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Oft wiederholte Sätze klingen wie Gesang

Gemeinhin geht man davon aus, dass der Umstand, ob man eine Äußerung als Gesprochenes oder Gesang wahrnimmt, alleine von den akustischen Merkmalen der Äußerung abhängt. Doch ist die Trennung von Sprache und Nicht-Sprache nicht so eindeutig, wie man meinen möchte. So fand man, dass nichtsprachliche Laute als Sprache interpretiert werden, wenn die Person entsprechend trainiert wurde (Remez et al., 1981; Mottonen et al., 2006) oder wenn die Laute in einem sprachlichen Kontext zu hören waren (Shtyrov et al., 2005).

Diana Deutsch (Deutsch et al., 2011) berichtet von einer akustischen Illusion, die aufzeigt, dass die Entscheidung, ob etwas gesprochen oder gesungen wurde, beim Hörer liegt. In einem ersten Experiment ließ sie ihre Versuchspersonen zehnmal die gleiche gesprochene Phrase hören (sometimes behave so strangely). Die erste und die letzte Wiederholung waren für alle Versuchspersonen identisch. Eine Gruppe von Versuchspersonen hörte nur identische Wiederholungen, die andere Gruppe hörte bei der zweiten bis zur neunten Darbietung Wiederholungen, die sich minimal in Betonung, Lautstärke usw. unterschieden. Die Versuchspersonen sollten auf einer Skala von eins bis fünf angeben, wie sehr die Wiederholungen jeweils nach Sprache (1=exakt wie Sprache) oder nach Gesang (5=exakt wie Gesang) klangen. Die Versuchspersonen, die immer die gleiche Wiederholung hörten, veränderten mit jeder Wiederholung ihr Urteil mehr und mehr in Richtung „klingt exakt wie Gesang“. Die zehnte Wiederholung klang für die Versuchspersonen dieser Gruppe eindeutig so, als ob sie gesungen würde. Dieser Effekt trat nicht auf, wenn die Wiederholungen nicht völlig identisch waren.

In einem zweiten Experiment hörten die Versuchspersonen eine Phrase entweder einmal oder zehnmal identisch wiederholt. Unmittelbar anschließend sollten die Versuchspersonen die Phrase so wiederholen, wie sie sie zuletzt gehört hatten. Die Versuchspersonen, die die Phrase nur einmal gehört hatten, sprachen diese, die Versuchspersonen, die sie zehnmal gehört hatten, sangen sie. Dies belegt, dass dieser Effekt nicht nur einer der Interpretation ist (man könnte die Phrase als Sprache oder als Gesang interpretieren), sondern, dass die Versuchspersonen die Phrase nach zehn identischen Durchläufen tatsächlich als Gesang hörten.

Ich vermute, dass diese Illusion etwas mit dem Wort- und Satzakzent zu tun hat. Die Wiederholungen bewirken, dass die bedeutungstragenden Merkmale der Phrase in den Hintergrund treten, der Akzent dagegen wird prominenter. Diesen Effekt macht sich auch die „Milk“-Übung in der Acceptance und Commitment Therapie (ACT) zunutze. Der Klient soll hier das Wort „Milk“ kurz hintereinander ganz oft sprechen, um dabei erleben zu können, wie das Wort am Ende gar nicht mehr nach „Milch“ klingt. Das, was wir mit Sprache verbinden, ist gelernt. Wenn wir ein sprachliches Verhalten ganz oft wiederholen, ohne dass die Funktionen, die Sprache ansonsten hat, zum Tragen kommen, entspricht dies einer Extinktion. Das, was nach der Löschung der erlernten Funktionen der Sprache übrigbleibt, ist nur Melodie und kein Sinn.

Diana Deutsch selbst vermutet, dass die Versuchspersonen, wenn sie Melodien in der Phrase hören, ihr Langzeitgedächtnis nach passenden Melodien durchsuchen. Deutschs Versuchspersonen gelang dies wohl leichter als anderen, da es sich ausschließlich um Personen handelte, die eine musikalische Ausbildung erhalten hatten. Sobald die Bedeutung des Gesprochenen wegfällt, gleicht sich der Höreindruck den bereits gelernten, passenden Melodien an.

Literatur

Deutsch, Diana et al. (2011). Illusory transformation from speech to song. Journal of the Acoustical Society of America, 129(4), 2245-2252. DOI: 10.1121/1.3562174

Möttönen, R.; Calvert, G. A.; Jaaskelainen, I. P.; Matthews, P. M.; Thesen, T.; Tuomainen, J.; & Sams, M. (2006). Perceiving identical sounds as speech or non-speech modulates activity in the left posterior superior temporal sulcus. Neuroimage 30(2), 563-569. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.10.002

Remez, R. E.; Rubin, P. E.; Pisoni, D. B. & Carrell, T. D. (1981). Speech perception without traditional speech cues. Science, 212(4497), 947-949. DOI: 10.1126/science.7233191

Shtyrov, Y.; Pihko, E. & Pulvermuller, F. (2005). Determinants of dominance: Is language laterality explained by physical or linguistic features of speech? Neuroimage 27(1), 37-47. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.02.003

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Essentialismus und Selektionismus

Der Biologe Ernst Mayr (1976, 1982, 1988) sieht im essentialistischen Denken die Tendenz, Kategorien in der Natur als Ausdruck universeller, überdauernder Eigenschaften zu sehen, die dieser Kategorie zu eigen sind. Vor Darwin waren die Ansichten der Biologen über die Lebewesen essentialistisch. Arten wurden z. B. als eine Klasse von Lebewesen angesehen, die eine bestimmte essentielle Eigenschaft gemeinsam haben.

Der Essentialismus geht davon aus, dass die Phänomene der Ausdruck einer idealen Vorlage sind, einer Art Essenz, die selbst unerklärt bleibt. Biologische Arten sind der Ausdruck oder das Abbild des Schöpfungsvorganges, aus dem sie entstanden sind.

Demgegenüber setzte Darwin das Prinzip der Selektion als eine nicht-teleologische Erklärung für die Diversität des Lebendigen. Wahrscheinlich haben alle Füchse einen gemeinsamen Ahnen. Aber alle Füchse unterliegen auch ähnlichen Selektionsmechanismen, selektiven Kontingenzen. Diese Kontingenzen bewirken, dass alle Füchse sich ähneln. Sie sind aber nicht gleich und sie sind auch nicht unperfekte Abbilder eines idealen Fuchses. Die Varianz zwischen Füchsen ist ebenso ein Resultat der Selektionsmechanismen. Würde eine (schwer vorstellbare) Mutation alle Variabilität zwischen den Exemplaren einer Art ausmerzen, dann wäre diese Art bei der geringsten Änderung der Umweltbedingungen zum Aussterben verurteilt.

Das einzig Universelle, das es auf dieser Welt gibt, sind die Namen, die wir den Dingen geben.

Der Selektionismus betrachtet die Variabilität zwischen den Phänomenen als das Grundlegende, wohingegen der Essentialismus die Variabilität als irrelevant und irreführend betrachtet.

Die Ähnlichkeit von natürlicher Selektion und den Lernprozessen ist bereits mehreren Autoren aufgefallen (z. B. Baldwin, 1895, 1909/1980; Campbell, 1956; Pringle, 1951; Skinner, 1953; Staddon, 1983; Thorndike, 1898). Wie bei der Evolution haben variable Elemente unterschiedliche Konsequenzen. Manche Elemente mit bestimmten Konsequenzen werden gestärkt, andere nicht. Ordnung entsteht, ohne dass es eine planende Instanz, einen Schöpfer oder einer Absicht bedarf. So wie sich nach und nach Arten entwickeln, entwickeln sich nach und nach andere Verhaltensweisen, indem sich nach und nach die Verstärkungskontingenzen verändern, bis ein vollkommen neues Verhalten entstanden ist (man nennt diesen Vorgang „Shaping“, Verhaltensformung). Sowohl die Evolution als auch die Verstärkung wirken, indem sie immer wieder Elemente aus einem variablen Substrat selektieren, was letztlich zu einer Ordnung in den Kategorien der Phänomene führt.

Wir begehen einen großen Fehler, wenn wir die Variabilität unseres Untersuchungsgegenstandes – des Verhaltens – als störend oder irrelevant ansehen. Der gruppenstatistische Ansatz in der Psychologie tut aber gerade dies. Varianz wird hier als störend empfunden. Man verwendet möglichst große Gruppen von Versuchspersonen, weil man hofft, dass so die individuellen Unterschiede verschwinden und die Essenz – der Effekt, die psychologische Gesetzmäßigkeit – zum Vorschein kommt.

Derjenige Psychologe, der den Gedanken des Selektionismus am konsequentesten zu Ende gedacht hat, ist zweifelsohne B. F. Skinner. Er interpretiert jedes Verhalten – vom Hebeldrücken bis zur Wahrnehmung und dem sprachlichen Verhalten – in den Begriffen der Selektion. Demzufolge sind auch seine Untersuchungseinheiten nicht a priori gegeben, sie sind das Ergebnis der Empirie. Wenn unsere Untersuchungseinheiten und Kategorien die Natur wiedergeben sollen, müssen sie empirisch definiert werden. Dabei empfiehlt Skinner nicht, dass wir unsere unabhängigen Variablen so lange manipulieren, bei Ordnung erscheint. Er empfiehlt, dass wir unsere Definitionen so lange verändern, bis Ordnung erscheint. Er wendet sich gegen die Art, wie gelegentlich „Reize“ und „Reaktionen“ ad hoc definiert werden. Wenn wir alltägliche Vorgänge beschreiben, mag das unausweichlich sein. Im Labor aber ist es ein Fehler. Was genau die Reaktion und was der Reiz ist, bei einer Ratte, die einen Hebel drückt und danach eine Futterkugel erhält, müssen wir durch das Experiment herausfinden, wie wissen es (grundsätzlich) nicht von vorn herein. Skinner lehnte auch Watsons (1930) Definition einer Verhaltensweise (response) ab, die besagt, dass alles, was ein Tier oder Mensch tue, eine Verhaltensweise sei, also nicht nur Orientierung des Körpers zum Licht hin, sondern auch das Bauen eines Wolkenkratzers, das Zeichnen eines Plan usw. Die letztgenannten Aktivitäten sind nicht so geordnet und einförmig wie das Hebeldrücken.

In der Psychologie werden die Untersuchungseinheiten a priori definiert oder als selbstverständlich vorausgesetzt. Verhaltensanalytiker setzen eine Klasse oder Kategorie nicht voraus, sie entdecken sie. Essentialisten suchen mit ihrer Definition den „wahren Kern“ zu erfassen. Selektionisten versuchen, ihre Definitionen empirisch zu finden. Wie sie etwas definieren, hängt vom Forschungsinteresse ab, der Menge der Objekte, die sich in gewisser Weise gleich verhalten.

Das Ziel der Wissenschaft ist es, Ordnung bei unseren Untersuchungsgegenständen zu entdecken. Die Ordnung liegt aber oft im Auge des Betrachters.

Die wenigsten kognitiven Psychologen definieren ihre Konzepte empirisch. “In its flight from the restrictions of behaviorism, cognitive science has abandoned this important methodological constraint“ (Palmer & Donahoe, 1992, S. 1348). Essentialistische Analysen bringen einige Probleme mit sich:

Die Versuchung des zirkulären Denkens

Verhaltensphänomene sind zumindest zum Teil eine Funktion der Eigenschaften des Organismus. Wenn man eine hypothetische Eigenschaft des Organismus annimmt, sollte man sie nicht später als Erklärung des beobachteten Phänomens wieder verwerten. Die wenigsten Wissenschaftler argumentieren bewusst zirkulär. Zirkuläres Denken wird leicht kritisiert, aber es ist schwer zu vermeiden, wenn man essentialistisch vorgeht. William James (1907) bemerkte, dass niemand ernsthaft den Reichtum eine Menschen als Ursache dafür ansieht, warum dieser Mensch Geld habe. Doch häufiger führen wir die Kränklichkeit eines Menschen auf seine schlechte Gesundheit zurück, beeindruckende muskuläre Leistungen auf große Körperkraft und gutes Problemlösen auf große Intelligenz. In der kognitiven Psychologie wird der Spracherwerb auf die Sprachkompetenz zurückgeführt und Fehler bei der Erinnerung auf eine eingeschränkte Gedächtniskapazität. Zirkuläre Argumentation tritt auf, wenn ein Konzept (wie etwa Intelligenz) gut eingebürgert und etabliert ist. Dann wird es reifiziert.

Das Abkürzen der Untersuchung

Wer essentialistisch definiert, meint damit oft das Problem gelöst zu haben, ohne es untersucht zu haben. Die weit verbreitete Praxis, die genetische Ausstattung als Ursache für ein Verhalten anzunehmen (wie es u. a. die „Evolutionspsychologie“ tut), ist Essentialismus im Gewand des Selektionismus. Ein Verhalten wird auf eine angenommene Eigenschaft des Organismus zurückgeführt und sodann dazu benutzt, das Verhalten zu erklären. Das Kurzzeitgedächtnis ist beispielsweise eine Metapher, keine Struktur. Anzunehmen, dass es angeboren ist, ist ein Glaubensbekenntnis, keine ernsthafte Annahme.

Nicht-sparsame Erklärungen

Essentialistische Konzepte verlangen nach einzelnen Erklärungen (so wie aus der Sicht des Kreationismus jede Art auf einen eigenen Schöpfungsakt zurückgeht). Wenn man z. B. in Experimenten feststellt, dass nicht alle Daten mit der Annahme eines Kurz- und eines Langzeitgedächtnisses vereinbar sind, dann muss man eine Art Gedächtnis dazwischen postulieren. Dasselbe gilt für die verschiedenen Arten des Langzeitgedächtnisses, sie vermehren sich mit jedem Experiment. Essentialistisches Denken führt uns in nutzlose Debatten darüber, ob ein bestimmtes Phänomen wirklich der Beleg für ein bestimmtes Konzept ist oder nicht. War der Archaeopteryx ein Vogel oder ein Reptil? Ist das Resultat eines bestimmten Experiments ein Beleg für das Langezeit- oder das Kurzzeitgedächtnis, für das episodische oder das semantische Gedächtnis?

Die Kognitionswissenschaft hat sich nach Palmer und Donahoe (1992) dem Essentialismus verschrieben. Chomskys Analyse der Sprache ist ein gutes Beispiel dafür. Er geht davon aus, dass es universelle Eigenschaften der Sprache gibt, die ein Teil unserer genetischen Ausstattung sind. Bei der Ausgestaltung dieses Grundgedankens erkennen wir alle Merkmale des Essentialismus. Wenn Chomsky sich mit realer Sprache auseinandersetzt, muss er sich bald in eine idealisierte Welt zurückziehen. Die Unterscheidung von Kompetenz und Performanz hilft ihm dabei. Er hält die Grammatik für etwas, das real in den Köpfen existiert. “I have argued that the grammar represented in the mind is a real object, indeed that a person’s language should be defined in terms of this grammar“ (Chomsky, 1980, S. 120). Die linguistische Intuition der Muttersprachler wird nur dann herangezogen, wenn sie seine Annahmen stützt. Die fundamentale Variabilität des sprachlichen Verhaltens wird herausgenommen, um das formale Gebäude seiner Theorie aufrecht zu erhalten. Der Satz wird als Einheit untersucht, nicht, weil er eine Einheit des Verhaltens wäre, sondern weil er eine formale Analyse erlaubt.

Chomsky hält es für selbstverständlich, dass Menschen – im Wortsinn – die Grammatik benutzen. Ein Kind kann einen Ball fangen. Die Bewegungsgesetze beschreiben eine vorhersagbare Bewegung des Balles. Doch wir nehmen nicht an, dass das Kind diese Bewegungsgesetze erschlossen hat.

Um die Herkunft der universellen Ordnung der Sprache zu begründen, unterstellt Chomsky eine genetische Grundlage. Doch viele Regeln der Grammatik sind völlig willkürlich. Chomsky stützt seine Annahme einer genetischen Grundlage mit dem Argument, dass der Input, den eine Kind erhält, zu gering sei, als dass es die Regeln der Grammatik daraus erschließen könne (poverty of the stimulus). Doch wenn diese Regeln im Genom angelegt sein sollen, müssen auch sie irgendwie dort hinein gelangt sein. Das gleiche Argument, das er verwendet, um zu begründen, warum man ein bestimmtes sprachliches Verhalten nicht erlernt haben kann, gilt auch für das Genom. Was nicht gelernt worden sein kann, kann auch nicht ins Genom geschrieben worden sein. Denn der einzige Weg, wie etwas ins Genom gelangen kann, ist der der Selektion auf Ebene der Art. Doch willkürliche Regeln haben keine Konsequenzen, die es plausibel machen, warum sie weitervererbt werden sollten. Chomsky unterstellt, dass dies aufgrund der langen Zeit, die der biologischen Evolution zur Verfügung steht, möglich sei. Doch er glaubt wohl selbst nicht an dieses Argument, denn 1969 führt er aus, dass es evtl. auch noch nicht-entdeckte, physikalische Gesetze gäbe, die es ermöglichen, dass eine grammatische Regel ohne adaptiven Nutzen ins Genom geschrieben werde. „It is, in fact, perfectly possible that the innate structure of mind is determined by principles of organization, by physical conditions, even by physical laws that are now quite unknown, and that such notions as „random mutation“ and „natural selection“ are as much a cover for ignorance as the somewhat analogous notions of “trial and error”, “conditioning”, “reinforcement”, and “association”” (Chomsky, 1969, S. 262).

Es gibt viele Beispiele für Verhalten, das offenkundig genetisch determiniert ist, das Balzverhalten, Warnrufe etc. Doch bei all diesen Verhaltensweisen ist klar, wie sie ausgelöst werden und welchen Nutzen sie haben. Von Chomskys Grammatik-Generator kann man das nicht behaupten. Auch Steven Pinkers semantisches „Bootstrapping“ ist kein Ausweg, denn der Mechanismus, wie es funktionieren soll, müsste erst beschrieben werden. Es gibt keinen Zweifel, dass Kinder ihre Muttersprache durch die Interaktionen erlernen, die das Bootstrapping beinhaltet. Doch Kinder lernen nicht die essentialistischen Konzepte der Universalgrammatik.

Auch die Gedächtnispsychologie hat sich dem Essentialismus verschrieben. Erinnerungen werden als „Dinge“ betrachtet. Zwar nimmt kaum ein Wissenschaftler die „Speicher“-Metapher wörtlich, doch wird das Gedächtnis als ein Ding betrachtet, dass sich in bestimmten Verhaltensweisen manifestiert. Wir rufen keine synaptischen Verknüpfungen auf, wenn wir Erinnerungen „aufrufen“. Wir kommen ja auch nicht auf den Gedanken, dass der Patellarsehnenreflex im Rückenmark „gespeichert“ ist. Aus selektionistischer Sicht ist das Abrufen einer Erinnerung ein Beispiel für aktuelles Verhalten (wobei einige Teile dieses Verhaltens verdeckt, d. h. von außen nicht beobachtbar stattfinden). Die vorausgehenden Bedingungen einer Erinnerung sind sicher komplexer als die eines Augenzwinkerns, aber dieser Unterschied in der Komplexität ist kein prinzipieller Unterschied. Wenn wir gefragt werden, wo wir letzten Donnerstag gewesen sind, ziehen wir nicht eine vorgefertigte Antwort aus einer Schublade in unserem Kopf, sondern wir beginnen mit einem Verhalten, das uns dabei hilft, zu rekonstruieren. Unsere eigenen Antworten dienen dabei als vorausgehende Bedingungen unseres weiteren, sprachlichen Verhaltens. Palmer und Donahoe (1992) geben ein Beispiel: „Letzten Donnerstag…? Heute ist Montag. Am Mittwoch gehe ich immer zum Skat, ich war am Mittwoch lange weg und muss wohl am Donnerstag lange im Bett geblieben sein…“ usw.

Literatur

Baldwin, J. M. (1895). Mental development in the child and race. New York: Macmillan.

Baldwin, J. M. (1980). Darwin and the humanities. New York: AMS Press.

Campbell, D. T. (1956). Adaptive behavior from random response. Behavioral Science, 1, 105-110.

Chomsky, N. (1969). Some empirical assumptions in modern philosophy of language. In S. Morgenbesser, P. Supes & M. White (Eds.), Philosophy, science, and methods: Essays in honor of Ernest Nagel (pp. 260-285). New York: St. Martin’s Press.

Chomsky, N. (1980). Rules and representations. New York: Columbia University Press.

James, W. (1907). Pragmatism. New York: Longmans Green.

Mayr, E. (1976). Evolution and the diversity of life. Cambridge, MA: Belknap Press.

Mayr, E. (1982). The growth of biological thought. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Mayr, E. (1988). Toward a new philosophy of biology. Observations of an evolutionist. Cambridge, MA: Belknap Press.

Palmer, David C. & Donahoe, John W. (1992). Essentialism and selectionism in cognitive science and behavior analysis. American Psychologist, 47(11), 1344-1358. DOI: 10.1037/0003-066X.47.11.1344

Pringle, J. W. S. (1951). On the parallel between learning and evolution. Behaviour, 3, 175-215.

Staddon, J. E. R. (1983). Adaptive behavior and learning. Cambridge, England: Cambridge University Press.

Thorndike, E. L. (1898). Animal intelligence. An experimental study of the associative process in animals. The Psychological Review Monograph Supplements, 2(4, Whole No. 8).

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Wie man eine Unterhaltung führt

Nicht jedem fällt es leicht, eine angenehme Unterhaltung mit anderen Menschen zu führen. Dabei ist auch das – mit andern plaudern – etwas, das man lernen kann.

Beaulieu et al. (2014) berichten von dem verhaltensorientierten Training eines 21jährigen Studenten, der sich an die Studentenberatung einer Universität gewandt hatte, weil er Probleme damit hatte, normale Gespräche zu führen. Cornelius unterbrach seine Gesprächspartner häufig, stellte selbst selten Fragen, sprach mehr, als dass er zuhörte und berichtete zu spezifisch. Wenn er bspw. seinen Tagesablauf schildern sollte, berichtete er diesen viel detaillierte als es für den Gesprächspartner von Interesse sein konnte („Naja, ich stand erst auf, ging die Treppe hinunter und nahm mir in der Küche eine Schüssel, in die ich Cornflakes tat…“). Diese Defizite in den Konversationsfähigkeiten waren in mehreren Assessmentterminen festgestellt worden. In einem zwanzigminütigen Gespräch etwa war er nur drei Minuten lang in der Zuhörerrolle, er unterbrach seine Gesprächspartner bis zu 17mal in der Minute und stellte höchstens eine Frage je Minute (üblich ist das 2-3fache). Die Vergleichsdaten waren durch die Auswertung der Gespräche von gleichaltrigen Studenten ohne Probleme mit ihren Konversationsfähigkeiten gewonnen worden. Die Spezifität seiner Redebeiträge wurde auf einer Skala von 1 bis 4 von Beobachtern im Schnitt mit knapp „4“ bewertet („normal“ waren Werte von etwa „2“). Die Gespräche, die Cornelius im Laufe des Assessments und des Trainings führte, wurden auf Video aufgezeichnet und von Beobachtern ausgewertet, die verblindet waren (nichts über den Zweck der Untersuchung oder die Maßnahmen wussten).

Das Training dauerte jeweils eine Stunde und fand dreimal in der Woche über insgesamt knapp fünf Monate statt. Zunächst trainierten Beaulieu et al. (2014) die Merkmale „Unterbrechungen“, „Zeit in der Zuhörerrolle“, „Fragen stellen“ und „inhaltliche Spezifität“. Das Training der einzelnen Merkmale begann zeitlich versetzt (nach der Methode der „multiplen Basisraten“), um die spezifische Wirkung des Trainings feststellen zu können. Das Training beinhaltete Informationen über gelungene Kommunikation, das Demonstrieren von Beispielen für richtiges und falsches Gesprächsverhalten, das Üben mit Feedback in 20minütigen Gesprächen und Hausaufgaben. Das Feedback wurde sowohl grafisch als auch verbal vermittelt. Cornelius wurde z. B. eine Grafik gezeigt, auf der er sehen konnte, wie viel Zeit er in den letzten Übungsgesprächen in der Zuhörerrolle verbracht hatte. Wenn Cornelius im Gespräch den Gesprächspartner unterbrach, wurde ihm zunächst nonverbal Feedback gegeben: Der Trainer hatte vor sich auf dem Tisch eine Anzahl von Glasperlen liegen. Wenn Cornelius ihn unterbrach, nahm er jeweils eine davon weg. Dieses Verfahren wurde gewählt, um den Gesprächsfluss nicht zu unterbrechen. Gegen Ende des Trainings wurde das Feedback nach und nach verbal gegeben, indem der Trainer Cornelius darauf hinwies, dass dieser ihn gerade unterbrochen hatte. Das Fragenstellen wurde über Rollenspiele geübt.

Die trainierten Verhaltensmerkmale verbesserten sich im Laufe des Trainings deutlich. Cornelius unterbrach den Gesprächspartner nun kaum mehr (im Schnitt weniger als einmal je Minute), er war in 20 Minuten fünf bis zehn Minuten lang der Zuhörer (der „Normalwert“ bei gleichaltrigen Studenten lag bei 9,8 Minuten je 20 Minuten), er stellt im Schnitt zwei bis drei Fragen je Minute und die Spezifität seiner Redebeiträge wurde nun im Schnitt von den unabhängigen Beobachtern mit rund „2“ bewertet. Diese Werte konnte Cornelius auch in mehreren Gesprächen mit Gleichaltrigen, die gegenüber dem Untersuchungsziel verblindet („naiv“) waren, zeigen.

Nicht trainiert, aber beobachtet wurde die Häufigkeit, mit der Cornelius seinem Gesprächspartner positives Feedback gab (z. B. Zustimmung signalisierte). Er gab im Schnitt fünfmal je Minute seinem Gegenüber positives Feedback, unabhängig von dem jeweiligen Stand des Trainings. Der Wert variierte stark, je nachdem, um welche Gesprächsinhalte es ging.

Die Autoren vermuten, dass Cornelius sich im Lauf des Trainings Selbstkontrolltechniken aneignete, d. h. sogenanntes Self-Editing betrieb. Er begann im Lauf des Trainings etwa, sich selbst zu stoppen, wenn er sein Gegenüber unterbrach; er entschuldigte sich dann dafür, dass er den anderen unterbrochen hatte. Bisweilen sagte er leise zu sich „Ich sollte jetzt eine Frage stellen“.

Cornelius empfand das Training als angenehm und hilfreich. Er beschrieb sich als selbstischerer in sozialen Situationen. Dieser Eindruck wurde auch von den unabhängigen Beobachtern geteilt. Seine Selbstsicherheit hatten sie vor dem Training auf einer Skala von 1 bis 10 mit durchschnittlich 2,3 bewertet, nach dem Training betrug dieser Wert im Schnitt 5,3.

Leider liegen keine langfristigen Ergebnisse vor, da Cornelius die Universität verließ, nachdem er seinen Abschluss gemacht hatte.

Diese kleine Studie, mit nur einer Versuchsperson, die auf nur sechs Seiten in der Zeitschrift The Analysis of Verbal Behavior berichtet wird, ist m. E. ein schönes Beispiel für angewandte Forschung in der Verhaltensanalyse. Das Problem, mit dem sich der Teilnehmer vorstellte, wurde zunächst analysiert und so objektiv wie möglich gemessen. Das Training wurde systematisch und effizient durchgeführt, wobei der Artikel transparent dahingehend ist, was im Training tatsächlich passierte. Maßnahmen wie die Verblindung, die Berechnung der Beobachterübereinstimmung, die Sicherstellung der Generalisation der erworbenen Fähigkeiten über Situationen hinweg und die soziale Validität des Trainings werden eingehend berichtet. Und letztlich war die Maßnahme auch erfolgreich, im Sinne des Klienten.

Literatur

Beaulieu, Lauren; Hanley, Gregory P. & Santiago, Joana L. (2014). Improving the conversational skills of a college student with peer-mediated behavioral skills training. The Analysis of Verbal Behavior, 30, 48-53.

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Sprachentwicklung, verhaltensanalytisch

In der Literatur zur Sprachentwicklung beim Kind wird kaum auf die Terminologie Skinners (1957) zurückgegriffen (Michael, 1984). Dabei würde der verhaltensanalytische Ansatz dazu beitragen, einige Probleme in der Sprachentwicklung besser zu verstehen. So kann ein rein topographischer Ansatz nicht erklären, weshalb jemand ein Wort einer Fremdsprache zwar lesen, aber nicht sprechen kann oder warum jemand ein bestimmtes Objekt nicht benennen kann, wenn er davor steht, sehr wohl aber, wenn er es benötigt. Laut Partington und Bailey (1993) gibt es nur sehr wenige Studien, die die normale Sprachentwicklung beim Kind betrachten und dabei die verhaltensanalytische Terminologie verwenden. Zweifelsohne kann man sprachliches Verhalten durch Verstärkung formen, dies ist durch Laborexperimente vielfach belegt. Doch die kritische Frage lautet, ob die Sprachentwicklung im natürlichen Umfeld auf die gleiche Weise erfolgt. Eine verhaltensanalytische Langzeitstudie zur Sprachentwicklung fehlt (Ribes-Inesta & Quintana, 2003). Zwar hat Moerk (1976) die Daten von Brown (1973) reanalysiert – und dabei festgestellt, dass sich diese Daten besser mit den Prinzipien Skinners als mit dem Ansatz Browns erklären lassen; u. a. stellte er fest, dass Mütter im Schnitt fünf Mal je Stunde korrektives Feedback zum sprachlichen Verhalten ihrer Kinder geben. Doch fehlt eine Langzeitstudie, die von Verhaltensanalytikern geplant und durchgeführt wurde.

Cruvinel und Hübner (2013) untersuchten das sprachliche Verhalten eines kleinen Jungen vom Alter von 17 Monaten bis zum Alter von 2 Jahren. Im wöchentlichen Abstand fanden 34 Termine statt, bei denen das Verhalten des Kindes und seiner Bezugspersonen im Schnitt 15 Minuten lang gefilmt wurde. Diese Aufnahmen wurden anschließend transkribiert und ausgewertet. Dabei wurden sowohl die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen des sprachlichen Verhaltens des Kindes als auch seiner Bezugspersonen erfasst (nur so konnte bestimmt werden, um welche sprachlichen Operanten es sich handelte). Die wenigsten sprachlichen Operanten treten in Reinform auf (Michael et al., 2011), zumeist liegen Mischungen vor (z. B. aus Mand und Tact). Dies musste bei der Auswertung berücksichtigt werden.

Die Häufigkeit aller sprachlichen Äußerungen stieg zunächst linear bis zum Alter von 20 Monaten an, ab da gab es einen deutlicheren Anstieg. Vor allem traten nun Mands und Tacts häufiger auf. Ab dem 21. Monat stieg auch die Zahl der Intraverbalen deutlich an. Reine Vokalisationen traten ab dem 20. Monat dagegen seltener auf. Die Bezugspersonen zeigten bei der Kommunikation mit dem Kind den gleichen Anstieg in der Häufigkeit von Mands, Tacts und Echoics ab dem 20. Lebensmonat des Kindes. Der Anstieg der jeweiligen Häufigkeiten bestimmter Operantenklassen verlief bei dem Kind und seinen Bezugspersonen parallel. Insgesamt nutzten die Bezugspersonen Mands am häufigsten, das Kind dagegen Tacts. Die Mands der Bezugspersonen (z. B. „Was machst du gerade?“) wurden in 60 % aller Fälle vom sprachlichen Verhalten des Kindes verstärkt. Die Autorinnen vermuten, dass die Mands der Eltern eine große Rolle bei der Entwicklung des sprachlichen Repertoires des Kindes spielen. Echoics nutzen die Bezugspersonen häufiger als das Kind, sie wiederholten oft die Äußerungen des Kindes.

Die Autorinnen beobachteten zudem Übertragungen der Stimuluskontrolle. Zu Beginn der Beobachtungen wurden die sprachlichen Äußerungen des Kindes vor allem vom sprachlichen Verhalten der Bezugspersonen kontrolliert. Nach und nach übernahmen aber andere Stimuli, z. B. Objekte der Umgebung die Kontrolle und das Kind sprach auch ohne die sprachliche Stimulation der Erwachsenen. Die Äußerungen, die dann als Tact verwendet wurden, wurden im weiteren Verlauf wiederum zu Intraverbalen. D. h. die Objekte, über die das Kind sprach, mussten nicht mehr zugegen sein, die Kontrolle ging von der Umwelt auf das sprachliche Verhalten des Kindes über. Diese Übergänge waren jeweils möglich, weil das sprachliche Verhalten zeitweise unter multipler Kontrolle stand (also z. B. des sprachlichen Verhaltens der Bezugspersonen und der Umwelt sowie später der Umwelt und dem eigenen sprachlichen Verhalten des Kindes).

Die Autorinnen fanden einen weiteren Befund Moerks (1990) bestätigt, nämlich dass die Eltern das sprachlichen Verhalten des Kindes sowohl durch Zustimmung als auch durch Erweiterung (die Mutter greift die Äußerung des Kindes auf und führt sie fort) verstärken. Auch das korrektive Feedback fand in der von Moerk bekannten Häufigkeit statt.

Literatur

Brown, R. (1973). A first language: The early stages. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Cruvinel, Adriana Cunha & Hübner, Maria Martha Costa. (2013). Analysis of the acquisition of verbal operants in a child from 17 months to 2 years of age. The Psychological Record, 63(4), 735-750.

Michael, J. (1984). Verbal behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 42(3), 363-376. PDF 2,31 MB

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

Moerk, E. L. Processes of language teaching and training in the interactions of mother-child dyads. Child Development, 47, 1064-1078.

Moerk, E. L. (1990). Three-term contingency patterns in mother-child verbal interactions during first-language acquisition. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 54(3), 293-305. PDF 2,15 MB

Partington, James W. & Bailey, Jon S. (1993). Teaching intraverbal behavior to preschool children. The Analysis of Verbal Behavior, 11, 9-18. PDF 1,34 MB

Ribes-Inesta, E. & Quintana, C. (2003). Mother-child linguistic interactions and behavioral development: A multidimensional observational. The Behavior Analyst Today, 3, 442-454. PDF der Zeitschrift, 1,70 MB

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Eingeordnet unter Entwicklung, Sprache, Verhaltensanalyse

Einfach ist schwer was – Zum Beispiel die multiple Kontrolle sprachlichen Verhaltens

Die Prinzipien der Verhaltensanalyse sind einfach. Diese Einfachheit bedeutet wissenschaftliche Sparsamkeit. Wenn eine Theorie mit wenigen Prinzipien sehr viel erklärt, gilt dies gemeinhin als ein Gütekriterium für diese Theorie. Anders bei der Verhaltensanalyse. Dieser wird gerne der Vorwurf gemacht (z. B. Chomsky, 1959), ihre Erklärungen können nicht zutreffen, da komplexe Dinge wie die menschliche Sprache auch komplexe Erklärungen benötigten. Tatsächlich aber kann man mit einfachen Prinzipien auch komplexe Sachverhalte erklären. Man muss nur berücksichtigen, dass diese Prinzipien auf komplexe Art und Weise zusammenwirken können. Die Natur ist komplex, auch wenn die Vorgänge in der Natur auf wenige einfache Prinzipien zurückgeführt werden können (das ist das Prinzip des Reduktionismus):

„The simplicity of a principle does not protect us from complexity of nature“ (Michael et al., 2011, S. 3).

Verhalten wird durch vorausgehende Bedingungen und Konsequenzen geformt. Verhaltensanalytiker sagen, das Verhalten stehe unter Stimulus- und Verstärkerkontrolle. Dabei ist es in den seltensten Fällen so, dass ein Verhalten nur von einem Stimulus kontrolliert wird. Dies gilt auch und vor allem für sprachliches Verhalten. Skinner (1957) spricht von der multiplen Kontrolle des Verhaltens. Die multiple Kontrolle von Verhalten gibt es nach Michael et al. (2011) in zwei Varianten: Konvergente multiple Kontrolle bedeutet, dass verschiedene Variablen (z. B. Stimuli) ein Verhalten kontrollieren. Die Äußerung „Eisenhower“ kann durch eine Vielzahl von Variablen kontrolliert werden, durch ein Foto des Mannes, durch das geschriebene Wort „Eisenhower“ und durch das Wort „Chruschtschow“. Die Wirkung dieser Variablen ist additiv, d. h. mit jeder Variable mehr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Wort geäußert wird. Manche Variablen tragen positiv, andere negativ dazu bei. Divergente multiple Kontrolle bedeutet, dass eine Variable mehrere Verhaltensweisen kontrolliert. Beispielsweise könnte eine motivierende Operation wie etwa Wassermangel die Wahrscheinlichkeit für eine Vielzahl von Mands beeinflussen, wie etwa „Wasser“, „trinken“, „durstig“.

Gemeinsame Kontrolle (Joint Control) ist eine Sonderform der multiplen Kontrolle. Ein Beispiel: Jemand soll herausfinden, welche Person auf einer Seite im Telefonbuch die Nummer 325687 hat. Die Person wird nun die Nummern auf dieser Seite durchgehen und dabei gelegentlich die Nummer für sich wiederholen. Wenn sie die richtige Nummer gefunden hat, konvergieren die textuale und die echoische Kontrolle ihres Verhaltens, die gemeinsame Kontrolle beginnt.

Bedingte Diskrimination (Conditional Discrimination) ist ebenfalls ein Fall von multipler Kontrolle. Ein Beispiel: Wenn die Ampel auf Grün schaltet, fährt man los, aber nur, wenn das Auto vor einem auch los fährt.

Literatur

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

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Bewusstsein ist nur ein Wort

Das Bewusstsein ist nicht im Gehirn, es ist etwas, das wir tun. Letztlich ist es sprachliches Verhalten. Hank Schlinger, über dessen Arbeit ich hier bereits berichtet hatte, erläuterte seine Gedanken auf der Konferenz der Skeptics Society im Jahr 2005.

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31/01/2014 · 15:44

Wie man sich Musik vorstellt

Was passiert, wenn wir uns Musik vorstellen? Oder wie die Stimme eines anderen Menschen klingt?

Der radikale Behaviorismus geht von der Kontinuität des Verhaltens aus: Auch verdecktes Verhalten ist Verhalten. Wenn wir uns vorstellen, dass wir sprechen, sprechen wir, ohne den Mund aufzumachen. Die Ergebnisse der Neurowissenschaften bestätigen diese Annahme: Bei vorgestellter Sprache sind dieselben Hirnareale aktiviert, wie bei lautem Sprechen. Die Muskeln des Sprechapparates werden nur nicht wirklich aktiviert. Traditionellerweise und von den kognitiven Psychologen wird dagegen angenommen, dass beim Vorstellen von Sprache und Musik die Person mit einer Art innerem Ohr hört, was von einem Speicher abgerufen wird. Doch solche Beschreibungen sind größtenteils zirkulär und sie erklären nicht, was die Person wirklich tut, wenn sie sich etwas vorstellt.

Schlinger (2009) schlägt folgende Interpretation vor: Was er tut, wenn er sich Beethovens fünfte Symphonie vorstellt, ist, sie verdeckt (das heißt, sub-vokal) zu singen (oder zu summen). Wenn wir uns vorstellen, wie jemand spricht, imitieren wir seine Stimme; wir hören uns selbst zu, wie wir den Klang der Stimme sub-vokal (für andere nicht hörbar) nachahmen.

Skinner (1945) vermutete, dass etwas bewusst zu tun bedeutet, dass wir auf unser eigenes Verhalten verbal reagieren. Wenn ich mich an die Fahrt zur Arbeit erinnern kann, habe ich auf mein eigenes Verhalten im Auto verbal reagiert. Wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, habe ich während der Fahrt etwas anderes getan, nicht verbal auf meine Autofahrt reagiert.

Nachtrag zu „wir hören uns selbst zu“: Diese Formulierung ist, genau genommen, sprachlich unscharf und ein unfreiwilliger Dualismus. Tatsächlich hören wir uns nicht selbst zu. Wir tun etwas (z. B. subvokal summen). Punkt.

Literatur

Schlinger, Henry D. (2009). Auditory imagining. European Journal of Behavior Analysis, 10(1), 77-85.

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