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Hunde ziehen Futter dem Gestreichelt-Werden vor – Fast immer

Manchmal ist Gestreichelt-Werden doch besser als Futter: Wenn der Hund satt ist und verunsichert.

Feuerbacher und Wynne (ich berichtete hier) gingen nochmals (2014) der Frage nach, ob und unter welchen Umständen Hunde das Gestreichelt-Werden dem Futter vorziehen. Sie untersuchten sowohl Hunde, die einen Besitzer hatten als auch Tierheimhunde, in vertrauten und unvertrauten Umgebungen. Die Hunde waren zum Teil eine Weile von ihren Besitzern getrennt gewesen (sozial depriviert), zum Teil hatten sie einige Zeit nichts zu essen bekommen (nahrungsdepriviert). In den verschiedenen Versuchen wurden die Hunde jeweils mit zwei Menschen konfrontiert, die auf Stühlen saßen und die Hunde entweder kraulten oder ihnen kleine Futterbissen gaben. Das Futter wurde anfangs immer bei jedem Kontakt (kontinuierlich), später nach und nach seltener (intermittierend) und zuletzt gar nicht mehr (auf Extinktion) gegeben.

Alles in allem zogen die Hunde das Futter dem Gekrault-Werden vor. Es gab einige Ausnahmen. Hunde, die mit ihrem Besitzer in einer unvertrauten Umgebung waren, zogen bisweilen das Gekrault-Werden durch den Besitzer dem Futter (das von einem Fremden gegeben wurde) vor. Dies galt besonders dann, wenn Hund und Besitzer zuvor kurz getrennt worden waren. Hunde aus Tierheimen hatten eine vergleichsweise hohe Präferenz fürs Gestreichelt-Werden. In den meisten Situationen gingen die Hunde anfangs vorzugsweise zu demjenigen Menschen, der das Futter anbot, dies kippte aber, sobald dieser Mensch immer seltener (intermittierend) Futter gab, spätestens aber, wenn er gar kein Futter mehr anbot. Hunde, die in ihrer vertrauten Umgebung nur mit fremden Menschen konfrontiert wurden, gingen jedoch selbst dann noch ausschließlich zu dem Menschen, der Futter anbot (und nicht zu dem, der sie kraulte), wenn dieser Mensch gar kein Futter mehr herausgab (der Mensch hatte aber immer noch einen Beutel mit Futter bei sich). War der Hund von Futter depriviert, überlagerte dies alle anderen Variablen: Unabhängig von der Situation und den beteiligten Personen ging der Hund dann immer zu dem Menschen mit dem Futter.

Literatur

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105-129. PDF 2,08 MB

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2014). Most domestic dogs (canis lupus familiaris) prefer food to petting. Population, context, and schedule effects in concurrent choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 101(3), 385-405.

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Hunde erkennen Krankenhauskeime

Hunde (und andere Tiere) können mit ihrem überlegenen Geruchssinn das Vorhandensein von Krankenhauskeimen anzeigen – wenn sie dazu mit verhaltensanalytischen Methoden trainiert wurden.

Clostridium difficile ist ein Darmbakterium, das vor allem in Krankenhäusern immer wieder zu schweren Erkrankungen führen kann. Das Vorhandensein von C. difficile im Stuhl wird üblicherweise durch eine Zellkultur nachgewiesen. Dieser Test ist sehr sensitiv, mit ihm können fast alle Fälle einer Infektion nachgewiesen werden. Er gilt aber auch als nicht sehr spezifisch, d. h. auch Proben, die eigentlich kein C. difficile enthalten, werden gelegentlich als „positiv“ erkannt. Der Test benötigt rund ein bis zwei Tage Zeit, bis er ein Resultat liefert. Vom Auftreten erster Symptome (z. B. Durchfall) bis zum Beginn der Behandlung vergehen daher, verschiedenen Studien zufolge, im Schnitt zwischen 2,8 und 7,7 Tagen. Bis dahin hat der Keim reichlich Gelegenheit, sich weiter auszubreiten.

C. difficile kann von erfahrenem Krankenhaus- und Laborpersonal auch am Geruch der Stuhlprobe des Patienten erkannt werden. Angeblich riecht eine entsprechende Probe leicht nach Pferdemist. Geschultes Personal kann infizierte Proben mit einer Trefferquote von 55 % bis 82 % (Sensitivität) korrekt identifizieren, nicht infizierte Proben werden zu 77 % bis 83 % (Spezifität) als solche erkannt.

Bild von einem Hund

Hunde verfügen über einen hervorragenden Geruchssinn

Hunde können um ein Vielfaches besser riechen als Menschen. Ein Team niederländischer Forscher (Bomers et al., 2012) trainierte den zweijährigen Beagle Cliff darin, den Geruch von C. difficile anzuzeigen. Zunächst wurden kleine Holzstäbchen über Nacht über einer Kultur mit C. difficile aufgehängt, sodass diese den Geruch annehmen konnten (später sollte sich zeigen, dass es genügt, die Holzstäbchen für nur fünf Minuten über die Petrischale zu halten). Cliff wurde sodann an den Holzstäbchen vorbeigeführt und nach und nach (durch die verhaltensanalytische Methode des Shaping) darin trainiert, sich dann vor dem Holzstäbchen auf den Boden zu setzen oder zu legen, wenn dieses Holzstäbchen nach C. difficile roch. War seine Wahl korrekt, wurde er mit kleinen Futterhappen belohnt. Dies wurde in verschiedenen Umgebungen mit verschiedenen Trägermaterialen (statt des Holzstäbchens) trainiert, die Intensität des Geruchs wurde nach und nach verringert. Nach diesem Training war Cliff in der Lage, Stuhlproben mit C. difficile zu 100 % (Sensitivität) richtig zu identifizieren. Bei keiner Stuhlprobe ohne C. difficile zeigte Cliff fälschlich das Vorhandensein des Bakteriums an (100 % Spezifität). Cliff benötigte für seine Entscheidung zudem nur wenige Sekunden.

Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter. Auf einem Krankenhausflur, in dessen Zimmern mehrere Patienten mit und ohne eine Infektion mit C. difficile untergebracht waren, übte Cliff, ob er auch hier die Anwesenheit des Keims allein aufgrund des Geruchs, den die Patienten ausströmten, anzeigen konnte. Cliff sollte sich vor die geöffnete Tür des Krankenzimmers setzen oder legen, wenn er C. difficile roch. Auch dies gelang ihm mit erstaunlicher Sicherheit: 25 von 30 Patienten, die C. difficile in sich trugen, konnte er richtig identifizieren (Sensitivität 83 %). Bei 265 von 270 Patienten, die keine Infektion mit C. difficile hatten, zeigte Cliff dies auch richtig an, indem er an deren Zimmer vorbeilief, ohne sich hinzusetzen oder zu legen (Spezifität 98 %). Für das Screening der Patienten eines Krankenhausflures benötigte Cliff im Schnitt weniger als zehn Minuten.

Literatur

Bomers, Marije K.; van Agtmael, Michiel A.; Luik, Hotsche; van Veen, Merk C.; Vandenbroucke-Grauls, Christina M. J. E. & Smulders, Yvo M. (2012). Using a dog’s superior olfactory sensitivity to identify Clostridium difficile in stools and patients: Proof of principle study. BMJ, 345 (e7396), 1-8. doi: 10.1136/bmj.e7396. PDF 625 KB

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Riesenhamsterratten 2

Eine RiesenhamsterratteRiesenhamsterratten können auch im Labor hilfreich sein. Nicht als Versuchstier, sondern als Experten bei der Identifizierung von Tuberkeln.

Für Tuberkulose gibt es noch immer keinen billigen, schnellen und  ausreichend genauen Test. Da Tuberkulose vor allem in Entwicklungsländern auftritt, muss ein Test zudem auch leicht anzuwenden sein und nur wenig Laborequipment erfordern.

Ein guter Test teilt die Population in zwei Klassen, solche die die Krankheit haben und solche, die sich nicht haben. Als Sensitivität bezeichnet man die Fähigkeit eines Tests, das Vorhandensein einer Krankheit festzustellen. Als Spezifität bezeichnet man die Fähigkeit des Tests, nur dann das Vorhandensein der Krankheit anzuzeigen, wenn diese auch tatsächlich besteht. Als Treffer gilt es, wenn der Test die Krankheit anzeigt und sie ist wirklich vorhanden. Als falscher Alarm bezeichnet man das Anzeigen der Krankheit, wenn diese tatsächlich nicht vorhanden ist. Eine korrekte Ablehnung ist es, wenn das Nicht-Vorhandensein der Krankheit angezeigt wird und die Krankheit ist vorhanden. Ein Auslassungsfehler ist es, wenn angezeigt wird, dass die Krankheit nicht vorhanden ist, während sie tatsächlich gegeben ist. Die Sensitivität berechnet man, indem man die Zahl der Treffer durch die Zahl der Treffer plus der Auslassungsfehler teilt. Die Spezifität errechnet man aus der Zahl der korrekten Ablehnungen geteilt durch die Summe der korrekten Ablehnungen und der falschen Alarme.

Alan Poling et al. (2011) trainierten Riesenhamsterratten darin, mittels ihres Geruchssinnes festzustellen, ob ein Abstrich Tuberkel enthält oder nicht. Die Ratten sollten an den Proben schnüffeln. Wenn der Tuberkel vorhanden ist, sollten sie dies durch eine Pause von fünf Sekunden anzeigen. Das Verhalten der Ratten wurde im Training immer dann mit Futter verstärkt, wenn sie einen Treffer oder eine korrekte Auslassung anzeigten. Im Anschluss an das Training prüften die Forscher in einem Behandlungszentrum für Erkrankungen der Atemwege in Daresalam die Praxistauglichkeit der Ratten. Die Versuche waren verblindet, d. h. die Versuchsleiter wussten nicht, welche Proben positiv waren und welche nicht. In einem ersten Versuch erreichten die beiden Ratten eine Sensitivität von 73 % – das ist deutlich mehr als der übliche Test am Mikroskop. Tests mit insgesamt 16 Ratten erbrachten eine Sensitivität von 87,9 % und eine Spezifität von 93,3 %. Bei 1838 Patienten des Behandlungszentrums zeigte der übliche Test Tuberkulose an, dagegen konnten die Ratten 2415 Tuberkulosepatienten entdecken.

Literatur

Poling, Alan; Weetjens, Bert; Cox, Christophe; Beyene, Negussie; Durgin, Amy & Mahoney, Amanda. (2011). Tuberculosis detection by Giant African Pouched Rats. The Behavior Analyst, 34(1), 47-54. PDF 112 KB

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Riesenhamsterratten 1

Eine RiesenhamsterratteRiesenhamsterratten gelten in Afrika nicht gerade als Sympathieträger. Sie haben aber einen ähnlich guten Geruchssinn wie Hunde. Durch gewaltfreies, verhaltensanalytisches Training können sie lernen, Landminen aufzuspüren.

Alan Poling et al. (2010) berichten über den erfolgreichen Versuch einer tansanischen Nichtregierungsorganisation (APOPO), Riesenhamsterratten zum Aufspüren von Landminen abzurichten. Riesenhamsterratten sind in Afrika sehr häufig. Jedoch erwiesen sich wild gefangene Ratten als zu aggressiv, um sie trainieren zu können. Daher mussten zunächst Ratten gezüchtet und von Hand aufgezogen werden. Die Ratten wurden anschließend mittels eines verhaltensanalytisch basierten Programms (Clickertraining) darin trainiert, TNT aufzuspüren. Die Ratten werden mittlerweile in Krisenregionen (u. a. nach Mosambik) exportiert. In den ersten neun Monaten des Jahres 2009 konnten so knapp 200.000 qm „gesäubert“ werden, wobei 75 Landminen und 62 andere Sprengkörper (Blindgänger) gefunden wurden.

Die Riesenhamsterratten haben gegenüber Hunden mehrere Vorteile. Sie sind in der Haltung einfacher und billiger. Sie gehen keine enge Beziehung zu einem Menschen ein, so dass sie leicht mit wechselnden Partnern eingesetzt werden können. Ihr geringes Gewicht erlaubt ihnen, über Minen zu laufen, ohne das diese explodieren, was das Absuchen des Geländes vereinfacht. Ein Nachteil der Ratten besteht darin, dass sie keine große Hitze vertragen. Sie werden daher nur in den Morgen- und Abendstunden eingesetzt. Tagsüber finden die Nachkontrollen mit dem Metalldetektor statt.

Die Tiere werden mittlerweile auch in der Analyse von Bodenproben eingesetzt. Die Ratten sollen verschiedene Bodenproben „begutachten“ und anzeigen, ob sich darin Spuren von TNT befinden. Wenn das der Fall ist, werden die entsprechenden Geländeabschnitte, aus denen die Proben stammen, eingehender untersucht.

Die Arbeit von APOPO hat nach Poling et al. (2010) das „Image“ der Riesenhamsterratten in Tansania deutlich verbessert.

Auf der Webseite von APOPO finden sich viele Informationen zum Thema, darunter auch mehrere Videos, die die Arbeit der Riesenhamsterratten demonstrieren.

Literatur

Poling, Alan; Weetjens, Bart J.; Cox, Christophe; Beyene, Negussie W. & Sully, Andrew. (2010). Using giant African pouched rats (cricetomys gambianus) to detect landmines. The Psychological Record, 60(4), 715-728.

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Verhaltensprobleme bei einem Schimpansen

Tiere in Gefangenschaft, z. B. im Zoo, zeigen gelegentlich sehr problematische Verhaltensweisen, die z. T. dazu führen, dass sie bestraft oder gar eingeschläfert werden. Verhaltensanalytiker kennen Methoden, die ohne den Einsatz von Strafen dazu führen, dass die Tiere das schwierige Verhalten ablegen.

SchimpanseMartin et al. (2011) berichten: Ein in Gefangenschaft lebender, 27 Jahre alter männlicher Schimpanse musste aufgrund seines Gesundheitszustandes einzeln, getrennt von den anderen Schimpansen gehalten werden. Hier hatte er Zugang zu Wasser und Futter. Sein Käfig war zudem mit Unterhaltungsmöglichkeiten (environmental enrichment) versehen. Dennoch zeigte der Affe zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten: Er warf mit Fäkalien und Objekten, er spukte, schrie und rüttelte am Käfig. Martin et al. (2011) vermuteten, dass dieses Verhalten durch die ihn betreuenden Menschen unbeabsichtigt gefördert wurde. Entweder geschah dies durch positive Verstärkung des unerwünschten Verhaltens, etwa indem die Betreuer dem Schimpansen Aufmerksamkeit schenkten (und sei es, indem sie ihn schimpften) oder aber indem sie ihm Futter oder Spielzeug gaben, um ihn zu beruhigen. Eine andere Möglichkeit war die negative Verstärkung des Problemverhaltens, z. B. weil die Menschen aus der Nähe des Käfigs flohen, sobald der Affe die o. g. Verhaltensweisen zeigte.

Dorey et al. (2009) hatten bereits bei einem Pavian zeigen können, dass die Aufmerksamkeit der Menschen das selbstverletzende Verhalten des Tieres verstärkte. Durch eine Kombination aus Extinktion (Ignorieren des unerwünschten Verhaltens) und der differentiellen Verstärkung eines anderen Verhaltens (Schmatzen mit Lippen) konnte das selbstverletzende Verhalten reduziert werden. Martin et al. (2011) verwendeten einen ähnlichen Ansatz, um die Ursachen für das Problemverhalten des Schimpansen zu analysieren und sodann das Verhalten zu verändern.

Analyse des Verhaltens

Zunächst wurde der funktionale Charakter des Verhaltens analysiert. „Funktional“ ist ein Verhalten dann, wenn es eine Funktion erfüllt, d. h. wenn das Tier durch das Verhalten eine bestimmte Konsequenz erreicht. Um dies zu prüfen, wurde die Häufigkeit der Problemverhaltensweisen unter drei verschiedenen Bedingungen beobachtet.

  1. Kontrollbedingung: Hier sprach der Betreuer fortlaufend mit dem Affen und gab ihm in regelmäßigen Abständen von einem zuckerfreien Fruchtsaft zu trinken.
  2. Positive Verstärkung: Hier wurde der Schimpanse jedes Mal, wenn er eine der genannten Verhaltensweisen zeigte, 20 Sekunden lang ermahnt und gelockt, zudem erhielt er 20 Sekunden lang Zugang zu einem Spender mit Fruchtsaft.
  3. Negative Verstärkung: Der Betreuer trug hier einen weißen Overall und hielt eine Spritze (mit aufgesetzter Kappe) alle 20 Sekunden für zwei Sekunden gegen den Körper des Schimpansen. Das Tier hatte gelernt, sich auf ein Zeichen hin an das Gitter zu begeben, sodass es eine Spritze bekommen konnte. Die Situation des Spritzens war für den Affen wohl nichts desto trotz unangenehm. Wenn der Schimpanse sich ruhig verhielt, wurde er gelobt. Wenn das Tier dagegen die erwähnten Verhaltensweisen zeigte, nahm der Betreuer sofort die Spritze weg und verließ den Bereich des Käfigs für 20 Sekunden. Der Affe konnte so durch sein Problemverhalten die Situation, „gespritzt“ zu werden, beenden.

Während der Kontrollbedingung (1) zeigte der Schimpanse im Schnitt 0,1 Problemverhaltensweisen je Minute, bei positiver Verstärkung (2) waren es 0,7 und bei negativer Verstärkung (3) 0,4. Dies legt nahe, dass das Problemverhalten des Affen funktionalen Charakter hatte und dass es vorrangig von positiver Verstärkung und zum Teil auch durch negative Verstärkung aufrechterhalten wurde. Dies gab den Forschern wichtige Hinweise, wie sie die Behandlung der Verhaltensprobleme angehen sollten.

Modifikation des Verhaltens

Die Forscher wählten die Kombination der Extinktion des Problemverhaltens (das Problemverhalten wurde ignoriert; andererseits führte es auch nicht dazu, dass eine evtl. für den Affen unangenehme Situation beendet wurde) und der differentiellen Verstärkung anderen Verhaltens (DRO). Letzteres bedeutete, dass während der Behandlung ein Plastikring (von 17 cm Durchmesser und 2,5 cm Stärke) am Käfiggitter hing. Das „andere Verhalten“ bestand darin, dass der Schimpanse diesen Plastikring mit mindestens zwei Fingern für mindestens zwei Sekunden festhalten sollte.

Auch die Wirkung der Behandlung wurde unter verschiedenen Bedingungen erprobt:

  1. Die Basisratenbedingung war gleich der Bedingung mit positiver Verstärkung (2) während der Analyse des Verhaltens.
  2. In der Extinktionsphase stand der Betreuer direkt vor dem Käfig und blickte vom Käfig weg, sobald der Affe die Problemverhaltensweisen zeigte. Auch wenn der Affe nach dem Ring griff, wurde dies ignoriert.

Unmittelbar vor der nächsten Phase wurde das Verhalten, den Ring zu greifen, durch die Verstärkung von sukzessiven Annäherungen an das Zielverhalten geformt (shaping) – sodass das Tier das Verhalten, nach dem Ring zu greifen, zuverlässig beherrschte.

  1. In der Phase „DRO und Extinktion“ ignorierte der Betreuer das Problemverhalten (wie in Phase 2), zusätzlich aber bekam der Schimpanse immer dann, wenn er das andere Verhalten (nach dem Ring greifen) zeigte, für 20 Sekunden Zugang zu einem Spender mit Fruchtsaft.
  2. Die Forscher erprobten auch, ob die Verhaltensänderung auf andere Situationen generalisierte. In dieser Phase stand neben dem Betreuer ein dem Affen unbekannter Mensch vor dem Käfig. Der Betreuer und der Fremde unterhielten sich. In Phase 4.1 wurde die Basisratenbedingung (1.) widerholt, in Phase 4.2 verhielt sich der Betreuer wie in Phase 3 (DRO und Extinktion) beschrieben.

In der Basisratenbedingung (1) zeigte der Schimpanse im Schnitt 1,4 Problemverhaltensweisen je Minute. Während der Extinktion (2) betrug dieser Wert immerhin noch 0,8. Diese relative hohe Zahl an Problemverhaltensweisen in der Extinktionsphase könnte ein Hinweis auf einen sogenannten Extinktionsausbruch sein. Das bedeutet, ein Verhalten, das auf einmal nicht mehr positiv verstärkt wird, tritt zunächst häufiger auf. Beim Extinktionsausbruch versucht das Tier gewissermaßen, die positive Verstärkung, die zuvor immer auf das Verhalten folgte, zu erzwingen. Wenn das nicht funktioniert, ebbt das Verhalten dann wieder über einen längeren Zeitraum hinweg ab. Sieht man sich die Grafik mit dem zeitlichen Verlauf der Häufigkeiten der Verhaltensweisen an, bestätigt sich dieser Verdacht (vgl. Fig. 1, untere Grafik in der Originalarbeit).

Einen durchschlagenden Erfolg brachte Phase 3: Wenn das Problemverhalten ignoriert und zugleich das alternative Verhalten, nach dem Ring zu greifen, positiv verstärkt wurde, zeigte der Affe nur noch 0,2 problematische Verhaltensweisen je Minute, ein Rückgang um 90 %.

Die Maßnahme funktionierte auch in Anwesenheit eines anderen Menschen (Phase 4). Zunächst, in der Wiederholung der Basisratenbedingung (4.1), betrug die Rate des Problemverhaltens 0,9 je Minute. In der Phase 4.2, als der Schimpanse in der Anwesenheit des Betreuers und des anderen Menschen bei Problemverhalten ignoriert wurde und immer dann, wenn er nach dem Ring griff, Fruchtsaft bekam, zeigte das Tier im Schnitt nur 0,2 Problemverhaltensweisen je Minute.

Martin et al. (2011) bestätigen die Wirkung von Extinktion und differentieller Verstärkung eines alternativen Verhaltens in der Behandlung von Verhaltensproblemen bei Zootieren. Solche Maßnahmen führen dazu, dass die Lebensqualität der Tiere sich verbessert. Ein Schimpanse, der nicht mit Kot wirft und schreit, sobald er einen Menschen sieht, wird öfter von den Pflegern angesprochen, die Menschen beschäftigen sich lieber mit ihm, er hat mehr Abwechslung. Wenn man schon meint, Primaten in Gefangenschaft halten zu müssen, sollte man ihnen wenigstens ein Umfeld bieten, das ihr Leben so angenehm als möglich macht. Verhaltensanalytische Methoden sind hier fast die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen.

Anmerkung: Ich frage mich ja, wie man in der Extinktionsbedingung ruhig dastehen kann, während der Affe mit Fäkalien wirft oder spuckt. Respekt für so viel Einsatz…!

Literatur

Dorey, Nicole R.; Rosales-Ruiz, Jesús; Smith, Richard & Lovelace, Bryan. (2009). Functional analysis and treatment of selfinury in a captive olive baboon. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 785-794.

PDF 313 KB

Martin, Allison L.; Bloomsmith, Mollie A.; Kelley, Michael E.; Marr, M. Jackson & Maple, Terry L. (2011). Functional analysis and treatment of human-directed undesirable behavior exhibited by a captive chimpanzee. Journal of Applied Behavior Analysis, 44(1), 139-143. PDF 156 KB

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Wie belohnt man Hunde? Futter und menschliche Zuwendung im Vergleich

Wie kann man das Verhalten eines Hundes besser konditionieren? Durch Futter oder durch Lob und Streicheln? – Die Antwort ist für Hundehalter ernüchternd…

Die Hündin des Autors

Hunde zeigen erstaunliche Anpassungen an das Verhalten von Menschen (vgl. Udell & Wynne, 2008). Sie können menschlichen Gesten folgen (Udell et al. 2008) und sehen Menschen häufig an (Bentosela et al., 2008). Warum aber geben sich Hunde überhaupt mit Menschen ab? Feuerbacher und Wynne (2012) untersuchten die Frage, ob der Kontakt mit Menschen für Hunde ein primärer, ein konditionierter oder gar kein Verstärker ist. Ein primärer Verstärker ist ein solcher, der gewissermaßen „von sich aus“ wirkt (wie etwa Futter und Wasser). Ein konditionierter Verstärker muss dagegen erst dadurch zu einem Verstärker gemacht werden, indem er häufig mit einem primären Verstärker zusammen auftritt. Für Menschen ist z. B. Geld ein konditionierter Verstärker. Geld kann nur dann Verhalten verstärken, wenn es etwas wert ist – d. h. wenn man es gegen andere konditionierte und primäre Verstärker eintauschen kann.

Es gibt bereits einige Hinweise, dass Menschen für Hunde eine Art Verstärker sein können. So laufen Welpen schneller durch ein Labyrinth, wenn sich am Ende des Labyrinthes ein (passiver) Mensch befindet als wenn die letzte Kammer einfach nur leer ist (Stanley et al., 1965). Die Geschwindigkeit, mit der die Welpen das Labyrinth durchquerten, nahm aber über mehrere Versuche hinweg ab. Ein Mensch, der einfach nur dasitzt, scheint für Welpen keinen besonderen Anreizcharakter zu besitzen.

McIntire und Colley (1967) maßen die Zeit (Latenz), die Hunde benötigten, bis sie einem Kommando (Sitz, Platz, Komm, Bleib und Bei Fuß) folgten. Diese Latenzzeit wurde geringer (der Hund hörte schneller), wenn er gelobt wurde („Guter Hund!“) und für fünf bis zehn Sekunden gestreichelt wurde, nachdem er dem Kommando folgte. Wenn der Hund dagegen nur gelobt wurde, stieg die Latenzzeit über mehrere Versuche hinweg an. Demnach scheint das Streicheln ein positiver Verstärker zu sein. Das Experiment ist jedoch methodisch fragwürdig. Wenn der Hund dem Kommando innerhalb von 15 Sekunden nicht nachkam, wurde er nämlich vom Versuchsleiter in die gewünschte Position gezwungen. Dieses Zwingen dürfte ein Strafreiz für den Hund sein.

Physiologische Studien (Odendaal & Meintjes, 2003) zeigen, dass Hunde die im Schnitt 15 Minuten lang gestreichelt und gelobt wurden, danach erhöhte Anteile an Hormonen und Neurotransmitter aufweisen, die auf Wohlbefinden (Beta-Endorphin), Bindungsgefühle (Oxytocin und Prolactin), Hingezogensein (Beta-Phenylethylamin) und freudige Erregung (Dopamin) hindeuten.

Feuerbacher und Wynne (2012) untersuchten drei verschiedene Stichproben:

  • Hunde, die bei ihren Besitzern lebten.
  • Hunde, die sich seit mindestens 8 Monaten in einem Tierheim befanden.
  • Wölfe, die von Menschen großgezogen worden waren.

Sie verglichen die Wirkung von drei verschiedenen Verhaltenskonsequenzen:

  • Kleinen Futterstücken
  • Beidhändigem Nackenkraulen und Loben (soziale Verstärkung)
  • Extinktion (keine Reaktion auf das Verhalten)

Das Verhalten, das sie verstärken wollten, war das Anstupsen der Hand mit der Schnauze, ein relativ einfaches Verhalten. Gemessen wurden die Häufigkeit des Anstupsens und die Latenz, d. h. die Zeitspanne zwischen der letzten Verstärkung und dem nächsten Anstupsen. Die Forscher achteten darauf, dass das Futter immer nur mit der anderen Hand gegeben wurde. Wenn die Hunde Futter als Verstärker erhielten, war der Futterbeutel offen seitlich am Gürtel des Versuchsleiters, wenn sie soziale Verstärkung bekamen, war der Beutel verschlossen auf dem Rücken, unter der Extinktionsbedingung hatte der Versuchsleiter keinen Beutel bei sich. Die Versuchsleiter waren bei den Hunden, die zuhause lebten, ihre Besitzer, bei den Tierheimhunden die Autoren selbst und bei den Wölfen ein Mitarbeiter der Einrichtung (des Wolfsgeheges).

Man könnte vermuten:

  • Wenn die Zuwendung von Menschen bei Hunden ein primärer Verstärker ist, dann sollte sich das Verhalten von Hunden generell besser mit Nackenkraulen und Loben verstärken lassen als das Verhalten von Wölfen. Das Verhalten von Hunden aus dem Tierheim sollte besser mit Zuwendung verstärkt werden können als das von Hunden, die bei ihren Besitzern lebten. Tierheimhunde werden seltener gekrault und gelobt, was einer Deprivation von diesem Verstärker gleichkommt. Deprivation macht primäre Verstärker deutlich „wirksamer“ (wenn ein Tier hungrig ist, kann sein Verhalten mit Futter sehr gut verstärkt werden). Aber auch konditionierte Verstärker werden durch Deprivation wirksamer (wenn wir selten oder nie gelobt werden, freut uns auch ein kleines Lob schon sehr).
  • Wenn Zuwendung ein konditionierter Verstärker ist, dann sollte es keine großen Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen geben. Das Verhalten von Hunden, die bei ihren Besitzern leben, sollte besser verstärkt werden können als das von Tierheimhunden, da erstere mehr Lernerfahrungen (Paarungen von primären Verstärkern und dem konditionierten Verstärker „Kraulen und Loben“) machen konnten.

Die Ergebnisse ließen sich v. a. vor dem Hintergrund der Verstärkung mit Futter, einem eindeutig primären Verstärker, interpretieren. Wenn menschliche Zuwendung ein primärer Verstärker wäre, müsste der Unterschied in der Verstärkerwirkung von Loben und Kraulen und Futter geringer ausfallen als wenn die Zuwendung ein konditionierter Verstärker ist.

Generell gelang bei allen Stichproben die Verstärkung mit Futter um ein Vielfaches besser als die Verstärkung mit Kraulen und Loben. Das Verhalten der von Menschen großgezogenen Wölfe konnte generell fast nur mit Futter verstärkt werden. Aber auch bei den Hunden gab es kaum einen Unterschied zwischen der Häufigkeit des Anstupsens, wenn dieses nur sozial verstärkt wurde und der Häufigkeit des Anstupsens, wenn der Versuchsleiter gar nicht reagierte (Extinktion). Die Tierheimhunde zeigten sich tendenziell etwas empfänglicher für das Loben und Kraulen (sie zeigten weniger Varianz in den Latenzzeiten, wenn sie gekrault und gelobt wurden als wenn der Versuchsleiter keine Reaktion zeigte).

Hunde scheinen von Natur aus nicht besonders empfänglich für menschliche Zuwendung zu sein. Man hatte dies vermutet, weil Hunde menschlichen Gesten folgen können, wenn sie Futter oder ähnliche Dinge suchen; Wölfe können das nicht (Hare et al., 2010). Diese Fähigkeit tritt sehr früh im Leben von Hunden zutage, dennoch scheint sie wohl erlernt zu sein.

Feuerbacher und Wynne (2012) geben vier mögliche Erklärungen für ihren Befund:

  1. Kurze menschliche Zuwendung ist generell kein Verstärker. Dagegen spricht, dass wenigstens die Tierheimhunde etwas mehr Verhalten zeigten, wenn sie gekrault und gelobt wurden, als in der Extinktionsphase.
  2. Menschliche Zuwendung ist ein konditionierter Verstärker, aber sie verliert schnell ihre Verstärkerwirkung, wenn sie nicht immer wieder mit primärer Verstärkung verknüpft wird.
  3. Menschliche Zuwendung ist für Hunde ein wirksamer Verstärker, es tritt aber schnell Sättigung auf. Oder aber, Zuwendung ist ein Verstärker, aber er ist so schwach, dass er nur wirken kann, wenn keine anderen Verstärker in der Nähe sind. Dieser Vermutung dürften wohl viele Hundebesitzer zustimmen: Lob wirkt schon, aber nicht, wenn irgendwo Futter zu riechen ist.
  4. Der große Unterschied zwischen Futter und menschlicher Zuwendung in dieser Studie ist eine Folge des Verhaltenskontrasts: Der zeitnahe Wechsel zwischen einem eher schwachen und einem eher starken Verstärker erhöht den Unterschied. Für sich allein genommen ist Zuwendung vermutlich doch kein so gänzlich schwacher Verstärker.

Innerhalb von Arten scheint soziale Verstärkung generell besser zu wirken als über die Artgrenzen hinweg. Haugan und McIntire (1972) konnten z. B. zeigen, dass die sprachlichen Laute von Babys durch Nahrung kaum verstärkt werden können. Imitierten die Forscher dagegen das sprachliche Verhalten der Kinder, wirkte dies sehr gut als Verstärker.

Die Ergebnisse von Feuerbacher und Wynne (2012) unterstützen den Einsatz von Futter im Tiertraining. Diese Informationen sind sicher auch für Tiertrainer von Belang, die ihren Klienten erklären müssen, warum Lob alleine nicht genügt, wenn man einem Hund etwas beibringen möchte.

Literatur

Bentosela, Mariana; Barrera, Gabriela; Jakovcevic, Adriana; Elgier, Angel M. & Mustaca, Alba E. (2008). Effect of reinforcement, reinforcer omission and extinction on a communicative response in domestic dogs (Canis familiaris). Behavioural Processes, 78(3), 464-469.

doi:10.1016/j.beproc.2008.03.004

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105-129. PDF 2,08 MB

Hare, B., Brown, M.; Williamson, C. & Tomasello, M. (2010). The domestication of social cognition in dogs. Science, 298, 1634-1636.

doi: 10.1126/science.1072702

Haugan, Gertrude M. & McIntire, Roger W. (1972). Comparisons of vocal imitation, tactile stimulation, and food as reinforcers for infant vocalizations. Developmental Psychology, 6(2), 201-209.

McIntire, Roger W. & Colley, Thomas A. (1967). Social reinforcement in the dog. Psychological Reports, 20(3), 843-846. PDF 130 KB

Odendaal, J. S. J. & Meintjes, R. A. (2003). Neurophysiological correlates of affiliative behavior between humans and dogs. Veterinary Journal, 165(3), 296-301.

doi:10.1016/S1090-0233(02)00237-X

Stanley, W. C.; Morris, D. D & Trattner, A. (1965). Conditioning with a passive person reinforcer and extinction in Shetland sheep dog puppies. Psychonomic Science, 2, 19-20.

Udell, Monique A. R.; Giglio, Robson F. & Wynne, Clive D. L. (2008). Domestic dogs (Canis familiaris) use human gestures but not nonhuman tokens to find human food. Journal of Comparative Psychology, 122(1), 84-93.

doi:10.1037/0735–7036.122.1.84

Udell, Monique A. R. & Wynne, Clive D. L. (2008). A review of domestic dogs’ (canis familiaris) human-like behavior : Or why behavior analysts should stop worrying and love their dogs. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 89(2), 247-261. PDF, 168 KB

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