Das „Meme“ – nur eine Metapher

Dawkins (1976) prägte den Begriff des „Mems“. Das Mem ist eine Metapher für die Übertragung kultureller Information durch eine Art Träger, ähnlich wie das Gen ein Träger der Erbinformation ist. Diese Idee hat mittlerweile ein Eigenleben entwickelt, eine eigene Art Wissenschaft, die „Memetik“ beschäftig sich damit, wie diese angenommenen Replikatoren kultureller Information funktionieren, wie sie sich verbreiten usw. Dabei wird den Memen eine kausale Rolle bei der Verursachung von Verhalten zugeschrieben. Im Rahmen der Memetik wird z. B. bisweilen auch angenommen, dass es sich bei (vielen) Religionen um memetische Viren handelt. Doch spielt sich all das im Raum des metaphorischen Denkens ab. Niemand hat bislang das reale Gegenstück zum Konstrukt Mem gefunden, so wie man die Chromosomen als die realen Träger der (in Genen codierten) Erbinformation identifiziert hat.

Simon und Baum (2011) kritisieren das Konzept des Mems aus behavioristischer Sicht. Statt von Memen zu sprechen, kann man auch gleich das beschreiben, was hinter der Idee des Mems steckt, nämlich Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen und Umweltereignissen die für Vorhersagen genutzt werden können.

Meme lassen sich in verschiedener Weise auffassen:

  1. Als Abstraktionen, im Sinne von mentalen Repräsentationen, Informationen und Ideen
  2. Als Neurologische Erregungsmuster
  3. Als Einheiten von Verhalten

Ad 1.
Zwar weisen es die meisten Autoren von sich, doch lässt sich die Nähe des Mem-Konzepts zum Dualismus nicht verneinen. Wenn Meme nicht als Metapher, sondern als real aufgefasst werden, stellt sich die Frage, wie sie mit dem Körper, der sich letztlich verhält, interagieren. Wer die Texte von Autoren, die Meme als Informationsreplikatoren ansehen, liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Meme verborgene Entitäten in einer geistigen Welt sind, die irgendwie Verhalten verursachen.

So schreibt Dennett (1991), der sich ansonsten vehement gegen den Dualismus ausspricht, dass der Geist geschaffen werden, indem Meme das Gehirn restrukturieren (S. 207). Wenn man kein Dualist ist, wie soll man es dann verstehen, dass Meme das Gehirn restrukturieren? Wenn Dennett damit allerdings nur sagen wollte, dass individuelles Verhalten mit Veränderungen im Gehirn einhergeht, bleibt unklar, was die Einführung des Begriffs Mem zu dieser Erklärung beiträgt. Ebenso klingt die Aussage von Susan Blackmore (1997) sehr dualistisch, dass unsere Gehirne und unsere Geister das Produkt von zwei Replikatoren sind („our brains and minds have been the product of two replicators… but as memetic evolution proceeds faster and faster, our minds are increasingly the product of memes, not genes“, S. 44). An anderer Stelle schreibt sie (1999), es gebe in uns nichts, dass das Tun tue, außer einem Bündel Meme (S. 240). Sie ersetzt lediglich das (von ihr zurecht als „magische“ und „aus dem Nichts entstehende“ Kraft bezeichnete) verhaltensverursachende „Bewusstsein“ durch „Meme“. Die Memetik macht nicht deutlich, was Meme von imaginären Agenten unterscheidet.

Den Dualismus vermeidet man, wenn man Meme als Begriffe auffasst, die sich auf Verhaltensregularitäten beziehen. Zum Beispiel bedeutet der Glaube, dass Inzest falsch ist (ein typisches „Mem“), dass man Inzest vermeidet, sich dagegen ausspricht, ihn bestraft, wenn er vorkommt usw. Die Verhaltensweisen, die wir hier aufzählen, sind real.

Die Aussage, dass Meme (als Ideen) unser Verhalten verursachen, ist ein Beispiel für Mentalismus, die von B. F. Skinner kritisierte Vorstellung, dass es neben den realen Verhaltensweisen weniger oder gar nicht reale geistige Inhalte gebe, die Verhalten verursachen sollen. Allerding führt der Mentalismus sehr leicht zu Pseudo-Erklärungen. So fragt man sich, wenn Meme Verhalten verursachen, was verursacht dann die Meme? Haben Meme wiederum Meme in sich? Das Problem des Homunculi tritt immer dann auf, wenn man Verhalten einem Teil – insbesondere einem verborgenen Teil – der Person zuschreibt, anstatt den Organismus als Ganzes zu betrachten.

Ad 2.
Wenn man dagegen Meme als neuronale Muster auffasst, müsste man zeigen, dass zwei Menschen, die die gleichen Meme haben, auch eine zumindest ähnliche neuronale Erregung zeigen. Außerdem stellt sich die Frage, wie in diesem Fall ein Mem von einer Person auf eine andere übertragen wird. Alles was wir sehen, ist, dass sich erst eine Person und dann eine andere Person auf eine bestimmte Weise verhält.

Ad 3.
Nur Verhalten, das die Umwelt beeinflusst, kann aufgrund seiner Konsequenzen selektiert werden. Eine kulturelle Praxis besteht aus einem bestimmten Verhalten und den Konsequenzen, die diese Verhalten hat, z. B. das Waschen von Lebensmitteln, was zu einer Vermeidung von Krankheiten führt. Oft wird die Konsequenz aber auch sozial vermittelt. Es gibt eine Regel („Wasche die Früchte, bevor du sie isst“), deren Befolgung durch die Zustimmung anderer Personen verstärkt wird.

Alles in allem erschöpft sich die Mem-Debatte in mehr oder weniger geistreichen Analogien. Verhalten kann durch die Annahme von Memen nicht besser vorhergesagt werden als durch die Analyse von Verhaltenskontingenzen.

Literatur

Blackmore, Susan J. (1997). The power of the meme meme. The Skeptic, 5, 43-49.

Blackmore, Susan J. (1999). The meme machine. New York: Oxford University Press.

Dawkins, R. (1976). The selfish gene. Oxford, New York: Oxford University Press.

Dennett, D. C. (1991). Real patterns. Journal of Philosophy, 88, 27-51.

Simon, C., & Baum, W. M. (2011). Expelling the meme-ghost from the machine. An evolutionary explanation for the spread of cultural practices. Behavior and Philosophy, 39/40, 127-144. http://www.behavior.org/resources/727.pdf

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Das „Meme“ – nur eine Metapher

  1. Theodor Ickler

    Eine sehr berechtigte Kritik der Mem-Theorie. Ich erlaube mir, meine eigene Kritik (Teil eines größeren Werks) hier einzurücken:

    Kritik der Mem-Theorie:

    Man hat früh versucht, die biologische Evolutionstheorie auch auf die Entwicklung von Kulturen anzuwenden. Am bekanntesten ist heute die Mem-Theorie im Anschluß an Richard Dawkins. Wie man metaphorisch den „Standpunkt des Gens“ einnehmen kann, um die Entwicklung der Organismen verständlich zu machen, so könnten sich die durch Imitation weitergegebenen kulturellen Phänomene erklären, indem man ihnen gleichsam einen Drang zur Selbsterhaltung und -vermehrung zuschreibt. (Unmetaphorisch geht es um die ziellose Erzeugung von vielen Varianten und kumulative Selektion der besser angepaßten.) Schon in „The selfish gene“ deutet sich die Theorie des „extended phenotype“ an, die Dawkins in seinem so betitelten zweiten Buch ausgebaut hat: Nicht nur Körperbau und Verhalten eines Lebewesens werden während der embryonalen Entwicklung durch seine Gene gesteuert, sondern indirekt auch die Veränderungen der Umwelt, die der Organismus bewirkt: die Bienenwabe, der Termitenbau, der Kokon der Schmetterlingslarve, der Stausee des Bibers usw. Beim Menschen kommt die Gesamtheit seiner Kultur hinzu, die durch Lernvorgänge weitergeben und ausgebaut wird. Sie wird als – zum Teil systemhaft zusammenhängende – Ansammlung von Memen aufgefaßt. Deren Gemeinsamkeit mit den Genen besteht darin, daß beide „Replikatoren“ sind und der kumulativen Selektion unterliegen.
    Diese Idee ist seither besonders in den Kulturwissenschaften weit verbreitet. Eine von Dawkins selbst anerkannte und mit einem Vorwort versehene Systematisierung stammt von Susan Blackmore („The gene machine“ 1999). Am einflußreichsten dürften aber die vielen Werke sein, in denen der Philosoph Daniel Dennett sowohl Evolutionslehre als auch Memtheorie ausgebaut hat. Zur Terminologie hatte Dawkins geschrieben:
    We need a name for the new replicator, a noun that conveys the idea of a unit of cultural transmission, or a unit of imitation. ‚Mimeme‘ comes from a suitable Greek root, but I want a monosyllable that sounds a bit like ‚gene‘. I hope my classicist friends will forgive me if I abbreviate mimeme to meme. If it is any consolation, it could alternatively be thought of as being related to ‚memory‘, or to the French word même. It should be pronounced to rhyme with ‚cream‘. (Richard Dawkins (1989), The Selfish Gene (2 ed.), Oxford University Press, p. 192)
    Eher beiläufig wirkt der Hinweis auf die Imitation als Weg der Übertragung; er hat sich aber als folgenreich erwiesen.
    Es gibt verschiedene Einwände gegen die Mem-Theorie:

    1. Der Membegriff wird unterschiedlich definiert. Als Beispiele, die wenigstens zu einer extensionalen Definition führen könnten, werden genannt (hier ungeordnet nach ihrem Auftreten in maßgebenden Texten):

    Sprache (Wörter usw.), Feuer(machen, -unterhalten), Musik (Musikstücke, Teile davon), Scheunen, Stetsonhüte, Affenhocke, Gott (Gottesglaube), Ideologien, Memtheorie, Frisuren, Zigarettenrauchen, Beifallklatschen, Baseballkappen (evtl. verkehrt herum getragen), Rocksaumhöhe, Demokratie, Rechtsfahren, Händeschütteln, Pizza, Coca Cola, Tango, Rad, Gewölbe, Blutrache, rechte Winkel, Schrift, Alphabet, Kalender, Odyssee, Infinitesimalrechnung, Schach, Perspektivezeichnen, Evolutionslehre, Impressionismus, Greensleeves, Lippenlesen, Dekonstruktionismus, Kooperation, Bildung, Umweltschutz, Demokratie, Abrüstung, Gefangenendilemma, Figaros Hochzeit, Moby Dick, arbeitsfreies Wochenende, Mehrwegflaschen, Nachkolorierung, Flugzeugentführungen, Computerviren, Graffiti, Telefonwerbung, „Hustler“-Magazin, Antisemitismus, Durchschnittsnoten, Witze …

    Die Reihe läßt sich unendlich fortsetzen, Milliarden größere und kleinere Ausschnitte der menschlichen Kultur, benannt oder nicht, lassen sich herausgreifen. Meme sind Verhaltenseinheiten, die wiederholt, nachgeahmt, vorgemacht, belohnt, unterdrückt und kommentiert werden können. Dennett sagt selbst: Wer nicht Mem sagen möchte, bleibt bei Idee, Praxis, Methode, Glaube, Tradition, Ritual; man könnte Stil, Brauch und vieles andere hinzufügen. – Damit ist das Ungreifbare der Memtheorie gekennzeichnet.
    Genes, and the coils of DNA that comprise the germ plasm, have an independent physical existence and known causal influences. Memes are labels that have been given to whatever we learn from one another. (Corning)
    Die kulturelle Überlieferung hat die Besonderheit, daß nicht nur Fertigkeiten in Stafettenkontiunität weitergegeben werden, sondern zum Teil auch deren Produkte substantiell erhalten bleiben: als Kunstwerke, Texte usw.; sie können jederzeit als Muster weiteren Verhaltens dienen. An den Artefakten können wir immer wieder Maß nehmen. Manchmal werden sie durch „reverse engineering“ genutzt. So hat Aristoteles die anerkanntesten Tragödien (Antigone, König Ödipus) analysiert und damit gezeigt, wie man gute Tragödien schreibt. Der Meister zeigt dem Lehrling, wie man Steine abschlägt, aber daneben liegen auch die fertigen Faustkeile als Muster. Ebenso das Schnitzen und das Schnitzwerk, das Malen und das Gemälde. Der kleine Chinese lernt, wie man Tusche reibt und den Pinsel hält; aber die fertigen Kalligraphien gibt es auch.
    Wenn allerdings die Fertigkeiten fehlen, kann es zu Cargo-Kulten und ähnlichem Verhalten kommen. Abgeschwächt mag es viel mehr davon geben: Unbewältigte Gegenstände, umfunktionierte Kunstwerke oder auch Theorien, auf die man sich beruft, ohne sie noch zu verstehen. Es gibt sicher auch viel Umdeutung, produktive Mißverständnisse. So kann man alte Musik nicht mehr so hören wie zur Zeit ihrer Entstehung; die Verpflanzung des Kontrapunkts in eine ganz andere musikalische Welt zum Beispiel macht daraus etwas anderes, was seinerseits weiterwirken kann usw.

    2. Bei kulturellen Neuerungen ist der adaptive Wert oft nicht zu erkennen.

    Man sollte hier unterscheiden: Handwerke und Wissenschaften unterliegen einer Selektion durch die Kontingenzen der Umwelt, an die sie sich immer besser anpassen:
    As in genetic evolution though, the change may be progressive. There is a sense in which modem science is actually better than ancient science. Not only does our understanding of the universe change as the centuries go by: it improves. (The selfish gene 247)
    Dagegen bei den schönen Künsten, der Mode, bei Religionen und anderen Ideologien gibt es keinen solchen Fortschritt, bei der Sprache ist es umstritten. Darum schränkt Dawkins die Analogie auch ein:

    It is true that cultural evolution is orders of magnitude faster than genetic evolution. But I would have been jumping the gun if I had implied that natural selection of memes should take all credit for cultural evolution. It might, but that would have been a bolder claim than I set out to make. The evolution of language, for example, clearly owes more to drift (memetic drift) than to anything resembling selection.

    Der Ausdruck Drift ist an die Gendrift in der Evolutionslehre angelehnt und bezeichnet nichtadaptive Veränderungen des Genpools. Bei gruppenhaftem Auftreten spricht man auch von Shift. In bezug auf die Sprache ist damit deren konventioneller, „arbiträrer“ Charakter anerkannt; soweit Shift in Frage kommt (wie bei Lautverschiebungen, die passenderweise als sound shifts bezeichnet werden), hängen die Veränderungen systematisch zusammen. Ähnliches ist sicher von vielen Modeerscheinungen zu sagen.
    Wenn die Selektion wegfällt, bleibt der Wandel übrig, und es gibt keinen Grund mehr, von Evolution im strengen Sinn zu sprechen. Man wird wie bisher von Fall zu Fall untersuchen, warum kulturelle Erscheinungen einander abgelöst haben, und die Gründe werden sehr verschieden sein. Zum Beispiel könnte der Überdruß an etwas eine Rolle gespielt haben. Auf ein barockes Schwelgen könnte der Wunsch nach Reduktion der künstlerischen Mittel folgen. Manche Gesellschaften belohnen die Neuerung, andere das Beharren auf dem Alten – beides läßt sich begründen, aber es hat etwas Zufälliges.

    Nach Dawkins kann man das Gen so betrachten, als sei es allein an seinem eigenen Fortkomen interessiert. Die Körper, die es benutzt, sind Vehikel, die sich aber in einer Umwelt voller Konkurrenten und Feinden behaupten müssen – wenigstens so lange, bis sie sich, und damit das Gen, fortpflanzen können. Bei Memen ist nicht ohne weiteres klar, was diesem Unterschied entsprechen könnte. „A cultural trait may have evolved in the way that it has simply because it is advantageous to itself.“ Das Beibehalten eines Brauchs, z. B. des Rechtsverkehrs auf den Straßen, läßt sich einfacher klären. Daß es am Ende so aussieht, als habe der Brauch ein Beharrungsvermögen oder ein (natürlich metaphorische zu verstehendes) Interesse an Fortdauer und Ausbreitung, fügt keine Einsicht hinzu. Dennett mit seiner Neigung zu blendenden Formulierungen sagt zwar: „A scholar is just a library’s way of making another library.“ (Consciousness Explained 2017:20) Aber man darf nicht zu genau hinsehen. Ist eine Bibliothek ein Mem oder nicht vielmehr ein Vehikel zur Verbreitung von Memen?

    Gesellschaftlich erscheint etwas als Beharrungsvermögen oder Neuerungsfeindschaft. Faustkeile macht man so und nicht anders, Zelte baut man so, Büffel jagt man so usw. Faustkeile sollen 500.000 Jahre weitgehend gleich hergestellt worden sein. Bei Ausgrabungen bronzezeitlicher Siedlungen in Spanien hat man Gefäße gefunden, die 650 Jahre lang genau gleich hergestellt wurden, „als habe auf innovatives Design die Todesstrafe gestanden.“ (FAS 31.7.16)
    Im alten Rom war „rerum novarum cupidus“ eine Bezeichnung für staatsfeindliche Aufrührer, die sich nicht an den „mos maiorum“, die guten alten Sitten, hielten. Zur treuen Weitergabe einer Technik kann die Sprache unterstützend hinzutreten:

    The role of a public product of problem solving in the accumulation and transmission of folk wisdom is exemplified by a formula once used by blacksmith´s apprentices. Proper operation of the bellows of a forge was presumably first conditioned by the effects on the bed of coals. Best results followed full strokes, from wide open to tightly closed, the opening stroke being swift and the closing stroke slow and steady. Such behavior is described in the verse:

    Up high, down low,
    Up quick, down slow –
    And that´s the way to blow. (…)

    The first two lines describe behavior, the third is essentially a social reinforcer. A blacksmith might have composed the poem for his own use in facilitating effective behavior or in discussing effective behavior with other blacksmiths. By occasionally reciting the poem, possibly in phase with the action, he could strengthen important characteristics of his own behavior. By recalling it upon a remote occasion, he could reinstate an effective performance. The poem must also have proved useful in teaching an apprentice to operate the bellows. It could even generate appropriate behavior in an apprentice who does not see the effect on the fire. (Skinner: An operant analysis of problem solving)

    Ein bestimmter Tanz wird durch das Volkslied „Brüderchen, komm tanz mit mir“ (Einmal hin, einmal her, rundherum, das ist nicht schwer usw.) zugleich beschrieben und angeleitet, also performativ stabilisiert.
    Dies dürfte zusammen mit Arbeitsliedern, die den Rhythmus gemeinschaftlicher Tätigkeiten synchronisierten, zu den ältesten Funktionen der Sprache gehören.
    Die Atheisten Dawkins und Dennett vergleichen Religionen mit Viren, die wie alle Meme sich selbst nutzen. Der große Erfolg der Religionen ist so nicht plausibel zu erklären. Dennett gesteht zu, daß Religionen auch ihren Anhängern nutzen, und auch Susan Blackmore hat sich von ihrem früheren Standpunkt entfernt, daß sie nur schaden; wegen der höheren Geburtenrate unter Frommen sieht sie nun auch einen adaptiven Wert. (https://www.theguardian.com/commentisfree/belief/2010/sep/16/why-no-longer-believe-religion-virus-mind).

    3. Wie Dawkins selbst darlegt, sind Begriff und Bezeichnung des Mems davon geprägt, daß er die Imitation (Mimese) als den grundlegenden Weg der Replikation kultureller Einheiten ansieht. Auch in späteren Schriften bleibt er dabei, ohne die Einschränkung zu diskutieren:

    Examples of memes are tunes, ideas, catch-phrases, clothes fashions, ways of making pots or of building arches. Just as genes propagate themselves in the gene pool by leaping from body to body via sperms or eggs, so memes propagate themselves in the meme pool by leaping from brain to brain, via a process which, in the broad sense, can be called imitation. (An appetite for wonder 279)

    Susan Blackmore gibt zwar einen Überblick über alle Formen des Lernens, besteht aber ausdrücklich darauf, bei Memen nur Imitation gelten zu lassen, so in ihrem Buch und in einem Aufsatz „Imitation and the definition of a meme“ im Journal of Memetics 1998: „I suggest we are better to stick to the original definition of the meme as transmitted by imitation.“ Zugrunde liegt ihre Auffassung: „The thesis of this book is that what makes us different is our ability to imitate.“ (The Meme Machine. Oxford 1999:3) Durch das Nachahmen sind wir graduell von den Tieren verschieden, durch das Vormachen als Lehrmethode aber grundsätzlich. Vormachen (modeling) ist aber bei Blackmore nicht einmal ein Stichwort. Auch die sprachlich vermittelte Unterweisung wird nicht in Betracht gezogen.
    Weder die Definition des Memes noch die Theorie seiner Selbsterhaltung und Weiterverbreitung ist mit dem Kriterium der Imitation verbunden.

    Blackmore dehnt den Begriff der Imitation so weit aus, daß sogar eine Nacherzählung eine Imitation ist. Vermutlich tut sie das, weil sonst die Subsumtion der Meme unter den Begriff der „Replikatoren“ weniger plausibel wäre.

    Memes are stored in human brains (or books or inventions) and passed on by imitation. In a few pages, Dawkins laid the foundations for understanding the evolution of memes. He discussed their propagation by jumping from brain to brain, likened them to parasites infecting a host, treated them as physically realised living structures, and showed how mutually assisting memes will gang together in groups just as genes do. (The meme machine 6)

    Einer der Einwände besagt, daß Meme bei der Weitergabe mehr oder weniger entstellt werden, im Gegensatz zu den ungemein stabilen Genen. Als Modell dient die „Stille Post“ (Chinese whispers). Dawkins setzt sich schon im Vorwort zu Blackmores Werk und dann noch oft mit diesem Einwand auseinander. Er macht eine wichtige Beobachtung: Wird ein Satz durch Zuflüstern weitergegeben, so kann zwar am Ende der Kette etwas völlig anderes herauskommen. Hat der Satz jedoch einen klaren Sinn, so unterliegt er der automatischen Selbstkorrektur. Die Satzbedeutung wirkt normalisierend, und dagegen kommen Dialektfärbung (ob also etwa jemand Könik oder Könich sagt) und andere Entstellungen nicht an. Dawkins stellt der Weitergabe eines kontinuierlich veränderbaren Verhaltens (etwa einer ungegenständlichen Zeichnung) das quasi „digitale“ Verfahren des Origami gegenüber, bei dem sich die Natur der Sache ebenso normalisierend auswirkt wie die Satzbedeutung in der Sprache. (Auch Skinner verwendet Origami als Beispiel für Vormachen: Recent Issues 51, 90, 115f.)
    Von philologischer Seite könnte man hier sowohl Bestätigung als auch Kritik geltend machen.
    In der Überlieferung der Sprache von einer Generation zur anderen (in „Stafettenkontinuität“) bleiben die Wörter erstaunlich stabil – wenn man bedenkt, wie verschieden Dialektfärbung, Tonhöhe und individuelle Aussprache sind. Lautwandel verändert die Form der Wörter nur in größeren Zeiträumen und stets kollektiv. Die Stabilität ist sogar die Voraussetzung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft mit ihrer Identifikation von genau umschriebenen Lautgesetzen. Kinder übernehmen nicht nur die Sprache ihrer Eltern, sondern auch Besonderheiten, die nicht funktional (zur Unterscheidung der Wörter notwendig) sind, sich aber im Verkehr mit anderen Sprachteilhabern wieder ausgleichen, genau wie bei der Stillen Post. (Vgl. unten zur Überimitation.)
    Anders bei bedeutungslosen Elementen, z. B. Eigennamen, Routineformeln oder unanalysierten Entlehnungen. Sie werden unbegrenzt entstellt und „zerredet“, ohne daß eine Normalisierung eingreift – woran sollte sie sich auch orientieren? Wenn ein Schmied nicht mehr schmiedet, sondern nur noch so heißt, stellen sich Varianten seines Namens ein und werden nicht mehr korrigiert. Auch geographische Namen sind etymologisch unsichere Kandidaten und werden oft ganz verschieden gedeutet. Man denke an die verschiedenen Ortsnamen mit dem Bestandteil neu als Erstglied oder Rodung als Zweitglied.
    Diese Tatsachen führen zu einer textkritischen Erscheinung, die jedem Philologen bekannt ist. Gerade die verständlichen Texte werden in der Überlieferung zurechtgebogen und dadurch auch verändert, weil der Hörer oder Abschreiber sein eigenes Verständnis einfließen läßt. Diese sogenannte „Lectio facilior“ ist eine häufige Fehlerquelle und wird von der Textkritik entsprechend berücksichtigt.
    Umgekehrt gibt es Texte, die gerade deshalb getreu überliefert werden, weil sie nicht (oder nicht ganz) verständlich sind. Der Rigveda wird weitgehend ohne Textverständnis in jungen Jahren auswendig gelernt. Trotzdem oder gerade deswegen ist er über Jahrtausende fast fehlerfrei (variantenfrei) über den ganzen indischen Subkontinent hin mündlich weitergegeben worden. Welcher Vorkehrungen es dazu bedarf, beschreibt Frits Staal („The Fidelity of Oral Tradition and the Origins of Science“. Mededelingen der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Afd. Letterkunde 49/8. Amsterdam u. a. 1986:250-288; vgl. auch: Harry Falk: „Goodies for India – Literacy, Orality, and Vedic Culture“. In: Wolfgang Raible, Hg.: Erscheinungsformen kultureller Prozesse. Tübingen 1988:83-102).

    Die Digitalisierung des Deutschen Wörterbuchs in 32 Bänden wurde, da ein Einscannen nicht möglich war, mit Hilfe von chinesischen Schreibkräften vorgenommen, die in zwei unabhängigen Teams das ganze Werk parallel abtippten, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Anschließend fand ein automatischer Abgleich der beiden Fassungen statt, so daß Fehler am Ende äußerst selten sind.
    Bei Homer kann man von Überlieferungstreue erst sprechen, seit es ein athenisches Staatsexemplar als Vorlage für weitere Kopisten gab. Vorher hatte jeder Rhapsode aus dem Vorrat von Versen und Halbversen während des Vortrags seine Fassung hergestellt.

    Die automatische Normalisierung hat man auch so zu erklären versucht: Nachgeahmt wird nicht jede formale Einzelheit, sondern die Intention dahinter. Da die Intention nicht beobachtbar ist, setzen viele eine Art „Gedankenlesen“ an. Ohne diese soll es zur „Überimitation“ kommen, also der Nachahmung unwesentlicher, irrelevanter, funktionsloser Einzelheiten der Vorlage. Dazu gibt es einige Untersuchungen, man sollte aber bedenken, daß es nicht der erklärungsbedürftige Sonderfall ist, sondern daß man sich umgekehrt darüber wundern sollte, daß Zweijährige schon imstande sind, ein beobachtetes Verhalten in seinen funktionalen Zusammenhang einzuordnen. Thomas Suddendorf schreibt es Zweijährigen zu, nicht aber Menschenaffen, während Ludwig Huber Überimitation bei Hunden beobachtet hat.

    Manchmal sprechen kleine Kinder ein Wort in besonderer Tonlage, weil sie es zufällig beim ersten Mal so gehört haben (z. B. eine besonders dunkles ja).
    Die unkontrollierbare These der „Intention“ läßt sich empirisch auflösen: Das fragliche Verhalten ist in weitere Zusammenhänge einbettet, die ihm seine Funktion zuweisen. Manchmal signalisiert der Vormachende auch, welche Verhaltensteile funktional sind und welche nur nebenbei unterlaufen: Dazu gehören Eigenkommentare wie so oder hoppla (there, whoops), aber auch weniger auffällige verbale und nonverbale Zeichen.

    5. Die Mem-Theorie kleidet bekannte Tatsachen in eine neuartige Redeweise, hat aber keine empirischen Forschungen angeregt.

    (…) no significant body of empirical research has grown up around the meme concept (the bird-song work being the sole, limited exception), nor has memetics made empirically testable propositions or generated much in the way of novel experimental or observational data. In fact the memetic literature remains devoted almost exclusively to theoretical antagonisms, internecine battles, and scholastic elucidations of prior writings on memes. This is typically the sign of a science in search of a subject matter. (…) The problem is that, if memes explain everything, then they explain nothing. (Robert Aunger: „What’s the matter with memes?“ In A. Grafen and M. Ridley, Hg., Richard Dawkins: How a Scientist Changed the Way We Think. Oxford 2006:178f.)
    Funktionieren und Wandel der Sprache, also das Paradebeispiel Dennetts, sind mit der Memtheorie nicht besser zu erklären als auf herkömmliche Weise. Auch wie sich Bräuche in der Gesellschaft halten und wandeln, ist nicht unerforscht. Solange Meme wiederum in mentalistischen Begriffen beschrieben werden, kommt man aus den herkömmlichen Geisteswissenschaften nicht heraus.
    Eines der hartnäckigsten „Meme“ (Kulturphänomene) ist die Reihenfolge der Buchstaben in Alphabetschriften. Sie ist vollkommen willkürlich und keine sprachliche Tatsache, d. h. das Funktionieren der Sprache hängt in keiner Weise von der Buchstabenreihe ab, und es gibt keinen Sprachwandel, der sich darauf bezöge (anders als eine Verschiebung der Verschlußlaute, der Vokale usw.). Nur für metasprachliche Ordnungssysteme wie Wörterbücher oder Kataloge wird die auswendig gelernte Buchstabenreihe genutzt. Gerade diese Willkür scheint der Grund oder wenigstens eine Voraussetzung dafür zu sein, daß die Reihenfolge nie geändert wurde. Nun gibt es aber eine bemerkenswerte Ausnahme:
    „Sobald [die Inder] ungefähr im 5. Jahrhundert v. Chr. von Semiten die Schrift übernahmen, brachten indische Grammatiker die völlig willkürliche Reihenfolge der Buchstaben, an der bis heute sonst niemand Anstoß genommen zu haben scheint, in eine wohldurchdachte Ordnung. Es kam ihnen dabei zustatten, daß ihre Vorgänger bereits in vedischer Zeit eine wissenschaftliche Phonetik geschaffen hatten.“ (Wilhelm Rau: Indiens Beitrag zur Kultur der Menschheit. Wiesbaden 1975:43)

    Für grammatische Zwecke haben die Inder noch einmal eine andere Reihe entwickelt, die Shivasutren, auf die etwa Panini bei Bedarf mit praktischen Kürzeln (pratyāhāras) zurückgreift, um seine Regeln nicht mit Aufzählungen zu belasten.
    Was könnte die Memetik dazu beitragen?

    Gene steuern die embryonale Entwicklung des entstehenden Körpers und damit indirekt auch Grundzüge von dessen späterem Verhalten. Meme steuern aber nichts, sondern sind selbst gesteuert. Wenn man der obigen Aufzählung von Beispielen folgt, sind sie das gesteuerte Verhalten selbst.

    Manche Theoretiker postulieren deshalb hinter dem Verhalten eine im Geist bzw. Gehirn „repräsentierte“ Einheit, die das Verhalten steuert. Das sieht sehr nach einer Ad-hoc-Erfindung aus.

    Die Verlagerung in den „Geist“ macht die Meme ungreifbar, und ihre Deutung als Veränderungen des Gehirns entzieht sie ebenfalls dem Nachweis. Im Vergleich damit sind Gene tatsächlich Abschnitte auf dem Chromosom, die man mit (chemischen) „Scheren“ zerschneiden und neu zusammensetzen kann.

    • Lieber Herr Ickler, vielen Dank für die Erläuterung, sehr interessant. Mein Hauptproblem mit den „Memes“ ist der Mentalismus, der dahintersteckt.

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