Schlagwort-Archive: Zeugenaussagen

Falsche Geständnisse

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen verurteilt werden, weil sie eine Tat gestanden haben, die sie objektiv nicht begangen haben. Wie kann es – aus verhaltensanalytischer Sicht – dazu kommen?

In Gerichtsverfahren spielt das Geständnis des Angeklagten eine herausragende Rolle bei der Feststellung der Schuld. Doch eine nicht unerhebliche Anzahl an Geständnissen ist falsch. Dies wird deutlich, wenn sich z. B. in Untersuchungen des genetischen Fingerabdrucks herausstellt, dass der geständige Täter gar nicht der Täter gewesen sein kann. Eine Untersuchung aus den USA (vgl. Niland & Ortu, 2020) zeigte, dass bei der Überprüfung von 362 Verurteilungen der DNA-Beleg erwies, dass 28 % der Geständnisse falsch waren. Nach Ansicht von Experten spielen bei falschen Geständnissen drei Variablen eine Rolle: eine Person wird zu Unrecht als Verdächtiger in einem Verbrechen betrachtet, die polizeilichen Verhörmethoden beinhalten die Ausübung von Druck und Befragungen, die zur Voraussetzung haben, dass der Verdächtige auch der Täter ist und es werden Befragungstechniken eingesetzt, die den Verdächtigen dazu verleiten, in Form einer Verhaltensformung, nach und nach eine schlüssige Darstellung seiner Tatbeteiligung zu liefern. Bestimmte Personengruppen sind anfälliger dafür, falsche Geständnisse abzulegen, so unter anderem junge Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen, die unter großem Stress stehen.

Generell sollten Geständnisse kritisch betrachtet werden. Die laienhafte Vorstellung ist, dass es sich bei Erinnerungen um eine Art Computerdatei handelt, die von der Person beliebig abgerufen werden könnten. Tatsächlich aber ist das Sich-Erinnern ein Verhalten, das unter der Stimuluskontrolle aktueller Ereignisse steht (Palmer, 1991; Skinner, 1957, S. 142). Unsere Erinnerungen können uns insofern täuschen, als wir uns an etwas, das tatsächlich stattgefunden hat, nicht erinnern oder aber insofern als wir uns an etwas erinnern, dass tatsächlich nicht passiert ist. Die Person ordnet also etwas, was passiert ist, als unbekannt ein und etwas, was neu ist, als bekannt ein. Beim Sich-Erinnern spielt das Feedback der Umwelt eine Rolle. Wenn wir das Feedback erhalten, dass wir uns an etwas erinnern sollten, das aber tatsächlich nicht passiert ist, reagieren wir leicht auf dieses Feedback.

Eine bei der Polizei (in den USA) beliebte Methode zur Befragung von Verdächtigen ist die sogenannte Reid-Technik. Sie ist deshalb populär, weil behauptet wird, dass sie bei 80 % der befragten Personen zu einem Geständnis führen würde. Dabei wird nicht zwischen korrekten und falschen Geständnissen unterschieden. Merkmale dieser Technik bestehen darin, den Verdächtigen zu isolieren, eine stressende Umgebung zu schaffen und die suggestiven Techniken der Maximierung und Minimierung zum Einsatz zu bringen. Die Maximierung besteht darin, die positiven Folgen eines Geständnisses für den Verdächtigen hervorzuheben (z. B. dass er sich dann erleichtert fühlen würde und dass der Befrager ihn dann mögen würde). Die Technik der Minimierung besteht beispielsweise darin, dass man die Schuld des Verdächtigen an dem Verbrechen minimiert (z. B. dass er nur in Notwehr gehandelt habe).

Niland und Ortu (2020) gehen davon aus, dass gerade diese Techniken dazu beitragen, dass bei dem Verdächtigen ein falsches Geständnis geformt werden kann. Wenn die befragenden Polizisten beispielsweise nahe legen, dass das Opfer an einem öffentlichen Platz körperlich attackiert wurde, kann dies bei dem Verdächtigen sprachliches Verhalten stärken, dass Wörter wie „Kampf“, „Streit“, „zuschlagen“ und „draußen“ beinhaltet. Die Technik der Maximierung stellt aus verhaltensanalytischer Sicht etablierende Operationen für ein Geständnis bereit; die Aussagen der verhörenden Polizisten machen die Verstärker für das Äußern eines Geständnisses wirksamer und sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Verdächtige gesteht. Auch die Androhung oder tatsächliche Ausübung von körperlicher Gewalt durch die Polizisten kann als etablierende Operation für ein Geständnis wirken. Das Geständnis wird hier negativ verstärkt, indem die Drohung weggenommen wird.

Wie kommt es nun aber dazu, dass Verdächtige in ihren falschen Geständnissen teilweise sogar detaillierte Beschreibungen des Tatorts und des Tathergangs liefern und dass sie selbst diese Aussagen für authentische Erinnerungen halten? Die Aussagen des Verdächtigen werden in vielerlei Weise durch die Fragen der Polizisten gepromptet. Hier spielen die Ergebnisse von Loftus und Palmer (1974) eine Rolle. Diese zeigten ihren Versuchspersonen das Video eines Autounfalls. Anschließend befragten sie die Versuchspersonen. Ein Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Autos gewesen sein, als sie ineinandergekracht sind. Ein anderer Teil der Versuchspersonen wurde gefragt, wie schnell die Fahrzeuge waren als sie sich berührten. Im ersten Fall schätzten die Versuchspersonen die Geschwindigkeit der Fahrzeuge deutlich höher ein als im zweiten Fall. Das Wort „ineinanderkrachen“ (smash) veranlasste die Versuchspersonen auch deutlich häufiger, sich an zersplitterte Glas in dem Video zu erinnern, obwohl in dem Video kein verspätetes Glas zu sehen gewesen war. Die Fragen der Polizisten sind Prompts, die dem Verdächtigen anzeigen, welche Aussagen von ihm zu Verstärkung führen werden (z. B. in Form von Anerkennung und Zustimmung durch die Polizisten) und welche nicht. Durch die Kombination aus Prompts und differentieller Verstärkung formen die befragenden Polizisten so nach und nach die Aussage des Verdächtigen, ohne dies bewusst beabsichtigt zu haben. Doch auch das Verhalten der Polizisten unterliegt Verstärkungskontingenzen. Das Geständnis des Verdächtigen wird sehr hoch bewertet und den befragenden Polizisten als Verdienst angerechnet. Nähert sich der Verdächtige in seinen Aussagen nach und nach dem Geständnis an, wirkt dies als Verstärkung auf das Verhalten der Polizisten, die Aussagen des Verdächtigen zu prompten und differenziell zu verstärken.

Viele Verdächtige, die ein falsches Geständnis abgelegt haben, widerrufen dieses falsche Geständnis wieder, sobald sie aus der Situation der Befragung herausgehen, also nicht mehr den Kontingenzen des Verhörs unterliegen. Doch einige Verdächtige halten tatsächlich an einem objektiv falschen Geständnis fest. Um dies verstehen zu können, müssen wir uns wieder vor Augen halten, dass das Sich-Erinnern nicht der Zugriff auf eine Datei auf einer Festplatte in unserem Kopf ist. Wir haben im Lauf unseres Lebens gelernt, uns korrekt zu erinnern, in dem wir von außen Feedback für unsere Erinnerungen erhielten. Unsere Eltern befragten uns beispielsweise danach, wen wir im Kindergarten getroffen haben und sie reagierten positiv auf Äußerungen, die wahrscheinlich der Wahrheit entsprachen und negativ auf Äußerungen, die wahrscheinlich (aus Sicht der Eltern) nicht der Wahrheit entsprachen. Wenn wir uns nun, im Erwachsenenalter, an etwas erinnern, prüfen wir ebenfalls die Plausibilität unserer Erinnerung daran, ob sie zu anderen Informationen passt. Fehlen diese Hinweise oder sind sie durch den Prozess des Verhörs durch andere Informationen (die die Polizisten nahelegten) überlagert, können wir zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Der Verdächtige meint dann, auch wenn er sich ursprünglich nicht direkt daran erinnern konnte, dass es wohl tatsächlich so gewesen sein muss, wie die Polizisten nahegelegt haben.

Niland und Ortu (2020) analysierten mehrere Verhörprotokolle, die zu einem falschen Geständnis geführt hatten, auf die darin vorkommenden verbalen Episoden. Eine verbale Episode ist im Grunde so etwas ähnliches wie die Dreifachkontingenz, nämlich die Abfolge von Stimulus (z. B. Frage), Verhalten (z. B. der Aussage des Verdächtigen) und Konsequenz (der Reaktion des Polizisten). Insbesondere zeigte sich dabei, dass Autoclitics (wie z. B: „ich glaube, dass“ oder „es könnte sein“) in den Äußerungen der Verdächtigen eine große Rolle spielen. Niland und Ortu (2020) erläutern, dass Autoclitics eine schwache oder fehlende Kontrolle des sprachlichen Verhaltens durch die Variablen, die das sprachliche Verhalten eigentlich kontrollieren sollten (d. h., tatsächliche Erinnerungen), anzeigen. Sie geben Des weiteren Empfehlungen, wie sich Verhaltensanalytiker als Gutachter positionieren sollten. Sie sollten in ihren Ausführungen vermeiden, die Speicher- und Abruf-Metaphern der Gedächtnispsychologie zu verwenden. Diese Metaphern legen nahe, dass Erinnerungen entweder wahr oder nicht vorhanden sind. Ein falsches Geständnis kann so von den am Prozess Beteiligten weniger wahrscheinlich als ein falsches Geständnis akzeptiert werden. Dem Einwand, dass ein falsches Geständnis zu gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen führt und dass es deshalb unplausibel sei, dass die Person sich selbst belaste, obwohl sie unschuldig sei, kann man damit begegnen, dass die gravierenden negativen Folgen für den Verdächtigen zeitlich weiter entfernt liegen als die unmittelbaren positiven Folgen des falschen Geständnisses (Prinzip der Kontiguität). Dem Einwand, wie der Verdächtige in seinem falschen Geständnis Details der Tat habe äußern können, die nur der Täter kennen können, kann man damit begegnen, dass es genügt, dass die Polizisten, die das Verhör durchgeführt hatten, den Tatablauf kannten. Die Fragen der Polizisten können, auch ohne dass die Polizisten dies beabsichtigt haben, Aussagen des Verdächtigen gepromptet haben, die mit dem (ihm eigentlich unbekannten) Tatablauf übereinstimmen. Auch tauchen falsche Geständnisse in der Regel nicht aus dem Nichts auf, sondern sie werden im Verlauf des Verhörs geformt. Erst nach und nach wird das falsche Geständnis zu einem glaubhaften Geständnis. Dies geschieht im Wechselspiel zwischen Aussagen des Verdächtigen und Fragen und Reaktionen der Polizisten. Niland und Ortu (2020) schließen mit der eigentlich selbstverständlichen Feststellung, dass unter keinen Umständen ein Geständnis der einzige oder der hauptsächliche Beleg für die Schuld des Angeklagten sein sollte. Polizisten, die Verdächtige verhören, sollten nicht unter Druck gesetzt werden, dass sie einen Fall schnell lösen müssen, da dies bei für die Polizisten Verstärkungskontingenzen schafft, die die Formung eines falschen Geständnisses beim Verdächtigen begünstigen.

Literatur

Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of automobile destruction: An example of the interaction between language and memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13(5), 585-589. https://doi.org/10.1016/s0022-5371(74)80011-3

Niland, H., & Ortu, D. (2020). Confessions selected by consequences: An operant analysis of false confessions and interrogation techniques. Behavior and Social Issues. https://doi.org/10.1007/s42822-019-00025-8

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Context Press.

Skinner, B. F. (1957). Verbal Behavior. Copley Publishing Group.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Shaping, Stimuluskontrolle, Verhaltensanalyse