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Selbstverstärkung?

(Positive) Verstärkung bedeutet, dass auf ein Verhalten eine Konsequenz (kontingent) folgt und dass sich im Nachgang die Häufigkeit, mit der dieses Verhalten auftritt, erhöht. Bisweilen aber liest man auch den Begriff der Selbstverstärkung. Was ist eigentlich „Selbstverstärkung“? Gemeinhin wird der Begriff verwendet, wenn eine Person sich selbst einen Verstärker verabreicht, z. B. wenn ein Student sich für das Lernen mit einer Tafel Schokolade oder der Erlaubnis, fernsehen zu dürfen, belohnt. In gewisser Weise, so stellte schon Skinner (1953, S. 237) fest, ist jeder Verstärker ein selbst-verabreichter, den es ist das eigene Verhalten, das diesen Verstärker „produziert“ hat. Israel Goldiamond (1976) fragt sich, was „Selbstverstärkung“ denn nun genau sein soll und ob Selbstverstärkung wirklich „Verstärkung“ ist.

Goldiamond betrachtet zwei sehr ähnliche Fälle:

  • Ein „programmiertes“ Lehrbuch (wie z. B. Holland & Skinner, 1974): Hier soll der Nutzer des Lehrbuchs seine Antwort auf eine Frage in das Lehrbuch schreiben, anschließend blättert er die Seite um und kann erkennen, ob seine Antwort korrekt war. Wenn sie korrekt war, soll dadurch das richtige Antworten verstärkt werden.
  • Ein Lernprogramm: Der Nutzer tippt seine Antwort auf eine Frage auf dem Monitor in die Tastatur und drückt auf „Return“. Anschließend zeigt ihm der Computer an, ob die Antwort richtig war („Gut, das ist richtig!“) oder nicht. Auch dieses „Lob“ des Computers soll das richtige Antworten verstärken.

Im ersten Fall war es der Leser, der sich selbst mit der Konsequenz versorgt, wohingegen im zweiten Beispiel der Computer die Konsequenz bereitstellt.

Zwei weitere Fälle:

  • Ein Student erlaubt sich erst, ins Kino zu gehen, wenn er seine Seminararbeit abgegeben hat.
  • Der Student gibt das Kinoticket seinem Freund, der es ihm erst dann zurückgeben soll, wenn er die Arbeit abgegeben hat.

Auch hier würden wir den ersten Fall als Selbstverstärkung, den zweiten als „Fremd-Verstärkung“ bezeichnen.

Von Selbstverstärkung sprechen wir also dann, wenn die Konsequenz der Handlung (der mögliche Verstärker) von der handelnden Person selbst bereitgestellt wird, wenn sie ursächlich dafür verantwortlich ist. Streng genommen geht es darum, wer feststellt, dass die Anforderung an das Verhalten erfüllt wurde, sodass die Konsequenz bereitgestellt werden kann.

Es bleibt die Frage, ob „Selbstverstärkung“ wirkliche, operante Verstärkung ist.

In der typischen Skinner-Box ist es in der Regel nicht der Versuchsleiter selbst, der das Verhalten der Ratte oder Taube mit Futterkügelchen verstärkt. Vielmehr ist der Vorgang automatisiert. Sobald die Ratte den Hebel drückt und dabei einen Stromkreis schließt, öffnet sich der Spender und die Ratte erhält ein Futterkügelchen. Hier ist es die technische Ausstattung der Skinner-Box, die gewissermaßen feststellt, ob die Anforderungen an das Verhalten erfüllt wurden, sodass die Konsequenz eintritt. Diese Festlegung ist unabhängig vom Verhalten der Ratte. Hinzu kommt, dass der Begriff „Verstärker“ nur dann sinnvoll ist, wenn er Bestandteil einer Kontingenz ist, eines regelhaften Zusammenhangs zwischen Umweltvariablen und Verhalten. Der Verstärker ist die Konsequenzenkomponente der Verstärkungskontingenz.

Bei der Selbstverstärkung aber, so Goldiamond (1976), gibt es keine Kontingenz, keine regelhafte Beziehung zwischen dem Zielverhalten und der Konsequenz. Die Frage lautet schlicht und einfach, aufgrund wessen Evaluation des Verhaltens die Konsequenz bereitgestellt wird. Eine Verstärkungskontingenz erfordert, dass diese Evaluation unabhängig vom Subjekt geschieht.

Goldiamond (1976) gibt ein, wie er findet, echtes Beispiel für Selbstverstärkung: Eine Patientin, die aufgrund ihres ständigen Kratzens viele Hautverletzungen hatte, lernte, ihr Kratzen von ehedem 180 Minuten in der Woche auf 30 Sekunden zu reduzieren. Eine Konsequenz dieses selteneren Kratzens war der Rückgang der Hautverletzungen von 80 unterschiedlich großen Verletzungen am ganzen Körper auf 10 kleinere. Dies ist echte Selbstverstärkung, denn die Evaluation, ob die Art und Weise, wie die Patientin sich selbst berührte, Kratzen einschloss oder nicht, war unabhängig von ihrer eigenen Einschätzung. Ihre Haut selbst evaluierte ihr Verhalten.

Goldiamond (1976) rät letztlich davon ab, den Begriff „Selbstverstärkung“ zu verwenden. Er gleicht einem Erklärungsplacebo und lenkt unsere Aufmerksamkeit von den wirklichen Kontingenzen ab.

Es bleibt die Frage, ob ein Verfahren, wie das oben beschriebene (Schokolade gibt es erst, wenn die Seminararbeit fertig ist), wirkt, in dem Sinne, dass die Seminararbeit leichter von der Hand geht, künftig mehr Seminararbeiten geschrieben werden o. ä. Die Antwort lautet m. E.: Das kann schon sein. Aber der Prozess, der hier wirkt, ist nicht die unterstellte einfache Verstärkungsprozedur. Eher schon denke ich hier an das regelgeleitete Verhalten (wie es bei der Selbstkontrolle, die der Student ausüben muss, eine Rolle spielt). Aber das gilt nicht für alle Fälle, die gemeinhin als „Selbstverstärkung“ bezeichnet werden, gleichermaßen. Ein weites Feld.

Anmerkung für Nicht-Verhaltensanalytiker: Der Fall, dass man, nachdem man z. B. eine Arbeit abgeschlossen hat, eine tiefe Befriedigung empfindet, ist noch mal was ganz anderes. Die Befriedigung ist kein Verstärker für das Arbeiten (vgl. auch hier). Die Befriedigung ist selbst ein Teil des Verhaltens. Das gilt auch für alle anderen Fälle einer „verdeckten“ Verstärkung – die gibt es nicht. Ein Verstärker ist immer ein Ereignis in der Umwelt des Subjekts. Auch das ein weites Feld.

Literatur

Goldiamond, Israel. (1976). Self-reinforcement. Journal of Applied Behavior Analysis, 9(4), 509-514. PDF 785 KB

Holland, J.G. & Skinner, B.F. (1974). Analyse des Verhaltens. Zweite, überarbeitete Auflage. München: Urban & Schwarzenberg.

 

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Es ist nie zu spät für gute Vorsätze

Neujahr ist schon länger her, aber man kann sich auch unterm Jahr etwas vornehmen. Das Problem mit guten Vorsätzen ist nur, dass ihre Halbwertszeit sehr begrenzt ist.

Megan Coatley (2014) hat einige einfache Ratschläge, wie man seine Neujahrsvorsätze umsetzen kann:

  • Setze dir nicht zum Ziel, mit irgendetwas aufzuhören. Wenn möglich, setze dir zum Ziel, eine bestimmte Sache häufiger zu machen. Statt sich vorzunehmen, keine Süßigkeiten mehr zu essen, sollte man sich bspw. besser vornehmen, mindestens dreimal am Tag Obst zu essen oder mindestens 8 Gläser Wasser zu trinken. Es ist leichter, ein Verhalten aufzubauen, als ein Verhalten ersatzlos sein zu lassen. Je mehr man das erwünschte Verhalten zeigt, desto seltener tritt dann automatisch das unerwünschte Verhalten auf (eine Erkenntnis, die sich auch die verhaltensorientierte Arbeitssicherheit, Behavior Based Safety, BBS, zunutze macht).
  • Setze dir spezifische Ziele, z. B. an drei Tagen in der Woche zu trainieren, statt ein unspezifisches Ziel wie das Abnehmen von so und so viel Kilogramm Körpergewicht. Wenn man die vielen kleinen spezifischen Ziele erreicht, erreicht man, ohne es direkt angestrebt zu haben, auch das große Ziel, Gewicht abzunehmen.
  • Nimm dir nicht einfach vor, Mitglied im Fitnessstudio zu werden, sondern plane sinnvoll, was du eigentlich damit erreichen willst. Wähle dann aufgrund deiner Vorlieben und Ziele die Aktivität, die für dich am sinnvollsten ist. Wenn du keine Menschenmengen magst und außerdem eine halbe Stunde Umweg fahren müsstest, um ins Fitnessstudio zu kommen, ist evtl. eine andere Aktivität erfolgversprechender (z. B. Waldläufe, die du von zuhause aus beginnen kannst).
  • Nimm dir nicht etwas aus schlechtem Gewissen heraus vor, z. B. mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, wenn dabei die Dinge leiden, die du für dich tust. Wenn du selbst erholt und mit dir im Reinen bist, bist du auch für deine Umwelt eine Bereicherung.
  • Nimm dir nicht nur vor, sparsamer zu sein, sondern setze dir ein Ziel, z. B. für eine bestimmte Sache zu sparen. Breche deine Spar-Ziele auf kleine Schritte herunter, z. B. einen Betrag, den du jeden Monat auf Seite legst. Belohne dich für das Einhalten deines Spar-Plans, indem du dir (geplant) immer wieder etwas gönnst (z. B. darfst du dir einen Kinobesuch gönnen, wenn du 100 € auf Seite legst und sie am Ende des Monats nicht angegriffen hast).

Alles in allem sollten gute Vorsätze

  • klein und leicht zu erreichen sein.
  • spezifisch und verhaltensbezogen sein.
  • in Hinsicht auf eine Belohnung geplant werden.
  • einer nach dem anderen abgearbeitet werden.
  • immer wieder überprüft und angepasst werden.

Literatur

Coatley, Megan. (2014). The worst New Year’s resolutions you can make start strong by stating with the right goals. The Current Repertoire, 30(1). PDF 224 KB

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