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Kategorienfehler bei einem prominenten Hirnforscher

Im Januar 2013 besuchte ich einen Vortrag des Hirnforschers Gerhard Roth. Der Vortrag war einer der Höhepunkte einer Tagung, bei der Führungskräften vermittelt werden sollte, wie sie ihre Mitarbeiter „gesund führen“ können.

Der Titel des Vortrags lautete „Wie Körper und Psyche zusammenarbeiten“. Schon im Titel steckt der erste Kategorienfehler und ein veritabler (Krypto-) Dualismus, dem der Fehler der Reifikation zugrunde liegt:

  • Der Kategorienfehler: Der Körper (gemeint war aber lediglich ein Teil des Körpers, nämlich das Gehirn) ist ein Ding, ein Bestandteil der materiellen, realen Welt, während die Psyche (oder der Geist) kein Ding ist, sondern etwas, das ich tue. Zusammenarbeiten aber können nur Dinge. (Anderes Beispiel: Mein Stuhl und mein „Sitzen“ arbeiten auch nicht zusammen. Vielmehr sitze ich auf dem Stuhl. Zusammenarbeiten könnten der Stuhl und mein Hintern).
  • Der (Krypto-) Dualismus: Das Gehirn ist ein Ding, ein Gegenstand in dieser realen Welt. Wenn ein Gehirn vor mir liegt, kann ich darauf deuten. Auf den „Geist“ (die Psyche) aber kann ich nicht deuten. Der Geist ist ein Konstrukt, etwas, über das man reden kann, auf das man aber nicht zeigen kann. Die Behauptung, Körper (Gehirn) und Psyche (Geist) arbeiteten zusammen, legt aber nahe, dass beides Dinge wären, dass es also eine Zweiheit gäbe, wobei das Gehirn ein materielles und die Psyche ein nicht-materielles Ding ist. Das ist Dualismus. (Anderes Beispiel: Auch die Demokratie und das Reichstagsgebäude arbeiten nicht zusammen. Allenfalls könnte man sagen, dass die Demokratie im Reichstagsgebäude stattfindet. – Was uns darauf hinweist, dass „Demokratie“ eben kein Ding ist, sondern ein Vorgang, etwas, das Menschen tun).
  • Die Reifikation: Dazu befragt, würde Roth – wie fast alle Hirnforscher – sicher antworten, dass er kein Dualist sei, sondern dass der Geist ja nur das sei, was das Gehirn tue. Doch die sprachliche Schlamperei hat Folgen: Aus dem Tun wird zunächst nur sprachlich ein Ding. Anschließend aber soll dieses nicht-existente Ding tatsächlich etwas tun, nämlich zusammenarbeiten u. v. m. Die Verdinglichung (Reifikation) von Verhalten verläuft in der Sprache oft auf diesem Weg: Jemand denkt – das ist etwas, das diese Person tut (ein Verb). Sie ist also nachdenklich (ein Adjektiv). Das was sie tut, ist das Denken (ein Substantiv, das von einem Verb abgeleitet wurde). Sie hat Gedanken (ein Substantiv, dem man die Nähe zum Verb nicht mehr ansieht). Dieses Ding, das eigentlich ein Tun ist, kann ich nun wieder alles Mögliche tun lassen. Dabei vergisst man, dass es dieses Ding gar nicht gibt.

Mit der sprachlichen Beliebigkeit ging es im Vortrag weiter. Zuhauf verwendete der Hirnforscher nicht-definierte Begriffe wie „Bewusstsein“ und „Persönlichkeit“: „die Wurzeln unserer Persönlichkeit sind uns prinzipiell unbewusst, das hat schon Freud gesagt“. Davon abgesehen, dass „das hat schon Freud gesagt“ keine belastbare Referenz ist, „Persönlichkeit“ ist etwas, das zu definieren wäre. Auch die Persönlichkeit erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine Reifikation, die Verdinglichung von Verhalten: Skinner (1974, 149) definiert „Persönlichkeit“ als „Verhaltensrepertoire“: Das was wir (in bestimmten Kontexten) für gewöhnlich tun (offen tun und sagen und denken…). Persönlichkeit ist also kein Ding, sondern ein Konstrukt, das Vorgänge (Verhalten) bezeichnet Eine ähnlich klare Definition (im Sinne eines Verweises auf Dinge und Vorgänge) von Persönlichkeit von anderer Seite ist mir nicht bekannt. (Zudem die „Persönlichkeit“ ohnehin meist im Auge des Betrachters zu finden ist und nicht beim scheinbaren Persönlichkeits-Besitzer).

Auch im eigenen Fachgebiet i. e. S. unterliefen dem Hirnforscher sprachliche Ungenauigkeiten: „Wenn eine psychische Erkrankung vorhanden ist, dann ist dafür immer die Amygdala verantwortlich“. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr gilt: Sie sind beteiligt, ähnlich wie der Bizeps an einem Fausthieb beteiligt ist, nicht aber die Ursache des Fausthiebes ist. Die Aussage, ein bestimmtes Organ sei verantwortlich für ein Verhalten, zeugt von einer Überbetonung der materiellen Ursachen (Aristoteles). Was ist die Ursache und was ist die Wirkung beim Verhalten: Die mangelnde Ausschüttung von Endorphinen ist die Ursache des depressiven Verhaltens? Oder ist es die Folge, was m. E. plausibler ist, denn Depressionen entstehend selten einmal aus körperlicher Ursache – und wenn, dann ist zu fragen, woher der veränderte körperliche Zustand rührt (natürlich von außen, einer Infektion z. B.).

Zusätzlich regte mich an Roths Vortrag natürlich diese vollkommene Ignoranz gegenüber den Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaft auf, bei gleichzeitiger Anmaßung, alles erklären zu können, ohne auch nur eine neue Erkenntnis produziert zu haben. Dies trifft aber auf viele „Hirnforscher“ zu. Roth im Speziellen redete massiv der Bindungstheorie das Wort, daraus folgend der Psychoanalyse (die Bindung an den Therapeuten sei so wichtig, weil dabei das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet werde). Roth stellte dies mit vielen kraftvollen Worten (eindeutig, vielfach belegt) als gesicherte Tatsache dar. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass diese Bestätigung der Bindungstheorie nicht von allen anderen Hirnforschern – die ja zu den gleichen Ergebnissen kommen müssten – geteilt wird. Wenn es in der Physik „vielfach belegte“, „eindeutige“ Ergebnisse gibt, besteht unter den Physikern dahingehend ja gewöhnlich mehr oder weniger Konsens. Bei Hirnforschern scheint das nicht so zu sein. Das könnte darauf hindeuten, dass alle Hirnforscher zwar die gleichen Methoden (Hirnscanner) benutzen, aber nicht die gleichen Konzepte. Und das beschreibt die kognitiven Neurowissenschaften doch ganz gut: Methodisch wie eine Naturwissenschaft wirkend, konzeptionell eine Pseudowissenschaft: „Geisterjagd mit Geigerzählern“ (Steven Faux).

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