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Die Festhaltetherapie: Ein potentiell gefährliches, pseudowissenschaftliches Therapieverfahren

Zahlreiche Autoren (Lilienfeld, 2007; Mercer & Pignotti, 2007; Pignotti & Mercer, 2007) sehen in der Festhaltetherapie eine potentiell schädliche Behandlungsform, die durch keine Befunde ihre Wirksamkeit belegen kann. Mercer (2013) hat diese Einschätzung in einer Übersicht über deutsche und englischsprachige Studien erneut bekräftigt.

Die Festhaltetherapie gibt es in zwei Ausprägungen. Bei der Bindungstherapie (Attachment Therapy, AT) wird das Kind von mehreren Therapeuten oder den Eltern fixiert, zudem werden ihm Nahrungsmittel vorenthalten und der Gang zur Toilette eingeschränkt. Die andere Form von Festhaltetherapie geht auf Martha Welch und Jirina Prekop zurück (HT/WP) und besteht im wesentliche darin, dass das Kind von der Bezugsperson in einer Position festgehalten wird, bei der es sich Aug in Auge der Bezugsperson gegenüber befindet. Die amerikanische Psychologenvereinigung (APA), die amerikanische Psychiatrievereinigung und die nationale Vereinigung von Sozialarbeitern der USA haben sich neben anderen Gruppen gegen den Einsatz der Festhaltetherapie ausgesprochen. Trotzdem gibt es noch immer viele Therapeuten, dies diese Technik einsetzen.

Mercer (2014) berichtet von einer Tagung der Internationalen Arbeitsgruppe zum Missbrauch in der Kinderpsychotherapie am 20. April 2013 in London. Größere Gruppen von Anhängern der Festhaltetherapie gibt es u. a. in Deutschland, Großbritannien und Russland. In der Tschechoslowakei wird Jirina Prekop nach wie vor von der katholischen Kirche, Vertretern der Regierung, dem Erziehungsministerium und einer Psychologischen Gesellschaft unterstützt. Dies geschieht vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der okkulten und pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gegenüber positiv eingestellt ist. Bedauerlich ist, dass Prekop sich auf die Unterstützung von Nikolaas Tinbergen (der zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte) berufen kann. Tinbergen empfahl die Festhaltetherapie als geeignete Behandlungsmethode u. a. für autistische Kinder und schrieb sowohl eigene Bücher zu diesem Thema als auch Vorworte für Prekops Bücher. Diese Haltung resultierte wohl aus seiner unreflektierten Übertragung der Bindungs- und Prägungskonzepte der Ethologie auf menschliches Verhalten. Prekop selbst tat sich später auch mit dem Familienaufstellungsguru Bert Hellinger zusammen.

Literatur

Lilienfeld, S. O. (2007). Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2, 53-70.

Mercer, J. (2013). Holding therapy: A harmful mental health intervention. Focus on Alternative and Complementary Therapies, 18, 70-76.

Mercer, J. (2014). International concerns about holding therapy. Research on Social Work Practice, 24(2), 188-191. DOI: 10.1177/1049731513497518

Mercer, J. & Pignotti, M. (2007). Shortcuts cause errors in Systematic Research Syntheses: Rethinking evaluation of mental health interventions. Scientific Review of Mental Health Practice, 5(2), 59-77.

Pignotti, M. & Mercer, J. (2007). Holding therapy and dyadic developmental psychotherapy are not supported, acceptable social work interventions. Research on Social Work Practice, 17, 513-519,

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Eingeordnet unter Autismus, Psychologie, Skepsis, Therapie

Drogenabhängige fürs Clean-Sein bezahlen

Nüchtern und strebsam sein sollte doch ausreichen: Das gute Tun trägt seinen Lohn in sich, oder?

Die Idee, Drogenabhängige dafür zu bezahlen, damit sie „clean“ bleiben, befremdet viele Menschen. Dennoch sind Programme, bei denen die Drogenabstinenz von Süchtigen mit materiellen Verstärkern unterstützt wird, ausgesprochen effektiv. Die Teilnehmer an solchen Programmen erhalten z.B. Gutscheine dafür, dass sie eine Urinprobe abgeben, die keine Rückstände von Drogen enthält. Diese Gutscheine können dann wiederum gegen bestimmte Produkte (natürlich keine Drogen!) eingetauscht werden. Obschon sie erwiesenermaßen (vgl. Higgins & Silverman, 1999) wirksam sind, werden diese Programme selten durchgeführt. Ein Grund mag bei den Kosten zu suchen sein: Die meisten ambulanten Einrichtungen für Drogenabhängige haben Probleme, überhaupt die Grundfinanzierung sicherzustellen. Wie sollen sie dann noch solche Programme finanzieren?

Eine Lösung dieses Problems besteht darin, die Teilnehmer an solchen Programmen für ihre Gutscheine arbeiten zu lassen. Zum Teil können so die Kosten refinanziert werden, zum anderen Teil – das ist wohl der wichtigere Teil – lassen sich so andere Finanzierungstöpfe (nämlich solche für berufliche Rehabilitationsmaßnahmen) anzapfen. In diesen Programmen wird der Zugang zur Arbeit nur denjenigen Teilnehmern gewährt, die durch ihre Urin- und / oder Atemprobe nachweisen können, dass sie „clean“ sind. Die Gutscheine sind also sowohl von der Drogenabstinenz als auch von der Teilnahme am Arbeitstraining abhängig. Silverman et al. (2007) berichten von einem Programm, bei dem zudem auch die Leistung des Teilnehmers im Training bei der Höhe der Gutscheine berücksichtigt wurde. Die Teilnehmer sollten zunächst mit Hilfe eines Programms vier Stunden täglich das Zehn-Finger-Tastschreiben erlernen, dann das Eingeben von Daten üben und schließlich „echte“ Fragebögen datenmäßig erfassen. Für jeden genau definierten Fortschritt im Training gab es Punkte, ebenso für die Dateneingabe. Zusätzlich erhielten die Teilnehmer eine Art zeitabhängiges „Grundgehalt“ und sie konnten sich durch ihre Mitarbeit bezahlte Pausen erwirtschaften. Ein ausgefeiltes leistungsabhängiges Entlohnungssystem (vgl. z. B. Abernathy, 1990) wurde somit verwirklicht. Die Wirksamkeit dieses Programms bei der Bekämpfung der Drogensucht wurde von Silverman et al. (2007) in einer aufwändigen Studie nachgewiesen.

Die 56 Teilnehmer des Programms wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt. Beide Gruppen unterschieden sich lediglich in einem Punkt: Während die erste Gruppe unabhängig von dem Ergebnis ihres (dreimal wöchentlich stattfindenden) Drogentests arbeiten durfte, wurden die Teilnehmer der anderen Gruppe nur dann zur Arbeit zugelassen, wenn sie ein negatives Resultat beim Test ablieferten. War das Ergebnis positiv, mussten sie einen Tag aussetzen, zudem wurde ihr „Grundgehalt“ vorübergehend reduziert. Die Teilnehmer der beiden Gruppen (alle waren langjährig kokain- und cracksüchtig) unterschieden sich anfangs in ihrem Dogenkonsum (und in allen weiteren Parametern) nicht voneinander. Am Ende der Studie gab es einen signifikanten Unterschied: Diejenigen Teilnehmer, die nur dann arbeiten durften, wenn sie abstinent waren, lieferten signifikant mehr (29 %) negative Urinproben ab als die anderen Teilnehmer.

Die Studie belegt somit, dass es nicht alleine das Arbeiten ist, das Drogenabhängige clean werden lässt: Gelegentlich wird argumentiert, es genüge, wenn der Drogenabhängige wieder einer geregelten Beschäftigung nachginge. Sicher werden dadurch die Gelegenheiten, bei denen der Abhängige Drogen konsumieren kann, reduziert. Andererseits kann ein Abhängiger auch in seiner Freizeit noch genug an Drogen zu sich nehmen. Die verhaltensanalytisch fundierte Verbindung von Drogenabstinenz und dem Zugang zu Verstärkern (in Form der Gutscheine), scheint unverzichtbar.

Die Teilnehmer der Gruppe, die clean sein musste, um arbeiten zu dürfen, waren zudem billiger: Ein Teilnehmer dieser Gruppe erhielt im Schnitt $ 1732, ein Teilnehmer der anderen Gruppe (die unabhängig von ihrem Drogenkonsum arbeiten durfte) kostete in den drei Monaten der Studie $ 3477. Auch andere Parameter (wie die Neigung zu Verhalten, durch welches das Risiko erhöht wird, an HIV zu erkranken) verbesserten sich in beiden Gruppen, jedoch deutlicher in der Gruppe, die clean sein musste, um arbeiten zu dürfen.

Literatur

Abernathy, W. B. (1990). Designing and Managing an Organization-Wide Incentive Pay System. Memphis, TN: W. B. Abernathy and Associates.

Higgins, S. T. & Silverman, K. (Eds.). Motivating behavior change among illicit-drug abusers: Research on contingency management interventions. Washington, DC: American Psychological Association.

Silverman, Kenneth; Wong, Conrad J.; Needham, Mick; Diemer, Karly N.; Knealing, Todd; Crone-Todd, Darlene; Fingerhood, Michael; Nuzzo, Paul & Kolodner, Kenneth. (2007). A randomized trial of employment-based reinforcement of cocaine abstinence in injection drug users. Journal of Applied Behavior Analysis, 40(3), 387-410. PDF 750 KB

 

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Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Gut, wenn es das gibt, auch wenn es keiner nutzt

Dass es Familienunterstützungsleistungen gibt, ist wichtig für die Moral im Betrieb, nicht aber, dass sie auch in Anspruch genommen werden.

Viele Unternehmen und Behörden fördern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Liste möglicher Angebote ist lang: Telearbeit für Beschäftigte mit Familienpflichten, Notfallbetreuung für die Kinder oder die Pflege von Angehörigen, Eltern-Kind-Zimmer, großzügige Arbeitszeitregelungen usw. Doch wie wirksam sind diese Angebote in Hinsicht auf das Betriebsklima?

Butts et al. (2013) untersuchten diese Frage in einer Metaanalyse, die 57 Studien berücksichtigte. Dabei fanden sie einen kleineren, positiven Einfluss der Verfügbarkeit von solchen Angeboten auf die Arbeitszufriedenheit und das Gefühl der Verbundenheit mit dem Arbeitgeber. Die tatsächliche Nutzung solcher Angebote korrelierte dagegen kaum mit der Zufriedenheit und Verbundenheit der Beschäftigten. Was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht, so scheint es wichtig zu sein, dass sich die Firmen darum bemühen, nicht aber, dass die Angebote des Unternehmens tatsächlich in Anspruch genommen werden. Vermutlich haben solche Leistungen also mehr einen symbolischen Charakter, an denen die Beschäftigten die guten Absichten ihres Arbeitgebers erkennen können. Auch eine andere Interpretation bietet sich an. „Gute“ Arbeitgeber, erfolgreiche Unternehmen mit einer mitarbeiterfreundlichen Haltung haben ein starkes Interesse daran, ihre Beschäftigten zu halten und machen Ihnen deshalb auch solche Angebote. Betriebe, in denen der Arbeitsplatz unsicher ist, müssen nicht durch solche Angebote versuchen, ihre Mitarbeiter im Haus zu halten.

Literatur

Butts, Marcus M.; Casper, Wendy J. & Yang, Tae Seok. (2013). How important are work-family support policies? A meta-analytic investigation of their effects on employee outcomes. Journal of Applied Psychology, 98(1), 1-25.

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