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Einfach ist schwer was – Zum Beispiel die multiple Kontrolle sprachlichen Verhaltens

Die Prinzipien der Verhaltensanalyse sind einfach. Diese Einfachheit bedeutet wissenschaftliche Sparsamkeit. Wenn eine Theorie mit wenigen Prinzipien sehr viel erklärt, gilt dies gemeinhin als ein Gütekriterium für diese Theorie. Anders bei der Verhaltensanalyse. Dieser wird gerne der Vorwurf gemacht (z. B. Chomsky, 1959), ihre Erklärungen können nicht zutreffen, da komplexe Dinge wie die menschliche Sprache auch komplexe Erklärungen benötigten. Tatsächlich aber kann man mit einfachen Prinzipien auch komplexe Sachverhalte erklären. Man muss nur berücksichtigen, dass diese Prinzipien auf komplexe Art und Weise zusammenwirken können. Die Natur ist komplex, auch wenn die Vorgänge in der Natur auf wenige einfache Prinzipien zurückgeführt werden können (das ist das Prinzip des Reduktionismus):

„The simplicity of a principle does not protect us from complexity of nature“ (Michael et al., 2011, S. 3).

Verhalten wird durch vorausgehende Bedingungen und Konsequenzen geformt. Verhaltensanalytiker sagen, das Verhalten stehe unter Stimulus- und Verstärkerkontrolle. Dabei ist es in den seltensten Fällen so, dass ein Verhalten nur von einem Stimulus kontrolliert wird. Dies gilt auch und vor allem für sprachliches Verhalten. Skinner (1957) spricht von der multiplen Kontrolle des Verhaltens. Die multiple Kontrolle von Verhalten gibt es nach Michael et al. (2011) in zwei Varianten: Konvergente multiple Kontrolle bedeutet, dass verschiedene Variablen (z. B. Stimuli) ein Verhalten kontrollieren. Die Äußerung „Eisenhower“ kann durch eine Vielzahl von Variablen kontrolliert werden, durch ein Foto des Mannes, durch das geschriebene Wort „Eisenhower“ und durch das Wort „Chruschtschow“. Die Wirkung dieser Variablen ist additiv, d. h. mit jeder Variable mehr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Wort geäußert wird. Manche Variablen tragen positiv, andere negativ dazu bei. Divergente multiple Kontrolle bedeutet, dass eine Variable mehrere Verhaltensweisen kontrolliert. Beispielsweise könnte eine motivierende Operation wie etwa Wassermangel die Wahrscheinlichkeit für eine Vielzahl von Mands beeinflussen, wie etwa „Wasser“, „trinken“, „durstig“.

Gemeinsame Kontrolle (Joint Control) ist eine Sonderform der multiplen Kontrolle. Ein Beispiel: Jemand soll herausfinden, welche Person auf einer Seite im Telefonbuch die Nummer 325687 hat. Die Person wird nun die Nummern auf dieser Seite durchgehen und dabei gelegentlich die Nummer für sich wiederholen. Wenn sie die richtige Nummer gefunden hat, konvergieren die textuale und die echoische Kontrolle ihres Verhaltens, die gemeinsame Kontrolle beginnt.

Bedingte Diskrimination (Conditional Discrimination) ist ebenfalls ein Fall von multipler Kontrolle. Ein Beispiel: Wenn die Ampel auf Grün schaltet, fährt man los, aber nur, wenn das Auto vor einem auch los fährt.

Literatur

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

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