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Wissenschaftstheorie: War die „Kognitive Wende“ eine wissenschaftliche Revolution?

Die sogenannte kognitive Wende in der Psychologie wird gerne als eine wissenschaftliche Revolution betrachtet. Der Umstand, dass sich im Lauf der fünfziger Jahre immer mehr Psychologen vom Behaviorismus abwandten und die sogenannte kognitive Psychologie begründeten, wird als Beleg dafür genommen, dass das behavioristische Paradigma überkommen und unfruchtbar geworden war. In der Tat scheint die Argumentation, nach O’Donohue et al. (2003) folgendermaßen zu verlaufen:

  1. Es gab eine wissenschaftliche Revolution
  2. Nach Popper zeigt eine wissenschaftliche Revolution an, dass die ältere Theorie aufgrund von falsifizierenden Daten der neueren Theorie unterlag.
  3. Also wurde das behavioristische Forschungsprogramm aufgrund falsifizierender Daten ad acta gelegt.

Tatsächlich hat aber nach den Maßstäben der Wissenschaftstheorie keine „Revolution“ stattgefunden. O’Donohue et al. (2003) vergleichen die Aussagen der wichtigsten Wissenschaftstheoretiker (Popper, Kuhn, Lakatos, Laudan und Gross) darüber, was eine wissenschaftliche Revolution ausmacht, mit den Aussagen einiger der wichtigsten Vertreter der kognitiven Wende und kommen zu dem Ergebnis, dass keine wissenschaftliche Revolution im traditionellen Sinne stattgefunden hat. Am besten wird die kognitive Wende als ein sozio-rethorisches Phänomen (im Sinne Gross‘) beschrieben.

O’Donohue et al. (2003) greifen dabei zum einen auf die Ergebnisse eines Fragebogens zu, den sie an sechs bedeutende Proponenten der kognitiven Wende versendeten, zum andern auf die Aussagen anderer bedeutender „Kognitivisten“ (wie z. B. Noam Chomsky und Ulric Neisser), wie sie in einem Buch zum Thema, Baars (1986) The Cognitive Revolution in Psychology, niedergelegt sind.

Nach Popper ist eine wissenschaftliche Revolution dann gegeben, wenn die alte Theorie falsifiziert wurde und wenn die neue Theorie über mehr „Erklärungs- und Vorhersagekraft“ verfügt, in dem Sinne, dass sie mehr empirische Daten erklären kann und logisch stringenter ist. Von der kognitiven Wende kann dies nicht behauptet werden. Keiner ihrer Hauptvertreter kann konkrete empirische Daten nennen (z. B. Ergebnisse von Experimenten), die das behavioristische Forschungsprogramm falsifiziert hätten oder die nicht mehr mit den Mitteln dieses Programms hätten erklärt werden können. Vielmehr sprechen Kognitivsten wie Philip Johnson-Laird von kleineren (prinzipiell aber lösbaren) Ungereimtheiten (embarrassments ), die sie sich vom Behaviorismus abwenden ließen.

Nach Kuhn ist eine wissenschaftliche Revolution dann zu erwarten, wenn die alte Theorie in einem „Meer von Anomalien“ ertrinkt und eine neue Theorie einen besseren Ansatz aufweist, mit dem sie die Anomalien auflösen kann. Die Probleme, die sich bei der behavioristischen Forschung zeigten, wurden durch die kognitive Wende nicht gelöst (vielmehr kam die weiter fortbestehende behavioristische Forschung nach und nach selbst damit klar). Kognitivisten beschäftigten sich lieber mit anderen Themen als die Behavioristen zu dieser Zeit schwerpunktmäßig. Von einem „Meer von Anomalien“ gar kann keiner der befragen Kognitivisten sprechen, im Gegenteil, ihnen fallen kaum Beispiele für „Anomalien“ ein (die den Namen verdienten).

Lakatos sieht eine wissenschaftliche Revolution dann heraufziehen, wenn sich die alte Theorie zunehmend auf Ad-hoc-Strategien verlegen muss, um auftretende Anomalien zu bewältigen. Ein typisches Beispiel sind die Epizykel, mit denen das ptolemäische Weltbild gerettet werden sollte. Ein progressives Forschungsprogramm dagegen kann nicht nur die Anomalien des degenerierenden Programms beseitigen, es schreitet gewissermaßen theoretisch der Empirie voraus: Neue Fakten werden theoretisch vorausgesagt, nicht die Theorie post hoc zu den Tatsachen „passend gemacht“. Der behavioristische Forschungsansatz hörte aber damals, auch nach Aussage der Kognitivsten, nicht auf, neue Voraussagen zu treffen. Auch trifft es nicht zu, dass Anomalien nur mehr mit Ad-hoc-Strategien gelöst wurden. Die Kognitivisten können sich nicht auf einen empirischen Befund einigen, der den Behaviorismus in Bedrängnis gebracht hätte, vom Kognitivismus aber elegant gelöst worden wäre. Die wenigen genannten Befunde (überhaupt zogen es die Befragten, auch auf konkrete Nachfragen, vor, allgemeine Aussagen zu machen und biographische Details auszuführen, anstatt Forschungsergebnisse zu benennen) sind aus behavioristischer Sicht eher „kleine Probleme“. Ein experimentum crucis fand sich nicht: „proponents of the revolution have yet to impart how the cognitive program is progressing when compared to the degenerating behavioral program. Namely, what are these `cataclysmic´ data that `drowned´ the behavioural program in an `ocean of anomalies´“? (S. 97).

Laudan hebt auf die höhere Problemlösefähigkeit der neuen Theorie ab, wenn er die Gründe für wissenschaftliche Revolutionen betrachtet. Die behavioristische Forschungstradition hätte demnach intern inkonsistent sein müssen, metaphysische Annahmen machen müssen, Prinzipien verletzen müssen, die sie begründet hatte und sich nicht in Einklang mit übergreifenden Theorien (z. B. der Evolutionstheorie 1) bringen lassen können. Die kognitive Psychologie müsste demnach viel mehr empirische Probleme lösen können als die Verhaltensanalyse, insbesondere solche, die der Behaviorismus nicht zu lösen imstande ist. Dies kann durch die Aussagen der befragten Kognitivsten nicht bestätigt werden. Sie sprechen dem kognitiven Forschungsprogramm mehr „Attraktivität“ zu als dem behavioristischen, nicht aber eine bessere Problemlösefähigkeit.

Gross` Perspektive kommt dem, was bei der kognitiven Wende stattfand, noch am nächsten. Diese war ein soziologisches Phänomen. Die Psychologen schienen nach und nach überzeugt zu sein, dass das kognitive Forschungsprogramm erfolgversprechender sei als das behavioristische. Dieser Wandel war nicht logisch begründet. Er lässt sich am besten als ein Überzeugungsprozess beschreiben, bei dem es dem Überzeugten nachher schwer fällt, zu erklären, was ihn denn nun überzeugt habe. Überzeugend waren bei der kognitiven Wende – so bestätigen es auch die Aussagen der Befragten – vor allem die (in der Regel rein theoretischen, d. h. keine neue empirische Forschung referierenden) Bücher der Vorreiter des Kognitivismus. Der Vorzug der kognitiven Psychologie ist, dass sie wesentlich „lebensnaher“ und an das Alltagsverständnis angelehnt schreiben (können) als die an die Regeln einer Naturwissenschaft gebundenen Behavioristen. Hinzu kam der Reiz des Neuen: Wer zur fraglichen Zeit im behavioristischen Programm blieb, der musste erst den ganzen, bis dahin schon recht umfangreichen Grundstock an Forschung begreifen und berücksichtigen. Das kognitivistische Forschungsprogramm war dagegen ein unentdecktes Land, mit vielen Möglichkeiten, Phänomene neu, nämlich als „kognitive“ Phänomene, zu untersuchen und zu beschreiben.

1 Speziell hier stellt die kognitive Wende einen eindeutigen Rückschritt dar: Man fragt, sich welchen adaptiven Wert die zahlreichen „kognitiven Prozesse“ haben sollen, die von den Kognitivisten angenommen werden. Das operante Konditionieren passt sehr gut zur biologische Evolution (und ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Evolution auf der Ebene des Individuums).

Literaturangabe:
O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26, 85-110. https://doi.org/10.1007/BF03392069

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Mythen der Psychologie: Die „kognitive Wende“

Die USA und Europa in den 50er Jahren: Die Psychologie ist komplett in den Händen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Behaviorismus leugnet, dass Menschen denken oder fühlen und unterdrückt jede andere Meinung. Doch da naht Rettung in Form einiger weniger Lichtgestalten. Sie beginnen eine glorreiche Revolution, die der Psychologie einen ungeahnten Erkenntnisfortschritt bringt. Seitdem liegt das Reich der bösen Behavioristen in Trümmern. Freundliche und einfühlsame kognitive Psychologen verbreiten ihre Erkenntnisse in Talkshows und populären Büchern.

So oder ähnlich geht die Geschichte von der „kognitiven Wende“. Sie ist ein Märchen*.

Bereits O’Donohue, Ferguson und Naugle (2003) untersuchten die tatsächlichen Abläufe bei der sogenannte kognitive Wende in der Psychologie (cognitive revolution) und erklärten, das sie weder eine „wissenschaftliche Revolution“ noch ein „Paradigmenwechsel“ war, sondern am Besten als ein sozio-kulturelles Phänomen verstanden werden kann. Die selbst- und fremderklärten Gründerfiguren der kognitiven Psychologie sind sich zudem nicht einig darüber, was die kognitive Wende auslöste und wann sie stattfand.

Hobbs und Chiesa (2011) untersuchen, von wem und in welchem Zusammenhang der Begriff der kognitiven Wende zum ersten Mal verwendet wurde. An prominenter Stelle wird der Begriff von Gardner (1985) und Baars (1986) verwendet. Letzterer nennt eine Reihe von Autoren, die zuvor schon die kognitive Wende beschrieben hätten, darunter Dember (1974). Dabei scheint es sich tatsächlich um die früheste Erwähnung dieses Begriffs zu handeln. Von Dember stammt auch die Wendung, die Psychologie habe mit Watsons Behaviorismus ihren Geist verloren (lost its mind). Erst mit der kognitiven Wende habe man wieder begonnen, sich mit dem Denken, Fühlen usw. zu beschäftigen.

Hobbs und Chiesa (2011) unterziehen diese Behauptung einer kritischen Prüfung und finden auf Anhieb viele Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (angeblich der Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschreibt Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten. Überhaupt fällt auf, dass Dembers (1974) Artikel voller unbelegter Behauptungen ist. Dies trifft auch für die späteren Autoren, die den Begriff „kognitive Wende“ aufgriffen, zu: Die Behauptung, die Psychologie sei bis zum Zeitpunkt der Wende vom Behaviorismus dominiert worden, was zur Folge hatte, dass innerpsychische Vorgänge nicht untersucht worden seien, wird nirgends belegt, ebensowenig die Behauptung, ab da habe es kaum mehr Arbeiten in der behavioristischen Tradition gegeben (was definitiv falsch ist, vgl. Friman et al., 1993: ). Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er (Lefton, 1982) bis zu den 1970er Jahren (z. B. Bernstein, 2003). Die Phrasen, in denen die Wende beschrieben wird, sind – wie bei Legenden üblich – immer die gleichen: Der Behaviorismus habe die Psychologie dominiert, die Psychologie habe ihren Geist verloren und innerpsychische Vorgänge geleugnet. Als herausragende Behavioristen werden vor allem Watson und Skinner genannt, selten Hull oder Tolman, obschon letztere zu ihrer Zeit viel einflussreicher waren. Tolmans und Hulls Einfluss reicht bis in die heutige Zeit, indem sie die Grundlagen für die Methodologie der heutigen kognitiven Psychologie lieferten (vgl. Chiesa, 1994, S. 200). Skinner übte seinen größten Einfluss im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts aus (erkennbar an der Gründung von Division 25 der APA und der Zeitschriften JEAB und JABA), zu einer Zeit als die kognitive Wende, nach Ansicht ihrer Autoren, bereits im Gange oder abgeschlossen war.

Der Behaviorismus ist nicht die einzige Richtung in der Psychologie, die in einführenden Lehrbüchern grob falsch dargestellt wird. Dies gilt ebenso für den Hawthorneeffekt, Aschs Konformitätsexperimente u. a. m. (vgl. Jarrett, 2008). Den Grund für die fortgesetzte Falschdarstellung sehen Hobbs und Chiesa (2011) in der Tatsache, dass einführende Lehrbücher kommerzielle Produkte sind, deren Verleger sich gegen Korrekturen wehren und v. a. in der Verbreitung von Gerüchten. Jede Ideologie braucht einen Gründungsmythos, auch die kognitive Psychologie. In Gründungsmythen kommen oft illustre Gründerfiguren (Halbgötter) vor und die Gründung ist meist mit der Überwindung einer übermächtigen bösen Kraft (Dämonen) verbunden.

Hobbs und Chiesa (2011) fordern die Behavioristen auf, sich gegen diese Falschdarstellungen zu wenden. Millionen von Haupt- und Nebenfachstudenten der Psychologie werden mit dem Behaviorismus nur über die Mythen, die in den einführenden Texten stehen, konfrontiert. Diese prägen ihr Bild und verhindern, dass sie sich je ernsthaft mit der Verhaltensanalyse befassen oder dass sie erwarten, dass verhaltensanalytische Interventionen hilfreich sein könnten. Verhaltensanalytiker sollten an die Autoren solcher Lehrbücher schreiben und sie bitten, die Falschdarstellungen zu korrigieren.

*Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Kognitive Wende„:

„Kritikersprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab [O’Donohue et al., 2003]. Der behavioristische Ansatz wurde demnach – auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende – nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“ und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos‘. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt [Friman et al., 1993]: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert. Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.“

Literatur

Chiesa, M. (1994). Radical behaviorism: The philosophy and the science. Boston: Authors Cooperative.

Friman, P. C., Allen, K. D., Kerwin, M. L. E. & Larzelere, R. (1993). Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. American Psychologist, 48, 658 – 664.

Hobbs, Sandy & Chiesa, Mecca. (2011). The myth of the “cognitive revolution”. European Journal of Behavior Analysis, 12(2), 385-394.

Jarrett, C. (2008). Foundations of sand? The Psychologist, 21, 756-759.

O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. The Behavior Analyst, 26(1), 85-110. PDF, 4,01 MB

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