher “ungünstigen“ Familien landen.

Die meisten Adoptiveltern haben jedoch einen überdurchschnittlichen IQ und können ihren Adoptivkindern eine überdurchschnittlich gute Umwelt bieten. Daraus folgt notwendigerweise, dass die Korrelation zwischen dem IQ des Kindes und dem der Adoptiveltern nicht sehr hoch sein kann, da die Varianz auf Seiten der Adoptiveltern relativ gering ist.

Intelligenztests sind keine objektiven Messinstrumente, denn sie messen nicht Eigenschaften wie die Körpergröße, sondern ein hypothetisches Konstrukt: Intelligenz ist das Ergebniss einer Schlussfolgerung, die aus dem Verhalten einer Person abgeleitet wird. Intelligenztests werden extra so konstruiert, damit sie eine bestimmte Verteilung erzeugen, wenn sie einer Stichprobe von Personen vorgegeben werden. Die ersten Intelligenztests waren noch so konstruiert, dass Frauen dort systematisch schlechter abschnitten als Männer. Spätere Intelligenztests wurden so konstruiert, dass Frauen und Männer in etwa gleich gute Ergebnisse erzielten. Das schlechtere Abschneiden von bestimmten Ethnien und Gesellschaftsschichten ist in gewisser Weise in die meisten standardisierten Intelligenztests eingebaut. Man kann daher nicht mit den Ergebnissen von Intelligenztest argumentieren, um zu belegen, dass die Angehörigen bestimmter Schichten oder Ethnien weniger intelligent sind als andere. Mit Intelligenztests gemessene Intelligenzunterschiede verschwinden, wenn sich die gesellschaftlichen Bedingungen verändern. Beispielsweise schnitten Südafrikaner niederländischer Herkunft (Afrikaaner) um 1950 herum in Intelligenztests ungefähr eine halbe Standardabweichung schlechter ab als Südafrikaner britischer Herkunft. Dies änderte sich, als die Afrikaaner in Südafrika zur herrschenden Schicht wurden. Um 1970 herum war dieser Unterschied komplett verschwunden.

Sämtliche Forschungen zur Erblichkeit von Intelligenz, Persönlichkeitseigenschaften, psychischen Erkrankungen, Kriminalität usw. wurden nie ergebnisoffen durchgeführt, sondern waren immer motiviert durch das Bestreben der Forscher, Hinweise für eine bedeutsame Rolle der Gene bei der Ausprägung dieser Eigenschaften und Konstrukte zu finden. Viele dieser Forscher waren zudem Anhänger der Eugenik. Dies lässt sich schon bei Francis Galton aufzeigen. Seinen Forschungen waren so stark fehlerbehaftet, dass sie praktisch nicht verwertbar sind. Er fragte bei 600 Personen an, von denen er wusste, dass sie Zwillinge waren oder die Verwandten von Zwillingen, er erhielt aber nur 159 Antworten. Aus diesem Antworten suchte er 35 Fälle von Zwillingen, die sich sehr ähnlich waren und 20 Fälle von Zwillingen, die sehr unterschiedlich waren, heraus. Im Gegensatz zu dem, was heutzutage verbreitet wird, verglich Galton nicht eineiige und zweieiige Zwillinge. Er benutzte lediglich einige, aus zweiter oder dritter Hand überlieferte Fälle, um seine bereits vorgefassten Anschauungen zu illustrieren. Galtons Schriften als wissenschaftliche Untersuchungen darzustellen, verhöhnt die wissenschaftliche Methode als Ganzes. Dennoch ist Galton zu Recht als der Vater der Eugenik und der Zwillingsforschung bezeichnet worden.

Die eigentliche Zwillingsforschung begann im 20. Jahrhundert in Deutschland. Die Begründer der Zwillingsforschung (Joseph nennt hier Hermann Siemens) und ihre Schüler betrieben ihre Forschungen praktisch ohne Unterbrechung vor, während und nach der Zeit des Naziregimes in Deutschland weiter. Bruno Schulz, der sich während der Nazizeit mehrfach zustimmend zur Rassenhygiene und zur Sterilisation genetisch minderwertiger Personen geäußert hatte (was von Heinrich Himmler und andere Nazigrößen wohlgefällig aufgenommen wurde), gründete nach dem Krieg die Abteilung für Genealogie und Demographie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Diese Verquickungen mögen der Grund sein, warum ihre eigentlichen Gründerväter von heutigen, internationalen Zwillingsforschern kaum mehr genannt werden. Nichtsdestotrotz bezieht man sich in Überblicksarbeiten und Metastudien auf die Daten dieser deutschen Forscher, wenn es darum geht, die These von der überwiegenden Erblichkeit bestimmter mentaler Eigenschaften zu untermauern. Ansonsten wird die Verquickung jener Pioniere der Erblichkeitsforschung mit dem Naziregime gerne geleugnet. Viele tragende Säulen des Systems werden zu Kritikern und Verfolgten des Naziregimes stilisiert (vergleiche etwa den Wikipedia-Artikel zu Bruno Schulz, in dem es heißt, er habe die Sterilisierungspolitik des Nationalsozialismus „implizit infrage gestellt“). Franz Kallmann etwa wird als jüdischer Emigrant dargestellt, der Hitlers Deutschland entfloh. Tatsächlich war Kallmann 1935 in Deutschland noch aktiv und setzte sich für die zwangsweise Sterilisation von Menschen, die die Diagnose Schizophrenie erhalten hatten sowie deren Angehörigen ein. Auch nach seiner Flucht trat er 1938 noch für „negative eugenische Maßnahmen“ gegen die „Überträger von Geisteskrankheiten“ ein. 1953 dagegen behauptete er, er habe seine Familienstudie vor allem deshalb unternommen, um die Erblichkeit von Schizophrenie zu widerlegen. Nichtsdestotrotz war er noch in den fünfziger und sechziger Jahren aktiv in der amerikanischen eugenischen Gesellschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre erlebte die Erblichkeitsforschung einen Tiefpunkt. Doch beginnend in den siebziger Jahren und verstärkt in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erhielt sie wieder Auftrieb. Sie diente vor allem als Rechtfertigung für die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems. Auch die pharmazeutische Industrie hatte ein Interesse daran, psychische Erkrankungen als biologisch bedingt darzustellen. Als Durchbruch wurden die Studien zu getrennt aufgewachsenen Zwillingen in Minnesota gefeiert (z. B. Lilienfeld, 2014), doch kranken diese, so Joseph (2004), an den gleichen Schwächen wie alle früheren Studien.

Der große Schwachpunkt der Zwillingsforschung ist die Annahme der Gleichartigkeit der Umwelten von eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge haben (mehr oder weniger) zu 100 % identische Gene. Die Gene von zweieiigen Zwillingen stimmen dagegen nur zu 50 % überein. Die Zwillingsforschung setzt voraus, dass eineiige und zweieiige Zwillinge in einer im gleichen Ausmaß ähnlichen Umwelt aufwachsen. Doch ist die Umwelt von eineiigen Zwillingen deutlich ähnlicher als die Umwelt von zweieiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge erkennt man vor allem daran, dass sie sich „wie ein Ei dem anderen gleichen“. Zweieiige Zwillinge können dagegen so verschieden aussehen wie Geschwister im Allgemeinen. Sie werden von ihrer Umwelt deutlich unterschiedlicher behandelt als eineiige Zwillinge. Eineiigen – und nicht zweieiigen – Zwillingen passiert es häufig, dass sie miteinander verwechselt werden. Eineiige Zwillinge haben häufiger die gleichen Freunde, sie verbringen mehr Zeit miteinander und sie werden von ihren Eltern, Verwandten, Lehrern und Bekannten häufiger so behandelt, als wären sie eine Person, als dies bei zweieiigen Zwillingen der Fall ist. Die Logik der Zwillingsforschung setzt jedoch voraus, dass die Umwelt von eineiigen Zwillingen nicht ähnlicher ist als die Umwelt von zweieiigen Zwillingen. Mit der Kritik an dieser Annahme konfrontiert, greifen die Zwillingsforscher jedoch zum Mittel der Beweislastumkehr. Die Kritiker müssten nachweisen, dass die ähnlichere Umwelt von eineiigen Zwillingen einen systematischen Einfluss auf die untersuchten Eigenschaften habe, ansonsten sei das Argument irrelevant. Interessanterweise können Kritiker selbst dieser unfairen Anforderung genügen. So werden Menschen, die attraktiv sind, von ihrer Umwelt positiver wahrgenommen und gefördert, wohingegen bei unattraktiven Menschen das Risiko einer psychischen Erkrankung höher ist. Das herausragende Merkmal von eineiigen Zwillingen ist ihr identisches Äußeres. Die erhöhte Konkordanz des Auftretens von psychischen Erkrankungen bei eineiigen Zwillingen lässt sich zum Teil durch deren identisches Äußeres erklären.

Am überzeugendsten scheinen die Studien von eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwuchsen. Dabei muss man zwei Erzählstränge unterscheiden. Der eine Erzählstrang ist der folkloristische. Es wimmelt von Erzählungen von getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen, die sich in erstaunlicher Weise ähneln. All diese Erzählungen stellen lediglich anekdotische Evidenzen dar. Und auch eine Häufung von solchen Erzählungen belegt nichts: die Mehrzahl von Anekdoten ist nun mal nicht Daten. Einem Journalisten auf der Suche nach einer guten Story mag man es noch durchgehen lassen, wenn er solche Anekdoten verbreitet. Die Forscher auf diesem Gebiet distanzieren sich natürlich von solchen Geschichten, wenn sie von anderen Wissenschaftlern dazu befragt werden. Doch sie geben gegenüber Journalisten diese Geschichten gerne weiter, obwohl sie, wenn sie ihren wissenschaftlichen Sachverstand benutzen würden, wissen müssten, dass diese Geschichten rein gar nichts aussagen. Sie verhalten sich dabei in ähnlicher Weise wie „wissenschaftlich arbeitende“ Parapsychologen, die gegenüber Skeptikern zugeben, dass Alltagsanekdoten von Telepathie (ein alter Freund, an den ich gerade gedacht hatte, ruft mich just in diesem Moment an) keine Aussagekraft haben, solche Geschichten aber gegenüber Journalisten gerne zum Besten geben.

Der zweite Erzählstrang bezüglich der Studien zu getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen bezieht sich auf die Übereinstimmung in bestimmten Testergebnissen (zum Beispiel Persönlichkeitsfragebogen und Intelligenztests). Zu diesen Studien muss angemerkt werden, dass die allerwenigsten dieser „getrennt aufgewachsenen“ eineiigen Zwillinge tatsächlich keinerlei Kontakt zueinander hatten und tatsächlich in deutlich unterschiedlichen Umwelten aufwuchsen. Oft bestand über Jahrzehnte hinweg ein Kontakt zwischen den Zwillingen. Ein anderer methodischer Fehler ist die Stichprobenauswahl. Viele getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge wurde nur deshalb gefunden und in die Studie aufgenommen, weil sie sich in so frappierende Weise ähnelten (ungefähr 90 % der bekannten Fälle von getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen wurden genau deshalb untersucht, weil sie sich so ähnlich waren). Doch selbst wenn man voraussetzt, dass diese Stichproben eine nennenswerte Anzahl an tatsächlich getrennt aufgewachsenen Zwillingen enthalten würden, so gibt es doch einige prinzipielle methodische Probleme. Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge wachsen dennoch in einer hochgradig gleichartigen Umwelt auf. Sie gehören der gleichen Alterskohorte an. Dies hat großen Einfluss auf die Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale. Personen, die bspw. ihre Kindheit und Jugend unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachten, legen häufiger großen Wert auf Sparsamkeit und Fleiß. Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge wachsen in der Regel dennoch im gleichen Land auf. Sie sind sich desto ähnlicher, je konformistischer die Kultur ist, in der sie aufwachsen. Sie gehören derselben Ethnie an. Sie haben das gleiche Geschlecht, wachsen oft in derselben Kultur oder Subkultur und in der gleichen Region auf. Sie sind beide freiwillig bereit, an einer Untersuchung zur Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen und intellektuellen Fertigkeiten teilzunehmen. Sie hatten die gleiche vorgeburtliche Umwelt.

Weitere methodische Schwächen der Studien zu den getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen betreffen die Datenerhebung. Die getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillinge wurden oft vom selben Untersucher befragt. Diese Tests waren also in keiner Weise verblindet. Hinzu kommt der Umstand, dass die Zwillinge adoptiert wurden. Kinder aus intakten, wohlhabenden Familien werden selten zur Adoption freigegeben. 90 % der getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillinge stammen aus armen Familien, dies verzerrt die Stichprobe. Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, werden nicht einfach zufällig irgendwelchen Familien zugeordnet. Die Jugendämter achten darauf, dass die Adoptiveltern den Kindern in bestimmter Hinsicht gleichen. Sie achten in der Regel auch darauf, dass die Adoptiveltern nicht straffällig geworden sind, psychisch gesund sind und ökonomisch so gut gestellt sind, dass sie gut für die Adoptivkinder sorgen können. Sehr häufig werden Kinder von Verwandten adoptiert. Betrachtet man die verfügbaren Daten zu den Stichproben genauer (die Erblichkeitsforscher sind in der Regel nicht bereit, ihre Rohdaten anderen Forschern zur Verfügung zu stellen, oft mit dem Argument, die Privatsphäre ihrer Versuchspersonen schützen zu wollen; andererseits zerren sie ihre besonders beeindruckenden Fälle jederzeit gerne an die Öffentlichkeit) stellt man fest, dass praktisch kein Zwillingspärchen tatsächlich seit der Geburt keinen Kontakt mehr zueinander hatte und tatsächlich in sehr unterschiedlichen Umwelten aufwuchs. In den bekannten Einzelfällen, in denen dies der Fall war, zeigt sich dagegen oft, dass die Zwillinge dann auch sehr unterschiedlich waren, was ihre Persönlichkeit und ihre Intelligenz angeht. So wird über ein Paar aus der Minnesota-Studie berichtet, das tatsächlich in sehr unterschiedlichen Umwelten aufwuchs. Einer der Zwillinge wurde von Analphabeten adoptiert, der andere von einem besser ausgebildeten Ehepaar. Der Unterschied im IQ zwischen den beiden Zwillingen betrug 29 Punkte. Die Zwillingsforscher versuchten, diesen Unterschied damit weg zu erklären, indem sie unterstellten, dass der bei den Analphabeten aufgewachsene Zwilling eine Art Gehirnschaden bei der Geburt erlitten habe. Dafür wurde jedoch keinerlei Beleg vorgebracht.

Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge werden in den Studien mit getrennt aufgewachsenen zweieiigen Zwillingen verglichen. Auch hier zeigen sich systematische Fehler. Die getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillinge der Minnesota-Studien hatten doppelt so oft wie die getrennt aufgewachsenen zweieiigen Zwillinge vor Beginn der Untersuchung bereits Kontakt zueinander. Es kommt noch besser: 16 von 53 getrennt aufgewachsenen zweieiigen Zwillingen dieser Studien hatten nicht das gleiche Geschlecht! Die Testergebnisse für diese Pärchen werden in den Studien aber nicht getrennt aufgelistet. Es versteht sich von selbst, dass sich Brüder und Schwestern stärker voneinander unterscheiden als gleichgeschlechtliche Zwillingspaare.

Folgt man der Logik der Erblichkeitsforscher, so müsste man argumentieren, dass die Art und Weise, wie Menschen sich anziehen, eine direkte Konsequenz ihrer Gene ist. Eineiige Zwillinge ziehen sich oft in gleicher Art und Weise an, was bei zweieiigen Zwillingen eher selten vorkommt. Demnach muss also die Wahl der Kleidung eine mehr oder weniger ausschließlich erblich bedingte Eigenschaft sein.

Angaben zur Erblichkeit einer Eigenschaft haben eigentlich nur dann Sinn, wenn man Menschen, Tiere oder Pflanzen züchten möchte. Sie sagen lediglich etwas über das Ausmaß der Variation in diesen Eigenschaften aus, sie können nichts zu der Frage nach den Ursachen dieser Eigenschaften beitragen.

Literatur

Joseph, J. (2004). The gene illusion : Genetic research in psychiatry and psychology under the microscope. New York: Algora Pub.
Lilienfeld, S. O. (2014). Psychology : from inquiry to understanding (3rd). Boston: Pearson.

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Mentalismus – von den Gefahren, die drohen, wenn man Unterschiede zwischen Menschen auf „innere Faktoren“ zurückführt

Jay Moore (2003) hat vor fast 20 Jahren schon einmal zusammengefasst, warum es problematisch ist, Unterschiede zwischen Menschen auf (echte oder vermeintliche) innere Faktoren zurückzuführen – aus wissenschaftlicher und aus ethischer Sicht.

Verhaltensanalytiker zeichnen sich durch ihr hauptsächliches Interesse an den Kontingenzen, die das Verhalten kontrollieren, durch ihre Abgrenzung vom Mentalismus und ihre Überzeugung, dass sich die soziale Umwelt planen und verändern lässt, aus. Der Mentalismus dagegen vertritt die Ansicht, dass eine angemessene Erklärung von Verhalten den Bezug auf vermeintliche innere mentale Phänomene enthalten muss. Dieser vertritt entweder einen formalen und expliziten Dualismus (es gibt eine geistige und eine physische Welt) oder aber einen epistemiologischen Dualismus, der besagt, dass es eine geistige Sphäre gibt, die zwar physisch begründet ist (als Gehirnaktivität), die aber nicht untersuchbar sondern nur erlebbar ist (vgl. Psychologie als Wissenschaft vom Verhalten und Erleben des Menschen). Diesem epistemiologischen Dualismus huldigen nicht nur Philosophen und die gesamte traditionelle Psychologie, sondern auch der sogenannte Neo-Behaviorismus, der die vermittelnde Qualität innerer Prozesse anerkennt. In der akademischen Psychologie erwirbt man sich z. Zt. am besten seine Sporen, indem man neue Mentalismen erfindet und popularisiert. Wir haben aus der Medizin eine Tendenz übernommen, unser wissenschaftliches Heil in inneren Vorgängen zu suchen und wir erfinden notfalls welche, wenn sie nicht direkt untersuchbar sind. Zudem werden mentalistische Erklärungen – als ein verbales Verhalten – durch die soziale Umwelt aufrechterhalten: Der Laie kennt das „Erleben und Verhalten“ vor allem aus der Innenansicht und er ist geneigt, in Ersterem die Ursache für Letzteres zu sehen.

Ein Auswuchs des Mentalismus ist die Attributionstheorie. Attributionstheoretiker selbst haben den sogenannten fundamentalen Attributionsfehler entdeckt: Dass die meisten Menschen unangemessenerweise das Verhalten anderer Menschen auf dispositionelle Faktoren attribuieren. Der „fundamentale Attributionsfehler“ an sich ist bereits ein Fehler, denn er setzt voraus, dass Dispositionen überhaupt Ursachen von Verhalten sein können. Ebenso ein Fehler an sich ist das sogenannte Konsistenzparadox: Der Umstand, dass wir das Verhalten anderer Menschen über verschiedene Situationen hinweg als konsistenter einschätzen als dies eigentlich der Fall ist. Für den Verhaltensanalytiker ist das Verhalten immer eine Funktion der gegenwärtigen und der früheren „Situation“ – das Paradox existiert für ihn somit nicht. Wer nun solche dispositionellen Faktoren als Ursachen von Verhalten propagiert, der leistet – gewollt oder ungewollt – der Diskriminierung von Minderheiten Vorschub. Denn wenn das Verhalten einer Person, die einer bestimmten Gruppe von Personen (z. B. von gleicher Hautfarbe oder Nationalität) angehört, durch eine Disposition bestimmt ist, dann ist es zumindest fraglich, ob dieses Verhalten überhaupt geändert werden kann. Warum sollte man es also überhaupt versuchen? Aus Sicht der Verhaltensanalyse dagegen mögen Verhaltensrepertoires gelegentlich zwar gut organisiert und strukturiert sein, aber sie sind nicht durch „innere Ursachen“ determiniert.

Das Konzept der „Intelligenz“ ist ein weiterer bedenklicher Aspekt des Mentalismus. Intelligenz wird für gewöhnlich als eine mentale Eigenschaft eines Menschen betrachtet. Die stereotype mentalistische Betrachtungsweise der Intelligenz hat in der Geschichte bereits viel Leid über die Menschen gebracht (erinnert sei hier an die Ausgrenzung von osteuropäischen und anderen Einwanderern in den USA aufgrund der Ergebnisse von Intelligenttests). Ebenso bedenklich ist die mentalistische Interpretation der Intelligenzunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die kognitive Neurowissenschaft unterfüttert diese Interpretation mit den Unterschieden in der Gehirnstruktur. Eine Implikation des Mentalismus ist die Folgerung, dass bei geringer Intelligenz keine Förderung von Nöten ist, denn sie ist ein inhärentes Merkmal der Person: Wenn Frauen bestimmte Aufgaben nicht so gut bewältigen wie Männer, weil ihre Neuronen irgendwie anders sind als die von Männern, warum sollten sie dann nicht am Besten „barfuss und schwanger in der Küche stehen“, wie Moore es umschreibt?

Aus Sicht der Verhaltensanalyse ist „Intelligenz“ nur eine weitere mentalistische Erklärungskrücke. Menschen unterscheiden sich: Sie haben unterschiedliche genetische Ausstattungen, die bedingen, dass sie in unterschiedlicher Weise für die Einflüsse ihrer Umwelt empfänglich sind. Zweifelsohne ist auch das Verhaltensrepertoire eines Menschen aus einer gehobenen sozialen Schicht entwickelter als das eines Menschen aus einer niedrigern sozialen Schicht.  Aus der mentalistischen Sicht folgt hier aber der pädagogische Pessimismus. Wir werden mit Programmen und Interventionen wenig Erfolg haben, solange wir an dem Bezug auf traditionelle mentalistische Erklärungen von Intelligenz festhalten.

Sicher werden bestimmte Aktivitäten des Menschen durch bestimmte anatomische Strukturen ermöglicht. Wir sehen z. B. an den Opfern von Schlaganfällen, dass sie bestimmte Aufgaben nicht mehr oder nur noch schlecht ausführen können. Alle diese Belege aber sind nur eine vage Grundlage für die mentalistischen Metaphern vom Speichern und Abrufen von Informationen. Bei weitem ist kein Bezug herstellbar zwischen den Modellen zur Informationsverarbeitung der kognitiven Psychologie und den Synapsen, Neuronen und Gehirnregionen. Das Verhalten sollte die Suchrichtung für den Physiologen vorgeben. Die traditionelle Psychologie ist verantwortlich für eine gigantische Verschwendung an Forscherarbeit, indem sie Physiologen nach den neuronalen Entsprechungen von mentalistischen Konstrukten suchen ließ.

Schon John Stuart Mill beklagte, wie vulgär es sei, die Diversität von Verhalten und Charakteren auf natürliche Unterschiede zurückzuführen. Der Verführung des Mentalismus erlagen jedoch auch die ersten Behavioristen – indem sie die Naturwissenschaft vom Verhalten zu einer „kognitiven“ Psychologie zu transformieren versuchten (bestes Beispiel: Bandura).

Moore, J. (2003). Behavior analysis, mentalism and the path to social justice. The Behavior Analyst, 26(2), 181-193. https://doi.org/10.1007/BF03392075

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Kann sich die Gesellschaft verhalten?

Kurze Antwort: Nein, eher nicht. Bei der ausführlichen Antwort müssen wir etwas tiefer einsteigen, bei der Ontologie.

Dinge und Konstrukte

Alles ist entweder ein Ding oder ein Konstrukt (Mahner & Bunge, 2000, S. 6). Dinge sind konkrete oder materielle Gegenstände, sie sind wirklich vorhanden. Konstrukte dagegen sind nur etwas, über das wir reden und nachdenken können, sie existieren in gewisser Weise nicht wirklich, sondern nur, solange wir uns in Bezug auf sie verhalten, das heißt reden oder nachdenken (Dinge dagegen existieren unabhängig von uns). Um sich zu veranschaulichen, was ein Ding ist, kann man als unzureichende Behelfsdefinition annehmen, dass ein Ding alles ist, auf das man zeigen kann. Doch es zählen auch Objekte zu den Dingen, auf die man nicht zeigen kann, die aber gleichwohl konkret oder materiell sind, z. B. Elektronen. Aus dem Bereich der Psychologie: Ein Gehirn wäre ein Ding, auf dieses kann ich zeigen. Die Intelligenz dagegen ist ein Konstrukt. Auch menschliches Verhalten besteht in der Interaktion zwischen Dingen. Ein häufiger Fehler ist die Reifikation. Sie besteht darin, dass ein Konstrukt verdinglicht wird, das heißt wie ein Ding behandelt wird.

Konstrukte können nicht etwas bewirken, d. h. sich verhalten. Wenn wir sagen, dass irgendein Konstrukt (z. B. die Intelligenz) etwas bewirkt, dann begehen wir höchstwahrscheinlich den Fehler der Reifikation. Zudem liegt auch die Gefahr der zirkulären Argumentation nahe. Denn Konstrukte wie die Intelligenz sind oft nur bequeme Redeweisen für Dinge und die Interaktion zwischen Dingen. Wir kommen dazu, eine Person als intelligent zu bezeichnen, weil wir bestimmtes Verhalten bei ihr beobachtet haben (sie gibt kluge Antworten, sie kann Probleme lösen, insbesondere Aufgaben in einem Intelligenztest). Wir schreiben dann dieser Person Intelligenz zu. Zum Fehler der Reifikation kommt es, wenn wir diese Intelligenz dann wiederum etwas bewirken lassen und z. B. sagen eine Person könne aufgrund ihrer Intelligenz Probleme lösen. Die Zirkularität liegt auf der Hand.

Die Gesellschaft ist, so wie das Wort zumeist verwendet wird, ein Konstrukt. Ich kann nicht auf sie zeigen, denn sie ist mehr als eine Gruppe von Menschen. Sie beinhaltet auch deren Interaktionen und die von dieser Gruppe von Menschen geschaffenen Dinge. Sage ich nun, die Gesellschaft wolle etwas, die Gesellschaft tue etwas usw., begehe ich den Fehler der Reifikation.

Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm

Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm setzt voraus, dass kollektive Sachverhalte das Ergebnis der Handlungen individueller Akteure sind (Opp, 2005, S. 103). Das heißt, wenn die Gesellschaft sich verändert, verändern sich in Wahrheit die an der Gesellschaft teilnehmenden Individuen, sie verhalten sich z. B. anders. Das strukturell-individualistische Forschungsprogramm fordert, dass „kollektive Sachverhalte durch die Anwendung von Aussagen über Individuen zu erklären sind“ (Opp, 2005, S. 104). Kollektivistisches Denken dagegen ist in gewisser Weise magisches Denken. Es bietet, so Opp (2005), weniger tiefe Erklärungen und behindert die Lösung praktischer Probleme. Betrachte ich kollektive Sachverhalte dagegen auf der Ebene individuellen Verhaltens, erkenne ich, welche objektiv untersuchbar Prozesse tatsächlich stattfinden und ich habe einen Lösungsansatz, wie ich kollektive Probleme lösen kann. Beklage ich z. B., dass „die Gesellschaft“ nicht bereit ist, die Rechte von Minderheiten zu akzeptieren, verbaut mir ein kollektivistisches Denken den Zugang zur Lösung dieses Problems, die immer erfordert, dass Individuen ihr Verhalten verändern.

Dieser strukturell-individualistische Ansatz ist, wohlverstanden, kein plumper Reduktionismus, wie es z. B. folgende Antwort auf ein Zitat von Margret Thatcher („There’s no such thing as society“) unterstellt:

„Es gibt keine Pflanzen! Nur Pflanzenzellen!

Es gibt keine Moleküle! Nur Atome!

Es gibt keinen Gedanken! Nur elektrochemische Aktivität von Neuronen!“ (Florian Aigner auf Twitter, https://twitter.com/florianaigner/status/1467292309062574081).

Aigner attackiert hier einen Strohmann. Seine Vergleiche hinken, denn die Pflanze als Ganzes bildet auch wieder ein Ding, ebenso das Molekül. Sie sind „mehr“ als ihre Teile, aber das, was sie „mehr“ sind, spielt sich ebenfalls auf der Ebene der Dinge und der Interaktion zwischen ihren Teilen ab. Gedanken sind eine Aktivität von Dingen (in diesem Fall Menschen). Die Gesellschaft dagegen ist ein Konstrukt, wenn ich sie untersuchen will, muss ich das individuelle Verhalten von Menschen untersuchen (welches gegebenenfalls über die Individuen hinweg koordiniert ist, was aber wiederum nicht auf magische Art und Weise geschieht, sondern durch Vorgänge wie z. B. das Lernen am Modell). Des Weiteren kann ich auch die Artefakte, die für das Konstrukt „Gesellschaft“ relevant sind, untersuchen. Artefakte sind jedoch ebenfalls nur Produkte des individuellen Verhaltens von einzelnen oder mehreren Menschen gemeinsam.

So gesehen hat Margret Thatcher („There’s no such thing as society“) in gewisser Weise recht: Die Gesellschaft ist kein Ding, sie ist ein Konstrukt. Wenn wir dieses Konstrukt untersuchen wollen, müssen wir es herunter brechen auf das, was uns dazu bringt (in bequemer Redeweise) von diesem Konstrukt zu sprechen: das was Menschen tun. Nur einzelne Menschen verhalten sich.

Nachtrag: Dies ist jetzt natürlich vor dem Hintergrund eines naturalistisch-materialistischen Zugangs gesprochen, der sich allerdings in den empirischen Wissenschaften bislang als sehr erfolgreich erwiesen hat.

Mahner, M. & Bunge, M. (2000). Philosophische Grundlagen der Biologie. Berlin: Springer.

Opp, K. D. (2005). Methodologie der Sozialwissenschaften. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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Das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Menschen sich in der Arbeitswelt sicher oder nicht sicher verhalten. Wir leiten daraus ab, was man tun kann, um Menschen dazu zu bewegen, sich sicher zu verhalten. Sich impfen zu lassen, ist ein sicheres Verhalten. Ich werde an dieser Stelle nicht all die Argumente aufführen, warum das so ist, dies ist an anderer Stelle (https://www.gwup.org/coronavirus) schon ausführlicher und besser geschehen. Eine Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu haben oder an der Erkrankung zu sterben, enorm. Streng genommen ist es auch nicht erforderlich, dies anhand der Coronaimpfung noch einmal neu zu diskutieren. Das Prinzip der Impfung ist seit über 200 Jahren bewährt.

Wenn wir in der Verhaltensanalyse wissen wollen, warum ein Mensch das tut, was er tut, sehen wir auf die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen dieses Verhaltens. Unter vorausgehenden Bedingungen verstehen wir alles, was zeitlich vor dem Verhalten geschieht. Dazu gehört zum einen die Lerngeschichte des Individuums, also alles, was die Person bis zum jetzigen Zeitpunkt erlebt hat. Zum anderen gehört dazu aber auch die unmittelbare Vorgeschichte des Verhaltens, sowie die Situation, in der es auftritt. Wenn ich möchte, dass ein Mensch sicher arbeitet, muss ich dafür sorgen, dass er weiß, was das sichere Verhalten ist, dass er das sichere Verhalten zeigen kann und dass er die Möglichkeit dazu hat. Konsequenzen sind im verhaltensanalytischen Sinne Ereignisse, die auf das Verhalten folgen oder mit diesem zusammenhängen. Zu den Konsequenzen zählen nicht nur materielle Veränderungen in der Umwelt der Person (z. B., die Person hat jetzt etwas, was sie zuvor nicht hatte), sondern vor allem soziale Konsequenzen, also die geplanten und ungeplanten Reaktionen anderer Menschen auf das Verhalten. Sicheres Verhalten ist im Vergleich zum nicht-sicheren Verhalten aber auch oft etwas aufwendiger, was die Wahrscheinlichkeit, dass sicheres Verhalten auftritt, tendenziell senkt. Zudem muss man bedenken, dass Konsequenzen (auch schwerwiegende, wie etwa, an einer Erkrankung zu sterben), die nur zeitlich verzögert oder nur vielleicht eintreten, einen geringeren Einfluss auf das Verhalten haben als unmittelbare und sicher eintretende Konsequenzen. Wäre das anders, würde niemand rauchen.

Was lässt sich daraus für das sichere Verhalten, sich impfen zu lassen, ableiten? Wir sollten zunächst sicherstellen, dass die vorausgehenden Bedingungen das Verhalten, sich impfen zu lassen, begünstigen, u. a.:

  • Die Informationen, die man benötigt, um erkennen zu können, dass Sich-Impfen-zu-Lassen ein sicheres Verhalten ist, müssen leicht verständlich und verfügbar sein.
  • Wie man sich impfen lassen kann, muss so erklärt werden, dass die Person dieses Verhalten leicht selbst zeigen kann.
  • Man sollte alles tun, um den Zugang zur Impfung zu erleichtern. Dies senkt wiederum auf Seiten der Konsequenzen den mit dem Impfen verbundenen Verhaltensaufwand.

Aus der jahrzehntelangen Forschung zum Thema verhaltensorientierte Arbeitssicherheit wissen wir aber auch, dass vorausgehende Bedingungen oft nicht ausreichen, dass ein sicheres Verhalten tatsächlich auftritt. Jede Sicherheitsfachkraft kennt das Problem: der Mitarbeiter wusste, wie er sicher arbeiten soll, er konnte sicher arbeiten, er hatte die Möglichkeit dazu (z. B. war die persönliche Schutzausrüstung verfügbar und leicht zu tragen), er tut es aber trotzdem nicht. Viele Verantwortliche in den Betrieben neigen in diesem Fall dazu, die Maßnahmen auf Seiten der vorausgehenden Bedingungen noch einmal zu wiederholen und gegebenenfalls zu intensivieren. Den Beschäftigten wird noch einmal erklärt, warum es wichtig ist, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung tragen. Gegebenenfalls wird noch mehr Geld in Sicherheitstechnik und in die Organisation des Arbeitsschutzes investiert. Doch wir wissen aus der Forschung, dass man Arbeitssicherheit nicht herbeireden kann. Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir auf die Seite der Konsequenzen blicken.

Impfen hat unmittelbar und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintretende unangenehme Konsequenzen. Es ist mit einem bestimmten Aufwand verbunden und man muss gegebenenfalls die Impfwirkung erdulden. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit, aber ebenfalls noch zeitlich recht nahe zum Verhalten (Sich-Impfen-zu-Lassen), können Nebenwirkungen der Impfung auftreten. Die erwünschte Konsequenz der Impfung, dass man sich nämlich nicht infiziert und, wenn man sich infiziert, dass man weniger schwer erkrankt und nicht stirbt, ist dagegen eine, die sich nicht unmittelbar und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erfahren lässt. Im Gegenteil, die Wirkung der Impfung besteht gerade darin, dass ein unerwünschtes Ereignis nicht eintritt.

Was könnte man also auf Seiten der Verhaltenskonsequenzen tun, um das Impfen zu fördern? In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit verfolgen wir den Ansatz, dass sicheres Verhalten systematisch anerkannt und wertgeschätzt werden soll. Für das Impfen würde das bedeuten, dass jemand, der sich (auch jetzt erst noch) impfen lässt, die Rückmeldung erhalten soll, dass dies ein Verhalten ist, was wir wertschätzen.

In der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit ist auch der Einsatz von materiellen Konsequenzen nicht unüblich. Jedoch handelt es sich dabei in der Regel nur um geringwertige Vergünstigungen, die mehr einen symbolischen Zweck erfüllen, nämlich die Anerkennung und Wertschätzung des Betriebes zu übermitteln (z. B. ein Mittagessen auf Kosten des Betriebs). Materielle Anreize, die man erst in Aussicht stellt, wenn ein erwünschtes Verhalten nicht auftritt, wirken nicht als Verstärker, d. h. sie erhöhen nicht die Wahrscheinlichkeit, dass das sichere Verhalten in Zukunft wieder auftritt. Daraus folgt: Prämien für Impfwillige wären evtl. im Moment wirksam, langfristig werden sie die Impfbereitschaft der Bevölkerung aber nicht erhöhen.

Kommen wir nun zu der Frage, wie es um den Einsatz von unangenehmen Konsequenzen steht. Strafen für das Nicht-Auftreten eines (sicheren) Verhaltens wirken nicht als Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn. Bestrafung im verhaltenswissenschaftlichen Sinn bedeutet immer, dass die Rate eines Verhaltens gesenkt wird. Die Rate eines Verhaltens, das nicht auftritt, kann aber nicht gesenkt werden. Unangenehme Konsequenzen der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, funktionieren jedoch im verhaltenswissenschaftlichen Sinn als sogenannte motivierende Operationen. Sie sorgen dafür, dass das Verhalten, sich impfen zu lassen, negativ verstärkt wird. Bei der negativen Verstärkung tut man etwas, um einen unangenehmen Zustand zu beenden oder zu vermeiden. Negative Verstärkung, wie alle Arten des Einsatzes aversiver Konsequenzen (dazu zählen auch zwei Formen der Bestrafung), geht immer mit unerwünschten Nebenwirkungen einher: Die Person, die die aversiven Konsequenzen bereitstellt, wird eher gemieden, Personen, deren Verhalten negativ verstärkt wird, neigen dazu, nach Schlupflöchern zu suchen (also die unangenehme Konsequenz durch ein anderes als das erwünschte Verhalten zu vermeiden – z. B., indem sie sich einen gefälschten Impfausweis besorgen) und vieles mehr. Dies bedeutet aber nicht, dass negative Verstärkung nicht wirkt. Viele Dinge, die wir in unserem Leben tun, tun wir deshalb, weil wir dadurch unangenehme Konsequenzen beenden oder verhindern. Wir zahlen Steuern, u. a., um zu vermeiden, wegen Steuerhinterziehung belangt zu werden. Im Bereich der Steuern würde auch niemand auf die Idee kommen, lieber auf das Prinzip der Freiwilligkeit zu setzen (obwohl es tatsächlich eine Form der freiwilligen, d. h. positiv verstärkten Form des Steuernzahlens gibt, nämlich das Kaufen eines Loses einer staatlichen Lotterie).

Entscheidet man sich dazu, negative Verstärkung einzusetzen, muss man sicherstellen, dass die oben erwähnten Schlupflöcher soweit möglich geschlossen werden, so dass die Person tatsächlich nur die Möglichkeit hat, das erwünschte Verhalten zu zeigen. Zudem kann man auch viel dazu beitragen, dass das negativ verstärkte Verhalten auch positiv verstärkt wird oder aber weniger aversiv wird. Eine verhaltenswissenschaftlich gesehen sinnvolle Maßnahme ist es z. B., wenn man der Person die Wahlfreiheit lässt, mit welchem Impfstoff sie sich impfen lassen möchte. Natürlich sollte, wie bereits oben erwähnt, die Entscheidung, sich impfen zu lassen, immer sozial positiv verstärkt werden (anerkannt und wertgeschätzt werden). Damit negative Verstärkung tatsächlich funktioniert, muss sichergestellt sein, dass durch das erwünschte Verhalten der aversive Zustand tatsächlich beendet wird: D. h., es muss sich für die Person lohnen, dass sie sich impfen lässt, indem sie danach nicht mehr den gleichen Einschränkungen unterliegt, wie vor dem Auftreten des erwünschten Verhaltens (Sich-Impfen-zu-Lassen).

Mehr Informationen zum Thema, wie man mit der angewandten Verhaltensanalyse Menschen dabei hilft, kluge, d. h. sichere Entscheidungen zu treffen, finden Sie in meinem Buch „Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit – Behavior Based Safety (BBS)“ https://esv.info/978-3-503-20073-3.

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Händehygiene

Liddelow et al. (2021) befragten 232 Australier unter anderem zu ihrer Einstellung gegenüber Händehygiene, ihren subjektiven Normen in Bezug auf Händehygiene und ihrer Absicht, Händehygiene zu betreiben. Die Studie fand während der ersten Welle der Corona-Pandemie statt. Hintergrund der Studie waren die Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1985, 1991) und die (temporale) Selbstregulationstheorie (Hall & Fong, 2007). Eine Woche nach dieser Befragung erfassten die Autorinnen die tatsächliche Anwendung korrekter Händehygienetechniken in der vorausgegangenen Woche („engagement in proper hand hygiene behaviour over the previous week was assessed“). Anders, als man aufgrund dieser Angabe im Abstract vermuten möchte, erfassten sie nicht tatsächlich, ob sich die Versuchspersonen die Hände nun gründlich und richtig wuschen oder desinfizierten (etwa indem sie ihre Versuchspersonen dabei beobachteten). Sie legten den Versuchspersonen einen weiteren Fragebogen (Stevenson et al., 2009) vor, in dem diese angeben sollten, ob sie sich richtig die Hände gewaschen oder desinfiziert hätten. In der Auswertung finden die Autorinnen heraus, dass die Absicht, sich die Hände gründlich und richtig zu waschen oder zu desinfizieren, der stärkste Prädiktor für die tatsächliche Händehygiene war.

Wir fassen zusammen: Wenn ich eine Person frage, ob sie die Absicht hat, sich in der nächsten Woche die Hände gründlich und richtig zu waschen oder zu desinfizieren, dann wird sie höchstwahrscheinlich eine Woche später sagen, dass sie sich in der vorausgegangenen Woche die Hände tatsächlich gründlich und richtig gewaschen oder desinfiziert hat. Die Autorinnen folgern aus ihren Studienergebnissen, dass man die Absicht, sich die Hände zu waschen oder zu desinfizieren, steigern sollte, möglicherweise dadurch, dass man für richtige Händehygiene Werbung macht.

Ich habe mir diese Studie aufgrund ihres Titels etwas genauer angesehen, da ich mich selbst schon einmal im Rahmen meiner verhaltensanalytischen Forschung mit dem Thema Händehygiene beschäftigt habe (Bördlein, 2020). Normalerweise lese ich solche (traditionell-mentalistischen) psychologischen Fachzeitschriften nur sporadisch, wenn mich der Titel eines Artikels besonders anspricht. Der Artikel von Liddelow et al. (2021) war insofern für mich wieder eine eindringliche Erinnerung daran, warum ich die angewandte Verhaltensanalyse der typischen psychologischen Forschung so sehr vorziehe. Es geht um die gesellschaftlich relevante Fragestellung, wie man Menschen dazu bringen kann, bessere Händehygiene zu betreiben. Wir alle wissen, spätestens seit der Corona-Pandemie, wie wichtig dies ist. Die Autorinnen beziehen sich dabei auf typisch psychologisch-mentalistische Theorien, die im Grunde lediglich besagen, dass Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten, weil sie das so wollen. Ich weiß, dass Vertreter der Theorie des geplanten Verhaltens oder der Selbstregulationstheorie dies als eine grobe Vereinfachung zurückweisen würden, ich kann aber nicht erkennen, inwiefern mir hier eine essenzielle Feinheit der Theorien entgangen ist. Liddelow et al. (2021) untersuchen diese wichtige Frage ausschließlich mittels Fragebögen, bei denen die Versuchspersonen Selbstauskünfte erteilen. Dies ist genau die bereits von Baumeister et al. (2007) kritisierte Praxis der Psychologie als der Wissenschaft von den Selbstauskünften und Fingerbewegungen (Fingerbewegungen beim Ausfüllen von Fragebögen oder Klicken mit der Maustaste bei Fragebögen, die über den Computer dargeboten werden). Die Autorinnen fanden heraus, dass Menschen, die sagen, dass sie die Absicht haben, gute Händehygiene zu betreiben, später von sich behaupten, sie würden tatsächlich gründliche Händehygiene betreiben. Ich will den Versuchspersonen von Liddelow et al. (2021) nicht unterstellen, dass sie explizit lügen oder absichtsvoll falsche Angaben machen, aber man muss sich doch sehr deutlich fragen, ob dieses Ergebnis wirklich relevant ist. Noch dringender muss man sich fragen, welche praktischen Auswirkungen dieses Ergebnis hat. Den Autorinnen fällt in Bezug darauf auch nur ein, dass man den Leuten noch einmal besser erklären sollte, warum sie sich die Hände gründlich reinigen sollen und dass man sie immer wieder mal daran erinnern sollte. Nun, dies konnte man auch schon vorher wissen. Genau solche Interventionen werden in der Verhaltensanalyse immer wieder evaluiert (Bowman et al., 2019; Choi et al., 2018; Deochand et al., 2019; Fournier & Berry, 2012; Hays & Romani, 2021; Luke & Alavosius, 2011), wobei tatsächlich das Verhalten beobachtet wird und die Auswahl der Interventionen systematisch vor dem Hintergrund erfolgt, dass es eben Umwelteinflüsse sind, die das Verhalten kontrollieren und dass man diese verändern muss, wenn man das Verhalten verändern will: Die Informationen über die Händehygiene, die Hinweise (Prompts) und die Konsequenzen des Verhaltens, korrekte Händehygiene zu betreiben (soziale Konsequenzen, langfristige gesundheitliche Konsequenzen, aber auch der mit der Händehygiene verbundene Verhaltensaufwand). Die verhaltensanalytisch begründeten Interventionen können detailliert nachweisen, wann, unter welchen Umständen, in welchen Situationen, bei welchen Personen usw. welche Interventionen mehr oder weniger wirksam sind.

Siehe auch die Übersichten (Gould et al., 2017; Neo et al., 2016; Seo et al., 2019) zur Wirksamkeit verschiedener Strategien zur Verbesserung der Händehygiene. Verhaltensbasierte Interventionen wie Prompts und Feedback sind am wirksamsten.

Literatur

Ajzen, I. (1985). From intentions to actions: A theory of planned behavior. In J. Kuhl & J. Beckmann (Eds.), Action Control: From Cognition to Behavior (pp. 11-39). Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-69746-3_2

Ajzen, I. (1991, 1991/12/01/). The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50(2), 179-211. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/0749-5978(91)90020-T

Baumeister, R. F., Vohs, K. D., & Funder, D. C. (2007, Dec). Psychology as the science of self-reports and finger movements: Whatever happened to actual behavior? Perspectives on Psychological Science, 2(4), 396-403. https://doi.org/10.1111/j.1745-6916.2007.00051.x

Bördlein, C. (2020). Promoting hand sanitizer use in a University cafeteria. Behavior and Social Issues, 29(1), 255-263. https://doi.org/10.1007/s42822-020-00026-y

Bowman, L. G., Hardesty, S. L., Sigurdsson, S. O., McIvor, M., Orchowitz, P. M., Wagner, L. L., & Hagopian, L. P. (2019, September 01). Utilizing group-based contingencies to increase hand washing in a large human service setting [journal article]. Behavior Analysis in Practice, 12(3), 600-611. https://doi.org/10.1007/s40617-018-00328-z

Choi, B., Lee, K., Moon, K., & Oah, S. (2018, May 14). A comparison of prompts and feedback for promoting handwashing in university restrooms. Journal of Applied Behavior Analysis, 51(3), 667-674. https://doi.org/doi:10.1002/jaba.467

Deochand, N., Hughes, H. C., & Fuqua, R. W. (2019). Evaluating visual feedback on the handwashing behavior of students with emotional and developmental disabilities. Behavior Analysis: Research and Practice, 19(3), 232-240. https://doi.org/10.1037/bar0000154

Fournier, A. K., & Berry, T. D. (2012). Effects of response cost and socially-assisted interventions on hand-hygiene behavior of university students. Behavior and Social Issues, 21, 152-164. https://doi.org/10.5210/bsi.v21i0.3979

Gould, D. J., Moralejo, D., Drey, N., Chudleigh, J. H., & Taljaard, M. (2017, Sep 1). Interventions to improve hand hygiene compliance in patient care. Cochrane Database of Systematic Reviews, 9(9), CD005186. https://doi.org/10.1002/14651858.CD005186.pub4

Hall, P. A., & Fong, G. T. (2007, 2007/03/01). Temporal self-regulation theory: A model for individual health behavior. Health Psychology Review, 1(1), 6-52. https://doi.org/10.1080/17437190701492437

Hays, T., & Romani, P. W. (2021, 2021/03/01). Use of the Performance Diagnostic Checklist-Human Services to assess hand hygiene compliance in a hospital. Behavior Analysis in Practice, 14(1), 51-57. https://doi.org/10.1007/s40617-020-00461-8

Liddelow, C., Ferrier, A., & Mullan, B. (2021, Sep 7). Understanding the predictors of hand hygiene using aspects of the theory of planned behaviour and temporal self-regulation theory. Psychology & Health. https://doi.org/10.1080/08870446.2021.1974862

Luke, M. M., & Alavosius, M. (2011). Adherence with universal precautions after immediate, personalized performance feedback. Journal of Applied Behavior Analysis, 44(4), 967-971. https://doi.org/10.1901/jaba.2011.44-967

Neo, J. R. J., Sagha-Zadeh, R., Vielemeyer, O., & Franklin, E. (2016, Jun 1). Evidence-based practices to increase hand hygiene compliance in health care facilities: An integrated review. American Journal of Infection Control, 44(6), 691-704. https://doi.org/10.1016/j.ajic.2015.11.034

Seo, H. J., Sohng, K. Y., Chang, S. O., Chaung, S. K., Won, J. S., & Choi, M. J. (2019, Aug). Interventions to improve hand hygiene compliance in emergency departments: a systematic review. Journal of Hospital Infection, 102(4), 394-406. https://doi.org/10.1016/j.jhin.2019.03.013

Stevenson, R. J., Case, T. I., Hodgson, D., Porzig-Drummond, R., Barouei, J., & Oaten, M. J. (2009, 2009/09/01/). A scale for measuring hygiene behavior: Development, reliability and validity. American Journal of Infection Control, 37(7), 557-564. https://doi.org/10.1016/j.ajic.2009.01.003

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Jenseits von Schuld und Strafe – Die „Sichtweise der Umstände“

Patrick Friman (2021) arbeitet für „Boys Town“, einer Einrichtung für gefährdete Jugendliche in Nebraska, die von Father Edward Flanagan Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Auf Flanagan geht die Grundhaltung dieser Einrichtung zurück, die besagt, dass es auf der Welt keine schlechten Jungen gibt, nur schlechte Umgebungen, schlechte Vorbilder und schlechtes Lehren („There’s no such thing as a bad boy…“). Friman (2021) erläutert diesen Gedanken als die „Sichtweise der Umstände“, die er von der Sichtweise der Schuld abgrenzt. Die Jungen, um die sich Father Flanagan kümmerte, hatten schlechte Dinge getan, aber nicht deshalb, weil sie schlecht waren, sondern weil ihnen schlechte Dinge widerfahren waren und diese schlechten Dinge ihnen beigebracht hatten, sich falsch zu verhalten. Als Konsequenz stellte er sicher, dass den Jungen in seiner Einrichtung viele gute Dinge widerfahren, mit dem Ziel ihnen beizubringen, wie sie sich richtig verhalten können. Diese Sichtweise der Umstände (Circumstances View) ist auch das, was der Verhaltensanalyse in all ihren Ausprägungen zu Grunde liegt.

Verhaltensanalytiker versuchen, die Gründe für ein Verhalten in den Umständen, unter denen es auftritt, zu finden, nicht in der Person. Wir wollen verstehen, warum ein Mensch das tut, was er tut, und gegebenenfalls daraus ableiten, wie man diesem Menschen dabei helfen kann, sich anders zu verhalten – indem man die Umstände, unter denen er sich verhält, verändert. Diese Sichtweise der Umstände wird gelegentlich in Misskredit gebracht, in dem behauptet wird, damit würde schlechtes (z. B. kriminelles) Verhalten entschuldigt. Doch wer so argumentiert, denkt noch immer in den Kategorien einer Kultur der Schuld. In der Kultur der Schuld ist man nicht an einer Lösung der Probleme interessiert, sondern daran, jemanden verantwortlich und schuldig zu machen. Wer sich die Sichtweise der Umstände angeeignet hat, entschuldigt nicht schlechtes Verhalten. Schlechtes (z. B. kriminelles) Verhalten bleibt schlecht. Durch die Sichtweise der Umstände möchte man verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass sich die Person so verhalten hat, wie sie sich verhalten hat, und daraus ableiten, was getan werden muss, damit diese Person sich in Zukunft anders verhalten kann. Die Person kann man nicht verändern, man kann aber die Umstände, unter denen sie sich verhält, verändern. Anders ausgedrückt: Verhalten ist eine Funktion der Umstände, unter denen es auftritt.

Dieser Grundgedanke ist der hauptsächliche Unterschied zwischen der Verhaltensanalyse und der traditionellen Psychologie, die (nicht beobachtbare und letztlich nur hypothetische) Faktoren in der Person für das Verhalten verantwortlich macht. Wer die Ursache für das Verhalten in der Person sieht, neigt dazu, auch die Schuld für unangemessenes Verhalten in der Person zu sehen. Die Psychologie selbst hat dafür sogar einen Begriff entwickelt, den „fundamentalen Attributionsfehler“. Dieser Fehler ist vielfach untersucht und tritt mit großer Zuverlässigkeit auf: Wir neigen dazu, die Ursache unseres eigenen Verhaltens in den Umständen und die Ursache des Verhaltens anderer in deren Person zu sehen. Der fundamentale Attributionsfehler ist die Grundlage unserer moralischen (die Person ist böse), charakterlichen (die Person ist faul) oder psychologischen (die Person ist verrückt) Urteile. Durch diese Urteile begründen wir, warum wir Menschen so behandeln, wie wir sie behandeln. In der Regel behandeln wir Menschen, die sich nicht so verhalten, wie wir es gerne hätten, in aversiver Art und Weise.

Der Glaube, dass das Böse nicht im Verhalten oder den Umständen, unter denen es auftritt, liegt, sondern in irgendeinem Merkmal der Person, ist weit verbreitet. Die Sichtweise der Umstände ist eine humane und mitfühlende Alternative zu der schuldorientierten Sichtweise auf Problemverhalten. Schon Skinner hat diese Sichtweise sehr vehement vertreten. In „Jenseits von Freiheit und Würde“ (Skinner, 1971) wendet er diese Sichtweise auf positive, erwünschte Verhaltensweisen an. Das Buch löste heftige Kritik aus, größtenteils, weil die Kritiker nur den Titel, aber nicht den Inhalt gelesen hatten. Skinner wäre, so Friman (2021), erfolgreicher gewesen, hätte er die Sichtweise der Umstände auf problematisches Verhalten angewendet und sein Buch „Jenseits von Schuld und Strafe“ genannt.

Die Sichtweise der Umstände auf problematisches Verhalten sucht die Ursache eines Problems nicht in der Person, sondern in dem, was dieser Person im Lauf ihres Lebens bis zu dem Zeitpunkt, als das Problemverhalten auftrat, widerfahren ist. Die Sichtweise der Umstände macht nicht die Person schuldig, sondern nimmt eine mitfühlende Perspektive ein. Dennoch ist sie rigoros, was das problematische Verhalten angeht: Dieses muss sich trotzdem ändern. Was die Sichtweise der Umstände bewirken kann, illustriert Friman (2021) an der Boulder River School and Hospital (BRSH), einer Einrichtung für Menschen mit Entwicklungsstörungen. In den frühen 1970er Jahren lebten 1200 Personen in dieser Einrichtung. 1974 wurde ein Programm mit dem Ziel eingeführt, die Bewohner zum selbstständigen Leben zu befähigen. Das Programm fand auf Grundlage der Verhaltensanalyse statt. Als die Einrichtung 2016 geschlossen wurde, lebten nur noch 51 Personen in ihr. Viele andere Beispiele ließen sich aufzählen.

Um die Sichtweise der Umstände verständlich zu machen, schildert Friman (2021) ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie müssen zur Arbeit fahren und sind spät dran. An einer Ampel steht vor Ihnen ein Auto. Es wird grün, aber das Auto fährt nicht los. Sie sehen, dass auf dem Fahrersitz des Autos eine Frau sitzt, die nach hinten auf die Rückbank blickt. Sie hat offenkundig nicht mitbekommen, dass die Ampel grün geworden ist. Schließlich wird die Ampel wieder rot. Noch immer blickt die Frau nach hinten auf den Rücksitz. Schließlich wird die Ampel wieder grün und wieder rot, ohne dass sich das Auto bewegt. Da Sie an dem Auto nicht einfach vorbeifahren können, steigen Sie aus und gehen zu dem Fahrzeug vor. Sie klopfen gegen das Fahrerfenster, die Frau reagiert und sieht sie an. Sie hat Tränen in den Augen und sieht verzweifelt und hilflos aus. Auf dem Rücksitz liegt ihr Kleinkind im Kindersitz und sein Gesicht ist blau angelaufen. Unmittelbar verwandeln sich nun Ihr Ärger und Ihre Frustration über die „dumme“ Autofahrerin in Mitgefühl und den Wunsch, ihr zu helfen. Ihre Reaktion gegenüber der Autofahrerin hat sich verändert, weil sie nun die relevanten Umstände des zuvor unverständlichen Verhaltens kennen. Friman (2021) trägt uns auf, daran zu denken, dass es immer ein Kleinkind auf dem Rücksitz gibt. Es gibt immer Umstände, die mit dem problematischen Verhalten funktional zusammenhängen. Betrachten wir das Verhalten in seinem Kontext, verändert sich die Art und Weise wie wir auf das Verhalten reagieren.

Unglücklicherweise hat die Sichtweise der Umstände nur wenige Anhänger, verglichen mit den Anhängern der Alternative (der schuldorientierten Sichtweise). Die meisten und entschiedensten Anhänger dieser Sichtweise sind Verhaltensanalytiker. Milliarden von Menschen aber hängen der Schuldperspektive an, wie man z. B. an unserem Strafrechtssystem erkennen kann, das vor allem auf aversive Maßnahmen (wie Freiheitsstrafen) setzt. Politikerinnen und Politiker setzen darauf, anderen Schuld zu geben, um an die Macht zu kommen und an der Macht zu bleiben. Die Schuldperspektive ist kurzfristig für denjenigen, der sie einnimmt, erfolgreich. Die Sichtweise der Umstände ist erst seit kurzem in der Welt. Die Schuldperspektive gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Die Sichtweise der Umstände einzunehmen, erfordert mehr intellektuellen Aufwand, als nur nach einem Schuldigen zu suchen. Sie erfordert, funktionale Zusammenhänge erkennen zu können.

Bei einfachem Verhalten von Personen mit nur eingeschränktem Verhaltensrepertoire konnte die Sichtweise der Umstände teilweise Anerkennung finden. Bei komplexerem Verhalten normal intelligenter Menschen herrscht nach wie vor die Schuldperspektive vor. Sie ist populär, weil sie einfacher anzuwenden ist und weil es unmittelbar verstärkend ist, wenn man anderen die Schuld gibt. Wir lernen schon in der frühesten Kindheit, die Schuld an Problemen bei anderen Personen zu sehen und wir lernen, dass Schuld bestraft werden soll. Die Schuldperspektive befriedigt auf einfache Art und Weise unseren Wunsch nach einer ursächlichen Erklärung für ein Problem. Die Schuldperspektive hat einen weiteren Vorteil: Wenn ich anderen die Schuld gebe, vermeide ich, dass der Blick auf mich und meinen Anteil am Problem gerichtet wird. Die Schuldperspektive erlaubt mir, mich moralisch überlegen zu fühlen. Wer die Schuldperspektive einnimmt, wird darin von anderen, insbesondere von Autoritäten, bestärkt. Die meisten Religionen fördern die Schuldperspektive. Man kann auch evolutionäre Wurzeln in der starken Verbreitung der Schuldperspektive sehen. In der Vergangenheit war es besser, schnell einen Schuldigen zu finden und das Problem an diesem fest zu machen, als lange und umständlich nach den wahren Ursachen eines Problems zu suchen.

Auf der anderen Seite stellen sich die Anhänger der Sichtweise von den Umständen oft sehr ungeschickt an. Selbst Verhaltensanalytiker fallen immer wieder in die Perspektive der Schuld zurück. Sie schimpfen auf ihre Klienten, weil sie sich nicht an den Behandlungsplan halten, anstatt zu untersuchen, welche Umstände Einfluss auf das Verhalten ihrer Klienten, sich an Pläne zu halten oder nicht zu halten, haben. Trotzdem werden Klienten als widerständig, verstockt, verantwortungslos usw. bezeichnet. Ebenso nehmen sie die Sichtweise der Umstände oft nicht ein, wenn sie sich mit Menschen auseinandersetzen, die diese Sichtweise nicht teilen. Statt zu überlegen, welche Umstände Gegner der Verhaltensanalyse zu Ihrer Einstellung bringen, sehen sie diese als bedrohlich an und grenzen sich von diesen ab. Eine Sichtweise der Umstände würde beinhalten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und die eigene Sichtweise den Gegnern leicht verständlich zu präsentieren. Dazu kann auch beitragen, dass man, wenn man mit Personen spricht, die keine Verhaltensanalytiker sind, nicht die eigene, technische Ausdrucksweise verwendet, sondern in die Begriffe der Laiensprache übersetzt.

Auch in der Forschung können Verhaltensanalytiker noch viel tun, um die Sichtweise der Umstände populärer zu machen. Viele Forschungsergebnisse der Verhaltensanalytiker beziehen sich noch auf das Verhalten von Tieren oder Menschen mit Entwicklungsverzögerungen. Es sollte mehr Forschung mit normal intelligenten Erwachsenen geben. Verhaltensanalytiker sollten sich darum bemühen, dass ihre Forschung von Nicht-Verhaltensanalytikern wahrgenommen wird. Was nutzt es, seine Erkenntnisse nur anderen Verhaltensanalytikern kund zu tun? Die bevorzugte Forschungsmethode der Verhaltensanalyse ist das Einzelfallexperiment. Forscher in anderen Disziplinen setzen eher auf Untersuchungen mit großen Stichproben. Um ernst genommen zu werden, empfiehlt es sich, auch deren Forschungsmethoden anzuwenden. In den Fällen, in denen Verhaltensanalytiker mit der Verbreitung ihrer Interventionen erfolgreich waren (z. B. Lovaas, 1987), nutzten sie in der Regel größere, gruppenvergleichende Studien. In den Fällen, in denen sie es nicht taten, trat oft der Fall ein, dass kognitive Psychologen die verhaltensanalytischen Interventionen „kaperten“ und dann z. B. als „kognitive Verhaltenstherapie“ ausgaben (wie dies etwa bei der verhaltensanalytischen Methode der Exposition und Verhaltensverhinderung – exposure and response prevention – geschehen ist). Dabei übernehmen diese kognitiven Psychologen jedoch nicht zugleich auch die Sichtweise der Umstände. Um die Ergebnisse der Verhaltensanalyse populär zu machen, sollten sich Verhaltensanalytiker angewöhnen, nicht nur wissenschaftliche Daten zu berichten, sondern auch Geschichten darüber zu erzählen, wie die verhaltensanalytische Intervention im Einzelfall gewirkt hat. Dieser „narrative Ansatz“ gewinnt zunehmend an Bedeutung, nicht nur in der Verhaltensanalyse. Friman (2021) regt an, dass man für jedes verhaltensanalytische Prinzip mindestens eine überzeugende, leicht verständliche Geschichte parat haben sollte, die dieses Prinzip illustriert.

Problematisches Verhalten führt oft zu emotionalen Reaktionen bei denjenigen, die davon betroffen sind (z. B. Eltern und Lehrer vom problematischen Verhalten eines Schülers). Verhaltensanalytiker sollten sich darum bemühen, diese emotionalen Reaktionen nicht als Versagen der Bezugspersonen zu betrachten, sondern als ein Verhalten, das bestimmte Ursachen hat. Wenn eine Person mit Nachdruck eine Einstellung äußert, mit der man nicht übereinstimmt, sollte man als Verhaltensanalytiker versuchen herauszufinden, welche Umstände die Person dazu bringen, diese Einstellung zu äußern. Friman (2021) erinnert hier auch an Skinners Äußerung, dass „der Organismus immer recht hat“. Wenn eine Person sich nicht so verhält, wie wir das gerne hätten, liegt das nicht an der Person, sondern an uns, unseren Erwartungen und den Umständen, unter denen diese Person sich verhält.

Alle Verhaltensanalytiker, unabhängig davon, welcher Ausrichtung, teilen drei Grundüberzeugungen:

  • Sie schätzen die wissenschaftliche Methode und entscheiden auf der Grundlage von Daten.
  • Verhaltensanalyse ist ein Forschungsgebiet, dessen letztlicher Zweck darin besteht, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Verhaltensanalytiker wollen die Welt, also die Umstände, unter denen sich Menschen verhalten, so verändern, dass sie weniger von aversiven Ereignissen bestimmt ist.
  • Alle Verhaltensanalytiker teilen die Sichtweise der Umstände und sind mögliche Quellen dafür, diese Sichtweise zu verbreiten.

Literatur

Friman, P. C. (2021, Feb 11). There is no such thing as a bad boy: The circumstances view of problem behavior. Journal of Applied Behavior Analysis. https://doi.org/https://doi.org/10.1002/jaba.816

Lovaas, O. I. (1987, Feb). Behavioral treatment and normal educational and intellectual functioning in young autistic children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 55(1), 3-9. https://doi.org/10.1037/0022-006X.55.1.3

Skinner, B. F. (1971). Beyond Freedom and Dignity. Knopf.

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