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Oft wiederholte Sätze klingen wie Gesang

Gemeinhin geht man davon aus, dass der Umstand, ob man eine Äußerung als Gesprochenes oder Gesang wahrnimmt, alleine von den akustischen Merkmalen der Äußerung abhängt. Doch ist die Trennung von Sprache und Nicht-Sprache nicht so eindeutig, wie man meinen möchte. So fand man, dass nichtsprachliche Laute als Sprache interpretiert werden, wenn die Person entsprechend trainiert wurde (Remez et al., 1981; Mottonen et al., 2006) oder wenn die Laute in einem sprachlichen Kontext zu hören waren (Shtyrov et al., 2005).

Diana Deutsch (Deutsch et al., 2011) berichtet von einer akustischen Illusion, die aufzeigt, dass die Entscheidung, ob etwas gesprochen oder gesungen wurde, beim Hörer liegt. In einem ersten Experiment ließ sie ihre Versuchspersonen zehnmal die gleiche gesprochene Phrase hören (sometimes behave so strangely). Die erste und die letzte Wiederholung waren für alle Versuchspersonen identisch. Eine Gruppe von Versuchspersonen hörte nur identische Wiederholungen, die andere Gruppe hörte bei der zweiten bis zur neunten Darbietung Wiederholungen, die sich minimal in Betonung, Lautstärke usw. unterschieden. Die Versuchspersonen sollten auf einer Skala von eins bis fünf angeben, wie sehr die Wiederholungen jeweils nach Sprache (1=exakt wie Sprache) oder nach Gesang (5=exakt wie Gesang) klangen. Die Versuchspersonen, die immer die gleiche Wiederholung hörten, veränderten mit jeder Wiederholung ihr Urteil mehr und mehr in Richtung „klingt exakt wie Gesang“. Die zehnte Wiederholung klang für die Versuchspersonen dieser Gruppe eindeutig so, als ob sie gesungen würde. Dieser Effekt trat nicht auf, wenn die Wiederholungen nicht völlig identisch waren.

In einem zweiten Experiment hörten die Versuchspersonen eine Phrase entweder einmal oder zehnmal identisch wiederholt. Unmittelbar anschließend sollten die Versuchspersonen die Phrase so wiederholen, wie sie sie zuletzt gehört hatten. Die Versuchspersonen, die die Phrase nur einmal gehört hatten, sprachen diese, die Versuchspersonen, die sie zehnmal gehört hatten, sangen sie. Dies belegt, dass dieser Effekt nicht nur einer der Interpretation ist (man könnte die Phrase als Sprache oder als Gesang interpretieren), sondern, dass die Versuchspersonen die Phrase nach zehn identischen Durchläufen tatsächlich als Gesang hörten.

Ich vermute, dass diese Illusion etwas mit dem Wort- und Satzakzent zu tun hat. Die Wiederholungen bewirken, dass die bedeutungstragenden Merkmale der Phrase in den Hintergrund treten, der Akzent dagegen wird prominenter. Diesen Effekt macht sich auch die „Milk“-Übung in der Acceptance und Commitment Therapie (ACT) zunutze. Der Klient soll hier das Wort „Milk“ kurz hintereinander ganz oft sprechen, um dabei erleben zu können, wie das Wort am Ende gar nicht mehr nach „Milch“ klingt. Das, was wir mit Sprache verbinden, ist gelernt. Wenn wir ein sprachliches Verhalten ganz oft wiederholen, ohne dass die Funktionen, die Sprache ansonsten hat, zum Tragen kommen, entspricht dies einer Extinktion. Das, was nach der Löschung der erlernten Funktionen der Sprache übrigbleibt, ist nur Melodie und kein Sinn.

Diana Deutsch selbst vermutet, dass die Versuchspersonen, wenn sie Melodien in der Phrase hören, ihr Langzeitgedächtnis nach passenden Melodien durchsuchen. Deutschs Versuchspersonen gelang dies wohl leichter als anderen, da es sich ausschließlich um Personen handelte, die eine musikalische Ausbildung erhalten hatten. Sobald die Bedeutung des Gesprochenen wegfällt, gleicht sich der Höreindruck den bereits gelernten, passenden Melodien an.

Literatur

Deutsch, Diana et al. (2011). Illusory transformation from speech to song. Journal of the Acoustical Society of America, 129(4), 2245-2252. DOI: 10.1121/1.3562174

Möttönen, R.; Calvert, G. A.; Jaaskelainen, I. P.; Matthews, P. M.; Thesen, T.; Tuomainen, J.; & Sams, M. (2006). Perceiving identical sounds as speech or non-speech modulates activity in the left posterior superior temporal sulcus. Neuroimage 30(2), 563-569. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.10.002

Remez, R. E.; Rubin, P. E.; Pisoni, D. B. & Carrell, T. D. (1981). Speech perception without traditional speech cues. Science, 212(4497), 947-949. DOI: 10.1126/science.7233191

Shtyrov, Y.; Pihko, E. & Pulvermuller, F. (2005). Determinants of dominance: Is language laterality explained by physical or linguistic features of speech? Neuroimage 27(1), 37-47. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.02.003

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Essentialismus und Selektionismus

Der Biologe Ernst Mayr (1976, 1982, 1988) sieht im essentialistischen Denken die Tendenz, Kategorien in der Natur als Ausdruck universeller, überdauernder Eigenschaften zu sehen, die dieser Kategorie zu eigen sind. Vor Darwin waren die Ansichten der Biologen über die Lebewesen essentialistisch. Arten wurden z. B. als eine Klasse von Lebewesen angesehen, die eine bestimmte essentielle Eigenschaft gemeinsam haben.

Der Essentialismus geht davon aus, dass die Phänomene der Ausdruck einer idealen Vorlage sind, einer Art Essenz, die selbst unerklärt bleibt. Biologische Arten sind der Ausdruck oder das Abbild des Schöpfungsvorganges, aus dem sie entstanden sind.

Demgegenüber setzte Darwin das Prinzip der Selektion als eine nicht-teleologische Erklärung für die Diversität des Lebendigen. Wahrscheinlich haben alle Füchse einen gemeinsamen Ahnen. Aber alle Füchse unterliegen auch ähnlichen Selektionsmechanismen, selektiven Kontingenzen. Diese Kontingenzen bewirken, dass alle Füchse sich ähneln. Sie sind aber nicht gleich und sie sind auch nicht unperfekte Abbilder eines idealen Fuchses. Die Varianz zwischen Füchsen ist ebenso ein Resultat der Selektionsmechanismen. Würde eine (schwer vorstellbare) Mutation alle Variabilität zwischen den Exemplaren einer Art ausmerzen, dann wäre diese Art bei der geringsten Änderung der Umweltbedingungen zum Aussterben verurteilt.

Das einzig Universelle, das es auf dieser Welt gibt, sind die Namen, die wir den Dingen geben.

Der Selektionismus betrachtet die Variabilität zwischen den Phänomenen als das Grundlegende, wohingegen der Essentialismus die Variabilität als irrelevant und irreführend betrachtet.

Die Ähnlichkeit von natürlicher Selektion und den Lernprozessen ist bereits mehreren Autoren aufgefallen (z. B. Baldwin, 1895, 1909/1980; Campbell, 1956; Pringle, 1951; Skinner, 1953; Staddon, 1983; Thorndike, 1898). Wie bei der Evolution haben variable Elemente unterschiedliche Konsequenzen. Manche Elemente mit bestimmten Konsequenzen werden gestärkt, andere nicht. Ordnung entsteht, ohne dass es eine planende Instanz, einen Schöpfer oder einer Absicht bedarf. So wie sich nach und nach Arten entwickeln, entwickeln sich nach und nach andere Verhaltensweisen, indem sich nach und nach die Verstärkungskontingenzen verändern, bis ein vollkommen neues Verhalten entstanden ist (man nennt diesen Vorgang „Shaping“, Verhaltensformung). Sowohl die Evolution als auch die Verstärkung wirken, indem sie immer wieder Elemente aus einem variablen Substrat selektieren, was letztlich zu einer Ordnung in den Kategorien der Phänomene führt.

Wir begehen einen großen Fehler, wenn wir die Variabilität unseres Untersuchungsgegenstandes – des Verhaltens – als störend oder irrelevant ansehen. Der gruppenstatistische Ansatz in der Psychologie tut aber gerade dies. Varianz wird hier als störend empfunden. Man verwendet möglichst große Gruppen von Versuchspersonen, weil man hofft, dass so die individuellen Unterschiede verschwinden und die Essenz – der Effekt, die psychologische Gesetzmäßigkeit – zum Vorschein kommt.

Derjenige Psychologe, der den Gedanken des Selektionismus am konsequentesten zu Ende gedacht hat, ist zweifelsohne B. F. Skinner. Er interpretiert jedes Verhalten – vom Hebeldrücken bis zur Wahrnehmung und dem sprachlichen Verhalten – in den Begriffen der Selektion. Demzufolge sind auch seine Untersuchungseinheiten nicht a priori gegeben, sie sind das Ergebnis der Empirie. Wenn unsere Untersuchungseinheiten und Kategorien die Natur wiedergeben sollen, müssen sie empirisch definiert werden. Dabei empfiehlt Skinner nicht, dass wir unsere unabhängigen Variablen so lange manipulieren, bei Ordnung erscheint. Er empfiehlt, dass wir unsere Definitionen so lange verändern, bis Ordnung erscheint. Er wendet sich gegen die Art, wie gelegentlich „Reize“ und „Reaktionen“ ad hoc definiert werden. Wenn wir alltägliche Vorgänge beschreiben, mag das unausweichlich sein. Im Labor aber ist es ein Fehler. Was genau die Reaktion und was der Reiz ist, bei einer Ratte, die einen Hebel drückt und danach eine Futterkugel erhält, müssen wir durch das Experiment herausfinden, wie wissen es (grundsätzlich) nicht von vorn herein. Skinner lehnte auch Watsons (1930) Definition einer Verhaltensweise (response) ab, die besagt, dass alles, was ein Tier oder Mensch tue, eine Verhaltensweise sei, also nicht nur Orientierung des Körpers zum Licht hin, sondern auch das Bauen eines Wolkenkratzers, das Zeichnen eines Plan usw. Die letztgenannten Aktivitäten sind nicht so geordnet und einförmig wie das Hebeldrücken.

In der Psychologie werden die Untersuchungseinheiten a priori definiert oder als selbstverständlich vorausgesetzt. Verhaltensanalytiker setzen eine Klasse oder Kategorie nicht voraus, sie entdecken sie. Essentialisten suchen mit ihrer Definition den „wahren Kern“ zu erfassen. Selektionisten versuchen, ihre Definitionen empirisch zu finden. Wie sie etwas definieren, hängt vom Forschungsinteresse ab, der Menge der Objekte, die sich in gewisser Weise gleich verhalten.

Das Ziel der Wissenschaft ist es, Ordnung bei unseren Untersuchungsgegenständen zu entdecken. Die Ordnung liegt aber oft im Auge des Betrachters.

Die wenigsten kognitiven Psychologen definieren ihre Konzepte empirisch. “In its flight from the restrictions of behaviorism, cognitive science has abandoned this important methodological constraint“ (Palmer & Donahoe, 1992, S. 1348). Essentialistische Analysen bringen einige Probleme mit sich:

Die Versuchung des zirkulären Denkens

Verhaltensphänomene sind zumindest zum Teil eine Funktion der Eigenschaften des Organismus. Wenn man eine hypothetische Eigenschaft des Organismus annimmt, sollte man sie nicht später als Erklärung des beobachteten Phänomens wieder verwerten. Die wenigsten Wissenschaftler argumentieren bewusst zirkulär. Zirkuläres Denken wird leicht kritisiert, aber es ist schwer zu vermeiden, wenn man essentialistisch vorgeht. William James (1907) bemerkte, dass niemand ernsthaft den Reichtum eine Menschen als Ursache dafür ansieht, warum dieser Mensch Geld habe. Doch häufiger führen wir die Kränklichkeit eines Menschen auf seine schlechte Gesundheit zurück, beeindruckende muskuläre Leistungen auf große Körperkraft und gutes Problemlösen auf große Intelligenz. In der kognitiven Psychologie wird der Spracherwerb auf die Sprachkompetenz zurückgeführt und Fehler bei der Erinnerung auf eine eingeschränkte Gedächtniskapazität. Zirkuläre Argumentation tritt auf, wenn ein Konzept (wie etwa Intelligenz) gut eingebürgert und etabliert ist. Dann wird es reifiziert.

Das Abkürzen der Untersuchung

Wer essentialistisch definiert, meint damit oft das Problem gelöst zu haben, ohne es untersucht zu haben. Die weit verbreitete Praxis, die genetische Ausstattung als Ursache für ein Verhalten anzunehmen (wie es u. a. die „Evolutionspsychologie“ tut), ist Essentialismus im Gewand des Selektionismus. Ein Verhalten wird auf eine angenommene Eigenschaft des Organismus zurückgeführt und sodann dazu benutzt, das Verhalten zu erklären. Das Kurzzeitgedächtnis ist beispielsweise eine Metapher, keine Struktur. Anzunehmen, dass es angeboren ist, ist ein Glaubensbekenntnis, keine ernsthafte Annahme.

Nicht-sparsame Erklärungen

Essentialistische Konzepte verlangen nach einzelnen Erklärungen (so wie aus der Sicht des Kreationismus jede Art auf einen eigenen Schöpfungsakt zurückgeht). Wenn man z. B. in Experimenten feststellt, dass nicht alle Daten mit der Annahme eines Kurz- und eines Langzeitgedächtnisses vereinbar sind, dann muss man eine Art Gedächtnis dazwischen postulieren. Dasselbe gilt für die verschiedenen Arten des Langzeitgedächtnisses, sie vermehren sich mit jedem Experiment. Essentialistisches Denken führt uns in nutzlose Debatten darüber, ob ein bestimmtes Phänomen wirklich der Beleg für ein bestimmtes Konzept ist oder nicht. War der Archaeopteryx ein Vogel oder ein Reptil? Ist das Resultat eines bestimmten Experiments ein Beleg für das Langezeit- oder das Kurzzeitgedächtnis, für das episodische oder das semantische Gedächtnis?

Die Kognitionswissenschaft hat sich nach Palmer und Donahoe (1992) dem Essentialismus verschrieben. Chomskys Analyse der Sprache ist ein gutes Beispiel dafür. Er geht davon aus, dass es universelle Eigenschaften der Sprache gibt, die ein Teil unserer genetischen Ausstattung sind. Bei der Ausgestaltung dieses Grundgedankens erkennen wir alle Merkmale des Essentialismus. Wenn Chomsky sich mit realer Sprache auseinandersetzt, muss er sich bald in eine idealisierte Welt zurückziehen. Die Unterscheidung von Kompetenz und Performanz hilft ihm dabei. Er hält die Grammatik für etwas, das real in den Köpfen existiert. “I have argued that the grammar represented in the mind is a real object, indeed that a person’s language should be defined in terms of this grammar“ (Chomsky, 1980, S. 120). Die linguistische Intuition der Muttersprachler wird nur dann herangezogen, wenn sie seine Annahmen stützt. Die fundamentale Variabilität des sprachlichen Verhaltens wird herausgenommen, um das formale Gebäude seiner Theorie aufrecht zu erhalten. Der Satz wird als Einheit untersucht, nicht, weil er eine Einheit des Verhaltens wäre, sondern weil er eine formale Analyse erlaubt.

Chomsky hält es für selbstverständlich, dass Menschen – im Wortsinn – die Grammatik benutzen. Ein Kind kann einen Ball fangen. Die Bewegungsgesetze beschreiben eine vorhersagbare Bewegung des Balles. Doch wir nehmen nicht an, dass das Kind diese Bewegungsgesetze erschlossen hat.

Um die Herkunft der universellen Ordnung der Sprache zu begründen, unterstellt Chomsky eine genetische Grundlage. Doch viele Regeln der Grammatik sind völlig willkürlich. Chomsky stützt seine Annahme einer genetischen Grundlage mit dem Argument, dass der Input, den eine Kind erhält, zu gering sei, als dass es die Regeln der Grammatik daraus erschließen könne (poverty of the stimulus). Doch wenn diese Regeln im Genom angelegt sein sollen, müssen auch sie irgendwie dort hinein gelangt sein. Das gleiche Argument, das er verwendet, um zu begründen, warum man ein bestimmtes sprachliches Verhalten nicht erlernt haben kann, gilt auch für das Genom. Was nicht gelernt worden sein kann, kann auch nicht ins Genom geschrieben worden sein. Denn der einzige Weg, wie etwas ins Genom gelangen kann, ist der der Selektion auf Ebene der Art. Doch willkürliche Regeln haben keine Konsequenzen, die es plausibel machen, warum sie weitervererbt werden sollten. Chomsky unterstellt, dass dies aufgrund der langen Zeit, die der biologischen Evolution zur Verfügung steht, möglich sei. Doch er glaubt wohl selbst nicht an dieses Argument, denn 1969 führt er aus, dass es evtl. auch noch nicht-entdeckte, physikalische Gesetze gäbe, die es ermöglichen, dass eine grammatische Regel ohne adaptiven Nutzen ins Genom geschrieben werde. „It is, in fact, perfectly possible that the innate structure of mind is determined by principles of organization, by physical conditions, even by physical laws that are now quite unknown, and that such notions as „random mutation“ and „natural selection“ are as much a cover for ignorance as the somewhat analogous notions of “trial and error”, “conditioning”, “reinforcement”, and “association”” (Chomsky, 1969, S. 262).

Es gibt viele Beispiele für Verhalten, das offenkundig genetisch determiniert ist, das Balzverhalten, Warnrufe etc. Doch bei all diesen Verhaltensweisen ist klar, wie sie ausgelöst werden und welchen Nutzen sie haben. Von Chomskys Grammatik-Generator kann man das nicht behaupten. Auch Steven Pinkers semantisches „Bootstrapping“ ist kein Ausweg, denn der Mechanismus, wie es funktionieren soll, müsste erst beschrieben werden. Es gibt keinen Zweifel, dass Kinder ihre Muttersprache durch die Interaktionen erlernen, die das Bootstrapping beinhaltet. Doch Kinder lernen nicht die essentialistischen Konzepte der Universalgrammatik.

Auch die Gedächtnispsychologie hat sich dem Essentialismus verschrieben. Erinnerungen werden als „Dinge“ betrachtet. Zwar nimmt kaum ein Wissenschaftler die „Speicher“-Metapher wörtlich, doch wird das Gedächtnis als ein Ding betrachtet, dass sich in bestimmten Verhaltensweisen manifestiert. Wir rufen keine synaptischen Verknüpfungen auf, wenn wir Erinnerungen „aufrufen“. Wir kommen ja auch nicht auf den Gedanken, dass der Patellarsehnenreflex im Rückenmark „gespeichert“ ist. Aus selektionistischer Sicht ist das Abrufen einer Erinnerung ein Beispiel für aktuelles Verhalten (wobei einige Teile dieses Verhaltens verdeckt, d. h. von außen nicht beobachtbar stattfinden). Die vorausgehenden Bedingungen einer Erinnerung sind sicher komplexer als die eines Augenzwinkerns, aber dieser Unterschied in der Komplexität ist kein prinzipieller Unterschied. Wenn wir gefragt werden, wo wir letzten Donnerstag gewesen sind, ziehen wir nicht eine vorgefertigte Antwort aus einer Schublade in unserem Kopf, sondern wir beginnen mit einem Verhalten, das uns dabei hilft, zu rekonstruieren. Unsere eigenen Antworten dienen dabei als vorausgehende Bedingungen unseres weiteren, sprachlichen Verhaltens. Palmer und Donahoe (1992) geben ein Beispiel: „Letzten Donnerstag…? Heute ist Montag. Am Mittwoch gehe ich immer zum Skat, ich war am Mittwoch lange weg und muss wohl am Donnerstag lange im Bett geblieben sein…“ usw.

Literatur

Baldwin, J. M. (1895). Mental development in the child and race. New York: Macmillan.

Baldwin, J. M. (1980). Darwin and the humanities. New York: AMS Press.

Campbell, D. T. (1956). Adaptive behavior from random response. Behavioral Science, 1, 105-110.

Chomsky, N. (1969). Some empirical assumptions in modern philosophy of language. In S. Morgenbesser, P. Supes & M. White (Eds.), Philosophy, science, and methods: Essays in honor of Ernest Nagel (pp. 260-285). New York: St. Martin’s Press.

Chomsky, N. (1980). Rules and representations. New York: Columbia University Press.

James, W. (1907). Pragmatism. New York: Longmans Green.

Mayr, E. (1976). Evolution and the diversity of life. Cambridge, MA: Belknap Press.

Mayr, E. (1982). The growth of biological thought. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Mayr, E. (1988). Toward a new philosophy of biology. Observations of an evolutionist. Cambridge, MA: Belknap Press.

Palmer, David C. & Donahoe, John W. (1992). Essentialism and selectionism in cognitive science and behavior analysis. American Psychologist, 47(11), 1344-1358. DOI: 10.1037/0003-066X.47.11.1344

Pringle, J. W. S. (1951). On the parallel between learning and evolution. Behaviour, 3, 175-215.

Staddon, J. E. R. (1983). Adaptive behavior and learning. Cambridge, England: Cambridge University Press.

Thorndike, E. L. (1898). Animal intelligence. An experimental study of the associative process in animals. The Psychological Review Monograph Supplements, 2(4, Whole No. 8).

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John B. Watson

Peter Harzem (1993) meint, dass wirklich alles, was man in einführenden Lehrbüchern über John B. Watson lesen kann, falsch ist. Die Verleumdung, deren Opfer Watson ist, geht zum einen auf die Angehörigen seiner ersten Frau zurück. Seine erste Frau, Mary Ickes, blieb ihm zwar in Sympathie verbunden, auch nachdem er sie für Rosalie Rayner verlassen hatte. Doch ihre beiden Brüder, einer davon ein späterer Innenminister der USA (unter F. D. Roosevelt), taten alles, um dem (von Anfang an ungeliebten) Ex-Schwager das Leben schwer zu machen. Vor allem bewirkte ihre Verleumdungskampagne, dass Watson nie wieder in einer Universität Fuß fassen konnte. Zwar baute sich Watson eine zweite, ebenfalls beeindruckende Karriere in der Werbebranche auf, doch starb er als ein gebrochener Mann. Auch seine ehemaligen Kollegen – die Psychologen – verhielten sich, von Ausnahmen abgesehen, beschämend. Eine dieser Ausnahmen war E. B. Titchener, einer der Hauptvertreter jener Art von introspektiver Psychologie, mit dem Watson sich oft heftige Debatten geliefert hatte, bot sich nach Watsons Entlassung aus der John-Hopkins-Universität an, Empfehlungsschreiben für ihn zu verfassen. Die American Psychological Association (APA) und ihre Mitglieder vermieden es, Watson weiterhin als einen der ihren wahrzunehmen. Erst kurz vor seinem Tod sollte ihm die Ehrenmedaille der APA verliehen werden. Am Tag der Ehrung aber fand Watson nicht die Kraft, zu dieser Veranstaltung zu gehen und schickte stattdessen seinen Sohn.

Wenn man so liest, was in den Psychologie-Lehrbüchern über den Behaviorismus steht, wundert man sich, wie auch nur ein halbwegs intelligenter Mensch je ein Behaviorist sein konnte. Andererseits scheinen einige intelligente Menschen sich selbst als Behavioristen bezeichnet zu haben. Wie kann man diese „kognitive Dissonanz“ auflösen? Entweder waren diese intelligenten Leute – bedeutende Vertreter der Psychologenzunft – doch nicht so intelligent. Oder aber, das, was in den Lehrbüchern steht, ist nicht richtig.

Sieht man sich Watsons Bücher genauer an, fällt auf, dass er den Themen, die er angeblich nicht behandelte oder als nicht-existent ablehnte, ungewöhnlich viel Raum widmet. Peter Harzem (1993, S. 50) hat berechnet, dass es auf 53 % der Seiten von Watsons Hauptwerk um die Themen „Emotionen“, „körperliche und psychische Gewohnheiten“, „Sprache“, „Persönlichkeit und ihre Störungen“ und dergleichen mehr geht. Auch der Physiologie – für die sich Behavioristen ja angeblich nicht interessieren – räumt er großen Raum ein (35 % des Textes). Watson war sogar (mit Woodworth) Co-Autor eines der ersten Persönlichkeitsfragebögen, dem Gordon W. Allport (1921, S. 452) – einer der Gründerväter der Persönlichkeitstheorie und ganz gewiss kein Behaviorist – nachsagte, es sei der vollständigsten, den er kenne.

Seine „objektive Psychologie“ sollte – wie später auch Skinners Verhaltensanalyse – den Menschen als Ganzes betrachten, nicht als eine Sammlung von Teilprozessen (wie dies in der kognitiven Psychologie geschieht) oder von Reflexen. Das Tierexperiment fand Watson nur insofern wichtig, als er damit Grundprozesse untersuchen konnte, die auch beim Menschen existieren. Er war fest von der Kontinuität der Arten überzeugt. Ebenso war er davon überzeugt, dass es auch beim Menschen ererbte Eigenschaften gibt, Verhaltensweisen, die sich nicht durch Training verändern lassen („Apperently there are different fundamental part activities which have persisted in spite of instruction“ Watson, 1919, S. 268).

Diese Äußerung scheint nur dann im Widerspruch zu dem berühmten Zitat „Gebt mir ein Dutzend gesunde Kinder“ (Watson, 1930, S. 82) zu stehen, wenn man letzteres aus dem Zusammenhang reißt – wie es Lehrbuchautoren in der Regel tun. Watson beton hier explizit, dass er übertreibe, um den „Anwälten der Gegenseite“ etwas entgegenzusetzen. Die Anwälte der Gegenseite waren die Eugeniker, jene Pseudowissenschaftler, die der Überzeugung waren, dass man durch Zuchtwahl und Sterilisation die menschliche Rasse verbessern könne. Viele damals prominente Psychologen (die auch heute noch – im Gegensatz zu Watson – von der Psychologie in Ehren gehalten werden) teilten die Haltung der Eugeniker.

Watson trat bisweilen scharf und polemisch auf, insbesondere den etablierten Größen der Psychologie gegenüber. Doch sollte man sich die damals üblichen Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Diskurses vor Augen halten. Bezeichnend ist der Ton einer Debatte, die Watson mit McDougall (in Watson, 1930) führte. Während Watson zurückhaltend, versöhnlich und vornehm-akademisch formulierte, schäumte McDougall regelrecht. Dabei erweist er sich auch als „Vordenker“ heutiger Lehrbuchautoren: Erst karikiert er Watsons Position, indem er ihn als Leugner von Gefühlen usw. darstellt. Sodann macht er sich über diesen Strohmann lustig: Watsons Position sei lächerlich, bizarr, paradox, grotesk, abscheulich. Watson tue ihm nur leid!

Watson verzichtete in der Regel darauf, krasse Falschdarstellungen seiner Positionen zu korrigieren. Im Nachhinein erweist sich das als Fehler. Auch Skinner war sich oft zu vornehm, auf offenkundig uninformierte Kritik – wie die von Chomsky (1959) – zu reagieren. Aber immerhin schrieb er eine ausführliche Gegendarstellung üblicher Missverständnisse in Buchform und im Gegensatz zu Watson gelang es ihm, eine, wenn auch kleine „Schule“ zu begründen, die sein Werk weiter verteidigt.

Literatur

Allport, Gordon W. (1921). Personality and character. Psychological Bulletin, 18(9), 441-455. DOI: 10.1037/h0066265

Harzem, Peter. (1993). The discrediting of John Broadus Watson. Mexican Journal of Behavior Analysis, 19, 39-66.

Watson, J. B. (1919). Psychology from the Standpoint of a Behaviorist. Philadelphia: Lippincott.

Watson, J. B. (1930). Behaviorism. Revised edition. Chicago: University of Chicago Press.

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Nachahmung von Mord-Selbstmorden – Bei Piloten

Piloten, die sich umbringen und dabei ihre Passagiere in den Tod mitnehmen, sind gar nicht so selten. Eine Rolle dabei spielt das Lernen am Modell: Die Berichterstattung über solche Geschichten inspiriert Nachahmungstäter. Dazu lag schon 1980 eine interessante Studie vor.

Phillips (1980) zeigt Zusammenhänge zwischen der Publikation von Fällen, in denen Mord und Selbstmord unmittelbar aufeinander folgten, in den Massenmedien und der Rate von Flugzeugabstürzen in den Vereinigten Staaten für den Zeitraum von 1968 bis 1973 (für nicht-kommerzielle Flüge) bzw. von 1950 bis 1973 (für kommerzielle Flüge) auf.

In vorhergehenden Studien gelang Phillips (1974, 1977, 1978, 1979) der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen der Veröffentlichung von spektakulären Fällen von Selbstmord und Selbstmorden sowie Autounfällen, insbesondere solchen Autounfällen, an denen nur ein Fahrzeug und nur der Fahrer desselben beteiligt war. Die Rate solcher Selbstmorde und Auto-unfälle war u. a. abhängig von der Bekanntheit dieser Berichte, der geographischen Verbreitung (d. h. Fälle über die v. a. in bestimmten Regionen berichtet wurde korrelierten mit einem Anstieg der Selbstmorde bzw. Autounfälle in diesen Regionen) und dem Alter der Person, über die in den Fällen berichtet wurde (d. h. die “Nachahmer” waren in etwa genauso alt).

Selbigen Nachweis führt Philipps (1980) auch für den Zusammenhang von Mord-Selbstmord-Geschichten und Flugzeugabstürzen (und zwar sowohl solchen mit Privatmaschinen als auch solchen mit Maschinen von Fluggesellschaften). Beobachtet wurde ein Zeitraum von 14 Tagen, unmittelbar vor und nach der Veröffentlichung dieser Geschichten in Zeitungen und im Fernsehen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Anstieg der Flugzeugabstürze drei bis vier Tage nach der Veröffentlichung. Zehn Tage nach der Veröffentlichung sank die Rate wieder auf das Niveau vor der Veröffentlichung. Ebenso konnte ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung solcher Geschichten und der Häufigkeit von Flugzeugabstürzen gefunden werden, d. h. je mehr über die Mord-Selbstmord-Geschichte berichtet wurde, um so stärker stieg die Rate der Flugzeugabstürze. Bemerkenswert ist weiterhin, dass die Verbreitung in Tageszeitungen schon allein als Prädiktor für die Zahl der Flugzeugabstürze genügt, die Verbreitung im Fernsehen trägt nichts zur Vorhersage bei. Auch der geographische Zusammenhang konnte nachgewiesen werden: Wurde über eine Geschichte nur in bestimmten Bundesstaaten berichtet, so stieg die Rate der Flugzeugabstürze auch nur in diesen Staaten an.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Piloten von den veröffentlichten Geschichten “inspirieren” ließen und ihre Selbstmorde als Flugzeugabstürze tarnten – obwohl es in den Mord-Selbstmord-Geschichten nicht um Flugzeugabstürze ging. Es ist also von einer starken, ge-neralisierten Modellwirkung solcher Geschichten auszugehen: “In short, I will show that the impact of suggestion is at once more general and more grave than was previously suspected” (1003). Spezifisch dagegen ist die Kombination von Mord und Selbstmord bei den “Nachahmern”: Die Rate der Flugzeugabstürze, bei denen nur eine Person (nur der Pilot) ums Leben kam, nahm nicht zu.

Literatur

Phillips, D. P. (1974). The influence of suggestion on suicide: Substantive and theoretical implications of the Werther effect. American Sociological Review, 39, 340-354.
Phillips, D. P. (1977). Motor vehicle fatalities increase just after publicized suicide stories. Science, 296, 1464-1465.
Phillips, D. P. (1978). Airplane accident fatalities increase just after newspaper stories about murder and suicide. Science, 201, 748-750.
Phillips, D. P. (1979). Suicide, motor vehicle fatalities and the mass media: Evidence toward a theory of suggestion. American Journal of Sociology, 84, 1150-1174.

Phillips, D. P. (1980). Airplane accidents, murder, and the mass media: Towards a theory of imitation and suggestion. Social forces, 58(4), 1001-1024. DOI: 10.1093/sf/58.4.1001

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Neues vom Dodo-Bird: Nicht alle Psychotherapien sind gleich wirksam

Die Dodo-Bird-Hypothese in der Psychotherapieforschung geht auf eine Literaturübersicht von Luborsky et al. (1975) zurück. Dort wurde festgestellt, dass es zwischen den verschiedenen Psychotherapieverfahren keine Unterschiede hinsichtlich deren Wirksamkeit gibt. Die Bezeichnung „Dodo-Bird-Hypothese“ (oder “-Verdikt“) geht auf eine Figur in Lewis Carrolls Geschichte „Alice im Wunderland“ zurück. Dort äußerte der Dodo nach einem Wettkampf „Alle haben gewonnen und alle müssen einen Preis bekommen“. Gleiches gälte auch für die verschiedenen Psychotherapieverfahren, sei es Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie oder irgendein anderes Verfahren: Alle haben gewonnen, alle helfen den Patienten mehr oder weniger gut. Zuletzt bekräftigte eine Metaanalyse von Wampold et al. (1997) die Dodo-Bird-Hypothese (vgl. auch hier).

Marcus et al. (2014) kritisieren die Arbeiten zur Dodo-Bird-Hypothese. Sie berücksichtigten nicht, dass nicht alle Therapien für alle Krankheiten gleichermaßen wirksam sind. Sie ziehen folgenden Vergleich: Angenommen es gäbe eine Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Pharmakologie. Demnach würden alle Medikamente gleich gut wirken. Ihre Wirkung sei allein auf allen Medikamenten gemeinsame Faktoren zurückzuführen (z. B. das Schlucken einer Pille, die Verschreibung durch den Arzt). In der Forschung würde man nun die Anwendung verschiedenster Medikamente zur Behandlung verschiedener Krankheiten und Symptomen studieren, z. B. von Antibiotika und Chemotherapie bei Krebs, von Antidepressiva und Antihistaminen bei Husten usw. Über alle Studien käme heraus, dass es keine Unterschiede zwischen der Wirkung der Medikamente gibt. Dieser Null-Effekt kann darauf zurückgeführt werden, dass beide Behandlungsmethoden gleichermaßen unwirksam sind (Antibiotika und Antidepressiva bei Lungenkrebs) oder dass sie gleichermaßen effektiv sind. Diese Untersuchung würde nicht die schon augenscheinlich absurde Frage klären, ob Antibiotika oder Antihistamine („an sich“) besser sind. Es ist nicht nötig, dass Antibiotika immer besser wirken als andere Medikamente, damit man diese Dodo-Bird-Hypothese der Pharmakologie zurückweisen kann. Ebenso müssen verhaltensorientierte Psychotherapien nicht immer besser abschneiden als psychodynamische, damit man die Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Psychotherapieforschung widerlegen kann.

Marcus et al.s (2014) nunmehr vorgelegte Metaanalyse berücksichtigt 51 seit der Metaanalyse von Wampold et al. (1997) erschienenen Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapien. Die Autoren fanden deutliche Belege für die unterschiedliche Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren. Dies galt vor allem für die primäre Wirksamkeit (den Erfolg der Therapie unmittelbar nach der Therapie), weniger für die Follow-Up-Untersuchungen. Insgesamt erwiesen sich kognitiv-verhaltensorientierte Therapien als wirksamer als die anderen Verfahren. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien nur den psychodynamischen (u. ä.) Therapien als wirklich überlegen. Im Vergleich mit der „reinen“ Verhaltenstherapie (und der Akzeptanztherapie ACT) schnitten die kognitiv-verhaltensorientierten Verfahren nicht nennenswert und nicht signifikant besser ab. Interessant ist eine Betrachtung der Wirksamkeit bei verschiedenen Störungsbildern. Insbesondere bei Angststörungen sind die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien den „anderen“ Verfahren (insgesamt) nur wenig überlegen. Dies liegt vermutlich daran, dass reine Verhaltenstherapien (die hier mit den psychodynamischen und allen anderen Verfahren zu den „anderen“ gezählt werden) bei Angststörungen nachgewiesen wirksam sind (Barlow, 2004). Eine frühere Metaanalyse (Tolin, 2010) hatte die kognitive und die reine Verhaltenstherapie zusammen mit den anderen Therapien verglichen und eine deutlich höhere Wirksamkeit von (kognitiv-)verhaltensorientierten Verfahren im Gegensatz zu den „anderen“ Verfahren festgestellt.

Literatur

Barlow, D. H. (2004a). Anxiety and its disorders: The nature and treatment of anxiety and panic (2nd ed.). New York: Guilford Press.

Luborsky, L.; Singer, B. & Luborsky, L. (1975). Comparative studies of psychotherapies: Is it true that “Everyone has won and all must have prizes?”. Archives of General Psychiatry, 32, 995-1008.

Marcus, David K.; O’Connell, Bebra; Norris, Alyssa L. & Sawaqdeh, Abere. (2014). Is the Dodo bird endangered in the 21st century? A meta-analysis of treatment comparison studies. Clinical Psychology Review, 34, 519-530. http://dx.doi.org/10.1016/j.cpr.2014.08.001

Tolin, David F. (2010). Is cognitive-behavioral therapy more effective than other therapies? A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30(6), 710-720. doi:10.1016/j.cpr.2010.05.003

Wampold, B. E.; Mondin, G.W.; Moody, M.; Stich, F.; Benson, K. & Ahn, H. (1997). A metaanalysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empirically, ‘all must have prizes’. Psychological Bulletin, 122, 203-215.

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Den Ekel schaut man sich bei den Eltern ab

Ekel ist eine ganz grundlegende Emotion. Dennoch müssen wir erst von unseren Eltern lernen, wovor wir uns ekeln sollen.

Der Ekel vor bestimmten Objekten ist anscheinend nicht angeboren, sondern muss in den ersten Lebensjahren gelernt werden. Es gibt keinen Hinweis auf angeborene Unterschiede in der Reaktion auf Ekelobjekte (Rozin & Fallon, 1987). Die ersten Ekelreaktionen treten im Alter von zwei Jahren auf. Zunächst (Rozin et al., 2000), im Alter von zwei bis drei Jahren, wird der Ekel vor Körperausscheidungen und verwesendem organischen Material erworben. Diese Ekelauslöser können Krankheitskeime übertragen. Später wird auch Ekel vor dem Tod, schlechter Hygiene, unangemessenem Sexualverhalten und Störungen des Körperbildes bei anderen Personen (Missbildungen, extremes Übergewicht) gezeigt. Im weiteren Entwicklungsverlauf kommt es auch zu Ekel im zwischenmenschlichen Bereich, z. B. Ekel vor dem direkten Kontakt mit Fremden. Zuletzt erwirbt man den moralischen Ekel, z. B. vor Kinderschändern und Mord. Die zuletzt erworbenen Ekelkategorien setzen ein zunehmend höheres Maß an Abstraktion voraus (und sind auch von Kultur zu Kultur unterschiedlich – z. B. ist der Ekel vor Männer, die sich innig küssen, in verschiedenen Kulturen verschieden stark verbreitet).

Ekel wird wohl auch durch das Beobachten der Reaktion der Eltern auf bestimmte Reize erworben. So konnte gezeigt werden, dass die Gehirnregionen, die beteiligt sind, wenn man sich selbst ekelt, fast identisch sind mit denen, die dann beteiligt sind, wenn man jemanden beobachtet, der sich ekelt (Wicker et al., 2003). Das Beobachten des Gesichtsausdrucks einer Person, die sich ekelt, führt beim Beobachter dazu, dass er sich selbst ekelt. Neben dem Gesichtsausdruck spielen auch verbale („Widerlich!“) und lautliche Äußerungen („Iiih!“) sowie Gesten eine Rolle.

Oaten et al. (2014) nutzten Videoaufzeichnungen einer früheren Studie (Stevenson et al., 2010), in denen Eltern und ihre Kinder auf verschiedene Ekel-Auslöser reagierten. An der Studie nahmen 96 Eltern-Kind-Paare teil. Die Kinder wurden drei Altersgruppen zugeordnet, die im Schnitt, 2,5 Jahre, 4,5 Jahre, 6,8 Jahre, 10,1 Jahre und 14,3 Jahre alt waren. Die Kinder sollten bei den Ekelauslösern angeben, wie sehr sie sich davor ekelten (die kleineren Kinder wurden befragt, die älteren füllten einen Fragebogen aus). Zunächst wurden die Kinder mit den Objekten allein konfrontiert. Die Kinder wurden gebeten, Kontakt zu den Objekten aufzunehmen. Dabei wurde registriert, wie viel Kontakt die Kinder zum Objekt hatten und welche verbalen und nonverbalen Ekelsignale sie zeigten. Bei den Objekten handelte es sich um:

  • Eiscreme mit Tomatensoße gemischt
  • Eine getragene Socke
  • Zwei Geruchsproben, eine mit dem Geruch von Kot und eine mit dem Geruch von fermentierter Shrimps-Paste (die nach Urin riecht)
  • Maden
  • Ein Glasauge

Daneben wurden auch mögliche „moralische“ Ekelauslöser präsentiert, z. B.

  • Eine Geschichte von jemandem, der einen behinderten Mann bestiehlt.
  • Ein Bild von einem jungen Mann, der eine alte Frau heiratet.
  • Das Bild eines mit Unrat verschmutzten Parks.
  • Ein Bild von einem Ku-Klux-Klan-Treffen.

In der nächsten Phase des Experiments sollten die Eltern (Mutter oder Vater) die Objekte kontaktieren und beurteilen. Dabei wurden sie von ihren Kindern beobachtet. Zuletzt wurden die Kinder wieder in Gegenwart ihrer Eltern mit den Objekten konfrontiert. Dabei wurde beobachtet, ob und wie die Eltern darauf reagierten und ob sie z. B. die Kinder aufforderten, sich die Hände zu waschen.

Oaten et al. (2014) fanden einen signifikanten Zusammenhang zwischen den Ekelreaktionen der Kinder und den (später beobachteten) Ekelreaktionen der Eltern. Bei den kleineren Kindern waren es vor allem die lautlichen und mimischen Ekeläußerungen, die hoch korrelierten. Dies bestätigt die Vermutung, dass es das Verhalten der Eltern ist, durch das die Kinder die Ekelreaktionen erlernen.

Je älter die Kinder waren, desto häufiger lachten die Eltern in ihrer Gegenwart, wenn sie mit den Ekelreizen konfrontiert wurden. Auch die Kinder lachten bei der Konfrontation mit dem Ekelreiz mit zunehmendem Alter häufiger. Das Lachen aufgrund von Ekelreizen soll darauf zurückzuführen sein, dass der Ekelreiz zwar eine negative Emotion auslöst, dies jedoch in einer sicheren Umgebung geschieht (Rozin, 1990; McCauley, 1998).

Insgesamt konnten durch die Ekeläußerungen der Eltern sowohl der geäußerte Ekel der Kinder als auch deren Angaben in der Befragung (wie sehr sie sich ekelten, d. h. den „gefühlte Ekel“) vorhergesagt werden. Dabei war der Zusammenhang beim gezeigten Ekel stärker als beim gefühlten Ekel. Das legt nahe, dass zuerst der gezeigte Ekel übernommen wird, erst danach entwickelt sich der gefühlte Ekel.

Je mehr Ekelreaktionen die Kinder zeigten, wenn sie alleine konfrontiert wurden, desto häufiger gaben ihre Eltern (in der letzten Phase des Experiments, wenn sie zugegen waren) Hygiene-Instruktionen („Wasch dir bitte danach die Hände). Dies spricht dafür, dass die Hygiene-Instruktionen der Eltern sich auf die Ausprägung des Ekels der Kinder auswirken. Eltern gaben bei den jüngsten Kindern die meisten Instruktionen, bei den etwas älteren fast keine und wieder mehr Instruktionen bei den Teenagern.

Literatur

McCauley, C. (1998). When screen violence is not attractive. In J. Goldstein (Ed.), Why we watch: The attractions of violent entertainment (pp. 144-162). New York: Oxford University Press.

Oaten, Megan; Stevenson, Richard J.; Wagland, Paul; Case, Trevor I. & Repacholi, Betty M. (2014). Parent-Child transmission of disgust and hand hygiene. The role of vocalizations, gestures and other parental responses. The Psychological Record, 64(4), 803-811. DOI 10.1007/s40732-014-0044-9

Rozin, Paul. (1990). Getting to like the burn of chili pepper: Biological, psychological and cultural perspectives. In B. G. Green, J. R. Mason, & M. R. Kare (Eds.), Chemical senses, Volume 2: Irritation (Vol. 2, pp. 231-269). New York: Marcel Dekker.

Rozin, Paul & Fallon, April E. (1987). A perspective on disgust. Psychological Review, 94(1), 23-41. http://dx.doi.org/10.1037/0033-295X.94.1.23

Rozin, Paul; Haidt, J. & McCauley, C. (2000). Disgust. In M. Lewis & J. M. Haviland-Jones (Eds.), Handbook of emotion (pp. 637-653). New York: Guilford Press.

Stevenson, Richard J.; Oaten, Megan; Case, Trevor I.; Repacholi, Betty M. & Wagland, Paul (2010). Children’s response to adult disgust elicitors: age-related changes and their correlates. Developmental Psychology, 46(1), 165-177. http://dx.doi.org/10.1037/a0016692

Wicker, Bruno; Keysers, Christian; Plailly, Jane; Royet, Jean-Pierre; Gallese, Vittorio & Rizzolatti, Giacomo. (2003). Both of us are disgusted in my insula: the common neural basis of seeing and feeling disgust. Neuron, 40(3), 655-664. http://dx.doi.org/10.1016/S0896-6273(03)00679-2

 

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Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im John-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im John-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die schließlich zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Sie trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz. Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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