Monatsarchiv: Januar 2015

Halte die Küche sauber und ordentlich!

Hinweise und Zeichen, sogenannte Prompts, sollen ein Verhalten auslösen, sie wirken aber selten lange anhaltend. Rubio und Sigurdsson (2014) testen die Wirkung verschiedener Hinweisschilder auf die Ordnung in der Teeküche der Angestellten einer Klinik. Die 23 Mitarbeiter hatten in der Teeküche eine Spüle, in der sie benutztes Geschirr säubern konnten. Eigentlich sollte jeder Beschäftigte sein Geschirr selbst spülen, abtrocknen und dann in den Schrank räumen. Oft aber stellten die Mitarbeiter ihr dreckiges Geschirr nur in die Spüle, oft spülten sie es nur und ließen es neben der Spüle stehen, manchmal war dabei dreckiges und gespültes Geschirr gemischt (was besonders ärgerlich ist).

Die Forscher beobachteten zunächst über neun Tage hinweg (zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten), wie viele Geschirrteile falsch einsortiert waren (also nicht sauber im Schrank standen). Dies waren im Schnitt 18 Teile. Anschließend befestigten sie ein Schild (ein „witziges“ Schild) direkt an der Wand bei der Spüle in Augenhöhe (sodass es von jedem, der sein Geschirr dort abstellte, gesehen werden musste). Auf dem Schild stand „Würde deine Mutter es gut finden, wenn du so eine Unordnung hinterlässt? Bitte denk daran, dein Geschirr wegzuräumen!“. Zusätzlich war auf dem Bild eine Frau abgebildet, die mit dem Finger auf den Betrachter zeigte. In den folgenden vier Tagen sank die Zahl der falsch einsortierten Geschirrteile auf durchschnittlich 1,8. Danach wurde das Schild vier Tage lang entfernt, im Schnitt standen wieder 17 Geschirrteile falsch. Das „witzige“ Schild wurde wieder für sechs Tage angebracht, die Zahl der fehlsortierten Teile sank wieder auf 3,2. Erneut wurde das Schild entfernt, sieben Tage lang standen im Schnitt 20,7 Teile an der Spüle statt im Schrank. Nun brachten die Forscher für fünf Tage ein „neutrales“ Schild an. Auf dem Schild stand schlicht „Bitte denke daran, dein Geschirr zu waschen und in den Schrank zu stellen. Danke!“. Nun standen im Schnitt 4,4 Teile falsch. Das Entfernen des Schildes für sechs Tage führte zu einem Anstieg der falsch stehenden Geschirrteile auf 15,2. Das neutrale Schild wurde wieder angebracht. In den folgenden 15 Tagen zählte man im Schnitt 5,5 Teile, die an oder in der Spüle statt im Schrank standen. Das neutrale Schild blieb nun hängen. Vier Monate später zählten die Forscher für drei Tage das Geschirr an der Spüle. Im Schnitt waren 3,6 Teile falsch einsortiert.

Rubio und Sigurdsson (2014) fragten anschließend die Mitarbeiter, wie sie die Schilder fanden. Die Mitarbeiter fanden die Schilder an sich in Ordnung, bevorzugten aber das neutrale Schild. Das „witzige“ Schild wurde als „bevormundend“ und „herablassend“ empfunden. Sie äußerten dabei auch, dass keines der Schilder ihnen dabei geholfen habe, ordentlicher zu sein (die Zahlen aus den Beobachtungen sprechen eine andere Sprache!).

Bemerkenswert ist die anscheinend lang anhaltende Wirkung des zuletzt aufgehängten neutralen Schildes. Solche Prompts verlieren normalerweise mit der Zeit an Wirkung, wenn sie nicht mit einer Konsequenz verbunden sind. Verbotsschilder im Straßenverkehr, die nicht mit gelegentlichen Kontrollen der Polizei verbunden sind, werden über kurz oder lang nicht beachtet. Rubio und Sigurdsson (2014) vermuten, dass negative Verstärkung am Werk war: Die Mitarbeiter räumten schließlich das Geschirr auf, weil sie aufgrund der Schilder vermuteten, dass ihnen jemand negatives Feedback geben würde, wenn sie es nicht täten. Ich vermute eher, dass die durch das Prompt angestoßene Verhaltensänderung zu einer natürlichen Verstärkung führte, die das Verhalten langfristig aufrechterhielt. Der Anblick einer aufgeräumten Küche kann m. E. tatsächlich die Qualität eines Verstärkers annehmen. Schließlich profitierten alle Mitarbeiter davon, dass das Geschirr aufgeräumt und sauber im Schrank stand. Das Verhalten des Spülens und Aufräumens wurde so, nachdem es einmal von fast allen Mitarbeitern fast immer gezeigt wurde, aufgrund seiner natürlichen Konsequenzen aufrechterhalten.

Literatur

Rubio, Emily K. & Sigurdsson, Sigurdur O. (2014). Sustained effects of a visual prompt on dish storage in a hospital unit. Journal of Applied Behavior Analysis, 47(4), 845-849. doi: 10.1002/jaba.161

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Eingeordnet unter leichte Kost, Verhaltensanalyse

Den Ekel schaut man sich bei den Eltern ab

Ekel ist eine ganz grundlegende Emotion. Dennoch müssen wir erst von unseren Eltern lernen, wovor wir uns ekeln sollen.

Der Ekel vor bestimmten Objekten ist anscheinend nicht angeboren, sondern muss in den ersten Lebensjahren gelernt werden. Es gibt keinen Hinweis auf angeborene Unterschiede in der Reaktion auf Ekelobjekte (Rozin & Fallon, 1987). Die ersten Ekelreaktionen treten im Alter von zwei Jahren auf. Zunächst (Rozin et al., 2000), im Alter von zwei bis drei Jahren, wird der Ekel vor Körperausscheidungen und verwesendem organischen Material erworben. Diese Ekelauslöser können Krankheitskeime übertragen. Später wird auch Ekel vor dem Tod, schlechter Hygiene, unangemessenem Sexualverhalten und Störungen des Körperbildes bei anderen Personen (Missbildungen, extremes Übergewicht) gezeigt. Im weiteren Entwicklungsverlauf kommt es auch zu Ekel im zwischenmenschlichen Bereich, z. B. Ekel vor dem direkten Kontakt mit Fremden. Zuletzt erwirbt man den moralischen Ekel, z. B. vor Kinderschändern und Mord. Die zuletzt erworbenen Ekelkategorien setzen ein zunehmend höheres Maß an Abstraktion voraus (und sind auch von Kultur zu Kultur unterschiedlich – z. B. ist der Ekel vor Männer, die sich innig küssen, in verschiedenen Kulturen verschieden stark verbreitet).

Ekel wird wohl auch durch das Beobachten der Reaktion der Eltern auf bestimmte Reize erworben. So konnte gezeigt werden, dass die Gehirnregionen, die beteiligt sind, wenn man sich selbst ekelt, fast identisch sind mit denen, die dann beteiligt sind, wenn man jemanden beobachtet, der sich ekelt (Wicker et al., 2003). Das Beobachten des Gesichtsausdrucks einer Person, die sich ekelt, führt beim Beobachter dazu, dass er sich selbst ekelt. Neben dem Gesichtsausdruck spielen auch verbale („Widerlich!“) und lautliche Äußerungen („Iiih!“) sowie Gesten eine Rolle.

Oaten et al. (2014) nutzten Videoaufzeichnungen einer früheren Studie (Stevenson et al., 2010), in denen Eltern und ihre Kinder auf verschiedene Ekel-Auslöser reagierten. An der Studie nahmen 96 Eltern-Kind-Paare teil. Die Kinder wurden drei Altersgruppen zugeordnet, die im Schnitt, 2,5 Jahre, 4,5 Jahre, 6,8 Jahre, 10,1 Jahre und 14,3 Jahre alt waren. Die Kinder sollten bei den Ekelauslösern angeben, wie sehr sie sich davor ekelten (die kleineren Kinder wurden befragt, die älteren füllten einen Fragebogen aus). Zunächst wurden die Kinder mit den Objekten allein konfrontiert. Die Kinder wurden gebeten, Kontakt zu den Objekten aufzunehmen. Dabei wurde registriert, wie viel Kontakt die Kinder zum Objekt hatten und welche verbalen und nonverbalen Ekelsignale sie zeigten. Bei den Objekten handelte es sich um:

  • Eiscreme mit Tomatensoße gemischt
  • Eine getragene Socke
  • Zwei Geruchsproben, eine mit dem Geruch von Kot und eine mit dem Geruch von fermentierter Shrimps-Paste (die nach Urin riecht)
  • Maden
  • Ein Glasauge

Daneben wurden auch mögliche „moralische“ Ekelauslöser präsentiert, z. B.

  • Eine Geschichte von jemandem, der einen behinderten Mann bestiehlt.
  • Ein Bild von einem jungen Mann, der eine alte Frau heiratet.
  • Das Bild eines mit Unrat verschmutzten Parks.
  • Ein Bild von einem Ku-Klux-Klan-Treffen.

In der nächsten Phase des Experiments sollten die Eltern (Mutter oder Vater) die Objekte kontaktieren und beurteilen. Dabei wurden sie von ihren Kindern beobachtet. Zuletzt wurden die Kinder wieder in Gegenwart ihrer Eltern mit den Objekten konfrontiert. Dabei wurde beobachtet, ob und wie die Eltern darauf reagierten und ob sie z. B. die Kinder aufforderten, sich die Hände zu waschen.

Oaten et al. (2014) fanden einen signifikanten Zusammenhang zwischen den Ekelreaktionen der Kinder und den (später beobachteten) Ekelreaktionen der Eltern. Bei den kleineren Kindern waren es vor allem die lautlichen und mimischen Ekeläußerungen, die hoch korrelierten. Dies bestätigt die Vermutung, dass es das Verhalten der Eltern ist, durch das die Kinder die Ekelreaktionen erlernen.

Je älter die Kinder waren, desto häufiger lachten die Eltern in ihrer Gegenwart, wenn sie mit den Ekelreizen konfrontiert wurden. Auch die Kinder lachten bei der Konfrontation mit dem Ekelreiz mit zunehmendem Alter häufiger. Das Lachen aufgrund von Ekelreizen soll darauf zurückzuführen sein, dass der Ekelreiz zwar eine negative Emotion auslöst, dies jedoch in einer sicheren Umgebung geschieht (Rozin, 1990; McCauley, 1998).

Insgesamt konnten durch die Ekeläußerungen der Eltern sowohl der geäußerte Ekel der Kinder als auch deren Angaben in der Befragung (wie sehr sie sich ekelten, d. h. den „gefühlte Ekel“) vorhergesagt werden. Dabei war der Zusammenhang beim gezeigten Ekel stärker als beim gefühlten Ekel. Das legt nahe, dass zuerst der gezeigte Ekel übernommen wird, erst danach entwickelt sich der gefühlte Ekel.

Je mehr Ekelreaktionen die Kinder zeigten, wenn sie alleine konfrontiert wurden, desto häufiger gaben ihre Eltern (in der letzten Phase des Experiments, wenn sie zugegen waren) Hygiene-Instruktionen („Wasch dir bitte danach die Hände). Dies spricht dafür, dass die Hygiene-Instruktionen der Eltern sich auf die Ausprägung des Ekels der Kinder auswirken. Eltern gaben bei den jüngsten Kindern die meisten Instruktionen, bei den etwas älteren fast keine und wieder mehr Instruktionen bei den Teenagern.

Literatur

McCauley, C. (1998). When screen violence is not attractive. In J. Goldstein (Ed.), Why we watch: The attractions of violent entertainment (pp. 144-162). New York: Oxford University Press.

Oaten, Megan; Stevenson, Richard J.; Wagland, Paul; Case, Trevor I. & Repacholi, Betty M. (2014). Parent-Child transmission of disgust and hand hygiene. The role of vocalizations, gestures and other parental responses. The Psychological Record, 64(4), 803-811. DOI 10.1007/s40732-014-0044-9

Rozin, Paul. (1990). Getting to like the burn of chili pepper: Biological, psychological and cultural perspectives. In B. G. Green, J. R. Mason, & M. R. Kare (Eds.), Chemical senses, Volume 2: Irritation (Vol. 2, pp. 231-269). New York: Marcel Dekker.

Rozin, Paul & Fallon, April E. (1987). A perspective on disgust. Psychological Review, 94(1), 23-41. http://dx.doi.org/10.1037/0033-295X.94.1.23

Rozin, Paul; Haidt, J. & McCauley, C. (2000). Disgust. In M. Lewis & J. M. Haviland-Jones (Eds.), Handbook of emotion (pp. 637-653). New York: Guilford Press.

Stevenson, Richard J.; Oaten, Megan; Case, Trevor I.; Repacholi, Betty M. & Wagland, Paul (2010). Children’s response to adult disgust elicitors: age-related changes and their correlates. Developmental Psychology, 46(1), 165-177. http://dx.doi.org/10.1037/a0016692

Wicker, Bruno; Keysers, Christian; Plailly, Jane; Royet, Jean-Pierre; Gallese, Vittorio & Rizzolatti, Giacomo. (2003). Both of us are disgusted in my insula: the common neural basis of seeing and feeling disgust. Neuron, 40(3), 655-664. http://dx.doi.org/10.1016/S0896-6273(03)00679-2

 

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Eingeordnet unter Entwicklung, Imitation, Psychologie, Verhaltensanalyse

Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im John-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im John-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die schließlich zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Sie trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz. Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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