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Gedächtnis und Erinnern

Eine verhaltensanalytische Interpretation des Gedächtnisses ist schwierig – nicht deshalb, weil sich die mit diesem Begriff gemeinten Vorgänge nicht verhaltensanalytisch erklären ließen, sondern, weil die Erklärung komplex ist und viel an Vorwissen (in Bezug auf die Verhaltensanalyse) voraussetzt. Die „kognitiven“ Interpretationen der Gedächtnisphänomen (das Gedächtnis als Speicher) sind dagegen jedem Laien leicht zugänglich, ihre logischen Schwächen fallen dagegen nicht auf.

David Palmer (1991) versuchte sich an einer zusammenfassenden Interpretation der Gedächtsnisphänomene aus verhaltensanalytischer Sicht. Selbst mein Exzerpt, dass ich im folgenden wiedergebe, ist lang und, trotzdem ich mich darum bemüht habe, schwerer Lesestoff.

Das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht

Das Gedächtnis wird oft als eine unabhängige Variable betrachtet, die darauf folgendes offenes Verhalten erklärt. Wir fragen jemanden danach, was er gestern zum Frühstück gegessen hat, diese Person greift auf ihr Gedächtnis zu und antwortet dann „Rühreier“. Palmer (1991) versucht, den Themenkomplex „Gedächtnis“ aus verhaltensanalytischer Sicht zu interpretieren. Interpretationen sind nichts Anrüchiges. In der Wissenschaft haben sie schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Newtons Erklärung der Gezeiten ist eine Interpretation, die auf seinen Experimenten mit Pendeln und Bällen aus Wolle, Glas oder Kork basieren. Niemand hat jemals versucht, experimentelle Kontrolle über die Gezeiten auszuüben. Im Bereich des menschlichen Verhaltens spielt die Interpretation ebenfalls eine wichtige Rolle, insofern, als die Kontingenzen, denen das Verhalten im Alltag unterliegt, üblicherweise komplex sind, die Lerngeschichten unbekannt und saubere Experimente oft aus praktischer oder ethischer Sicht unmöglich sind.

Wenn wir das Gedächtnis aus verhaltensanalytischer Sicht betrachten, müssen wir über Verhalten sprechen. Verhalten ist jede Aktivität eines Organismus, die in einer funktionalen Beziehung zu Umweltereignissen steht. Verhalten ist nicht durch den Grad der Beobachtbarkeit definiert. Es gibt Verhalten, das leicht von außen beobachtet werden kann und Verhalten, das nur schwer von außen beobachtet werden kann. Die sogenannten privaten Ereignisse spielen in der experimentellen Verhaltensanalyse keine besondere Rolle. Sie sind aber wichtig bei der Interpretation von Verhalten auf der Grundlage der experimentellen Ergebnisse. Wenn man in einer Interpretation also nicht-beobachtetes Verhalten mit einbezieht, bedeutet dies nicht, dass man sich auf unbeobachtbare interne Prozesse oder Repräsentationen bezieht.

Eine einfache, wenngleich nur oberflächliche Erklärung der Phänomene, die man gemeinhin als Gedächtnis bezeichnet, lautet, dass es sich um Verhalten unter Stimuluskontrolle handle. Jemand fragt mich, was ich gestern zum Frühstück gegessen habe (dies ist der diskriminative Stimulus) und ich antworte (dies ist das Verhalten), ich habe Rühreier gegessen. Wohl ist die Frage nach meinem gestrigen Frühstück ein diskriminativer Stimulus für mein Verhalten, mich zu erinnern. Doch fehlt etwas für die Erklärung meines Verhaltens, „Rühreier“ zu sagen. Wir können hier nicht einfach auf einen nicht-vorhandenen Stimulus zurückgreifen, wie etwa ein vorgestelltes oder in meinem Geist gespeichertes Frühstück. Wohl aber ist es ein Unterschied, ob wir, während wir gerade frühstücken, gefragt werden, was wir frühstücken oder ob wir am nächsten Tag gefragt werden, was wir gestern gefrühstückt haben. Seit dem gestrigen Tag haben wir uns verändert. Wir sind nun eine andere Person und reagieren deshalb auf die Frage, was wir gestern gefrühstückt haben, anders. Warum aber reagieren wir anders? Eine beliebte Metapher in diesem Zusammenhang ist die Speichermetapher. Wir sagen, dass die Erinnerung an unser gestriges Frühstück irgendwo in uns gespeichert ist. Doch was ist dieser Speicher? Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann es sich nur um eine physiologische Veränderung (z. B. in unserem Gehirn) handeln. Doch diese physiologischen Veränderungen sind keine Stimuli. Wir können nicht auf diese physiologischen Veränderungen so reagieren wie wir auf die Wörter auf einer Einkaufsliste reagieren, die wir in der Hand halten, während wir einkaufen.

Palmer (1991) stellt klar: Das Gedächtnis ist kein Ding, dass wir untersuchen könnten. Wir können das Verhalten untersuchen, dass wir zeigen, wenn wir versuchen, uns zu erinnern. Es gibt keinen Grund, dieses Verhalten von anderem Verhalten des Individuums zu unterscheiden. Kurz gesagt, untersuchen wir das Erinnern, nicht das Gedächtnis. Unser gegenwärtiges Verhalten, z. B. das Verhalten, uns zu erinnern, wird von gegenwärtigen Variablen in unserer Umwelt kontrolliert. Wenn wir uns „falsch erinnern“, begehen wir nicht einen Fehler beim Zugriff auf unser Gedächtnis. Vielmehr ist es so, dass unser Verhalten (z. B. „Cornflakes“ zu sagen, wenn wir nach unserem gestrigen Frühstück gefragt werden) die richtige Reaktion auf die gegenwärtigen Variablen darstellt. Wir bezeichnen diese Erinnerung nur als falsch, weil sie von dem, was wir gestern gesagt hätten, wenn man uns nach unserem Frühstück gefragt hätte, abweicht. Würde man die Bedingungen des gestrigen Frühstücks wiederholen, würden wir das gleiche Verhalten zeigen („Rühreier“ sagen).

Man stelle sich zwei verschiedene Experimente vor:

  1. Das Picken einer Taube wird auf einem variablen Quotenplan verstärkt, wenn der Schalter rot beleuchtet ist. Wenn der Schalter dunkel ist, wird das Verhalten auf Extinktion gesetzt. Dies lernt die Taube relativ schnell. Eine Woche später wird die Taube wieder in die operant chamber gesetzt. Sobald der Schalter rot beleuchtet wird, fängt die Taube unmittelbar zu picken an. Sobald das Licht aus ist, hört die Taube sofort auf zu picken.
  2. Eine Matching-to-Sample-Aufgabe: Eine Taube steht vor drei verschiedenen, beleuchtbaren Schaltern. Wenn der mittlere Schalter rot leuchtet, führt ein Picken auf den linken Schalter dazu, dass die Taube Futter erhält. Wenn der mittlere Schalter grün leuchtet, erhält die Taube Futter, wenn sie auf den rechten Schalter pickt. Nach und nach verlängert man den zeitlichen Abstand zwischen dem Aufleuchten des mittleren Schalters und dem Funktionieren der linken oder rechten Schalter (insofern, als das Picken auf einen dieser Schalter zu Futter führt). Die Taube lernt, auch nach fünf Sekunden auf den „richtigen“ Schalter zu picken.

Im ersten Fall scheint sich die Taube nach einer Woche zu erinnern, was sie zu tun hat. Doch es ist nicht die Erinnerung an die frühere Erfahrung, die überdauert hat, sondern die Stimuluskontrolle des Verhaltens. In diesem Sinne ist jegliches erlernte Verhalten ein Beispiel für eine Gedächtnisleistung. Auch im zweiten Fall ist das Verhalten unter Stimuluskontrolle, wobei die Verstärkung später, in Abwesenheit dieses Stimulus gegeben wird. Im ersten Fall ist der Stimulus, der während der Trainingsphase verwendet wurde, während des Tests anwesend, im zweiten Fall ist er das nicht.

Nach Palmer (1991) bezeichnet man mit „Gedächtnis“ zwei verschiedene Fälle:

  1. Gedächtnis als Phänomen der Stimuluskontrolle.
  2. Gedächtnis als eine Form von Problemlösen.

 

Gedächtnis als ein Phänomen der Stimuluskontrolle

Diese Kategorie erinnert etwas an das, was in der traditionellen Gedächtnispsychologie als „implizites Gedächtnis“ bezeichnet wird. Das Verhalten in dieser Kategorie ist mehr oder weniger automatisch. Es tritt direkt als Ergebnis der Kontrolle durch die unmittelbar vorhandenen Umweltreize auf. Die Kontrolle dieser Umweltreize über das Verhalten variiert in Abhängigkeit der Deprivation, dem Verstärkungsplan und der Anwesenheit anderer Stimuli. Je nachdem, wie diese anderen Variablen ausfallen, tritt das Verhalten (das Sich-Erinnern) mehr oder weniger leicht auf. Die Stimuluskontrolle nimmt nicht einfach ab, weil Zeit vergeht. Das Vergessen geschieht deshalb, weil die Stimuluskontrolle durch Ereignisse, die in der Zwischenzeit, zwischen dem Ereignis und dem Erinnern, geschehen, geschwächt wird. Ist z. B. der Generalisationsgradient sehr eng, löst also nur ein bestimmter Stimulus oder ein bestimmte Kombination von Stimuli die Erinnerung aus, kann es leicht passieren, dass das Verhalten (sich zu erinnern) nicht auftritt. Beispielsweise mag man zum ersten Mal bei einer Fahrt durch North Dakota erfahren haben, dass die Hauptstadt dieses Bundesstaates „Bismarck“ heißt. Die Antwort auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ fällt einem möglicherweise nur dann ein, wenn man gerade Auto fährt, braunes Prärieland und erodierten Sandstein um sich herumsieht, Dieselabgase riecht und viele andere, insbesondere interozeptive, also körperliche Stimuli gegenwärtig sind, die zu dem Zeitpunkt, als man gelernt hat, wie die Hauptstadt von North Dakota heißt, ebenfalls zugegen gewesen sind. Der nominelle diskriminative Stimulus, der das Verhalten kontrollieren sollte (die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“) ist nur einer von vielen möglichen Stimuli, die zugegen waren, als das Verhalten (die Antwort „Bismarck“) verstärkt wurde. Zudem mag es andere Verhaltensweisen geben, auf die der nominelle diskriminative Stimulus ebenfalls Stimuluskontrolle ausübt. Zwar gibt es für den kompletten Satz „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ nur ein Verhalten, das verstärkt wird. Doch üben alle Bestandteile dieser Frage Stimuluskontrolle auch über anderes Verhalten aus. Beispielsweise dürfte der Bestandteil „Hauptstadt“ auch Stimuluskontrolle über die Antwort „Washington“ ausüben, der Bestandteil „North Dakota“ könnte Stimuluskontrolle über „Fargo“, „Schneestürme“ und anderes mehr haben. Dass uns auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von North Dakota?“ keine Antwort einfällt, kann daran liegen, dass andere Verhaltensweisen (die anderen Dinge, an die wir uns erinnern, wenn wir die Frage hören) ebenfalls durch die Frage aktiviert werden. Je mehr Zeit zwischen dem Lernen und dem Test (der Frage nach der Hauptstadt von North Dakota) vergeht, desto wahrscheinlicher ist es, dass zwischenzeitlich auch andere, konkurrierende Verhalten konditioniert worden sind. Zusätzlich beeinträchtigen uns auch noch konkurrierende Verhalten, auf die andere Stimuli Stimuluskontrolle ausüben. Haben wir erst kürzlich von einem Freund gehört, der in Brisbane lebt, könnte die Antwort „Brisbane“ gegenwärtig bei uns eine starke Tendenz aufweisen. Ein weiteres tut die topographische Ähnlichkeit zwischen den beiden Antwortmöglichkeiten „Brisbane“ und „Bismarck“[i]. Der Grund, warum wir uns manchmal nicht erinnern können, liegt also nicht darin, dass die Stimuluskontrolle irgendwie verloren gegangen wäre, sondern dass es konkurrierende Reaktionen auf den Stimulus (die Frage) gibt und dass es zu wenige Stimuli gibt, die neben der Frage noch die Antwort kontrollieren könnten.

Diese Prinzipien kommen auch in den üblichen Experimenten, mit denen man die Gedächtnisleistung überprüft, zum Tragen. Beispielsweise lernt eine Person in einem solchen Experiment, einem bestimmten Begriff eine Unsinnssilbe zuzuordnen. Wird die Person dann getestet, testet man nicht die Gedächtnisleistung, sondern ob die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf die Unsinnssilbe übertragen werden konnte. Es ist, so Palmer (1991), nicht überraschend, dass die Versuchspersonen in diesen Experimenten vergessen, sondern dass sie sich überhaupt an irgendetwas erinnern. In verhaltensanalytischen Versuchen zur Übertragung der Stimuluskontrolle geschieht dies, indem der zu lernende Begriff nach und nach prominenter gemacht wird und der bereits bekannte Begriff nach und nach ausgeblendet wird (Fading). Wendet man solche Strategien nicht an, ist es unwahrscheinlich, dass die Stimuluskontrolle von dem bekannten Begriff auf den neutralen, neuen Begriff (oder die Unisinnssilbe) übergeht. Die Leistung der Versuchspersonen in den üblichen Experimenten zum Gedächtnis hängt also von nicht-kontrollierten Ereignissen während der Lernphase und von der Lerngeschichte der Versuchsperson ab. Dies erklärt auch, warum man meist nicht erklären kann, welche Begriffe auf einer bestimmten Liste gelernt werden und welche vergessen werden.

Der Vorgang der Extinktion ist der einzige, der erklären kann, wie die Stimuluskontrolle nachlässt oder verschwindet. Tatsächlich scheint es bei der Extinktion aber so zu sein, dass die Stimuluskontrolle eher präziser wird, als dass sie verloren geht. Der Organismus lernt, dass unter den Extinktionsbedingungen (die immer leicht unterschiedlich von den Lernbedingungen sind) das Verhalten nicht mehr zur Verstärkung führt und zeigt es deshalb nicht. Zum Wiederaufleben des Verhaltens kommt es vor allen Dingen dann, wenn der Organismus sich in einer neuen Umgebung (in Anwesenheit neuer Stimuli) befindet oder aber, wenn er in die ursprüngliche Lernumgebung zurückgebracht wird. Auf das Phänomen des Erinnerns übertragen, bedeutet dies, dass wir nicht die Stimuluskontrolle über das Erinnern verlieren, sondern dass die Stimuluskontrolle durch neue Lernerfahrungen verändert wurde, was gewissermaßen zu einer Verdrängung der ursprünglich funktionierenden Stimuluskontrolle des Erinnerns führt.

Betrachten wir das zweite Beispiel (delayed matching to sample), stellt sich eine weitere Frage. Wie lange kann ein Stimulus noch Kontrolle über das Verhalten ausüben? Dies entspricht der Frage der traditionellen Gedächtnispsychologie, wie lange das Kurzzeitgedächtnis währt. Interessanterweise zeigen Studien zum zeitverzögerten matching to sample ähnliche Ergebnisse wie Studien zum Kurzzeitgedächtnis. Sowohl das delayed matching to sample als auch das Erinnern von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses funktioniert nur maximal 20 Sekunden lang (Blough, 1959). Bei der Stimuluskontrolle stellt sich zudem immer die Frage, was ein „neuer“ Stimulus ist. Dabei zeigt sich, dass ein Stimulus nur dann „funktioniert“, wenn er überraschend ist, d. h. in gewisser Weise neu für den Organismus. Die lernpsychologischen Phänomene der Blockierung und des Verhaltenskontrasts können zahlreiche Gedächtnisphänomene erklären, wie etwa den Primacy- oder Recencyeffekt, das Tip-of-the-Tongue-Phänomen und die sogenannten Blitzlicht-Erinnerungen.

Gedächtnis als ein Phänomen des Problemlösens

Auf die Frage, was die Wurzel aus 144 ist, können die meisten von uns wahrscheinlich mit der richtigen Antwort reagieren („12“). Wir haben diese Frage schon einmal erfolgreich in der Vergangenheit beantwortet und erinnern uns an die Antwort. Das Sich-Erinnern ist in diesem Fall ein Phänomen der Stimuluskontrolle durch die Frage. Wenn aber die Frage gestellt wird, was die Wurzel aus 1764 ist, können nur die wenigsten von uns schnell darauf eine Antwort geben. Dies hat nichts mit einer unterschiedlich starken Stimuluskontrolle zu tun. Wir haben diese Frage bisher einfach noch nie beantwortet. Die Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und die Antwort auf die Frage „Was ist die Wurzel aus 1764?“ erfordert von uns jeweils ein problemlösendes Verhalten. Probleme in diesem Sinne sind aus verhaltensanalytischer Sicht verbale Stimuli, die eine aversive Konsequenz anzeigen, die wir nur dadurch vermeiden können, dass wir innerhalb einer gewissen Zeitspanne darauf reagieren. Man kann dies zum Beispiel auch daran erkennen, dass Menschen auf Probleme, die sie nicht gleich lösen können, oft mit sprachlichen Reaktionen reagieren, die ihnen Zeit verschaffen wie z. B. „Hm, lass mich mal überlegen“. Die Antwort „Ich weiß es nicht“ führt nicht zu Verstärkung, wohl aber die richtige Antwort.

Probleme kennzeichnet nach Palmer drei Merkmale:

  1. Das Zielverhalten oder die Zielverhaltensweisen sind Teil des Verhaltensrepertoires des Organismus, wobei dieses Verhalten von einem oder mehreren Stimuli abhängt.
  2. Es sind diskriminative Stimuli vorhanden, die anzeigen, dass das Verhalten verstärkt werden könnte.
  3. Das Verhalten ist nicht unter direkter Kontrolle von aktuell gegenwärtigen diskriminativen Stimuli.

Beispielsweise ist das sprachliche Verhalten „42“ (die Antwort auf die Frage nach der Quadratwurzel aus 1764) in unserem Repertoire. Dieses Verhalten („42“ zu sagen) hängt von vielen verschiedenen diskriminativen Stimuli ab, z. B. von dem diskriminativen Stimulus “Was ist 6 × 7?“, „40+2=“ usw. Eine bestimmte sportliche Höchstleistung (z. B. ein dreifacher Salto) ist dagegen wahrscheinlich nicht in unserem Repertoire, egal welche diskriminativen Stimuli ihm vorausgehen. Das Verhalten, „42“ zu sagen, ist aber nicht unter der direkten Kontrolle der Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“, im Gegensatz zu der Antwort „12“ auf die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel von 144?“.

Ebenso ist die Antwort „Rühreier“ bereits in meinem Verhaltensrepertoire. Viele verschiedene Stimuli können dieses Verhalten kontrollieren, z. B. der Anblick von Rühreiern. Zufälligerweise ist „Rühreier“ auch die richtige Antwort auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“. Auch besteht keine direkte Beziehung zwischen der Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ und der Antwort „Rühreier“, d. h. die Frage übt keine direkte Stimuluskontrolle über die Antwort aus (außer ich esse jeden Tag Rühreier zum Frühstück). Die Frage stimuliert eine Folge von verschiedenen Verhaltensweisen, die zur Problemlösung führen. Dieses Problemlösen funktioniert folgendermaßen, dass die Person eine Antwort produziert, die wiederum Stimuluskontrolle ausübt über weitere Antworten. Die Frage „Wie lautet die Quadratwurzel aus 1764?“ stimuliert z. B. die Antwort „Naja, es ist wohl mehr als 40, weil 40 × 40 sind 1600“, darauf folgt das Verhalten „50 × 50 ist es aber auch nicht, denn das gibt 2500“, darauf „also ist es irgendetwas dazwischen“ usw. Von Fall zu Fall und von Individuum zu Individuum wird diese Kette ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem welche Antworten unter Stimuluskontrolle des vorherigen sprachlichen Verhaltens stehen. Dieses Problemlösen kann offen geschehen (wie bei jemanden, der wie oben geschildert mit sich selbst spricht, während er versucht die Mathematikaufgabe zu lösen) oder aber verdeckt. Ähnlich verhält sich eine Person, die versucht, sich an ein Ereignis in der Vergangenheit zu erinnern. Auch auf die Frage „Was hast du gestern zum Frühstück gegessen?“ reagieren wir mit einer Kette von Verhaltensweisen, z. B. „Heute ist Dienstag…. Gestern war Montag… Montag gehe ich immer erst später aus dem Haus, weil ich erst spät Vorlesung habe… Ich hatte also Zeit, richtig zu frühstücken…“ usw. Unterstützend wirkt bei diesem ganzen Vorgang, dass die Stimuli neben sprachlichem Verhalten auch konditioniertes Wahrnehmungsverhalten auslösen können, z. B. das Bild meines Frühstückstisches. Störend kann dabei Wahrnehmungsverhalten, das von äußeren Stimuli ausgelöst wird, wirken. Dies ist ein Grund, weswegen wir, wenn wir versuchen, uns zu erinnern, oft die Augen auf einen Bereich unseres Wahrnehmungsfeldes richten, in dem kaum störende Stimuli zu sehen sind. Unser Wahrnehmungsverhalten wird fortlaufend konditioniert. Es wird leichter konditioniert, wenn wir „überrascht“ werden. Konditionierte Wahrnehmungen sind dennoch Reaktionen auf gegenwärtige Stimuli. Frühere Ereignisse haben uns in einer Weise verändert, dass wir nun ein Wahrnehmungsverhalten zeigen, bei dem wir Dinge sehen, die aktuell nicht anwesend sind, weil diese Wahrnehmungen unter der Stimuluskontrolle des gegenwärtigen Umfelds stehen.

Ein Problem wurde bislang durch diese Erklärung noch nicht gelöst: Wie erkennt die Person, dass das Zielverhalten tatsächlich die richtige Antwort darstellt (also, woher weiß die Person, dass „Rühreier“ die richtige Antwort ist)? Die Antwort darauf lautet, dass es keine absolute Garantie gibt, dass man sich richtig erinnert. Generell aber sollte die richtige Antwort ein starkes Verhalten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sein, vorausgesetzt die entsprechenden diskriminativen Stimuli sind gegeben. Der Befragte erkennt demnach die richtige Antwort an der Stärke dieses Verhaltens. So richtig befriedigend ist diese Erklärung allerdings nicht.

Wenn wir uns etwas merken wollen, knüpfen wir das, was wir uns merken wollen, an bestimmte Stimuli. Diese Stimuli verwenden wir dann auch wieder, wenn wir uns an das, was wir uns merken wollten, erinnern wollen.

Ist einmal eine richtige Antwort gegeben worden (z.B. die Antwort „42“ auf die Frage „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“), kann diese Frage (der diskriminative Stimulus „Was ist die Quadratwurzel aus 1764?“) künftig diese Antwort („42“) direkt auslösen (in Form des Erinnerns als eine Form der Stimuluskontrolle, siehe oben). Ebenso kann eine Antwort in Bezug auf eine Frage nach einem vergangenen Ereignis, nachdem sie einmal gegeben wurde, nun leichter ausgelöst werden. Auch der Problemlösevorgang des Rekonstruierens von Erinnerungen über Ketten aus sprachlichem Verhalten und Wahrnehmungsverhalten sowie den diskriminativen Stimuli, die sie erzeugen, ist bei Erwachsenen vielfach geübt worden: Wir müssen ständig Fragen nach unserer Vergangenheit beantworten. Die Stimuli, die wir erzeugen, um uns wieder zu erinnern, sind sehr individuell und von unserer Lerngeschichte abhängig.

Wir müssen das Erinnern lernen. Kinder lernen es, indem man sie nach vergangenen Ereignissen fragt. Sie lernen das Erinnern, so wie sie das Lösen anderer Probleme erlernen. Eltern und andere Erwachsene formen das Verhalten der Kinder, sich zu erinnern, indem sie Hilfestellung in Form von sukzessiven Annäherungen und Prompts geben. Dabei zeigen sie oft das Verhalten, das normalerweise in ihnen verdeckt abläuft, offen, um so das Kind anzuleiten. Es gibt zwischen richtigen und falschen Erinnerungen keinen qualitativen Unterschied (was ja auch die Forschung zu den „falschen Erinnerungen“ bestätigt). Das Geben von objektiv richtigen Antworten wird jedoch beim Kind in der Regel konsequent verstärkt. „Lügt“ ein Kind über Fragen bezüglich seiner Vergangenheit, wird dies korrigiert, „sagt es die Wahrheit“, wird dies gelobt.

Literatur

Blough, D. S. (1959). Delayed matching in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 2(2), 151-160. doi:10.1901/jeab.1959.2-151

Palmer, D. C. (1991). A behavioral interpretation of memory. In L. J. Hayes & P. N. Chase (Eds.), Dialogues on verbal behavior: The First International Institute on Verbal Relations. (pp. 261-279). Reno, NV, US: Context Press.

 

[i] Interessanterweise dürfte Deutschen die Antwort „Bismarck“ leichter fallen, da dieses Wort für Deutsche auch anderweitig determiniert ist und daher die Auskunft, dass die Hauptstadt eines US-Bundesstaates so heißt wie der Reichskanzler, „überraschend“ ist (siehe unten). Umgekehrt dürften Deutsche wahrscheinlich leichter als US-Amerikaner vergessen, von welchem Bundesstaat „Bismarck“ die Hauptstadt ist.

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