Der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts

Wer ist der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts? Wenn Sie dieses Blog kennen, ahnen Sie, wie die Antwort lautet. Ob das relevant ist, muss jeder für sich beantworten. Wenn man es aber wissen will, gibt es mehr oder weniger objektive Möglichkeiten, das herauszufinden.

Haggbloom et al. (2002) versuchen, einen Liste der „bedeutendsten“ Psychologen des 20. Jahrhunderts zu erstellen. Sie zeigen sich sehr wohl der Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens bewusst: Sowohl die Begriffe „bedeutend“ als auch „Psychologe“ (Freud war kein Psychologe) sind hinterfragbar und der Definition bedürftig. Sie verweisen auf frühere Versuche, eine solche Liste zu erstellen, die alle immer nur ein Kriterium zur Messung der „Bedeutsamkeit“ herangezogen haben. „Bedeutsamkeit“ sei aber, so Haggbloom et al., ein sehr komplexes und multidimensionales Konstrukt, dass sich nicht in nur einem Maß erfassen lasse. Sie entscheiden sich daher, ein ganzes Bündel von Maßstäben heranzuziehen, um so die Schwäche jedes einzelnen Kriteriums auszugleichen. Sie beziehen sich dabei auf drei quantitative und mehrere qualitative Kriterien (die alle schon, wenn auch einzeln, in früheren Studien zur „Bedeutsamkeit“, herangezogen worden waren).

Ihr erstes quantitatives Kriterium ist die Zitierhäufigkeit, wie sie sie aus vier vorhergehenden Zitierlisten errechnen. Diese bezogen sich unter anderem auf Suchen nach der Zitierhäufigkeit in allen im Social Science Citation Index enthaltenen Psychologie-Journalen. Diese Liste führt Sigmund Freud an, gefolgt von Piaget und Eysenck, Skinner kommt erst an achter Stelle. Das zweite Kriterium ist die Häufigkeit, mit der jemand in Einführungen in die Psychologie erwähnt wird. Auch hier führt Freud, gefolgt von Skinner und Bandura. Ihr drittes quantitatives Kriterium sind die Ergebnisse einer Befragung von Mitgliedern der American Psychological Society (APS), die sie per E-Mail angeschrieben hatten. Obgleich die Rücklaufquote recht gering war (5,6%), halten die Autoren diese Liste für repräsentativ, da sich kein denkbarer Grund finden lässt, warum die Antwortenden anders hätten antworten sollen als die Nicht-Antwortenden. In dieser Befragung führt Skinner vor Piaget und Freud. Dies ist insofern aufschlussreich, als dieser Liste ein höhere Stellenwert zuzubilligen ist, denn sie spiegelt auch die fachliche Relevanz besser wieder als die beiden anderen Kriterien: Freud wird häufig zitiert, aber nur noch selten für relevant erachtet. Zudem gleicht die Befragung das Manko aus, dass ältere, am Beginn des Jahrhunderts publizierende Psychologen naturgemäß auch bis jetzt häufiger zitiert werden konnten.

Als qualitative Kriterien ziehen Haggbloom et al heran, ob die Person Präsident der American Psychological Association (APA) war, ob sie von dieser Vereinigung ausgezeichnet wurde, ob sie einen National Sciences Award erhielt und ob ein Begriff nach ihrem Namen geprägt wurde (wie z.B. „Skinner-Box“ oder „Freudianer“).

Alle diese Listen transformierten die Autoren mittels eines mathematischen Verfahrens (Logarithmisierung des Rangplatzes und z-Wert-Transformation) in eine einzige, die einen zusammengesetzten Wert der Bedeutsamkeit darstellte. Diese Liste nun führt Skinner an, gefolgt von Piaget und Freud.

Als Zweck der ganzen Übung geben Haggbloom et al an, dass sich diese Liste in der psychologisch-historischen Forschung sowie im Psychologie-Unterricht verwenden ließe.

Haggbloom, S. J., Warnick, R., Warnick, J. E., Jones, V. K., Yarbrough, G. L., Russell, T. M., Borecky, C. M., McGahhey, R., Powell, J. L., III, Beavers, J., & Monte, E. (2002). The 100 most eminent psychologists of the 20th century. Review of General Psychology, 6(2), 139-152. https://doi.org/10.1037/1089-2680.6.2.139

PS: Soweit ich weiß, sind die Autorinnen und Autoren keine Behavioristen und die Review of General Psychology ist keine behavioristische Zeitschrift.

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