Das Matching-Law im Sport

Vieles, was wir im täglichen Leben tun, kann man als Wahlverhalten (oder Entscheiden) verstehen. Dieses Wählen ist von vielen Faktoren abhängig: Von der jeweils verfügbaren Verstärkung, der Art des Verstärkers, seiner Größe usw. Zum Beispiel ist es wahrscheinlich, dass wir uns für das Sehen unserer Lieblingssendung im Fernsehen entscheiden, wenn die Alternative ist, an einer Arbeit zu schreiben, die wir erst in zwei Wochen abgeben müssen. Wenn die Arbeit dagegen morgen abgegeben werden muss oder wenn wir für jede Seite 1000 Euro bekommen, würden wir vermutlich mehr Zeit mit Schreiben als mit Fernsehen verbringen.

Das Matching Law besagt, dass, wenn gleichzeitig zwei alternative Verhaltensweisen möglich sind, der relative Anteil einer bestimmten Verhaltensweisen gleich dem relativen Anteil an Verstärkung ist. Als Formel:

(1)
R1 / (R1 + R2) = r1 / (r1 + r2)

Wobei R1 und R2 die Häufigkeiten der jeweiligen Verhaltensweisen und r1 und r2 die Häufigkeiten der Verstärkung darstellen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie wollen einen Freund telefonisch erreichen und haben zwei Nummern von ihm, privat und geschäftlich. Zu einer bestimmten Zeit ist Ihr Freund nach Ihrer Erfahrung zweimal wahrscheinlicher unter der dienstlichen Nummer zu erreichen als unter der privaten. Wenn Sie nun diesen Freund zu erreichen versuchen, dann sagt das Matching Law voraus, dass sie vermutlich zweimal häufiger die dienstliche Nummer wählen werden als die private.

Soweit erscheint das relativ banal, aber das Matching Law wurde im Tierexperiment unter den verschiedensten Bedingungen überhaupt erst entwickelt und getestet. Wenn z. B. eine Ratte für das Betätigen eines Hebel gelegentlich Futter bekommt (auf einem variablen Intervallplan, VI), und sie bei Hebel A ungefähr alle 30 Sekunden Futter bekommt (VI30s), bei Hebel B aber nur ungefähr alle 60 Sekunden (VI60s), dann wird sie wahrscheinlich Hebel A zweimal öfter betätigen als Hebel B (Herrnstein, 1961).

Das Matching Law erwies sich unter den verschiedensten Bedingungen als gültig, sowohl mit tierischen als auch mit menschlichen Versuchsobjekten. An die Grenzen stößt seine Prüfung, wenn man natürliche Situationen betrachtet: Hier ist die Menge der möglichen Verstärker und Verhaltensweisen oft zu groß, um eine Voraussage treffen zu können. Dennoch lassen viele Alltagssituationen das Wirken des Matching Law erkennen. Wenn z. B. ein Kind in seinem Zimmer Lärm macht, wird seine Mutter mit großer Wahrscheinlichkeit nach ihm sehen und ihm so Aufmerksamkeit schenken (ein Verstärker). Wenn es dagegen ruhig spielt, wird die Mutter relativ selten nach ihm sehen. In Abwesenheit anderer Verstärker als Aufmerksamkeit ist daher zu erwarten, dass das Kind wesentlich häufiger Lärm macht als ruhig spielt. Es wird aber nicht nur Lärm machen (was ja der sicherere Weg zur Aufmerksamkeit wäre), sondern trotzdem ab und an ruhig spielen (was auch, wenn auch seltener, ebenfalls zur Verstärkung führt).

Dass dies nicht nur ein hypothetisches Beispiel ist, bewiesen Martens und Houk (1989). Sie untersuchten die Verteilung von störendem und aufgabenbezogenem Verhalten im Verhältnis zur jeweiligen Aufmerksamkeit des Lehrers bei einer geistig behinderten erwachsenen Frau. Auch hier konnte die Gültigkeit des Matching Law bestätigt werden.

Basketball

Betrachteten wir das Verhalten von Basketballspielern. Wenn ein Spieler außerhalb einer bestimmten Linie auf den Korb wirft (und trifft), dann bringt das seiner Mannschaft drei Punkte. Wenn er von innerhalb des Kreises wirft, dann zählt ein Treffer nur mit zwei Punkten. Hier ist die Situation etwas komplexer als in den bisherigen Beispielen. Die verschiedenen Verhaltensweisen (Werfen von innerhalb und von außerhalb des Kreises) resultieren in unterschiedlich großen Verstärkern (zwei oder drei Punkte). Das Matching Law kann hier auch angewendet werden, jedoch wird die Gleichung mit einer Gewichtung (A) versehen:

(2)
R1 / (R1 + R2) = r1xA / (r1xA + r2)

Im Basketball-Beispiel wird ein erfolgreicher Wurf von außerhalb des Kreises (R1) eineinhalbmal mehr verstärkt als ein Wurf von innerhalb des Kreises (R2). A beträgt daher 1,5:

(3)
R1 / (R1 + R2) = r1x1,5 / (r1x1,5 + r2)

Ein Beispiel verdeutlicht dies: Nehmen wir an, ein Spieler hat in einer Saison 30 mal von außerhalb des Kreises und 55 mal von innerhalb des Kreises getroffen. Wenn er dafür immer gleich viele Punkte bekäme, würde Gleichung (1) voraussagen, dass 35,3 % seiner Wurfversuche von außerhalb des Kreises erfolgten (denn 30 geteilt durch 85 ergibt 0,353). Da er aber für die Treffer von außerhalb eineinhalbmal mehr Punkte bekommt als für die von innerhalb, sagt Gleichung (3) voraus, dass er in 45 % aller Fälle von außerhalb des Kreises geworfen hat.

Dass dies tatsächlich zutrifft, konnten Vollmer und Bourret (2000) in einer Untersuchung der Leistungen von Spielern zweier Universitäts-Basketballmanschaften nachweisen. Das Matching Law erwies sich hier als gültig, sowohl für einzelne Spieler als auch für die ganze Mannschaft über die Saison hinweg gerechnet. Stärkere Variabilität zeigte sich dagegen in den einzelnen Spielen. Vollmer und Bourret (2000) gehen davon aus, dass bei diesen semiprofessionellen Mannschaften die Punkte der einzige relevante Verstärker waren und dass dieser Verstärker über das Spiel hinweg ungefähr gleich „wertvoll“ blieb. Bei weniger routinierten Mannschaften lässt sich das Matching Law vermutlich nicht so leicht bestätigen. So berichtet Vollmer, bei Straßenbasketballern einen ungleich höheren Anteil an Würfen von außerhalb der Kreislinie beobachtet zu haben, die aber fast alle nicht verstärkt wurden (nicht im Korb landeten). Hier ist zu vermuten, dass für diese Spieler ein seltener Drei-Punkte-Wurf ein ungleich größerer Verstärker ist, der zu Anerkennung führt. Hingegen wird das Danebenwerfen und somit Nicht-Punkten bei einem Spiel, das „nur zum Spaß“ gespielt wird, von der Mannschaft nicht stark sanktioniert. Bei den Uni-Basketballern dürfte ein häufiges Danebenwerfen zuungunsten der eigenen Mannschaft eher zu unangenehmen Konsequenzen führen.

Bourret und Vollmer (2003; Romanowich, Bourret & Vollmer, 2007) berichten von einer weiteren Untersuchung, die den Umstand nutzte, dass die NBA (die Nationale Basketballvereinigung der USA) die Linie, außerhalb derer drei Punkte für einen Korbwurf vergeben werden, einmal für einen Zeitraum von drei Jahren näher an den Korb gerückt hatte. Verglichen wurden hier die Würfe und die Treffer von außerhalb und innerhalb der Kreislinie in der Zeit vor, während und nachdem diese Regelung galt. Der relative Anteil der Würfe von NBA-Spielern von außerhalb der Kreislinie entsprach immer dem relativen Anteil der Verstärkung, auch als sich dieser Anteil durch das Verändern der Kreislinienposition jeweils erst erhöhte und dann wieder verringerte.

Football

Beim amerikanischen Football ist das Ziel, den Ball möglichst weit im gegnerischen Feld zu platzieren. Dabei hat der Trainer eine wichtige Rolle: Er entscheidet, ob dies durch einen Sturmlauf eines Spielers geschieht (rushing) oder ob sich die Spieler den Ball gegenseitig zuwerfen (passing) und dadurch versuchen, Boden gut zu machen. Diese beiden Spielvarianten haben je nach Spielsituation eine größere oder niedrigere Aussicht auf Erfolg. Reed, Critchfield und Martens (2006) wiesen nach, dass die Wahl einer der beiden Spielvarianten durch den Trainer in einer Weise vom Erfolg seiner Wahl (gemessen über die gutgemachten Yards) abhängt, die mittels des Matching Law beschrieben werden kann. Reed und Kollegen (2006) werteten die Ergebnisse der amerikanischen Footballliga des Jahres 2004 aus, indem sie die durch die jeweiligen Spielvarianten gewonnenen Yards als Prädiktor für das Verhältnis von Pass-Spielzügen zu Renn-Spielzügen verwendeten. Das Play-Calling (also die Entscheidung des Trainers) wurde dabei als Verhalten, die gewonnenen Yards als Verstärker aufgefasst. Das Matching Law konnte 75,7 % der Varianz im Play Calling erklären. Dabei gab es eine leichte Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge. Trainer scheinen häufiger, als es vom Erfolg her zu rechtfertigen wäre, Renn-Spielzüge anzuweisen. Vermutlich tun sie das, weil diese Art des Spiels von den Zuschauern als attraktiver oder dramatischer angesehen wird oder aber, weil die im Ballbesitz befindliche Mannschaft den Ball bei einem Renn-Spielzug seltener verliert als bei einem Pass-Spielzug (was wohl als unerwünschter angesehen wird, als ein Renn-Spielzug mit nur geringem Gewinn an Yards). Weitere Auswertungen der Spielsaisons von 1970 bis 2005 zeigten, dass sich die Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge in den letzten Jahren verringert hat. Ein Grund dafür ist in einer Reihe von Regeländerungen zu sehen, die einseitig die Pass-Spielzüge begünstigen. Explizit konnten Reed und Kollegen nachweisen, dass das Verhalten der Trainer sich den aus den Regeländerungen resultierenden veränderten Chancen auf einen Zugewinn an Yards anpasste. Auch werteten Reed et al. (2006) acht andere Football-Ligen aus. Die durch das Matching Law erklärte Varianz lag zwischen 57 % und 95 %. Dabei war die Verzerrung zugunsten der Renn-Spielzüge unterschiedlich stark ausgeprägt, je nachdem, wie wahrscheinlich es war, dass die Mannschaft bei den geltenden Regeln beim Pass-Spiel den Ball verlieren kann (was die oben geäußerte Vermutung bestätigt).

Viele Sportfreunde meinen, das „Talent“ eines Spielers sei das Ausschlaggebende für den Erfolg einer Mannschaft. Laien neigen oft dazu, angenommene innere Eigenschaften als ausreichende Erklärungen für Verhalten zu akzeptieren. Die Studie von Reed et al. (2006) zeigt, wie schon die Untersuchung von Vollmer und Bourret (2000), dass scheinbar unbedeutende situationale Variablen einen viel stärkeren Einfluss haben.

Literatur

Bourett, J. & Vollmer, T.R. (2003). Basketball and the matching law. Behavioral Technology Today, 3, 2-6.
Herrnstein, R.J. (1961). Relative and absolute strength of response as a function of frequency of reinforcement. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 13, 267-272.
Martens, B.K. & Houk, J.L. (1989). The application of Herrnstein’s law of effect to disruptive and on-task behavior of a retarded adolescent girl. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 51, 17-27.
Reed, D.D.; Critchfield, T.S. & Martens, B.K. (2006). The generalized matching law in elite sport competition: Football play calling as operant choice. Journal of Applied Behavior Analysis, 39, 281-297.
Romanowich, P.; Bourett, J. & Vollmer, T.R. (2007). Further analysis of the matching law to describe two- and three-point shot allocation by professional basketball players. Journal of Applied Behavior Analysis, 40, 311-315.
Vollmer, T.R. & Bourret, J. (2000). An application of the matching law to evaluate the allocation of two- and three-point shots by college basketball players. Journal of Applied Behavior Analysis, 33, 137-150.

Ein Kommentar

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Falsche Geständnisse

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen verurteilt werden, weil sie eine Tat gestanden haben, die sie objektiv nicht begangen haben. Wie kann es – aus verhaltensanalytischer Sicht – dazu kommen?

In Gerichtsverfahren spielt das Geständnis des Angeklagten eine herausragende Rolle bei der Feststellung der Schuld. Doch eine nicht unerhebliche Anzahl an Geständnissen ist falsch. Dies wird deutlich, wenn sich z. B. in Untersuchungen des genetischen Fingerabdrucks herausstellt, dass der geständige Täter gar nicht der Täter gewesen sein kann. Eine Untersuchung aus den USA (vgl. Niland & Ortu, 2020) zeigte, dass bei der Überprüfung von 362 Verurteilungen der DNA-Beleg erwies, dass 28 % der Geständnisse falsch waren. Nach Ansicht von Experten spielen bei falschen Geständnissen drei Variablen eine Rolle: eine Person wird zu Unrecht als Verdächtiger in einem Verbrechen betrachtet, die polizeilichen Verhörmethoden beinhalten die Ausübung von Druck und Befragungen, die zur Voraussetzung haben, dass der Verdächtige auch der Täter ist und es werden Befragungstechniken eingesetzt, die den Verdächtigen dazu verleiten, in Form einer Verhaltensformung, nach und nach eine schlüssige Darstellung seiner Tatbeteiligung zu liefern. Bestimmte Personengruppen sind anfälliger dafür, falsche Geständnisse abzulegen, so unter anderem junge Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen, die unter großem Stress stehen.

Generell sollten Geständnisse kritisch betrachtet werden. Die laienhafte Vorstellung ist, dass es sich bei Erinnerungen um eine Art Computerdatei handelt, die von der Person beliebig abgerufen werden könnten. Tatsächlich aber ist das Sich-Erinnern ein Verhalten, das unter der Stimuluskontrolle aktueller Ereignisse steht (Palmer, 1991; Skinner, 1957, S. 142). Unsere Erinnerungen können uns insofern täuschen, als wir uns an etwas, das tatsächlich stattgefunden hat, nicht erinnern oder aber insofern als wir uns an etwas erinnern, dass tatsächlich nicht passiert ist. Die Person ordnet also etwas, was passiert ist, als unbekannt ein und etwas, was neu ist, als bekannt ein. Beim Sich-Erinnern spielt das Feedback der Umwelt eine Rolle. Wenn wir das Feedback erhalten, dass wir uns an etwas erinnern sollten, das aber tatsächlich nicht passiert ist, reagieren wir leicht auf dieses Feedback.

Eine bei der Polizei (in den USA) beliebte Methode zur Befragung von Verdächtigen ist die sogenannte Reid-Technik. Sie ist deshalb populär, weil behauptet wird, dass sie bei 80 % der befragten Personen zu einem Geständnis führen würde. Dabei wird nicht zwischen korrekten und falschen Geständnissen unterschieden. Merkmale dieser Technik bestehen darin, den Verdächtigen zu isolieren, eine stressende Umgebung zu schaffen und die suggestiven Techniken der Maximierung und Minimierung zum Einsatz zu bringen. Die Maximierung besteht darin, die positiven Folgen eines Geständnisses für den Verdächtigen hervorzuheben (z. B. dass er sich dann erleichtert fühlen würde und dass der Befrager ihn dann mögen würde). Die Technik der Minimierung besteht beispielsweise darin, dass man die Schuld des Verdächtigen an dem Verbrechen minimiert (z. B. dass er nur in Notwehr gehandelt habe).

Niland und Ortu (2020) gehen davon aus, dass gerade diese Techniken dazu beitragen, dass bei dem Verdächtigen ein falsches Geständnis geformt werden kann. Wenn die befragenden Polizisten beispielsweise nahe legen, dass das Opfer an einem öffentlichen Platz körperlich attackiert wurde, kann dies bei dem Verdächtigen sprachliches Verhalten stärken, dass Wörter wie „Kampf“, „Streit“, „zuschlagen“ und „draußen“ beinhaltet. Die Technik der Maximierung stellt aus verhaltensanalytischer Sicht etablierende Operationen für ein Geständnis bereit; die Aussagen der verhörenden Polizisten machen die Verstärker für das Äußern eines Geständnisses wirksamer und sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Verdächtige gesteht. Auch die Androhung oder tatsächliche Ausübung von körperlicher Gewalt durch die Polizisten kann als etablierende Operation für ein Geständnis wirken. Das Geständnis wird hier negativ verstärkt, indem die Drohung weggenommen wird.

Wie kommt es nun aber dazu, dass Verdächtige in ihren falschen Geständnissen teilweise sogar detaillierte Beschreibungen des Tatorts und des Tathergangs liefern und dass sie selbst diese Aussagen für authentische Erinnerungen halten? Die Aussagen des Verdächtigen werden in vielerlei Weise durch die Fragen der Polizisten gepromptet. Hier spielen die Ergebnisse von Loftus und Palmer (1974) eine Rolle. Diese zeigten ihren Versuchspersonen das Video eines Autounfalls. Anschließend befragten sie die Versuchspersonen. Ein Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Autos gewesen sein, als sie ineinandergekracht sind. Ein anderer Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Fahrzeuge waren als sie sich berührten. Im ersten Fall schätzten die Versuchspersonen die Geschwindigkeit der Fahrzeuge deutlich höher ein als im zweiten Fall. Das Wort „ineinanderkrachen“ (smash) veranlasste die Versuchspersonen auch deutlich häufiger, sich an zersplitterte Glas in dem Video zu erinnern, obwohl in dem Video kein verspätetes Glas zu sehen gewesen war. Die Fragen der Polizisten sind Prompts, die dem Verdächtigen anzeigen, welche Aussagen von ihm zu Verstärkung führen werden (z. B. in Form von Anerkennung und Zustimmung durch die Polizisten) und welche nicht. Durch die Kombination aus Prompts und differentieller Verstärkung formen die befragenden Polizisten so nach und nach die Aussage des Verdächtigen, ohne dies bewusst beabsichtigt zu haben. Doch auch das Verhalten der Polizisten unterliegt Verstärkungskontingenzen. Das Geständnis des Verdächtigen wird sehr hoch bewertet und den befragenden Polizisten als Verdienst angerechnet. Nähert sich der Verdächtige in seinen Aussagen nach und nach dem Geständnis an, wirkt dies als Verstärkung auf das Verhalten der Polizisten, die Aussagen des Verdächtigen zu prompten und differenziell zu verstärken.

Viele Verdächtige, die ein falsches Geständnis abgelegt haben, widerrufen dieses falsche Geständnis wieder, sobald sie aus der Situation der Befragung herausgehen, also nicht mehr den Kontingenzen des Verhörs unterliegen. Doch einige Verdächtige halten tatsächlich an einem objektiv falschen Geständnis fest. Um dies verstehen zu können, müssen wir uns wieder vor Augen halten, dass das Sich-Erinnern nicht der Zugriff auf eine Datei auf einer Festplatte in unserem Kopf ist. Wir haben im Lauf unseres Lebens gelernt, uns korrekt zu erinnern, in dem wir von außen Feedback für unsere Erinnerungen erhielten. Unsere Eltern befragten uns beispielsweise danach, wen wir im Kindergarten getroffen haben und sie reagierten positiv auf Äußerungen, die wahrscheinlich der Wahrheit entsprachen und negativ auf Äußerungen, die wahrscheinlich (aus Sicht der Eltern) nicht der Wahrheit entsprachen. Wenn wir uns nun, im Erwachsenenalter, an etwas erinnern, prüfen wir ebenfalls die Plausibilität unserer Erinnerung daran, ob sie zu anderen Informationen passt. Fehlen diese Hinweise oder sind sie durch den Prozess des Verhörs durch andere Informationen (die die Polizisten nahelegten) überlagert, können wir zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Der Verdächtige meint dann, auch wenn er sich ursprünglich nicht direkt daran erinnern konnte, dass es wohl tatsächlich so gewesen sein muss, wie die Polizisten nahegelegt haben.

Niland und Ortu (2020) analysierten mehrere Verhörprotokolle, die zu einem falschen Geständnis geführt hatten, auf die darin vorkommenden verbalen Episoden. Eine verbale Episode ist im Grunde so etwas ähnliches wie die Dreifachkontingenz, nämlich die Abfolge von Stimulus (z. B. Frage), Verhalten (z. B. der Aussage des Verdächtigen) und Konsequenz (der Reaktion des Polizisten). Insbesondere zeigte sich dabei, dass Autoclitics (wie z. B: „ich glaube, dass“ oder „es könnte sein“) in den Äußerungen der Verdächtigen eine große Rolle spielen. Niland und Ortu (2020) erläutern, dass Autoclitics eine schwache oder fehlende Kontrolle des sprachlichen Verhaltens durch die Variablen, die das sprachliche Verhalten eigentlich kontrollieren sollten (d. h., tatsächliche Erinnerungen), anzeigen. Sie geben Des weiteren Empfehlungen, wie sich Verhaltensanalytiker als Gutachter positionieren sollten. Sie sollten in ihren Ausführungen vermeiden, die Speicher- und Abruf-Metaphern der Gedächtnispsychologie zu verwenden. Diese Metaphern legen nahe, dass Erinnerungen entweder wahr oder nicht vorhanden sind. Ein falsches Geständnis kann so von den am Prozess Beteiligten weniger wahrscheinlich als ein falsches Geständnis akzeptiert werden. Dem Einwand, dass ein falsches Geständnis zu gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen führt und dass es deshalb unplausibel sei, dass die Person sich selbst belaste, obwohl sie unschuldig sei, kann man damit begegnen, dass die gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen zeitlich weiter entfernt liegen als die unmittelbaren positiven Folgen des falschen Geständnisses (Prinzip der Kontiguität). Dem Einwand, wie der Verdächtige in seinem falschen Geständnis Details der Tat habe äußern können, die nur der Täter kennen können, kann man damit begegnen, dass es genügt, dass die Polizisten, die das Verhör durchgeführt hatten, den Tatablauf kannten. Die Fragen der Polizisten können, auch ohne dass die Polizisten dies beabsichtigt haben, Aussagen des Verdächtigen gepromptet haben, die mit dem (ihm eigentlich unbekannten) Tatablauf übereinstimmen. Auch tauchen falsche Geständnisse in der Regel nicht aus dem Nichts auf, sondern sie werden im Verlauf des Verhörs geformt. Erst nach und nach wird das falsche Geständnis zu einem glaubhaften Geständnis. Dies geschieht im Wechselspiel zwischen Aussagen des Verdächtigen und Fragen und Reaktionen der Polizisten. Niland und Ortu (2020) schließen mit der eigentlich selbstverständlichen Feststellung, dass unter keinen Umständen ein Geständnis der einzige oder der hauptsächliche Beleg für die Schuld des Angeklagten sein sollte. Polizisten, die Verdächtige verhören, sollten nicht unter Druck gesetzt werden, dass sie einen Fall schnell lösen müssen, da dies bei für die Polizisten Verstärkungskontingenzen schafft, die die Formung eines falschen Geständnisses beim Verdächtigen begünstigen.

Literatur

Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of automobile destruction: An example of the interaction between language and memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13(5), 585-589. https://doi.org/10.1016/s0022-5371(74)80011-3

Niland, H., & Ortu, D. (2020). Confessions selected by consequences: An operant analysis of false confessions and interrogation techniques. Behavior and Social Issues. https://doi.org/10.1007/s42822-019-00025-8

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Context Press.

Skinner, B. F. (1957). Verbal Behavior. Copley Publishing Group.

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B. F. Skinner und die Biologie des Verhaltens

B.F. Skinner wird öfters dafür kritisiert, er habe die Rolle der Biologie bei der Erklärung menschlichen Verhaltens unterschätzt oder geleugnet. Zuletzt tat sich hier der populäre Wissenschaftsautor Steven Pinker (2002) hervor. Er bezeichnete Skinner als einen eingefleischten Anhänger der These von der tabula rasa („a staunch blank slater“, 169). Diese Kritik wird auch von Garcia (1981) vorgebracht, der behauptet, Skinner würde sich nicht darum kümmern, dass es Unterschiede zwischen den Arten oder zwischen verschiedenen Gehirnen gäbe. Andere Kritiker räumen zwar ein, dass sich Skinner mit der Biologie des Verhaltens befasst hat, er habe dies aber erst gegen Ende seiner Karriere getan und nur in Reaktion auf die Kritik an seinem Versäumnis bzw. nur weil die empirischen Daten ihn dazu genötigt hätten. Da diese Argumente so oft und aus so prominenten Mündern vorgebracht werden, sollte man sie ernst nehmen. Zwar kann es dem aufmerksamen Leser von Skinners Werken nicht entgehen, dass dieser immer wieder die Rolle der Evolution, der Genetik und der Physiologie anspricht und würdigt. Wobei Skinner auch immer wieder klar stellt, dass die Analyse der Funktion der Biologie für das Verhalten nicht das zentrale Anliegen der Verhaltenswissenschaft ist. Jedoch sollte man es nicht bei einem ersten Eindruck bewenden lassen, sondern die jedermann zur Verfügung stehenden Daten (Skinners Veröffentlichungen) einer eingehenden Analyse unterziehen.

Morris, Lazo und Smith (2004) untersuchten die 289 von 1931 bis 1990 erschienenen Veröffentlichungen Skinners auf die Nennung von Evolution, Genetik und Physiologie und verwandter Begriffe sowohl im Titel als auch im Text, sowie ob und auf welche Weise diese Themen diskutiert werden. Explizit ausgenommen wurden Kritiken am „konzeptuellen Nervensystem“ (der kognitiven Psychologie) und am physiologischen Reduktionismus.

Skinner sprach demnach die Rolle der Biologie für das menschliche Verhalten in 34% seiner Veröffentlichungen an, er tat dies in 46 Jahren seiner 61-jährigen Karriere. In diesen Veröffentlichungen wurde die Genetik, Physiologie und Evolution des Verhaltens 133 mal angesprochen. Biologische Begriffe fanden sich in den Titeln von 17 Arbeiten, ausführlich diskutiert wurden solche Themen in 22 weiteren Werken, angesprochen in 94 weiteren. Die Gelegenheiten, bei denen Skinner die Biologie des Verhaltens ansprach, verteilen sich relativ gleichmäßig über seine ganze Karriere, wobei durchaus zu beobachten ist, dass er diese Themen später in seiner Karriere öfter ansprach als früher. Dies muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass Skinner in späteren Jahren mehr veröffentlichte als in jüngeren. Setzt man diese Zahlen also in Bezug zu der Gesamtzahl an Veröffentlichungen, ergibt sich, dass Skinner die Biologie des Verhaltens später nicht signifikant öfter ansprach als früher in seinem Leben.

Im Einzelnen ergibt sich für die Genetik: Bereits 1930 bespricht er die Rolle der Vererbung an. „Dass es grobe Merkmale des Verhaltens gibt, die genetische Konstanz zeigen, ist natürlich jedem Züchter bekannt“ („That there are gross charakteristics of behavior which show genetic constancy is of course, common knowledge to any stockbreeder“, 344). In The Behavior of Organisms (1938) berichtet er von eigenen Versuchen, die genetische Variabilität zu untersuchen, in Science and Human Behavior (1953) betont er mehrfach, wie unterschiedliche genetische Voraussetzungen zu unterschiedlichem Verhalten führen. Er fügte dem 1983 noch die Zusammenfassung hinzu, dass Unterschiede zwischen Arten in den erblichen Voraussetzungen für das Lernen zu auffällig seien, um übersehen werden zu können und dass es diese Unterschiede vermutlich auch, zu einem geringeren Ausmaß, zwischen den Individuen einer Art gibt (196). Immer wieder wird die Genetik des Verhaltens, auch nur in Zwischenbemerkungen, in ihr Recht gesetzt: 1947 betont Skinner, dass das menschliche Verhalten unter anderem durch die genetische Konstitution und die persönliche Geschichte determiniert sei (485). Bemerkenswert ist auch eine Bemerkung in Walden Two. Zwar sei der mittlere IQ der Walden-Two-Gemeinschaft aufgrund der besseren Erziehung und des besseren Unterrichts höher als in der Allgemeinbevölkerung. Aber die Spannweite der Werte sei nach wie vor dieselbe. Das heißt, die Methoden in Walden Two hatten keinen Einfluss auf genetisch bedingte Unterschiede. Alles in allem kann man Skinners Position gegenüber der Genetik des Verhaltens so zusammenfassen: „All behavior is due to genes, some more or less directly, the rest through the role of genes in producing the structures which are modified during the lifetime of the individual (1984, 704).

Mit der Physiologie des Verhaltens hat sich Skinner zu Beginn seiner Karriere als Forscher ausführlich beschäftigt. Erwähnt und diskutiert hat er die Physiologie 27 mal, von 1931 bis 1990. Er betonte hierbei aber auch, dass die Rolle der Physiologie für das Verhalten nur mit dem Fortschreiten der Biotechnologie aufgeklärt werden kann, in Zusammenarbeit von Verhaltenswissenschaft und Biologie. Die Legende von der Black Box weist er mehrfach zurück, z.B. 1969: „There is no doubt of the existence of sense organs, nerves, and brain, or their participation in behavior. The organism is neither empty nor inscrutable; let the black box be opened” (1969, 280).

Die Evolution kommt bei Skinner in sieben Titeln vor, wird in acht weiteren Veröffentlichungen ausführlich diskutiert und in 22 weiteren erwähnt. Er erwähnte die Evolution allerdings nicht vor 1950 explizit. Erst in den späten Sechzigern steigt die Rate der Nennungen deutlich an. 1966 bemerkt er: „No reputable student of animal behavior has ever taken the position `that the animal comes to the laboratory a virtual tabula rasa,´ that species differences are insignificant and that all responses are equally conditionable to all stimuli“ (1205). Auch Breland und Brelands (1961) Kritik an ihm ist befremdlich, betrachtet man die vielen Gelegenheiten, bei denen Skinner die biologische Evolution des Verhaltens diskutiert. Insbesondere ist die Möglichkeit des operantens Konditionierens für das Individuum ein Überlebensvorteil, den die Art irgendwann einmal im Lauf der Evolution angenommen haben muss, um in der Lebenszeit des Individuums leichte Anpassungen des Verhaltens vornehmen zu können. Alles in allem fasst Skinner (1977) zusammen: „The behavior of organisms is a single filed in which both phylogeny and ontogeny must be taken into account“ (1012).

Was die Ausgangsfrage angeht, ob Skinner die biologische Mitverursachung von Verhalten geleugnet hat, so muss diese mit Nein beantwortet werden. Auch ist nicht richtig, dass Skinner erst spät in seiner Karriere auf die biologischen Ursachen einging. Skinner selbst hat – da diese Kritiken bereits zu seinen Lebzeiten geäußert wurden – dies bekräftigt: „Several commentators refere to my `recent´ interest in the genetics of behavior, but my interest is actually longstanding (1984, 701). Auch betont er, dass sowohl Watsons also auch seine ersten Experimente ethologischer Natur waren (1980, 199).

Skinner hat, wenn man die steigende Rate an Veröffentlichungen in Rechnung stellt, später nicht öfter als früher über die biologischen Ursachen des Verhaltens im allgemeinen geschrieben. Über evolutionäre Aspekte im Besonderen allerdings hat er tatsächlich in seinen späteren Jahren häufiger geschrieben als früher. Ein Blick auf die Hintergründe hilft jedoch, das zu verstehen. In späteren Jahren schrieb Skinner ganz allgemein mehr systematische Arbeiten und weniger empirische. Der Bezug zur Evolution kam nun einfach häufiger zur Sprache. Auch änderte sich die Psychologie und die Wissenschaft und Skinner mit ihnen. In die Mitte des Jahrhundert fällt die Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur, 1973 erhielten Lorenz, Tinbergen und von Frisch den Nobelpreis für Medizin. All diese Ereignisse haben Skinner natürlich, wie jeden anderen damit befassten Wissenschaftler, dazu angeregt, mehr über die Evolution des Verhaltens zu schreiben. Hinzu kommt die größere Bekanntheit Skinners in seinen späteren Jahren. Er musste nun in der Tat öfter den unfundierten Kritiken entgegnen, die ihm unterstellten, sich nicht um die biologische Evolution zu kümmern.

Warum konnte man aber Skinner unterstellen, die biologischen Aspekte des Verhaltens zu ignorieren? Nur wenige Äußerungen Skinners geben Anlass zu vermuten, er vernachlässige die Biologie des Verhaltens. 1953 schrieb er in Science and Human Behavior: “Operant conditioning shapes the behavior as a sculptor shapes a lump of clay” (91). Wer nicht weiterlesen kann oder will, mag das missverstehen können. Ein anderes Mal schreibt er, als er die beinahe identischen kumulativen Grafiken des Verhaltens von drei Tierarten unter bestimmten Verstärkerplänen bespricht: „Pigeon, rat, monkey, which is which? … It doesn’t matter … their behavior shows astonishingly similar properties” (1956, 230 – 231).

Es ist nicht nötig, ein Experte für die Arbeiten Skinners zu sein, um die Haltlosigkeit von Unterstellungen wie den o. g. zu erkennen. Es genügt völlig, Skinner einmal im Original statt nur sekundär oder tertiär zu lesen, dann nämlich findet man Passagen wie diese: „Human behavior will eventually be explained (as it can only be explained) by the cooperative action of ethology, brain science and behavior analysis“ (1989, 18).

Morris, Smith und Lazo (2005) berichten, dass ihr Artikel (Morris; Lazo & Smith, 2004) über Skinners Haltung zu biologischen Komponenten des Verhaltens ursprünglich nicht in The Behavior Analyst erscheinen sollte. Sie hatten den Artikel zuvor fünf anderen Fachzeitschriften angeboten, davon vier von der amerikanischen Psychologenvereinigung herausgegebenen; zwei der Zeitschriften beschäftigten sich explizit mit tierischem Verhalten. Der Artikel wurde aber jeweils zurückgewiesen, ohne das auch nur eine Begutachtung stattfand. Die Herausgeber begründeten dies zum einen mit Platzmangel, zum anderen aber damit, dass der Artikel nicht „ins Heft passe“. Gravierende Qualitätsmängel wurden dem Artikel nicht attestiert. Einige der Herausgeber empfahlen, den Artikel doch bei einer Fachzeitschrift für die Geschichte der Psychologie einzureichen. Morris, Smith und Lazo (2005) finden dies nicht nachvollziehbar, da die in Morris, Lazo und Smith (2004) berichtigten Falschdarstellungen Skinners durchaus keine historischen Tatbestände sind. Zudem gilt Skinner nach einer Studie von Haggbloom und anderen (2002) als bedeutendster Psychologe des 20. Jahrhunderts (diese Studie erschien in einem APA-Journal für Allgemeine Psychologie). Es scheint, so die Autoren, Skinner soll „Geschichte“ bleiben oder werden. Die falschen Darstellungen seiner Ansichten sollen festgeschrieben werden, wohl auch deshalb, weil sie ein so wohlfeiler Topos sind. Dieser biologieleugnende „Skinner“ ist ein Strohmann, auf dessen immer wieder kehrende rituelle Verbrennung die Psychologenschaft und ihresgleichen wohl nicht verzichten will.

Literatur

Breland, K., & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16(11), 681-684. https://doi.org/10.1037/h0040090

Garcia, J. (1981). Tilting at the paper mills of academe. American Psychologist, 36, 149 – 158.

Haggbloom, S. J., Warnick, R., Warnick, J. E., Jones, V. K., Yarbrough, G. L., Russell, T. M., Borecky, C. M., McGahhey, R., Powell, J. L., III, Beavers, J., & Monte, E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th century. Review of General Psychology, 6(2), 139-152. https://doi.org/10.1037/1089-2680.6.2.139

Morris, E. K., Lazo, J. F., & Smith, N. G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169. https://doi.org/10.1007/BF03393176

Morris, E. K., Smith, N. G., & Lazo, J. F. (2005). Why Morris, Lazo, and Smith (2004) published in The Behavior Analyst. The Behavior Analyst, 28(2), 169-179. https://doi.org/10.1007/BF03392113

Pinker, S. (2002). The blank slate. The modern denial of human nature. New York: Viking.

Skinner, B. F. (1930). On the inheritance of maze behavior. Journal of General Psychology, 5, 427 – 458.

Skinner, B. F. (1938). The behavior of organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Skinner, B. F. (1947). Experimental psychology. In W. Dennis (Ed.), Current Trends in Psychology (pp. 16 – 49). Pittsburgh: University of Pitsburgh Press.

Skinner, B. F. (1956). A case history in scientific method. American Psychologist, 11(5), 221-233. https://doi.org/10.1037/h0047662

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Eingeordnet unter Geschichte, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Tiere, Verhaltensanalyse

Kann sprachliches Verhalten durch einen behavioristischen Ansatz erklärt werden?

Zur Einführung in das Thema empfehle ich die Lektüre des Artikels Verbal Behavior in der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“.

Zusammenfassung

Wenn man mit deutschen Psychologen über den Behaviorismus diskutiert, bekommt man – neben vielen Halbwahrheiten und Missverständnissen – ab und an zu hören, „seit Chomsky“ sei ja ohnehin ausgemacht, dass der behavioristischen Ansatz auf komplexes menschliches Verhalten nicht übertragbar sei. Die Proponenten dieser Behauptung beziehen sich dabei auf die Besprechung von B.F. Skinners Buch „Verbal Behavior“ (1957) durch den Linguisten Noam Chomsky (1959). Chomsky habe hier gezeigt, dass Skinners Anwendung des verhaltensanalytischen Erklärungsapparats auf sprachliches Verhalten fehlerhaft sei und dass der Behaviorismus zur Erforschung der menschlichen Sprache nicht tauglich sei. Interessanterweise haben die Anhänger dieser Legende – Chomsky hat Skinner „widerlegt“ – in der Regel weder das Buch „Verbal Behavior“ noch Chomskys Besprechung dazu gelesen. Bei einer genaueren Betrachtung von Chomskys Rezension aber beschleicht einen der Verdacht, dass auch Chomsky das von ihm besprochene Buch nicht richtig gelesen hat.

MacCorquodales Replik zu Chomsky

Sowohl was ihren Einfluss auf die Wissenschaft als auch was ihr Potenzial zur Erzeugung von Kontroversen angeht, sind sowohl Skinners Verbal Behavior (1957) als auch Chomskys Besprechung des Buches (1959) als echte Erfolge zu bezeichnen. Chomskys Besprechung war, milde ausgedrückt, unfreundlich. Sie besteht aus zwei Teilen: Im ersten kritisiert Chomsky Skinners analytischen Apparat, im zweiten folgt eine kurze und eher oberflächliche Kritik der Anwendung dieses Apparats auf sprachliches Verhalten. Chomskys Kritik wurde fast nie in systematischer Weise widersprochen, die Analyse von MacCorquodale (1970) steht hier einzig da. Der Grund dafür mag in dem Umstand liegen, dass Chomsky über weite Strecken einen Behaviorismus „widerlegt“, der so von niemandem (mehr) vertreten wird, am wenigsten von Skinner selbst. So verwendet er ganze sechs Seiten auf eine weitere Widerlegung der Trieb-Reduktions-Theorie der Verstärkung (die schon lange aus der Debatte verschwunden ist). Der hauptsächliche Grund für die Schweigsamkeit der Behavioristen zu Chomsky mag in dem Ton seiner Besprechung liegen: Sie ist, so MacCorquodale, „kleinlich bei Fehlern, herablassend, nachtragend, begriffsstutzig und schlecht gelaunt“ (S. 84, Übersetzung von CB). So bezeichnet Chomsky das einwandfrei sauber definierten Wort „Verhaltensantwort“ (response) ständig als einen „Begriff“ (notion), was das Wort irgendwie dubios erscheinen lässt. Die einzige nette Bemerkung in der Rezension findet sich in einer Fußnote.

MacCorquodale hält Chomskys Besprechung für durchaus beantwortbar. Obwohl sie sehr lang ist, sei sie in hohem Maße redundant: Tatsächlich lässt sie sich auf drei Krenaussagen reduzieren.

Obwohl seine Grundannahme eine empirische ist, enthält Skinners Buch keine empirischen Daten in Bezug auf sprachliches Verhalten. Chomsky hat selbst keinerlei Daten, um Skinners Hypothese zu widerlegen. Er hat sich auch nicht die Mühe gemacht, je irgendwelche Daten dahingehend vorzulegen. In der Tat gibt es bis heute keine Daten (die von Kognitivisten vorgebracht werden), die Skinners Hypothese widerlegen könnten. Dies sollte man bedenken, wenn man hört, dass Chomskys Arbeit zeige, dass sprachliches Verhalten nicht durch Skinners Form der funktionalen Analyse erklärt werden könne (so z.B. Fodor & Katz, 1964, S. 546). Chomsky hat nichts in der Art gezeigt, er hat es lediglich behauptet. Um so überraschender ist es, dass sich Chomsky nie auf eine von Skinners früheren Arbeiten bezieht (wie etwa Science and Human Behavior , 1953), in der die funktionale Analyse des Verhaltens erläutert wird und in der die Grundlagen für Verbal Behavior gelegt werden. Der Verdacht liegt nahe, dass Chomsky sich nie mit diesen Grundlagen auseinandergesetzt hat und deshalb auch nur das Zerrbild eines Behaviorismus, wie er es sich zusammengereimt hat, angreifen kann. Und, bei genauerer Betrachtung entsteht der Eindruck, auch Verbal Behavior hat Chomsky nie wirklich gelesen…

Chomskys erste Kritik an Verbal Behavior ist, dass es sich um eine ungetestete Hypothese handelt, die nicht ernsthaft diskutiert zu werden braucht (so MacCorquodale, 1970, S. 84ff). Zwar benutzen weder Skinner noch Chomsky das Wort „Hypothese“, im Gunde aber ist Verbal Behavior eine Hypothese, nichts anderes. Skinners Hypothese unterscheidet sich von gewöhnlichen psychologischen Hypothesen, insofern als sie keine Bezüge auf unbeobachtbare oder fiktionale Vorgänge enthält, sondern sich lediglich auf das von Menschen geäußerte sprachliche Verhalten bezieht. Seine Hypothese lautet, stark verkürzt, dass alles sprachliche Verhalten nach denselben Prinzipien funktioniert wie anderes Verhalten auch und dass es sich in den Begriffen von Stimulus, Verhalten und Verstärkung beschreiben und erklären lässt. Diese Hypothese mag sich als falsch erweisen, jedoch gilt es zu bedenken, dass diese Prinzipien sehr gut erforscht sind und dass sie sich als in einem erstaunlichen Maße artübergreifend gültig erwiesen haben: Vom Fisch bis zum Menschen, das operante Konditionieren funktioniert bei allen Arten auf dieselbe Art und Weise. Die Annahme, dass beim Menschen – speziell beim sprachlichen Verhalten – auf einmal ganz andere Prinzipien wirksam seien, ist demgegenüber ein außergewöhnliche Behauptung, zu deren Beweis es auch außergewöhnlich guter Belege bedürfte.

Ein Problem, das Psychologen mit dem Wort „Hypothese“ haben, ist, dass sie es mit „hypothetisch“ verwechseln. An Skinners Hypothese, sprachliches Verhalten folge denselben Prinzipien wie anderes Verhalten auch, ist aber nichts Dubioses oder Zweifelhaftes. Es handelt sich hier eher um eine „Null-Hypothese“, an der festzuhalten ist, bis eindeutige Daten sie wiederlegen. Skinners Problem besteht darin, dass keine Experimente zu dieser Hypothese (dass alles sprachliche Verhalten wie anderes Verhalten auch mit den Werkzeugen der Verhaltensanalyse erklärbar ist) möglich sind, wenngleich auch schon Verbal Behavior voller Beobachtungen ist. Seine Situation gleicht der eines Astronomen, der die Gezeiten erklärt: Er hat zahlreiche Belege für die Richtigkeit seiner Hypothese, jedoch kann er kein Experiment zu ihrer Prüfung durchführen. Die Hypothese als solche (die postulierte Gültigkeit der verhaltensanalytischen Gesetzmäßigkeiten für den Bereich der Sprache) ist nicht beweisbar sonder nur widerlegbar. Skinners Situation gleicht insofern der des Astronomen, als alle Menschen unter diesen Bedingungen die Sprache lernen und dass es z.B. nicht möglich ist, jemanden das Sprechen lernen zu lassen, ohne dass diese Gesetzmäßigkeiten eine Rolle spielen, genausowenig, wie der Astronom den Mond wegnehmen kann, um zu beweisen, dass dieser die Gezeiten verursacht. Wohl aber können sowohl Skinner als auch der Astronom zeigen, dass die Realität mit der Hypothese gut übereinstimmt.

Chomsky vermeidet das Wort „Hypothese“ zugunsten einiger eher pittoresker Ausdrücke: „Analogie, metaphorische Erweiterung, Illusion, Homonym“: All diese Ausdrücke beziehen sich lediglich auf den Umstand, dass Skinners System eine Hypothese über sprachliches Verhalten darstellt. Genau betrachtet ist jeder wissenschaftliche Ausdruck in einer ungestesteten Hypothese zunächst einmal nur eine analoge Erweiterung des Bestehenden. Es steht zu vermuten, dass Chomsky diese Ausdrücke lediglich aufgrund ihres abwertenden Charakters wählte. Noch überraschender ist die Geschwindigkeit, mit der Chomsky von der Feststellung, dass es sich bei Verbal Behavior um eine Hypothese handle, zu dem Schluss kommt, es sei „nur“ eine Hypothese, die sich als falsch erweisen werde. Chomskys einziges „Argument“ in diesem Zusammenhang ist, dass man Laborergebnisse nicht auf das „wirkliche Leben“ übertragen könne – was voraussetzt, dass im Labor andere Naturgesetze gelten als außerhalb. Eine, wie  MacCorquodale feststellt, im Lichte von Occams Rasiermesser nicht gerade sparsame Annahme.

Skinner wendet die Terminologie des operanten Konditionierens auf das sprachliche Verhalten an. Der Stimulus „ein Musikstück“ löst die Verhaltensantwort „Mozart“ aus. Chomsky fragt, warum es gerade „Mozart“ seien solle, das durch den Stimulus ausgelöst werde. Das sei irgendwie sehr beliebig. So werden die Stimuli (bzw. die Auswahl des Stimulus) in den Organismus verlegt: Der Organismus wähle dann eben den Stimulus für ein bestimmtes Verhalten aus. Dem muss widersprochen werden, denn „beliebig“ sind die Stimuli nur im hypothetischen Beispiel. Weiter kritisiert Chomsky, dass Skinner z.B. nur den Fall erklären könne, dass jemand „Eisenhower“ sage, wenn der Mann zugegen sei, nicht aber in anderen Situationen. Es wird hier offenbar, dass Chomsky anscheinend glaubt, ein Verhalten (eine verbale Reaktion) könne nur durch einen Stimulus ausgelöst werden. Anders kann man sich Chomskys Behauptung, der Stimulus werde in den Organismus verlegt, nicht erklären: Wenn Eisenhower nicht da ist, dann muss er – so glaubt Chomsky – im Kopf des Sprechers sein. Im konkreten Fall kann es aber tausenderlei Stimuli geben, die die Reaktion „Eisenhower“ auslösen können (z.B. ein Foto, der Name „Chrustschow“ – was auch immer die Lerngeschichte des Individuums hergibt…). Anzunehmen, „Eisenhower“ müsse im Kopf des Spechers zugegen sein, um diesen „Eisenhower“ sagen zu lassen, ist ein typischer mentalistischer Fehlschluss: Chomsky kritisiert hier Skinner dafür, dass er – Chomsky – Skinners Argumente nicht verstanden hat und seine laienhaften Vorstellungen auf Verbal Behavior überträgt. Es soll sich einmal ein Geisteswissenschaftler – wie Chomsky einer ist – dasselbe Vorgehen bei einer Disziplin wie der Quantenmechanik erlauben (und dann diese dafür kritisieren, dass sie widersinnig sei – weil er sie nicht versteht). Die Empörung wäre zu Recht groß. Pikanterweise wird ausgerechnet Chomsky in Sokals und Bricmonts Buch „Eleganter Unsinn“ als Kronzeuge gegen solche Philosophen und Geisteswissenschaftler – die Naturwissenschaften nicht verstehen und aufgrund ihres eigenen Nicht-Verstehens kritisieren – aufgerufen.

Erwartungsgemäß findet Chomsky Skinners funktionale Definition von Verstärker – ein Verstärker ist ein Ereignis, das einem Verhalten folgt und das die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens erhöht – unbefriedigend. Er beklagt sich darüber, dass Verstärker nur im nachhinein als solche erkannt werden könnten. Dabei hängt Chomsky der Vorstellung an, Skinner vertrete eine Trieb-Reduktions-Theorie der Verstärkung. Es scheint aber ein schlichtes empirisches Faktum zu sein, dass Verstärker nur ein gemeinsames Merkmal haben: Nämlich, dass sie verstärken. Man kann aber in individuellen Fällen durchaus voraussagen, welches Ereignis höchstwahrscheinlich ein Verstärker sein wird. Dies gilt insbesondere für primäre – unkonditionierte – Verstärker, die für bestimmte Arten spezifisch sind. Das Verhalten einer von Futter deprivierten Ratte kann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit durch Futter verstärkt werden. Zudem gibt es mit dem Premack-Prinzip ein weitere Möglichkeit, Verstärker „von vorn herein“ zu finden. Je mehr man über die Lerngeschichte eines Organismus weiß, desto besser kann man verstärkende Stimuli voraussagen.

Chomsky scheint überzeugt davon zu sein, dass Skinner der Auffassung ist, verbales Verhalten könne nur durch langsame und vorsichtige Verstärkung (so Chomsky, 1959, S. 39, S. 42 und S. 43) konditioniert werden. Tatsächlich sagt Skinner an keiner Stelle etwas Derartiges – er impliziert es auch nicht. Wieder einmal überträgt Chomsky seine Vorstellung, davon, was ein hypothetischer Strohmann-Skinner seiner Vorstellung wohl sagen würde, auf den realen Skinner.

Chomsky scheint des weiteren der Ansicht zu sein (a.a.O., S. 43), dass man ja mittlerweile wisse, dass Sprachenlernen zum größten Teil auf Imitationslernen beruhe – womit er impliziert, dass operantes Konditionieren keine große Rolle spiele. Aber auch Skinner vertritt die Ansicht, dass Sprachenlernen viel Imitationslernen beinhalte. Nur dass das Lernen durch Imitation selbst ein Produkt von Verstärkung ist. Weiter nimmt Chomsky an, dass latentes Lernen (ohne Verstärkung) von kaum einem Forscher mehr bezweifelt werde (a.a.O., S.39). Die vielen Studien, die Chomsky hier zum Beleg anführt, weisen jedoch alle erhebliche methodische Probleme auf. Die Frage nach dem latenten Lernen ist nicht (zugunsten desselben) beantwortet worden. Die Frage wird schlicht und ergreifend nicht mehr gestellt, weil sie sich als nicht beantwortbar erwiesen hat.

Chomsky kritisiert Skinners Verwendung des Begriffs „Wahrscheinlichkeit“. Chomsky sagt, dass der Begriff „Wahrscheinlichkeit“ bei Skinner eine merkwürdige Bedeutung habe (a.a.O., S. 34). Das verwundert nicht, denn Chomsky zitiert hier Hulls Definition von Wahrscheinlichkeit (Widerstand gegen Extinktion), nicht Skinners (Wahrscheinlichkeit des Auftretens)… Skinner definiert Wahrscheinlichkeit nicht anders als jeder Naturwissenschaftler. Noch peinlicher für Chomsky sollte sein, dass er anscheinend den Unterschied zwischen der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer bestimmten verbalen Reaktion „an sich“ und der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer bestimmten verbalen Reaktion in einer bestimmten Situation nicht kennt (ebd.). Die „Wahrscheinlichkeit an sich“ für das Auftreten des Wortes „Mulct“ ist sehr gering. In dieser jetzigen Situation – wenn Sie das Wort lesen – ist die momentane Wahrscheinlichkeit wesentlich höher. Die „Wahrscheinlichkeit an sich“ ist ein Thema für Linguisten, die momentane Wahrscheinlichkeit ist die verhaltensanalytische Fragestellung schlechthin: Unter welchen Bedingungen äußert eine Person einen bestimmte Teil ihres sprachlichen Repertoires? MacCorquodale (1970) fragt sich, was Chomsky wohl überhaupt mit dem Inhalt von Verbal Behavior anfangen konnte, wenn er diese grundlegende Unterscheidung nicht machen konnte. So kann man auch folgendes Missverständnis nur mit Chomskys völliger Ignoranz des kritisierten Buches erklären: Skinner definiert mehrfach eine „starke Reaktion“ als eine solche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auftrete – und warnt vor eventuellen anderen Interpretationen dieses Begriffes. Chomsky meint nun aber, dass eine „starke Reaktion“ im sprachlichen Verhalten eine solche sei, die „geschrieen“ (a.a.O., S. 35) oder aber „oft und in einer sehr hohen Tonlage“ (a.a.O., S. 52) geäußert werde.

Chomskys zweiter großer Kritikpunkt ist, dass Skinner nur die traditionellen Begriffe durch eine technisch klingende Sprache zu ersetzen versuche (Ein Vorwurf, den man m.E. eher Chomsky und seiner technizistischen, aber im Grunde nutzlosen, da zu ihrem eigentlichen Zweck – der Generierung von Sprache – nicht tauglichen generativen Transformationsgrammatik machen müsste; dies am Rande). Daher, so Chomsky, seien sie kein bisschen objektiver als die traditionellen Begriffe. So sei „Stimuluskontrolle“ nur eine unperfekte Umschreibung für „Referenz“. Sprachliche Zeichen besitzen nach traditioneller Ansicht Referenten. So ist der Referent für das Wort „Hund“ ein tatsächlicher Hund. Das Konzept der Referenz stimmt schon auf den ersten Blick nicht eins zu eins mit dem der Stimuluskontrolle überein, denn eine Äußerung wie „Verdammt!“ hat keinen Referenten, sehr wohl aber einen auslösenden Stimulus (z.B. sich die Hand am heiße Topf zu verbrennen). Stimuluskontrolle beinhaltet viel mehr als „Referenz“. Irgendwie scheint Chomsky das zu ahnen, denn er kritisiert die behavioristischen Begriffe dafür, dass sie die traditionellen Konzepte verwischen würden. Aber Skinners Analyse ist genauso wenig eine Paraphrase des linguistisch-philosophischen Mentalismus wie die moderne Physik eine Paraphrase des Pantheismus darstellt. Sie konvergieren – beziehen sich auf einen ähnlichen Realitätsausschnitt – aber mit ganz anderen Voraussetzungen und ganz anderen Ergebnissen. Jeder Begriff in Skinners Ansatz bezieht sich auf ein ganz konkretes Faktum, auf Objekte und Ereignisse, die physikalisch vorhanden sind. Das ist Objektivität.

Chomskys dritte Kritik besteht darin, dass Sprache ein komplexes Phänomen sei, dessen Verständnis eine komplexe Theorie benötige. In der Tat ist Skinners Erklärungssystem ein relative einfaches im Vergleich zur Komplexität des zu Erklärenden. Andererseits hat es viele Variablen und ebenso viele Funktionen. Es ist guter wissenschaftlicher Brauch, eine Theorie, die ein komplexes Phänomen mit wenigen Annahmen erklärt, einer anderen Theorie vorzuziehen, die wesentlich mehr Annahmen machen muss – vorausgesetzt, die sonstigen Bedingungen sind gleich (dies wird auch als Occams Rasiermesser bezeichnet und solche „sparsamen“ Theorien werden gemeinhin als „elegant“ betrachtet). Auch eine Theorie sprachlichen Verhaltens, die keine speziellen grammatik-erzeugenden Regeln beinhaltet, kann sprachliche Äußerungen erklären, die grammatikalischen Regeln gehorchen. Auch aus einfachen Gesetzen können komplexe Phänomene resultieren. Skinner weist in Verbal Behavior auf die Möglichkeit der multikausalen Verursachung, die zu besonderen Effekten führe, immer wieder hin. Wer das Buch aufmerksam liest, erkennt, dass es sich bei weitem nicht nur auf die Erklärung einfachen sprachlichen Verhaltens beschränkt. Chomsky begeht den typischen Denkfehler der Pseudo- und Parawissenschaftler, wenn er die unerklärten Fälle überbewertet: Weil etwas aktuell nicht erklärt sei, müsse es auch unerklärlich sein. Nichts anderes legt Chomsky hier nahe und er gleicht damit den UFO- und Geistergläubigen in ihrer Argumentation vom Nicht-Wissen her (argumentum ad ignorantiam ).

Skinners Gesetze sind funktional insofern als sie den Zusammenhang von Umweltereignissen und  Verhalten beschreiben – beides objektiv beobachtbare Sachverhalte. Sie beziehen sich nicht auf andere Ereignisse, die hypothetisch angenommen werden oder erfunden werden, um zwischen den Umweltereignissen und dem Verhalten zu vermitteln. Diese Funktionalität wird bisweilen als eine Verleugnung solcher vermittelnden Mechanismen missverstanden. Natürlich existieren solche vermittelnden Mechanismen – sie sind natürlich neurologischer Natur und sie unterliegen natürlich ebenfalls bestimmten Gesetzen. Chomsky ignoriert diese Voraussetzungen und schreibt, dass man wohl von einer Theorie, die Verhalten voraussagen soll, erwarten dürfte, dass sie sich auf diese vermittelnden Mechanismen bezieht (a.a.O., S. 27). Vielleicht dürfte man das erwarten, aber man muss es nicht. Solange man kein Neurophysiologe ist, ist es absolut überflüssig, mehr über diese internen Strukturen zu wissen, als dass sie existieren. Die Verhaltensanalyse sagt erfolgreich Verhalten voraus, ohne sich auf vermittelnde Mechanismen zu beziehen. Ein Psychologe, der wüsste, wie genau diese interne Struktur zwischen Umweltereignissen und Verhalten vermittelt, könnte das Verhalten nicht besser voraussagen, denn alles was er dazu wissen muss, kann er auch ohne das Wissen um die innere Struktur wissen. Im Gegenteil: Wenn er etwas über diese innere Struktur in Erfahrung bringen möchte, muss er sich auf Verhaltensdaten beziehen; der Verhaltensanalytiker aber muss sich nicht auf hypothetische innere Strukturen beziehen, um Verhalten vorauszusagen.

Um zu wissen, wie schnell ein Auto fahren wird, dessen Fahrer das Gaspedal auf eine bestimmte Art und Weise drückt, muss ich nichts über den Aufbau des Motors wissen: Es genügt zu wissen, dass das Auto einen Motor hat. Es ist lediglich notwendig, das „Verhalten“ des Autos unter bestimmten Umweltbedingungen (bei einem bestimmten Verhalten des Fahrers und bei bestimmten Straßenverhältnissen) zu beobachten. Der Vergleich hinkt insofern, als Psychologen nicht in der Lage sind, die Motorhaube zu öffnen. Kognitive Psychologen gleichen Auto-Experten, die über den hypothetischen Aufbau eines Motors debattieren, während ihre eher praktisch veranlagten Kollegen (die Verhaltensanalytiker) lieber eine Testfahrt unternehmen…

Chomsky sieht diese innere Struktur vor allem im Gehirn und er vermutet ihren Ursprung zum größten Teil in der genetischen Vorherbestimmung oder Programmierung. Obwohl er mit beidem (dem Sitz der inneren Struktur im Gehirn und der genetischen Bestimmtheit der Struktur des Gehirns) zweifelsohne Recht hat, so hat das doch nichts mit dem Inhalt von Skinners Hypothese zu tun. Chomsky (und die kognitiven Psychologen) scheint der Psychologie die Aufgabe zuzuweisen, mit den verfügbaren Daten – dem Verhalten – so lange vorläufig zu arbeiten, bei die Neurologie mit der „wirklichen“ Erklärung aufschließen kann (a.a.O., S. 27; im übrigen war das auch Sigmund Freuds ursprüngliche Position – die Physiologie werde eines Tages seine Theorie bestätigen, hoffte er). Tatsächlich aber „versuchen“ Verhaltensanalytiker nicht, Verhalten zu „spezifizieren“ – sie tun es bereits. Die funktionalen Gesetze der Verstärkung sind gesichertes empirisches Wissen, nicht eine Theorie, die auf eine neurologische Bestätigung wartet.

Für Chomsky scheint es von großer Bedeutung zu sein, dass möglicherweise bestimmte Aspekte des sprachlichen Verhaltens genetisch vorbestimmt sind. Er lastet es Skinner sehr an, dass dieser dazu keine Stellung bezieht und sieht das als eine unentschuldbare Lücke an. Zum einen folgert er aus der genetischen Vorbestimmtheit dass eine Theorie des sprachlichen Verhaltens deswegen unbedingt die Struktur des Gehirns berücksichtigen muss. Zum anderen ist für ihn der Umstand der genetischen Programmierung von Sprachverhalten inkompatibel mit der Rolle der Verstärkung, die Skinner ihr zuweist. Dem lässt sich entgegnen, dass die Struktur des Organismus nicht notwendigerweise in einem psychologischen Gesetz berücksichtigt werden muss (wie Chomsky das fordert, a.a.O., S. 44). So lange das Gehirn programmiert ist, wird es gesetzmäßige Zusammenhänge zwischen Stimuli und Verhalten erzeugen und ein funktionales Gesetz, das diesen Zusammenhang beschreibt, muss sich nicht auf die Struktur des Gehirns beziehen. Zudem, wenn die genetische Programmierung wirklich so eine große Rolle spielt, dann wird dies nicht durch die Berücksichtigung der Struktur, sondern nur durch die Berücksichtigung des Verhaltens erkannt werden. Zum anderen gibt es keine Unvereinbarkeit von genetischer Evolution und dem Prinzip der Verstärkung, im Gegenteil: beide ergänzen sich.

Chomsky erliegt auch dem üblichen Denkfehler aller „biologistischen“ Theoretiker: Der bloße Umstand, dass es grammatikalische Universalien gibt – so es diese denn gibt – ist kein Beleg dafür, dass es ein ererbtes Subsystem zum Grammatikerwerb im Gehirn gibt. Wenn alle Menschen, die Sprache erwerben, dies auf dieselbe Art und Weise tun (z.B. via Verstärkung), dann ist es nur wahrscheinlich, dass das Resultat dieses Erwerbs – die Sprache – gewisse Gemeinsamkeiten aufweist.

Des weiteren beeindruckt Chomsky der Umstand, das Kinder (bei weitem aber nicht alle Kinder) Grammatik vergleichsweise schnell erwerben – was seines Erachtens im Widerspruch zum Erwerb durch Verstärkung steht. Es ist aber nichts an der Verstärkung, das voraussetzt, dass diese langsam ablaufen müsste.

Alles in allem beschäftigt sich Skinner mit dem, was auch immer die Genetik dem Organismus zu tun übrig lässt. Diese beiden Faktoren sind nicht inkompatibel. Es ist unlogisch anzunehmen, weil wir eine Disposition für grammatikalisches Verhalten hätten, könnten wir dieses Verhalten nicht durch Verstärkung gelernt haben.

Grammatik besteht für Chomsky in einer Theorie bzw. Regeln oder einer Kompetenz, über die ein Mensch verfügt. Es ist eine Sache, über die das Kind und später der Erwachsene verfügt. Diese Sache offenbart sich dadurch, dass die Person über einen Mechanismus zum Verstehen und zum Generieren grammatischer Sätze verfügt. Dieser Mechanismus kontrolliert gewissermaßen den Eingang und Ausgang der Sprache. Zunächst einmal ist es merkwürdig, warum wir über einen Mechanismus verfügen sollten, der dem Rest der Person ständig mitteilt, ob ein Satz wohlgeformt ist oder nicht. Sprache muss aber nicht von einer extra Grammatik-Einheit produziert werden, um grammatisch zu sein. Ein simples System kann sehr strukturierten Output produzieren. Diese Struktur muss nicht im System vorliegen, sie liegt allein im Output selbst vor. Chomsky dagegen nimmt an, dass Grammatik quasi unabhängig von dem Gesprochenen vorliege und auf das Gesprochene einen kausalen Einfluss ausübe. Chomsky sieht diesen Grammatik-Mechanismus als eine Art Kontrollinstanz, die durch keinerlei Input erreicht wird. Aber niemand spricht reine Grammatik: Alle Sätze haben grammatikalisch irrelevante Elemente – zu mindest haben sie Inhalt. Früher oder später muss irgend etwas in dieses System hinein kommen. Eine sprachlich kompetente Person kann zwischen verschiedenen Sätzen hinsichtlich ihrer Grammatikalität diskriminieren und sie kann grammatikalisch richtige Sätze erzeugen, die von andern dahingehend diskriminiert werden können. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass diesen beiden Fähigkeiten ein gemeinsames System zugrunde liegt. Ein Kind lernt sowohl zu laufen als auch zwischen „laufen“ und anderem Verhalten bei anderen Menschen zu diskriminieren. Durch die Annahme, das Kind verfüge über eine Theorie des Laufens, wird nichts gewonnen.

Im zweiten Teil der Besprechung kritisiert Chomsky die Anwendung von Skinners System auf sprachliches Verhalten. So fragt er sich, ob man je den relevanten Deprivationszustand für solche Forderungen wie „Gib mir das Buch!“ herausfinden wird. Dabei vergisst er, dass Verstärker nicht notwendigerweise trieb-reduzierend wirken müssen. Ein weiterer Lapsus unterläuft Chomsky, als er sich darüber amüsiert, dass „ein Sprecher nicht angemessen auf die Forderung `Geld oder Leben´ reagieren wird können, so lange er keine Vorgeschichte hat, die ein Getötet-werden beinhaltet“ (a.a.O., S. 46). Der Sprecher aber äußert in diesem Fall die Forderung und benötigt lediglich eine Vorgeschichte, die das Bedürfnis nach Geld beinhaltet. Das Absurde liegt hier bei Chomsky und nicht in Verbal Behavior.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Chomsky eine Theorie kritisiert hat, die so von niemandem vertreten wird, ein Amalgam, dass einige veraltete behavioristische Versatzstücke beinhaltet, wie z.B. die triebreduzierende Wirkung von Verstärkung, das Extinktions-Kriterium für Antwort-Stärke, eine Pseudo-Inkompatibilität von Genetik und Verstärkung und andere Dinge mehr, die nichts mit Skinners Theorie zu tun haben. Chomsky weist ohne Diskussion die Logik des Reduktionismus zurück und er erkennt an keiner Stelle die Möglichkeit an, dass Verhalten durch verschiedene Ursachen beeinflusst wird – bei Skinner nimmt das breiten Raum ein.

Die kognitive Psychologie begründet zum Teil mit Chomskys Besprechung von Verbal Behavior die Notwendigkeit für ein neues Paradigma und den Abschied vom Behaviorismus. Neue Paradigmen aber sind, so MacCorquodale, in der Psychologie im Dutzend billiger. Behavioristen verstehen neue Daten. Jedoch konnte weder Chomsky noch einer seiner geistigen Schüler bislang Daten vorlegen, die die Grundaussagen von Verbal Behavior in Frage stellen könnten.

Palmers Kritik an Chomskys „angeborener Grammatik“

Palmer (2000) stellt fest, dass er lange Zeit Chomskys Kritik an Skinner lediglich als eine polemische Übung ohne echte Bedeutung für die Wissenschaft von der Analyse des verbalen Verhaltens betrachtet hat. Jedoch belehrte ihn die Reaktion vieler Linguistik-Professoren auf seine Einwände gegen Chomsky eines Besseren: Er kam sich vor wie ein Fanatiker, den man nur milde belächelte, zu eingefahren war die Überzeugung, Chomsky habe Skinner „widerlegt“. Offenkundig besteht noch großer Aufklärungsbedarf.

Die Kontroverse zwischen Skinner und Chomsky dreht sich nicht darum, ob sprachliches Verhalten sowohl ontogenetische als auch phylogenetische Voraussetzungen hat, sondern darum, ob es einen angeborenen Mechanismus geben muss, der die Anordnung elementaren verbalen Verhaltens beschränkt.

Chomskys Argumentation geht, verkürzt, folgendermaßen: Muttersprachler wissen viele Dinge über die Syntax ihrer Sprache, die sie nicht durch Beobachtung erschlossen haben können und die man ihnen nicht explizit beigebracht hat. Daher muss dieses Wissen angeboren sein.

Cook und Newson (1996) bemerken hierzu in aller Unschuld, dass man vor Darwin die Adaptivität der Organismen auf dieselbe Weise mit der Existenz eines Schöpfers erklärt habe (und bringen so unfreiwillig die Sache auf den Punkt).

All die Argumente, die für eine angeborene Grammatik ins Feld geführt werden, erinnern uns lediglich daran, dass Sprache unglaublich nützlich ist. Sie rechtfertigen nicht Chomskys Grammatik und sie erklären nicht, warum jemand einen Nachteil im Kampf ums Überleben hätte, wenn er sich nicht an bestimmte Regeln dieser Grammatik hielte.

Die Annahme, dass Muttersprachler die verschiedenen Regeln ihrer Sprache kennen, ist im banalen Sinne nicht wahr – die wenigsten können eine grammatikalische Regel benennen. Doch wir können in der Tat feststellen, dass das meiste verbale Verhalten der meisten Menschen durch die Regeln der von Linguisten erstellten Grammatiken beschrieben werden kann. Aber diese Regeln sind von Linguisten aufgrund der Beobachtung des verbalen Verhaltens von Menschen erstellt worden. Dass jemand ein Verhalten modellieren kann, bedeutet nicht, dass das Individuum, welches dieses Verhalten zeigt, das Modell kennt. Die Taube auf einem Verstärkungsplan weiß nichts vom matching law und beim Fliegen weiß sie nichts von der Aerodynamik. Doch Chomsky meint, dass Grammatik nicht nur ein Modell der Sprache ist, er meint, dass Grammatik etwas ist, dass der Sprecher „weiß“.

Palmer (2000, ursprünglich 1981) kritisiert Noam Chomskys These, dass Grammatik (in einem bestimmten Sinne) angeboren sei. Diese Position hat unter Linguisten und Laien mit Interesse an der Materie große Popularität erfahren, denn Chomsky versteht es, gekonnt – zum Teil polemisch – und überzeugend zu argumentieren. Chomsky behauptet, mit seinem Ansatz bei der Erklärung des Spracherwerbs erfolgreich zu sein. Erfolg, so Palmer, verdient unsere Aufmerksamkeit, egal vor welchem theoretischen Hintergrund er zustande kommt.

Im wesentlichen geht es um Chomskys Annahme, dass das Gehirn des Neugeborenen in irgend einer Weise darauf vorbereitet sein muss, aus dem sprachlichen Material, das ihm geboten wird, Regeln zu extrahieren. Palmer kritisiert diese Annahme aus zwei Gründen: Zum einen sei es eine Überforderung der biologischen Evolution, anzunehmen, sie habe einen derartigen Mechanismus hervorbringen können. Zum andern muss dieser angeborene Mechanismus im Gehirn auf Reize reagieren, wirkliche Ereignisse in der physikalischen Welt. Jedoch scheint Chomsky nicht in der Lage zu sein, diese Ereignisse zu benennen. Zuletzt weist Palmer Chomskys spitzfindige Argumente gegen eine verhaltenswissenschaftliche Analyse der Sprache zurück, denn Chomsky verwechselt die Eigenschaften seines formellen Systems mit den Eigenschaften menschlicher Wesen: Die Feststellung, dass Sprache aus einer unendlichen Anzahl von Sätzen besteht, muss verworfen werden, wenn man aus der dünnen Luft formaler Analysen in die in die Welt von Umweltereignissen und Verhalten tritt.

Chomsky nimmt einer universelle Grammatik an, die gewissermaßen den vielgestaltigen Grammatiken der realen Welt übergeordnet ist bzw. zugrunde liegt. Er interessiert sich für die „essentielle Natur“ menschlicher Wesen und diese Grammatik soll also genetisch codiert sein. Jedoch ist der Nachweis des Beitrages der Genetik zum menschlichen Verhalten aus vielerlei Gründen sehr schwierig. So ist es z.B. unmöglich, diesen Nachweis experimentell zu erbringen – und im Falle der Sprache ist auch der Umweg über das Experiment am Tier (z.B. Zuchtexperimente oder Experimente, bei denen Tiere isoliert von Artgenossen aufwachsen) ausgeschlossen, denn Tiere zeigen keine dem Menschen vergleichbare Sprache.

Chomsky meint mit der „angeborenen Grammatik“ tatsächlich eine Grammatik im traditionellen Sinne, eine Sammlung von Regeln. Er benutzt häufig alltagssprachliche mentalistische Begriffe wie „Absicht“, „Glaube“, „Wille“ und „Geist“, ohne diese zu definieren. Deswegen bleibt seine Darstellung abstrakt und metaphorisch. Offenkundig, so Palmer, wartet Chomsky auf den Tag, an dem jemand kommt und seine Begriffe operationalisiert, ohne zugleich sein formales System, das er auf diesem terminologischen Treibsand errichtet hat, einstürzen zu lassen.

Chomskys Analyseeinheit ist der Satz und seine Daten sind seine Urteile – und die von ihm unterstellten Urteile anderer – darüber, welche Sätze „wohlgeformt“ seien und welche nicht. Sätze aber sind ein Begriff aus einem formalen System, nicht Einheiten der natürlichen Sprache. Wenn das verbale Verhalten eines Menschen und seine Urteile über verbale Äußerungen (ob diese „wohlgeformt“ oder nicht sind) eine Funktion der speziellen Erfahrungen sind, die diese Individuum in einer speziellen Umwelt gemacht hat, dann werden uns Überlegungen über einen idealen Sprecher in einer hypothetischen Gemeinschaft nicht weiterhelfen. Sobald er mit ungeordneten Daten konfrontiert wird, zieht sich Chomsky in eine hypothetische Welt zurück, in der Ordnung erscheint. Es ist nicht überraschend, dass noch nie jemand einen alternativen Ansatz zu Chomsky vorgeschlagen hat, denn diese Welt ist eine, die Chomsky selbst entworfen hat.

Die genetische Ausstattung ist oft eine bequeme Quelle für „Erklärungen“, wenn wir es mit einem Verhaltensphänomen zu tun haben, das wir nicht verstehen. Die Evolution hilft Chomsky nicht, wenn er seine angeborene Grammatik zu rechtfertigen sucht. Wenn eine Regel dieser Grammatik eine willkürlich Beschränkung ohne Konsequenzen in der ontogenetischen Umwelt ist und daher nicht durch kommunikative Kontingenzen erzeugt worden sein kann (wie Chomsky selbst schreibt, 1980, S. 41), dann kann sie auch keinen Selektionsvorteil für den Organismus darstellen, der in dieser Umwelt lebt. Wohlgemerkt: Die Fähigkeit zur Sprache als solche stellt sehr wohl einen Selektionsvorteil dar, nicht aber die Regeln einer universellen Grammatik. Also können sie auch nicht im Laufe der Stammesgeschichte erworben worden sein, denn sie würden ihrem Träger keinen adaptiven Nutzen bringen. Chomsky scheint darüber hinaus das Evolutionsprinzip nicht so recht zu begreifen, wenn er diesem Einwand entgegnet, die Stammesgesichte habe aber sehr viel Zeit gehabt, diese Regeln in das Erbgut zu schreiben: Wenn sie keinen Vorteil bringen, dann werden sie nicht ins Erbgut übernommen, egal wie viel Zeit vergeht. Chomsky sieht zuletzt noch einen Ausweg in „Zufallsmutationen“ oder in „physikalischen Gesetzen, die wir jetzt noch nicht kennen“ (1969, S. 262), um seine These von der genetisch verankerten Grammatik zu retten.

Zwar ist es zutreffend, dass nicht alles, was in den Genen codiert ist, von adaptivem Wert sein muss – Haar- und Augenfarbe sind hier Beispiele – jedoch sind diese Merkmale auch nicht universell. Die Erklärung, dass Sprache ein zufälliges Nebenprodukt anderen, früherworbenen Verhaltens ist, erscheint ebenso plausibel. Menschen verfügen über die nötige organische Ausstattung, um zu sprechen, ihr Verhalten ist besonders formbar durch soziale Verstärkung und einiges mehr. Diese Unterschiede sind quantitative, nicht qualitative. Sie können leicht durch die Mechanismen von Variation und Selektion entstanden sein und sie allein genügen, um das verbale Verhalten von Menschen zu erklären.

Wenn Chomsky behauptet, dass Sprache genetisch determiniert ist, dann muss er angeben können, welche Umweltereignisse dieses angeborene Verhalten auslösen oder steuern. Aber offenkundig gibt es keine physikalischen Merkmale, die erkennen lassen, ob ein Wort beispielsweise ein Verb oder ein Substantiv ist. Chomsky „löst“ das Problem dadurch, dass er es zu einem prinzipiell nicht-lösbaren erklärt.

Chomsky setzt den Satz als Analyseeinheit als evident voraus. Sätze aber sind formale Einheiten, keine des Verhaltens. Wenn die Analyseeinheiten a priori definiert werden, dann haben sie möglicherweise nur wenig mit dem zu tun, was in der Realität tatsächlich geschieht. Chomsky betont immer wieder, dass die Grammatik eine unendliche Anzahl an Sätzen hervorbringen kann. Er folgert daraus, dass auch Menschen eine unendliche Zahl an Sätzen hervorbringen und verstehen können. Selbstredend ist das keine empirische Tatsache. Palmer (2000) zieht folgenden Vergleich: Bekanntlich vollführen Bienen nach ihrer Heimkehr von der erfolgreichen Futtersuche zum Stock einen Tanz, durch den sie anderen Bienen die Richtung und Entfernung der Futterquelle mitteilen. Die Kreise, die die Bienen dabei vollführen, können prinzipiell unendlich viele verschiedene Durchmesser haben. Zweifelsohne haben noch nie zwei Bienen exakt denselben Tanz vollführt. Trotzdem ist diese Variabilität irrelevant, sofern sie nicht in einer Beziehung zur Position der Futterquelle steht. Denn natürlich kann keine Biene eine unendliche Zahl an Tanz-Mustern unterscheiden, weder als Tänzerin, noch als Zuschauerin. Obwohl nun also eine abstrakte Beschreibung der Bienensprache eine unendliche Zahl an möglichen „Sätzen“ zutage fördern könnte, so ist es doch wahrscheinlich, dass Bienen nicht mehr als cirka hundert Muster wirklich unterscheiden (indem sich ihr Verhalten in Reaktion darauf unterscheidet). Festzustellen, dass Bienen die „Kompetenz“ besitzen, eine unendliche Zahl an Mustern zu interpretieren, bedeutet, eine Eigenschaft unseres formalen Systems der Bienensprache mit einer Eigenschaft des Organismus zu vermengen.

Naom Chomsky im Interview mit Javier Virues-Ortega (2006)

Chomskys (1959) Besprechung ist beinahe ebenso berühmt wie Verbal Behavior selbst. Leahey (1987) erklärte, Chomskys Besprechung sei die einflussreichste Einzelarbeit in der Psychologiegeschichte seit Watsons (1913) Psychology as the behaviorist views it. Knapp (1992) berichtet, zwischen 1972 und 1990 sei auf zwei Zitationen von Verbal Behavior eine von Chomskys Besprechung gekommen – ein wohl einzigartiges Verhältnis zwischen einem Buch und seiner Rezension (S. 87). Laut Marc Richell (nach Virues-Ortega, 2006, S. 243) spiegelt dies wohl den Umstand wieder, dass sich die meisten Wissenschaftler mit Informationen aus zweiter Hand zufrieden geben.

Für Nicht-Behavioristen stellt Chomskys Besprechung (1959) einen Meilenstein in der Geschichte der Psychologie dar. Die Besprechung zeige, so Fodor und Katz (1964, S. 564), dass sprachliches Verhalten nicht durch Skinners funktionale Analyse erklärt werden könne. Nach Smith (1999) ist Chomskys Besprechung die wohl vernichtendste, die je über ein Buch geschrieben wurde, es handle sich hier um die Totenglocke das Behaviorismus (S. 97). Darüber hinaus wird das Buch als einer der grundlegenden Texte des Kognitivismus betrachtet (ebd.).

Skinner selbst betrachtete die Besprechung als schwer zu beantworten. Chomskys Ton sei emotional und der Inhalt lasse grundlegende Kenntnisse der Verhaltensanalyse vermissen: „Chomsky versteht einfach nicht, worüber ich rede und ich sehe keinen Sinn darin, ihm zuzuhören“ (Skinner im Gespräch mit Andresen, 1991, S. 57, Übersetzung CB).

Javier Virues-Ortega (2006) stand über zwei Jahre hinweg mit Chomsky in Kontakt. Ein am 23. März 2004 geführtes Interview mit ihm wurde in der Zeitschrift der Association for Behavior Analysis, The Behavior Analyst mit dem Einverständnis Chomskys abgedruckt.

Chomsky erläutert hier zunächst, was ihn am Behaviorismus missfiel. Er fände schon das ganze Vorhaben, Verhalten zum Gegenstand einer Wissenschaft machen zu wollen, fragwürdig. Das Verhalten sei das Datenmaterial, mit dem man sich auseinandersetze. Verhalten könne nicht der Gegenstand sein; der Gegenstand, den man untersuche, sei die Kompetenz oder die Kapazität, Verhalten zu zeigen. Verhalten zum Gegenstand der Psychologie zu machen sei, als ob man die Physik als die Wissenschaft vom Ablesen der Messgeräte definiere.

Chomsky schildert weiter den konkreten Anlass, wie es zu Abfassung der Besprechung kam. Skinner und Skinners Texte hätten in den fünfziger Jahren die Orthodoxie repräsentiert. Verbal Behavior war einer jener heiligen Texte, die zu dieser Zeit jeder gelesen hätte. Außer ihm (Chomsky) habe es nur sehr wenige Menschen gegeben, die gespürt hätten, dass mit all dem etwas nicht in Ordnung ist. Noch vor Abfassung von Verbal Behavior wären die Mitschriften der William-James-Vorlesung Skinners von Hand zu Hand gereicht worden. Auf diese habe er sich auch bezogen, als er die Besprechung geschrieben habe: „I actually wrote the review before the book was published“ (S. 246).

Chomskys Besprechung war nun nicht die erste und auch nicht die einzige, die über Verbal Behavior geschrieben worden war. Der Grund, warum sie so erfolgreich war, lag laut Chomsky im guten Timing. Die Linguistik begann zu dieser Zeit zu erkennen, dass Sprache einfach nicht so funktionieren könnte wie Skinner das beschrieb. Es habe damals ein „interaktives Amalgam“ gegeben, in das sehr wenige Leute (außer ihm) einbezogen gewesen seien. Hinzu sei gekommen, dass sich die Befunde dafür, dass der Behaviorismus zu Erklärung des Verhaltens nicht tauglich sei, damals gehäuft hätten. Die Brelands hätten dann ja 1961 gezeigt, dass er nicht mal bei Tieren funktioniere. Die Brelands, so Chomsky, hätten bemerkt, dass ihre Versuche, Tiere zu konditionieren, früher oder später scheiterten, weil die Tiere wieder in ihr instinktives Verhalten zurückgefallen seien. Nicht mal bei Tauben (Skinners Haupt-Versuchstieren) funktioniere es so, wie Skinner das behauptet habe. Der Behaviorismus sei eben genau zu diesem Zeitpunkt kollabiert und die kognitive Psychologie habe das Feld übernommen.

[Chomskys Darstellung der Arbeiten der Brelands weicht übrigens ganz erheblich von dem ab, was diese geschrieben haben. – Auch die Abfolge der Ereignisse im Rahmen der sog. kognitiven Wende ist etwas verzerrt. Viele Indikatoren zeigen an, dass die Verhaltensanalyse nach wie vor ein wachsendes, lebendiges Forschungsprogramm ist. Ein schneller Wechsel der Paradigmen hat schlicht nicht stattgefunden.]

Auf die Frage, welchen Effekt seine Arbeit auf die Verbreitung der kognitiven Psychologie hatte, entgegnet Chomsky, es sei nun wirklich nicht an ihm, diese Frage zu beantworten. Auch andere (z.B. die Brelands) hätten Anteil an diesem Wechsel gehabt.

MacCorquodale (1970) und andere haben einige Mängel in Chomskys Besprechung aufgezeigt, so unter anderem:

  • Chomsky unterstellt Skinner, die Wirkungsweise der Verstärkung über die Reduktion der Triebenergie zu erklären – was nicht der Fall ist. Chomsky verwendet volle 6 Seiten auf eine Kritik der Triebreduktionstheorie (die schon Jahrzehnte vor Verbal Behavior weder von Skinner noch von irgendeinem anderen Behavioristen vertreten wurde).
  • Die „Stärke“ einer Reaktion werde, so Chomsky, von Skinner über den Widerstand gegen die Extinktion definiert (eine Reaktion sei also um so stärker, je schwieriger es sei, sie zu extingieren). Dies ist definitiv nicht Skinners Position, Reaktionsstärke ist für ihn die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Reaktion.
  • Skinner behandle in seinem Buch nicht die Grammatik (d. h. die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Äußerungen eines Sprechers den Regeln der Grammatik gehorchen). Auch dies ist definitiv nicht so: Skinner widmet diesem Thema viele Seiten seines Buches.

Virues-Ortega (2006) bittet Chomsky, zu diesen Punkten Stellung zu nehmen, erfährt von diesem aber nur, er habe bereits vor 30 Jahren ausführlich darauf geantwortet. Natürlich sei ihm klar gewesen, dass die Triebreduktionstheorie von Skinner nicht vertreten werde. Er habe aber mit seiner Besprechung weit über Skinner hinaus gehen wollen und den Behaviorismus als Ganzes kritisieren wollen. [Anmerkung.: Welcher andere Behaviorist hat dann noch 1959 die Triebreduktionstheorie vertreten?]. Sein Standpunkt sei nach wie vor: Wenn man Skinner wörtlich nehme, liege er offenkundig falsch. Wenn man seine Äußerungen aber als Metaphern auffasse, dann seien sie nur eine schlechte Übersetzung der normalen mentalistischen Terminologie in eine Terminologie, die man aus dem Labor herausgenommen habe und ihrer Bedeutung beraubt habe.

Einige Hunderte sauber durchgeführte Studien sind seit Verbal Behavior auf Grundlage der dort verwendeten Prinzipien durchgeführt worden. Viele empirische Befunde und angewandte Methoden, die aus den in Verbal Behavior dargelegten Konzepten abgeleitet wurden, haben gezeigt, dass diese einen Nutzen außerhalb des Labors haben, z. B. Verfahren zur Behandlung von Sprechstörungen und Sprachlehrmethoden im allgemeinen (z. B. Goldstein, 2002). Virues-Ortega fragt Chomsky, ob er nicht meine, dass die Anwendung der Verhaltensanalyse auf den Bereich der menschlichen Sprache zumindest manchmal nützlich sein könne.

Natürlich, so Chomsky, könne Verhaltensanalyse nützlich sein. So diene die Verhaltensanalyse z. B. dazu, den Effekt von Medikamenten auf das Verhalten von Menschen und Tieren zu untersuchen [ein anderes Beispiel kann Chomsky auch an anderer Stelle nicht nennen]. Aber darum sei es ja ursprünglich nie gegangen. Es gäbe genau Null („precisely zero“, S. 248) Nutzen in den Bereichen, die die Verhaltensanalyse ursprünglich angepeilt habe.

Ob die Verhaltensanalyse und die Analyse der Sprache nach Chomsky nicht voneinander profitieren könnten, fragt Virues-Ortega. Er könne sich nicht vorstellen, wie das gehen solle, so Chomsky. Er wisse von keinem Forschungsprogramm auf der Basis von Verbal Behavior. Das einzige, was von Skinners Arbeit übrigbleibe, seien einige rechte nützliche experimentelle Techniken. Deswegen schlössen sich eine formale und eine funktionale Analyse der Sprache nicht gegenseitig aus, das werde durchaus praktiziert, z. B. von ihm selbst.

Chomsky (1959) räumt ein, dass die Untersuchung von Konditionierungsprozessen insbesondere bei Tieren durchaus ihre Berechtigung habe. Die Übertragung auf den Bereich menschlichen, insbesondere sprachlichen Verhaltens sei aber nicht angemessen. Die dort verwendeten Konzepte seien „leer“ und nutzlos. Hängt also, so Virues-Ortega, die Gültigkeit dieser Konzepte von der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes ab (schon MacCorquodale hat 1970 bemerkt, dass Chomsky offenbar davon ausgeht, dass außerhalb des Labors andere Naturgesetze gelten als innerhalb)?

Chomsky betont nun wieder, dass die Verhaltensanalyse ja z. B. auch in der pharmazeutischen Industrie ihre Anwendung gefunden habe und dass ihre Techniken durchaus auch gelegentlich in der „ernsthaften“ („serious“, S. 249) experimentellen Psychologie verwendet werden. Aber die Verhaltensanalyse sage wenig darüber aus, wie sich tierisches Verhalten entwickle oder wie es ausgeführt werde. Ob überhaupt so etwas wie Konditionierung existiere, werde ja auch immer wieder in Frage gestellt, z. B. von dem kognitiven Neuropsychologen Randy Gallistel (Gallistel & Gibbon, 2002) [Anmerkung.: Gallistel bezieht sich jedoch fast ausschließlich auf das klassische Konditionieren].

Zuletzt konfrontiert Virues-Ortega Chomskys mit den Einschätzung Skinners und anderer Verhaltensanalytiker bezüglich des Tonfalls seiner Besprechung. Skinner selbst fragte sich angesichts von Chomskys (1971) Besprechung von Skinners (1971) Beyond Freedom and Dignity, warum dieser wohl so wütend auf ihn sei. In der Besprechung von Verbal Behavior verwendet Chomsky viele Begriffe, die von Verhaltensanalytikern als herabsetzend oder aggressiv eingestuft wurden („Hebeldrückexperimente“, „perfekt nutzlos“, „Tautologie“, „sagt nichts von Bedeutung“, „Als-ob-Wissenschaft“ – „play-acting at science“ usw., alle Zitate aus Chomsky, 1959, S. 36-39).

Chomsky erwidert, er habe nachgeschaut, in welchem Kontext einige der oben genannten Wendungen vorgekommen seien. Es habe sich jedes Mal um eine vollkommen wertfreie Feststellung gehandelt. Dass die Definition von Verstärkung eine Tautologie sei, werde ja immer wieder von anderen als ihm festgestellt. Er könne also nicht erkennen, was da „wütend“ oder „aggressiv“ wirke. Er dagegen finde die Reaktionen auf seine Besprechung als nachgerade beleidigend („offensive“, S. 250). Die Kommentatoren sollten also gewissermaßen erst mal vor ihrer eigenen Türe kehren.

David Palmers Analyse des Interviews

Palmer (2006) sieht durch das Interview (Virues-Ortega, 2006) bestätigt, dass Chomsky Skinners Ansatz zur Erklärung sprachlichen Verhaltens noch immer völlig verständnislos gegenübersteht und dass er nach wie vor äußerst stereotype Ansichten über dessen konzeptuelle und empirische Grundlagen hegt.

Zunächst berichtet Palmer einige Hintergründe zur Entstehungsgeschichte von Verbal Behavior, die Chomskys Ausführungen im Interview illustrieren. Der Impuls für Verbal Behavior ging 1934 von einer Unterhaltung Skinners mit dem Philosophieprofessor Alfred North Whitehead bei einem Dinner in Harvard aus. Skinner legte seine Ansichten dar, bis Whithead ihn aufforderte, doch sein sprachliches Verhalten zu erklären, wenn er jetzt gleich „No black scorpion is falling upon this table“ („Kein schwarzer Skorpion fällt jetzt auf diesen Tisch“) sagen werde. Skinner begann noch in der Nacht nach dem Gespräch mit Whitehead die Arbeit an einer verhaltenswissenschaftlichen Interpretation der Sprache. Er widmete einen Großteil des Jahres 1944 diesem Projekt und fasste seine Erkenntnisse 1947 in der William James Vorlesungsreihe an der Universität Harvard zusammen. Kopien des Vorlesungsskripts kursierten bald unter den Studierenden, was nicht nur Chomsky (im Gespräch mit Virues-Ortega, 2006), sondern auch Osgood (1958) bestätigt. Während eines Forschungsfreisemesters 1955, das Skinner in Putney im US-Bundesstaat Vermont verbrachte, verfasste er den Rohtext von Verbal Behavior.

Skinner (1957) betont gleich auf den ersten Seiten von Verbal Behavior, es handle sich hier nicht um eine experimentelle Analyse sondern vielmehr um eines Interpretation von alltäglichen Fakten. Dabei beruht diese Interpretation auf gut kontrollierten Laborexperimenten. Skinner bezieht sich nicht auf traditionelle strukturelle Formulierungen und steht weit jenseits der üblichen Spekulationen in der Psychologie und der Linguistik. Die konzeptuellen Grundlagen des Buches sind gänzlich bereits in The Behavior of Organisms (1938) und in Science and Human Behavior (1953) zu finden.

Die ersten Besprechungen des Buches waren zum Teil positiv, zum Teil gemischt, immer aber respektvoll (siehe Knapp, 1992, für eine Zusammenfassung). Chomskys (1959) Besprechung dagegen war 33 Seiten lang und in einem aggressiven, debattenartigen Stil verfasst, wie er unter Linguisten und Philosophen gelegentlich üblich ist. Chomsky schickte Skinner einen Entwurf seiner Besprechung, der sie aber nach kurzer Lektüre, angewidert von ihrem polemischen Stil, beiseite legte (Skinner, 1972, S. 345-346).

Chomskys (1959) zentraler Punkt ist folgender: Wenn man Skinners Analyse wörtlich nimmt, dann ist sie offenkundig falsch. Wenn man sie im übertragenen Sinne auffasst, dann ist sie nicht mehr als eine alltägliche Betrachtung, die in die Sprache des Labors gefasst ist. „This creates the illusion of a rigorous scientific theory with very broad scope, although in fact the terms used in the description of real-life and laboratory behavior may be mere homonyms“ (S. 31). Chomsky argumentiert, dass Begriffe wie „Stimulus“, „Wahrscheinlichkeit“ und „Stimuluskontrolle“ unangemessen sind, wenn sie auf menschliches Verhalten übertragen werden. Er illustriert dies an vielen Beispielen. Der Begriff „Reaktionsstärke“ etwa sei eine Umschreibung für weniger eindrucksvolle Ausdrücke wie „Interesse“, „Absicht“, „Glaube“ usw. Skinner sage etwa über den Vorgang, wie eine wissenschaftliche Aussage betätigt werde aus, dass dabei zusätzliche Variablen generiert werden, die die Wahrscheinlichkeit der Aussage erhöhen („generating additional variables to increase its probability“, S. 425). Wenn man diese Definition, so Chomsky (S. 34), wörtlich nehme, dann könne man den Grad der Bestätigung einer wissenschaftlichen Aussage daran ablesen, wie laut, schrill oder häufig diese geäußert werde.

Gerade hier sieht man, wie sehr Chomsky Skinner absichtlich missverstand, um in der Debatte einen Punkt zu machen. Skinner überließ es oft dem Leser, sich die offenkundigen Beispiele selbst dazu zu denken. Die Überzeugungskraft von Chomskys Besprechung beruht zum Teil darauf, dass er sich nicht auf diese Aufgabe einlässt. Wann immer Skinners Text eine absurde Interpretation zuließ, stürzte sich Chomsky darauf. Es scheint, dass sich Chomsky auf die naheliegende Annahme stützte, dass kaum ein Leser die Mühe auf sich nehmen würde, die Zitate im Buch selbst im Kontext nachzulesen. Im obigen Bespiel zeigt die genaue Lektüre, dass Skinners Position gegenüber Chomskys Witzelei vollkommen immun ist. Nach Skinner hängt der Grad, zu dem ein Ereignis eine Äußerung „bestätigt“, zur Gänze von der Lerngeschichte des Individuums in Hinsicht auf die zusätzlichen kontrollierenden Variablen ab, von all dem, was diese ausmacht, von ihrer Art, von der Zuverlässigkeit des Sprechers usw. Ein Tact ist hier zum Beispiel wichtiger als ein Echoic. Zudem würde der Leser entdecken, dass die von Chomsky zitierte Passage in eine ausführliche Diskussion der pragmatischen Natur der wissenschaftlichen Wahrheit eingebettet ist, die alles andere eine bloße Umschreibung alltäglicher Weisheiten ist.

Wiest (1967) entgegnete auf Chomskys (1959) Besprechung, dass man Skinner wohl kaum zum Vorwurf machen kann, dass er es verabsäumte, die Konstrukte einer konkurrierenden Theorie zu beachten. Katahan und Koplin (1968) bezogen sich auf Kuhn (1962) und entgegneten, dass Wiest seine Zeit vergeude, denn der Konflikt zwischen dem Behaviorismus und seinen Kritikern sei ein paradigmatischer und dieser könne nicht durch einen Disput entschieden werden – nur die Zeit könne die Frage klären.

Kenneth Mac Corquodale (1970) schrieb eine ausführliche Entgegnung zu Chomskys Besprechung (vgl. oben) und reichte diese bei Language ein (der Zeitschrift, in der Chomskys Besprechung erschienen war). Aus nicht bekannten Gründen wurde das Manuskript dort abgewiesen, was angesichts der Bedeutung, die Chomsyks Besprechung hat, doch schon sehr erstaunt (und MacCorquodale ist kein Niemand, sondern einer der bedeutendsten Behavioristen). MacCorquodale veröffentlichte dann im Journal of the Experimental Analysis of Behavior. Palmer (2006) vermutet hierin einen der Gründe, warum so wenige Nicht-Behavioristen die Argumente gegen Chomsyks Besprechung wahrgenommen haben. MacCorquodale fasst Chomskys Besprechung so zusammen, dass diese sich auf drei Hauptargumente reduzieren lässt:

  1. Skinner Buch ist nicht mehr als eine ungetestete Hypothese
    Nach MacCorquodale setzt dieses Argument voraus, dass in der „wirklichen Welt“ (der menschlichen Sprache) andere Naturgesetze gelten als im Labor (was eine fürwahr wenig sparsame Grundannahme ist).
  2. Skinners technisches Vokabular ist lediglich eines Umschreibung traditioneller Begriffe
    Dem hält MacCorquodale entgegen, dass Skinners Begriff bei weitem sauberer definiert sind, als die diffusen Konzepte der Vernacular.
  3. Sprache ist ein komplexes Phänomen und es bedarf daher einer komplexen, neurologisch-genetischen Theorie, um sie zu erklären
    Wie interessant die zugrundeliegenden Prozesse auch sein mögen, eine Verhaltenswissenschaft ist nicht auf sie angewiesen, um Verhalten erklären zu können.

Zudem ignoriert oder missversteht Chomsky die Komplexität von Skinners Analyse. Chomsyk scheint zu glauben, dass wann immer Skinner eine kontrollierende Variabel nennt, er meint, damit die einzig verantwortliche Variable gefunden zu haben – so als sei Sprache nur eine Sammlung von Reflexen. Die multiple Verursachung von Sprechakten zieht sich jedoch als Thema durch das ganze Buch. In der Besprechung wird sie kein einziges Mal erwähnt.

Es gibt in der Tat auch informierte und faire Kritik an Teilen von Skinners Buch. So haben Hayes, Barnes-Holmes und Roche (2001), Stemmer (2004) und Tonneau (2001) eine Reihe an Problemen mit Skinners Theorie aufgelistet, die von trivialen zu fundamentalen Kritikpunkten reicht. Immer aber waren diese Kritiken mit einem Vorschlag zu einer verhaltensanalytisch basierten Verbesserung verbunden. Es ist somit unwahrscheinlich, dass ihre Vorschläge Chomsky zufrieden stellen würden.

Chomsky (1973) antwortete auf die Kritik MacCorquodales (1970) nur indirekt, in einer Fußnote (S. 24). Er erwidert aber praktisch gar nicht inhaltlich, sondern wiederholt lediglich sein bereits 1959 vorgebrachtes Argument: Wenn man Skinner wörtlich nehme… usw.

David Palmer (2006) erwiderte auf die zentrale Aussage Chomskys, dass man dieselbe Argumentation auch gegen Newtons Mechanik anwenden könnte: Wenn man Newtons Gesetze der Bewegung wörtlich nehme, dann seien sie (im Alltag) offenkundig falsch. Wenn man sie im übertragenen Sinne auffasse, dann seien sie nicht mehr als wissenschaftlich klingende Umschreibungen der Daumenregeln des Handwerkers. Skinner aber habe nicht beabsichtigt, dass man seine Analyse als Metapher auffasse. Er machte die starke Voraussage, dass die Prinzipien des Verhaltens, die im Labor entdeckt wurden im technischen Sinne auf die Interpretation sprachlichen Verhaltens angewandt werden können. Wenn Chomsky meine, leicht Beispiele aufzeigen zu können, die belegten, dass Sprache nicht so funktioniere, wie von Skinner beschrieben, dann vernachlässige er, dass die Realität immer komplex ist und Übertragungen von Laborergebnissen immer etwas spekulativ sind: Schon Newton klagte, dass er verzweifle, wenn er darüber nachdenke, wie der die Bewegung von nur drei Körpern (Erde, Sonne, Mond) bestimmen solle. Wie viel komplexer aber ist der Bereich menschlichen Verhaltens.

Spätestens seit 1970 wurde Chomskys Besprechung von Verbal Behavior zu einem Meilenstein der kognitiven Psychologie und Psycholinguistik. Kaum ein Lehrbuch der kognitiven Psychologie erwähnt sie nicht. Wann immer die Besprechung erwähnt wird, dann in der Regel so, als würde eine klassische Arbeit genannt – die Gültigkeit der Argumente Chomskys scheint für die Autoren außer Frage zu stehen. Bruner (1983) bezeichnete Chomsyks Besprechung als „elektrisierend: Noam in Höchstform, gnadenlos bringt er sein Opfer zur Strecke, brillant, Seit‘ an Seite mit den Engeln… in der selben Kategorie wie St. Georg, der den Drachen schlägt“ (S. 159-160, Übersetzung CB). Solche Äußerungen sind in der kognitiven Literatur weit verbreitet; nie aber findet man ein Anzeichen dafür, dass der Autor auch nur eine Zeile von Skinners Buch oder MacCorquodales Text gelesen hat (so Palmer, 2006, S. 259). Darüber hinaus ist die Behauptung, dass verhaltensanalytische Interpretationen von komplexen Vorgängen unangemessen sind, so etwas wie ein Axiom in den kognitiven Wissenschaften – und die Besprechung wird als ausreichender Beleg dafür angesehen.

Interessanterweise stoßen kognitive Forscher immer wieder auf Ergebnisse, die die Wirksamkeit der verhaltensanalytischen Prinzipien nahe legen (Dale, 2004). Statt nun aber diese Prinzipien zu vereinnahmen, schneidet sich die kognitive Psychologie davon ab. Richelle (1993) bemerkt hierzu, dass nur wenige Spezialisten bereit sind, das Risiko auf sich zu nehmen, in den Augen ihrer Kollegen in die Nähe von Skinner gerückt zu werden, wenn sie auch nur vermuten könnten, dass Skinner einige Entwicklungen der Psycholinguistik vorweggenommen hat. Chomskys Besprechung ist zumindest zum Teil dafür verantwortlich, dass die Verhaltensgesetze in den Theorien der Linguisten und Kognitivisten ausgeblendet werden. Die Besprechung war also sehr einflussreich: Ob der Einfluss der Psycholinguistik zum Vor- oder Nachteil gereicht, bleibt abzuwarten.

Man muss Chomsky zugute halten, dass er einer Diskussion mit Verhaltensanalytikern nie abgeneigt war. Der verhaltensanalytische Philosoph Ullin Place führte über 1993 eine Debatte mit Chomsky, die in The Analysis of Verbal Behavior veröffentlich wurde (Chomsky, Place & Schoneberger, 2000). Hier wie auch im Interview mit Virues-Ortega (2006) scheint Chomsky das Gefühl zu haben, aus einer Position der Stärke heraus argumentieren zu können. Palmer (2006) bemerkt einige Punkte zu Chomskys Interview von 2006:

Chomsky bestreitet, dass Verhalten ein Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung sein kann. Es gehe immer um die zugrundeliegenden Prozesse, für die das Verhalten nur ein Indikator ist. Skinner widmete sich aber diesen „zugrundeliegenden Prozessen“ über weite Strecken seiner Karriere (vgl. Morris, Lazo & Smith, 2004). Chomsky scheint damit jedoch in keiner Weise vertraut zu sein und offenbart durch diese Aussage mehr über sich als über Skinner.

Chomsky weigert sich 2006 auch nur den geringsten Fehler einzugestehen, auch wenn er mit offenkundigen Fehlern seiner Besprechung konfrontiert wird. Zum Beispiel widmete er sechs Seiten der Besprechung einer Widerlegung der Triebreduktionstheorie der Verstärkung – der weder Skinner noch ein anderer Behaviorist seiner Zeit je anhing. Virues-Ortega hält Chomsky noch zwei weitere Beispiele vor, bei denen Chomsky Skinner Positionen unterstellt, die dieser nie vertreten hat. Man könnte nun erwarten, dass Chomsky diese Fehler zwar einräumt, aber bspw. als unbedeutend abtut. Doch nein: Chomsky übergeht diese Punkte einfach: „Natürlich habe ich die Triebreduktionstheorie diskutiert, aber ich habe sie nicht auf Skinner bezogen“ (Virues-Ortega, 2006, S. 247, Übersetzung CB). Wieso „natürlich“? Wessen Triebreduktionstheorie diskutierte Chomsky dann? Und welche Bedeutung könnte das für Skinners Verbal Behavior haben? – Chomsky beantwortet diese Fragen so: Er habe weit über Skinner hinaus gehen wollen, um quasi den Behaviorismus in toto zu besprechen. Man fragt sich jedoch unwillkürlich, ob dies nicht einfach eine post-hoc Interpretation ist, durch die Chomsky vermeidet, seine Schlamperei einzugestehen. Denn merkwürdigerweise dreht sich die Besprechung nur um Skinner. Chomsky schreibt darin kein einziges Mal, dass er „eigentlich“ den „ganzen Behaviorismus“ kritisieren wolle. Selbst wenn man hierüber großzügig hinweg geht: Kein damals (1957) lebender Behaviorist vertrat je die Triebreduktionstheorie. Skinners Position ist nicht eine Unterabteilung eines „allgemeinen Behaviorismus“. Einige Teile der Besprechung wären, wenn man Chomsky glauben soll, somit gegen Skinner, einige gegen einen nicht-spezifizierten (durch keine Person verkörperten) „allgemeinen Behaviorismus“ gerichtet. Nur wird der Leser nicht darin eingeweiht, wann Chomsky über was schreibt. Wenn die Besprechung also ohne Fehler sein soll, dann muss sie ein zusammenhangloses Gemenge sein.

Chomsky bestreitet, dass die Besprechung in einem scharfen Ton geschrieben sei. Man sollte Chomsky zugestehen, dass Linguisten in ihren Debatten oft einen sehr polemischen Stil pflegen. Gemessen daran ist Chomskys Stil in der Besprechung von Verbal Behavior höflich und zurückhaltend. Doch Chomsky scheint das Gespür dafür zu fehlen, wie Außenstehende seine Formulierungen wahrnehmen (z.B. Czubaroff, 1988, S. 324). Der Ton, den Chomsky anschlägt, lässt sein Gegenüber auf keine fruchtbringende Debatte hoffen. Der Tonfall der Besprechung von Verbal Behavior ist aggressiv, nicht wütend. Nimmt man dagegen Chomskys Bemerkungen zu Beyond Freedom and Dignity (Skinner, 1971), so sieht man, wie Chomsky sich anhört, wenn er „in Höchstform“ ist. Hier ein Beispiel für Chomskys Stil: „Es fällt schwer, sich eine schlagenderes Beispiel vorzustellen, wie jemand unfähig ist, auch nur die Grundlagen des wissenschaftlichen Denkens zu verstehen“ (Chomsky, 1973, S. 46).

Chomsky fasst das Erbe Skinners so zusammen, dass nichts übriggeblieben sei, außer ein paar experimentelle Techniken von begrenztem Wert. Unter anderem sei die Verhaltensanalyse von den Entwicklungen in der vergleichenden Psychologie und Ethologie überrollt worden. Er beruft sich hier v. a. auf die Arbeit der Brelands (1961). Offenkundig ist er mit diesen Arbeiten nicht vertraut. Keller Breland und Marian Breland-Bailey sowie Robert Bailey nutzten über 50 Jahre lang die Prinzipien des operanten Konditionierens, um Tiere zu dressieren. Sie taten das überaus erfolgreich; keineswegs stellten sie fest, wie Chomsky das darstellt, dass die Tiere nur vorübergehend leicht von ihrem instinktivem Verhalten abwichen, um bald wieder in dieses zurück zu fallen. Vielmehr erwies sich, dass einige Generalisierungen nicht so funktionierten, wie man sich das ursprünglich gedacht hatte: Dieser „Breland-Effekt“ wurde jedoch ohne begriffliche Verrenkungen in die Verhaltensanalyse integriert. Skinner bezog sich später auf die Untersuchungen der Brelands und diese wiederum blieben Verhaltensanalytiker und Skinner weiter eng verbunden.

Chomsky scheint sich die Verhaltensanalyse als eine Art Dogma vorzustellen, an dem unbeeindruckt von Erkenntnissen festgehalten wird. Die Verhaltensanalyse hat sich über die Jahre eine Vielzahl an neuen Forschungsbereichen erschlossen, sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der angewandten, genannt sei hier nur – für den Bereich sprachlichen Verhaltens – die Forschung zum „joint control“ (z. B. Lowenkron, 1998), zur Namensgebung (z. B. Horne & Lowe, 1996), zur Stimulusäquivalenz (z. B. Sidman, 1994) und zur Relational Frame Theory (z. B. Hayes et al., 2001).

Chomsky betont 2006 mehrfach, wie einflussreich Skinners Gedanken zur Sprache in den fünfziger Jahren gewesen seien und wie wenige Dissidenten es gegeben hat (offenkundig, um sich selbst als einen der „glücklichen Wenigen“ – oder deren Anführer – zu präsentieren). Skinner mag zwar eine charismatische und einflussreiche Persönlichkeit im Harvard der fünfziger Jahre gewesen sein. Chomsky aber überschätzt die Bedeutung Skinners zu dieser Zeit. Außerhalb von Harvard spielten Skinners Gedanken kaum eine Rolle. Im Gegenteil, Skinners Schüler taten sich so schwer, ihre Arbeiten in etablierten psychologischen Fachzeitschriften unterzubringen, dass sie letztlich ihre eignen gründen mussten.

Palmer (2006) fasst zusammen, dass Chomsky 1959 wie 2006 einen Strohmann abfackelt: Einen extremen Umwelttheoretiker, der dem Stimulus-Response-Dogma anhängt und für Belege und empirische Daten unempfänglich ist. Ein solches Zerrbild lässt sich leicht vernichten. Chomsky hatte einen enormen Einfluss auf die Psychologie – jedoch nicht in produktiver Hinsicht. Schriften von ihm, die später als 1965 datieren, werden kaum zitiert (Cook & Newsom, 1996, S. 78). Über zwei Jahrzehnte versuchten Chomsky und seine Anhänger die Syntax mit Transformationsregeln zu modellieren, mussten diesen Versuch aber letztlich aufgeben. Chomsky musste die Erklärung für alles in das Lexikon verlagern – eine Schritt, der seine Modell kein bisschen plausibler machte. Es ist wahr, dass die kognitive Psychologie in den Jahren seit Chomskys Besprechung aufblühte. Aber ebenso – und von kognitiven Psychologen ignoriert – erblühte die Verhaltensanalyse. Das Interesse an Skinners Analyse des sprachlichen Verhaltens ist so groß wie nie. Die Zahl wissenschaftliche Arbeiten, die von Skinners Buch angeregt wurden, hat sich in den letzten dreißig Jahren verachtfacht (Eshleman nach Palmer, 2006, S. 265, auch Eshleman, 1991, Sautter & LeBlanc, 2006). Praktische Anwendungen gibt es zuhauf – die Therapie des Autismus sei als nur eine von vielen genannt. Palmer (2006) bemerkt, dass er von keiner praktischen Anwendung wüsste, die auf Chomskys Analyse aufbaut.

David Palmer schließt mit den folgenden Worten:
„Skinners analysis of verbal behavior is not a museum piece, a moribund historical curiosity; it is the foundation of an active research program, continuing conceptual development, and of practical applications with potentially far reaching effects“ (S. 265).

Literatur

Andresen, J. (1991). Skinner and Chomyks 30 years later or: The return of the repressed. The Behavior Analyst, 14, 49-60.
Breland, K. & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681 – 684.
Bruner, J. (1983). In search of the mind: Essays in autobiography. New York: Harper & Row.
Chomsky, N. (1959). Verbal Behavior by B.F. Skinner. Language, 35 (1), 26-58.
Chomsky, N. (1969). Some critical assumptions in modern philosophy of language. In S. Morgebesser, P. Suppes & M. White (Eds.), Philosophy, science and method (pp. 260-285). New York: St. Martin’s Press.
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Das Pollyanna-Prinzip

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale.

Der Begriff Pollyanna-Prinzip geht auf eine Untersuchung von Matlin und Stang aus dem Jahr 1978 zurück. Der Begriff leitet sich ab von einer Figur in einem Buch von Eleanor Porter. Pollyanna wollte immer nur die positiven Seiten von Ereignissen sehen, erinnerte sich immer nur an glückliche Ereignisse und hielt die Welt für einen Platz, der gut ist. Mit dem Pollyanna Prinzip zu tun hat der Umstand, dass es in jeder Sprache der Welt mehr positive Begriffe (Adjektive) gibt als negative, wertende Begriffe.

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale. Zudem tendieren wir dazu, eine Vielzahl an Personen, Ereignissen, Situationen und Objekten positiv einzuschätzen. Versuchspersonen behaupten sogar von destilliertem Wasser, dass es angenehm schmeckt.

Das Pollyanna-Prinzip ist mit dem Lake-Wobegon-Effekt verwandt. Dieser Begriff geht wiederum auf eine Fernsehserie zurück, die in dem gleichnamigen, fiktiven Ort spielte. Dort waren alle Männer gutaussehend, alle Frauen stark und alle Kinder über dem Durchschnitt (tatsächlich in dieser Kombination). Der Lake-Wobegon-Effekt besagt, dass die meisten Menschen sich als überdurchschnittlich einschätzen. Logischerweise kann das nicht sein, da per Definition nur 50 % der Bevölkerung überdurchschnittlich sein können. Zum Beispiel glauben 89 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittlich geschickt darin sind, mit anderen auszukommen. Andererseits schätzen nur 38 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittliche technische Fähigkeiten haben. Da es sich bei den Versuchspersonen vermutlich um Psychologie Studenten handelt, überrascht es nicht, dass sie technische Fähigkeiten als nicht so erstrebenswert ansehen, sodass sie sich dort auch nicht überschätzen wollen. Man kann diesen Versuch auch gut in einer Vorlesung demonstrieren. Man frage die Studenten zum Beispiel nach ihrer Selbsteinschätzung bezüglich mehrerer erwünschter Eigenschaften. Die Studenten sollen sich mit dem durchschnittlichen Studenten in dieser Vorlesung vergleichen. Man wird finden, dass die Mehrzahl der Studenten sich bezüglich der erwünschten Eigenschaften als überdurchschnittlich einschätzt.

Eine Auswirkung des Pollyanna-Prinzips ist der Umstand, dass Menschen sich lieber mit angenehmen Dingen umgeben. Dabei ergibt sich eine Querverbindung zum Bekanntheitseffekt. Menschen erkennen angenehme oder neutrale Reize schneller als unangenehme oder furchteinflößende. Angenehme Reize werden als größer eingeschätzt als unangenehme. Gute Nachrichten werden besser verbreitet als unangenehme. Angenehme Wörter kommen in der englischen Sprache (und sicher auch in der deutschen) häufiger vor. Bei sprachlichen Gegensatzpaaren stellt der angenehme Teil meistens die Grundform dar (vergleiche „angenehm“ und „unangenehm“).

Auch bei der Erinnerung wirkt sich das Pollyanna-Prinzip aus. Wir erinnern uns leichter an angenehme Ereignisse und vergessen tendenziell die unangenehmen. Wir erinnern uns auch leichter an Lob als an Kritik. Dies gilt vor allem für Menschen, die nicht depressiv sind und deren Selbstwertgefühl normal entwickelt ist. Menschen die unglücklich sind oder ein schwaches Selbstwertgefühl haben, verletzen das Pollyanna-Prinzip. Das Pollyanna-Prinzip wird bei der Erinnerung oft vom Einfluss der Intensität überlagert. Unangenehme, intensive Erlebnisse werden natürlich eher erinnert als angenehme, aber weniger intensive Erlebnisse. An positives Feedback erinnern wir uns leichter als ein negatives Feedback. Diesen Umstand macht sich auch der Barnumeffekt zu Nutze. Mit der Zeit werden unsere Erinnerungen in der Tat positiver. Dies hat zweifelsohne damit zu tun, dass wir uns mit angenehmen Erinnerungen häufiger beschäftigen als mit unangenehmen. Wir erinnern uns leichter an Ereignisse, an die wir uns häufig erinnern. Ganz allgemein erinnern sich Menschen aber leichter an Ereignisse, die ihrer gegenwärtigen Stimmung entsprechen. In einer schlechten Stimmung erinnern wir uns leichter an unangenehme Ereignisse, in einer positiven Stimmung erinnern wir uns leichter an angenehme Ereignisse.

Das Pollyanna-Prinzip tritt nicht in Erscheinung, wenn Menschen ihre Fähigkeit einschätzen sollen, eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, insbesondere dann, wenn sie diese schwierige Aufgabe anschließend tatsächlich ausführen sollen. Das Risiko, später, bei der Ausführung der Aufgabe, bloßgestellt zu werden, dämpft anscheinend den Effekt des Pollyanna-Prinzips.

Literatur

Matlin, Margaret W. (2004). Pollyana Principle. In R. F. Pohl (Ed.), Cognitive Illusions. A Handbook on Fallacies and Biases in Thinking, Judgement and Memory (pp. 255-271). Hove and New York: Psychology Press.

Matlin, M. W. & Stang, D. J. (1978). The Pollyanna principle. Cambridge, MA: Schenkman.

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Nochmal: „Little Albert“ war ein gesundes Kind

In diesem Blog wurde schon mehrfach über die Streitfrage, wer John Watsons „Little Albert“ wirklich war, berichtet (hier, hier und hier). In der aktuellen Ausgabe von History of Psychology wird das Thema noch mal ausgebreitet.

Fridlund, Beck, Goldie und Irons (2020), die Urheber des Mythos, „Little Albert“ (Watson & Rayner, 1920) sei ein schwer behindertes Kind gewesen, das ein ruchloser Watson als Versuchsobjekt auserkoren hatte, weil seine Mutter sich nicht wehren konnte, reagieren auf die Kritik an ihrer schlampigen Forschung mit einem sehr schlichten tu quoque („Aber du!“ – die Forscher, die sie entlarvten, unterlägen selbst dem confirmation bias) und sie beharren ohne weitere Argumente darauf, dass ihre ursprüngliche Analyse (Beck, Levinson & Irons, 2009; Fridlund, Beck, Goldie & Irons, 2012) korrekt gewesen sein. In der selben Nummer von History of Psychology bekräftigt Harris (2020) die Analyse (Digdon, 2017; Digdon, Powell & Harris, 2014; Powell, Digdon, Harris & Smithson, 2014), dass „Albert B.“ in Wahrheit „Albert Barger“, ein gesundes und gut entwickeltes Kind gewesen sei (das danach ein normales Leben geführt hat) und nicht Douglas Merritte, ein Kind mit Hydrocephalus, das wenige Jahre nach der berühmt-berüchtigten „Little Albert“-Studie verstarb. Nancy Digdon (2020), die den Stein um die wissenschaftliche Fehlleistung von Fridlund et al. ins Rollen brachte (vgl. Pickren, 2020, – wo der Herausgeber, der für die ursprünglichen Artikel von Fridlund, Beck et al. verantwortlich war, sich rechtfertigt), erläutert ebenfalls in diesem Heft, wie Voreingenommenheit und die Bestätigungstendenz Fridlund et al. (2012) dazu brachten, an der unwahrscheinlichen These festzuhalten, „Little Albert“ sei „Douglas Merritte“ gewesen.

Im gleichen Heft von History of Psychology erscheint ein Gedicht, in dem Eric Charles (2020) John Watsons Leben in sehr subjektiver Sichtweise zusammenfasst. Er schließt mit den Zeilen: „From the crises, the crises, that Johnny B wrought, The field’s barely recovered at all“. Die Psychologie hat sich m. E. doch ganz prächtig von Watsons Zumutung, eine Naturwissenschaft sein zu sollen, erholt und alle Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen. Dass das Gedichtchen im gleichen Heft erscheint, in dem die Fehlleistung der Herausgeber der Zeitschrift in Bezug auf die Veröffentlichung einer fehlerhaften Studie, erneut offenbar wird, ist schon auffällig. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt („Mag sein, dass Watson keine behinderten Kinder gequält hat, aber ein böser Mensch war er trotzdem!“).

Literatur

Beck, H. P.; Levinson, S. & Irons, G. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Charles, E. (2020). John Watson: In verse. History of Psychology, 23(2), 207-209.

Digdon, N. (2017). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology.

Digdon, N. (2020). The Little Albert controversy: Intuition, confirmation bias, and logic. History of Psychology, 23(2), 122-131.

Digdon, N.; Powell, R. A. & Harris, B. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. Watson, Rayner, and historical revision. History of Psychology, 17(4), 312-324.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Fridlund, A. J.; Beck, H. P.; Goldie, W. D. & Irons, G. (2020). The case for Douglas Merritte: Should we bury what is alive and well? History of Psychology, 23(2), 132-148.

Harris, B. (2020). Journals, referees, and gatekeepers in the dispute over Little Albert, 2009–2014. History of Psychology, 23(2), 103-121.

Pickren, W. E. (2020). Watching the detectives: The multiple lives of academic editing. History of Psychology, 23(2), 149-153.

Powell, R. A.; Digdon, N.; Harris, B. & Smithson, C. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert: Albert Barger as „psychology’s lost boy“. American Psychologist, 69(6), 600-611.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3(1), 1-14.

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Eingeordnet unter Geschichte, Kritik

Selbstverpflichtung, keine Fake-News zu verbreiten

Warum werden Fake-News so gerne weiterverbreitet? Und was kann man tun, um die Weiterverbreitung von Fake-News einzudämmen?

Warum werden Falschnachrichten (Fake News) überhaupt weiterverbreitet? Aus verhaltensanalytischer Sicht sprechen einige unmittelbar wirkende Konsequenzen für das Verbreiten von Falschnachrichten und gegen das Richtigstellen von Falschnachrichten anderer. Wenn ich eine falsche Nachricht korrigiere, handle ich mir eventuell Ärger mit denjenigen ein, die sie vor mir verbreitet haben, was eine aversive soziale Kontingenz darstellt. Wenn ich die falsche Nachricht dagegen weiterverbreitete, bekomme ich gegebenenfalls von der Person, von der ich sie übernommen habe, und von anderen, die der selben Meinung sind, Anerkennung (ein „Like“). Das Richtigstellen von Falschnachrichten ist dagegen mit einem nicht unerheblichen Verhaltensaufwand verbunden. Ich muss gründlich recherchieren, um sicherzustellen, dass ich niemanden zu Unrecht des Verbreitens einer falschen Nachricht bezichtigen. Tsipurksy et al. (2018) berichten über den von ihnen initiierten Pro-Truth Pledge (PTP, siehe https://www.protruthpledge.org/), eine Selbstverpflichtung, künftig nur noch geprüfte Informationen weiterzugeben. Die Pro-Truth Pledge beinhaltet,

  • dass man sich verpflichtet, möglichst nur verifizierte Informationen weiterzugeben,
  • dass man anerkennt, wenn andere zutreffende Informationen verbreiten, auch wenn man ansonsten mit dieser Person nicht übereinstimmt und
  • dass man andere dazu ermutigt, zutreffende Informationen zu verbreiten und anzuerkennen, z. B. indem man sie auf zuverlässige Quellen hinweist und sich bei ihnen dafür bedankt, wenn sie falsche Informationen korrigieren.

Das Eingehen dieser Selbstverpflichtung ist freiwillig. Dadurch, dass der Unterzeichner einwilligt, dass sein Name veröffentlicht wird, arrangiert er soziale Konsequenzen, die dafür sorgen, dass er sich an seine Selbstverpflichtung hält. Die Pro-Truth Pledge beinhaltet einige Mechanismen, die ihre Wirkung erhöhen sollen. Freiwillige, die sich für die Pro-Truth Pledge einsetzen, überprüfen die Aussagen von Personen, die die Selbstverpflichtung unterschrieben haben und konfrontieren diese Personen gegebenenfalls mit widersprechenden, korrekten Informationen. Dies geschieht zunächst jedoch nicht öffentlich, wobei der Person Gelegenheit gegeben wird, ihren Beitrag zu erläutern und gegebenenfalls zu korrigieren. Wird eine weiterhin falsche Information nicht korrigiert, wird dies öffentlich gemacht. Zur Überprüfung der Behauptungen bedient man sich allgemein wissenschaftlich akzeptierter Quellen und Organisationen, die z. B. auch von Facebook hinzugezogen werden, um Fakten zu überprüfen. In den Vereinten Staaten haben mittlerweile über 500 Politiker, zahlreiche Prominente wie Michael Shermer und Steven Pinker* sowie über 70 Organisationen die Pro-Truth Pledge unterschrieben.

In einer Pilotstudie überprüften Tsipurksy et al. (2018) die Wirkung der Pro-Truth Pledge. 21 Personen nahmen teil. Die Teilnehmer ermöglichten den Forschern den Zugriff auf ihre Facebookprofile. Die Forscher bewerteten je zehn Beiträge jedes Teilnehmers bevor dieser die Pro-Truth Pledge unterschrieben hatte und zehn, nachdem er unterschrieben hatte. Jeder Beitrag wurde auf einer Skala von 1-5 bewertet, wobei ein Wert von „1“ bedeutete, dass der Beitrag falsche Informationen enthielt, „5“ bedeutete, dass der Beitrag explizit falsche Informationen korrigierte. Ein Wert von „4“ bedeutete bereits, dass der Beitrag keine falschen Informationen beinhaltete. Die Beiträge der 21 Teilnehmer, bevor diese die Pro-Truth Pledge unterschrieben hatten, wurden  im Schnitt mit 2,49 bewertet. Die Beiträge nach Unterzeichnung PTP wurden im Schnitt mit 3,65 bewertet. Der Unterschied zwischen diesen beiden Werten war statistisch signifikant. Diese Pilotstudie weist natürlich einige Schwächen auf, unter anderem dass die beiden Forscher, die die Beiträge bewerteten, nicht verblindet waren, also wussten, ob ein Beitrag vor oder nach Unterzeichnung der PTP verfasst worden war.

*Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, da Steven Pinker in seinen Büchern eine ganze Menge falsche Informationen über den Behaviorismus und B.F. Skinner verbreitet (siehe Schlinger, 2002). Man mag hoffen, dass er das in Zukunft sein lässt.

Literatur
Schlinger, H. D. (2002). Not so fast Mr. Pinker. A behaviorist looks at The Blank Slate. A Review of Steven Pinker’s The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature. Behavior and Social Issues, 12(1), 75-79. https://doi.org/10.5210/bsi.v12i1.81
Tsipursky, G., Votta, F., & Roose, K. M. (2018). Fighting fake news and post-truth politics with behavioral science: The pro-truth pledge. Behavior and Social Issues, 27(1), 47-70. https://doi.org/10.5210/bsi.v27i0.9127

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse

Auch Tauben können lügen

Epstein et al. (1980) trainierten Tauben, miteinander zu kommunizieren. Zwei Tauben saßen in Käfigen nebeneinander, so dass sie jeweils sehen konnten, was die Taube im anderen Käfig tat. Die Taube im linken Käfig („Jack“, der „Zuhörer“) hatte mehrere Schalter vor sich, auf die sie picken konnte. Ein Schalter war mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ versehen, darunter befanden sich Schalter in den Farben Rot, Grün und Gelb, daneben ein Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Die Taube im rechten Käfig („Jill“, die „Sprecherin“) hatte drei schwarze Schalter vor sich, die mit „R“ (für Rot), „G“ (für Grün) und „Y“ (für Gelb) beschriftet waren. In Jills Käfig befand sich zudem ein mit einem Vorhang verdecktes kleines Fenster, hinter dem jeweils vom Versuchsleiter eine Farbscheibe gezeigt wurde. Wenn Jill ihren Kopf durch diesen Vorhang steckte, konnte nur sie (nicht aber Jack) erkennen, welche Farbe gezeigt wurde.

Jack wurde nun trainiert, zunächst den Schalter mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ zu drücken. Daraufhin sah Jill hinter den Vorhang und drückte den schwarzen Schalter mit der entsprechenden Aufschrift (R, G. oder Y). Daraufhin drückte Jack den Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Dies ermöglichte Jill für 3,8 Sekunden den Zugang zum Futtermagazin. Wenn Jack dann auch noch den richtigen Farbschalter in seinem Käfig drückte, hatte auch er für kurze Zeit Zugang zu einem Futtermagazin in seinem Käfig. Über mehrere Wochen hinweg wurden beide Tauben trainiert, sowohl die Rolle des „Zuhörers“ als auch die des „Sprechers“ einzunehmen.

Lanza et al. (1982) führten eine Variante ein, die dazu führte, dass der Sprecher „log“. Der Sprecher hatte nun nur noch dann für 3,8 Sekunden Zugang zum Futtermagazin, wenn die Farbe Rot angezeigt wurde. Bei den Farben Grün und Gelb war das Futtermagazin des Sprechers nur noch von dem Zeitpunkt, wenn der Zuhörer den Schalter „Danke“ drückte, bis zu dem Zeitpunkt, wenn dieser den entsprechenden Farbschalter drückte, freigegeben. Dieser Zeitraum war deutlich kürzer, nämlich im Schnitt nur 0,7 bis 1,3 Sekunden, je nachdem wie schnell der Zuhörer pickte. Beide Tauben gaben als Sprecher nun fast zu 100 % korrekt an, ob die Farbe hinter dem Vorhang Rot war. Wenn die Farbe Grün oder Gelb war, sank die Korrektheit der Angaben des Sprechers deutlich. In bis zu 60 % der Fälle gab der Sprecher nun fälschlicherweise an, er habe die Farbe Rot hinter dem Vorhang gesehen. Das wäre jetzt nicht weiter überraschend, wenn man nicht folgenden Umstand kennt: Die falschen Angaben des Sprechers wurden nie verstärkt. Wenn der Zuhörer nach der falschen Aussage des Sprechers, dieser habe Rot gesehen, die Taste mit der Aufschrift „Danke“ betätigte, öffnete sich für den Sprecher nicht das Futtermagazin. Nach fünfzehn weiteren Tagen hörten die Tauben wieder auf, bei den Farben Grün oder Gelb zu lügen, sie hätten Rot gesehen.

Literatur

Epstein, R.; Lanza, Robert P. & Skinner, B. F. (1980). Symbolic communications between two pigeons (Columbia livia domestica). Science, 207, 543-545.

Lanza, R. P.; Starr, J. & Skinner, B. F. (1982). “Lying” in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 38(2), 201-203.

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Warum interessieren uns schlechte Nachrichten?

Kurze Antwort: Weil sie besseren Nachrichten vorausgehen.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Verhalten“ nicht nur offenes Verhalten wie das Gehen oder Sprechen, sondern auch verdecktes Verhalten wie das Denken und Fühlen und sogenanntes subtiles Verhalten wie das Beobachten. „Sehen“ ist nach Skinner ein Verhalten. Wenn aber das Beobachten ein Verhalten ist, dann fragt sich, warum es auftritt und beibehalten wird. Nach verhaltensanalytischer Auffassung wird kein Verhalten aufrechterhalten, das nicht wenigstens ab und an verstärkt wird. Was also erhält das Beobachten aufrecht? Anders formuliert: Was hat das Individuum davon, wenn es beobachtet?

Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten und entsprechende, daraus abgeleitete Hypothesen. Die Hypothese der konditionierten Verstärkung geht davon aus, dass das Beobachten wenigstens ab und an verstärkt wird, sodass es beibehalten wird. Die Objekte (Stimuli), die das Individuum beobachtet, sind demnach konditionierte Verstärker. Ein konditionierter Verstärker ist etwas anderes als ein primärer Verstärker. Ein primärer Verstärker ist ein Ereignis (z. B. die Gabe von Futter, eine angemessene Raumtemperatur oder Zugang zu einem Sexualpartner), das, ohne dass das Individuum das gelernt hat, ein Verhalten verstärken kann (dazu führt, dass das Verhalten, dem es folgt, häufiger auftritt). Konditionierte Verstärker sind Ereignisse, die – vereinfacht ausgedrückt – mit primären Verstärkern gemeinsam auftreten. Durch diese „Kontiguität“ werden auch ursprünglich bedeutungslose Ereignisse zu Verstärkern – konditionierten Verstärkern.

Eine andere Antwort auf die oben gestellte Frage gibt die „Informationshypothese“. Demnach sind die Stimuli, die beobachtet werden, keine konditionierten Verstärker, sondern Hinweise, die dem Individuum Aufschluss darüber geben, ob der Zugang zu einem Verstärker möglich ist oder nicht. Das Individuum beobachtet nicht, weil dieses Verhalten durch eine damit in Verbindung stehende Konsequenz verstärkt wird, sondern weil die Reduktion von Unsicherheit der Zweck dieses Verhalten ist.

Diese beiden Hypothesen haben unterschiedliche Konsequenzen. Wenn die Stimuli, die das Individuum beobachtet, konditionierte Verstärker sind, dann sollten Beobachter gute Nachrichten (die mit Verstärkung in Verbindung stehen) und neutrale Nachrichten (die in keiner Beziehung zu Verstärkung stehen) schlechten Nachrichten (die mit Verstärkung negativ korrelieren) vorziehen. Vereinfacht ausgedrückt sollte man lieber gute und neutrale Nachrichten hören wollen, weil diese angenehmer sind als schlechte Nachrichten. Die Informationshypothese dagegen sagt voraus, dass es diesen Unterschied nicht gibt.

Im Alltag kann man diese Hypothesen so natürlich nicht testen. Bekanntlich hören Menschen voller Interesse auch (und besonders) die schlechten Nachrichten, wie etwa Katastrophenmeldungen und Klatsch über den ehelichen Zwist von Freunden. Doch auch diese schlechten Nachrichten sind mit Verstärkung verbunden, denn man kann sie z. B. weitererzählen und damit Aufmerksamkeit erlangen. Klärung kann also nur ein Laborexperiment schaffen.

Der kritische Test muss folgende Frage beantworten: Wirken schlechte Nachrichten (also Stimuli, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen) als Verstärker oder nicht? Man kann diese Frage im Laborexperiment mit Ratten oder Tauben klären. Dabei stellt man regelmäßig fest, dass sich die Versuchstiere lieber den neutralen Reizen (die in keiner Beziehung zu einer möglichen Verstärkung stehen) und den guten Nachrichten (Reizen, die eine mögliche Verstärkung ankündigen) zuwenden als den schlechten Nachrichten (Reizen, die die Abwesenheit von Verstärkung ankündigen). Schlechte Nachrichten wirken also nicht als Verstärker.

Gegen diese Experimente wird nun eingewendet, dass sie nicht auf Menschen übertragbar sind. Menschen haben eventuell ein besonderes Bedürfnis nach der Reduktion von Ungewissheit, welches sie auch für schlechte Nachrichten empfänglich macht. Die Gestaltung der Versuchsbedingungen ist bei Menschen etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Doch auch hier zeigte sich, dass gute und neutrale Neuigkeiten den schlechten Neuigkeiten vorgezogen werden.

Lieberman und Kollegen (1997) wenden ein, dass dieses Ergebnis womöglich auf eine Art Aberglaube bei den Versuchspersonen zurückzuführen ist. Die neutralen Informationen stehen in keiner funktionalen Beziehung zu einer anschließenden Verstärkung. Dies bedeutet, dass dennoch ab und an zufälligerweise Verstärkung folgt, nachdem die Versuchsperson sich der neutralen Information zugewendet hat. Dies könnte, ähnlich wie bei Skinners (1948) Experiment mit den abergläubischen Tauben, dazu führen, dass sich die Versuchspersonen öfter den neutralen Informationen zuwenden, auch wenn dieses Sich-Zuwenden (Beobachten) nicht in einer funktionalen Beziehung zum Eintreten der Verstärkung steht. Tatsächlich glaubte jedoch keine Versuchsperson, dass ihre Wahl, welche Information sie sehen möchte, einen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte.

Lieberman und Kollegen (1997) führten daher Versuche durch, bei denen sie den Einfluss dieses vermuteten Aberglaubens möglichst ausschließen wollten. Insbesondere wurden die Versuchspersonen darauf hingewiesen, dass die Wahl, welche Information sie sehen wollten, keinen Einfluss auf das Eintreten der Verstärkung hatte. Nun zeigte sich, dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem Beobachten guter, neutraler oder schlechter Neuigkeiten gab.

Allerdings berücksichtigten Lieberman und Kollegen (1997) nicht, dass gute und schlechte Neuigkeiten nicht immer und in jedem Fall Verstärkung (oder die Abwesenheit von Verstärkung) ankündigen. Die Wahrscheinlichkeit, mit der diese Neuigkeiten Verstärkung ankündigen, ist entscheidend. Fantino und Silberberg (2010) führten daher eine Reihe von Experimenten durch, die diesen Einfluss der intermittierenden Verstärkung berücksichtigten.

Unter der Bedingung der kontinuierlichen Verstärkung zeigte sich, dass die Versuchspersonen sowohl gute Neuigkeiten als auch keine Neuigkeiten schlechten Neuigkeiten vorzogen. Schlechte Neuigkeiten wurden nur dann gewählt, wenn daraufhin regelmäßig ein Hinweis kam, dass gute Neuigkeiten gewählt werden können (wenn also die schlechten Nachrichten gute Nachrichten zuverlässig ankündigten). Wenn das nicht regelmäßig der Fall war, dann waren die Ergebnisse uneinheitlich.

Alles in allem bestätigen die Ergebnisse von Fantino und Silberberg (2010) die Hypothese der konditionierten Verstärkung auch für menschliche Versuchspersonen. Das heißt: Wir beobachten, weil das Beobachten dazu führt, dass unser Verhalten verstärkt wird, nicht, weil wir damit ein Bedürfnis nach Unbestimmtheitsreduktion befriedigen. Tatsächlich passt zu diesen Ergebnissen aber auch die schwache Variante der „Informationshypothese“ von Lieberman et al. Demnach werden (insbesondere schlechte) Neuigkeiten nur dann beobachtet, wenn sie „nützlich“ sind. Diese Variante ist jedoch in ihren Konsequenzen praktisch gar nicht mehr von der Hypothese der konditionierten Verstärkung unterscheidbar. Sie ist lediglich eine andere (mentalistische) Formulierung derselben Zusammenhänge.

Literatur

Fantino, E., & Silberberg, A. (2010). Revisiting the role of bad news in maintaining human observing behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 93(2), 157-170. doi:10.1901/jeab.2010.93-157

Lieberman, D. A.; Cathro, J. S.; Nichol, K. & Watson, E. (1997). The role of S- in human observing behavior. Bad news is sometimes better than no news. Learning and Motivation, 28, 20-42.

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Ein paar Zahlen zum Händewaschen

Nicht jeder, der eine öffentliche Toilette benutzt, wäscht sich anschließend die Hände. Generell waschen sich Frauen eher als Männer die Hände (Edwards et al., 2002; Guinan, McGuckin-Guinan & Sevareid, 1997) und sie tun das auch gründlicher als Männer (Monk-Turner et al., 2005; van de Mortel et al., 2000). Generell waschen sich Menschen ihre Hände eher, wenn noch eine andere Person zugegen ist (Edwards et al., 2002; Munger & Harris, 1989). Wenn ein Schild darauf hinweist, dass man sich nach dem Toilettengang die Hände waschen sollte, hat das nur bei Frauen zur Folge, dass sie sich tatsächlich öfter die Hände waschen, Männer lässt ein solcher Hinweis unbeeindruckt (Johnson, Sholcosky, Gabello, Ragni & Ogonoskym, 2003).

Berry et al. (2012) untersuchten die Toilettenanlagen in 48 Fastfood-Restaurants. Sie zählten u. a. aus, wie oft man während des Toilettenbesuchs etwas berühren muss (den Türgriff der Eingangstür, den Türgriff der Toilettenkabine, den Wasserhahn, den Handtuchspender usw.). Je weniger Berührungen erforderlich sind, desto geringer ist das Risiko der Übertragung von Krankheitskeimen. Sie fanden große Unterschiede zwischen Anlagen alten Typs und moderneren Einrichtungen, die z. B. über sensorgesteuerte Wasserspülungen verfügten.

Anschließend befragten sie 123 Versuchspersonen, wie diese sich in einer der beiden Toilettenanlagen fühlen würden. Insbesondere interessierte sie die Neigung der Versuchspersonen, sich die Hände zu waschen. Die Versuchspersonen, die sich vorstellen sollten, eine Toilettenanlage mit einer Wasserspülung, die von Hand zu betätigen war, zu nutzen, gaben häufiger an, dass sie das Bedürfnis verspüren würden, sich die Hände zu waschen. Wieder gaben Frauen häufiger als Männer (die sich vorstellten, ein Urinal zu benutzten) an, dass sie sich die Hände waschen würden. Männer, die sich vorstellen sollten, sich in die Kabine zu setzen, gaben häufiger als Männer, die sich vorstellten, ein Urinal zu benutzen, (aber seltener als Frauen) an, dass sie sich die Hände waschen würden. Dies galt für beide Arten von Toilettenanlagen gleichermaßen.

Literatur

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