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Überschätzung der Schlaflosigkeit behandeln

Schlafender HundViele Menschen, die an Schlafstörungen leiden, überschätzen das Ausmaß ihrer Schlaflosigkeit. Wenn man ihnen Feedback gibt und korrekte Einschätzungen mit Geld belohnt, lernen sie, objektiver zu schätzen. Die verbesserte subjektive Wahrnehmung des Problems ist ein wichtiger Ansatz zu seiner Lösung.

Menschen, die schlecht schlafen, überschätzen regelmäßig die Zeit, die sie wach liegen. Das hat auch damit zu tun, dass Selbstberichte im Allgemeinen wenig akkurat sind. Wenn man z. B. am Abend einschätzen soll, was man tagsüber gegessen hat, vergisst man oft etliche Nahrungsmittel, ebenso, wenn man die Menge der am Tag getrunkenen Wassers einschätzen soll. Noch schwieriger wird es, wenn man eindeutig „private“ Vorgänge (verdecktes Verhalten) berichten soll, z. B. wie oft am Tag man an ein bestimmtes Thema gedacht hat. Solche Angaben sind oft im Rahmen einer Psychotherapie bei Depressionen hilfreich. Hier soll der Patient z. B. angeben, wie oft am Tag er über unangenehme Themen nachgedacht hat.

Statt auf Selbstberichte setzen Verhaltensanalytiker daher auf die genauere Methode der Selbstbeobachtung. Beim Selbstbericht soll die Person rückblickend einschätzen, wie oft sie etwas getan hat. Bei der Selbstbeobachtung protokolliert sie ihr Verhalten (z. B. die getrunkene Flüssigkeitsmenge) unmittelbar nachdem es aufgetreten ist (unmittelbar nach dem Trinken). Die funktioniert auch beim „privaten“ oder „verdeckten“ Verhalten, das nur die Person selbst an sich beobachten kann. Zum Beispiel soll der depressive Patient jedes Mal, wenn er einen unangenehmen Gedanken hat, eine Counter (eine Gerät, das ein Zählwerk um eine Ziffer höher stellt, wenn man einen kleinen Hebel drückt, z. B. ein sogenannter Schusszähler) betätigen. Die mittels der Selbstbeobachtung gewonnen Daten sind viel reliabler (zuverlässiger, genauer) als die Daten aus Selbstberichten.

Aber auch die Zuverlässigkeit von Selbstberichten lässt sich im Lauf der Zeit verbessern, wenn die Person regelmäßig Feedback zur Genauigkeit ihrer Selbstberichte bekommt. St. Peter et al. (2012) nutzen diese Methode zur Verbesserung der Genauigkeit von Schätzungen der Schlafdauer. Ihre vier Probanden waren Studenten, die nicht an einer Schlafstörung litten. Sie trugen während der ganzen Nacht einen Aktigraphen, einen Bewegungsmesser, am Handgelenk. Zu Beginn der Nachtruhe mussten sie den Bewegungsmesser aktivieren. Spätestens 15 Minuten nach dem Aufstehen sollten sie zudem einen Fragebogen ausfüllen, auf dem sie die Dauer der schlaflosen Phasen angeben sollten, sowie einen Reaktionstest absolvieren.

Vier bis elf Nächte lang wurde zunächst die Basisrate erhoben. Die Selbstberichte (die Angaben der Teilnehmer über die Dauer ihrer schlaflosen Phasen) waren im Schnitt zu 49 % korrekt. Dieser Wert wurde so errechnet: Die kleiner Zahl (in der Regel die Zahl der schlaflosen Minuten, wie sie der Bewegungsmesser anzeigte) wurde durch die größere Zahl (in der Regel die Zahl der schlaflosen Minuten nach den Angaben der Teilnehmer) geteilt und mal 100 genommen.

Danach bekamen die Versuchspersonen nach jeder Nacht im Anschluss an ihren Selbstbericht Feedback darüber, wie viele Minuten sie tatsächlich (nach den Angaben des Bewegungsmessers) wach gelegen waren. Je genauer ihre Angaben waren, desto größer war der Geldbetrag, den sie zur Belohnung erhielten. War der Selbstbericht zu 100 % genau, erhielt die Versuchsperson $ 5,00, betrug die Genauigkeit 70 %, bekam die Versuchsperson $ 3,50 usw.

In den folgenden neun bis 16 Nächten verbesserte sich die Genauigkeit der Selbstberichte auf im Schnitt 78 %. Das Feedback und die materielle Verstärkung durch das Geld hatten also zu einer besseren Schätzung der Schlafzeiten geführt.

Zusätzlich wollten die Forscher wissen, ob sich die Schlafqualität unter dem Einfluss der Maßnahme ebenfalls veränderte. Hierzu erhoben sie mittels der Daten des Bewegungsmessers die Schlafeffizienz. Diese betrug 100 %, wenn der Proband vom Einschalten des Bewegungsmessers am Abend bis zum Aufstehen am Morgen durchgehend schlief, entsprechend niedriger, wenn er nur einen bestimmten Prozentanteil der Nacht hindurch schlief. Während der Basisratenerhebung betrug dieser Anteil 88,7 % bis 94,5 %, anschließend, als die Versuchspersonen Feedback und Geld bekamen, betrug die Schlafeffizienz 86,8 % bis 94,3 %. Die Maßnahme hatte also keinen Einfluss auf die Schlafeffizienz.

Durch Feedback und positive Verstärkung kann man also die Genauigkeit der Selbstberichte über die Schlafdauer verbessern. Man mag sich jetzt fragen, was für einen Nutzen das hat. Schließlich kann man die objektive Schlafdauer ja ohnehin recht einfach über Bewegungsmelder (oder noch genauer, aber ungleich aufwändiger, über ein EEG) erfassen. Die Autoren merken an, dass es bei manchen Verhaltensweisen sehr wichtig ist, wie sie die betroffenen Personen subjektiv einschätzen. Wer unter Schlaflosigkeit leidet, überschätzt oft das Ausmaß seiner Schlaflosigkeit. Wenn man den Betroffenen hilft, die Dauer ihrer schlaflosen Phasen richtiger – d. h. vor allem kürzer – einzuschätzen, hat man schon viel zur Lösung des Problems getan.

Literatur

St. Peter, Claire C.; Montgomery-Downs, Hawley E. & Massullo, Joel P. (2012). Improving accuracy of sleep self-reports through correspondence training. The Psychological Record, 62(4), 623-630.

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Schläfst Du schon?

Menschen, die an Schlafstörungen leiden, überschätzen oft das Ausmaß ihrer tatsächlichen Schlaflosigkeit: Sie meinen, wach zu sein, obwohl sie in Wahrheit schlafen. Warum ist das so? Allison Harvey und Nicole Tang (2012) suchten nach einer Erklärung.

Fritzi_schlafend_130318Etwa 6 % aller Erwachsenen leiden an Schlafstörungen. Unter Schlafstörungen versteht man überdauernde Schwierigkeiten einzuschlafen, durchzuschlafen, zu frühes Aufwachen oder dauerhaft nicht-erholsamen Schlaf, obwohl die Möglichkeit zum Schlafen bestand. Faktoren, die zu Schlafstörungen beitragen, sind:

  • zu viel Zeit im Bett verbringen, um zu versuchen zu schlafen.
  • unregelmäßige Schlaf-Wach-Rhythmen.
  • Lebensstilfaktoren wie Koffein- und Alkoholkonsum.
  • unrealistische Vorstellungen darüber, wie Schlaf sein muss
  • Sorgen und Grübelei
  • selektive Aufmerksamkeit gegenüber Bedrohungen
  • Auffälligkeiten im EEG
  • Störungen des Hormonhaushalts
  • Störungen im Hirnstoffwechsel
  • anormale Gehirnaktivität

Als erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen.

Hinzu kommt aber auch, dass viele Patienten das Ausmaß ihrer Schlafstörungen überschätzen. Bei einer gleichzeitigen EEG-Kontrolle zeigt sich etwa, dass der Zeitraum, den die Person im Schlaf verbrachte, oft deutlich größer ist, als von ihr selbst geschätzt. Viele Patienten überschätzen zudem die Zeitdauer, bis sie eingeschlafen sind. In bestimmten Schlafphasen meinen einige Patienten, sie seien wach gewesen, obwohl sie in Wirklichkeit geschlafen haben. Nur sehr wenige Patienten meinen umgekehrt, sie haben geschlafen, wenn sie tatsächlich wach gewesen sind. Zu dieser Fehlinterpretation scheinen auch die Umstände des Schlafes beizutragen. Wer häufig auf die Uhr sieht, neigt eher dazu, seine Schlafdauer zu unterschätzen. Menschen die an Schlafstörungen leiden, scheinen erst mit Eintritt des Tiefschlafs davon überzeugt zu sein, dass sie schlafen; „gesunde“ Menschen empfinden gerade beim Einschlafen schon die ersten Schlafstadien als Schlaf. Eine weitere Erklärung besteht darin, dass Menschen mit Schlafstörungen dazu neigen könnten, ihr Problem zu übertreiben. Allerdings sind die Patienten wohl tatsächlich überzeugt, nicht genug Schlaf zu bekommen, ein bewusstes Übertreiben scheidet wohl aus. Menschen mit Schlafstörungen können Zeitverläufe genauso gut einschätzen wie andere; auch diese Erklärung scheidet aus. Sich Sorgen zu machen, scheint tatsächlich das subjektive Zeitempfinden zu verändern. Wer grübelt, meint, dass mehr Zeit vergangen ist als jemand, der in derselben Zeitspanne keine grüblerischen Gedanken hatte. Dies trifft ebenso auf Menschen zu, die sehr auf ihren körperlichen Zustand achten oder auf Merkmale der Umgebung (wie etwa die Uhr). Eine Bestätigungstendenz scheint auch für die Überzeugung, dass man zu wenig schlafe zu wirken. Bei der Erinnerung an die letzte Nacht spielt der gegenwärtige emotionale Zustand eine Rolle. Wenn ich meine, dass ich kaum Schlaf gefunden habe, erinnere ich mich vornehmlich an die Wachphasen. Auch der Rückschaufehler macht sich bemerkbar. Die Erinnerung an die letzte Nacht wird von der schlimmsten Nacht (mit dem wenigsten Schlaf) verzerrt. Eine erhöhte physiologische Aktivierung ist häufig bei Schlafstörungen. Bei erhöhter Aktivierung scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Auch normale Schläfer erwachen mehrmals in der Nacht für kurze Zeit, ohne sich daran zu erinnern. Menschen mit Schlafstörungen scheinen sich eher an diese kurzen Wachphasen zu erinnern.

Menschen mit Schlafstörungen reagieren unterschiedlich auf Placebos und echte Schlafmittel. Wenn sie ein Placebo nahmen, berichteten nur 30 % der Patienten mit Schlafstörungen, sie hätten geschlafen, wenn man sie nachts aus dem Schlaf weckte. Wenn sie ein Schlafmittel nahmen, lag dieser Prozentsatz bei bis zu 97 %. Der Unterschied zwischen Placebo und Verum war bei den Menschen ohne Schlafstörungen deutlich geringer. Harvey und Tang (2012) meinen, dass Schlafmittel womöglich nicht so sehr den Schlaf, sondern vielmehr die Wahrnehmung, ob man schlafe oder nicht, beeinflussen.

Literatur

Harvey, Allison G. & Tang, Nicole K. Y. (2012). (Mis)perception of sleep in insomnia: A puzzle and a resolution. Psychological Bulletin, 138(1), 77-101.

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