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Kann man seine Persönlichkeit verändern?

Kurze Antwort: Es kommt darauf an, was man unter „Persönlichkeit“ versteht und es kommt darauf an, wie man vorgeht.

Die meisten Menschen wollen irgendwie anders sein, als sie sind. In den USA wollen (Hudson & Roberts, 2014) 87 % der Menschen extravertierter sein und 97 % gewissenhafter sein als sie gegenwärtig sind. Diese Menschen geben jährlich Milliardenbeträge für Bücher, Videos und Seminare aus, die versprechen, ihnen dabei zu helfen, anders zu werden.

Aber kann man seine Persönlichkeit überhaupt verändern? Einige Forscher (McCrae & Costa, 2008) meinen, dass Persönlichkeitseigenschaften biologisch bedingt und mehr oder weniger unveränderlich sind. Dennoch verändern sich Persönlichkeiten aufgrund von Lebenserfahrungen. Mit dem Alter werden Menschen für gewöhnlich reifer. Wir werden verträglicher, gewissenhafter und emotional stabiler. Wenn wir z. B. nach dem Studium eine Arbeit aufnehmen, werden wir gewissenhafter. Wenn wir eine glückliche Beziehung beginnen, werden wir emotional stabiler. Der Grund für diese Veränderung liegt in den geänderten Kontingenzen, denen wir nun unterliegen. Wer seinen Job behalten will, muss gewissenhaft sein: Gewissenhaftes Verhalten wird bei Menschen, die arbeiten, ganz anders verstärkt, als bei Menschen, die keinen Job haben. Um eine Beziehung, an der einem etwas liegt, aufrecht zu erhalten, muss man verlässlich und emotional stabil sein. Die sozialen Rollen, die wir einnehmen, beeinflussen, wie wir uns selbst – z. B. in einem Persönlichkeitsfragebogen – beschreiben.

Was tun Menschen, wenn sie ihre Persönlichkeit verändern wollen? Quinlan et al. (2006) fanden z. B., dass Studenten, die befürchteten, langweilig zu sein, häufiger übermäßig Alkohol konsumierten. Welche Strategien sind nun aber wirklich erfolgreich, wenn man seine Persönlichkeit verändern möchte?

Hudson und Fraley (2015; siehe auch 2017) testeten experimentell, ob es ihren 135 Versuchspersonen über vier Monate hinweg gelang, ihre Persönlichkeit zu verändern. Eine Gruppe (die Kontrollgruppe) sollte einfach nur angeben, wie sie sich verändern wollte. Eine andere Gruppe (der Experimentalgruppe) von Versuchspersonen sollte sich einen Veränderungsplan machen. Diese Intervention erwies sich jedoch als wenig hilfreich. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe konnten sich kaum besser verändern als die Versuchspersonen der Kontrollgruppe. Die Autoren machten als Ursache für das Scheitern der Veränderungsbemühungen aus, dass die Versuchspersonen sich selbst zumeist nur vage Veränderungsziele setzten (wie etwa „Ich möchte positiver denken“). Daher änderten sie in einem zweiten Versuch mit 151 neuen Versuchspersonen den Interventionsplan ab. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe wurden nun angehalten, sich verhaltensbezogene Ziele zu setzen, deren Einhaltung sie täglich kontrollieren konnten (z. B. „Ich möchte jeden Tag mindestens dreimal jemand Fremden ansprechen“). Je konkreter und objektiver die Ziele waren, desto besser gelang den Versuchspersonen die Persönlichkeitsveränderung.

Verhaltensanalytiker verstehen unter „Persönlichkeit“ überdauernde Verhaltensmuster. Die Persönlichkeit ist wie ein Pfad, der durch das ständige Benutzen entsteht. Wenn ich mich überdauernd extravertierter benehme, werde ich auch extravertierter. Man kann also seine Persönlichkeit (in gewissen Grenzen) willentlich verändern, aber nur, wenn man sich spezifische und verhaltensbezogene Ziele setzt. Letztlich bewirkte die Instruktion in der Untersuchung von Hudson und Fraley (2015), dass die Versuchspersonen sowohl ihr offenes, nicht-sprachliches Verhalten als auch ihr sprachliches Verhalten (in der Selbstbeschreibung im Persönlichkeitsfragebogen) veränderten. Nach allem, was wir wissen, entspricht diese Summe an Veränderungen im sprachlichen und im nicht-sprachlichen Verhalten, wenn sie mittelfristig stabil ist, einer Persönlichkeitsänderung.

Literatur

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2015). Volitional personality trait change: Can people choose to change their personality traits? Journal of Personality and Social Psychology, 109(3), 490-507. https://doi.org/10.1037/pspp0000021

Hudson, N. W., & Fraley, R. C. (2017). Volitional personality change. In J. Specht (Ed.), Personality Development Across the Lifespan (pp. 555-571). Academic Press. https://doi.org/10.1016/b978-0-12-804674-6.00033-8

Hudson, N. W. & Roberts, B. W. (2014). Goals to change personality traits: Concurrent links between personality traits, daily behavior, and goals to change oneself. Journal of Research in Personality, 53, 68-83. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2014.08.008

McCrae, R. R. & Costa, P. T. (2008). The five-factor theory of personality. In O. P. John, R. W. Robins & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of Personality: Theory and Research (3rd ed., pp. 150-181). New York: Guilford Press.

Quinlan, S. L.; Jaccard, J. & Blanton, H. (2006). A decision theoretic and prototype conceptualization of possible selves: Implications for the prediction of risk behavior. Journal of Personality, 74, 599-630. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.2006.00386.x

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Freud als Pseudowissenschaftler

Ich empfehle die Lektüre der Werke Freuds allen meine Leserinnen und Lesern sehr (ebenso meinen Studentinnen und Studenten). Sigmund Freud ist ein begnadeter Erzähler, dessen Werke über weite Strecken sehr unterhaltsam zu lesen sind (er schreibt auch ein sehr gutes Deutsch), sie sind voller überraschender Beispiele und Anekdoten. Auch seine Erklärungen sind – als Gedankenspiele – sehr anregend. Wahrscheinlich hat Freud seine Popularität unter anderem auch diesem Umstand zu verdanken. Besonders empfehlen kann ich persönlich die „Traumdeutung“, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ und „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“.

Noch unterhaltsamer wird die Freud-Lektüre, wenn man beim Lesen darauf achtet, welche Kniffe Freud anwendet, um seine Leser für sich einzunehmen. Anthony Derksen (2001) hat die Strategien, die Freud nutzte, um zu überzeugen, zusammengefasst. Er nennt sie die „sieben Strategien des fortgeschrittenen Pseudowissenschaftlers“.

Derksen (2001) erklärt, warum Freud auch bei ansonsten sehr kritischen und wissenschaftlich denkenden Geistern kaum als Pseudowissenschaftler auffällt. Freud ist, so Derksen, ein sehr geschickter Pseudowissenschaftler. Er benutzt alle sieben Strategien des Pseudowissenschaftlers auf raffinierte Art und Weise und wirft so eine der großartigsten Nebelbomben der Geistesgeschichte.

Von diesen sieben Strategien sind nicht alle für sich allein verwerflich, einige gleichen sogar sehr lobenswerten Grundsätzen. In der Art, wie Freud sie jedoch zusammen mit den anderen Strategien anwendet, dienen sie perfekt der Verschleierung der Tatsache, dass die Psychoanalyse eine Pseudowissenschaft ist.

Die sieben Strategien sind die folgenden

  1. Die Strategie des ehrlichen Empiristen.
    Freud betont immer wieder, dass man sich auf die unvoreingenommene Beobachtung stützen müsse. Er macht den Empirismus – im Gegensatz zum Vorgehen der Philosophen – sogar nachgerade zu seiner höchsteigenen Sache. Nur wird er dieser Forderung in seinem Vorgehen nie selbst gerecht.
  2. Die Strategie der rücksichtslosen Selbstkritik
    Freud führt in seinen Schriften oft einen scharfen Kritiker seiner selbst ein, der alles, was Freud vertritt, für fragwürdig erklärt. Jedoch verlaufen sich diese Ansätze immer in einer rhetorischen falschen Fährte. Die ursprüngliche Kritik wird am Ende nie beantwortet, sondern nur als beantwortet hingestellt. Skeptiker kennen diese Strategie von anderen Pseudowissenschaftlern: „Also ich bin ja total skeptisch, aber…“
  3. Die Strategie, unvoreingenommen zu sein
    Freud betont immer wieder, seine Prämissen im Lichte widersprechender Befunde jederzeit aufgeben zu wollen. Jedoch tut er das nie. Entweder er gibt nur Prämissen auf, die gar nicht seine eigenen waren oder er verwendet die oben beschriebene Strategie der rücksichtslosen Selbstkritik. Trotzdem erzeugt er beim Leser den Eindruck, quasi von den Tatsachen zur Annahme bestimmter Punkte seiner Theorie gezwungen worden zu sein.
  4. Die Strategie des schlagenden, aber irrelevanten Beispiels
    Freud ist ein Meister im Anführen schöner – aber für die jeweils zu belegende Behauptung irrelevanter – Beispiele. Man nehme Freuds Fehlleistung, immer „Klosetthaus“ statt „Korsetthaus“ zu lesen, als er dringend auf die Toilette musste: Für seine Theorie von den Impulskonflikten als Ursache der Fehlleistungen ist das Beispiel völlig bedeutungslos.
  5. Die Strategie des Beleges an anderer Stelle
    Freud verweist mit Vorliebe auf Belege an anderer Stelle (bei sich selbst oder bei anderen). Er kleidet dies geschickt in didaktische Vorwände und ermuntert den Leser geradezu, seinen Behauptungen nicht zu trauen und zu prüfen. Nur finden sich an den von Freud angegebenen Stellen entweder überhaupt keine relevanten Belege oder aber nur die nach den oben erwähnten Mustern gestrickten rhetorischen Kniffe.
  6. Die Strategie des günstigen Kompromisses
    Freud räumt in seinen Schriften oft dem bereits erwähnten imaginären Kritiker einen scheinbar für diesen günstigen Kompromiss ein. Im Endeffekt erweist sich dieser Kompromiss jedoch immer als eine glatte Bestätigung von Freuds eigentlicher Position. So gelingt es Freud, den Anschein zu erwecken, auf seine Kritiker wirklich ernsthaft einzugehen.
  7. Die Strategie, methodischen Scharfsinn zu zeigen
    Es gibt zahlreiche Zitate von Freud, die ein skeptisch-wissenschaftlicher Psychologe jederzeit unterschreiben könnte, Zitate, die von tiefer Einsicht in die methodischen Probleme der Psychologie zeugen. Nur werden diese methodischen Grundsätze (z. B. bezüglich des Suggestionsvorwurfes) von Freud nie in die Praxis umgesetzt. Im Grunde dient diese Strategie demselben Ziel wie die der rücksichtslosen Selbstkritik.

Derksen (2001) gesteht Freud zu, dass er in der Tat um wissenschaftliche Redlichkeit bemüht gewesen sein mag. Nur hat sich dieser Vorsatz nie in wirklichem Handeln niedergeschlagen. Freud war nicht nur unredlich gegen den Leser, er war es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gegen sich selbst. Als brillanter Rhetoriker blendete er nicht nur andere, sondern vor allem sich selbst.

Literatur

Derksen, A. A. (2001). The seven strategies of the sophisticated pseudo-scientist. Journal for General Philosophy of Science, 32(2), 329-350. https://doi.org/10.1023/a:1013100717113

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Das Pollyanna-Prinzip

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale.

Der Begriff Pollyanna-Prinzip geht auf eine Untersuchung von Matlin und Stang aus dem Jahr 1978 zurück. Der Begriff leitet sich ab von einer Figur in einem Buch von Eleanor Porter. Pollyanna wollte immer nur die positiven Seiten von Ereignissen sehen, erinnerte sich immer nur an glückliche Ereignisse und hielt die Welt für einen Platz, der gut ist. Mit dem Pollyanna Prinzip zu tun hat der Umstand, dass es in jeder Sprache der Welt mehr positive Begriffe (Adjektive) gibt als negative, wertende Begriffe.

Das Pollyanna-Prinzip besagt, dass wir üblicherweise angenehme Dinge und Ereignisse effizienter und richtiger verarbeiten als unangenehme oder neutrale. Zudem tendieren wir dazu, eine Vielzahl an Personen, Ereignissen, Situationen und Objekten positiv einzuschätzen. Versuchspersonen behaupten sogar von destilliertem Wasser, dass es angenehm schmeckt.

Das Pollyanna-Prinzip ist mit dem Lake-Wobegon-Effekt verwandt. Dieser Begriff geht wiederum auf eine Fernsehserie zurück, die in dem gleichnamigen, fiktiven Ort spielte. Dort waren alle Männer gutaussehend, alle Frauen stark und alle Kinder über dem Durchschnitt (tatsächlich in dieser Kombination). Der Lake-Wobegon-Effekt besagt, dass die meisten Menschen sich als überdurchschnittlich einschätzen. Logischerweise kann das nicht sein, da per Definition nur 50 % der Bevölkerung überdurchschnittlich sein können. Zum Beispiel glauben 89 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittlich geschickt darin sind, mit anderen auszukommen. Andererseits schätzen nur 38 % aller Studenten, dass sie überdurchschnittliche technische Fähigkeiten haben. Da es sich bei den Versuchspersonen vermutlich um Psychologiestudenten handelte, überrascht es nicht, dass sie technische Fähigkeiten als nicht so erstrebenswert ansehen, sodass sie sich dort auch nicht überschätzen wollen. Man kann diesen Versuch auch gut in einer Vorlesung demonstrieren. Man frage die Studentinnen zum Beispiel nach ihrer Selbsteinschätzung bezüglich mehrerer erwünschter Eigenschaften. Die Studentinnen sollen sich mit der durchschnittlichen Studentin in dieser Vorlesung vergleichen. Man wird finden, dass die Mehrzahl der Studentinnen sich bezüglich der erwünschten Eigenschaften als überdurchschnittlich einschätzt.

Eine Auswirkung des Pollyanna-Prinzips ist der Umstand, dass Menschen sich lieber mit angenehmen Dingen umgeben. Dabei ergibt sich eine Querverbindung zum Bekanntheitseffekt. Menschen erkennen angenehme oder neutrale Reize schneller als unangenehme oder furchteinflößende. Angenehme Reize werden als größer eingeschätzt als unangenehme. Gute Nachrichten werden besser verbreitet als unangenehme. Angenehme Wörter kommen in der englischen Sprache (und sicher auch in der deutschen) häufiger vor. Bei sprachlichen Gegensatzpaaren stellt der angenehme Teil meistens die Grundform dar (vergleiche „angenehm“ und „unangenehm“).

Auch bei der Erinnerung wirkt sich das Pollyanna-Prinzip aus. Wir erinnern uns leichter an angenehme Ereignisse und vergessen tendenziell die unangenehmen. Wir erinnern uns auch leichter an Lob als an Kritik. Dies gilt vor allem für Menschen, die nicht depressiv sind und deren Selbstwertgefühl normal entwickelt ist. Menschen die unglücklich sind oder ein schwaches Selbstwertgefühl haben, verletzen das Pollyanna-Prinzip. Das Pollyanna-Prinzip wird bei der Erinnerung oft vom Einfluss der Intensität überlagert. Unangenehme, intensive Erlebnisse werden natürlich eher erinnert als angenehme, aber weniger intensive Erlebnisse. An positives Feedback erinnern wir uns leichter als ein negatives Feedback. Diesen Umstand macht sich auch der Barnumeffekt zu Nutze. Mit der Zeit werden unsere Erinnerungen in der Tat positiver. Dies hat zweifelsohne damit zu tun, dass wir uns mit angenehmen Erinnerungen häufiger beschäftigen als mit unangenehmen. Wir erinnern uns leichter an Ereignisse, an die wir uns häufig erinnern. Ganz allgemein erinnern sich Menschen aber leichter an Ereignisse, die ihrer gegenwärtigen Stimmung entsprechen. In einer schlechten Stimmung erinnern wir uns leichter an unangenehme Ereignisse, in einer positiven Stimmung erinnern wir uns leichter an angenehme Ereignisse.

Das Pollyanna-Prinzip tritt nicht in Erscheinung, wenn Menschen ihre Fähigkeit einschätzen sollen, eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, insbesondere dann, wenn sie diese schwierige Aufgabe anschließend tatsächlich ausführen sollen. Das Risiko, später, bei der Ausführung der Aufgabe, bloßgestellt zu werden, dämpft anscheinend den Effekt des Pollyanna-Prinzips.

Literatur

Matlin, Margaret W. (2004). Pollyana Principle. In R. F. Pohl (Ed.), Cognitive Illusions. A Handbook on Fallacies and Biases in Thinking, Judgement and Memory (pp. 255-271). Hove and New York: Psychology Press.

Matlin, M. W. & Stang, D. J. (1978). The Pollyanna principle. Cambridge, MA: Schenkman.

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Wenn das Solarium verboten wird, werden Bräunungscremes attraktiver

Fast 44 % aller (weißen, nicht lateinamerikanischen) Oberschülerinnen in den USA gehen mindestens einmal im Jahr auf die Sonnenbank. Einige Forscher (Kourosh et al., 2010; Reed, 2015) vertreten die Auffassung, dass der Wunsch nach Sonnenbräune eine Verhaltensabhängigkeit, also eine Sucht wie die Spielsucht, sei (vgl. auch hier). Untersagt man Minderjährigen die Benutzung von Sonnenbänken, besteht das Risiko, dass diese sich verstärkt natürlicher US-Strahlung (von der Sonne) aussetzen. Wünschenswert wäre dagegen, wenn die Jugendlichen schon braun sein wollen, dass sie auf Bräunungscremes zurückgreifen. Welche Folgen ein Verbot von Solarien für Jugendliche hat, ist noch wenig untersucht.

Reed et al. (2014) machten sich den Umstand, dass die Länder Schottland, Wales und England zu verschiedenen Zeitpunkten annähernd gleichlautende Gesetze verabschiedeten, in denen die Benutzung von Solarien durch Minderjährige untersagt wurde, für ein natürliches Experiment. Sie ließen durch „Google Trends“ auswerten, wie häufig im Internet in den einzelnen Ländern nach „Selbstbräuner“ und ähnlichen Begriffen gesucht wurde. Dabei verglichen sie die Jahre vor Verabschiedung dieser Gesetze mit den Jahren nach Inkrafttreten der Gesetze. „Google Trends“ lieferte für jedes Jahr einen Index, der angibt, wie relativ häufig der Begriff gesucht wurde. Dieser Index kann zwischen 0 (kaum Suchanfragen) und 100 (maximal häufige Suchanfragen) liegen. In Schottland lag dieser Index für die Jahre 2004 bis 2008 (Verabschiedung des Gesetzes) bei 0. In den folgenden Jahren stieg der Index auf durchschnittlich etwa 40. In Wales lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 (Verabschiedung des Gesetzes) ebenfalls bei 0, anschließend stieg er auf rund 30. In England wurde das entsprechende Gesetz ebenfalls im Jahr 2010 verabschiedet. Hier lag der Index in den Jahren 2004 bis 2010 bei 20 bis 25. In den Jahren ab 2011 lag der Index dann bei rund 50.

Reed et al. (2014) interpretieren diese Entwicklung als das Resultat „informationeller Verstärkung“. Die Informationen über Selbstbräuner wurden durch den Wegfall (oder die Erschwernis) der Möglichkeit, Solarien zu benutzen, für die Jugendlichen zum effektiven Verstärker. Zuvor waren diese Informationen weniger bedeutsam und wurden deshalb auch seltener aufgesucht.

Literatur

Kourosh, Arianne S.; Harrington, Cynthia R. & Adinoff, Bryon. (2010). Tanning as a behavioral addiction. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 36(5), 284-290. doi: 10.3109/00952990.2010.491883

Reed, Derek D. (2015). Ultra-violet indoor tanning addiction. A reinforcer pathologies interpretation. Addictive Behaviors, 41, 247-251. doi: 10.1016/j.addbeh.2014.10.026

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Halte die Küche sauber und ordentlich!

Hinweise und Zeichen, sogenannte Prompts, sollen ein Verhalten auslösen, sie wirken aber selten lange anhaltend. Rubio und Sigurdsson (2014) testen die Wirkung verschiedener Hinweisschilder auf die Ordnung in der Teeküche der Angestellten einer Klinik. Die 23 Mitarbeiter hatten in der Teeküche eine Spüle, in der sie benutztes Geschirr säubern konnten. Eigentlich sollte jeder Beschäftigte sein Geschirr selbst spülen, abtrocknen und dann in den Schrank räumen. Oft aber stellten die Mitarbeiter ihr dreckiges Geschirr nur in die Spüle, oft spülten sie es nur und ließen es neben der Spüle stehen, manchmal war dabei dreckiges und gespültes Geschirr gemischt (was besonders ärgerlich ist).

Die Forscher beobachteten zunächst über neun Tage hinweg (zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten), wie viele Geschirrteile falsch einsortiert waren (also nicht sauber im Schrank standen). Dies waren im Schnitt 18 Teile. Anschließend befestigten sie ein Schild (ein „witziges“ Schild) direkt an der Wand bei der Spüle in Augenhöhe (sodass es von jedem, der sein Geschirr dort abstellte, gesehen werden musste). Auf dem Schild stand „Würde deine Mutter es gut finden, wenn du so eine Unordnung hinterlässt? Bitte denk daran, dein Geschirr wegzuräumen!“. Zusätzlich war auf dem Bild eine Frau abgebildet, die mit dem Finger auf den Betrachter zeigte. In den folgenden vier Tagen sank die Zahl der falsch einsortierten Geschirrteile auf durchschnittlich 1,8. Danach wurde das Schild vier Tage lang entfernt, im Schnitt standen wieder 17 Geschirrteile falsch. Das „witzige“ Schild wurde wieder für sechs Tage angebracht, die Zahl der fehlsortierten Teile sank wieder auf 3,2. Erneut wurde das Schild entfernt, sieben Tage lang standen im Schnitt 20,7 Teile an der Spüle statt im Schrank. Nun brachten die Forscher für fünf Tage ein „neutrales“ Schild an. Auf dem Schild stand schlicht „Bitte denke daran, dein Geschirr zu waschen und in den Schrank zu stellen. Danke!“. Nun standen im Schnitt 4,4 Teile falsch. Das Entfernen des Schildes für sechs Tage führte zu einem Anstieg der falsch stehenden Geschirrteile auf 15,2. Das neutrale Schild wurde wieder angebracht. In den folgenden 15 Tagen zählte man im Schnitt 5,5 Teile, die an oder in der Spüle statt im Schrank standen. Das neutrale Schild blieb nun hängen. Vier Monate später zählten die Forscher für drei Tage das Geschirr an der Spüle. Im Schnitt waren 3,6 Teile falsch einsortiert.

Rubio und Sigurdsson (2014) fragten anschließend die Mitarbeiter, wie sie die Schilder fanden. Die Mitarbeiter fanden die Schilder an sich in Ordnung, bevorzugten aber das neutrale Schild. Das „witzige“ Schild wurde als „bevormundend“ und „herablassend“ empfunden. Sie äußerten dabei auch, dass keines der Schilder ihnen dabei geholfen habe, ordentlicher zu sein (die Zahlen aus den Beobachtungen sprechen eine andere Sprache!).

Bemerkenswert ist die anscheinend lang anhaltende Wirkung des zuletzt aufgehängten neutralen Schildes. Solche Prompts verlieren normalerweise mit der Zeit an Wirkung, wenn sie nicht mit einer Konsequenz verbunden sind. Verbotsschilder im Straßenverkehr, die nicht mit gelegentlichen Kontrollen der Polizei verbunden sind, werden über kurz oder lang nicht beachtet. Rubio und Sigurdsson (2014) vermuten, dass negative Verstärkung am Werk war: Die Mitarbeiter räumten schließlich das Geschirr auf, weil sie aufgrund der Schilder vermuteten, dass ihnen jemand negatives Feedback geben würde, wenn sie es nicht täten. Ich vermute eher, dass die durch das Prompt angestoßene Verhaltensänderung zu einer natürlichen Verstärkung führte, die das Verhalten langfristig aufrechterhielt. Der Anblick einer aufgeräumten Küche kann m. E. tatsächlich die Qualität eines Verstärkers annehmen. Schließlich profitierten alle Mitarbeiter davon, dass das Geschirr aufgeräumt und sauber im Schrank stand. Das Verhalten des Spülens und Aufräumens wurde so, nachdem es einmal von fast allen Mitarbeitern fast immer gezeigt wurde, aufgrund seiner natürlichen Konsequenzen aufrechterhalten.

Literatur

Rubio, Emily K. & Sigurdsson, Sigurdur O. (2014). Sustained effects of a visual prompt on dish storage in a hospital unit. Journal of Applied Behavior Analysis, 47(4), 845-849. doi: 10.1002/jaba.161

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Normalverteilung

„The normal distribution may, with reasonable accuracy, claim that two thirds of the population of men are between 67 and 73 in. tall, but in the same breath it asserts that a finite proportion are less than an inch tall“ (Palmer, 2013, S. 273).

Das heißt: Wenn wir eine Normalverteilung der Körpergröße unterstellen, können wir zwar mit einiger Sicherheit sagen, dass zwei Drittel aller Männer zwischen 1,70 m und 1,85 groß sind, wir behaupten aber zugleich, dass es eine bestimmte Anzahl von Männern gibt, die kleiner als 2,5 cm sind.

Literatur

Palmer, David C. (2013). Some implications of a behavioral analysis of verbal behavior for logic and mathematics. The Behavior Analyst, 36(2), 267-276.

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19/08/2014 · 17:54

Tauben spielen Tischtennis

Immer wieder schön: Was man mit Shaping alles hinkriegt… Zu Ehren von B. F. Skinner, der heute vor 24 Jahren starb.

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18/08/2014 · 21:32

Pünktlichkeit fördern

Wer kennt das nicht: Eine Besprechung wurde für eine bestimmte Uhrzeit angesetzt, man selbst ist pünktlich, aber einige oder alle anderen tröpfeln erst so nach und nach ein. Die Zeit, in der man auf die anderen wartet, hätte man auch sinnvoller verbringen können. Fienup et al. (2013) analysierten und therapierten dieses Problem in einer schulpsychologischen Einrichtung, in der es verschiedene Arten von Besprechungen mit unterschiedlichem Teilnehmerkreis gab. Nachdem die Basisrate erhoben worden war und die Ursachen des Zuspätkommens analysiert, wurden einige Änderungen eingeführt. Der Organisator der Besprechung sollte nun immer 24 Stunden vor dem Termin eine Erinnerungs-E-Mail an alle Teilnehmer schicken. Besprechungen wurden auf nur mehr 50 Minuten begrenzt, wobei nur zu jeder vollen Stunde eine Besprechung beginnen sollte (sodass die Teilnehmer zwischen den Terminen Zeitspielräume hatten). Jeder, der pünktlich zu einer Besprechung erschien, erhielt vom Organisator einen Coupon, auf dem für das pünktliche Erscheinen gedankt wurde. Diese Coupons kamen in ein großes Glas, aus dem jeden Monat zwei Coupons gezogen wurden. Die Gewinner dieser Lotterie bekamen dann einen Gutschein über $ 25.

Während der Basisratenbeobachtung waren die Teilnehmer der Besprechungen im Schnitt (je nach Besprechungstyp) 10 Minuten, 15 Minuten und 13,3 Minuten zu spät. Diese Werte sanken mit den (für die Besprechungstypen gestaffelt eingeführten) Maßnahmen auf 3,1 Minuten, 2 Minuten und 0,5 Minuten. Auch der Anteil der pünktlich erscheinenden (zu Beginn der Besprechung bereits anwesenden) Mitarbeiter stieg dramatisch von 35 %, 38 % und 31 % auf 79 %, 70 % und 89 %. Dabei hatten sich die Organisatoren der Besprechungen gar nicht einmal immer an die vereinbarten Maßnahmen gehalten. Nur in 38 % der Fälle wurde 24 Stunden vor Beginn der Besprechung eine Erinnerungs-E-Mail gesendet und an die 50-Minuten-Regel hielten sich die Organisatoren auch nur in 14 % der Fälle. Die Coupons wurden dagegen immer (in 100 % der berechtigten Fälle) ausgegeben. Obwohl so vereinbart, waren in den Besprechungsräumen keine Uhren aufgehängt worden.

Literatur

Fienup, Daniel M.; Luiselli, James K.; Joy, Megan; Smyth, Deborah & Stein, Ravit. (2013). Functional assessment and intervention for organizational behavior change: Improving the timeliness of staff meetings at a human services organization. Journal of Organizational Behavior Management, 33(4), 252-264.

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Wieder mal ein Effekt

In der Psychologie kann man sich unter anderem dadurch einen Namen machen, dass man einen neuen Effekt entdeckt. Wie banal der auch immer sein mag.

Hui et al. (2014) kreieren den „Manhattan-Effekt“. Üblicherweise fördert man in einer Beziehung die persönlichen Interessen des Partners. Wenn diese persönlichen Interessen aber so strak werden, dass sie die Partnerschaft bedrohen, lässt die Unterstützung der Interessen des Partners nach und kann sich sogar ins Gegenteil verkehren.

Den Begriff „Manhattan-Effekt“ leiten sie von dem gleichnamigen Film von und mit Woody Allen aus dem Jahr 1979 ab. Der 42-jährige Isaac unterhält eine Beziehung zur 17-jährigen Tracy. Da Isaac die Beziehung als nicht von Dauer ansieht, bestärkt er Tracy darin, sich selbst zu verwirklichen. Erst nachdem sein Versuch, eine Beziehung zur etwa gleichaltrigen Mary (gespielt von Diane Keaton) einzugehen, gescheitert ist, erkennt Isaac, dass ihm die Beziehung zu Tracy doch wichtiger ist, als ursprünglich von ihm angenommen. Doch nun ist es zu spät, denn Tracy bricht – wie ihr von Isaac geraten wurde – zu einem längeren Aufenthalt nach London auf. Isaac meint nun, dass Tracy eigentlich nicht nach London gehen sollte.

Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, ob die Schaffung eines „Manhattan-Effekts“ etwas ist, was die Psychologie auch noch gebraucht hat, ist die Handlung des Films eigentlich, streng betrachtet, kein klassisches Beispiel für einen „Manhattan-Effekt“. Isaacs Sinneswandel resultiert nicht aus der stärkeren Bedrohung der Beziehung durch Tracys Verhalten oder Interessen („as the relationship thread posed by the partner’s interests becomes stronger“, S. 546) sondern aus einer Neubewertung der Beziehung durch Isaac: Seine zweite Option, eine Beziehung zu Mary, fällt weg, daher wird die Beziehung zu Tracy für ihn wichtiger. Geändert hat sich also nicht die Bedrohung, sondern der Wert der Beziehung. Der „Manhattan-Effekt“, ein Mis-Namer?

Literatur

Hui, Chin Ming; Finkel, Eli J.; Fitzsimons, Gráinne M.; Kumashiro, Madoka & Hofmann, Wilhelm. (2014). The Manhattan effect: When relationship commitment fails to promote support for partners’ interests. Journal of Personality and Social Psychology, 106(4), 546-570.

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Eingeordnet unter Kritik, leichte Kost, Psychologie

Es ist nie zu spät für gute Vorsätze

Neujahr ist schon länger her, aber man kann sich auch unterm Jahr etwas vornehmen. Das Problem mit guten Vorsätzen ist nur, dass ihre Halbwertszeit sehr begrenzt ist.

Megan Coatley (2014) hat einige einfache Ratschläge, wie man seine Neujahrsvorsätze umsetzen kann:

  • Setze dir nicht zum Ziel, mit irgendetwas aufzuhören. Wenn möglich, setze dir zum Ziel, eine bestimmte Sache häufiger zu machen. Statt sich vorzunehmen, keine Süßigkeiten mehr zu essen, sollte man sich bspw. besser vornehmen, mindestens dreimal am Tag Obst zu essen oder mindestens 8 Gläser Wasser zu trinken. Es ist leichter, ein Verhalten aufzubauen, als ein Verhalten ersatzlos sein zu lassen. Je mehr man das erwünschte Verhalten zeigt, desto seltener tritt dann automatisch das unerwünschte Verhalten auf (eine Erkenntnis, die sich auch die verhaltensorientierte Arbeitssicherheit, Behavior Based Safety, BBS, zunutze macht).
  • Setze dir spezifische Ziele, z. B. an drei Tagen in der Woche zu trainieren, statt ein unspezifisches Ziel wie das Abnehmen von so und so viel Kilogramm Körpergewicht. Wenn man die vielen kleinen spezifischen Ziele erreicht, erreicht man, ohne es direkt angestrebt zu haben, auch das große Ziel, Gewicht abzunehmen.
  • Nimm dir nicht einfach vor, Mitglied im Fitnessstudio zu werden, sondern plane sinnvoll, was du eigentlich damit erreichen willst. Wähle dann aufgrund deiner Vorlieben und Ziele die Aktivität, die für dich am sinnvollsten ist. Wenn du keine Menschenmengen magst und außerdem eine halbe Stunde Umweg fahren müsstest, um ins Fitnessstudio zu kommen, ist evtl. eine andere Aktivität erfolgversprechender (z. B. Waldläufe, die du von zuhause aus beginnen kannst).
  • Nimm dir nicht etwas aus schlechtem Gewissen heraus vor, z. B. mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, wenn dabei die Dinge leiden, die du für dich tust. Wenn du selbst erholt und mit dir im Reinen bist, bist du auch für deine Umwelt eine Bereicherung.
  • Nimm dir nicht nur vor, sparsamer zu sein, sondern setze dir ein Ziel, z. B. für eine bestimmte Sache zu sparen. Breche deine Spar-Ziele auf kleine Schritte herunter, z. B. einen Betrag, den du jeden Monat auf Seite legst. Belohne dich für das Einhalten deines Spar-Plans, indem du dir (geplant) immer wieder etwas gönnst (z. B. darfst du dir einen Kinobesuch gönnen, wenn du 100 € auf Seite legst und sie am Ende des Monats nicht angegriffen hast).

Alles in allem sollten gute Vorsätze

  • klein und leicht zu erreichen sein.
  • spezifisch und verhaltensbezogen sein.
  • in Hinsicht auf eine Belohnung geplant werden.
  • einer nach dem anderen abgearbeitet werden.
  • immer wieder überprüft und angepasst werden.

Literatur

Coatley, Megan. (2014). The worst New Year’s resolutions you can make start strong by stating with the right goals. The Current Repertoire, 30(1). PDF 224 KB

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