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Wie man Vorurteile wirksam abbaut

Eine Studie in Science zeigt, dass man Vorurteile abbauen kann, indem man die betroffene Person bittet, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen sie diskriminiert wurde.

Zur Frage, wie man Einstellungen und insbesondere Vorurteile verändern kann, gibt es Hunderte von Studien. Bei der Mehrzahl dieser Studien (60 %) handelt es sich jedoch nicht um Experimente, sodass auch kaum Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkung von Interventionen gezogen werden können (Paluck, 2016). Bei 29 % der Studien handelt es sich um Laborexperimente (zum Beispiel mit Psychologiestudenten), deren Ergebnisse wenig über die Möglichkeiten, wie man in der Realität die Einstellungen von Wählern und anderen Personen verändern kann, aussagen. Die restlichen 11 % der Studien sind Feldexperimente, wobei jedoch nur in einem Prozent der Studien tatsächlich getestet wurde, ob die Einstellungen von erwachsenen Personen durch bestimmte Maßnahmen (wie zum Beispiel Werbekampagnen) tatsächlich verändert werden können. Aus den vorliegenden Studien kann man allerdings bereits ableiten, dass Einstellungen sich dann ändern, wenn Personen aus dem Bekanntenkreis die einstellungsändernden Informationen übermitteln, wenn sich die Person persönlich durch das Thema angesprochen fühlt u. a. m.

Broockman und Kalla (2016) berichten über ein randomisiertes und kontrolliertes Feldexperiment, in dem die Einstellung von Wählern im US-Bundesstaat Florida gegenüber Transsexuellen längerfristig (über drei Monate) verändert werden konnten. Stimmenwerber, die sich selbst gegenüber den befragten Personen als transsexuell oder nicht transsexuell bezeichneten, suchten persönlich 501 Haushalte auf, die zuvor an einer Onlinebefragung zu verschiedenen Themen teilgenommen hatten. In einem Teil der Haushalte (der Kontrollgruppe) wurde über den Umweltschutz gesprochen. In den anderen Haushalten sprach der Stimmenwerber zunächst das Thema Transsexualität an und bat die befragte Person dann, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie selbst von anderen Menschen schlecht angesehen wurden, weil sie anders waren als diese Menschen (analoger Perspektivenwechsel). Die ganze Befragung dauerte nicht länger als 10 Minuten. Die Intervention hatte aber einen signifikanten, dauerhaften Einfluss auf die Einstellung der befragten Personen gegenüber Transsexuellen sowie deren Bereitschaft, für ein Gesetz zu stimmen, dass die Rechte von Transsexuellen stärken soll. In Nachbefragungen, an denen die Haushalte via Internet teilnahmen, hielt diese Veränderung auch noch drei Wochen, sechs Wochen und drei Monate später an. In der Kontrollgruppe zeigten sich keine vergleichbaren Veränderungen. Die Veränderung in den Einstellungen war bedeutsam; sie entspricht im Ausmaß der Veränderung in den Einstellungen amerikanischer Bürger gegenüber Homosexuellen im Zeitraum von 1989 bis 2012. Interessanterweise hatte der Umstand, dass ein Teil der Stimmenwerber sich selbst als transsexuell offenbarte, keinen zusätzlichen Einfluss auf die Einstellungsänderung der Befragten. In der Einstellungsforschung geht man oft davon aus, dass der Kontakt zu den Angehörigen einer Minderheit die Vorurteile gegenüber dieser Minderheit verringere. Als deutlich wirksamer erwies sich jedoch die Methode des analogen Perspektivenwechsels, also die Aufforderung, sich selbst an Situationen zu erinnern, in denen man diskriminiert wurde. Die Intervention wurde von Mitarbeitern und Unterstützern einer amerikanischen Organisation, die sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen einsetzt, entworfen. Diese führten auch die Befragungen vor Ort durch. Ob es sich um einen erfahrenen Stimmenwerber oder einen Neuling handelte, hatte keinen systematischen Einfluss auf den Erfolg der Intervention.

Literatur

Broockman, D. & Kalla, J. (2016). Durably reducing transphobia: A field experiment on door-to-door canvassing. Science, 352(6282), 220-224.

Paluck, E. L. (2016). How to overcome prejudice. Science, 352(6282), 147-147.

 

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Psychologiestudenten haben die meisten falschen Vorstellungen über Verhaltensanalyse

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass die überzeugtesten Ablehner der Verhaltensanalyse auch die un- und falschinformiertesten sind: (kognitive) Psychologen.

Erik Arnzten et al. (2010) gaben 306 Teilnehmern einen Fragebogen vor, der insgesamt 22 falsche Vorstellungen (Vorurteile und Fehlinformationen) über die Verhaltensanalyse / den Behaviorismus abfragte (z. B. „Verhaltensanalytiker verwenden vor allem elektrische Schocks“, „Verhaltensanalytiker meinen, dass Verhalten vor allem durch Reize, die dem Verhalten vorausgehen, gesteuert wird“). Die Teilnehmer stammten aus fünf verschiedenen Gruppen, alle aus Norwegen:

  1. Studenten der Bioingenieurswissenschaften (als „naive“ Teilnehmer)
  2. Studenten der („traditionellen“) Psychologie
  3. Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit
  4. Lehrkräfte an Krankenpflegeschulen
  5. Studenten eines Fortgeschrittenenkurses in Verhaltensanalyse

Teilnehmer in allen Gruppen hatten falsche Vorstellungen von Verhaltensanalyse. Am ausgeprägtesten waren jedoch die falschen Vorstellungen der Studenten der Psychologie. Sie hatten sogar noch etwas mehr falsche Vorstellungen als die „naiven“ Teilnehmer. Selbst die Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit hatten korrektere Vorstellungen von der Verhaltensanalyse. Die falschen Vorstellungen der Psychologiestudenten betrafen nicht nur Fragen der Einstellung gegenüber Verhaltensanalyse und Behaviorismus, sondern auch einfache Wissensfragen („Negative Verstärkung ist ein anderes Wort für Bestrafung“ – das ist eindeutig falsch).

Falsche Vorstellungen über Verhaltensanalyse können sich aus mehreren Quellen speisen: den Medien, Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern. Im Fall der Psychologiestudenten gehen die Autoren davon aus, dass die falschen Vorstellungen aus den Lehrbüchern der Psychologie stammen. Viele dieser Lehrbücher stellen die Verhaltensanalyse und den Behaviorismus falsch dar (vgl. Todd & Morris, 1983).
Die Ergebnisse von Arntzen et al. (2010) bestätigen die Ergebnisse früherer Untersuchungen, insbesondere den Befund von Lamal (1995).

Literatur

Arntzen, Erik; Lokke, Jon; Lokke, Gunn & Eilertsen, Dag-Erik. (2010). On misconceptions about behavior analysis among university students and teachers. The Psychological Record, 60(2), 325-336. PDF 214 KB

Lamal, P. A. (1995). College students’ misconceptions about behavior analysis. Teaching of Psychology, 22(3), 177-179. PDF 379 KB

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1983). Misconceptions and miseducation: Presentation of radical behaviorism in psychology textbooks. The Behavior Analyst, 6(2), 153-160. PDF 1,31 MB

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