Archiv der Kategorie: Philosopie

„Warum“ ist nicht gleich „Warum“

Wenn (kognitive) Psychologen und Verhaltensanalystiker ein Verhalten erklären, haben sie verschiedene Warum-Fragen im Hinterkopf, so der norwegische Verhaltensanalytiker Per Holth.

Behavioristen bemerken gelegentlich, dass kognitive Erklärungen für Verhalten überhaupt keine Erklärungen seien. „Echte“ Erklärungen müssten notwendigerweise auf Lerngeschichte oder die Phylogenese Bezug nehmen. Psychologen wiederum behaupten, dass es sich bei verhaltensanalytischen Erklärungen um keine Erklärungen handle, da diese keine Aussagen über die inneren Vorgänge, die das Verhalten verursachten, machen. Per Holth (2013) betont, dass die verschiedenen Erklärungen von Behavioristen und Kognitivisten auf verschiedene Fragen nach dem „Warum“ zurückzuführen seien.

Warum geschah das jetzt? (Die alltägliche Frage)

Holth erläutert, dass die Frage nach dem „Warum“ oft auf die unmittelbaren Vorläufer des Verhaltens zielt. Wenn z. B. jemand fragt, warum das Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten, dass ein Stein das Glas traf. Der Fragesteller reagiert auf so eine Antwort oft mit einem „Aha!“ oder „Ich verstehe“ und hört auf zu fragen.

Warum als Frage nach der Disposition (Die Frage der kognitiven Psychologie)

Wenn aber die Frage lautet, warum gerade diese Glas zerbrochen ist, könnte die Antwort lauten „das Glas war brüchig“. Nicht alles, was von einem Stein getroffen wird, bricht. Die Frage lautet hier also, was das Glas von anderen Materialien unterscheidet. Wenn nun die einzige Grundlage für das Attribut „brüchig“ die Beobachtung ist, dass das Glas zerbrach als der Stein es traf, dann war die Antwort zirkulär. Kommen aber andere Beobachtungen hinzu (verschiedene Gläser zerbrechen bei Kontakt mit verschiedenen anderen Objekten), dann löst sich die Zirkularität auf und der Begriff „brüchig“ hilft uns dabei, vorauszusagen, was mit ähnlichen Gläsern unter ähnlichen Umständen passieren wird. Ebenso beim Verhalten: Die Antwort auf die Frage, warum ein bestimmter Junge weint, wenn er geschlagen wird, könnte lauten, dass der Junge eine „Heulsuse“ ist. Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass nicht jeder Junge in dieser Situation weint. Weint aber dieser Junge in vielen verschiedenen Situationen, in denen nicht jeder Junge weint, dann ist die Erklärung, er sei eine Heulsuse angemessen. Doch erschöpft sich die Psychologie hier lediglich darin, Summen-Etiketten für Verhalten zu vergeben.

Warum als Frage nach einem vermittelnden internen Mechanismus (Die Frage der Physiologie, strenggenommen)

Die Frage nach dem Zerbrechen des Glases könnte auch bedeuten, dass man wissen will, was mit der Struktur des Glases passierte, sodass es zerbrach. Ein Chemiker könnte hier z. B. antworten, dass das Glas aus kovalenten molekularen Bindungen besteht usw. Der Junge, der weinte, nachdem er geschlagen wurde, könnte sich z. B. bezüglich bestimmter Prozesse in seinem Gehirn von anderen Jungen unterscheiden. Wenn dieser Nachweis gelingt, handelt es sich um eine echte Erklärung. Wenn man aber (wie ein Großteil der kognitiven Psychologie) nur auf der Grundlage von Beobachtungen des Verhaltens  darüber spekuliert, was im Gehirn vor sich geht, dann vergibt man auch hier nur Summen-Etiketten und borgt sich von den Neurowissenschaften das Prestige der Terminologie einer Naturwissenschaft. Gelegentlich wird nahegelegt, dass die Antwort auf diese „Warum“-Frage die endgültige Antwort ist. Doch, wie Catania (2013) ausführte, wenn wir entscheiden wollen, ob jemand gelernt hat oder nicht, dann sehen wir uns nicht sein Gehirn an, sondern sein Verhalten. Dies bedeutet nicht, dass Lernen keine physiologische Grundlage habe. Doch können wir keine angemessene Neurowissenschaft vom Lernen haben, solange wir nicht das Verhalten als solches verstehen.

Warum als Frage nach der historischen Bedingtheit

Die Frage „Warum“ kann auch bedeuten, dass man wissen will, wie es zu dem Ereignis kam. Gefragt ist also die „Produktionsgeschichte“. Die Antwort auf die Frage, warum dieser Junge weint, könnte also lauten: weil er in der Vergangenheit in solchen Situationen immer wieder getröstet wurde (usw.). Für diese Art Fragen ist die Verhaltensanalyse zuständig.

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Warum die meiste biomedizinische Forschung falsch ist

Für Skeptiker: der Großteil der biomedizinischen (u. a. pharmazeutischen) Forschung ist so fehlerhaft, dass ihre Ergebnisse nicht verwertbar sind. Das Video ist lang (1,5 h) und auf Englisch, aber besser als das, was grad im Fernsehen läuft.

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07/11/2013 · 19:24

Kategorienfehler bei einem prominenten Hirnforscher

Im Januar 2013 besuchte ich einen Vortrag des Hirnforschers Gerhard Roth. Der Vortrag war einer der Höhepunkte einer Tagung, bei der Führungskräften vermittelt werden sollte, wie sie ihre Mitarbeiter „gesund führen“ können.

Der Titel des Vortrags lautete „Wie Körper und Psyche zusammenarbeiten“. Schon im Titel steckt der erste Kategorienfehler und ein veritabler (Krypto-) Dualismus, dem der Fehler der Reifikation zugrunde liegt:

  • Der Kategorienfehler: Der Körper (gemeint war aber lediglich ein Teil des Körpers, nämlich das Gehirn) ist ein Ding, ein Bestandteil der materiellen, realen Welt, während die Psyche (oder der Geist) kein Ding ist, sondern etwas, das ich tue. Zusammenarbeiten aber können nur Dinge. (Anderes Beispiel: Mein Stuhl und mein „Sitzen“ arbeiten auch nicht zusammen. Vielmehr sitze ich auf dem Stuhl. Zusammenarbeiten könnten der Stuhl und mein Hintern).
  • Der (Krypto-) Dualismus: Das Gehirn ist ein Ding, ein Gegenstand in dieser realen Welt. Wenn ein Gehirn vor mir liegt, kann ich darauf deuten. Auf den „Geist“ (die Psyche) aber kann ich nicht deuten. Der Geist ist ein Konstrukt, etwas, über das man reden kann, auf das man aber nicht zeigen kann. Die Behauptung, Körper (Gehirn) und Psyche (Geist) arbeiteten zusammen, legt aber nahe, dass beides Dinge wären, dass es also eine Zweiheit gäbe, wobei das Gehirn ein materielles und die Psyche ein nicht-materielles Ding ist. Das ist Dualismus. (Anderes Beispiel: Auch die Demokratie und das Reichstagsgebäude arbeiten nicht zusammen. Allenfalls könnte man sagen, dass die Demokratie im Reichstagsgebäude stattfindet. – Was uns darauf hinweist, dass „Demokratie“ eben kein Ding ist, sondern ein Vorgang, etwas, das Menschen tun).
  • Die Reifikation: Dazu befragt, würde Roth – wie fast alle Hirnforscher – sicher antworten, dass er kein Dualist sei, sondern dass der Geist ja nur das sei, was das Gehirn tue. Doch die sprachliche Schlamperei hat Folgen: Aus dem Tun wird zunächst nur sprachlich ein Ding. Anschließend aber soll dieses nicht-existente Ding tatsächlich etwas tun, nämlich zusammenarbeiten u. v. m. Die Verdinglichung (Reifikation) von Verhalten verläuft in der Sprache oft auf diesem Weg: Jemand denkt – das ist etwas, das diese Person tut (ein Verb). Sie ist also nachdenklich (ein Adjektiv). Das was sie tut, ist das Denken (ein Substantiv, das von einem Verb abgeleitet wurde). Sie hat Gedanken (ein Substantiv, dem man die Nähe zum Verb nicht mehr ansieht). Dieses Ding, das eigentlich ein Tun ist, kann ich nun wieder alles Mögliche tun lassen. Dabei vergisst man, dass es dieses Ding gar nicht gibt.

Mit der sprachlichen Beliebigkeit ging es im Vortrag weiter. Zuhauf verwendete der Hirnforscher nicht-definierte Begriffe wie „Bewusstsein“ und „Persönlichkeit“: „die Wurzeln unserer Persönlichkeit sind uns prinzipiell unbewusst, das hat schon Freud gesagt“. Davon abgesehen, dass „das hat schon Freud gesagt“ keine belastbare Referenz ist, „Persönlichkeit“ ist etwas, das zu definieren wäre. Auch die Persönlichkeit erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine Reifikation, die Verdinglichung von Verhalten: Skinner (1974, 149) definiert „Persönlichkeit“ als „Verhaltensrepertoire“: Das was wir (in bestimmten Kontexten) für gewöhnlich tun (offen tun und sagen und denken…). Persönlichkeit ist also kein Ding, sondern ein Konstrukt, das Vorgänge (Verhalten) bezeichnet Eine ähnlich klare Definition (im Sinne eines Verweises auf Dinge und Vorgänge) von Persönlichkeit von anderer Seite ist mir nicht bekannt. (Zudem die „Persönlichkeit“ ohnehin meist im Auge des Betrachters zu finden ist und nicht beim scheinbaren Persönlichkeits-Besitzer).

Auch im eigenen Fachgebiet i. e. S. unterliefen dem Hirnforscher sprachliche Ungenauigkeiten: „Wenn eine psychische Erkrankung vorhanden ist, dann ist dafür immer die Amygdala verantwortlich“. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr gilt: Sie sind beteiligt, ähnlich wie der Bizeps an einem Fausthieb beteiligt ist, nicht aber die Ursache des Fausthiebes ist. Die Aussage, ein bestimmtes Organ sei verantwortlich für ein Verhalten, zeugt von einer Überbetonung der materiellen Ursachen (Aristoteles). Was ist die Ursache und was ist die Wirkung beim Verhalten: Die mangelnde Ausschüttung von Endorphinen ist die Ursache des depressiven Verhaltens? Oder ist es die Folge, was m. E. plausibler ist, denn Depressionen entstehend selten einmal aus körperlicher Ursache – und wenn, dann ist zu fragen, woher der veränderte körperliche Zustand rührt (natürlich von außen, einer Infektion z. B.).

Zusätzlich regte mich an Roths Vortrag natürlich diese vollkommene Ignoranz gegenüber den Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaft auf, bei gleichzeitiger Anmaßung, alles erklären zu können, ohne auch nur eine neue Erkenntnis produziert zu haben. Dies trifft aber auf viele „Hirnforscher“ zu. Roth im Speziellen redete massiv der Bindungstheorie das Wort, daraus folgend der Psychoanalyse (die Bindung an den Therapeuten sei so wichtig, weil dabei das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet werde). Roth stellte dies mit vielen kraftvollen Worten (eindeutig, vielfach belegt) als gesicherte Tatsache dar. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass diese Bestätigung der Bindungstheorie nicht von allen anderen Hirnforschern – die ja zu den gleichen Ergebnissen kommen müssten – geteilt wird. Wenn es in der Physik „vielfach belegte“, „eindeutige“ Ergebnisse gibt, besteht unter den Physikern dahingehend ja gewöhnlich mehr oder weniger Konsens. Bei Hirnforschern scheint das nicht so zu sein. Das könnte darauf hindeuten, dass alle Hirnforscher zwar die gleichen Methoden (Hirnscanner) benutzen, aber nicht die gleichen Konzepte. Und das beschreibt die kognitiven Neurowissenschaften doch ganz gut: Methodisch wie eine Naturwissenschaft wirkend, konzeptionell eine Pseudowissenschaft: „Geisterjagd mit Geigerzählern“ (Steven Faux).

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Wider den Mentalismus 2

Der Mentalismus – die Annahme, dass unser Verhalten durch “innere Ursachen” bestimmt wird – ist mitverantwortlich für die Diskriminierung von Minderheiten und andere soziale Ungerechtigkeiten, so Jay Moore.

Verhaltensanalytiker zeichnen sich durch ihr hauptsächliches Interesse an den Kontingenzen, die das Verhalten kontrollieren, durch ihre Abgrenzung vom Mentalismus und ihre Überzeugung, dass sich die soziale Umwelt planen und verändern lässt, aus. Der Mentalismus dagegen vertritt die Ansicht, dass eine angemessene Erklärung von Verhalten den Bezug auf vermeintliche innere mentale Phänomene enthalten muss. Dieser vertritt entweder einen formalen und expliziten Dualismus (es gibt eine geistige und eine physische Welt) oder aber einen epistemiologischen Dualismus, der besagt, dass es eine geistige Sphäre gibt, die zwar physisch begründet ist (als Gehirnaktivität), die aber nicht untersuchbar sondern nur erlebbar ist (vgl. Psychologie als Wissenschaft vom Verhalten und Erleben des Menschen). Diesem epistemiologischen Dualismus huldigen nicht nur Philosophen und die gesamte traditionelle Psychologie, sondern auch der sogenannte Neo-Behaviorismus, der die vermittelnde Qualität innerer Prozesse anerkennt. In der akademischen Psychologie erwirbt man sich z. Zt. am besten seine Sporen, indem man neue Mentalismen erfindet und popularisiert. Wir haben aus der Medizin eine Tendenz übernommen, unser wissenschaftliches Heil in inneren Vorgängen zu suchen und wir erfinden notfalls welche, wenn sie nicht direkt untersuchbar sind. Zudem werden mentalistische Erklärungen – als ein verbales Verhalten – durch die soziale Umwelt aufrechterhalten: Der Laie kennt das „Erleben und Verhalten“ vor allem aus der Innenansicht und er ist geneigt, in Ersterem die Ursache für Letzteres zu sehen.

Ein Auswuchs des Mentalismus ist die Attributionstheorie. Attributionstheoretiker selbst haben den sogenannten fundamentalen Attributionsfehler entdeckt: Dass die meisten Menschen unangemessenerweise das Verhalten anderer Menschen auf dispositionelle Faktoren attribuieren. Der „fundamentale Attributionsfehler“ an sich ist bereits ein Fehler, denn er setzt voraus, dass Dispositionen überhaupt Ursachen von Verhalten sein können. Ebenso ein Fehler an sich ist das sogenannte Konsistenzparadox: Der Umstand, dass wir das Verhalten anderer Menschen über verschiedene Situationen hinweg als konsistenter einschätzen als dies eigentlich der Fall ist. Für den Verhaltensanalytiker ist das Verhalten immer eine Funktion der gegenwärtigen und der früheren „Situation“ – das Paradox existiert für ihn somit nicht. Wer nun solche dispositionellen Faktoren als Ursachen von Verhalten propagiert, der leistet – gewollt oder ungewollt – der Diskriminierung von Minderheiten Vorschub. Denn wenn das Verhalten einer Person, die einer bestimmten Gruppe von Personen (z. B. von gleicher Hautfarbe oder Nationalität) angehört, durch eine Disposition bestimmt ist, dann ist es zumindest fraglich, ob dieses Verhalten überhaupt geändert werden kann. Warum sollte man es also überhaupt versuchen? Aus Sicht der Verhaltensanalyse dagegen mögen Verhaltensrepertoires gelegentlich zwar gut organisiert und strukturiert sein, aber sie sind nicht durch „innere Ursachen“ determiniert.

Das Konzept der „Intelligenz“ ist ein weiterer bedenklicher Aspekt des Mentalismus. Intelligenz wird für gewöhnlich als eine mentale Eigenschaft eines Menschen betrachtet. Die stereotype mentalistische Betrachtungsweise der Intelligenz hat in der Geschichte bereits viel Leid über die Menschen gebracht (erinnert sei hier an die Ausgrenzung von osteuropäischen und anderen Einwanderern in den USA aufgrund der Ergebnisse von Intelligenztests). Ebenso bedenklich ist die mentalistische Interpretation der Intelligenzunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die kognitive Neurowissenschaft unterfüttert diese Interpretation mit den Unterschieden in der Gehirnstruktur. Eine Implikation des Mentalismus ist die Folgerung, dass bei geringer Intelligenz keine Förderung von Nöten ist, denn sie ist ein inhärentes Merkmal der Person: Wenn Frauen bestimmte Aufgaben nicht so gut bewältigen wie Männer, weil ihre Neuronen irgendwie anders sind als die von Männern, warum sollten sie dann nicht am Besten „barfuß und schwanger in der Küche stehen“, wie Moore es umschreibt?

Aus Sicht der Verhaltensanalyse ist „Intelligenz“ nur eine weitere mentalistische Erklärungskrücke. Menschen unterscheiden sich: Sie haben unterschiedliche genetische Ausstattungen, die bedingen, dass sie in unterschiedlicher Weise für die Einflüsse ihrer Umwelt empfänglich sind. Zweifelsohne ist häufig auch das Verhaltensrepertoire eines Menschen aus einer gehobenen sozialen Schicht entwickelter als das eines Menschen aus einer niedrigeren sozialen Schicht. Aus der mentalistischen Sicht folgt hier aber der pädagogische Pessimismus. Wir werden mit Programmen und Interventionen wenig Erfolg haben, solange wir an dem Bezug auf traditionelle mentalistische Erklärungen von Intelligenz festhalten.

Sicher werden bestimmte Aktivitäten des Menschen durch bestimmte anatomische Strukturen ermöglicht. Wir sehen z. B. an den Opfern von Schlaganfällen, dass sie bestimmte Aufgaben nicht mehr oder nur noch schlecht ausführen können. Alle diese Belege aber sind nur eine vage Grundlage für die mentalistischen Metaphern vom Speichern und Abrufen von Informationen. Bei weitem ist kein Bezug herstellbar zwischen den Modellen zur Informationsverarbeitung der kognitiven Psychologie und den Synapsen, Neuronen und Gehirnregionen. Das Verhalten sollte die Suchrichtung für den Physiologen vorgeben. Die traditionelle Psychologie ist verantwortlich für eine gigantische Verschwendung an Forscherarbeit, indem sie Physiologen nach den neuronalen Entsprechungen von mentalistischen Konstrukten suchen ließ.

Schon John Stuart Mill beklagte, wie vulgär es sei, die Diversität von Verhalten und Charakteren auf natürliche Unterschiede zurückzuführen. Der Verführung des Mentalismus erlagen jedoch auch die ersten Behavioristen – indem sie die Naturwissenschaft vom Verhalten zu einer „kognitiven“ Psychologie zu transformieren versuchten (bestes Beispiel: Bandura).

Literatur

Moore, Jay. (2003). Behavior analysis, mentalism and the path to social justice. The Behavior Analyst, 26(2), 181-193. PDF 2,11 MB

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Molarer und molekularer Behaviorismus

Die molekulare Sichtweise auf das Verhalten betrachtet momentane Ereignisse und die momentane Verursachung. Dies führt dazu, dass oft hypothetische momentane Ereignisse und Ursachen angenommen werden müssen, wenn sich keine anderen finden lassen. Die molare Sichtweise auf das Verhalten dagegen betrachtet eher den Verhaltensstrom und ausgedehnte Ereignisse. Die molare Sichtweise geht zurück auf Baum und Rachlin (1969, PDF 1,74 MB), ausgearbeitet von Baum (1973, PDF 2,71 MB). Baum (2003) erläutert die Unterschiede zwischen den beiden Sichtweisen.

Ein Beispiel für den Unterschied zwischen molekularer und molarer Sichtweise ist die Betrachtung von Münzwürfen. Die molekulare Sichtweise fragt, warum dieser eine Münzwurf „Kopf“ oder „Zahl“ ergeben hat und sucht nach Ursachen in der unmittelbaren Situation. Nur die molare Sichtweise kennt dagegen das Konzept der Wahrscheinlichkeit. Bei einem einzelnen Münzwurf ist es unsinnig, zu sagen, der Wurf ergebe mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 „Kopf“. Betrachtet man aber viele Münzwürfe über die Zeit hinweg, dann ist es sehr wohl sinnvoll, eine Wahrscheinlichkeit anzugeben.

WürfelDer Begriff der „Auftretenswahrscheinlichkeit“ eines Verhaltens ist nur dann sinnvoll, wenn man den Verhaltensstrom über die Zeit hinweg betrachtet. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, beim Würfeln eine „6“ zu bekommen nur dann ein Sechstel, wenn man viele Würfe hintereinander betrachtet.

Aus molekularer Sicht heraus ist jede einzelne Verhaltensweise ein einzelnes Vorkommnis, die Häufigkeit des Verhaltens ist eine abgeleitete Größe. Aus molarer Sicht ist es genau umgekehrt: Das Verhaltensmuster (die Verhaltenshäufigkeit) ist die konkrete Größe, die momentane Handlung ist das Abstrakte. Die Verhaltenshäufigkeit existiert als ein Muster des Verhaltens über die Zeit hinweg. Da jedes Verhalten Zeit braucht, ist die Idee einer Verhaltensweise zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Abstraktion, eine abgeleitete Vorstellung nach dem Ereignis. Zum Beispiel ist das Picken einer Taube auf eine Scheibe ein Verhaltensmuster über die Zeit hinweg, das den Bruchteil einer Sekunde dauert. Wie klein man den Zeitraum fasst und wie weit man das Picken in Unter-Handlungen aufteilt, ist eine Frage des Forschungsinteresses und nichts, was von Natur aus gegeben wäre.

Die molekulare Betrachtungsweise bedingt, dass Verstärker immer unmittelbar auf das Verhalten folgen müssen. Aus molarer Sicht sollten Verstärker mit den Verhaltensmustern, die sie verstärken, kovariieren. Die molekulare Sichtweise ist verbreiteter, denn ihr hilft das Vorurteil, dass Ursachen den Wirkungen immer unmittelbar vorausgehen müssen.

Um etwa Vermeidungsverhalten zu erklären, muss der molekulare Behaviorist auf eine Zwei-Faktoren-Theorie zurückgreifen. Es muss eine Vermeidungshandlung geben, auf die ein Verstärker folgt. Wenn es keinen Verstärker gibt, muss man einen erfinden, z. B. die Reduzierung der Angst vor dem vermiedenen Reizereignis. Angst ist jedoch ein Verhalten, sie kann nicht anderes (offenes) Verhalten (negativ) verstärken. Oft ist auch kein angstauslösender Reiz vorhanden, der durch das Vermeidungsverhalten beendet oder vermieden wird. Der molekulare Behaviorist muss nun auch diesen Reiz erfinden, etwa indem er ihn „im Geiste“ der Person vorhanden sein lässt.

Die molare Sichtweise auf das Vermeidungsverhalten ist eine andere. Vermeidungsverhalten tritt auf, weil während des Vermeidungsverhaltens die Häufigkeit des schädlichen Ereignisses geringer ist, als wenn das Vermeidungsverhalten nicht gezeigt wird. Menschen vermeiden z. B. sensible Themen in Gesprächen, um die Wahrscheinlichkeit, dass es zu peinlichen Situationen kommt, zu verringern. Menschen schließen Versicherungen ab, um die Wahrscheinlichkeit, dass sie finanzielle Härten erleiden müssen, zu verringern.

Ein anderes Beispiel, das den Unterschied zwischen der molekularen und der molaren Sichtweise auf das Verhalten verdeutlicht, ist das regelgeleitete Verhalten. Regelgeleitetes Verhalten ist ein Problem für den molekularen Behavioristen, weil es wegen der langfristigen Konsequenzen auftritt (z. B. jetzt lernen, um später die Prüfung zu bestehen). Aus Sicht des molekularen Behavioristen muss es also eine unmittelbar wirksame Konsequenz geben, die das Verhalten aufrechterhält. Mallott (2001, PDF 2,53 MB)

) z. B. nimmt an, dass Gedanken und Selbstbestrafungen das regelgeleitete Verhalten aufrechterhalten. Wir verhalten uns regelgeleitet, weil wir die unangenehmen Gedanken (z. B. das „schlechte Gewissen“), vermeiden oder beenden wollen, die mit dem Verzicht auf dieses Verhalten verbunden wären. Auch hier wird eine hypothetische unmittelbare Ursache erfunden, um das unmittelbare Verhalten zu erklären.

Aus molarer Sicht dagegen ist eine Regel ein diskriminativer Stimulus, der von einer Person erzeugt wird, die das Verhalten einer anderen Person kurzfristig verstärkt, wenn sie sich nach dieser Regel verhält (ich lerne und werde gelobt). Langfristig wird das Verhalten aufgrund der Wirkung der Regel an sich verstärkt (ich lerne und bestehe die Prüfung). Die Regel muss dafür nicht „internalisiert“ werden.

Verhalten beinhaltet immer eine Entscheidung, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders zu verhalten. Aus molarer Sicht ist dieses Muster die interessierende Größe. Aus molekularer Sicht dagegen hat jedes Verhalten eine bestimmte Reaktionsstärke, die im Moment nicht beobachtbar ist. Gegenstand der molekularen Sicht ist das einzelne Verhalten. Die molare Sicht beschäftigt sich mit dem Verhaltensmuster. Eine nicht-beobachtbare Reaktionsstärke muss nicht angenommen werden.

Auch in praktischer Hinsicht ist die molare Sicht von Vorteil. Sie ermöglicht mehr Flexibilität in Hinsicht auf die Ziele und Behandlungsoptionen. Statt nach der Verhaltenshäufigkeit fragt man eher nach der Zeit, die auf bestimmte Verhaltensweisen verwendet wird. Man zählt also nicht Häufigkeiten sondern man misst die Zeit.

Literatur

Baum, William M. (2003). The molar view of behavior and its usefulness in behavior analysis. The Behavior Analyst Today, 4(1), 78-81.

PDF der Zeitschrift 1,42 MB

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Theory and Philosophy Conference

Anfang November 2012 besuchte ich die Theory and Philosophy ConferenceInn and Spa at Loretto, Santa Fe der Association for Behavior Analysis International in Santa Fe. Abgesehen davon, dass Santa Fe sehr nett ist, konnte ich auch einiges in Hinsicht auf das Konferenzthema für mich mitnehmen. Besonders haften geblieben sind mir die Beiträge von William Baum und Howard Rachlin. Beide vertreten den sogenannten molaren Ansatz der Verhaltenswissenschaft (mehr dazu später).

Beide betonen auch die Nähe der Verhaltensanalyse zur Biologie. Die Ähnlichkeit von operantem Konditionieren und der biologischen Evolution wird schon bei Skinner (1984) diskutiert (vgl. die Ausführungen zum „Selektionismus“ auf diesem Blog).

Baum betrachtet Verhalten explizit als phänotypische Plastizität. Ähnlich wie sich ein Chamäleon seiner Umgebung äußerlich anpasst, dient Verhalten dazu, sich der Umwelt anzupassen. Er betont den fließenden Übergang zwischen biologischer Evolution und der ontogenetischen Anpassung des Verhaltens. Oft kann man nicht letztgültig sagen, ob ein bestimmtes Merkmal „ererbt“ oder „erworben“ wurde, man wird aber feststellen können, dass es adaptiv ist.

Er bezieht sich auf Richard Dawkins, der Organismen als Behältnisse für die DNS betrachtet, die deren Überleben und Reproduktionserfolg dienen. Baum definiert: Organismen gibt es, damit sie sich verhalten können, damit sie die Umwelt, in der sie sich befinden, verändern / modifizieren können. Wir haben einen Körper, damit wir uns verhalten können.

Bei Rachlin sind mir vor allem seine Bemerkungen zur Wahrnehmung haften geblieben. Verhaltensanalytiker betrachten Wahrnehmung als Verhalten. Wir sehen nur dann etwas bewusst, wenn wir uns gegenüber diesem Wahrgenommenen verhalten können. Die Gefangenen in Platos Höhlengleichnis würden nichts wahrnehmen, wenn sie von Geburt an in dieser Höhle waren.

Literatur

Skinner, B.F. (1984). Selection by consequences. The Behavioral and Brain Sciences, 7(4), 477-510.

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